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Full text of "Fanny und Felix Mendelssohn -€“ Briefwechsel 1821-“1846"

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FANNY UND FELIX 
MENDELSSOHN 

»Die Musik 

will gar nicht rutschen 

ohne Dich« 

Briefwechsel 1821 bis 1846 

Herausgegeben 

von Eva Weissweiler 



PROPYLÄEN 



Die Deutsche Bibliothek - CIP-Einheitsaufnahme 

»Die Musik will gar nicht rutschen ohne Dich«. Briefwechsel 1821 bis 1846 / 

Fanny und Felix Mendelssohn. Hrsg. von Eva Weissweiler. - Berlin : 

Propyläen, 1997 

ISBN 3-549-05528-5 



© 1997 by Ullstein Buchverlage GmbH, Berlin 

Propyläen Verlag 

Alle Rechte vorbehalten 

Satz: Utesch Satztechnik GmbH, Hamburg 

Druck und Verarbeitung: Graphischer Großbetrieb Pößneck GmbH, 

Pößneck 

ISBN 3 549 05528 5 

Printed in Germany 1997 

Gedruck auf alterungsbeständigem Papier 
mit chlorfrei gebleichtem Zellstoff 



INHALT 



Vorwort 



Kavaliersreisen 

1821 bis 1824 13 

Passionen 

1825 bis 1829 28 

Hofmalerin Hensel 

1829 bis 1832 104 

Musikdirektor in Düsseldorf 

1833 bis 1835 135 

Gewandhauskapellmeister in Leipzig 

1835 bis 1839 196 

Das italienische Jahr 

1839 bis 1840 313 

Leipzig-Berlin: Finale 

1841 bis 1847 333 

Nachwort 399 

Anmerkungen : 416 

Literaturverzeichnis 480 

Personenregister 483 



VORWORT 



Über Fanny Hensel, die ältere Schwester Felix Mendelssohns, 
wußte man bis etwa 1980 nicht viel mehr, als ihr Sohn Sebastian in 
seiner Familienbiographie überliefert hatte 1 . Er schilderte seine 
Mutter als energische, kluge Frau und brillante Briefschreiberin, 
die sich trotz hoher musikalischer Begabung in ihre Rolle fügte 
und den Bruder als überlegenen Künstler akzeptierte. Dieses Bild 
ist von der Nachwelt unterschiedlich interpretiert worden. Die 
ältere Mendelssohn-Biographik urteilte fast einhellig negativ über 
Fanny. Sie sei hysterisch, sentimental, besitzergreifend und eifer- 
süchtig 2 gewesen, als Komponistin eine völlige Dilettantin. 3 Dabei 
waren damals nur ihre Lieder »Heimweh«, »Italien«, »Suleika und 
Hatem«, »Sehnsucht«, »Verlust« und »Die Nonne« bekannt, die 
Felix in seine Liederzyklen op. 8 und 9 integriert hatte, ohne ihre 
Autorschaft zu erwähnen. Man einigte sich entweder darauf, sie 
als unbedeutend abzutun, oder besprach sie so, als seien sie von 
Felix. 4 In neuerer Zeit hat der Komponist Diether de la Motte eine 
Lanze für sie gebrochen, ihnen eine förmliche »Liebeserklärung« 
gewidmet: In Mendelssohns sonst eher uninteressantem Lied- 
schaffen seien sie die einzigen Lichtblicke. 5 
Seit 1980 ahnten Musikwissenschaftlerinnen, daß Fanny mehr als 
nur die Schwester ihres Bruders war. Sie lasen das Buch von Hen- 
sel und die wenigen, von Bruder Paul überlieferten Briefe von 
Felix an Fanny 6 neu und entdeckten eine von Gesellschafts- und 
Rollendiktaten behinderte Komponistin, vom Vater, einem Sohn 
Moses Mendelssohns, in weibliche Schranken verwiesen, von Fe- 
lix in der Veröffentlichung ihrer Werke blockiert, ohne Forum 
und Publikum außer den Gästen ihrer »Sonntagsmusiken« in der 
Leipziger Straße 3 in Berlin, die allerdings einen hervorragenden 
Ruf genossen. 
Für die biographische Weiterarbeit fehlte es an Quellen, an ver- 



wertbarem Material. Das für die Archivierung ihres Nachlasses 
zuständige Mendelssohn-Archiv der Staatsbibliothek Preußischer 
Kulturbesitz in Berlin gab Informationen und Autographen nur 
tröpfchenweise heraus, je nachdem, wie die Anfrage dem Leiter 7 
ins Konzept paßte. Feministinnen hatten gar nichts zu erwarten, 
produktionswillige Rundfunkredakteure nur sehr wenig. 8 Selbst 
habilitierte, männliche Musikwissenschaftler wurden mit Halb- 
wahrheiten abgespeist und warfen schließlich das wissenschaftli- 
che Handtuch. 9 Wer telefonisch bis zur Archivleitung durchdrang, 
bekam die Auskunft, Fanny habe »schlechte Musik« komponiert. 
Jede wissenschaftÜche Aufarbeitung von Leben und Werk wurde 
jahrelang mit System verhindert, denn Fanny, ließ der Leiter ver- 
lauten, habe sich einen Nachruhm als Komponistin nicht nur nicht 
gewünscht, sondern sogar »strengstens verbeten« 10 . Darum hielt er 
es auch nicht für nötig, zuverlässige Verzeichnisse der in seinem 
Archiv verwahrten Briefe und Kompositionen zu veröffentlichen. 
Die in dieser Ära entstandenen Quellenübersichten sind unvoll- 
ständig und fehlerhaft. 11 Teil- oder Gesamtausgaben wurden zwar 
immer wieder angekündigt 12 , aber nie ernsthaft realisiert. 
Diese wissenschaftÜche Ächtung und Ausgrenzung hatte einen 
besonders unangenehmen Beigeschmack, da sie die Dislaiminie- 
rung Mendelssohns unter den Nationalsozialisten fortsetzte. Wie 
durch ein Wunder waren in Zeiten schlimmster antisemitischer 
Musikpolitik Autographen von Fanny und Felix erhalten geblie- 
ben, darunter unter anderem seine Jugendsingspiele und frühen 
Streichersinfonien im ehemaligen Ostberlin. Nun war die Zeit der 
längst überfälligen Aufarbeitung gekommen, und nun wurde die- 
se von offizieller Seite verweigert, für ausländische Wissenschaft- 
ler ein ebenso großes Rätsel wie Ärgernis. 

Das Thema »Fanny Mendelssohn« oder »Fanny Hensel« - der 
Streit um die »richtige« Namensgebung verharmlost das Problem 
- ist nämlich keineswegs Domäne der Feministinnen. Wer über 
die Persönlichkeit von Felix, den Entstehungsprozeß vieler seiner 
Werke, sein Verhältnis zum Juden- und Christentum, seinen ge- 
sellschaftlichen Standort, seine Beziehungen zur zeitgenössischen 
Musik, Literatur und Malerei, seine Strategien als Konzertveran- 
stalter und Dirigent mehr als das immer wieder Überlieferte wis- 
sen will, wird nicht umhin können, sich auch mit Fanny auseinan- 



derzusetzen. Denn Fanny war seine engste und älteste Vertraute, 
nicht nur Schwester, sondern auch Beraterin, Freundin und Kol- 
legin, die er bei aller partiellen Emanzipationsfeindlichkeit tief re- 
spektierte. Natürlich war die Beziehung Schwankungen unter- 
worfen. Felix war der reisende, in ganz Europa prominente Kom- 
ponist, Pianist und Dirigent, Fanny die im stillen agierende Künst- 
lerin, die über Berlin kaum jemals hinauskam. Das führte zu Kon- 
flikten, Mißverständnissen oder auch Entfremdungen. Doch 
macht die verblüffende Offenheit, mit der diese Gefühle behan- 
delt werden, den Dialog erst recht spannend und aktuell. 
Fannys Briefe an Felix finden sich zum größten Teil in den soge- 
nannten Green Books in Oxford 13 und sind in den letzten Jahren 
in mehreren Teilausgaben ediert worden. 14 Die deutsch-amerika- 
nische Auswahlausgabe von Marcia Citron 15 ist in Deutschland 
nicht zugänglich und krankt bei aller Genauigkeit der Kommen- 
tierung an fraglichen Lesarten wie substantivischer oder adjektivi- 
scher Deutung von Eigennamen (zum Beispiel »Reihe« statt »Rei- 
cha«, »greulich« statt »Greulich«), fehlgedeuteten Ortsbezeich- 
nungen (»dessen« statt »Dessau«) bis hin zu unfreiwilliger Komik, 
wenn etwa aus der »selbständigen Autorin« eine »halbstündige« 
oder aus einem »Felixmännchen« ein »Felixärmchen«, übersetzt 
als »poor, little Felix«, wird. Solche Irrtümer sind weniger der im- 
mens fleißigen, des Deutschen verblüffend mächtigen Herausge- 
berin als dem Verlag anzulasten, der es offenbar unterließ, diese 
vom deutschen akademischen Austauschdienst geförderte Edition 
durch einen deutschen Musikwissenschaftler gegenlesen zu lassen, 
was ihren wissenschaftlichen Wert erheblich gesteigert hätte. Die 
von Marcia Citron bereits edierten Autographen mußten daher 
noch einmal gründlich überprüft werden, wobei inhaltlich stark 
divergierende Lesarten in den Fußnoten aufgeführt sind. 
Die Antwortbriefe von Felix sind leider sehr verstreut in New 
York 16 , Berlin 17 und Familienbesitz. Viele sind nur noch aus älte- 
ren Editionen nachweisbar, einige offenbar ganz verschollen. 
Denn Fanny nimmt öfter auf Briefe Bezug, von denen keine 
Handschriften erhalten sind. In dieser Ausgabe wurden alle Felix- 
Briefe aus Berlin und New York, ob veröffentlicht oder nicht, neu 
ediert. Gerade in den Editionen von Sebastian Hensel und Paul 
Mendelssohn finden sich oft erhebliche Abweichungen vom Ori- 



ginaltext, besonders Kürzungen, verbale Entschärfungen und Aus- 
lassungen von wertenden Berichten über bekannte Zeitgenossen, 
gegen die die Mendelssohns seit dem Erscheinen des als verlet- 
zend und indiskret empfundenen Briefwechsels zwischen Goethe 
und Zelter 18 sehr empfindlich waren. Aber auch aufschlußreiche 
Aussagen Mendelssohns über seine zum Depressiven neigende 
Gemütslage, die vielen Schwangerschaften und Geburten seiner 
Frau Cecile und die Entwicklung seiner fünf Kinder sind in den 
offiziellen Editionen eliminiert. Besonders bedauerlich ist, daß 
Bruder Paul die Kritik von Felix an Fannys Kompositionen durch- 
weg stehenläßt, Lob und Anerkennung aber kommentarlos tilgt, 
wie zum Beispiel in dem Brief vom 24. Oktober 1840, in dem er 
ganz entzückt davon berichtet, wie die musikalisch begabte Cecile 
zwei ihrer Lieder in London vorsang und Moscheies seine be- 
rühmte »Schnute« dazu zog. Auch sein lebhaftes Interesse an ihren 
»Sonntagsmusiken« und seine Dankbarkeit für ihre Mühen beim 
Einstudieren und Aufführen seiner jeweils neuesten Werke - nicht 
nur Klavierstücke und Kammermusik, auch der »Paulus«, die 
»Walpurgisnacht« und viele seiner großen »Psalmen« standen auf 
dem Programm ihrer Matineen - wird aus den von Paul veröffent- 
lichten Fragmenten nicht deutlich. Wenn es auch stimmt, daß 
Mendelssohn gegen die Veröffentlichung von Fannys Kompositio- 
nen war und daß dieser Widerstand die Beziehung empfindlich 
störte, so verhielt er sich insgesamt doch bei weitem nicht so »ra- 
benbrüderlich« und frauenfeindlich, wie die bisherigen Editionen 
glauben machen. Das Klischee vom ultrakonservativen, eifersüch- 
tigen oder sogar neidischen Bruder bedarf nach Lektüre der Hand- 
schriften der Korrektur. 

Ein Problem bei der Herausgabe war die Mendelssohnsche Ange- 
wohnheit, »Familienbriefe« zu schreiben. Fanny schrieb oft alter- 
nierend mit Eltern, Geschwistern und Freunden an Felix, Felix an 
alle Berliner Familienmitglieder zusammen, so daß sich einzelne, 
an Fanny gerichtete Anteile in Familienbriefen »verstecken« kön- 
nen und aus Autographenverzeichnissen nicht ersichtlich sind. 
Erst die vollständige Edition sämtlicher Mendelssohn-Briefe, 
durch Rudolf Elvers seit dreißig Jahren angekündigt, 19 wird hier 
Klarheit bringen. Fannys Briefe sind besonders in der voreheli- 
chen, übermütigen »Mädchen«-Periode so eng mit denen ihrer 



Schwester Rebecka verquickt, daß eine Auflösung praktisch nicht 
möglich ist. In dieser Edition wurde mit wenigen Ausnahmen dar- 
auf verzichtet. 

Da das Ideal einer großen, kritischen Gesamtausgabe nicht er- 
reichbar ist, solange wichtige Briefe von Felix verschollen oder in 
Familienbesitz sind, mußte ich mich zu einigen Kürzungen ent- 
schließen, die im wesentlichen Grußformeln, Berliner Gesell- 
schaftsnachrichten und sonstige Redundanzen betreffen. Alle 
Kürzungen sind durch Auslassungszeichen deutlich gemacht. 
Briefe von Felix und Fanny, die nicht mehr im Original, sondern 
nur noch in älteren Editionen nachweisbar sind, wurden durch den 
Vermerk »Autograph nicht nachgewiesen« gekennzeichnet und 
gekürzt. Einige der von Marcia Citron edierten Briefe aus den 
1840er Jahren, in denen Fannys Korrespondenzeifer erheblich 
nachließ, Felix dafür aber um so häufiger und vertraulicher nach 
Berlin schrieb, sind in dieser Ausgabe nicht berücksichtigt. Eine 
umfassende Interpretation des Briefwechsels ist in Vorbereitung. 
Orthographie und Zeichensetzung folgen dem Original, Datie- 
rungen wurden aus Gründen der Übersichtlichkeit vereinheitlicht. 
Ein editorisches Eingehen auf Verschreibungen, Verbesserungen 
und so weiter war nicht nötig, da alle Briefe wie ins reine geschrie- 
ben wirken. Bruder und Schwester hatten eine ordentliche, gut 
lesbare Handschrift, ein Ergebnis der strengen Erziehung Abra- 
ham Mendelssohns, der selber höchst unleserlich schrieb. Es gibt 
nur wenige nicht entzifferbare Passagen, dafür einige Textverluste 
durch Verblassung oder Beschädigung. Die den Briefkapiteln vor- 
angestellten Werkverzeichnisse erheben keinen Anspruch auf 
Vollständigkeit, da vieles noch unveröffentlicht oder unbekannt ist. 
Ein repräsentatives Verzeichnis der Werke von Fanny Mendels- 
sohn zu erstellen ist nicht möglich, solange sich ganze »Sammel- 
bände« mit wohl auch großformatigen Kompositionen in Fami- 
lienbesitz befinden, ohne daß »die Familie« diese Schätze freigibt. 
Aus den Briefen ergeben sich immer wieder Hinweise auf Werke, 
deren Autograph nirgendwo zu finden war. 
Mein Dank gilt zum Schluß allen, die indirekt und direkt am Zu- 
standekommen dieser Edition beteiligt waren: Marcia Citron für 
ihre minutiöse Vorarbeit an den schwierigen, fremdsprachigen (!) 
Autographen; Victoria Sirota für die analytische Auseinanderset- 



11 



zung mit dem Werk Fanny Mendelssohns 20 ; Francoise Tillard für 
ihre sensible, kritische Biographie 21 , die alle gedruckten Quellen 
und Teile der noch unveröffentlichten Tagebücher einbezieht und 
große Hilfe bei der Kommentierung der hier edierten Briefe lei- 
stete; Dr. Hans-Dieter Klein, dem neuen Leiter des Mendelssohn- 
Archivs in Berlin, der mir die dort verwahrten Briefe von Felix an 
Fanny nach Jahren vergeblicher Bemühungen zugänglich machte; 
der Bodleian Library in Oxford und der Public Library in New 
York für die Bereitstellung der »Green Books« und der »Family 
Letters«; nicht zuletzt meiner Mutter, Liesel Weissweiler, die mei- 
ne Arbeiten über Fanny und Felix Mendelssohn seit Jahren beglei- 
tet und mich beim Entziffern der Handschriften unterstützt hat. 



12 



Kavaliersreisen 
1821 bis 1824 



1821 Oktober/November: Felix, sein Kompositionslehrer Zelter 
und dessen Tochter Doris reisen zu Goethe nach Weimar. 
Auf der Durchreise in Leipzig hört Felix zum ersten Mal 
Mozarts »Jupitersymphonie«. Fanny bleibt zu Hause in Ber- 
lin in ihrem Elternhaus »An der Neuen Promenade«. Goethe 
lobt Fannys Vertonung seines Gedichtes »Erster Verlust« und 
schreibt neue Verse für sie. 

1822 Abraham Mendelssohn nimmt für sich und seine Familie 
den Beinamen »Bartholdy« an und tritt mit seiner Frau Lea 
zum Protestantismus über. Die Kinder Fanny, Felix, Rebecka 
und Paul sind bereits 1816 getauft worden. 

Das Bankhaus Mendelssohn und Fränkel wird in Berlin ge- 
gründet. Abraham Mendelssohn bleibt dort bis 1827 aktiv. 
Lea Mendelssohn verliert ihr fünftes Kind im Säuglingsalter. 
Von Juni bis Oktober reist die Familie in die Schweiz. Auf 
der Hinfahrt trifft Fanny mit Goethe zusammen. Fanny legt 
ein Verzeichnis der Kompositionen von Felix an und ver- 
merkt in ihrem Tagebuch, sie besitze »sein uneingeschränk- 
tes Vertrauen«. 

Der junge Maler Wilhelm Hensel verbringt das Weihnachts- 
fest bei den Mendelssohns und schenkt Fanny Gedichte sei- 
nes Freundes Wilhelm Müller. 

1823 Fanny und Wilhelm Hensel gelten als heimlich verlobt. 
Hensel geht mit einem preußischen Kunststipendium für 
fünf Jahre nach Italien. Mutter Lea untersagt ihnen die Kor- 
respondenz, da Fanny zu jung sei und Hensel mit dem Ka- 
tholizismus sympathisiere. In Rom bemüht Hensel sich un- 
ter anderem um die Restaurierung der Fresken in der »Casa 
Bartholdy«, die Fannys Onkel Jacob Salomon Bartholdy, ei- 
nem Bruder von Lea, gehört. 



13 



Als Weihnachtsgeschenk erhält Fehs von seiner Großmutter 
eine Abschrift von Bachs »Matthäus-Passion«. 
1824 Das Königstädtische Theater in Berlin wird unter Beteili- 
gung von Abrahams Bruder Joseph Mendelssohn gegründet. 
Viele Musiker des Theater-Orchesters spielen im Rahmen 
der »Sonntagsmusiken« der Familie Mendelssohn. Zelter er- 
klärt seinen Schüler Felix zum »Gesellen« im Namen 
Haydns, Mozarts und Bachs. 

Am Strand von Bad Doberan wird Felix mit Steinen bewor- 
fen und als »Judenjunge« beschimpft. 



Werke von Felix 1 

1821 »Die beiden Pädagogen«, »Die wandernden Komödianten« 
(Singspiele) / 19. Psalm für Chor, Sopran- und Altsolo mit 
Klavier / »Ich will den Herrn«, »Tag für Tag«, »Gott, du bist 
unsere Zuversicht« (Vokalfugen für Chor) / »Das Gesetz des 
Herrn«, »Er hat der Sonne eine Hütte gemacht« (beide für 
fünfstimmigen Chor) / Hochzeitskantate »In rührend feier- 
lichen Tönen« / Streichersymphonien Nr. 1-6 / Fünfzehn 
Fugen für Streichquartett / Klavierquartett d-Moll / Allegro 
a-Moll und Studie C-Dur für Klavier 

Lieder 

»Die Nachtigall«, »Der Verlassene« (beide ohne Textdichter- 
Angabe) 

1822 »Die beiden Neffen oder Der Onkel aus Boston« (Singspiel) 
/ Gloria für Soli, Chor und Orchester / Magnificat für Soli, 
Chor und Orchester / 66. Psalm für Frauenchor, Soli und 
Continuo / »Jube Domne« für achtstimmigen Doppelchor 
und Soli / »Jägerlied« für vierstimmigen Männerchor / »Lob 
des Weines« für Männerchor und Soh / Streichersympho- 
nien Nr. 7-8 / Konzert a-Moll für Klavier und Streichorche- 
ster / Konzert d-Moll für Violine und Streichorchester / Kla- 
vierquartett c-Moll op. 1 / Drei Fugen für Klavier 

Lieder 

»Von all deinen zarten Gaben«, »Wiegenlied«, »Sanft wehn 

im Hauch der Abendluft« (alle ohne Textdichter-Angabe) 



14 



1823 Kyrie c-Moll für achtstimmigen Doppelchor und Soli / Strei- 
chersymphonien Nr. 9-12 / Konzert d-Moll für Klavier, Vio- 
line und Streichorchester / Konzert E-Dur für zwei Klaviere 
und Orchester / Streichquartett Es-Dur / Fantasie B-Dur für 
Klavier / Allegro d-Moll für Klavier / Fantasie g-Moll für 
Orgel / Choralvorspiel »Wie groß ist des Allmächtigen 
Güte« für Orgel / Andante D-Dur für Orgel / Passacaglia 
c-Moll für Orgel / Choralpartita über »Die Tugend wird 
durchs Kreuz geübet« für Orgel / Lied »Der Wasserfall« / 
Klavierquartett f-Moll op. 2 / Sonate für Violine und Klavier 
f-Moll op. 4 

1824 Konzert As-Dur für zwei Klaviere und Orchester / Sonate 
für Klarinette und Klavier Es-Dur / Fuge cis-Moll für Kla- 
vier / Motette »Jesu, meine Zuversicht« für Chor, Baßsolo 
und Klavier / Salve Regina für Sopran und Streichorchester 
/ Symphonie Nr. 1 c-Moll op. 11 



Werke von Fanny 2 

1821 Nicht nachgewiesen, wohl Privatbesitz. 

1822 Sonatensatz für Klavier E-Dur / Übungsstück C-Dur für 
Klavier 

Lieder 

»Fischers Klage« (Johann Ludwig Casper) / »Die Nonne« 3 , 
»Im Herbste«, »Der Blumenstrauß« (alle Ludwig Unland) / 
»Lebewohl« (ohne Textdichter-Angabe) / »Sehnsucht nach 
Italien« (Franz Grillparzer) 4 / »Die Linde«, »Die Sommer- 
rosen blühen« (beide Luise Hensel) / »Schlaflied« (Ludwig 
Tieck) / »Du hast mein Gott« (Marianne Saling) 

1823 Neun Übungsstücke für Klavier in C-Dur (2), es-Moll, g- 
Moll, G-Dur (2), b-Moll, g-Moll und d-Moll / Canzonetta 
di Piedemonte für Klavier / Walzer C-Dur für Klavier / 
Lento ma non troppo für Klavier / Andantino B-Dur für 
Klavier / Klavierquartett As-Dur / Adagio E-Dur für Violine 
und Klavier 

Lieder 

»Der Neugierige«, »Des Müllers Blumen«, »Gebet in der 



Christnacht«, »Abendreise«, »Einsamkeit«, »Seefahrers Ab- 
schied«, »Vereinigung« (alle Wilhelm Müller) / »Das Ständ- 
chen«, »Die sanften Tage«, »Schäfers Sonntagslied«, »Die 
Kapelle« (alle Ludwig Unland) / »Die liebe Farbe«, »Das 
Ruhetal« (beide ohne Textdichter-Angabe) / »Wiegenlied«, 
»Die furchtsame Träne« (beide Schick) / »Erinnerung«, »Am 
Morgen nach einem Sturm« (beide Franz Grillparzer) / »Der 
Abendstern« (Johann Graf von Mailath) / »Lied der Fee« 
(Fanny Casper) / »Der Sänger« (Novalis) / »Die Schwalbe« 
(Friederike Robert) / »Der Fischer«, »An die Entfernte« (bei- 
de Johann Wolfgang von Goethe) / »Ohne sie«, »Mein Herz, 
das ist begraben« (beide Heinrich Wilhelm von Gersten- 
berg) / »Die Spinnerin«, »Wonne der Einsamkeit«, »Frühe 
Sorge«, »Ferne« (alle Ludwig Tieck) / »Wanderlied« (Frie- 
derike Robert) / »Pilgerspruch« für Chor (Paul Fleming) 
1824 Zwei Sonaten für Klavier in f-Moll und c-Moll / Toccata 
c-Moll für Klavier / Zwei Übungsstücke für Klavier in g- 
Moll und c-Moll / Gigue e-Moll für Klavier / Allegro di 
molto für Klavier 
Lieder 

»Wo kommst du her?« (Heinrich Wilhelm von Gerstenberg) 
/ »Auf der Wanderung«, »Klage«, »Abschied«, »Frage«, 
»Glück«, »Nacht«, »Leben« (alle Ludwig Tieck) / »Leiden«, 
»Sonnenuntergang«, »Verlorenes Glück« (alle Johann Peter 
Eckermann) / »Sehnsucht« (Friedrich Schiller) / »Eilig ziehn 
in weiter Ferne«, »Am stillen Hain«, »Herbstlied«, »Tag- und 
Abendlied«, »An einen Liebenden im Frühling« (alle ohne 
Textdichter-Angabe) / »Frühlingsnähe«, »Heimweh« (bei- 
de Friederike Robert) 5 / »MaiÜed« (Johann Wolfgang von 
Goethe) 



16 



fanny an felix 6 Berlin, 29./30. Oktober 1821 

[. . .] Du fehlst einem spät u. früh, lieber Sohn! u. die Musik beson- 
ders will gar nicht rutschen ohne Dich. Doppelt u. dreifach danke 
ich es nun Freund Begas 7 , daß er uns die hebe Fratze so natürlich 
auf die Leinwand gepinselt, als stünde sie lebendig vor uns. 
Es ist ordentlich, als sollte ich keinen Akademietag 8 vor Dir voraus 
haben, denn seit gestern bin ich so unwohl, daß ich nicht an Singen 
denken kann; ich huste wie eine alte Spittalfrau. 9 Mutter ist auch 
nicht so ganz wohl heute, sie ist ein bischen erkältet, aber ganz 
unbedeutend. 

Wie ist Deine jetzige Minerva, Prof. Mentor 10 , mit Dir zufrieden? 
ich hoffe (um recht hofmeisterlich zu werden) daß Du Dich recht 
vernünftig aufführst, u. der Erziehung Deiner Hausmeisterin Ehre 
machst. Wenn Du zu Goethe kömmst, sperre Augen u. Ohren auf, 
ich rathe es Dir, u. kannst Du bei Deiner Rückkehr mir nicht jedes 
Wort aus seinem Munde wieder erzählen, so sind wir Freunde 
gewesen. Bitte, vergiß nicht, sein Haus zu zeichnen, es wird mir 
Freude machen. Wenn es ähnlich u. hübsch wird, mußt Du es mir 
recht sauber in mein musikalisches Stammbuch kopieren. H. Ber- 
ger 11 war gestern Abend hier, ich habe ihn aber nicht gesehn, weil 
ich mich schon um 7 legen mußte. - Von Lipinskis 12 Conzert, u. 
dem Schicksale des Stralauer Fischzuges 13 bist Du durch Vater 
unterrichtet. Ich weiß nicht ob er Dir geschrieben hat, daß er heut 
eine Viertelstunde lang aus war. Vom Freischützen 14 ist noch 
nichts zu sehen u. zu hören, vielleicht kommt er morgen in die 
Zeitung. 

Heute stehn zwei ellenlange Rezensionen des Fischzuges in der 
Zeitung. Vater vermuthtet, die eine sei von Casper 15 , mir ist es 
auch sehr wahrscheinlich; daß er nie lernen kann, die Dinte halten! 
Dem armen Lipinski haben sie einen Nachruf in die Zeitung ge- 
setzt, der ihm gar wenig hilft. Es erscheint jetzt fast keine Kritik, 
die nicht einen mehr oder weniger feinen Stich auf Boucher 16 
enthielte. Am Ende der Enden behalte ich noch Recht, u. alle seine 
Freunde bekommen ihn satt. - Du schreibst uns nicht, was Goethe 
für ein Instrument hat. 17 Merke Dir sein Zimmer recht, Du mußt 
mir eine genaue Beschreibung davon machen. Der hebe, treffliche 
Rösel 18 ist zurückgekommen, u. hat sich durch ein allerliebstes, 



17 



sehr komisches Billett gemeldet, das mit den Worten anfängt: Petz 
ist wieder da! 19 Sonderbar genug, daß Korefi 20 , der vor einigen 
Tagen hereintrat, denselben Scherz machte. - Des Abends, wenn 
um die Thee-Stunde die Treppenthüre geöffnet wird, rufen wir 
oft wie aus einem Munde: das klingt, als ob Felix käme. Bleibe 
aber immer noch eine Zeitlang weg, es ist besser wir entbehren 
Dich etwas länger, u. Du sammelst Dir in dieser Zeit die schönsten 
Erinnerungen für Dein künftiges Leben. Dienstag kommt wieder 
ein Brief, die Zeit bis dahin scheint mir so ungeheuer lang, als ob 
ein Monat dazwischen läge. 

Ritz 21 läßt Dir sagen, er freue sich, daß Du die Symphonie gehört 
hast 22 u. das Thema so gut behalten habest. 
Ich werde wohl während Deiner ganzen Abwesenheit nicht auf 
die Academie kommen, denn trotz meines Pochens hält mich der 
Doktor noch immer zu Hause. Meine Freunde oben würden glau- 
ben, ich sei incognito mitgereist, u. Fanny 23 war sogar neulich hier, 
um sich durch den Augenschein von meiner Anwesenheit zu 
überzeugen. 

Adieu, mein Hamletchen 24 ! Gedenke meiner, wenn ich 16 Jahr alt 
werde! Noch eins, Du mußt auf meine Gesundheit ganz im Stillen 
einen Schluck Wein trinken, das bind ich Dir auf die Seele, das 
Kupfer 25 , welches daraus entstehn möchte, übernehme ich ganz u. 
gar. Adieu, vergiß nicht, daß Du meine rechte Hand u. mein Aug- 
apfel dazu bist, daß es also ohne Dich auf keine Art mit der Musik 
rutschen will. 

Deine treueste, hustendste Fanny. 
Marianne 26 hat mir aufgetragen, Dich angelegentlichst zu grüßen. 



fanny an felix Berlin, 6. November 1821 

Es war mein Vorsatz gewesen, Dir, mein lieber Sohn, heute recht 
lang u. ausführlich zu schreiben, aber wie Vater gestern sagte, der 
Mensch denkt u. der Husten lenkt. Dieser unwillkommene Gast 
hat mich mehrere Tage lang so gequält, daß ich ganz angegriffen 
davon bin, u. mich gar nicht viel beschäftigen darf. Denke Dir, daß 
ich sogar in drei Tagen nicht Ciavier gespielt habe! Indessen kann 
ich doch nicht unterlassen, Dich wegen Deiner beiden lieben Brie- 
fe recht zu loben. Sie waren ebenso hübsch gedacht als gut aus- 

18 



gedrückt 28 (das Letztere ist sonst nicht sehr Deine Sache) u. uns 
daher auf jede Weise willkommen u. angenehm. Wie gut ist es, 
daß ihr, statt die Feier in Wittenberg 29 abzuwarten, gleich nach 
Weimar gegangen seid, diese Zeit ist rein gewonnen, u. Du wirst 
sie schon zu benutzen wissen. Es freut mich sehr, daß Du mit 
Deiner Oper 30 so weit vorgerückt bist; schreibe mir doch, ob die 
mir unbekannten Nummern gut gelungen sind? Vergiß auch 
nicht, mir jedesmal zu melden, was Du vorgespielt hast, u. was am 
meisten Beifall gefunden, Du weißt, dergleichen Dinge können 
nicht zu umständlich erzählt werden, wenn sie an eine Schwester 
gerichtet sind. Von Hummels 31 Unterricht muß mir auch durch 
Dich etwas zufließen, aber mündlich, bei Deiner Zurückkunft. - 
Die Geschichte von Hn. Professors 32 Traum ist sehr rührend, sieh, 
welche Sorgfalt der herzliche 33 Mann für Dich trägt. Wie aus dem 
Briefe selbst hervorgeht, bist Du auch recht aufmerksam u. gut 
gegen ihn. Da aber im Goethe steht, Lob u. Tadel muß ja sein, so 
kann ich auch nicht umhin, zweierlei an Deinem Briefe auszuset- 
zen, aber sehr unwichtige Sachen. Erstlich, mein Heber Sohn, hät- 
test Du in Deinem Calende'r nachsehn können, Du hast ihn ja vor 
der Abreise gestellt, u. da würdest Du gefunden haben, daß es nie 
einen 32. Okt. giebt noch gegeben hat, diesen Datum hast Du vor 
das Ende Deines Briefes gesetzt. Zweitens mußt Du bei der Auf- 
schrift Deiner Briefe, den Ort rechts setzen, u. nicht links, wie Du 
es bis jetzt gethan. Das sind nun an sich sehr unwichtige Bemer- 
kungen, Du wirst sie aber von mir nicht übel aufnehmen, denn 
Du weißt ja, daß sie wohl gemeint sind. 

Als ich neulich eben meinen Brief geschlossen hatte, kam der Frei- 
schütz an, worüber ich vor Freude nicht schrie, denn das konnte 
ich nicht, aber kräthe. Wenn Du da gewesen wärest, hätten wir 
eine sehr angenehme Stunde gehabt, so aber war ich ganz allein u. 
unvermögend einen Ton zu singen, genoß also nur die Hälfte des 
Vergnügens. Die Arie der Seidler 34 habe ich ziemlich rein, sie ist 
gar schön. Gestern haben sie den Freischützen wieder gegeben, 
die Vorstellung soll herrlich gewesen sein. 

Eine funkelnagelneue Nachricht [...] ist, daß Spontini 35 seiner 
Macht wieder beraubt worden, u. Alles in alte Geleis' gebracht sei. 
Man schreibt dem Kronprinzen 36 diese gute Handlung zu. Was 
sagst Du nun, Flesch? 



19 




Johann Wolfgang von Goethe 



Der arme Lipinski war neulich liier, Abschied zu nehmen. Er ist 
ohne zweites Conzert abgereist, u. war so gütig, sehr mit den Ber- 
linern zufrieden zu sein . . . 

Ich bin sehr neugierig auf den Text aus Wien 37 , den die Mutter 
ankündigt; eine sentimental-naive Oper wäre so übel nicht, wenn 
sie sonst nur hübsch gemacht ist; da giebt es gewiß allerliebste 
Cavatinen, Chöre mit obligatem Viehgebrüll, u. dergl. Raritäten. 
Spaß apart, aber ist das eine Art, die ich, hübsch bearbeitet sehr 
hebe. Schweizerzöpfchen, Milcheimer, Mettenglöckchen, Glet- 
scher in der Abendsonne, Heimweh, alles dieses sind musikalische, 
u. gar allerliebste Dinge, u. werden sich gewiß die Hülle u. Fülle 
in Deinem neuen Texte finden. Wie hübsch wird Mme. Robert 38 
die schmachtende Hirtinn singen! Ich sage Dir, ich freue mich 
unbändig darauf. Rechne dazu, daß Casper, durch Nacheifern 39 
angespornt 40 , sich ganz gewiß beeifern wird, Dir auch einen neu- 
en, recht schönen Text zu hefern, dann bist Du für lange Zeit 
außer Sorge. Adieu, Heber Bursche, freue Dich daß Du in Weimar 
bist u. athme die goethische 41 Luft ein, die um Dich herum weht. 
Deinem Finale muß man seine Vaterstadt anmerken. Erkenne, 
wie glücklich Du bist, eine Zeitlang in Goethens Hause zu leben 
u. ihn im vertraulichen Umgange mit seinem Freunde zu sehn, 
grüße diesen u. die gute Doris, u. den gutissimo Hummel, u. be- 
halte Heb Deine Fanny. 

fanny an felix 42 BerHn, 6. November 1821 

Ich muß, nach einer bitteren Klage über die Brieflosigkeit in dieser 
Woche, Dir, Heber Felix, in aller Eile das neuste BerHner Bonmot 
mittheilen, welches Alcidor 43 allzudoll nennt. Deine scharfe Arti- 
kulation wird Dir beim Aussprechen dieses Witzes, wohl zu Stat- 
ten kommen. Du würdest Dich gefreut haben, Deine Altscene 44 
v. der allerHebsten Mme. Müller 45 singen zu hören. Sie hat sehr 
viel richtiges Gefühl, u. ist ein liebes Wesen, um mit unserem, nun 
wieder eingerückten, Rösel zu reden. Ihr seyd gewiß überaü zu- 
gleich, u. Vater übermüdet sich, das wäre sehr unrecht, denn er soll 
uns gestärkt, u. nicht fatigiert, zurückkommen 46 . Du kannst schon 
einen Puff vertragen. Deine Änderung in der Sonate ist acceptirt 47 , 
mein Generalstab, u. der hinzugekommene Medicinahath 48 ha- 



21 



ben entschieden, u. gespielt gefällt es mir auch wirklich besser, als 
schwarz und weiß. Ich empfehle mich Ihnen ergebenst. FMB. 

felix an fanny 49 Doberan, 14. Juli 1824 

An Fräulein Fanny Caecilie Mendelssohn Bartholdy 
Was Du mit Deinem Schelten, Deinem Briefchen 50 , Deinem 
Wallenstein, Deiner Unpersönlichkeit willst, o Fanny Caecilie 
Mendelssohn Bartholdy, das begreif ich nicht. Ich soll ein reuiger 
Sünder sein, soll um Verzeihung bitten, mich an Dich erinnern lassen, 
und andere der gleichen schönen Sachen mehr; ich versteh' das 
nicht. Ich habe Dich immer für ein ganz verständiges Frauenzim- 
mer gehalten, und nun schreibst Du solchen Brief! Siehst Du denn 
nicht, o Fanny Caecilia Mendelssohn Bartholdy, daß mein Brief an 
die ganze Familie gerichtet ist; versteht sich's nicht von selbst? oder 
muß ich jedesmal wenn ich von Possen rede, o Beckchen 51 , von 
Calfactern, o Paul 52 , von Cato und Cicero, o Herr Heyse 53 , von 
allem was mich nur irgend angeht, o Mutter, oder o Fanny ein- 
schieben. Versteht sich das nicht von selbst? Ich soll nicht zu viel 
arbeiten, aber wenn ich an jeden von denen, an den mein Schrei- 
ben gerichtet ist, einen besonderen Brief componiren sollte, da 
müßt ich von Morgen um 6 Uhr, bis Abends um 19 Uhr sitzen 
und schmieren, was mir in den Kopf kömmt. Gehts nicht so viel 
besser? Ich schreibe einen wohlgesetzten, vernünftigen., überleg- 
ten, kurzen Brief an Euch alle zusammen; und werde nun runter- 
gemacht! Ist das billig? 

Erzürne mich nicht! Du weißt, wenn der Löwe brüllt, so hallen 
Wälder und Schluchten wieder, vom dumpfen Geräusche seines 
Rasens (ich weiß, Du Hebst Unsinn) 
Also hüte Dich! 

Ich hoffe, ich werde künftig Briefe, und längere Briefe, von Dir 
bekommen, o Fanny Caecilie Mendelssohn Bartholdy, denn ich 
habe Dir neulich einen schrecklich weitschweifigen geschrieben 54 . 
Räche Dich dafür! Sonst bleibe ich nicht 
Dein 
guter Freund. 



22 



felix an fanny Doberan, 17. Juli 1824 

Wahrhaftig, liebe Fanny, ich war heute Morgen Willens, Dir einen 
langen, langen Brief zu schreiben, und mit diesem Vorsatze fuhr 
ich auch ins Bad. Doch auf dem Heimwege fiel mir ein Thema 
ein, das ich auf dem Rückwege ausführte; und als wir nun zu 
Hause kamen, schrieb ich's auf, u. schicke es hier vor Deinen Rich- 
terstuhl. Du weißt, wenn die Richter den Dieb nicht kriegen kön- 
nen, so nehmen sie das Gestohlene. So geht's auch hier. Kaum war 
mir das Thema eingefallen, so dacht ich: halt! Dieb! Sebastian! 
Aber wie ein tröstender Engel stand mir Dein iooostimmiges 
Stück aus f moll 56 zur Seite, und ich dachte: wenn's Fanny selbst 
gethan hat, so wird sie mich wol nicht deshalb verdammen, und 
weiter will ich nichts. Nimm's ja nicht zu langsam [...]! 
Auch noch meinen besten Dank für Deinen Brief. Wenn ich mir 
nicht fest vorgenommen hätte, nicht zärtlich zu sein*, so stund ich 
nach solchem Briefe für nichts. Indessen will ich nicht und ich bin 
beharrlich! 
* In Briefen nämlich!!! n. b.! p. m.! 57 



felix AN fanny 58 Doberan, 21. Juli 1824 

Heute hätte ich wohl Etwas Dir zu schreiben, auch möchte ich 
wohl mit Dir ein langes u. breites schwatzen, hebe Fanny, ich habe 
aber auch nicht ein bischen Zeit. Höre wie beschäftigt ich den 
ganzen Tag bin, und entscheide selbst, ob ich Zeit haben kann, 
sehr viel Briefe zu schreiben. 

Des Morgens früh müssen wir Caffee trinken, u. dann nach dem 
Bade fahren. Sind wir gewaschen so gehen wir den größten Theil 
des Weges zurück, und setzen uns dann in den Wagen, fahren den 
Rest, so ist es halb 10 Uhr. Nun hungert mich ganz entsetzlich. Ich 
esse also eilig zwei oder drei Kirschen und einige Bissen Brod 
dazu. Dann lerne ich auswendig - Was? den Komödienzettel. 
Dann kömmt wohl Mühlenbruch 59 oder Hr. v. Prittwitz 60 (Vater 
wird ihn Dir schon vorgestellt haben) so wird musicirt. Nun ist's 
zwölf; man macht sich ordentlich, u. geht in die Harmoniemusik. 
Diese besteht aus 1 Flöte, 2 Clarinetten! 2 Oboen, 2 Fagotten, 2 
Hörne, 1 Trompete u. 1 Baßhorn. Das ist ein großes Instrument von 



23 



Blech, hat einen schönen, tiefen Ton, und sieht aus wie eine Gieß- 
kanne, oder eine Spritze, um i, 2 Uhr isfs da aus; ich gehe zu 
Hause, und man spielt ein Parthiechen Schach. Bis jetzt war ich 
meistentheils Sieger. Um 3/4 auf 2 Uhr klingelt es, ich befracke 
mich, und behüte mich und es geht zu Tische. Um drei sind wir 
fertig. Dann wird die angefangene Parthie beendigt. Läßt es das 
Wetter zu (wie es aber noch nicht geschehen ist) so zeichne ich 
dann. Um 6 gehen wir spatziren, bis 1/2 9, dann geht man im 
Kranz auf und ab, um 9 wird Abendbrod gegessen, ä la Carte. 
Himmlische Wonne! Gewöhnlich aber gehn wir um 4 spatziren, 
um 6 Theater, um 9 Abendbrod, um 10 bischen Schach noch; um 
1/2 11 legen wir uns zu Bette; und ruhen von Tagesbeschwerden. 
Punctum. 

Süßes Kind, ich liebe Dich ganz entsetzlich; aber wenn nur besse- 
res Wetter werden wollte. Wir frieren wie - Schuster; der Sturm 
heult chromatische Läufer, der Staub ist unerträglich, der Himmel 
verhängnißvoll, die Sonne reist diesen Sommer incognito, (man 
sagt, unser König werde es auch thun) kurz: Pfui, was für'n Wetter. 
Gestern war ein Ba Ball. Darum gingen Walter und ich auch ruhig 
spatziren. Herr Simon ging mit uns, und unterwegens trafen wir 
Bock mit 3 andern Collegen, wir schloßen uns an sie an, und gin- 
gen auf einen Hügel, von wo wir die tanzende See durchs Fernglas 
sahen, ohne uns um die tanzende beau monde zu bekümmern. 
Wie soll man unter lauter Adligen tanzen? 
Nun muß ich essen gehn - 

PELix AN fanny 61 Doberan, 27. Juli 1824 

Herzlichen Dank, liebe Fanny, für Deinen heben Brief 62 ; aber war- 
um Du mein Stück so sehr lobst, das begreif ich nicht. Es hat mir 
wohl gefallen, aber Du erhebst es ja ganz gewaltig! Kommt alles 
davon her weil ich in Doberan bin. Wenn eins das andere aus- 
schließt, so möchte ich lieber inBerlin sein, und Du könntest mein 
Stück sehn [. . .] Im Ernst ich möchte bald wieder to Hus sein, mir 
ist zuweilen ganz miserabel zu Muthe, und dann komponier' ich, 
so kam's daß dieser Tage die Oper 63 einen gewaltigen Ruck be- 
kommen hat, ich stehe bei no. 11 also weit hinter dem Septett mit 
Chor. - No. 10 u. 11 kennst Du noch nicht, auch No. 9 nur wenig; 



24 



ich bin sehr neugierig auf Dein Urtheil. Bis jetzt gefallen mir die 
fertigen Nummern gut. 

Mutter neckt mich mit dicken Hörnern, ich bin aber wahrhaftig 
sehr vernünftig geworden, so daß ich neulich, als ich die Wahl 
hatte zwischen dicken u. nicht dicken Pauken, die letztern wählte, 
blos weil sie nicht dick waren. Daß ich mehr von der Instrumen- 
tierung spreche, als vielleicht Recht ist, das scheint mir natürlich, 
die Anordnung des Stückes und die Singstimmen sind ja schon 
lange fertig ehe ich aufschreibe, und daß mir nun für ein paar Tage, 
die eben gemachten Instrumente mehr am Herzen Hegen, ist nicht 
zu verwundern. - Ich habe dieser Tage so viel Componierlaune 
gehabt, daß ich alles andere deswegen bei Seite gelegt. Ich muß 
Dir auch sagen, daß ich glaube, durch die hiesige Harmonie, man- 
ches gelernt zu haben, denn zuweilen enstehen die größten Effec- 
te durch zwei oder drei Instrumente, durch Kunstgriffe, und diese 
abzulernen u. nachzumachen halte ich nicht für Sünde. 
So sehr michs nun auch wieder nach Berlin zieht, werde ich doch 
den Verlust des Seebades sehr empfinden. Trotz mehrerer Unan- 
nehmlichkeiten, daß das Salzwasser z.B. genau wie Bitterwasser 
schmeckt, ist's doch ein göttliches Gefühl darin zu baden, u. so- 
wohl gegen die Wellen, als mit den Wellen zu schwimmen. Leich- 
ter gehts gegen die Wellen, weil man nicht sehr von ihnen hin u. 
her gerissen wird; viel schwerer mit dem Winde, dann kommt 
eine Welle, so krümmt sich gleichsam das Wasser, und reißt mich 
zurück, dann kömmt das Unthier und stürzt mich eine ziemliche 
Strecke noch vorwärts, wirft mir auch wohl Schaum u. Wasser ins 
Gesicht, u. endlich reißt mich das zurückkommende Wasser mit 
sich zurück, so daß man nur langsam vorwärtskommt. Dies ist alles 
dann so, wenn sie mäßig bewegt ist. Zuweilen liegt sie glatt wie 
ein Spiegel, ohne Wellen, ohne Brandung, ohne Getöse, dann ist's 
mir am liebsten. Neulich aber war sie so toll u. wild, daß ich gar 
nicht hineinging, weil ich's den Tag vorher probirt hatte. Die See 
war nämlich ein bischen rasend, die Wellen schlugen über die 
Stege, die ins Meer hinaus gehn immer weg. Je näher sie dem Ufer 
kommen, desto toller werden sie, aber da sind Stricke an denen 
sich die Nichtschwimmer halten können, wenns so hoch geht. 
Weiter hinaus aber am Ende vom Stege wars am ruhigsten; die 
Wellen warfen keinen Schaum u. man konnte bequem schwim- 



25 



men. Da sprang ich hinein, und schwamm eine Weile. Die Matro- 
sen riefen mir ich möchte ans Tau kommen, ich schwamm nach 
dem Strick, und nun gings mir schlecht. Denn eine Welle warf 
mich mit dem Rücken gegen den einen Strick, die andere mit dem 
Halse gegen den andern. Sie wollten mich gewiß erdrosseln. An- 
halten könnt 1 ich mich nicht, denn die Wellen gingen mir über den 
Kopf, ich beschloß also hinaus zu gehn. Kleine Leitern fuhren auf 
die Stege. Sollte mans glauben? während ich die sechs Sprossen 
hinaufstieg, und zwar eilend, kommen zwei fürchterliche Wellen, 
von denen mich die eine mit dem Fuß gegen das Geländer warf, 
so daß ich den Tag hinkte. Doch solcher Sturm ist selten, nur lange 
währender Wind führt ihn herbei, und jetzt ists fast ganz windstill; 
also ist nichts zu besorgen [. . .] Umarme Mutter, Beckchen u. Paul 
per procura, u. empfiehl mich Herrn Heyse. Auch Lindenau 64 laß 
ich grüßen; ich bin ihm gar sehr gut; sag ihm daß wir morgen zu 
Mühlenbruchs fahren. Leb wohl. 
Felix. 



26 



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Carl Friedrich Zelter 



Passionen 
1825 bis 1829 



1825 Heinrich Heine läßt sich taufen. Abraham reist mit Felix 
nach Paris, um ihn Luigi Cherubini vorzustellen, der seine 
Begabung beurteilen soll. Auf der Rückreise erneute Begeg- 
nung mit Goethe. Im Juli stirbt Fannys Lieblingsonkel und 
Briefpartner Jacob Salomon Bartholdy in Rom. Abraham 
kauft das Palais von der Recke in der Leipziger Straße 3 in 
Berlin. Die Geschwister gründen eine »Sehr neue Garten- 
Zeitung« für den Sommer und eine »Thee-und-Schnee-Zei- 
tung« für den Winter. Intensiver freundschaftlicher Umgang 
mit »dem Rad«, einer Gruppe meistens jüdischer, getaufter 
und nicht getaufter junger Künstler und Intellektueller bei- 
derlei Geschlechts. 

1826 Mendelssohn kämpft um die Uraufführung seiner Oper 
»Die Hochzeit des Camacho« durch Spontini in Berlin. Im 
November spielen Fanny und Felix die Sommernachts- 
traum-Ouvertüre vierhändig vor dem Pianisten und Kom- 
ponisten Ignaz Moscheies. 

1827 Die Lieder op. 8 von Felix erscheinen bei Breitkopf und Här- 
tel in Leipzig. Darin sind drei Lieder von Fanny enthalten. 
Am 26. März stirbt das Familienidol Beethoven in Wien. Die 
Berliner Hofoper beginnt mit der Einstudierung von Men- 
delssohns Oper. Das Werk erringt lediglich einen Achtungs- 
erfolg. Im Spätsommer geht Felix mit Freunden auf eine Fe- 
rienreise durch den Harz, Thüringen und Süddeutschland bis 
an den Rhein. Im Herbst immatrikuliert er sich an der Uni- 
versität und hört Vorlesungen bei Hegel (Ästhetik) und Rit- 
ter (Geographie). Im privaten Kreis beginnen die Vorberei- 
tungen zur Aufführung der Matthäus-Passion. 

1828 Das Bankhaus Mendelssohn u. Comp, in Berlin wird ge- 
gründet. Im Oktober reist Mendelssohn nach Brandenburg 



28 



und studiert dort in der Musikbibliothek des Musikvereins- 
leiters Steinbeck. Die Proben zur Wiederaufführung der 
Matthäus-Passion in der Berliner Singakademie beginnen. 
Im Oktober kehrt Hensel aus Italien zurück. Am 19. Novem- 
ber stirbt Franz Schubert in Wien. 
1829 Offizielle Verlobung von Fanny und Wilhelm gegen erheb- 
liche Widerstände von Lea. Im Februar Beginn einer Braut- 
korrespondenz. Hensel wird in die Berliner Akademie der 
Künste gewählt und zum Hofmaler ernannt. 
Am 11. März dirigiert Felix in der Singakademie die Wieder- 
aufführung der Matthäus-Passion hundert Jahre nach der Ur- 
aufführung unter intensiver Assistenz von Fanny. Im April 
bricht er zu einer großen Reise nach England auf. Fanny 
schickt ihm einen ihm gewidmeten »Liederkreis«. Felix diri- 
giert in London seine c-Moll-Symphonie op. 11 und seine 
Sommernachtstraum-Ouvertüre. Als Solist spielt er Beetho- 
vens Es-Dur- Klavierkonzert, das zum ersten Mal in England 
erklingt. Danach geht er auf Urlaubsreise zu Freunden. Im 
September wird er durch einen umstürzenden Wagen am 
Knie verletzt und muß wochenlang zu Bett Hegen, so daß er 
zu Fannys Hochzeit am 3. Oktober nicht in Berlin sein kann. 
Fanny komponiert sich die ursprünglich bei ihm bestellten 
Orgelstücke zu ihrer kirchlichen Trauung selbst. 



Werke von Felix 1 

1825 Capriccio für Klavier fis-Moll op. 5 / Sonate für Klavier E- 
Dur op. 6 / Oktett Es-Dur op. 20 

1826 Te Deum für achstimmigen Doppelchor, Soli und Continuo 
/ Fuge e-Moll für Klavier / Sommernachtstraum op. 21 / 
Lieder op. 8 (mit Anteilen von Fanny) 

1827 Streichquartett a-Moll op. 13 / Rondo capriccioso für Klavier 
E-Dur op. 14 / Fantasie über ein irländisches Lied für Klavier 
op. 15 / Kantate »Christe, du Lamm Gottes« für Chor und 
Orchester 

1828 Konzert- Ouvertüre »Meeresstille und glückliche Fahrt«, op. 
27 / Dürer-Kantate / Kantate für Männerchor und Instru- 



29 



mente / »Hora est« für sechzehnstimmigen Chor, Soli und 
Orgel / »Ave maris Stella« für Sopran, Orchester und Orgel 
/ Kantate »O Haupt voll Blut und Wunden« für Chor, Bari- 
tonsolo und Orchester 
1829 Streichquartett Es-Dur op. 12 / Symphonie d-Moll op. 107 
(»Reformationssymphonie«) / Drei Fantasien oder Capricen 
für Klavier op. 16 / Variations concertantes für Klavier und 
Violoncello op. 17 / Scherzo h-Moll für Klavier / Lied »The 
Garland« / Liederspiel »Die Heimkehr aus der Fremde« 
op. 89 



Werke von Fanny 

1825 Zwei Klavierstücke in g-Moll und f-Moll / Andante con 
moto für Klavier c-Moll 

Lieder 

»Sehnsucht«, »Der Einsamwandelnde«, »Verloren« (alle Jo- 
hann Peter Eckermann) / »Wanderers Nachtlied«, »An Su- 
leika«, »Auf dem Diwan«, »Suleika und Hatem«, »Ist es 
möglich« (alle Johann Wolfgang von Goethe) / »Suleika« 
(Marianne von Willemer) / »Sonett aus dem 13. Jahrhun- 
dert«, »Zwischen Ganta und Capua«, »Dir zu eröffnen mein 
Herz«, »Numi clementi, si pueri«, »Lass dich nur nichts dau- 
ern« (alle ohne Textdichter-Angabe) / »Mond« (Ludwig 
Heinrich Christoph Hölty) / »Ecce quel fioroistante« (Pietro 
Metastasio) / »Schäfergesang« (Ludwig Tieck) / »Erinnerun- 
gen in der Heimath« (Marianne Saling) 

1826 Für Klavier: Etüde F-Dur, Capriccio Fis-Dur, Allegro ma 
non troppe f-Moll, Andante con espressione c-Moll, Andante 
fugato, Andante d-Moll 

Lieder 

»Der Rosenkranz«, »Feldlied«, »Ruhe sanft bestattet« (alle 
Johann Heinrich Voss) / »Sie liebt«, »Der Sprosser«, »Marias 
Klage«, »Neujahrslied«, »Der Eichwald brauset« (alle ohne 
Textdichter-Angabe) / »Nähe des Gehebten« (Johann Wolf- 
gang von Goethe) / »Abendlandschaft« (Friedrich von Mat- 
thison) / »Erwachen«, »Im grünen Wald«, »Geheimnis« (alle 



30 



Friedrich Voigt) / »Die Aeolsharfe« (Friederike Robert) / 
»An einem Herbstabende« (Schulz) 

1827 Fugata für Klavier Es-Dur / Präludium e-Moll für Klavier 
Lieder 

»Maigesang« (ohne Textdichter-Angabe) / »Sehnsucht«, 
»Seufzer«, »Die Ersehnte«, »Kein Blick, der Hoffnung hei- 
tert«, »An den Mond« (alle Ludwig Heinrich Christoph Höl- 
ty) / »Die Sommernacht« (Friedrich Gottlieb Klopstock) 

1828 Lieder 

»Die frühen Gräber« (Friedrich Gottlieb Klopstock) / 
»Aglae« (ohne Textdichter-Angabe) 

1829 Präludium für Orgel F-Dur / Präludium für Orgel oder Kla- 
vier G-Dur / Capriccio für Violoncello und Klavier As-Dur 
Lieder, Chorwerke 

Liederkreis: Sechs Lieder von Fanny für Felix (Johann Gu- 
stav Droysen) / Nachtreigen für achtstimmigen Chor a cap- 
pella (Wilhelm Hensel) / Festspiel für Tenor, zwei Bässe, 
Chor und Orchester 



3i 



FELIX AN FAN 



ny 2 Paris, 27. März 1825 



Um gleich ab 000 zu deutsch den Variationen 3 anzufangen, melde 
ich Dir, meine süße Dlle. Schwester, daß es unausgebrütete Eier 
sind, d.h. daß eine Seite davon fertig ist, daß aber keine zweite 
dazu kommen wird. Auf welches Thema? Von wegen! Aber es 
bleibt liegen. Wo soll ich auch die Zeit zum Componiren herkrie- 
gen? An meiner Oper 4 ist noch kein Strich geschrieben, und die 
Faulheit wird gewiß nirgends mehr befördert als in Paris, (für ei- 
nen Fremden nämlich) Urtheile doch nur selbst. 
[. . .] Noch ein Abentheuer vom Freitag morgen. Ich kam zu Hau- 
se, und hörte im Zimmer neben dem unsrigen Ciavier und Violine 
spielen. Das Ciavier spielte eine Dlle. Schauroth 5 von der Rode 6 
viel Gutes gesagt hatte recht hübsch, den Violinisten wollte kein 
Lohnbedienter kennen, und ich behauptete kühn, es könne nur 
Lafont 7 seyn. Er spielte so weich, so rein wie ich mir es gedacht 
habe. Er war es auch wirklich. 

Ich bin aber in Verzweiflung, daß ich meinen Brief schon schlie- 
ßen muß. Ich habe Hummel versprochen, ihn zu besuchen und 
kann doch nicht unpünctlich seyn. Heute kann ich also Euren 
herrlichen Brief nicht beantworten, doch nächsten Freitag kommt 
ein neuer Brief von mir. Grüße Herrn Heyse sehr von mir. Grüßt 
die junge Garde, Herrn Professor Zelter, ich schreibe ihm näch- 
stens. [. . .] Jetzt will ich mit Hummel seine As Dur Sonate 8 spielen, 
und heute abend ist das erste Concert spirituel 9 , wo ich eine Sym- 
phonie von Haydn und die Ouvertüre aus der Zauberflöte hören 
werde. Das Orchester in der italiänischen Oper ist sehr gut, aber 
nicht vortrefflich. Die Geigen sind außerordentlich, aber die Bla- 
se-, besonders die Blechinstrumente sind weniger als mittelmäßig 
und spielen unrein, und undeutlich. Ich komme aber wieder ins 
Plaudern. Lebt wohl für heute, das nächstemal mehr wieder 
Euer eiliger 
F. Mendelssohn Bartholdy. 



felix AN fanny Paris, i. April 1825 

Von heute an wird unsere Thür bis 12 Uhr für uns und für andere 
geschlossen bleiben, und dann bekommt man endlich mal die Zeit 



32 



seiner Schwester einen längeren Brief zu schreiben. Eigentlich 
habe ich Dir, liebe Fanny, noch gar nichts erzählt, und drum will 
ich mich denn gleich ins Schwatzen hineinbegeben. Aber wie weit 
muß ich ausholen. 

Sonntag früh war eine musikalische Gesellschaft beim Baron Tre- 
mont. 11 Viel Zuhörer, in wenig Stuben. Viel Musik, wenig gute. 
Ich lernte da Onzlow 12 , Vidal 13 , Boely 14 , Mlle. Schauroth (eine 
junge Klavierspielerinn) u. s. w. kennen. Als wir hinkamen spielte 
man ein Quartett von Tremont, das sollte jedermann für ein 
Haydnsches halten. Ja Kuchen! So eine feine Nase haben wir, um 
Tremont von Haydn zu sondern. Doch für einen Dilettanten wars 
recht hübsch und rein im Satz. Vidal spielte die erste Geige, David 
(ein Liebhaber) die zweite, der Baron selbst die Bratsche, ein an- 
derer Liebhaber das Cello. Das Bratschenwischen des Baron ist 
einzig. Diese Angst, dieser Ton, diese Stellung, sein in Verzückung 
gelalltes charmant, das läßt sich nicht beschreiben! Der Vidal spielt 
nicht ganz glatt und geschniegelt, aber mit Leben, Feuer und Ac- 
cent, und soll sehr gut vom Blatt treffen. Nun kam ein Quartett 
von Onzlow, aus e moll. Das Andante und letzte Stückwaren recht 
hübsch, die beiden andern so kühl und so matt, wie gewöhnlich. 
Als Leute die zu spät kamen, Onzlow fragten, ob man Composi- 
tionen von ihm gespielt hätte, antwortete er lächelnd: On a galop- 
pe un quatuor. Die Pariser und besonders die Pariserinnen waren 
aber entzückt, alle Augenblicke sagten sie ein gerührtes: Hm! Du 
verstehst doch, was ich meine? 

Als es aus war, drängt sich ein Knabe von ungefähr 12 Jahren mit 
2 Orden hinter mir vor. Wer konnte das anders sein als Baron 
Prume? 15 Der wars auch wirklich, sein Hofmeister brachte und 
stimmte ihm seine Geige, und mit der größten Anmaßung stellte 
er sich hin und fing an ein Quartett von Mayseder 16 erbärmlich zu 
kratzen. Als der erste Theil aus war, hielt er still und ließ sich vom 
Hofmeister seine Geige stimmen, und so that er noch zweimal im 
ersten Stücke. Er spielt falsch, unsicher, ohne Gefühl - das ist der 
berühmte Baron Prume. Dann kam ein Quintett von Mozart aus 
a Dur, für die Saiteninstrumente und eine Clarinette 17 . Es sind sehr 
schöne Sachen drin, aber die Jugendarbeit giebt sich injeder Note, 
besonders in den Variationen, die statt des letzten Stücks stehen, 
deutlich zu erkennen. Endlich ein Clavierconcert von Mozart aus 



33 



c Dur 18 , gespielt von Pleyel 19 . Er machte zwei Cadenzen, welche 
länger, als das ganze Concert waren, und hatte sich überhaupt das 
Stück mit coquetten Manieren, wie sie in Rossini allenfalls passen, 
verziert; bald war er oben, bald unten, hier ein Triller, dort ein 
Läufer, hier ein Doppelschlag, dort eine vorgehaltene None, kurz 
ein Concert von Mozart revue et corrige par C. Pleyel. Ich höre, 
daß er die Idee hat, mit Kalkbrenner 20 zusammen wirklich die 
Mozartschen Concerte herauszugeben. Das ist doch ein bissei 
stark? - [. . .] Nun wars aus, und die Pariser waren entzückt. Übri- 
gens hat mich v. Tremont freundlichst eingeladen Sonntag etwas 
bei ihm zu spielen, und ich werde mein f-moll-Quartett 21 vorrei- 
ten. 

Auf den Abend hatte ich mir mit Rode ein Rendezvous bei Rei- 
cha 22 gegeben. Der steht hier überall im Rufe eines Schuhu 23 , man 
darf das Wort Quinten nicht aussprechen, wenn er in der Stube 
ist, und er schämt sich auch wirklich freundlich zu sein. Ich wurde 
ihm bei Erard 24 vorgestellt, und er gab sich alle Mühe mich mit 
recht trockenem Gefühle, und noch trockeneren Redensarten auf- 
zunehmen. Als ich ihn aber nachher in einer Ecke des Zimmers 
allein traf, faßte er mich sehr freundlich bei der Hand, und sagte, 
Rode hätte ihm schon von mir Gutes gesagt, und er wäre neugierig 
mich näher kennenzulernen. Kurz ich kam Montag Abend zu 
ihm, und spielte ihm erst meine c moll Fuge, dann meine c moll 
Symphonie 25 vor. Nach der Einleitung der Fuge, frug er wohlbe- 
dächtig, ob ich Händel studirt hätte? Und nach der Fuge sagte er 
dann, er sehe wol, daß ich was gelernt hätte. Auch die Symphonie 
gefiel ihm. Zum Epilog gab er eine gewaltige Schimpfrede auf die 
jetzige Musik zum Besten, und versicherte Rode, wenn er so jung 
wäre, und die Erfahrung, die er hat, auch schon besäße, würde ihn 
das unmusikalische Elend abschrecken, Musiker zu werden. Den 
Abend war ich noch bei Md. Valentin, deren Diner ich, wegen der 
Visite bei Reicha im eigentlichsten Sinne nicht hatte genießen kön- 
nen, hörte Hummels Doppelsonate 26 von ihm selbst und Mosche- 
les 27 gespielt, hörte Pixis 28 und Moscheies eine Ouvertüre von er- 
sterem spielen, hörte es zwölfe schlagen, und ging nach Hause. 
Montag früh besuchte ich Hummel, und fand bei ihm Onzlow, 
und - Boucher; der erkannte mich erst nicht, als er aber meinen 
Namen hörte, wurde er toll, umarmte mich hundertmal, lief in der 



34 



Stube nun, brüllte und weinte, hielt mir eine übertriebene unsin- 
nige Lobrede gegen Onzlow, lief mit mir fort, um Vater zu sehen; 
da der aber nicht mehr zu Hause war, so machte er im Hotel einen 
Lärm, daß die Leute zusammenliefen, nahm Abschied, lief mir 
dann auf der Treppe nach, umarmte mich etc. Gestern früh kam 
er mit vier Trägern zu uns gerumpelt, und brachte den Flügel 
seiner Frau, und nahm sich unser schlechtestes Instrument dafür, 
dann ging er mit uns zu Girardet 29 , um dessen hinterlassene Bilder 
zu sehen, worunter einige sehr schöne Sachen sind. 
Den Abend war großes Concert bei Bonnemaison 30 . 
Ein göttlicher Musiksaal ist da, mit lauter schönen Bildern be- 
hängt. Man gab erst das Kyrie a 3 von Cherubini 31 , dann eine Arie 
aus der Schöpfung, ein agnus dei von Hummel 32 (zu lustig) und 
das Requiem von Mozart. Hummel dirigierte und nahm unver- 
nünftig schnelle Tempi. Ich spielte mit an einem Pulte mit Rom- 
berg 33 Neben mir, nur durch eine Ballustrade getrennt saß Mde. 
Cherubini 34 mit ihrer [. . .] göttlich hübschen Tochter. Obwohl ich 
dem Cherubini schon bei Erard vorgestellt war, so stellte mich 
Halevy 35 ihm noch einmal vor, er war außerordentlich freundlich, 
er will mich den Montag in die königliche Kapelle mitnehmen, 
wo man eine Messe von ihm hören wird, erlaubte mir ihn zu 
besuchen, war sehr höflich, sagte mir beim Weggehen: adieu, ä 
lundi, kurz war so wie alle Leute sagen, wie er selten ist. Die 
Ursache seiner Unzugänglichkeit soll sein, daß seine Frau ihn ge- 
waltig unterm Pantoffel hält, etc. etc. etc. 

Und so könnte ich noch zwei Bogen lang plaudern, und schwatzen 
und erzählen, aber da ich überhaupt bekanntlich das Lange nicht 
hebe, und Pauls seinen Brief beantworten muß, so will ich denn 
schließen. 

Sage Herrn Heyse, daß es mir ganz drollig vorkommt, einen gan- 
zen Chor singen zu hören: Tuba mirom. Oder Dictürüs, maxi- 
mom etc. Ich werde nächste Woche anfangen Latein zu treiben, 
mit einem Bruder von Halevy. Sage ihm auch, daß ich ihm sehr 
bald, sehr viel schreibe. 

Sage Ritz, Onzlow habe keine Note aus Fidelio gekannt. Ich spiel- 
te ihm die Ouvertüre auf einem ganz schlechten Klaviere vor; und 
er war ganz außer sich, kratzte sich im Kopfe, instrumentirte sie 
in Gedanken, sang am Ende in der Entzückung mit, kurz war ganz 



35 



toll. Nächsten Posttag bekommt dieser lange Eduard 36 , wie auch 
Herr Professor Zelter einen Brief von mir. Du wirst mir also dann 
nicht übel nehmen, daß ich Dir nicht schreibe. Ach ja, sage Ritz, 
ich hätte gestern Abend eine Menge erste und zweite Garde ge- 
macht. Aber mein gewöhnliches Pech habe mich nicht im Stiche 
gelassen. Frag' ihn ob er wisse, was fes moll ist? Er soll sich die 
Garde ein bischen einstudiren, um meinen kommenden Brief zu 
verstehen. Denn der wird wimmeln! wimmeln! Die ganze junge 
Garde wird gegrüßt! [. . .] 
Dein Felix. 

fanny an felix 37 Berlin, ii. April 1825 

Du wirst Dich wundern, daß ich aus meiner holden Ruhe das 
Wort Unruhe als Echo aus Deiner rauschenden bewegten Welt 
wiederhole, u. doch ist es so, hundertmal unterbrochen, gestört, ist 
es mir nicht möglich, drei zusammenhängende Worte zu schrei- 
ben, darum fang ich einmal früh am Tage an, u. frage gleich los, 
was mir zuerst einfällt. Kennt Onslow (nicht Onzlow) u. Schuhu 
Reicha 38 Beethovens 33 Veränderungen über einen Walzer 39 ? 
Sonst solltest Du Dir eine Ehre daraus machen, so Du 40 diese 
Herrn allein auf ihrem Studierzimmer triffst, unsren großen 41 
Landsmann auch als Gelehrten u. Theoretiker bei ihnen einzufüh- 
ren. Du nennst Drouet 42 noch nicht, ist er abwesend? 
Es scheint mir beinah, als ob Du vor lauter Hören gar nicht zum 
Sehen kämest. Du hast noch keine Sylbe v. den Tuillerien, Mu- 
seum, v. d. Stadt u. Deinen Promenaden gesagt. Indessen hoffe ich 
das in Deinem Tagebuche zu finden. Und zwar hast Du bis jetzt 
fast nur Soireemusik gehört, ich sehe das ist tout comme chez nous, 
u. die Talente werden dort eben so gut abgeleiert, wie hier. Ueber 
italiän. Oper u. Concert spirituel hast Du geschwiegen, bis auf ei- 
nige Worte übers Orchester, die Ritz sehr verwundert haben, denn 
er sagt eben diese Blasinstrumente, wären immer Rodes Entzük- 
ken gewesen. Ueber diesen R. kann ich nicht genug, u. nicht zuviel 
hören. Wird er denn gar nicht die Geige in die Hand nehmen - 
Eben kömmt Vaters Brief v. 2ten u. 3ten, lieber Felix, es ist uns 
recht ängstlich, daß er so unwohl, u. verstimmt scheint. Ist er es so 
sehr, wie seine Briefe? Tante H 43 findet ihn munter, u. wohler, als 



36 



vor einigen Jahren. - Boucher rührt mich, trotz seiner tollsten 
Tollheit. Wie verträgt er, in seinem Eigendünkel, die allgemeine 
Geringschätzung in Paris? [. . .] Es ist schade, daß Ihr die allerliebste 
Müller nicht getroffen habt. Sie hat in dieser Woche fast jeden 
Vormittag mit uns zugebracht. Wir ließen sie ruhen, u. das war ihr 
gerade recht, da sie überall sonst zerrissen wurde. Sie machte viel 
Musik mit uns u. ließ sich gern v. mir begleiten. Sie hat sich Deine 
Altscene II 44 povere cor abschreiben lassen, obgleich Letzteres zu 
hoch für sie ist. Auch mein Spinnerlied 45 , welches ihr nicht in der 
Stimme lag, sang sie mit Mühe, aber sehr niedlich, nachdem ich 
ihr einige Stellen verändert, u. mich ihr zu Liebe erboten hatte, es 
zu transponiren, was sie jedoch nicht leiden wollte. Gestern früh 
kam sie mit ihrem Mann, um ein Quartett v. Dir zu hören, 
Franck 46 blieb aber aus, u. wir beredeten Julius Ritz 47 , die Stimme 
vom Blatt zu spielen, obgleich es Eduard nicht gern wollte. Er 
machte seine Sachen über alle Erwartung gut, hat einen guten Ton, 
festen Bogenstrich, u. fehlte im Takt nicht ein einziges Mal, u. in 
den Noten sehr wenig. Er hätte also Deinem Professor bei Tremont 
Unterricht geben können. Nach Tisch spielte ich ihr noch Deine 
f moll Sonate 48 , mit Ritz, dem dies mal das Adagio ganz ausneh- 
mend gelang, dann schieden die lieben Leutchen, u. wir machten 
noch einen Haufen Musik. 
Wirst Du niemandem Deine Oper zeigen? 
Heute ist unseres BackfischGeburtstag 49 . Wir werden eine niedli- 
che junge Gesellschaft haben, u. der Improvisatore 50 wird hier 
seyn. Seit ich gehört habe, wie er die eroica abschlachten will, bin 
ich ihm sehr gram. Heut vorm Jahr hatten wir einen großen Ball, 
weißt Du noch, Lindenau nahm die Geige in die Hand, u. wir 
sprangen [. . .] 

Mit der schnellen Expedition Deines 2tn Doppelkonz. 51 wirst Du 
sehr zufrieden seyn. Ich hoffe Du wirst Gelegenheit finden, es mit 
einem der ioooo Virtuosen zu spielen, u. wünsche, daß Du an 
einen kömmst, der das letzte Stück besser bemeistern kann als 
Deine Dich liebende. Wie sehr würde ich mich freuen, wenn Du 
Gelegenheit hättest, Deine Symphonie zu hören. - Der Baron 
Tremont hat uns Alle, so wie wir den Brief lasen, an den Baron 
Bagge 52 erinnert. Alles läßt tausendmal grüßen, u. ich empfehle 
mich für heut zu Gnaden [. . .] 



37 



felix an fanny Paris, 20. April 1825 

Deinen Brief vom Uten, liebe Fanny, habe ich eben angefangen, 
und bedanke mich erstlich, daß er so hübsch lang gerathen ist. 
Aber leider ist er fast ganz voll Beschuldigungen, und auf diese will 
ich denn vor allem dringend antworten. Erstlich, meldest Du mir 
höchst gelehrt, Onslow schreibe sich nicht mit einem z, dafür mel- 
de ich Dir zurück, daß die Tuilerien sich nicht Thuilerien schrei- 
ben, also nicht mit einem h, noch mit zwei 1. Dann soll ich von 
meinen Promenaden erzählen. "Wenn aber das Wetter vor 8 Tagen 
schrecklich heiß und staubig, und kurz darauf so kalt war, daß wir 
Mäntel anziehen, und einheizen mußten, wie kann ich da spazie- 
ren gehn? Der Vorwurf über italiänische Oper und concert spiri- 
tuel geschwiegen zu haben, ist beseitigt; denn in einem langen 
Briefe hat (wenn ich nicht irre) von nichts als von diesen beiden 
gestanden. Damit Du aber nicht ferner zürnst, will ich Dir gleich 
erzählen, daß wir gestern Abend im Feydeau 54 waren, und den 
letzten Act einer Oper von Catel 55 , L'aubergiste und Leocadie von 
Auber 56 sahen. Das Theater ist geräumig, freundlich und hübsch. 
Das Orchester ist recht gut. Wenn auch die Geigen nicht so vor- 
trefflich sind, wie die der Opera buffa, so sind doch die Bässe und 
Blasinstrumente, auch das Ensemble besser als da. Auch wird in 
der Mitte dirigirt. Die Sänger und Sängerinnen singen ohne Stim- 
me und nicht übel, spielen recht lebhaft und schrill, und so geht 
das Ganze recht gut zusammen. Aber nun die Hauptsache, die 
Composition. Von der ersten Oper will ich nicht sprechen, denn 
ich hörte nur die Hälfte, und die war zwar matt und kraftlos, aber 
doch nicht ohne hübsche leichte Melodie. Aber die berühmte 
Leocadie vom berühmten Auber! Sowas Erbärmliches kannst Du 
Dir gar nicht vorstellen! Das Sujet ist aus einer schlechten Novelle 
von Cervantes 57 schlecht zu einer Oper umgearbeitet, und ich 
hätte nicht geglaubt, daß ein so gemeines, unziemliches Stück sich 
auf dem Theater der Franzosen, die doch sehr feines Gefühl und 
richtigen Tact haben, nicht nur halten, sondern sogar gefallen, und 
in kurzer Zeit 52 mal hinter einander gegeben werden könne. Zu 
dieser Novelle aus Cervantes roher, wilder Periode hat Auber eine 
zahme Musik gemacht, daß es ein Jammer ist. Ich spreche nicht 
davon, daß kein Feuer, keine Masse, kein Leben, keine Originalität 

38 










Abraham Mendelssohn Bartholdy 



in der ganzen Oper zu finden, daß sie aus Reminiszenzen abwech- 
selnd aus Cherubini und Rossini zusammengeklebt ist, ich spreche 
nicht davon, daß nicht der geringste Ernst, nicht ein Fünkchen 
Leidenschaft, keine Kraft, keine Wärme drin ist; daß in den ent- 
scheidenden Augenblicken die Sänger Gurgelagen und Triller- 
chen und Passagen machen müssen: aber instrumentiren, was jetzt 
so leicht geraten ist, da die Partituren von Haydn, Mozart, Beetho- 
ven verbreitet sind, instrumentiren sollte doch wenigstens der 
Liebling des Publicums, der Schüler Cherubinis, ein Mann mit 
grauen Haaren, können. Auch das nicht. Denk Dir, daß in der 
ganzen, an Musikstücken so reichen Oper vielleicht dreie sind, in 
denen die kleine Flöte nicht die Hauptrolle spielt. Die Ouvertüre 
fängt mit einem Tremulando der Saiteninstrumente an und alsbald 
kommt die kleine Flöte auf dem Dach, und das Fagott im Keller, 
und dudeln eine Melodie dazu, im Allegrothema machen die Sai- 
teninstrumente die spanische Begleitung und die kleine Flöte du- 
delt wieder eine Melodie, Leocadies erste melancholische Arie: 
pauvre Leocadie, il poudrait mieux mourir wird von einer kleinen 
Flöte angemessen begleitet. Die kleine Flöte malt des Bruders 
Wuth, des Liebenden Schmerz, der Bauernmädchen Freude, kurz, 
das Ganze ließe sich vortrefflich für zwei Flöten und Maultrom- 
mel ad libitum einrichten. O weh! 

Du schreibst mir auch, ich soll mich zum Bekehrer aufwerfen und 
Onslow und Reicha Beethoven und Sebastian Bach lieber lehren. 
Das thue ich schon ohne das, so weit es geht. Aber bedenk, liebes 
Kind, daß die Leute hier keine Note aus Fidelio kennen. Daß sie 
Seb. Bach für eine recht mit Gelehrsamkeit ausgestattete Perücke 
halten. Neulich spielte ich auf Kalkbrenners Begehr die Präludien 
aus e und a moll für die Orgel 58 . Die Leute fanden beide wunder- 
niedlich, und einer bemerkt, der Anfang des a moll Präludiums 
habe auffallende Ähnlichkeit mit einem behebten Duett aus einer 
Oper von Monsigny 59 . Mir wurde grün und blau vor den Augen! 
Und somit habe ich DeinenBrief beantwortet, lebe denn für heute 
recht wohl. 



40 



fanny an felix 60 Berlin, 25. April 1825 

Etsch! Reist nach Paris, u. bekömmst keinen vernünftigen Ton zu 
hören, oder doch nicht viele, u. wir sind ruhig zu Hause geblieben, 
u. müssen alle Ohren aufsperren. In einer Woche: Jessonda 61 , Al- 
ceste 62 , Samson 63 u. die Pastoralsymphonie, denn die beiden letz- 
teren giebt Sapupi 64 übermorgen am Bußtage zu seinem Conzert. 
Was meinst Du? So viel scheint mir gewiß, daß Deine Anlage zum 
Schuhuhismus sich glänzend in P. entwickelt. Mein Sohn, Deine 
Briefe sind ja ganz aus Kritik zusammengenäht. Marx wird Freude 
an Dir erleben. Ich hoffe, in der Erinnerung wird noch Manches 
ein rosafarben Kleidchen anziehn, was jetzt noch vom Staube der 
Befangenheit u. Vorurtheile graut, denn wenn Alles wirklich so arg 
wäre, wie Ihr es jetzt anseht, so wäre es ja schade um die Reise. 
Kalkbr. 65 karakterisierst Du sehr gut, u. rufst mir den liebenswür- 
digen Ciavierengel 66 wieder recht lebhaft ins Gedächtniß zurück. 
Ich wollte ihn einmal wieder über die Tasten blitzen hören [. . .] 
Hat denn K. noch gar nicht jettlich gesagt? Grüße ihn doch ja, ich 
bin sehr erfreut, daß er sich meiner erinnert. 67 
Du armer Tantalus! Rode täglich zu sehn u. keine Harmonie aus 
diesen Sphären zu vernehmen! Doch muß ich gestehn, finde ich 
es recht tröstlich, ihn in P. zu wissen, wo doch ein Wiedersehn 
eher möglich ist, als in dem Winkel Bordeaux. - 
Ach was habt ihr für schöne Bilder gesehn! Warum schreibst Du 
davon kein Wort? Nichts v. öffentlichen Gärten, der Stadt, den 
Gebäuden? Es scheint mir fast, als tödtete die leidige Soireemusik 
jeden Genuß in Dir. Nun, die unsrige, kräftige, wird Dir schmek- 
ken, wenn wir erst in unserm großen, gewölbten Gartensaal 68 Dei- 
ne Symphonie streichen. Ach wie freue ich mich darauf! Deine 
Geschichte mit den Sechsen, die immer den Siebenten applaudi- 
ren, ist sehr gut. Was hat sich da Alles zusammengefunden u. schö- 
ne Dinge gesagt, Rossini u. Meyerbeer 69 , Hummel, Moscheies u. 
Kalkbrenner, die sich doch wahrscheinlich einer den Andern ins 
Pfefferland wünschen. 

Jetzt haben wir den schönsten, heitersten Frühlingshimmel, u. 
grüne Bäume. Sonntag Nachmittag waren wir in unserm Garten, 
mit der jungen Garde, zu der sich ein Rekrut eingefunden hat, ein 
junger H. Schubring 70 aus Dessau, der uns freundliche Briefe v. 



4i 



Wilhelm Müllers gebracht. Wir alle huckten auf der Erde, u. such- 
ten Veilchen, Klingem. 71 mit; uns parodierend, wir behaupteten, 
er buddele Veilchen. Dazu hatte er seinen Brill aufgesetzt, u. dann 
ließ er sich auf einem abgehauenen Baumstamm nieder, die in sein 
Schnupftuch gesammelten Blumen, Erde u. Gras, zu ordnen. 
Kannst Du Dir diese grandiose Figur recht lebhaft denken? 
Unser Garten ist schon wunderschön; wie wird er nicht erst im 
Mai seyn, wenn der Flieder blüht. Du bist aber ein Stückchen 
Vandale, hast keinen Sinn für grüne Bäume. 
Apropos, hab ich, oder hab ich nicht erzählt, daß Klingem. schon 
3 Violinstunden bei Ritz genommen? Er hat wirklich einen lo- 
benswerthen Eifer. Wir haben ihm eingeredet, er müsse die 
Hauptsäule des Symphonievereins werden, u. er glaubt es, u. miß- 
handelt nun tapfer R's armen Aegidius Klotz 72 . R. hat auch 3 Schü- 
lerinnen bekommen. Unsere kleine geschickte Nachbarinn, Ida 
Benda 73 [. . .] u. die beiden kleinen Blancs. 74 
Gestern wurde für Lauska 75 das Requiem v. M. 76 gegeben. Ichkonn- 
te, wegen eines starken Hustens, der mich quält, nicht hingehn. Auf 
der Academie war das v. Zelter 77 , u. bei diesem werden wir nächsten 
Freitag wahrscheinlich das v. Hasse 78 singen. Schade, daß Seb. Bach 
keines geschrieben hat. Ist denn Reißiger 79 nicht in P., oder wie 
kömmts, daß ihr ihn noch nirgends angetroffen? Und Drouet? Ist es 
nicht eine ungemein glückliche Idee, die Pastoralsymphonie vor 
dem Samson zu geben? Samson war just so ein Landmann, mit Du- 
delsack, Wachtel u. Nachtigall. Und doch, so verkehrt es ist, freue 
ich mich auf Beides. Und nun Adieu, eben ist die erste Bratschen- 
korrektur gekommen. Wenn wir nur erst Antwort v. Weimar ha- 
ben, ist die ganze Geschichte in 14 Tagen abgemacht. 80 Ich grüße 
Väterchen tausendmal, u. Tante H., u. Rode, über dessen Zeilen wir 
eine außerordentliche Freude gehabt haben. Lebt wohl. Wenn wir 
Euch doch bis Potsdam entgegen fahren könnten. 
Fanny. 

fanny an felix 81 Berlin, 29. April 1825 

Ja ja, mein Sohn, die Pastoralsymphonie (zu Deutsch: Hirtensym- 
phonie) ist sehr schön, u. wenn Dus nicht glauben willst, so rufe 
ich Dir zu, schweige u. höre, u. dann urtheile. Ich kann Dir nicht 



42 



mehr sagen, als daß Mutter entzückt davon war, als es aus war, 
frug, was nun käme? Clarheit u. Wahrheit, Reichthum u. Einheit 
von einem Ende bis zum Andern. Die Scene am Bach ist wirklich 
ein Ideal von Anmuth, das ganze Stück in heiterer, heller Farbe 
gehalten, nur das schwere Gewitter bildet den nöthigen Schatten 
in der Landschaft. Schade, daß mein Lieblingssatz, die Bachscene, 
vollkommen verdorben wurde durch das Tempo, welches unver- 
nünftig, noch viel schneller war, als in Mosers 82 Concert. Das Or- 
chester fühlte das Tempo weit besser als Moser, es wollte nicht mit, 
dadurch entstanden denn böse Rückungen. Es ist der höchste Reiz, 
die lieblichste Anmuth der Instrumente, die ich kenne. Von Sapu- 
pis holder Ruhe hat gewiß Mutter schon erzählt. Samson ging, bis 
auf einige arge Placker, ziemlich gut. Die Milder 83 war unübertreff- 
lich. 

Heut habt ihr uns vergebens schmachten lassen, haltet uns nur 
morgen schadlos. In 14-18 Tagen hoffe ich haben wir Euch wieder, 
u. vielleicht sind dies unsre letzten Briefe. Den v. Ritz erhältst Du 
lieber Felix so spät, weil er ihn neulich eine Stunde nach Abgang 
der unsrigen erst brachte. Ich wünsche Väterchen Glück zur an- 
genehmen u. erwünschten Vermiethung der mittleren Etage. 84 Es 
geht mit Pauken u. Trompeten. Apropos v. Pauken u. Tr., wie ist 
es möglich, daß Du außerordentlicher Wunderjüngling, 6 Wo- 
chen leben kannst, ohne eine einzige Note zu schreiben? Es 
kommt mir unwahrscheinlich vor. 
den losten (4. 1825) 

Da Klingemann u. Beckchen ausgerast haben, will ich einmal wie- 
der die Feder ergreifen, um Dir für Deinen sehr gescheuten Brief 
v. 20sten zu danken. Ich bin nur froh, daß Du endlich einmal mit 
vernünftiger Begleitung gespielt hast, bis jetzt hab ich Dich doch 
darbend gewußt mitten im Lande wo Milch u. Honig fließt. Ehe 
ich es wieder vergesse, will ich Dir nur gleich eine Frage thun, die 
mir schon lange auf 85 dem Herzen lag, die ich aber immer vergaß, 
wenn ich die Feder in die Hand nahm, nämlich warum Du auf 
allen den matinees, diners, soupers, u. was sonst noch für ers 86 sind, 
noch gar nicht Dein Sextett 87 gespielt hast? Giebt es in Paris in 
jener Gesellschaft nur Einen, der Bratschenschlüssel liest? Lieber 
F. ich möchte wol Ihr hättet Eure geliebte Frau, Mutter, Töchter, 
u. Du Deine vielgeliebte Schwester dort. 



43 



Wenn ich v. Euren vernünftigen Plaisirs lese, läuft mir der Mund voll 
Wasser. Doch glaube nicht, daß wir gar nichts vornehmen, wir 
haben gestern Abend Plaisir ausgestanden, so gut, wie ihr, wir 
waren auf einer Soiree, da war es so heiß, so heiß, wie es nur in 
Paris hätte seyn können. Wir waren da mit Iwan Müller 88 u. dem 
Improvisator Wolff zusammen. Mit ersterem ließ ich mich in eine 
lange Discussion ein, um mir seine Verbesserung der Clarinette u. 
Altclarinette erklären zu lassen. Er behauptet, vermöge seiner Er- 
findung, mit mehreren Klappen, u. einem etwas veränderten Bau 
des Instruments, alle Tonarten auf demselben blasen zu können u. 
alle Töne zu binden. Er schreibt daher auch jede Tonart in ihrer 
natürlichen Lage u. im ehrlichen Tenorschlüssel. Denke Dir mei- 
ne Seligkeit bei der bloßen Hoffnung, einst 89 alle Partituren so 
geschrieben zu sehn. Kommt dann noch irgend ein Müller v. Him- 
mel, u. verbessert die Hörne dergestalt, daß sie alle im Baßschlüs- 
sel geschrieben werden, dann lese ich die Partituren, wie Wasser. 
Kannst Du Dich bei Gelegenheit nach Müllers Clarinette erkun- 
digen, so thue es doch, er behauptet, seine Verbesserung sey in P. 
durchgängig angenommen, u. auch hier haben schon mehrere 
Clarinett. 90 angefangen, unter seiner Leitung solche Instrumente 
anfertigen zu lassen. Du mußt gestehn, es wäre ein großer Vor- 
theil, alle Tonarten auf einer Clarinette zu blasen. Sein Spiel gefällt 
mir übrigens nicht. Sein Ton ist zwar sehr schön, aber sein Vortrag 
so geschmacklos, daß man sich sehr davon verstimmt fühlt. Mitten 
in seinen albernen Trillerchen 91 Läufchen u. Cadenzen hält er 
dann einmal einen Ton mit so abwechselnder Stärke u. so lange 
aus, daß einem der Athem vergeht, da soll man sich denn ge- 
schwind hineinfühlen, um augenblicklich wieder ins Laufwerk zu- 
rück zu fallen. So rasch fühle ich nicht, u. daher fühle ich, wenn er 
spielt, gar nichts als Köpfweh, welches mir dies durchdringende 
Blasinstrument im Zimmer unfehlbar erregt. Wolff improvisierte 
trotz tropischer Hitze, Jostyschem 92 Eise, Kuchen, u. einer ihm auf 
dem Halse lastenden Menschenmasse recht schön, u. ich war so 
glücklich, daß er ein Thema wählte, welches ich ihm aufgeschrie- 
ben hatte. Dorn 93 begleitete ihn viel besser als Greulich 94 . Er hatte 
einige musikal. aus dem Gedicht hervorgehende Ideen, die mich 
wirklich überraschten. Ein dann folgendes Tyrolerlied war auf der 
Guitarre begleitet, welche sich meiner Idee nach weit besser dazu 



44 



eignet, schon weil ihr dünner Ton die Stimme nicht zu sehr be- 
deckt. - Ich komme eben aus Vaters Stube, wo ich Ritz der kleinen 
Benda habe Unterricht geben hören. Sie spielt Etüden v. Gramer 95 
u. muß brav wiederholen. - Rodes Wunsch, mit uns zusammen 
zu wohnen, wiederhole ich als tausendfaches Echo. Käme er nur 
her, es ist eine allerliebste Wohnung für ihn u. Frau u. Kinder da, 
dann wollten wir jubeln: 
Wenn das Gewölbe wiederhallt 
fühlt man erst recht der Geige Grundgewalt. 
Und unser ganzes Haus sollte wiedertönen. Aber daran ist leider 
nicht zu denken. Was sagst Du denn, daß der große Geiger Klin- 
gemann unser Miethsmann wird, obgleich Ritz sehr vor ihm ge- 
warnt hat. Es sey zwar gefährlich den Leu zu wecken, etc. allein 
der Schrecklichste der Schrecklichen sey Klingemann in seinem 
Wahn, nämlich in seinem Geigenwahn - oder Wahnsinn, wo- 
durch er als umgekehrter Amphion, Thiere Menschen u. Götter 
verscheuchen würde. Er hat gestern unter tausend Possen Ab- 
schied genommen, u. ist heut zur Hochzeit gereist. - Du kannst 
denken, wie froh wir waren, eben zu vernehmen, daß Z. 96 einen 
eigenhändigen Brief v. Goethe erhalten habe, u. wie sehr uns das 
Gerücht seiner Krankheit, u. sogar seines Todes, geängstigt hatte. 
Gott erhalte uns dies Paar noch recht lange, Amen. - Und somit 
leb wohl, ich lobe Dich, ich liebe Dich, ich lobe Deine Briefe, u. 
hoffe, daß wir Euch liebe Dreieinigkeit bald wieder haben werden. 
Könnte ich nur so viel gescheute Antworten geben, als die Leute 
immer dieselben Fragen nach Euch thun. Adieu. 

felix an fanny 97 Paris, 9. Mai 1825 

Eure Briefe vom 29 und 30sten haben wir gestern auf einer höchst 
angenehmen Lustpartie nach Montmorency bekommen, und ich 
bin sehr erfreut, liebe Fanny, einen so langen und ausführlichen 
Bericht über alles, was Dich bekümmert und beschäftigt erhalten 
zu haben. Über Deinen vorigen Brief war ich etwas wüthend, und 
beschloß Dir einige Schelte zu reichen, die Dir auch noch nicht 
geschenkt sein sollen, aber die Zeit, der wohlthätige Gott, wird sie 
wohl mildern, und Balsam gießen in die Wunden, die mein flam- 
mender Zorn Dir schlägt. Du schreibst mir von Vorurtheilen und 



45 



Befangenheit, von Brummen und Schuhuismus, vom Lande, wo 
Milch und Honig fließt, wie Du dies Paris nennst? Besinn' Dich 
doch, ich bitte Dich! Bist Du in Paris oder bin ich es? Da muß ich's 
doch besser kennen, als Du! Ist es meine Art von Vorurtheilen 
befangen, über Musik zu urtheilen? Wäre sie das aber auch: Ist 
Rode befangen, der mir sagt: c'est ici une degrengolade 98 musicale! 
Ist Neukomm 99 befangen, der mir sagt: Ce n'est pas ici le pays des 
orchestres. Ist Herz befangen 100 , wenn er sagt: Hier kann das Pu- 
blicum nur Variationen verstehn und goutiren. Und sind ioooo 
andre befangen, die auf Paris schimpfen! Du, Du bist so befangen, 
daß Du meinen höchst unparteiischen Berichten weniger glaubst 
als einer lieblichen Vorstellung von Paris als einem Eldorado, die 
Du Dir gebildet hast. Nimm den Constitutionen 101 in die Hand: 
was giebt man in der Italiänischen Oper als Rossini? Nimm den 
Musikkatalog zur Hand: was kommt heraus, was geht ab als Ro- 
manzen und Potpourris? Komm doch nur erst her, und höre Al- 
ceste, höre Robin de Bois 102 , höre die Soireen (die Du mit Salons 
übrigens verwechselst, denn Soireen sind Concerte für Geld, u. 
Salons Gesellschaften) höre die Musik in der königlichen Kapelle, 
und dann urtheile, dann schilt mich, aber nicht jetzt, wo Du von 
Vorurtheilen befangen und gänzlich verblendet bist!!!! 
Nun verzeihe mir dies Allegro feroce! Ich falle Dir in Gedanken 
zu Füßen, und küsse Dir die Hand, und sehe Dich, hoff' ich be- 
sänftigt und mein Unrecht vergessend. Dann soll ich gestehen daß 
es ein großer Vortheil wäre alle Tonarten stets auf einer Clarinette 
zu blasen. Das gesteh ich aber keineswegs. Wenn einer käme und 
für jede Tonart eine eigene Clarinette erfunden hätte, die von einander 
so verschieden wären, wie die in c von der in a und b, dann wollt' 
ich mit Freuden gestehn, daß der Mann eine große Erfindung 
gemacht hätte. Aber so! Er nimmtja offenbar dem Orchester seine 
Nuancen weg, wenn er sie den Instrumenten wegnimmt, denn aus 
denen ist es ja zusammengesetzt. Glaube mir, laß Dir lieber von 
Ritz ernstlich zeigen, wie man Clarinetten und Hörner liest, übe 
Dich eine Stunde lang drin, und Du wirst Partituren spielen, und 
die Clarinetten und Hörner wollen und lassen, wie sie sind. Beim 
Hercules! 

Sie sind gut so! Er sagt, seine Verbesserung sey in Paris allgemein 
angenommen. Nego factum! 

46 



Auch Du, liebste Mutter, schreibst mir am Ende des vorigen Brie- 
fes, ich möchte nicht so brummig seyn, über alles, was ich hörte. 
Glaub mir doch, ich bin nie so wenig brummig gewesen, als jetzt, 
und von Vorurtheilen ist die Rede gar nicht. Ich habe Vater gebe- 
ten mir über diesen Punct ein Testimonium morum zu verabrei- 
chen, und er hat mir es zugesagt. Ich habe in diesem Augenblick 
eine schöne neue Halsbinde um, welche mir Tante Jette ge- 
schenkt, und habe sie selbst, ohne Eichthals Hülfe, in einen so 
neumodischen, zierlichen Knoten gelegt, daß ich vor mir erstaune. 
Was meinst Du zu meiner Figur in kurzen Beinkleidern mit 
Schnallen, und langen Strümpfen mit Schuhen? 
Ich habe dieser Tage ein Kyrie 103 gemacht, a 5 voci und grandissi- 
mo Orchester, das an Dichtigkeit alles übertrifft, was ichje zusam- 
mengesetzt (componirt) habe. Es kommt auch ziemlich viel Piz- 
zicato drin vor, und was die Posaunen betrifft, da ist auf eine gute 
Luftröhre der Bläser gerechnet. 

Nun lebt wohl; grüßt Hrn. Professor Zelter sehr, auch die Mad. 
Casper 104 , und den großen Schuhu Frank, auch mein Herzensrö- 
selchen 105 ; sag' ihm ich hätte noch keinen Strich gezeichnet, und 
Tante Mayer 106 und Tante Levi 107 und wen nicht? Von Felix 
P, S. (Fragment an Lea:) 

[...] Dann behauptest Du, ich erkenne nicht an, was Fanny für 
mich thut. Davon kann ich Dir das Gegentheil nur versichern, 
beweisen kann ich es nicht. Glaube nur meinen Betheuerungen, 
denn das Lügen habe ich mir in Paris noch nicht angewöhnt [. . .] 
Coda. 

Dir liebe Fanny kann ich nur in aller Eile noch für Dein Hebevolles 
Briefchen danken, grüße die ganze Garde; ich gebe Klingemann 
den Auftrag mich mit der Dame, die ihm die beste für mich zu 
seyn scheint, zum Mohrrübencottillion zu engagieren; meinem 
guten Ritz einen kalten Gruß, nächsten Posttag bekommt er be- 
stimmt einen warmen Brief, wie auch Herr Professor Zelter, dem 
Du mich sehr empfehlen mußt, und somit leb' recht wohl. 



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felix an fanny Berlin, 7. Juli 1826 

Geliebteste Schwester! 

Ich wollt* ich war ein Zander; denn außer dem guten Geschmack, 
auf den ich sehr erpicht bin, und der allen Zandern angeboren ist, 
haben sie auch das Vorrecht sich den ganzen Tag zu baden, und 
das Wasser hat 22 Grad. Dann brauchen sie wieder Gesichter, noch 
Cour, noch Ouvertüren zuzuschneiden, kurz es sind glückliche 
Geschöpfe, mit mir verglichen, der ich bei allem gähne, und bei 
allem schläfrig bin, sogar beim Schlafen selbst, und wäre dieser 
Brief nicht nach Doberan gerichtet, so würde ich mich auf einen 
Augenblick an die Bank, auf der ich sitze, lehnen, und über das 
Wesen der Dinge nachdenken. Nun stelle Dir also Deinen schläf- 
rigen Gör vor, der sich gestern in der Nachmittagshitze gegen 6 
Uhr zu Spontini schlagen muß, um sich von ihm Opernbescheid 
zu holen 109 . Im Anfang des Gesprächs versprach er mir die Auf- 
führung im September, am Ende desselben aber schon im Oct- 
ober, und hier ist bei dieser Gelegenheit ein kleines Regle de foi- 
Exempel: Wenn sich ein Ding in einer halben Stunde um einen 
Monat verschiebt, um wieviel Jahre verschiebt sich's dann in 14 
Tagen? Indessen hör' ich doch schon vom Ausschreiben sprechen, 
und das ist doch etwas. Lassen se se man; sagt Frau Möllern. 
In dieser Lethargie habe ich mir eine neue Lithurgie für mein 
Leben ausgedacht. So habe ich z.B. befunden, daß man gewöhn- 
lich eine Mahlzeit zu viel hält; das erste Frühstück und Mittags- 
mahl sind gar zu unentbehrlich, das zweite Frühstück mir abzu- 
gewöhnen war mir, trotz wiederholter Versuche unmöglich, so fiel 
mir das Abendbrod ein, und dies gewöhn' ich mir nun nach und 
nach ab, ohne Furcht den Tod des heiligen Hieronymus (er ver- 
hungerte) sterben zu müssen. Ferner habe ich mir das Componi- 
ren im Garten zugelegt, und daselbst schon zwei Ciavierstücke a 
Dur und E moll zu Stande gebracht, und heute oder morgen will 
ich midsummernightsdream 110 zu träumen anfangen. Es ist aber 
eine gränzenlose Kühnheit! Auch die Sonate soll geschrieben wer- 
den, und obwohl Du vergessen hast, Fräulein Coschitzky ein 
Stöckchen zur Verjagung aus dem Garten hinzulegen, so bin ich 
doch sehr fleißig, schon um mich wohl zu erhalten. 
Übrigens bin ich persuadirt, daß Du dem Brief hier sehr wohl 

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ansiehst, welche Mühe sich sein Vater mit seiner Existenz genom- 
men hat. Aber es ist doch wirklich nichts, gar nichts zu berichten 
da; außer daß Franck plötzlich findet, behauptet und durchführt, 
daß es von seiner jetzigen Wohnung bis zu uns eigentlich weit 
näher sey als von seiner vorigen Wohnung, und daß wieder einmal 
zu meiner Pein zwei neue Brautpaare da sind. Mine will Berlin 
verlassen, Ritz sich erschießen, Tante Mine weint. Kanstein ist 
vorgestern, wenn ich nicht irre, nach Warnemünde abgegangen; 
er billigt den Gartenunfug und die Spiele auf der Wiese keines- 
wegs; mit wem wird nun Ritz Arm in Arm spazieren gehen kön- 
nen, wenn wir Sack spielen? 

Ich rief ihn vorigen Sonntag und sprach: Ritz, spiel mit mir. Aber 
er kam ganz nah an mich heran, und sagte leise, er könnte nicht, 
weil er keinen Hausschlüssel bei sich hätte. Lindblad 111 klappert 
mit den Zähnen, und findet unser Clima zu rauh, denn seine Stube 
Uegt nach Norden, darum will er nach Schweden zurück; kommt 
er aber nach dem Garten, so findet er unser Clima zu heiß und 
will darum nach Schweden zurück. Die musikalische Zeitung ent- 
hält unseren Aufsatz. Schubring taucht auf den Grund, und 
kommt wieder an, den Kopf mit Muscheln und Schnecken ganz 
bedeckt. Aber nun weiß ich auch gar nichts mehr zu erzählen, und 
muß schließen. Ich hoffe, daß Vater nunmehr am ruhigen und 
warmen Meere mehr Geschmack findet, als sonst; denn Stürme 
und Kälte kann man in diesem Jahr nur in Iphigenie und bei Ste- 
hely 112 antreffen. Und grüß mir Vater viel tausendmal; gewiß hätt J 
ich ihm geschrieben, aber wenn er einen ganzen Brief voll Nichts 
bekommt, so schilt er furcht' ich, darum erwarb ich sehnlichst 
einigen Schreibestoff. 
Dein Felix MB. 

felix an fanny 113 Berlin, 18. Juli 1826 

[...] 

Dir, geliebteste Vergnügen-Votum- und Rathgeberinn, mit einem 
Worte, Fanny, habe ich doch etwas wenigstens zu melden. Sonn- 
abend war Dorn's neue Oper. Rolands Knappen, Text und Musik 
v. Heinrich Dorn. Das Haus war bis auf Parquet und Parterre lei- 
der gänzlich leer, und im weiten Range kein Mensch. Joseph 



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Friedlaenders, Marxs, Ritzs, Reißigers, Dehns 114 , Henochs 115 , Mo- 
linens etc. etc. Gesichter gucken von allen Seiten her. Ouvertüre 
fängt an, wird sehr lebhaft beklatscht, Spitzeder 116 vortrefflich, in 
bester Laune, gleich beim Auftreten mit Applaus empfangen, kurz 
das Publikum, wie Du Deine Königsstädter kennst, bis zum Ende 
des ersten Aktes ungetheilter Beifall; er enthält aber auch viele 
sehr hübsche und gute Sachen, ja alles, worin Dorn sich selbst gibt, 
wird Dir gewiß Wohlgefallen und ist recht erfreulich, und es hat 
mich recht sehr verdrossen, daß man überall deutlich sehn kann, 
wo er sich selbst verlassen hat, und Rossini, Spontini oder Spohr 
sein wollte, denn das scheint mir anzudeuten, daß er diese Ab- 
schweifungen von der Eigenthümlichkeit nur aus falscher Furcht 
vor dem Publicum, die er durch den ersten Erfolg ermuthigt, wohl 
bald ablegt, gemacht hat. Auch hat Stegmayer 117 viel darin gearbei- 
tet, man kann das Schlechte, und das Fade in der Oper dem mit 
mehr Rechte zu Last legen, als Vater das in der Louis Ferdinand- 
schen Musik 118 dem armen Dussek. 

Doch weiter in der Erzählung. Der zweite Akt beginnt mit meh- 
reren sehr pathetischen und sentimentalen Musikstücken, in de- 
nen die Schönheiten nur einzeln zerstreut liegen, und so mags 
wohl kommen, daß sich das kleine Publicum in zwei Partheien 
theilte, die sich nur gegen's Ende bei einem vortrefflichen Spitze- 
derianion wieder vereinigten, und nach dem Ende der Oper noch- 
mal stritten, beide mit gleichem Unrecht, glaub' ich; denn das 
Hervorrufen hat Dorn nach meiner Meinung nicht verdient, eben 
so wenig, oder weniger das Zischen bis er erschien. Er ist auch 
nicht so erfreut über die Aufnahme, als ich gedacht hatte, und er 
war vor der zweiten Vorstellung sehr bange, denn er sagt alla 
Dorn: Schwerenoth, da war kein Gesicht im Parquet, das ich nicht 
gekannt hätte, und übrigens kein Mensch im Hause. Wenn nur 
nicht der Teufel die übrigen Vorstellungen nach der zweiten holt! 
diese ist heute Abend und ich bin recht neugierig, wie sie ausfallen 
wird. 

Zweitens! gestern war das Concert im Freien zum Besten seiner 
Frau und Kinder gegeben von Moser. Bei eintretendem Orqan- 
wetter werden die Posaunen nicht eintreten, weil das Publikum 
nicht ins Haus eintreten kann. Um 8 Uhr morgens die Probe. Da 
regnets. Ich gehe hin, und bin puncto halb neun pünktlich da, und 



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sie aber noch beim Aufrichten eines großen amphitheatralischen 
Orchesters beschäftigt, welches die ganze Breite des Grasplatzes 
der Terasse gegen über einnahm, und auf welchem sich die ein- 
nehmende Musik für den einnehmenden Musikdirector gut aus- 
nahm. Neun Contrabässe liegen im Grase ausgestreckt; ein Kerl 
mit dem Serpent in der Hand geht spazieren, zwei Contrafagotte 
und drei Posaunen kommen eben durch's Souterrain; die Kanonen 
werden aufgestellt, Orchesterdiener laufen hin und her; Schock- 
schwerenoth, sagt Moser; Kammermusiker sitzen auf den Bänken, 
lachen mit einem Mal laut auf, tragen einander Huckepack; Ritz 
turnt weiter hinten mit 20 anderen Blase- und Saiteninstrumenten; 
zwei zanken sich; Puff! läßt einer die Ratschen losgehn; haltet's 
Maul, sagt Moser; zwei Bratschisten wetten auf's schöne Wetter 
etc. etc. etc. in aeternum. Endlich geht's los. Erst die Pastoralsym- 
phonie. Moser erwähnt: Meine Herren bleiben Sie nur zusammen, 
was Sie spielen, das ist mir einerley, und wir folgten seiner Ermah- 
nung. So also ging die Probe an, Moser ging an (sein Pult nämlich) 
und die Ausführung ging auch an. Die Ouvertüre aus Olimpia 119 
brauchen wir nicht zu probiren, die aus Faust 120 ging gut. Nun 
kommt die aus Oberon. Mit heiligem Respect lege ich meine Gei- 
ge in den Kasten und gehe zuzuhören auf den Grasplatz, ein bi- 
schen gespannt. Mit einem himmlischen Andante beginnts. Es ist 
der schönste Anfang von Weber [. . .] Die Elfen in den Blaseinstru- 
menten spielen gleich mit, der Turkenmarsch klingt auch an, und 
dann kommt ein Satz in Cello's und Bratschen, wie er ihn oft 
instrumentirt, aber wohl eine der rührendsten und edelsten Me- 
lodien, die er erfunden; lange hat mich nichts so entzückt, wie der 
Gesang, der dann endlich immer leiser wird [. . .] Nun strömt das 
Allegro und sie fangen feurig an, es geht gut; ein kleiner Regen 
fällt; weiter weiter schreit Moser; der Regen wird stärker, die Tone 
schwächer; »Sakrament, weiter!« Da gießt's mit einemmal gewal- 
tig und im Moment war alles durcheinander; alle suchen nach 
ihrem Kasten, bedecken mit Schnupftüchern die Bogen und die 
Geigen; nehmt die Noten unterm Arm, schreit Moser, und in zwei 
Secunden ist das ganze Große Orchester verlassen, und keiner 
bleibt, als ein einziger Clarinettist, der sehr kläglich das Lied aus 
dem Zinngießer 121 : »Ojemine!« zu spielen anfängt. Das Gelächter 
kannst Du Dir denken. Nach einigen Minuten hört es zwar auf zu 



regnen, wir hörten aber nicht auf (Mosers Ruf nämlich) sondern 
turnten wieder, und so wurde die Oberonouvertüre bei Seite ge- 
legt, und die 3 Lieder von Zelter probirt, und der Soldat seine 
Büchse zur Schlacht bei Vittoria 122 lud. Denke Dir 9 Posaunen, alle 
Blaseinstrumente doppelt. Zwei Chöre von Regimentsmusik, 4 
Trommeln, Ratschen, Schüsse, Kanonen, eine Regenmaschine 
und ein königl. Orchester, die alle zusammen präludiren und 
phantasiren, und die Sonne schien uns senkrecht auf den Kopf; das 
ist kein Spaß. Dann ging die Ouvertüre und die Schüsse los; erstere 
abscheulich schlecht, das that aber nichts; Ritz und ich spannten 
einen Regenschirm gegen die Sonne auf, und spielten drunter, und 
das Orchester kam abwechselnd sich darunter abzukühlen. 
Zur Aufführung des Abends um 1/2 7 hatte Moser den Sautreffer 
schönstes Wetter und an 1 000 Menschen zu bekommen. - Pasto- 
ralsymphonie - alles still; Olympia - alles mäuschenstill; Faust - 
alles todtenstill; Oberon - donnernder Applaus von allen Seiten 
her; das war hübsch; ein böses Omen ward aber, daß Moser in den 
ersten Tacten der Pastoralsymphonie seinen Tactstock auf die Sei- 
te fallen ließ, und nun ohne Direction spielen ließ, bis ein Höfli- 
cher ihn ihm wieder reichte; er war aber sehr ärgerlich. Die 
Schlacht ging sehr gut, wir waren alle ganz auseinander in der 
Mitte; aber das thut nichts, Schubring hat sie doch auf seinem 
Zimmer in der Mohrenstraße gehört. Nun ist der Brief geendigt, 
sowohl weil ich ausgehe, als weil der Stoff ausgeht, meine Liebe 
zu Dir geht aber nicht aus, sondern sie geht aus E moll seit Du weg 
bist. Fine. Felix. 
[...] 

fanny an felix 123 Berlin, 18. April 1829 

Ich hätte gern diesen ersten Brief, der Dich in London trifft 124 , mit 
dem dreistimmigen Trompetenstoß angefangen, allein zur Stunde 
bist Du noch nicht hinüber, das Wetter ist hier schlecht, u. ich will 
nicht Gott versuchen. Glaube ich Dich erst hinüber, so ziehe ich 
alle Register meines Herzens, stoße in alle Trompeten meiner 
Lunge, u. erhebe eine Musik, daß Du sie in der Insel hören mußt. 
Just am Tage Deiner Abreise ging die Emancipationsacte 125 durch, 
man kann sich also keinen interessanteren Zeitpunkt zu einer Rei- 



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se nach England ersinnen. Ich will Dir jetzt von dem Gegenstande 
erzählen, der Dich vor der Hand noch mehr berühren wird als 
Emancipation, Departementalgesetz, u. spanisches Erdbeben 126 , 
ich meine unsre gestrige Passion 127 . Hier vor der Hand das 128 Re- 
sultat: die Aufführung war weit über meine Erwartung, u. weit 
hinter der Deinigen zurück. Von den Montags u. Dienstags Pro- 
ben wollte ich Dir gar nichts schreiben um nicht den Jammer in 
Dir zu erwecken, von dem meine Seele voll war. Zelter spielte 
selbst, u. was er mit seinen zwei Fingern u. seiner völligen Unkennt- 
niß der Partitur herausbrachte, kannst Du Dir denken. Mißstim- 
mung u. Angst verbreitete sich im ganzen Chor, u. Dein Name 
wurde vielfach genannt. Die Donnerstagsprobe war nicht geeignet 
jene Bersorgnisse zu vermindern, Z. taktirte nicht bei den accom- 
pagnirten Rezit., und bei den Chören nur wenn er es nicht vergaß. 
Stümer 129 that Wunder, u. hielt sich, bei Z's fast fortwährend fal- 
schem Accompagnement 130 , stets richtig. Um einige Einzelheiten 
zu nennen, so war Devrient 131 so verwirrt, daß er unter anderem 
nur das halbe Abendmahl einsetzte, u. gleich in f Dur anfing: trin- 
ket Alle daraus. Die Milder warf das Duett wie gewöhnl. um, die 
Schätzel 132 plackerte stark in ihrer Arie, die kleinen Chöre »der 
rufet den Elias« u. »halt laß sehen« gingen drunter u. drüber etc. 
Z. fuhr entsetzlich drein, war sehr böse, verwirrte sich immer beim 
Umwenden der ausgelassenen Stücke 133 , wodurch große Pausen 
entstanden u. wobei ihn Stümer, mit mehr Discretion u. Haltung, 
als ich ihm zugetraut hätte, still zurechtwies, Devrient saß da, als 
ein vollendeter Ecce Homo. Um 5 schloß die Probe, u. außer uns 
vor Ermüdung, Anstrengung u. Angst kamen wir nach Haus, 
nachdem ich noch mit Devrient, Rietz u. David einen kleinen 
Rath gehalten hatte, u. übereingekommen war, daß Ritz ganz 
durch taktiren, David aber pausieren sollte, als hinge sein Leben 
davon ab, denn der 2te Chor war bei späteren Eintritten ganz auf 
sich allein angewiesen. Nach diesen Aspekten ging es denn noch 
außerordentlich. Deinen Vorschlag mit den »Clarinetten« 134 hatte 
Ritz in der Probe versucht, u. ich hatte den Chor ungestört 135 , wir 
fanden es aber nicht zweckmäßig, es klang zu spitz u. verlor den 
Orgelcharakter, u. so blieb es beim Alten in der Aufführung. Ida 
Benda, die ich gesehen habe, sagte, der Choral habe wunderschön 
geklungen. Der erste Chor ging übrigens gut. Ritz taktirte, u. bei 



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den Worten Jesu kamen die Instrumente fast immer präcis, was 
sehr zu verwundern. Die Milder sang die Arie sehr schön, schluck- 
te zwar ein ganzes Achtel lang, aber die Flöten gaben nach. Abend- 
mahl sehr schön. »O Schmerz«, zu geschwind, u. das pp. im Chor 
verschwunden. »Siehe, er ist da, der mich verräth«, sang Devrient 
laut Befehl. Duett wider Erwarten, vortrefflich, Chor schwach, 
daß Z. endlich seine Lust büßte, u. die Instrumente 136 durchtaktir- 
te, begreifst Du. Auch kamen sie nicht ganz präcis. Schlußchoral 
ohne piano, Flöten vortrefflich, Altarie gut, unter den Choreintrit- 
ten, waren durchweg die Tenore am schwächsten. Die kleinen 
Chöre gut, bei »wahrlich du bist auch Einer« fehlten zu Anfang 
die Flöten. In »Erbarme dich« machte die Schätzel denselben Feh- 
ler wie in der Probe, aber so geschickt, daß es wol nur wenige 
gehört haben. »Was gehet uns das an« war der einzige Chor, der 
anfangs sehr wackelte. »Der du 137 den Tempel Gottes« viel zu 
geschwind, Ritz hielt an, aber der Anfang war weg. Nun kam der 
große Scandal, der nicht fehlen kann: »Ach Golgatha«, fing statt 
auf dem 4., auf dem 8ten Achtel an, u. mit ihrer gewohnten Con- 
sequenz blieb die Milder, durch das ganze Redt., ihren halben Tact 
zurück, obgleich Zelter ihr mit aller Macht des Claviers richtig 
vorspielte. Rietz ging zu denBassethörnern hin u. brachte sie auch 
richtig in Ordnung, aber erst in den letzten Takten, u. solcher 
Jammer ward selten erhört. Sie hat mit wunderbarer Symmetrie 
das erstemal das erste Stück verdorben, das 2temal das 2te, u. ge- 
stern das dritte. Als es aus war, umarmten mich Viele, u. jammer- 
ten nach Dir. Bader 138 und Stümer an der Spitze. Stümer ward 
ganz weich und sagte, es muß Ihnen doch heut komisch zu Muth 
gewesen sein. Dafür machte ich ihm die größten Komplimente 
darüber, wie er sich hat halten können, Rietz hat auch Wunder 
gethan, denn Z. taktirte nur wenn es ihm einfiel, konnte er den 
Taktstock nicht schnell genug fassen, so nahm er die Hand, u. 
wenn er auch das vergaß, kamen die Chöre von selbst. Im Ganzen 
genommen, war es für das Publicum eine gute Aufführung, auf 
dem Orchester aber fühlte ein Jeder, wo es fehlte. Mir stand der 
Kopf den ganzen Abend nach dem Dampfschiff. Es war übrigens 
sehr voll, der König von Anfang zu Ende da [. . .] Noch muß ich 
bemerken, daß Devrient die Partitur nach der Probe aufgenom- 
men, u. die ausgebliebenen Stücke mit Mundleim verklebt hatte. 



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Eduard B. Devrient 



Er nimmt es wieder fort, u. außerdem ist Deine Partitur durchaus 
nicht verunreinigt worden. Ritz hat göttlich gespielt. Und nun 
glaube ich fertig zu seyn [. . .] 

fanny an felix' 39 Berlin, 24./2S. April 1829 

Heut erwarten wir unsere Leutchen zurück 140 , mein Felix, u. ich 
freue mich nicht wenig darauf, mit Beckchen recht clownen zu 
können, mit Variat. auf das Thema v. Schatz verloren etc. Eigent- 
lich genommen, lebe ich erst recht wieder auf, seit Du von Ham- 
burg fort bist, denn die Eifersucht, Beckchen allein mit Dir zu 
wissen, Heß mir wenig Ruhe, was hat das Kind für ein Ueberge- 
wicht mitgenommen! So acht Tage allein. Sie hat zwar viele De- 
tails Eurer letzten Tage schon geschrieben, ich werde mir aber die 
Details noch einmal detaillieren lassen, u. fürchte sehr, den Neid 
über diese acht Tage werde ich sobald nicht los, wenigstens kannst 
Du allein ihn mir wieder nehmen. Ich freue, u. sehne mich nach 
einem langen ruhigen Brief von Dir, in Hamburg ward 141 ihr alle 
etwas verdreht, Du, Wichtiges im Auge, ernsthaft zerstreut, das 
tolle Mädchen nicht wenig ausgelassen. Sie mögen ihr schön die 
Cour gemacht haben, das sah man jeder Zeile ihrer Briefe an, die 
von Uebermuth schäumten. 

Wir haben so so gelebt. Den ersten Feiertag, während Deiner 
Schwimmfahrt, waren Abends einige Getreue hier, Marx 142 , der 
fleißig kommt, u. von Mutter mit vieler Auszeichnung behandelt 
wird, Heydemanns 143 , Droysen ist noch nicht wieder von seiner 
Reise zurück. Den zweiten Feiertag bekamen wir von Hamburg 
die Nachricht Deiner Einschiffung, u. waren Abends, horribile 
dictu, bei Fränkels. 144 Dienstag gingen wir nach dem Garten, wo 
wir bis jetzt fürs Vaterland froren. Wenn Dir der April so saure 
Gesichter schneidet, wie uns, so ist das wenig Lebensart, einen 
Fremden so aufzunehmen. Mittwoch aßen Caroline 145 u. Augu- 
ste 146 hier, tete ä tete mit Mutter u. mir [. . .], u. nun hätte ich Dich 
hergewünscht, um zu sehn, wie im Zwielicht Hensel 147 zwischen 
Caroline u. Auguste auf dem Sofa saß, u. gräßlich Cour schnitt, als 
ich mich über heiße Ohren u. kalte Hände beklagte, nahm er die 
Mädchen erst bei den Händen, u. dann bei den Ohren, um zu 
versuchen, obs ihnen auch so wäre, nachher zeichnete er an bei- 



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den. Ich emancipierte mich den Abend gleich den Katholiken, u. 
hatte fiür Mosivius 148 einige Musik arrangiert, leider war Rietz et- 
was unwohl, u. hatte mir absagen lassen, David erbot sich freund- 
lichst, in dem Quartett, wie ich es wünschte, zu spielen, u. brachte 
Landsberg 149 u. Kudelsky 150 mit. Es ging weit über meine Erwar- 
tung, namentlich spielte David (ohne Vergleich mit Rietz) wirk- 
lich sehr schön. Marx war auch ganz von ihm eingenommen. Vor- 
her hatte ich das Trio von Beeth. D Dur 151 gespielt, u. war außer- 
ordentlich mit dem Instrument zufrieden, es klang prächtig voll u. 
stark, das ungemein zarte piano, das man hervorbringen kann, 
setzte mich in besten Humor, u. es gelang mir gut. Dann sang 
Devrient noch einige beliebte Lieder, unter denen besonders das 
»Glutverlangen« 152 Ulrike zum höchsten Entzücken hinriss. 

Marx hat Paganini 153 gehört und ist ganz hingerissen von ihm. Er 
fand Hensels Zeichnung 154 nicht zureichend, u. hatte ein längeres 
Gespräch mit ihm deshalb. Er giebt Concerte auf Concerte, jetzt 
im Opernhause zu hohen Preisen, alle brechend voll, dazu ist jetzt 
der junge Prume 155 hier, der mit ungeheuren Prätensionen auftritt, 
zu denselben Bedingungen des Pag. spielt u. geäußert haben soll, 
er wolle ihm überall nachreisen. Gestern hat er gespielt, ich weiß 
noch nicht mit welchem Erfolge, da wir gestern auf einem Ball bei 
Bendemanns 156 waren, wo soviel Menschen von einer andern 
Welt waren, wie ich noch nie in ordentlicher Gesellschaft gesehn 
habe. Rosa gewesene Kleider in Fülle, abgeblühte Blumen zu ab- 
gewelkten Gesichtern [. . .] 

Paul hat jetzt bis zu seiner Einsegnung wirklich zu viel zu thun, 
gestern u. vorgestern Abend hat er bis 2 Uhr gearbeitet, nachdem 
er bis um 9 auf dem comptoir war, sein Principal hat den Versorger 
des Waarenlagers weggejagt, u. da ist Paul in seine Stelle gerückt, 
u. da er noch gar nichts davon versteht, u. bei jeder Gelegenheit 
fragen muß, so nimmt es ihm viel Zeit, er muß schon um 7 Uhr 
dort sein. Ich hoffe, es soll nicht so arg bleiben. 
Die neuste Theatergeschichte ist die, daß Spontini, nachdem er 
zehn mal Alcidor angekündigt, u. wieder absagen müssen, sich 
endlich entschlossen hat, einen förmlichen Abbitte Brief an Bader 
gerichtet, an die Direction adressirt zu schreiben, den Redern 157 
dem versammelten Comitee vorlas, u. B. nachher frug, ob er sich 



57 



dabei beruhigen wolle? Er war nicht sehr geneigt dazu, bis ihm 
Redern vorhielt, nun sey es genug, was er eigentlich noch verlan- 
ge? Eben jetzt bekommen wir die Zeitung, worin Alcidor zum 
zwanzigsten Mal abgesagt, u. Oberon angesetzt ist [...] 
Sonnabend. Gestern ist unser Volk eingetroffen. Vater ist ungemein 
heiter u. aufgekratzt, Beckchen, das versteht sich am Rande. Wir 
haben schon viel zu plaudern gehabt. Ach Felix, jetzt wird erst die 
Lücke fühlbar werden, bis jetzt war es mir noch immer, als kämest 
Du etwa mit den Anderen wieder. Die Gardinen an Deinen Fen- 
stern sind hängen geblieben, u. am Tage sehe ich fleißig herüber, 
ob Du wol zu Hause bist, aber am Abend ists finster. Ueberhaupt, 
wie wir wol in tiefster Stille so im Innern etwas wie Musik hören, 
so habe ich umgekehrt bei jedem Geräusch, mitten im Gespräch, 
u. bei allen hohen u. niederen Geschäften des Lebens eine große 
Stille in mir, den Gedanken an Dich, der mich in keinem Moment 
verlässt. Lebe sehr wol, u. laß es Dir in Londons großem Lärm 
zuweilen heimlich und stille seyn. Das gefällt mir gar so gut an der 
Reise, daß man früher in London ankommt, als in England, u. daß 
man ohne Vorzimmer gleich mitten in der größten Hauptstadt der 
Welt absteigt. Lebe wohl [. . .] 



felix an fanny und Wilhelm London, 30. April 1829 

Da morgen erst mein Posttag ist, und dieser Brief nur durch ein 
zufällig heut abgehendes Dampfboot euch zukommt [. . .], so will 
ich nur 2 Worte Euch sagen, Euch versichern, wie gut u. angenehm 
es mir hier geht, Euch auf meinen morgenden Brief verweisen, 
und mich nun sogleich an Fanny wenden, mit einem wichtigen 
Auftrag. - Ich hatte Dich nämlich von Hamburg aus gebeten, liebe 
Fanny, mir alle dublirten Saiteninstrumentenstimmen von mei- 
nem Sommernachtstraum, meiner Meeresstille, meiner Sympho- 
nie in c moll 159 , meiner Trompetenouvertüre 160 und des Oktett 
zuzuschicken 161 . Vorgestern erhalte ich das Packet aus Hamburg, 
u. finde das Oktett, finde die dublirten Stimmen der Trompeten- 
ouv. complett, aber von der Meeresstille nicht eine einzige Stim- 
me, von der Sinfonie ebenso wenig, von der Sommernstr. Ouv. 
eine erste Geigenstimme, weiter nichts. Das begreif ich nun von 
meiner weisen, u. cantormäßigen Otter nicht recht, dann war ich 

58 



nicht immer der vergeßliche, u. Du der erinnernde Theil? Ich 
fürchtete schon eine Verwandlung, da erinnerte mich Mad. Mo- 
scheies 162 , daß Du Braut seist, und wie denn eine Braut für dublirte 
Stimmen Sinn haben könne? Ich verstehe nun alles und mache 
mich an Hensel. Geehrtester zukünftiger Schwager, Hofmaler 
und Mensch! Ich beschwöre Dich, sende mir die übrigen Stimmen 
gleich, sobald Du diesen Brief siehst, u. zwar auf dem schnellsten Weg, 
denn gerade diese sind es, die ich am nothwendigsten hier brau- 
che. Vater wird Dir sagen, durch welchen Weg ich sie am schleu- 
nigsten erhalte. Von der Sommernchtstr. Ouv. müssen im Musik- 
repositorium wenigstens noch 3 erste, 3 zweite Geigen, 2 Brat- 
schen u. 2 Bässe hegen, auch wohl noch mehr; sollte Fanny sie 
nicht finden können, so frage nur Ritz, der auch die Stimmen 
davon hat, u. schicke alles her. Von der Meeresstille müssen noch 
2 erste Geigen, 2 zweite, 2 Bratschen u. 2 Bässe dasein, schick sie. 
Die Sinfonie in c moll ist im Concert gegeben worden, also müs- 
sen dublirte Stimmen da sein, sollten sie nicht im Notenreposito- 
rium sein, so hegen sie auf meiner Stube, in den mit Glas verdeck- 
ten Fächern des Schrankes, in dem meine Bücher stehen, u. dessen 
Scheiben Du bei jenem Thee zerschmettertest. Kurz, es müssen 
von Sommernstr., Meeresst., und Sinfonie in c moll noch dublirte 
Geigen, Bratschen und Bässe sein; vielleicht könnte sie Ritz haben, 
dann frage den, da sein müssen sie, u. somit schicke sie mir so- 
gleich. Es sind nur noch 2 philharmonische Concerte, wenn ich sie 
erhalten werde, also mußt Du eilen. Morgen mehr. Gruß allen. 
Felix MB. 



fanny an PELix 163 Berlin, 1. Mai 1829 

O Felix, könnt ich jetzt schriftlich innig blöken, anders wüßt ich 
nicht zu sagen, was Dir meine Freude ausdrückte: Gestern kamen 
Deine beiden Heben Briefe, u. heut kam der, den Du direct nach 
Berlin geschickt hast, u. der blos mit der Post gegangen, am läng- 
sten unterwegs blieb, u. Du kannst Dir gar nicht denken, wie wohl 
mir der that, ich habe den ganzen Morgen die schönste Schimpf- 
laune gehabt, (warum, kommt nachher) und nun bin ich so but- 
terweich, daß man mich auf jedes Brodt streichen kann. 
Du Armer, was mußt Du ausgestanden haben 164 , am Ostermontag 



59 



verfolgte ich Dich beständig mit Tonen und Gedanken, stieß, wie 
ich nun sehe, viel zu früh in die drei Trompeten. In der Kirche, 
während der ganzen Predigt hörte ich nichts, als das Einströmen 
in die Themse, u. eilte gewaltig zum Schluß. 
Daß Paul den 29sten eingesegnet worden, hast Du schon vielfältig 
erfahren, es ist davon nichts besonderes zu berichten, Wilmsen 165 
sprach gut, aber die Handlung dauerte erschrecklich lange, was bei 
der Kälte in der Kirche besondere Bisterey 166 war. Ich freue mich 
Dir sagen zu können, daß wir jetzt alle ausgezeichnet zufrieden 
mit Paul sind, die angestrengte Arbeit u. die gezwungene Entfer- 
nung von uns thut ihm sehr wohl, und Abends, wenn er nach 
Hause kommt, ist er zwar sehr ermüdet, aber auch so weich u. gut, 
daß wir uns herzlich darüber freuen. Sein Prinzipal ist sehr mit ihm 
zufrieden, u. die plötzliche Entfernung eines Commis, hat ihm 
Gelegenheit gegeben, richtig zu avancieren. Da wir neulich in der 
Kirche so unser letztes Geschwisterchen in die Welt schickten, 
traten mir die großen Veränderungen des letzten Jahres wieder 
recht lebendig vor, was sich da Alles auseinander- u. zusam- 
mengeschoben hat! 

Heut ist der erste Mai, u. unser Zimmer ist nach zweimaligem 
Heizen erträglich warm geworden, die Bäume sind genau so weit, 
wie vor 14 Tagen, in der ganzen Natur scheint sich nichts anderes 
zu rühren als der Sturm. 

Felix, großer Censor! Wirst Du mich für hier u. dort verloren, für 
ganz aus der Art geschlagen, für aus meinem Character u. meiner 
Natur gegangen erklären, wenn ich Dir freimüthig das Bekennt- 
niß ablege, daß ich heut Abend bei Redens 167 zum Thee bin? Und 
daß das der Grund meiner üblen Laune auf der ersten Seite ist. 
Sage lieber u. Du wirst es besser treffen, daß ich (in diesem Falle) 
so klug und so gut bin, wie Du, u. die ganze Sache Heber von der 
leichten Seite nehmen, als tagelangen Verdruß darüber erregen 
will, mit welchem Herzen ich herauf gehe, und wie gemein ich 
mir vorkomme, das -[...] Du schreibst so ausführlich, daß ich Dich 
nicht genug bewundern kann, wo Du die Zeit dazu hernimmst, 
wenn Du nur halb so fortfährst, brauchst Du kein Tagebuch, u. 
noch dazu haben wir die Freude, alles mitzuerleben. Mutter, die 
noch im Bett liegt (es ist noch früh, und wir müssen gleich abschik- 
ken) trägt mir auf, Dir für Deine Pünktlichkeit u. Ausführlichkeit 

60 



sehr zu danken, Dir zu sagen, daß sie sich gestern mit einem 
schimmeligen englischen Ehepaar vortrefflich unterhalten habe, 
Familienverhältnissen in England wegen, u. Dir in ihrem Namen 
zu erzählen, wie herrlich gestern das erste Duett aus matrimo- 
nio 168 v. Frl. Reden u. H. v. Röder executirt worden. Vater, der 
. hinter meinem Stuhl stand, sang aus Herzensangst ganz laut mit, 
Frl. Elise war sehr heiser (wenn die Heiserkeit heiser ist, was ist 
das?) Mutter und ich sahen uns einmal an, aber dann nicht wieder, 
es wäre gefährlich gewesen. 

Marx hat einen sehr hübschen Aufsatz über Paganini geschrie- 
ben 169 . Daß Paganinis Concert für die Danziger überfüllt war, u. 
daß er darin neue 4stimmige Variationen über Corsare 170 vortrug, 
sage ich Dir wie Rellst. 171 von Hörensagen, denn es war Pauls 
Einsegnungstag, u. wir ruhig zu Hause. Heute Abend hören wir 
ihn bei Heinr. Beer. 

Schreibe uns öfter Einladungen auf lange hinaus, die Du erhältst, 
heut Abend bist Du in Messias, es ist so angenehm, sich einmal 
vorstellen zu können, wo Du gerade bist. 

Ich habe den Klopstock: willkommen o silberner Mond 172 auf 
Marx"s Veranlassung für Instrumente, näml. Contrabaß, 2 Celli, 
Bratschen gesetzt. Was: die ContraB. gehen nur bis a. Du mußt 
ihrer Tiefe eine Elle zuschlagen 173 . Was machst Du sonst mit der 
Meeresstille? 174 

Leb wohl, geliebter Schatz. Viele Grüße von Hensel, der heut mit 
Deinem Bilde 175 fertig wird. Er hätte uns etwas Unangenehmeres 
erweisen können als dieses Bild. 

Grüß Klingem., grüß Rosen 176 , grüß Moscheies, grüß sie, u. nimm 
Dich in Acht, nicht sowohl, daß Du nicht unter die Wagen, als daß 
Du nicht zu oft ins Cabriolet kommst, er möchte wieder eifer- 
süchtig werden. Sie scheint Dich zu achten. 177 Aber was will das 
sagen? Ich mache mir mehr 178 aus Dir. 
Die ältere Fischotter. 



fanny an felix 7 Berlin, 7. Mai 1829 

Mein einziger Felix, obgleich dieser Brief erst mit denen vom 
nächsten Mittwoch zugleich ankommt, schicke ich ihn doch zu 
meiner eigenen Beruhigung morgen. Ich kann Dir nicht beschrei- 



61 



ben, wie mich die Sache mit den Stimmen quält 180 und wie ich mir 
hier Vorwürfe mache, über den Verdruß, den ich Dir dort bereitet 
habe, durch meine Unachtsamkeit, Du hast mir gewiß gesagt, wo 
Du die Stimmen hingethan hast, gewiß Auftrag gegeben, sie zu 
mir zu nehmen, und ich Dumme weiß u. kann sie nicht finden. 
Sie sind, wie von der Erde vertilgt, ich habe Alles durchsucht, habe 
noch Rietz mitgenommen, weil ich meiner eigenen Einfalt 181 
nicht traute und nichts und wieder nichts. Und nun wirst Du am 
Montag Dich ärgern über die dumme Schwester, die Dir bis nach 
London Verdruß macht, und über den klugen Rath, den sie Dir 
von hier aus giebt, und den Du Dir gewiß längst selbst gegeben 
hättest, wenn es nur anginge, aber Gott weiß, wo die Notenschrei- 
ber wohnen, und wo Du sie auftreiben kannst, und am Ende bin 
ich Schuld, daß der Sommernachtstraum nicht gegeben wird, dann 
kann ich mich nicht trösten. Bester Felix, das dauert nun bis Mitt- 
woch über 8 Tage, ehe Deine Antwort kommt, bis dahin ängstige 
ich mich unaufhörlich. Ich versichere Dich, Du hättest Deine Er- 
mahnung an Hensel, mich zum Suchen aufzumuntern, gar nicht 
nöthig gehabt, er hat mich vom Tisch aufstehn lassen, und war gar 
nicht zu beruhigen, als ich fortwährend behauptete, die Stimmen 
nicht finden zu können. Übrigens, will ich Dir doch sagen, daß 
Deine 3 Briefe, vom 28ten, 3osten u. ersten 182 , an demselben Tage, 
Mittwoch den 6ten angekommen sind, so begreife ich nicht, daß 
Du keine Nachrichten von uns hast, wir haben jeden Posttag ge- 
schrieben, ach! lieber Felix, wir könnens ja gar nicht lassen, und 
Du bekömmst gewiß auch eine Masse Briefe auf einmal von uns. 
Wie das lange dauert, und breit und umständlich wird [. . .] und mit 
dem Allen habe ich Dir noch nicht halb gesagt, wie leid es mir ist, 
daß ich Deine Stimmen nicht gefunden habe. Ach, mein Alter! 
Ich verwahre mir Heber das Plätzchen auf morgen, denn heut brin- 
ge ich doch nichts hervor, als Stimmen, Stimmen, u. bin über all 
die Stimmen in solche Stimmung 183 gekommen, daß ich Heber 
aufhöre. 

Sonnabend. Gestern, als ich zu Zelter ging, und auf dem Hof Dein 
Fenster grüßte, sah ich etwas weißes davor, es war als hättest Du 
eben ein Papier weggeworfen, oder Dein Schnupftuch verloren, 
als ich näher kam, flog die Taube fort. Es war eine kurze, hübsche 
Täuschung. 

62 



Hensel hat mir neulich Morgens, nach einem kleinen Streit, den 
wir mit einander hatten, eine Zeichnung geschickt, die ich Dir mit 
schicken würde, wäre sie nicht so gräulich. Es steht darüber »Miß- 
verständnis« und Du bists, ein Verständniß mit einer M/55, die Du 
nach Hause führst. Morgen hat er die ganze Familie zu einem 
Frühstück bei sich eingeladen, um Dein fertiges Bild zu sehn, wel- 
ches nachher zu uns gebracht wird. Du wirst über dem Camin 
wohnen, mir im Rücken, wenn ich Ciavier spiele, aber sonst aus 
der ganzen Stube prächtig zu übersehn. 

Zelter, der oft hier ist 184 , läßt Dich sehr grüßen, überhaupt alle 
Deine Freunde, die sich fleißig nach Dir erkundigen. Auch ich bin 
einer von Deinen Freunden, und lasse Dich grüßen, und hebe 
Dich. 



fanny an felix Berlin, 12. Mai 1829 

Ich bin die Erste, die sich entschließt, an dieses Unthier von einem 
Bogen zu gehn, u. sich somit gewißermaßen zu opfern, denn der 
Erste schreibende muß sich doch gefallen lassen, von allen Ande- 
ren gelesen zu werden, er stellt es ihnen wenigstens frei, u. hat es 
seiner Talentlosigkeit zu danken, wenn es nicht geschieht. Das 
eigentlich Schreckliche dabei aber ist, daß man ganz Maaß u. Ziel 
verliert u. am Ende einer jeden Zeile stark vermuthen kann, man 
habe schon einen langen Brief geschrieben; das ist nun aber so, die 
Feder will schreiben, und der Bogen doppeltes Porto - facit ein 
großer Bogen, Du wirst daran in London schon gewöhnt, u. Dich 
am Ende, wenn dieser Brief ankommt, wundern über das kleine 
Billet.[...] 

Sonntag früh war eine Fete »bei meinen drei Fräulein im Schloß« 
bei Hensel in der Jägerstraße, Dir zu Ehren. Die ganze Familie, 
Tante Hiny 186 , Marianne u. Alexander 187 , Heysens 188 , Tante Jet- 
te 189 u. sogar Tante Mayer 190 war gekommen, zu unserer sehr gro- 
ßen Freude. Tante Mayer, die Einzige, die Dein Bild noch nicht 
kannte, war sehr erfreut darüber, saß lange davor, u. unterhielt sich 
ordentlich mit Dir. Deine Gesundheit wurde in Chocolade ge- 
trunken, u. in Kuchen gegessen. Als die meisten fort waren, ließ 
ich mir ein Bild zeigen, welches H. von sich in seinem 20sten Jahr 
gemalt hat, als Leinwand, u. wo er so wunderhübsch aussieht, daß 

63 



er mir schon gefiel. 191 Bei Tisch war es ein großer Spaß, da rissen 
sie es sich beständig aus der Hand, u. Vater sagte am Ende, es sey 
ihm recht heb, daß Mutter nicht zwanzig Jahr jünger wäre, so gut 
gefiel ihr der schöne Leinewand. 

Caroline u. Auguste, die den Abend kamen, küßten das Bild, u. 
Marx erkannte es auf der Stelle. Das war ein großer Triumpf für 
mich. Nun höre eine schöne Geschichte. Vorigen Freitag bei Zel- 
ter merkte ich gleich Davids Backenbarte an, daß er beleidigt sey, 
Sonntag trag ich Nase 192 , u. was hörte ich? daß er es übel genom- 
men habe, nicht zum Kaffee gebeten worden zu seyn. Giebts das? 
Nase war göttlich, als er mir die Geschichte in seinem gewissen, 
komisch kläglichen Ton erzählte. Erkläre mir das Einzige, Heber 
Felix, warum in Deinen Briefen so wenig von Klingemann die 
Rede ist, u. warum der Rüpel selbst nicht schreibt? Siehst Du ihn 
denn so wenig, thust Du's, so erinnere ihn doch, daß ich ein junger 
Mensch bin, heiße so u so, bin der u. der, wohne da u. da [...] 
Adieu, mein Schatz, befinde Dich wohl in Deinem weiten Him- 
melbett, welches wieder in einem noch weiteren Himmelbett, 
London, steht, wo schon Platz für einen Sterblichen ist, sich um- 
zudrehen. Addio, leb wohl, u. sey vergnügt. 



felix an fanny London, 15. Mai 1829 

[. . .] Dich, Hebe Fanny, schnauze ich an. Wenn Du wirklich durch 
einen Spas von mir Dich »nicht getroffen, aber verletzt fühlst«, 194 
so mußt Du mir dies nicht über den Canal schreiben. Denn so 
etwas kann erstHch nur eine AufwaUung sein, da allein die Absicht 
zu verletzen, verletzt, und von dieser ist zwischen uns nicht die 
Rede; zweitens aber wollte ich nicht, daß Du mir bei irgend einer 
Gelegenheit wieder Deine Unzufriedenheit zeigst, ohne nachher 
ein Wort der Versöhnung hinzugefügt zu haben, die Entfernung 
ist so groß, und eh Du mir auf meine Antwort antwortest, können 
14 unangenehme Tage vergangen sein! Nimm meine schlechten 
Witze aus der Ferne ebensowenig krumm, wie ich in der Nähe 
ehemals, und verzeihe mir meine Ungebärdigkeiten. Laß mich 
Dich aber unverändert wiederfinden. Amen Hebe Otter. Antworte 
mir auch hierauf nicht bös, sondern mach Dein Cantorgesicht und 
denke mein, damit gut. Ich schrieb nur so dringend, weil es mir 

64 



unbegreiflich war, daß nicht wenigstens Ritz noch Stimmen des 
Sommernstr.'s hat, da das Stück im Symphonieverein gespielt wor- 
den ist, und weil mir hier durch das Ausbleiben derselben Zeit 
verloren geht, da die Abschreiber zu dem Schurkengeschlecht ge- 
hören. Genug von der dummen Geschichte [. . .]. 

felix an fanny und lea' 95 London, 19. Mai 1829 

[. . .] Wie herzlich ich die ganze Geschichte mit den Stimmen be- 
daure, kann ich gar nicht sagen; mir ist nur das Misverständniß 
dabey unbegreiflich, nämlich Fanny u. Mutter schreiben mir nach- 
einander, ich würde auf diese Stimmen warten, und nun in Verle- 
genheit sein, vielleicht deswegen etwas von meiner Composition 
nicht geben lassen; daran kann ja natürlich gar nicht zu denken 
sein; ich bat um die Stimmen, weil noch Zeit genug da war, sie von 
Berlin kommen zu lassen, u. sie im Falle sie nicht kämen, hier zu 
dubliren; ich empfahl Eile, weil ich es für gut hielt, sobald als mög- 
lich Entscheidung zu haben; und Du, hebe Mutter, kannst um so 
ruhiger über die versäumte Gelegenheit sein, da ich Dir versichern 
kann, daß vor nächstem Montag (d. 20.) im Philharmon. Concert 
kein Gedanke daran war etwas von mir zu geben, und daß es sogar 
noch unbestimmt ist, ob dann etwas zur Aufführung kommen 
wird. Am meisten thut mir die ganze Sache leid, da ich zu meiner 
großen Beschämung einen großen Theil der vermißten Stimmen 
unter meinen Musikalien fand, und da eigentlich nur von der Sym- 
phonie und dem S.N'straum einiges fehlt; doch auch daran weni- 
ger, als ich wohl geschrieben haben mag, und so hat mich Fannys 
ganz betrübter Brief doppelt gerührt und ich bin sehr ärgerlich auf 
mich. Bitte, nehmt es nicht ins Gedächtniß auf, u. scheltet mich 
auch nicht, neckt mich auch nicht, sprecht gar nicht mehr von der 
Sache; ich habe mir schon selbst eine Moral daraus gezogen, und 
mich selbst runtergemacht, und um mich damit necken zu lassen, 
finde ich die Sache zu ärgerlich und dumm von mir. Der Taumel 
des Abschiednehmens bei der Abreise, u. des Ankommens in Lon- 
don mag mich entschuldigen, aber nicht rechtfertigen. [. . .] 



65 



fanny an felix Berlin, 20. Mai 1829 

Deine Fischottern kommen so eben wieder von einem Garten- 
gang, walk genannt, den sie in unmäßigem Wohlseyn über Deinen 
sehr frohen Brief gethan haben, da sie eben nichts anderes thun 
möchten. Die Kastanien leuchten, der Flieder duftet, die Mai- 
blümchen stehn, steif und frisch, wie überhaupt die erste Jugend, 
aus der Erde heraus, diese angenehme Sommerzeit wurde von uns 
ausgewählt, das Tageblättchen an Dich anzufangen, die wir, Eins 
ums Andere fortsetzen werden, u. sie Dir wöchentlich, gesandt- 
schaftlich oder gelegentlich zu schicken gedenken - 
Heut früh weckte mich der Schornsteinfeger um 6, sonst stehe ich 
so früh nicht auf, die Frucht meiner Ueberwindung war ein gutes 
Lied, des Du Dich freuen wirst. An der Windung dieser Phrase 
kannst Du nicht zweifeln, daß es von Droysen ist. 197 [. . .] 
Mittwoch zjsten 

Von diesen Tagen ist nichts zu sagen, also sollte ich billig still- 
schweigen, aber nun fange ich erst recht an. Gestern erfuhr ich 
Hensels allerliebste Idee, mir den Stuhl von Deinem Bilde machen 
zu lassen 198 , aber nicht, wie er es wünschte, sondern bei der Gele- 
genheit, daß Mme. Robert, die hier eingezogen ist, u. natürlich 
nichts weniger als die Idee hatte, uns dadurch zu stören, diesen 
Platz für sich wählte; ich bin heut zu ihr gegangen, u. habe sie 
gebeten, einen anderen zu wählen, aber natürlich ist ihm die Freu- 
de verdorben. Ueberhaupt geht es mit Kleinigkeiten, wie es ge- 
gangen ist. Für mich bin ich wenig reizbar, wie ich aber früher für 
Dich an solchen Dingen litt, so jetzt für Hensel, den es fast so wie 
Dich afficiert. 

Mutter hat immer noch nicht gelernt, zu irgend einer Sache ja zu 
sagen, u. das giebt nach wie vor die unangenehmsten Momente. 
Noch neulich hatte ich wegen meiner Heirath eine der schlimm- 
sten Scenen mit ihr. 199 Uebersieht man freilich die Sache im Gan- 
zen u. Großen, so ist sie schön und gut, nur unverbesserlich, u. die 
kleinen Ecken u. Flecken fallen weg. Aber so gut u. so klug wie 
Du ist keiner von uns, u. darum erlangt keiner was von Mutter. 
Du bist unser Alpha u. Omega, u. alles, was dazwischen liegt. Du 
bist unsere Seele, u. unser Herz, u. der Kopf dazu, der Rest mag 
sich hängen lassen. Wir sind Alle recht gut, so lange Du nicht da 

66 



bist, aber von da an taugen wir wenig. Du bist eine Gattung Haupt- 
hahn; an Dir ist was, an uns schon weniger. Das Stück spielt jetzt 
oft, wir nehmen die kleine Titania 200 in die Hand, u. sagen, geseg- 
nete Mahlzeit, aber wir setzen ein O davor. Für mich giebt es 
eigentlich zwei Gattungen von Menschen, Du, u. dann die Ande- 
ren. Beckchen wird das lesen, aber das geniert mich wenig, sie 
weiß doch, daß sie da ist, u. Hensel, u. noch Stücker drei oder vier, 
u. sie kann es auch schreiben. So, nun habe ich Dir was vorgeblökt, 
u. Dir vielleicht die Stunde verdorben, in der Du's liest, nun bin 
ich zufrieden. 

Nur noch eins, was macht denn die d moll Symphonie 201 , denkst 
Du an sie? Deine schottische Sonate 202 spiel ich oft. 

felix an fanny und Wilhelm 203 London, ohne Datum 

[. . .] Überhaupt rathe ich Dir ernstlich eine Oper in einem lustigen 
Acte zu schreiben, zu der Hensel den Text machen sollte, und die 
ihr Beide dann einem gewissen reisenden Bruder in die Ferne 
schicken dürft. Das dächte ich mir ganz hübsch, wenn Ihr zwei 
Brautleute darüber conferirtet, und tausend Anzüglichkeiten drin 
erbrühtet, die wenig so gut erfunden, als Felix Bull auf der Insel. 
Auch gebe ich meinen Consens zur baldigen Hochzeit, und zu 
allem andern, was Ihr beschließt. In der Instrumentierung, liebe 
Fanny, verbiete ich Dir ernstlich, mehr als 300 dicke Hörner [. . .] 
anzubringen, und lege auf tiefe Flöten, hohe Cellos, 8 verschiede- 
ne Geigen, und Contrabassos, u. dgl. Meerjungfrauen, einen Im- 
post 204 ; um Brummrüpel, als da sind: Serpent etc. zu gebrauchen, 
mußt Du eine Dispensationsbulle haben, die derselbe Bruder Bull 
gut ausfertigen kann. Wäre ich Du, ich thät's. Was denkst Du zum 
Vorschlag? Es ist nämlich sehr mein Ernst. 



fanny an felix 205 Berlin, 27. Mai 1829 

Seit wir, Beckchen und ich, das tagebuchen eingeführt haben, wer- 
den wir Dir wenig mehr mit den Briefen zu schreiben haben. Die 
erste livraison erhältst Du durch H. Dentz, der mit dem nächsten 
Dampfboot nach diesem abgeht. Diese ganze Woche haben wir 

67 



uns an Deinen Bällen gefreut, die Du unterdessen über zehn neue 
wieder vergessen hast. Heute wird nun wol die Beschreibung von 
Sir Alexanders 206 eintreffen. Ich denke es mir sehr reizend, wenn 
aus dem tobenden Wirrwarr, worin doch gewiß nichts, als eben 
der in Gedanken zu fassen ist, Du Abends nach Hause zurückkeh- 
rend, so nach und nach Dein Inneres wiederfindest, und so Einer 
nach dem Andern von uns auftaucht, und um sich greift, und Dir 
dann am Ende kurz vor dem Einschlafen die ganze Heimath stark 
und lebendig vortritt, bis sich wieder alles in Nebels Wirrwarr 
auflöst, aber in einen stilleren. Wer vollbringt denn am Morgen 
die große That des Weckens? 

Heut giebt die Milder ihr Danziger Concert, sie singt die maris 
Stella. 207 Wir waren sehr verwundert, nicht zum Mitsingen aufge- 
fordert worden zu seyn, bis wir erfuhren, daß Bach 208 die Einla- 
dungen besorgt habe. Da wurde uns Manches klar. Grell 209 klagt 
sehr über ihn, er hat sein Stück nicht einmal probieren können, da 
Jener ihm die Orgel vor der Nase zuschloß. Ein Tonkünstler. 
[...] 

fanny an Felix 210 Berlin, 4. Juni 1829 

Als gestern Dein 2ter Brief kam, war ich aus, u. als ich zu Haus 
kam, es zu spät, ihn noch zu beantworten. Und jetzt ist schon der 
6te Juni, u. nicht mehr der 4te, u. es regnet noch immer, u. wir 
sitzen, horribile dictu, in der warmgeheizten Stube. Und eben 
habe ich mein 6tes Lied an Dich fertig geschrieben, u. will es nun 
gleich auf das gelbe Löschpapier abschreiben, mit gräulichen Ver- 
wünschungen gegen H. Schwarz, der mich so fürchterlich hinter- 
gangen hat mit besagtem Fließpapier. 

7ten Jun.: Pfingstsonntag. Ein grauer, regnerischer 211 Pfingsttag, an 
dem wirklich nichts zu holen ist, für uns einsam u. unbedeutend. 
Zwei Kornblumenkränze hängen am Spiegel, und wir sind noch 
uneins, ob wir sie nicht aufsetzen wollen, weil Du nicht da bist, 
oder aufsetzen, weil wir sie tragen würden, wenn Du da wärest, es 
wird wol beim ersten bleiben, denn es ist doch auch gar kein Blu- 
menwetter. Eben habe ich meine Lieder fertig geschrieben u. bitte 
Dich, verfahre damit, nicht als seyen sie aus der Ferne an Dich 
gerichtet, denn das giebt der Sache nur einen relativen Werth, 

68 



sondern als hätte ich Lieder mit den u. den Fehlern gemacht, u. 
bäte Dich um eine kritische Rücksicht darauf. Eins ist darunter, 
welches ich für eins meiner besten Lieder halte, ich will einmal 
sehn, ob Du auch der Meinung seyn wirst, Du wirst es sehr schön 
singen. 

Und so siehst Du auch, daß Hensel, obwohl der faulste Schreiber, 
dennoch für Dich u. mit Dir beschäftigt ist. Ob Dir Mutters Zeich- 
nung gefallen wird, bin ich noch nicht gewiß, sie wollte anfangs 
nicht recht gelingen, jetzt aber, sey es, daß wir uns hinein gesehn 
haben oder daß durch viele Mühe u. viele Stunden 212 , wirklich das 
Böse heraus, u. das Gute hineingekommen ist, finden wir es sehr 
gut. 

Wir wollten gern die dümmsten Possen für Dich schreiben, aber 
ach, die Possen sind uns ausgefallen wie die Haare. Zuweilen amü- 
siere ich das kleine Zöpfchen 213 damit, daß ich ihr nach der Reihe 
die verschiedenen Urtheile der Menschen über sie vorführe, als da 
sind: Ideal der Weiblichkeit - drolliges Gesichtchen - tragisches 
Gesicht - altes Testament - wie sich die verschiedenen Personen 
- Marx, Rauch 214 , Heyne 215 , die Milder über sie geäußert haben 

Ja, Du bist der Klügste, ich setzte mich nämlich ans Klavier! u. 
spielte das Ottettscherzo 217 durch, u. versuchte mir vorzustellen, 
wo wol die luftigen u. Trompeten kommen möchten, oh erzähle 
uns noch etwas vom heben Scherzo, u. wie Du's ausgeputzt hast? 
Im Uebrigen kann ich die Ehre haben, Dir zu versichern, daß Du 
der vernünftigste aller Sterblichen bist, nicht als ob ich jemals daran 
gezweifelt hätte, aber glaube nur nicht, daß andere Leute daran 
zweifeln, ich war ziemlich ärgerlich, aus Deinen Briefen zu erfah- 
ren, was man Dir alles geschrieben habe, aber das ist nur, damit 
Du dort nicht verzogen werdest, hier sind die Seelen content, u. 
Vater wundert sich alle Tage, daß Du [. . .] immer noch kein Geld 
genommen habest. Weißt Du, wie ich einmal wüthete, da Zelter 
meinte, Deine Meeresstille solle mit einem Contraste anfangen? 
Und Du mich beruhigtest: Nu, nu, wüthe nur nicht so sehr, Hebe 
Gere. 218 



69 



FANNY AN FELL 



x 219 -, Berlin, I3. 220 juni 1829 



[. . .] Daß er 221 mich liebt, sehe ich hauptsächlich, u. am liebsten aus 
der Art, wie er meine Liebe für Dich respectiert, u. ihr gewisser- 
maßen gern den Vortritt lässt, ich versichere Dich mir ist wohl in 
meiner Haut, ich bin gut gefahren, einmal mit Dir, dann mit ihm, 
schließlich u. sechstens mit Euch Allen, u. mit Euch Volk ist was 
aufzustellen; ihr stellt der Kunst ein Bein, u. kommt ihr auf den 
Hals, u. sagt dann, was ihr von ihr wollt. [. . .] Weißt Du, was wir 
Geren jetzt lesen? Die Kleine ohne meinen Consens: La nouvelle 
Heloise 222 . Ich lese eigentlich das ganze Buch nur um der einen 
Stelle willen, die Dir einmal gefiel: vivre et mourir sans eile: vivre 
sans eile! Die italien. Verse, die in fast jedem Briefe vorkommen, 
gefallen mir durchaus nicht. Eigentlich sollte man keine Romane 
lesen, wenn man welche - erlebt, aber da wir Armen, die wir mit 
Verstände gesegnet sind, doch immer ein eigentliches Küchen- 
schürzenleben haben, so müssen wir diese Pflanzen ungelesen las- 
sen, u. das wäre doch schade [. . .] 223 

Dein Bild ist gut, u. wir sitzen, Beckchen u. ich, deine Geren, 
stundenlang davor, u. erwarten, daß es sich rühren möge, u. es 
rührt auch, wenn nicht sich, doch uns, u. thut seine Schuldigkeit. 
[...] O Rose, o Lilie, o Stachelbeere! Daß doch jedes Ding so wie 
nach Marx seine Philosophie, so nach mir seine Poesie hat. Die 
purpurroten Erdbeeren, die wir heut Mittag verzehrten, u. die bei 
uns auf der Erde hegen, u. alle Köpfe Aller Dresdner Dichterkreid- 
ler zusammen schießen nicht so viel Poesie ein, wie Dein vierfa- 
ches diner 224 , u. so Einiges in Deinem Briefe. 
Den anderen Morgen 

Das Gewitter kam herauf, u. zwar ein so furchtbares, sturmfiut- 
hendes, donnerbrüllendes, ernsteinhüllendes, hagelzerschmet- 
terndes, regengießendes, wie in hiesigen Landen noch nie erlebt 
worden. Wenig Fensterscheiben in der guten Stadt Berlin haben 
dem heftigen Eindruck widerstehen können, den der Hagel auf sie 
machte, auf einer kleinen Inspectionsreise, die ich nach überstan- 
denem Sturm mit Hensel durch den Garten that, fanden wir alle 
Wege mit Akazienblüthen bestreut, mit kleinen u. großen Zwei- 
gen u. Aesten obendrein verziert, u. aus unseren 200 Mistbeetfen- 
stern waren wenigstens 2000 geworden. [. . .] Also nächsten Mitt- 



70 



woch werde ich das Es Dur Concert von Beethoven 225 in - Char- 
lottenburg bei Herzens 226 spielen müssen, wenn ich es überhaupt 
spiele. [...] 
Sonnabend. 20. Jun. 

[. . .] Heut Abend wollten wir in die Oper gehn, die Schechner 227 
als Vestalin 228 zu sehn, indeß leider Gottlob haben wir keine Plätze 
bekommen. Nun wird heut Abend die Zeichnung beredet, die 
Hensel von mir für Dich macht. Trotz meiner Protestationen hat 
er mir wieder einen Kranz aufgesetzt, die Leute müssen glauben, 
ich sey mit einem solchen Möbel geboren. 229 [. . .] 

FELIX AN FANNY, REBECKA UND LEA 230 London, 19. Juni 1829 

[. . .] Ihr lieben Geren allzumal! Ich soll Euch einen Brief schreiben? 
Wie soll ich ihn adressiren? An die liebe Zeit, oder an's Volk, oder 
an zwei Menschen par excell. und was soll ich hineinschreiben? 2 
Seiten lang nichts, als gesegnete Mahlzeit? Buchstaben, die man 
schreibt, sind sehr kalt, Geren; sprechen geht besser, und wenn's 
auch nur Englisch wäre. Ich möchte Beckchen als lady sehen, 
wenn sie mit einem englischen Lamm, wofür man hier übrigens 
Trampelthier oder Nashorn setzen muß, denn Lämmer sind zu 
zart, handschüttelte, oder Fanny mit weißen marabouts in einer 
musikal. Abendunterhaltung Eis essen, u. charming murmeln hö- 
ren; England ist nichts für Euch, ihr Geren. Ich schreibe Euch aber 
ein Stückchen Tagebuch, und schicke am Dienstag ab, und wir 
müssen auch bald anfangen ein Programm für die Festlichkeiten 
im December zu entwerfen, denn die Zeit kommt heran, und eh 
ihr es glaubt, rückt Einer wieder ein, den Ihr gut kennt. Ich habe 
besondere Absichten, Pläne und Ideen über alles das, im Tagebuch 
theil ich sie Euch mit. 

Aber, liebste Mutter, wann ist die Hochzeit? Kann denn nicht end- 
lich die Aussteuer beendigt sein; mich interessirt's fast mehr, als 
der Einzug der Kaiserin 231 , und viele andere Neuigkeiten; es ist 
schwer, über's Meer hin zu bitten, aber beschleunige doch! Es ist 
ja besser und nothwendig aus so vielen Gründen, und wenn Hen- 
sel bis dahin vor Ungeduld stirbt, wie soll denn die Heirath vor 
sich gehen? Ich muß ja die ganze kleine Wirthschaft und alles 
eingerichtet finden, wenn ich nach Berlin komme, denn ich will 



7i 



ja gleich den zweiten Tag bei Fanny essen, und rechne auf Lieb- 
lingsspeisen; und wäre die Hochzeit erst im Winter, so war es mir 
gar nicht halb so lieb, ich könnte das neue Leben nicht mehr mit 
ansehen, müßte mich bald losreißen, die Trennung würde doppelt 
schwer - kurz, ich will nicht dabey sein; nach meiner Zurückkunft 
ist es zu spät. Dann also muß es vor meiner Rückkehr sein. Und so 
sey es doch! Bitte! Ich möchte vor meinem Schreibtisch fast nie- 
derknien, und sehr quälen. Wenn's an Logis fehlt, so zieht Hensel 
nach dem Hotel de Brandebourg, und fehlt es an Aussteuer, so will 
ich einen Theil meiner Wäsche senden. Mehr kann ich nicht thun; 
wohl aber Du, liebe Mutter, Thue es doch! War es nicht Zeit? [. . .] 

fanny an felix 232 Berlin, 21. Juni 1829 

Mein süßer Felix, es ist heut der schönste, stillste Sonntagmorgen, 
und eine gute Stimmung würde in der Luft Hegen, wenn sie nicht 
auch in uns läge. In dieser guten Stimmung bin ich das Organ, 
welches Dir sagt, wie uns Beiden zu Muth ist, ich komponiere 
heut nicht, weil Beckchen es nicht thut, und sie denkt nicht grie- 
chisch, weil ich es nicht verstehe. Wir kommen eben aus dem 
Garten, hinten in der Nähe der großen Castanienbäume schwebte 
ein leiser Regen von feinen weißen Flocken nieder aus den Bäu- 
men, wie Sterne glänzten die hellen Blätter in den tiefsten Schat- 
ten, und Rosen blühten, und die Sonntagsglocken läuteten sehr 
feierlich. Und wir gingen in all der Herrlichkeit und dachten viel, 
an wen? und sprachen auch, wovon? Von Einem, den uns keine 
Nähe näher bringen könnte, von Einem, der ein guter Bruder ist, 
und der beste den es giebt, und der gewiß heut an dem duftigen, 
sonnigen, klaren, heben Sonntagmorgen seine Schwestern recht 
nah bei sich hat. Warum kann man nun nicht tagelang ein so liebes 
stilles Zusammenleben fortführen, warum muß man wieder re- 
den, und Menschen sehn, und unterbrochen werden, wie ichjetzt? 
Einen Kuß auf Deine Stirn, so, nun ist der schöne Morgentraum 
vorbei. Komm Du bald!! 

r 1233 



72 



felix an fanny und rebecka London, 25. Juni 1829 

Ihr lieben Geren allzumal! 

[-P 

Ich werde London nun bald verlassen; vorläufig habe ich den 

20sten July zur Abreise nach Schottland bestimmt, und vielleicht 
gehe ich doch noch vorher auf die Seeküsten; von künftigen Aner- 
bietungen und Aufforderungen kann ich euch heut gar nichts 
schreiben, denn sonderbarerweise steht jetzt wieder einmal alles 
auf der Kippe und in der Luft, ich hoffe, daß es heut über 8 Tage 
im Gleichgewicht ist, dann schreibe ich Euch wieder davon. Nur 
daß müßt Ihr wissen, daß ich Mittwoch Abend über Land bin, bei 
einem alten Musiker hierselbst, es ist 17 Meilen (Engl.) weit, ich 
fahre mit einigen Bekannten (sie sind hübsch) heraus, erst wird 
Musik gemacht, eben bis 10 Uhr Abends, dann wird im Garten 
gegessen, und endlich wird um 12 getanzt. Wenn's Tag wird, so 
fahre ich wieder hinein mit meinen Bekannten (die hübsch sind. 
Ist das nicht eine Plaisiranstalt? Die Engländerinnen fangen jetzt 
an, Galopp zu tanzen, und ich gelte viel. Ich thue ganz patriotisch, 
wenn dieser »Nationaltanz« (so nenne ich ihn nämlich) anfängt; 
ich behaupte dann, kein Deutscher könne die Musik hören, ohne 
Zugluft zu bekommen, beweise das durch die That und lehre mei- 
ne Engländerinnen [...] 236 rund Galopp tanzen. O Welt! 
Tagebuch für die Geren. Montag d. 22. Juny. Nachdem ich morgens 
einige Visiten hatte machen u. empfangen müssen, ging ich zu 
Erard, um mir für das Concert von Drouet ein Instrument auszu- 
suchen. Erard ist ein schrecklicher Stutzer, eitel auf seine nachläs- 
sige Toilette und seine unordentlichen Haare, er sieht aus, wie eine 
Londoner Parodie auf Werthers Leiden, und beträgt sich melan- 
cholisch; er erklärte mir schmachtend die neue Behandlung seiner 
Instrumente, und den großen Vortheil, den die nouvelle invention 
de Seb. Erard haben müßte; es ist aber gar nichts daran, denn wenn 
jetzt einer, um die Flügel zu verbessern, sie complicirter macht, so 
geht's, wie natürlich, schlecht; es kommen tausend kleine Zufäl- 
ligkeiten hinzu, die sich nicht berechnen lassen, kurz die Erard'- 
schen Instrumente sind bei meinem Bart unangenehm, trotz der 
invention, ich müßte aber doch eines nehmen, Familienverhältnis- 
se wegen. 237 [. . .] 



73 



Nach dem Theater tranken wir alle Thee bei mir, u. kannapisier- 
ten. Dienstag d. 23. Um 10 Uhr Probe bei Drouet. Sobald ich kam, 
ging die Probe vom Sommer.N.str. los; das Baßhorn fehlte, ich 
wüthete etwas, sprach von Zurücknehmen der Ouvert.; Sir 
George 238 , der wirklich ein fataler Mensch ist, intrigant, hinterlistig 
und unwahr, versprach mir den Mann mit dem Bierbaß auf die 
Stube zu schicken, und so probirten wir denn; gleich der Anfang 
wollte nicht gehen, noch weniger das Ende, die Mitte war ganz 
arg, mit Mühe brachte ich die Noten zur Richtigkeit; das Concert 
von Beeth. 239 begleiteten sie mir ganz greulich, kamen kaum in 
den Takt, kurz auf der Probe war ich in einiger Angst und in 
großem Ärger; fand aber, als ich zu Hause kam, Balsam, nämlich 
ein Billet zu Almachs. 240 Wißt Ihr was das ist, Geren? das ist ein 
Ball. Aber welch ein Ball! der aristokratischste Punct in Europa, 
wo die Adligen unter Adligen und in Wonne schwimmen; wo 
man mich würde gesteinigt haben, hätte man meinen Namen und 
meine Bemühungen um die Musik gewußt, ein Meerwunder mit 
einem Wort. Ich bin aber gentlemanlike, daher bekam ich die 
Einladung; mündlich erzähle ich Euch genau, wie es kam, und Ihr 
lacht Euch todt, denn es ist sehr komisch. Zu Mittag fuhr ich über 
Land zu Moscheies nach Kilburn; wenn ich sage zu Mittag so 
heißt das um 1/2 8, ging um 10 bei kühlem grauen Himmel zu Fuß 
zurück (der Weg geht durch die Wiesen, und man sieht die Lich- 
ter der Zollhäuser immer aus der Ferne, am Horizont Hegt der 
Londoner Lichtstreif) ging um 11 in eine fash. party zu Johnston, 
die Töchter sangen, ich spielte, dann probirten sie den Galopp für 
Almachs, natürlich verfehlte ich nicht, sie zu engagiren, und gab 
dem jungen Johnston nützlichen Rath; dann bewunderten sie 
meine drei Bairischen Walzer, ich versprach natürlich eine Ab- 
schrift, dann wieder Musik, Schottische Nationallieder, die Auf- 
forderung zum Tanze, poor Weber, draußen regnete es heftig, es 
wurde 1/2 2, good night, Hände-Schütteln, und sehr lange ge- 
schlafen. 

Mittwoch. Um 10 nach der Gemäldeausstellung in Sommerset- 
house, wo die greulichsten Schmierereien mit Achtung angesehen 
werden; Lawrence 241 , Vilkie 242 , Turner 243 und Co. sind schauder- 
haftes Volk; Was meinst Du, Hensel? Nachher zur Bank, die mir 
ein Director der Bank, Mr. Heath zeigte; dann zu Doxat 244 , dessen 



74 



Neffe einen Tag nach dem lustigen Ball die Nachricht vom Tode 
seiner Schwester empfing, und sogleich nach Dresden abgereist ist, 
um seine Mutter zu sehen. Von da auf dem Deck einer stage nach 
Hause, eine Stunde Wegs. Sir G. und Neate 245 , ein Director der 
Philharm., bei dem ich Montag meine Quartetten spielen soll, be- 
suchten mich, und kaum waren sie da, so kam der Kerl mit dem 
Baßhorn, und ich begleitete ihn auf dem Ciavier und hetzte ihm 
etwas ein, Neate drehte mir um; Sir G. ermuthigte den Soldaten, 
frug ihn nach seiner Frau u. seinen Kindern, gab ihm Schnupfta- 
bak, u. als es vorbey war, verstand er die Sache falsch, dachte das 
Instrument sollte schön sein, lobte es daher als Kenner, und nahm 
sich vor, es nächstens in einer Kirchencantate anzubringen. Der 
Kerl nahm seine Stimme mit nach Hause, und Sir G. sagte, er wäre 
hebenswürdig und bescheiden. Die Scene war göttlich. Nun 
Abends das Concert. Der Saal war leer, kaum über 200 Personen, 
glaub' ich. Als ich auftrat, empfingen sie mich lauer, als bisher, und 
beim ersten Ton machte die Flöte einen Kix, so daß viele Leute 
lächelten. Mir war unbehaglich. Indeß, als die Geigen loslegten 
verbreitete sich eine ungeheure Stille im Saal, die anhielt, bis zum 
forte Schluß in Dur, wo die Pauke lärmt (cf. Fannys Unke Hand) 
da dachten sie es wäre aus, und brachen in wüthenden Lärm aus; 
als ich aber fort dirigirte, probten sie Stille, u. merkten wohl den 
Braten. Nach dem wirklichen Schluß war nun der Spektakel arg, 
ich machte Diener, und ging fort, sie riefen aber da capo u. klatsch- 
ten bis ich wiederkam, u. es zum zweitenmal gespielt wurde. Nun 
ging es sehr gut, das Orchester war warm geworden, und nun 
waren sie beim forte Schluß mäuschenstill, und lächelten nur ver- 
gnügt. Ich war sehr froh und erlangte die Ouvert. fürs Philharm. 
Concert des nächsten Jahres. Das Concert von Beeth. begleiteten 
sie scandalös, es machte aber den Leuten doch ein wenig Plaisir, 
viel freilich nicht; sie wunderten sich, daß ich auswendig spielte, 
und die Musiker hatten an der Composition Manches auszuset- 
zen. Von da ging ich um 1/2 12 auf Almachs, da es aber noch zu 
früh war, so sprach ich bei Klingem. vor, der gerade gegenüber 
wohnt, und ging um Mitternacht hin, amüsirte mich prächtig, die 
Mädchen waren schön und herlich geputzt, wir tanzten einen Ga- 
lopp durch den ganzen Saal, der eben so lang, wie der Akademie 
Saal ist; dabey war ich Pöbel und zog meinen ledernen weißen 



75 



Stock aus der Tasche und renommierte gegen Lady Johnston da- 
mit, die Esterhazy 246 ist greulich anzusehen, [. . .] Clara William 
spielt eine sehr untergeordnete Rolle, um 3 Uhr beim Tageslicht 
ging ich langsam nach Hause und rief Eure Namen ein Paarmal 
laut, Regent Str. war still, u. die Obstweiber rückten mit ihren 
Körben ein. Ich schlief. Und so leben wir, so leben wir alle Tage. 

[•••] 247 

fanny an felix 248 Berlin, 29. Juni 1829 

Zuerst mein lieber Felix, den besten Dank für die unsere Heirath 
betreffende Supplik. 249 Uns hat sie soviel Freude gemacht, als 
wenn sie von Wirkung gewesen wäre. Von Deiner Rückkehr übri- 
gens war nie in der Beziehung die Rede, auf den Sept. oder Octob. 
ist u. bleibt es festgesetzt. Paul sagte gestern zu Hensel, daß er Dich 
zu dieser Bitte veranlaßt habe, da aber Dein letzter Brief noch gar 
keine Antwort auf seinen enthalten kann, so ist es ein Zusam- 
mentreffen, welches mich von beiden Brüdern sehr freut. Ich bin 
so begierig, was Dein Tagebuch für Privatmittheilungen an uns 
enthalten wird, daß ich es kaum erwarten kann. Ich brauche 
durchaus einmal wieder die Versicherung von Dir, daß Du zufrie- 
den bist. Sie ist mir zuweilen so nöthig, wie die Luft zum Leben, 
dann hält es wieder eine Weile vor. Wir haben gestern u. heut die 
angenehmsten Morgen gehabt, indem Hensel gestern den ganzen 
Sonntag, u. heut früh von 6 bis 8 am Hintergrunde Deines Bildes, 
größtentheils im Freien, malte. Dabei kampierten wir sehr nett auf 
dem Tuerplatz 250 , u. es war hübsch, heut setzte er Dein Bild in die 
volle Sonne, wo es prächtig aussah, von einer unglaublichen Le- 
bendigkeit. Neulich gab er mir einmal ein Gedicht 251 , wovon er 
glaubte, daß es im Garten gesungen werden könnte, dazu ist es 
nun freilich zu ausgedehnt, ich redete ihm aus daß es komponier- 
bar wäre, u. schreibe's nun zu seinem Geburtstage, ich hoffe, damit 
fertig zu werden. Es wird 8stimmig, Frauenchor u. Männerchor 
opponierend, dann beide zusammen. 
Irgend einen Abend 

Dein Hora 252 ist aber zu schön. Wie ich jetzt dazu komme? Ich 
bin seit 2 Stunden allein, u. sitze am Ciavier, das heut gerade be- 
sonders nett klingt, u. spiele das Hora, u. stehe vom Ciavier auf, 

76 



trete vor Dein Bild u. küsse es, u. vertiefe mich so ganz in Deine 
Gegenwart, daß ich - Dir nun schreiben muß, aber mir ist unend- 
lich wohl, u. ich habe Dich unendlich heb. Unendlich Heb. 
[. . .] Unter anderem nehme ich mir vor, daß in der winterlichen 
Gartenwohnung 253 Manches aufgeführt werden soll, u. daß der 
gentleman Jemandjeden Morgen bei mir Caffee trinken soll, sonst 
möchte ich ihn doch zuweilen nicht zu sehen bekommen, ehe er 
aus geht. Es wird eine gute Zeit werden, so Gott will, so hübsch, 
daß ich dahinter nichts mehr sehn mag u. kann vor der Hand. Leb 
wohl, tausend Grüße von Mutter. Ich schicke jetzt alles mit Miß- 
trauen, weil ich nicht weiß, wie lange es gehn kann, u. ob es Dich 
überhaupt noch in London trifft. 

[•••] 254 

fanny an felix Berlin, i.Juli 1829 255 

Heut wird 256 Dein Brief mit mehr Ungeduld als je erwartet, weil 
spekulativ vom Sommernachtstraum, u. wahrscheinlich Antwort 
auf die Lieder u. Zeichnungen drin steht [. . .] Am vorigen Mitt- 
woch waren wir sehr vergnügt. Die Radgesellschaft 257 bestand aus 
Minna u. Albert Heydemann, Louis kam erst nach Hegels Kol- 
leg 258 , Auguste Wilmsen, Droysen u. unser Maalchen Märcker 
war hinzugekommen, das Rad nahm die eine Seite des Tisches ein, 
u. viel Unsinn wehte hin u. her. Nach Tisch setzten wir uns auf 
den erhöhten Platz einer Straße, den Du kennst, u. nun ward der 
schöne Brief fabriziert, den Du noch immer nicht hast 259 , nament- 
lich über Hensel, der sehr aufgekratzt war, daß besonders Droysen 
u. Heydemann wirklich den Athem verloren, u. in Gefahr zu er- 
sticken geriethen. Später gingen wir in den Garten hinter dem 
Hause, um 8, der muthmaßlichen Anfangsstunde Deines Con- 
certs, wurden wir feierlich, die Mädchen zogen Jede eine Korn- 
blume aus ihrem Kranz, u. bewarfen Dich damit. Alle empfingen 
Dich mit Händeklatschen, u. Bravo, Beckchen u. ich, wir intonier- 
ten die beiden Flöten, die Clarinetten blieben leider aus, u. wäh- 
rend aller dieser Vorfälle saßen Albert u. Louis auf einem Baum, 
wie Katzen. Der Tag war äußerst angenehm, die kleine Gesell- 
schaft hatte Stimmung und Farbe, jeder Scherz griff, u. keiner 
blieb. Als wir Abends die Eltern von Marianne 260 abholten, beglei- 



77 



tete das ganze Rad, Louis Heydemann trug Mäntel u. Regen- 
schirm (es war eine trockene Hitze, u. keine Idee von Regen) u. 
als wir uns eben trennen wollten, wählte das Rad, von Begei- 
sterung ergriffen, auf offener Straße Hensel zu ihrem Mitgliede 261 , 
welches durch einen feierlichen [. . .] 262 Rosenkranz, u. Ueberhal- 
ten des aufgespannten Regenschirms geschah. [. . .] 
Ueber Agnes v. Hohenstaufen 263 zirculieren die schlechtesten 
Witze, der beste unter ihnen ist, daß der Theaterdiener Blumen 
zu der letzten Probe aus Versehen die Partie aus Alcidor brachte, 
u. daß der Irrthum nicht sonderlich bemerkt ward, sondern die 
Partie bis zu Ende durchgesungen. Rellstab hat eine maliziöse Re- 
zension abgefasst, an der besonders kränkend für Sp. seyn wird, 
daß er bemerkt, wie die dritte Vorstellung schon leer gewesen sey, 
u. wie trotz der nämlichen ungünstigen Umstände von Hitze u. 
dergl. die 20ste der Stummen 264 überfüllt war. Laissons lä ce mon- 
de. 

An dem Tage, wo Du diesen Brief erhältst, feiern wir Hensels u. 
Droysens Geburtstag. Ich habe noch vorgestern eine musikal. Ar- 
beit für Hensel unternommen, die 8stimmige Composition eines 
Gedichtes von ihm. Es wird nicht viel, aber es wird doch etwas, u. 
es fehlt mir nur noch das letzte Stück, woraus ich eine Art Fuge 
zu machen denke. Du weißt, wie ängstlich ich immer bin, daß mir 
die Imagination davon läuft, daher freue ich mich immer, wenn es 
mir nur gelingt, Noten zu schreiben, u. sehe im Anfang weniger 
danach, wie es wird. Nachher freilich ärgere ich mich, wenn es 
schlecht ist. [. . .] 



FANNY AN FELL 



x 265 Berlin, ohne Datum 



[...] 

Alle Briefe, die Du heut empfängst, werden von Paganini wider- 
hallen, was soll ich noch hinzufügen? dies: daß ihm nämlich Beck- 
chen bei Betty 266 gräulich die Cour gemacht hat. Nachdem sie 
mehreremal zu ihm gegangen war, u. ihn angeredet hatte, auch 
Apfelsinen, die er gemantscht, gegessen hatte, gingen wir zu Tisch. 
Bei uns war ein Platz leer, u. als der große Heinrich im Triumpf 
seinen Minister Paganini hereinführte, sprang das Zöpfchen auf, 
lief ihm entgegen, u. bat ihn, sich zu uns zu setzen. Er nickte, 

78 



folgte, u. als sie sich eben wieder gesetzt hatte, drehte er um, u. 
ging an einen anderen Tisch, wo die übrigen jungen Damen [. . .] 
saßen. Wuth u. Eifersucht bemächtigten sich des Zöpfchens, u. 
schallendes Gelächter erhöhte diese Empfindungen. Ja, sie hat in 
ihrem Zorn geschworen, ihn heut (er isst bei uns) wieder zu Tisch 
zu führen. [. . .] Ach lieber Felix, seit Du fort bist, erfindet u. wie- 
derholt kein Mensch dumme Redensarten, u. Du wirst uns bei 
Deiner Rückkehr in dieser Hinsicht wie die Oesterreicher finden, 
stagnierend u. dumm. [. . .] Am Montag wollten wir ein wenig aus 
der 2ten Passion 267 singen, ich hatte mir allerhand Leute dazu be- 
stellt, da aber ein fürchterlicher Regen war, den ganzen Tag, kam 
niemand, als Ritzens, u. Marx, der Weg und Wetter nicht gescheut 
hatte, u. nach seiner Weise ohne Mantel u. in Schuhen gegangen 
war. Und wir sangen wirkÜch aus der Passion. Ein paarmal mußte 
ich über Ritz, der neben mir Alt brüllte, fast laut lachen. Ich treffe 
ganz mit Marx überein wegen der Johannespassion; wenn ich sie 
erst noch genauer kennen werde, rücke ich damit heraus. 
Gestern hatte Paganini ganz den Teufel im Leibe. Er spielte einen 
sogenannten lento appassionato es moll, das Orchester in abgebro- 
chenem Tremolando dazu, plötzlich fährt er mit der ganzen Masse 
in es Dur hinein, um sogleich wieder ins Moll zurück zu fallen, es 
war sehr schön, u. wirklich als wolle er sich seine ganze Seele 
ausspielen, u. zugleich der armen Violine das Herz ausreißen. Die 
Hexenvariationen sind eklich, da macht er das Gequäk heiserer 
alter Weiber nach. Er schloß sehr unbrillant. Das war schade. 
Beni u. Rosa 268 lassen grüßen, sie sind abgereist. Wenn man das 
Betragen der Beiden sieht, müßte man glauben, sie gehöre ur- 
sprünglich zur Familie, u. er sey nur so hinzugekommen, denn sie 
war immer die Freundliche, u. er hielt sie möglicher Weise von 
Allem zurück. Er hat wirklich den gewissen Familienfehler in 
höchstem Grade 269 . Bei uns ist er jetzt eben nicht mehr Mode, es 
giebt [. . .] 270 Unglück in Familien, ich habe so zuweilen mein Klei- 
nes privatim, aber das ist eine Sache für sich (welches wiederum 
ein Pleonasmus ist.) 

Lebe wohl, der Kerl steht und wartet auf den Brief, wir können 
also nicht auf Deinen etwaigen warten. Lebe sehr wohl, mein 
Lamm. 



79 



fanny an felix 271 Berlin, ohne Datum 

[. . .] 272 Also von der Silbernen Hochzeit 273 . Große Pläne haben wir 
wol auch, aber sie liegen so ziemlich im Dunkel, Du mußt sie erst 
ans Tageslicht fördern. So viel ist gewiß, daß, so Gott will, der 
Polterabend am 25sten Dec. bei uns, Hensels, im Gartenhause ge- 
feiert wird, mit kleiner, junger, lustiger Gesellschaft, u. so vielen 
Possen, als im Reiche des Humors nur irgend aufzutreiben sind. 
Der Tag geht vorüber, am Hochzeittage selbst werden vormittags 
die verschiedenen gratulierenden Behörden empfangen, u. Mit- 
tags speist die königl. Familie unter uns u. bei uns, denn man muß 
sich nicht zu sehr fatigieren, weil Abends bei Euch große Musik 
sein wird. Die Hochlandsymphonie 274 kommt vor, das Scherzo mit 
den luftigen Trompeten 275 muß dreinklingen, u. Sommernachts- 
traum u. Meeresstille unvergessen bleiben. Was die älteste Fisch- 
otter betrifft, so möchte sie ihr kleines Latemchen lieber am Pol- 
terabend unter wenigen leuchten lassen, denn erstens ist sie 
dumm, u. zweitens blöde, u. drittens kann sie nischt. Sie wird sich 
aber von ihrem Gemahl 4tens 276 dichten lassen, u. es auf Noten 
setzen. Auch der junge Hofdichter Droysen hat wieder seine 
Dienste angeboten, je mehr, desto besser. Du, o Bruder, mußt wie- 
der eine kleine Symphonie kneten, eine von denen, wo Mutter 
sich schon bei den Vorbereitungen todt lacht, u. die muß den An- 
fang des Ganzen machen. EinBall findet etwa in der Woche darauf 
beim silbernen Ehepaare statt, das Londoner Kind wird wol kei- 
nen Wunsch vergebens äußern, das soll ein Leben werden, Felix, 
ein Leben! Ich versichere Dich, ich kann mir nichts darüber, u. 
nichts danach denken, jede Minute ein Feiertag, nicht jeder Zoll 
ein Lump. Und das versichere ich Dich, bei mir sollst Du ungestört 
spielen, keine Maus darf sich rühren, alle Rührung geschieht in- 
nerlich. 

Hensel ist gut, Felix, u. ich bin im weitesten Sinne des Wortes 
zufrieden, glücklicher als ich es je zu werden dachte, denn ich 
träumte, u. fürchtete, eine solche Verbindung würde mich von Dir 
losreißen, oder doch entfernen, u. es ist, wo möglich, gerade das 
Gegentheil, ich habe mehr Bewußtseyn gewonnen, als früher, u. 
daher bin ich Dir näher, ich denke mehr, daher denke ich mehr an 
Dich, u. je mehr ich habe, je mehr ich haben werde, desto mehr 

80 



werde ich Dich brauchen u. haben. Es ist nicht möglich, daß Du 
mir je von Deiner Liebe etwas entziehst, denn Du mußt es wissen, 
wie ich, daß ich nicht den kleinsten Theil davon entbehren kann. 
Ich werde Dir an meinem Hochzeittage dasselbe wiederholen, 
denn bis jetzt habe ich noch keine Empfindung u. keine Stellung 
kennen gelernt, in der ich nicht dasselbe gedacht u. gesagt hätte. 
Zu dem Allen sieht Dein Bild sehr freundlich u. lieblich aus, es ist 
gestern, an Hensels Geburtstage, viel daran gemalt worden, u. heut 
kommt er wieder, er will an der einen Hand noch ein weniges 
retouchieren, u. da soll ich sitzen. 

Die Angelegenheit mit dem Atelier ist nun auch so gut, als been- 
det, zu meiner großen Freude, das Luisenstift ist so nah, u. der Weg 
durch die Gärten (falls ihm das Durchbrechen der Thür gestattet 
wird) so angenehm, daß wir es uns wirklich nicht besser hätten 
wünschen können. [. . .] 

Mittwoch. Ich habe Dir nun weiter nichts mehr zu berichten, als 
von einer miserablen Aufführung der Iphigenie 277 , Mlle. Schech- 
ner wurde vor dem Anfang als plötzlich unpäßlich, des Publicums 
Nachsicht empfohlen, u. bedurfte derselben auch gar sehr. Außer- 
dem ist es wirklich schrecklich, wenn man solch ein Stück so 
kennt, u. es dann hört, daß auch nicht ein einziger Takt entspre- 
chend dargestellt wird. Adieu, mein Felix, ich schriebe gern noch 
so fort, dann fällt mir aber immer ein, was Du immer gesagt hast, 
u. was immer falsch ist, daß man von zu Hause nicht schreiben 
könne, ich glaube aber, es ist so, Männer müssen von Reisen 
schreiben, u. Frauen von zu Hause, die bringen dann jeden wohl- 
bekannten Sandkorn aufs Tapet, u. das erfreut in der Fremde. [. . .] 

fanny an felix 278 Berlin, 7. Juli 1829 

So eben habe ich meinen großen Generalbrief an Dich beendet, 
lieber Felix, u. muß nun 279 diese kleine Privatdepesche hinzufü- 
gen, deren Inhalt folgender ist: Es ist Vater plötzlich aufgefallen, 
daß in mehreren englischen Blättern Dein Name blos Felix Men- 
delssohn genannt worden, u. er glaubt eine Absicht darin zu er- 
kennen, u. will Dir heut darüber schreiben 280 , wie uns Mutter 
gestern sagte, die es ihm auszureden versucht hat. Ob er es nun 
noch ausführen wird, oder nicht, weiß ich nicht, bin aber gestern 

81 



Abend mit Hensel übereingekommen, Dir in jedem Falle diesen 
Brief zu schreiben, ist er unnütz, so schadet er auch nicht, mögli- 
cher Weise kann er Dir lieb seyn, u. ist er Dir unangenehm, so 
verzeihst Du ihn mir - 

Ich kenne u. billige Deine Absicht, diesen Namen, den wir Alle 
nicht lieben, einst wieder abzulegen, aber jetzt kannst Du es noch 
nicht, da Du minorenn 281 bist, u. ich habe nicht nöthig, Dich auf 
die unangenehmen Folgen aufmerksam zu machen, die es für 
Dich haben könnte, es wird Dir genug seyn, zu wissen, daß Du 
Vater dadurch betrübst. Du kannst es jetzt leicht auf Befragen für 
ein Versehen gelten lassen, u. Deinen Vorsatz zu gelegenerer Zeit 
ausführen. - Die eigentliche Absicht dieses Briefes ist, Dich einiger 
Maßen über die Sorge der Zeit u. Entfernung hinwegzuheben, die 
Dir Vaters Schreiben machen möchte. Wie Du selbst noch neulich 
schriebst, die Buchstaben sind so kalt, u. todt, u. es ist so leicht, den 
richtigen Vortrag zu verfehlen. Vater namentlich schreibt immer 
weniger angenehm als er denkt, so daß wir Dir gern über diesen 
Gegenstand noch einige freundlichere Worte zukommen lassen. 
Es kann seyn, daß es Dich herzlich verdrießt, wenn Du hier zum 
drittenmal lesen sollst, was der Vater auf eine, u. vielleicht Mutter 
auf eine andre Weise schreibt, aber dann, wie gesagt, verzeihst Du 
uns eine übel ausgeführte gute Absicht, wir kennen uns, denk ich, 
u. Alles bleibt beim Alten. Es macht mir wenig Spaß, daß Du, der 
Du uns nur Gutes zukommen läßt, so oft von hier aus Unange- 
nehmes zu erfahren hast, u. daß sich Dir gerade in dieser Bezie- 
hung das häusliche Leben in der Fremde fortsetzt: ich wollte stark, 
es wäre anders, es ist nun aber einmal so, u. Gottlob, es geht in 
vielem Guten auf. - [. . .] 

Adieu mein Felix, ich schicke diesen Brief an Hensel der noch 
einige Zeilen dazusetzen u. ihn selbst auf die Post bringen will. Du 
weißt, wie es Dich immer verdroß, wenn die Eltern Dir ihre Zu- 
friedenheit verbargen, denselben Verdruß setzt uns Vater fort, in- 
dem er gleichgültig u. stoisch thut, u. wir ihn dann darüber ertap- 
pen, wie er Deine Briefe zu Drei, vier Mann 282 liest, u. wie alle 
Leute wissen u. sehn, wie er sich über Dich u. Alles was Dir be- 
gegnet, freut, nur wir sollen es nicht wissen. Wir wissen es aber 
doch. Und so lebe wohl, u. froh u. glücklich. Es sind mir während 
ich hier schrieb, zwei Augenwimpern aus u. aufs Papier gefallen, 

82 



wenn die bis nach London kämen, würdest Du wissen, von wem 
der Brief ist. 
(Nachschrift von Hensel): 

Es sind auch gestern mehr als zwei Thränen aus denselben Augen 
für Dich gefallen, u. daß ich sie Dir gönnte muß mir ein heilig 
Recht auf liebevolle Aufnahme dieser Zeilen geben. Felix! ich will 
mich nicht unberufen in Deinen Rath drängen, aber ich fühle Be- 
ruf Dir ein Wort zu sagen, das Dir nur als Material zu eignem 
Entschluße dienen soll. 

Der muß, wird frei seyn, wir könnten es nicht einmal anders wün- 
schen von Dir. Was in Rede steht, wie sie darüber denkt, hat Dir 
Fanny gesagt. Daß sie mit Dir einig ist, wirst Du daraus sehn, daß 
ich es mit Euch bin. Glaube meinem Wort. Da wir nun treu mit 
Dir stehn, dürfen wir auch frei mit Dir reden u. so hat Fanny Dir 
angedeutet, wie jetzige Ausführung eines an sich schönen Vorha- 
bens, außer dem Schädlichen für Dich, was sie natürlich mehr 
berücksichtigt als Du thun würdest, wenn Du nicht wieder ihre 
liebevolle Sorge zu beachten hättest, ein Betrüben des Vaters her- 
beiführen müßte. Höre, Felix, stehe länger als Cäsar am Rubicon. 
Thust Du es nicht, würden wir Dich nicht weniger lieben, aber 
wir würden mit Dir zu leiden haben, denn es müßte Dir selbst leid 
thun, nachher. Bedenke, daß öffentliche Ablegung eines Namens 
Critik der Annahme wird, u. daß sie wenn auch nicht bitter ge- 
meint dem Vater vom Sohn doch bitter entgegentreten muß. Dein 
Vater leidet gerade jetzt körperlich viel (krank ist er aber auf Ehre 
nicht!) Die Freude, welche Dein rüstig u. glücklich Greifen in 
Leben u. Kunst ihm gab, hob ihn oft sichtbar darüber hinweg, wie 
er es auch verhehlen mochte, könntest Du ihm nun anderes als 
Erleichterungen geben wollen? Ja, Du hast noch mehr zu beden- 
ken, einen Umstand den Fannys opferndes Gemüth wohl kaum 
gedacht u. viel weniger in die Waage legen konnte, auf den ich 
aber nach Pflicht u. Wahrheit deuten muß. Jede Spitze die den 
Vater trifft, werden geschärfter Deine Schwestern empfinden. Er 
betrachtet sie als natürliche Bundesgenossen von Dir u. sie heh- 
len's auch nie, da müßte nun seine Gereiztheit gegen sie sich wen- 
den u. ließen sie sich auch willig schelten, wie könnten sie ohne 
tiefen Schmerz anhören, wenn Du gescholten würdest? - Denk 
auch an die silberne Hochzeit, möge sie heiter, wahr u. freudig 

83 



gefeiert werden! Was der Mensch heilig will erfüllt sich leise u. 
sicher wie das Leben in der Natur. Lebe wohl! 
Dein treuer Bruder 
Wilhelm Hensel. 

r 1283 

fanny an felix 284 Berlin, 22. Juli 1829 

[. . .] So wäre nun Deine Londoner Carriere 285 beendet, u. wieder 
einmal, dem Himmel sey Dank, Dein Treiben mit glücklichem 
Erfolg gekrönt. Es ist eine hübsche Sache, wenn man so ge- 
müthsruhig aus der Ferne mit ansehn kann, was Einer treibt, u. 
gewiß u. sicher weiß, er macht es recht. Wenn Du uns mit nächster 
Post aus Schottland schreibst, Du habest einen Ruf als Hofcompo- 
siteur im Kaffernlande angenommen, u. das ganze Haus sich vor 
Entsetzen auf den Kopf stellte, würde ich vergnüglich aussehn, u. 
in meiner Seele überzeugt seyn, daß die wahre Musik fortan im 
Kaffernlande blühte. Du gehst aber eben nicht hin. Zu Euren 
Hochlandsflügen wünsche ich Euch vor allem besseren Himmel, 
als unsern diesjährigen, der sich uns keinen Tag ohne Wolkenzüge 
u. Regengüsse zeigt, u. noch bei hellem Tage zum Zurückziehen 
in die Zimmer nöthigt, weil die Luft oktobert. Ich will einmal 
hoffen, alle Klarheit und Wärme sey in Deinem Norden, u. sie 
somit gern missen. [...] David 286 geht fort von hier, zu unserm 
wirklichen Leidwesen. Er hat einen Ruf nach Dorpat, zu einem 
reichen Edelmann, der sich ein eigenes Quartett hält 287 , u. den 
Leuten sehr vortheilhafte Bedingungen stellt. Das engagement ist 
auf drei Jahr, u. er kann, wenn er will, viele Muße nützlich anwen- 
den. Das königst. Theater istjetzt so beschaffen, daß man wirklich 
jedem rathen muß, das Weite zu suchen. Romberg 288 der David 
vorgeschlagen hat, schickt auch seinen Neffen als Cellospieler hin. 
[. . .] Hensel hat einige neue Zeichnungen gemacht, über welche 
Du Deine Freude haben wirst, namentl. Betty Pistor 289 . Eine v. 
Heyne 290 ist vortrefflich. Droysen sagte mit Recht, sie sey eine 
wahre Moralpredigt über ihn, ein Spiegel, worin er täglich sehen 
müßte. Er sieht auch hinein, aber um sich unwiderstehlich zu fin- 
den. Jetzt kommt Julius Rietz, mit dem ich Deine Variat. 291 spiele, 
es ist nämlich eine Cellostimme hier, u. die Klavierpartie recon- 

84 



struiere ich mir danach tant mal que bien, oder plus mal que bien. 
Lebe wohl auf so lange. [...] 292 

fanny an felix 293 Berlin, 29. Juli 1829 

In weite Ferne will ich schweifen, u. weiß nicht, wo Du weilst. Ob 
wir heut einen Brief aus Edinburg erhalten? Möglich ists, u. es 
schwebt deshalb eine Wette zwischen Paul u. mir. Es ist komisch, 
seit Du aus London fort bist, wissen wir nicht mehr, was wir Dir 
schreiben sollen, es ist einem so nüchtern, wenn man nicht weiß, 
wohin man zu denken hat. Aber immer besser, als wenn man nicht 
wüßte, an wen. Wir leben still u. gut, u. unsere Plaene (die silber- 
nen) reifen. [. . .] Auch andere Pläne entstehen u. werden mit Plaisir 
gefüttert. Wie findest Du die 12 Monate, durch weibliche Köpfe 
representiert, u. mit Liedern begleitet? die Sache amüsiert uns, u. 
wir finden sie himmlisch. Von noch größeren Rosinen, die wir im 
Kopf haben, will ich gar nichts sagen, nur so viel, was Du neulich 
von einem Liederspiel einmal schriebst, das Hensel mir machen 
sollte, ist nicht auf einen steinigen Boden gefallen, wird Früchte 
tragen dreißigfältig u. vierzigfältig (vide Franck) A Propos, die 
Breslauer sind unerhörte Rüpel. Durch Mosevius schickte ich an 
Franck Bachsche Orgelpräludien, u. den Maigruß, keine Antwort, 
an Mosevius schickte ich aufsein Verlangen umgehend die Partitur 
der Passion, keine Sylbe, ich weiß nicht, ob sie lebt, oder gestorben 
ist. [. . .] Beckchen paukt mit Virtuosität das Pedal zu den Orgelsa- 
chen, u. ich stärke mein Herz zuweilen daran. Der alte Bach wür- 
de sich todtlachen, wenn er das sehen könnte. Sey doch so gut, mir 
im nächsten Brief das Orgelpräludium zu bestimmen, das ich bei 
meiner Trauung von Grell soll spielen lassen. Freilich wärs noch 
hübscher, wenn Du mir eins schicktest, wenn das practicabel wäre 
über Meer? u. eben fällt mir ein, daß ich selbst mir den Ausgang 
schreiben will. Eben sagt mir Beckchen, daß die Mädchen sich 
vorgenommen hätten, einen Choral zu singen, welches vielleicht 
noch besser wäre, als ein Präludium, bestimme Du darüber, u. 
wenn Du für den Choral entscheidest, so gieb ihn auch an. Ach 
wärst Du hier! Ja, ja, nett soll es werden, u. mit uns (alsdann) 
Eheleuten sollst Du sehr zufrieden seyn, das verspreche ich Dir, 
ich versichere Dich, wir taugen was, u. es ist mit uns umzugehn, 

8 5 



u. wenn Du hier bist, soll die Freude groß seyn. Ich bin sehr inner- 
lich froh u. zufrieden, lieber Felix, u. könnte mir nichts anderes 
wünschen, als es eben ist. [. . .] 

Ich habe eben das Kind gefragt, ob es noch allein die Treppe her- 
unter gehn, oder den Mund finden könne, Du hast gar keinen 
Begriff (oder vielmehr, wenn Du Erinnerung hast, so hast Du ei- 
nen Begriff) was für jämmerliche Gesichter sie zuweilen schnei- 
det. Glaube aber nicht, daß ich so unbillig bin, wie sie, ich weiß 
recht gut (erstens schon aus der Erfahrung) daß es unangenehm, 
lästig, alles was Du willst ist, neben einem Brautpaar her zu gehn, 
wobei schon ein kleiner Neid nicht abzuläugnen ist, denn wenn 
Prof. Gans 294 ihretwegen nicht mehr Abendbrodt ißt, u. sich bei 
der Gelegenheit todthungern will, so fühlte sie sich dadurch zwar 
ein wenig geschmeichelt, aber doch schon weniger befriedigt. Alle 
diese Dinge, u. noch viele andere zusammengenommen ergeben 
das Resultat, daß sie sich musterhaft u. bewunderungswürdig in 
das Unglück findet, eine vom Brautstand besessene Schwester zu 
haben, u. daß sie ihr Schicksal mit einer Fassung u. Standhaftigkeit 
trägt, ihres Charakters u. ihrer Schultern werth. Haut sie zuweilen 
über die Schnur, nun so muß man es ihr nachsehn, u. das thut denn 
auch der sanfte Schwager u. die fromme Schwester pflichtschul- 
digst. Liebe Zeit, wie findest Du diesen Prozess, den wir hier in 
Person vor Dir plaidieren? Denn daß wir geistig gehuscht haben, 
geht Dir wol klar aus Allem hervor, u. ich denke, daran erkennst 
Du Deine Gerenheimer. Der Schiemil übrigens, mit dem wir sie 
gestern - 5 Minuten allein ließen, war David. Friede kleine Gere, 
die Parteien vergleichen sich, u. Du butzest ihre Köpfe an einan- 
der. 

fanny an Felix 295 Berlin, 8. August 1829 

[. . .] Zuweilen macht einem der Hebe Herrgott raffiniertes Plaisier, 
so that er's uns Mittwoch, wo wir eben beschäftigt waren, Deinen 
ersten schottischen Brief zu lesen, als Mühlenfels 296 (für uns zum 
erstenmal) eintrat. Wir staunten, freuten uns, daß er so gut Be- 
scheid wußte, uns gleich Frl. R. und Frl. F. titulierte, den Garten 
aus Deiner Beschreibung genau kannte, u. aus den mit Bleistift in 
der Hand geführten Conversationen, Dein Bild so schön ähnlich 

86 



fand; das war der erste Eindruck, Mühlenfels hätte viel weniger 
angenehm seyn können, u. er wäre doch günstig gewesen. Marx 
u. Gustav Magnus 297 aßen hier, wie die Mutter geschrieben hat. Es 
war fast nur die Rede von Dir, u. wenn wir zuweilen aus Discre- 
tion andre Gegenstände aufs Tapet brachten, lenkte M. von selbst 
wieder ein. Er hat eine sehr gute Art mit Dir umzugehn, u. seine 
Art Zuneigung zu Dir gefällt mir. Kurz, er ging spät, u. wir waren 
zufrieden. [. . .] Hensel zeichnete ihn, er erzählte uns dabei die net- 
testen Geschichten von Dir u. London, wir gingen spät zu Tisch, 
das Gespräch wandte sich auf die Zeit seiner Gefangenschaft, u. 
wir baten ihn, uns die Geschichte seiner Befreiung zu erzählen, 
was er bereitwillig that. So saßen wir denn bis um 1/2 1 um ihn 
her, mit gespannter Aufmerksamkeit den interessanten Details fol- 
gend, die Du, wie er uns sagt, aus den Akten kennst. Ich bin keine 
Romanleserin, aber dieser lebendige Roman nahm lebhaftere 
Theilnahme in Anspruch als je ein geschriebener, u. beim Him- 
mel, der Kerl entwickelte Poesie. Wie ihm das Rasseln des Wa- 
gens im Thore noch jetzt wie Musik in den Ohren klingt, wie ihn 
die erste Morgenröthe, der Sonnenaufgang, fand, das ist hübsch 
aus dem Munde eines Mannes zu hören, der es erlebt hat. Er hatte 
ein Auditorium, das mitlitt u. mitlebte. Seine Reise hierher hätte 
für uns nicht angenehmer fallen, seine Stellung im Hause hier 
keine erwünschtere seyn können, ich versichere Dich, ich begreife 
vollkommen, wie er Dich erfrischt, wie er Dir geholfen hat, im 
Strudel oben zu bleiben. Dazu ist er wol der Mann. 
[. . .] Ihr armen Leute, wenn ihr nur nicht so ein gar plaisirliches 
Leben führtet. Edinburg muß leidlich aussehen. Überall zeigt man 
Euch offene Arme, kurz, Ihr könnt es aushalten - Montag den loten. 
Gestern früh war hier Quintett. Erst spielte Rietz ein Quartett v. 
Haydn, dann David Dein Quintett 298 , u. dann Rietz das c dur 
Quintett v. Beethoven 299 . Ich hätte zwar lieber gesehen, daß Rietz 
auch Deins gespielt hätte, aber da David sich jetzt zu Dorpat vor- 
bereitet, u. es einstudiert hat, bat er darum, u. dagegen ließ sich 
natürlich nichts einwenden. Er spielt übrigens sehr gut. [...] 
Abends war es einmal wieder brillant gestern, außer einigen 
Fremden aus Brüssel, waren noch viele Bekannte aus Berlin hier, 
u. obgleich ich vieles Kopfweh besaß, schürte ich doch die Repu- 
tation des Hauses, u. spielte erst Deine Variationen 300 mit Ritz, u. 

87 



dann das d dur Trio v. Beethoven 301 , mit ihm u. David. Hier will 
ich einen Auftrag einschalten, aus keinem anderen Grunde, als 
weil er mir eben einfällt: Hensel läßt Dich sehr bitten, wenn Du 
wieder nach London kommst, u. en train bist, Commissionen zu 
machen, für ihn, eine Unze indisch Roth bei Ackermann zu kaufen. 
Willst Du es nicht vergessen, lieber Mann? Adolph Gold- 
schmidt 302 kam auch gestern, gerade zur Musik, u. da er etwas laut 
sprach, u. sich englisch höflich auf dem Stuhl rekelte, frug Rietz 
nachher, ob dieser Flegel zu unsrer Familie gehöre, oder ob man 
den Mund über ihn aufthun könne? Ich muß auch gestern, daß 
mir sein Äußeres sehr abstoßend ist. Was habt Ihr nun für göttli- 
ches Wetter, u. wie gern denke ich mir Euch heut, an hellblau 
behimmeltem Tage auf tiefblau schottischem See. Ach wie so 
gern! 

[. . .] Mittwoch 12. Einen herzlichen Gruß von Hensel, der drin in der 
Hinterstube sitzt, u. einen Blumenkranz auf das Bild eines Kindes 
malt. Wir haben einen netten Tag zusammen. [. . .] Abends waren 
wir allein, Hensel zeichnete an meinem Bilde für Dich, ich spielte 
sehr Vieles von Dir, u. da ward mir sehr weich, u. als ich darauf in 
den schönen stillen Mondabend noch einen Gang mit H. that, 
ward von Dir geredet, dann holten wir die Andern heraus, und 
ward wieder von Dir geredet! Du wirst viel Heb gehabt, Felix. Lebe 
wohl. [. ..] 

fanny an felix 303 Berlin, 21. August 1829 

Ich will mich eben hinsetzen, um einen Brief zu schreiben, einen 
andern Brief, aber ich kann den Tag nicht anfangen, ohne die 
Antwort. Felix, Bruder, Engel, was soll ich Dir sagen? Noch ist 
nichts überlegt, nichts besprochen, aber Beckchen hat mir Deinen 
Brief vorgelesen 304 , u. ich bin froh, Dir sagen zu können, daß ichs 
mit Hensel schon lange so ausgemacht, wie Dus geschrieben. 
Noch weiß ich nicht recht, wie? aber es soll, es muß werden. 305 An 
mir Uegt es, mir hat Hensel die Entscheidung anheim gestellt, was 
mich zurückhielt, war eines Theils die Sorge um einen zu langen 
Aufenthalt, andererseits Beckchen, die ich mich nicht entschließen 
konnte, so zurückzulassen, denn ich bin ihr Vicefelix, das hör ich 
gerne, u. es macht mich froh, nun für diese Sorge beruf ich mich 



auf Dich, u. die andere - ich weiß nicht, es war heut Alles so hell 
u. klar vor den Augen, als ob es gar keine Schwierigkeit in der Welt 
gäbe. Was Du Beckchen Liebes geschrieben, davon nehm' ich mir 
meine Hälfte, wie ich sie ihr auch immer gegeben habe. Denn wir 
sind u. bleiben die Geren, u. Du bist der Clown, u. wenn Du je 
aufhörst, Dich zwischen uns auf den Sopha zu setzen! 
Zwischen uns, hörst Du? Aber das wird nicht aufhören, denk ich, 
u. wir werdens einmal in einer andern Zone probieren. Hensel u. 
ich wir haben's so ausgemalt: Wenn wir Alle zusammen bis Nea- 
pel gereist sind, u. die Eltern dann Furcht haben vor der Seereise, 
so steigen wir Vier ins Schiff, u. fahren nach Sicilien, u. wenn wir 
uns die Sache da angesehn haben, so steigen wir wieder ins Schiff 
u. fahren nach Malta, u. wenn's da sehr heiß ist, u. sehr blau, u. 
einem die Orangen über den Kopf hängen, u. man bei heiterem 
Tage die weiße Küste von Africa sieht, so erzählst Du uns von 
Staffa 306 u. den Hebriden. - Ich denke wir haben uns unser Leben 
gut eingerichtet, u. wenn der liebe Gott ja sagt, u. alles gelingen 
läßt, so können wir einige leidliche Jahre erleben. Und nun nach 
alle dem das ruhige Zusammenfinden in Berlin, wo wir, ich meine 
Du u. Hensel, von der Leipziger Straße aus ziemlich weit ausgrei- 
fen werden, es wird passabel seyn. 

[-] 307 

den 25sten August. Du kennst selbst aus Erfahrung so gewisse Kno- 
ten und Begebenheiten, Tage und Wochen, wo so viel zusammen 
kommt, daß man gern an Jedes allein denken möchte. So waren 
für mich die Tage, in denen Dein Brief ankam, es drängte und 
wälzte sich alles über einander. Ein Theil ist nun schon aufgelöst, 
und das Andere geht langsam vorwärts. Mit der Bestimmung uns- 
rer Hochzeit ist es noch, wie es war, das letzte Aufgebot am 20sten, 
da Vater noch in Hamburg, und die ganze Wohnung noch einzu- 
richten ist, nebst Töpfen u. Schüsseln, Dir Deine Lieblingsgerichte 
zu bereiten, so ist der Tag noch nicht genau zu bestimmen. Be- 
stimme Du aber, o Felix, um was ich Dich gebeten habe. Ich habe 
meinen Orgelausgang 308 schon ziemlich im Kopfe. G Dur, Pedal 
fängt an. Ueberhaupt bin ich recht froh zu der Ueberzeugung 
gelangt zu seyn, daß der Brautstand meiner Musik nicht geschadet 
hat. Habe ich nun erst ein gutes Stück im Ehestande gemacht, dann 
bin ich durch, und glaube an ein ferneres Fortschreiten. Aber, nicht 

89 



wahr? Besseres wie die Lieder für Dich habe ich noch nicht ge- 
macht 309 , und das Stück von und für Hensel ist auch nicht übel. 
Was ich aber jetzt für große u. größte Reformen im Kopf habe, 
das möchte ich Dir eigentlich gar nicht sagen, aus Furcht, bei 
Nummer i stecken zu bleiben. - Ei was, ich will's Dir erzählen, 
hör zu. Joh. Gust. Droysen sagte mir mal vor einiger Zeit, er fände 
es gar nicht übel, wenn die Lieder, die man so machte 310 , einen 
gewissen, innerlichen Zusammenhang hätten, so einen Faden, u. 
ob ich wol erlaubte, daß er so >nen Faden suchte, u. da Lieder dran 
aufzöge. Ich erlaubte. Da kam er wieder nach einiger Zeit u. frug, 
ob mir die Sage von der Loreley gefiele? Ich genehmigte, da brach- 
te er mir einen Plan. Aber das Ding war zu undramatisch für ein 
Stück, zu dramatisiert für eine Sage, kurz nicht recht Fisch u. 
Fleisch. Zu gleicher Zeit da ich sah, daß es ernst u. groß wurde, 
wünschte ich doch sehr, daß mein zukünftiger Eheherr Theil an 
der Arbeit nähme, u. so versprach mir dieser auf mein Bitten, 
einen 2ten Theil zu schreiben, wenn Droysen seinen ersten dra- 
matischer machen könne. Kurz, die Sache wuchs u. dehnte sich 
aus, bis ich nun ein großes Stück in drei Theilen vor mir habe, das 
heißt, den Entwurf dazu, an dem wir immer herum schustern u. 
schneidern, u. ihn Droysen in diesen Tagen zu überliefern den- 
ken. 311 [. . .] Und nun laß mich noch einen Augenblick mich freuen, 
über heut und morgen. Hensel wird mir jeden Tag lieber, und 
dem Himmel sey dank, ich glaube, daß er immer glücklicher wird. 
Und wenn er nun zurückkommt aus den Niederlanden, da wollen 
wir Familie ein sehr nettes Leben führen. Du bringst viel Neues 
mit, findest viel Neues vor, u. ich stehe Dir dafür, die Zeit soll uns 
nicht lang werden. Hör mal, Deine Hebriden sind passabel, und 
die beiden Geigen sagen nicht umsonst so lange fis. Mir wurde 
seltsam dabei zu Muthe, wie Dir. Adieu, Felix. Nun bekömmt 
Hensel den Brief. Wir sind die Alten noch geblieben. 
[...] 

felix an fanny und rebecka 312 Coed Du, 2. September 1829 

An die Schwestern will ich ihn richten, hab meine Gründe dazu; 
es ist der Wendepunctsbrief für dies Jahr, denn von nun an werden 
sie posttäglich näher u. näher adressirt, bis sie ganz aufhören; dies 



90 



der eine; es ist eben nichts wichtiges, ernsthaftes, geschäftemäßiges 
zu berichten, sondern mehr von Gärten, Zeichnen, Lämmern; 
dies der andere; und zum erstenmal seit Deutschland bin ich wie- 
der mal herzlich u. zutraulich mit Menschen zusammen und freue 
mich ihrer und denke Eurer: dies der Hauptgrund. Denn viel ist 
von Euch Schwestern hier die Rede, sie machem Eurem Bilde 
schrecklich die Cour, u. kennen Euch sehr gut mit Vornamen u. 
allem u. ich beschreibe Euch pünctlich [. . .] 
Den Tag meines letzten Briefes aus Llangollen fuhr ich allein in 
der Mail durch furchtbaren Regen; ging dann zu Fuß ins Tal von 
Llanrust und fuhr im offenen Wagen nach Convay, wo ich so naß 
ankam, wie ich vielleicht noch nie in meinem Leben gewesen war. 
Den folgenden Tag fuhr ich nach Holywell, wo ich Briefe von 
Euch erwartete, u. keine fand; ich kam nasser an, als den vorigen 
Tag, diesmal war meine Stube schlecht, der Kopf brummte mir 
vom Sturm, die gehofften Nachrichten von Hause, an denen ich 
immer einen Taglang kaue und zehre, blieben aus, das Kamin 
rauchte, kurz, so behaglich ich es im Wirtshaus das erstemal fand, 
so unbequem langweilig war es das 2te mal, und wie ich denn 
überhaupt alle Zweitenmale hasse oder fürchte, so zitterte ich vor 
der Rückkehr nach Coed Du. Dazu hatte ich nichts zu lesen, weil 
der erste Theil von Guy Mannering 313 , den ich mir in der neuen 5 
Sh. Ausgabe kaufe, zu Ende war, u. der 2te erst heut in London 
erscheint; nahm also die Zeitungen u. las vom Irländischen 
Dampfschiff, das der Capitain schon aufgegeben hatte, dem alle 
Kohlen fehlten, das statt 26, 56 Stunden ging; in dem die Passagiere 
auf der Erde lagen, die Aufwärter auf den Vieren kriechen muß- 
ten, die Damen nicht aus der Ohnmacht erwachten, u. das nur 
durch ein augenblickliches Anhalten des Wüthewindes gerettet 
ist; dann wieder von zwei Personen, die trotz allen Läugnens, man- 
cher Unwahrscheinlichkeiten, in drei Tagen verdammt u. gestor- 
ben sind, u. so mehrere häßliche Sachen. Am andern Tage aber 
kam das Landgut, und nun möchte ich doch so gern beschreiben, 
aber wie soll ich es machen, wenn jeder Schritt, jeder Augenblick, 
alles so ganz von Deutschi, verschieden ist, was soll ich hinaushe- 
ben? Ich wollte, ich wäre ein berühmter Schriftsteller, es wäre was 
für mich. Doch lege ich los mit Beschreiben, für Euch Geren 314 ist 
es gut genug. Englisch spricht man hier, so fein wie nur möglich, 



9i 



und ich nehme mich sonderlich aus zuweilen; aber das thut wenig. 
Der Vater also, Hr. Taylor, ist der Englischste Engländer, den ihr 
erdenken könnt, (ä propos, Hamilton u. Co kenne ich nicht, habe 
sie nicht gesehen, u. sie zu nichts, als zu einem Singakademie Bil- 
lette empfohlen) der Hausherr also ist der Inhaber ungemein be- 
deutender Bergwerke in vielen Theilen Englands, u. scheint sehr 
angesehen in seinem Fach, hier hat er sechs Bleiwerke u. inspicirt 
die mit seinen Söhnen, die waren in Deutschland, sprechen 
Deutsch mit mir, jagen auf Mord, (Dick hat gestern 15 Rebhühner 
u. einen Hasen geschossen) reiten Carriere über die Wiese vor 
dem Haus, fischen, richten die Hunde gut ab, u. necken ihre 
Schwestern. Diese haben ihre Meriten, hübsch ist eigentlich nur 
die zweite, diese aber sehr, u. spricht einen guten Ton, aber gut 
sehen sie alle aus, u. die älteste ist ein prächtiges Mädchen, so wie 
auch an der jüngsten nichts getadelt werden muß. Zum Glück 
spielt hauptsächlich die zweite Ciavier, u. ich gab ihr schon man- 
chen guten Rath, wie sie das Gelenk lose halten müsse, u. die 
Finger: so! Aber die älteste zeichnet vortrefflich Landschaften, u. 
kann auch Männer u. Frauen im Vorgrund anbringen; da das mir 
nun nicht gegeben ist, so macht sie mir zu einigen schottischen 
Gegenden gute Staffagen, unter anderem gestern ein Paar wun- 
dernette Hochländer, die jüngste aber hat mir eben ein kleines 
Nadelkissen geschenkt. Die Mutter ist ruhig, u. still, u. gut, man 
sieht wohl, daß sie das Ganze führt u. regelt, ob sie schon wenig 
spricht; ich bin ihr von Herzen gut u. sie mir auch, denk ich; sie 
erinnert mich oft lebhaft an Dich, liebe Mutter, sogar im Gesicht 
ist zuweilen die Ähnlichkeit auffallend. Außerdem sind da: 3 lange, 
dürre, häßliche, moquante Cousinen aus Irland, unverheirathet, 
alt, heimlich kichernd, in papageygrünen kurzen Kleidern; wir 
stehn in offener Fehde gegen einander u. hassen uns sehr; item ihr 
Bruder, ein stiller, grämlicher junger Mann, spielt das Hörn und 
versteht was von Bergbau; ferner ein anderer Cousin, mein Rei- 
segefährte, schießt viel Kaninchen, zeichnet, macht der jüngsten 
Cousine fast den Hof; item ein ruhiger Seecapitain, item 3 Ponys, 
2 Donkeys (i. e. Esel), ein Phaeton, ein in Sammt u. Seide gehüllter 
Bedienter, Gärtner, Bauern etc. Die Scene ist zwischen Mold und 
Ruthin in Flintshire, heut 12 Uhr Mittags. Die vielen Fremden sind 
aber erst seit gestern hier, u. wollen der großen Fete beiwohnen, 



92 



die in einer Stunde losgeht. In einem engen Thale 6 Meilen von 
hier ist nämlich ein Zelt aufgebaut, unter dem heut zu Mittag 
gegessen wird, da ist nun die ganze Nachbarschaft gebeten, ver- 
sammelt sich hier um i, und bewegt sich dann zu Fuß nach dem 
besagten Zelt zu, wo es hübsch ist, wird still gehalten und nach 
allen 4 Weltgegenden hin gezeichnet, die Mutter reitet zu Esel, für 
Honoratioren ist der Phaeton angespannt, der gestern geschoßene 
Phasan steckt schon in der braunen Pyekruste, viel Blumen muß 
der Gärtner bringen, ich sehe aus meinem Fenster weiße Kleider 
auf der Wiese umherschimmern, ists gut Wetter so lachen wir; 
sollt" es regnen so lachen wir noch mehr; auch ist eine Dampfma- 
schine in der Nähe, an der wir uns wärmen können, u. unterkrie- 
chen im schlimmsten Falle; wenn wir zu Hause kommen heut 
Abend, so finden wir den Saal erleuchtet u. offen, weil getanzt 
werden soll; (das haben mir die Mädchen heimlich verrathen, sagts 
also nicht weiter) und so ists auf einmal heut ein Festtag, aber ganz 
ohne Anlaß; nur blos, um sich Vergnügen zu machen, das gefällt 
mir nun gar zu sehr, u. es soll mir keiner so gleich auf die Englän- 
der schimpfen. Außerdem leb ich hier prächtig; vor allem giebt^s 
viel Musik, ich spiele wohl 3-4 Stunden den Tag, u. componire 
mancherley, unter anderm einen Ausgangssatz für die nächste 
Hochzeitfeyer. Auch ist das vorgerückte 315 Lied an die Tragödin 
abgegangen. Du, Fanny, mußt die Correcturen machen. Ferner 
habe ich Miß Anne voreilig versprochen das Bouquet Nelken mit 
einer Rose in der Mitte, was sie mir neulich schenkte, zu compo- 
niren, u. laborire etwas dran; ich muß es in ihr Buch schreiben u. 
den Strauß drüber zeichnen, es wird [. . .] sehr zart. Mein Violin- 
quartett 316 schicke ich bald fertig hinüber, u. zur Vollendung mei- 
ner Reform. Symph. war ich neulich 500' unter der Erde, viell. 
nicht ohne Erfolg. Die Hebridengeschichte kann auch toll werden, 
u. zur silbern. Hochz. braue ich viel Getränk. - Das ist die Musik 
explicite. - Implicite ist sie nun, wenn wir alle zusammen drüben 
an der Schleuse sitzen u. zeichnen; Miß Anne u. ich die Schleuse, 
Susan ihre Schwester Anne, die jüngste mit dem Rücken gegen 
uns den weiteren Lauf des Bachs, der Cousin die ganze Gruppe, 
und dann kommt der Vater aus seinem Bergwerk über die Brücke, 
u. lächelt sehr behaglich, u. plaudert mit uns, die wir uns nicht 
stören lassen; am Abend wenn genug Musik gemacht ist werden 



93 



dann die Zeichnungen genommen u. gebessert; Anne führt die 
guten aus u. hat Licht u. Schatten; ich nehme die Sachen breiter u. 
wichtiger, Susans Staffage wird in unsere Landschaft eingetragen; 
sie braucht unsere Bäume als Hintergrund u. so fort. - Oder wenn 
wir zusammen spazierenreiten, denn die Mädchen nehmen sich 
in den blauen Reitkleidern erträglich aus; so war ich neulich mit 
dem Bruder John u. der ältesten Schwester, u. machten in der 
Nachbarschaft einen Besuch an 2 alte Damen, so ritt ich gestern 
mit dem Cousin u. Susan weit durch die Gegend über 12 Meilen 
[...]; hat man nun eine Weile kräftig Weg gemacht, über mein 
deutsches Leben gesprochen [. . .] u. reitet dann langsam zu. con- 
versirt, u. fängt dann so eine stille Engländerinn auf einmal an, von 
Dir, Beckchen, zu sprechen, u. mir zu beschreiben, wie sie Dich 
reiten lehren wolle wenn Du nach Coed Du kommst, denn daß 
ihr kommt, ist seit einigen Tagen den Mädchen ganz unzweifel- 
haft, und wie Du viel besser reiten werdest als Fanny (ich glaub es 
fast selbst), u. welche Zimmer ihr dann bewohnen sollt. - 
Oder wenn alle Mittag von demselben Heben Hausfreund geredet 
wird, der jetzt gerade nach Mexico ist, und Capitain Lion heißt, 
Vater wird sich aus Ritters Colleg 317 seiner entsinnen, es ist dersel- 
be, der die Wüste Sahara schnell verließ, um nach dem Nordpol 
zu gehen, u. wenn der Vater dann die schönsten Züge von Lions 
Reisen erzählt, u. die Töchter die Amerikanischen Dinge zeigen, 
die er jeder geschenkt, u. die Mutter mir gern die Lieder der Es- 
quimaux beschreiben möchte, die er ihnen an Sommerabenden 
im Freyen vorsang. - Alles das ist freilich Musik und recht schöne; 
wißt ihr noch, daß ich bei Potsdam mal für Heliotrop schwärmte, 
ich thue es hier für eine große Nelkenart (Samen davon wird mit- 
gebracht) und alle Morgen bekomme ich die schönsten geschenkt, 
mein Zimmer duftet gar zu süß; u. wenn ich am Sonntag nicht 
Ciavier spiele, weil ich deutlich merke, daß es ihnen unangenehm 
ist, u. dann am Abend ihnen was ernsthaftes, geistliches, von Hän- 
del od. dgl. spielen muß, so ist das vielleicht doppelte Musik. 
Morgen ist in Holywell ein publ. diner Hrn. Taylor von den Leu- 
ten in der Umgegend gegeben; dem wohne ich noch bey, als Haus- 
freund; denn ich glaube ich darf mich fast so nennen, u. fahre dann 
übermorgen nach London zurück. Von da aus mache ich mehrere 
Dinge richtig, bedanke mich bei allen Freunden u. Gönnern, 



94 



schreibe an Moschel., Johnston etc. führe meine Zeichnungen aus, 
gehe über den Canal etc. etc. Dies Ende schreibe ich schon neben 
der Dampfmaschine, von der ich sprach, denn in der Mitte wurde 
ich abgerufen, u. spazirte mit den Damen hieher ins Thal, wos Zelt 
steht. Das Weitere will ich eben erleben, u. Euch dann schreiben. 
. Euer F. 



fanny an Felix 318 Berlin, 6. September 1829 

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Gestern Nachmittag hätte ich Dir beinahe geschrieben, denn da 

sah es hier so aus: Mutter war im Garten, Beckchen bei Magnus, 
die den Tag vorher hier eingezogen waren, Hensel saß den ganzen 
schönen Sonntag hindurch einem Gliedermann gegenüber, mit 
dem Hofkleide der Heister 320 angethan, u. Paul war mit Deinem 
Brief zu ihm gegangen. Rest: ich, die eine Gardine nähte, sämtli- 
cher Bevölkerung von Berlin gegenüber, die aus dem Potsdamer 321 
heraus wogte am schönsten Nachmittage. Ich schrieb Dir aber 
nicht, sondern überdachte Deinen Brief, u. war vergnügt. Und als 
es zu finster wurde zum Nähen, setzte ich mich ans Ciavier, u. 
raspelte ein wenig an meinem Hochzeitsstücke. 322 [...] Unsre 
Hochzeit ist auf Sonnabend, den 3ten October bestimmt. Ja lieber 
Felix, den Tag wirst Du sonderbar verleben, ich habe meine eige- 
nen Gedanken über die Art, wie ich meine, daß Du ihn verleben 
könntest, sage sie aber nicht. [. . .] Heissa, war ich ein Koffer, ich 
wüsst was ich thät [. . .] Nun sind wir seit einigen Tagen herüber- 
gezogen, u. die Wohnung drüben wird für mich eingerichtet. Ein 
Mädchen habe ich schon lange, es ist aber keine von den schönen 
Liverpooler Köchinnen, sondern eine zarte kleine Berlinerinn, 
über deren ausnehmende Häßlichkeit Hensel sich schwer zufrie- 
den geben kann. So wie er Alles hübscher sieht, u. mir gern alle 
Umgebungen, alles Geräth des gemeinen Lebens zierlich u. ange- 
nehm einrichtet, so möchte er auch das Volk, das Einen umgiebt, 
gern angenehm u. erfreulich anstreichen, es geht nur halt nit. 

Beckchen: Nun denn! Ach wie von hinnen eilen. 

Fanny: Hast noch was Kluges mitzutheilen? 

Beckchen: Sehnsucht ins Ferne, künftge zu beschwichtigen. 



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Fanny: Beschäftige Dich hier und heut im Tüchtigen. Joh. Göthe. 
Beckchen: Musenalmanach für 1831. 

Fanny: Das heisst aber nicht, Geren, scheuert die Stube, näht u. seyd 
fleißig, bis es mir gefällt, wiederzukommen, sondern es heisst: ach, 
was weiß ichs? Werder, Veit u. Stieglitz, drei schöne Männer, die 
den Musenalmanach herausgeben 323 , frage die, die Werdens wis- 
sen. [. . .] 

Eben komme ich vom Ausgang mit Mutter zurück, wir haben 
Tische u. Stühle u. schöne Dinge gekauft. Klingemann schickte 
mir kurz vor meiner Verlobung eine Reihe von Spottdistichen auf 
das Brautpaar von Göthen, davon hieß Eines so: 
Er: Du, u. eine Hütte, das ist meine Welt. 
Sie: Lieber, haben Sie auch Sopha u. Stühle bestellt? 
Lieber Klingemann, spotten Sie immer zu. Sopha u. Stühle sind 
gut, u. die Gäste u. die Welt ist auch nicht zu verachten, u. so haben 
Alle recht, der Bräutigam, die Braut, u. der Spötter, d. h. die Welt. 
Wie prächtig würden Sie sich über uns mokieren, wenn Sie hier 
wären, u. wie prächtig werden Sies eben so machen, wenn Sie 
einmal in den ähnlichen Fall kommen. Nun wir Werdens erleben, 
Sie als bräudelnden Ehemann zu sehn. [. . .] 

Erstlich hatten wir eben Deinen lieben Brief erhalten, den aus 
Taylors, Du Lieber. Wie prächtig hast Du Dich da amüsiert, u. wie 
heb haben Dich die Leute gehabt. Fast, ja fast so lieb, als Du ver- 
dienst. Daß uns Taylors Ladies bei Namen kennen, ist ädel von 
ihnen. [...] 
Deine wohlgeneigte Schwester Fanny. 



fanny an felix 324 Berlin, 22. 325 September 1829 

[...] Sitzt Deine älteste Gere wieder mit verbundenem Gesicht, 
weil sie sich einen 2ten 326 Zahn hat müssen ausziehen lassen. Glau- 
be aber nicht, daß dieser abwesende Zahn oder diese anwesende 
dicke Backe mir menschenfeindliche Gesinnungen einflößen; 
oder irgend unsere Polterabendsconferenzen beeinträchtigen 
könnten. Ich stehe über mir selbst, und kenne mich u. die Welt, 
(patetico) Zur Sache. Abgesetzt, von meinem Posten verwiesen, 
meiner jüngeren Schwester untergeordnet, habe ich mich mit 
Größe in die Stille des Privatlebens zurückgezogen, u. wirkte da 



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ungesehen. Felix. Nicht Eigennutz, nicht Habsucht, nicht Ehrgier, 
nicht manches Andere ließ mich die Anordnung treffen, den Pol- 
terabend in einer gewissen Familie zuzubringen, sondern alle die 
Gründe, die mein Chef auf der vorigen Seite ausführt. [. . .] Deinen 
Plan von der ersten Oper finde ich so allerliebst, daß ich ungern 
davon abstrahiren würde, wenn ich mich gleich jetzt als Zerlina 327 
wunderlich gestalten werde. Es ist ein Einfall, der so in Deinem 
Character liegt, daß ihn gar kein anderer Mensch in der Welt hätte 
haben können. Außerdem aber, glaube nicht, daß ich von einem 
Instrumentalabend ablassen werde. Was Cuckuck! Wir müssen 
doch Deine neuen Sachen hören [. . .] Daß Du Vater nicht triffst, 
darüber kann ich mich noch nicht recht zufrieden geben, Du wirst 
nun die vielen Anspielungen in unsern letzten Briefen verstehen. 
Wir hatten uns fest u. steif in den Kopf gesetzt, daß Du mit ihm 
herkommen würdest, u. so hat mich Dein Brief an Vater (er hat 
ihn uns hergeschickt) fast geschmerzt, nicht nur in Deiner u. Va- 
ters, sondern auch in meiner Seele. Bei dieser Gelegenheit will ich 
Dir denn auch vertrauen, was ich zwar nicht beschwören kann, 
aber was in mir feststeht [...], daß nämlich Vater die Reise fast allein 
Deinetwegen, u. in der Hoffnung, Dich zu sehen, unternommen 
hat, er konnte es nicht länger aushalten. Das Gute dabei ist aber, 
daß nun die Reise einen Theil dessen thut, was Du hast thun sol- 
len, u. daß Vater ermuntert u. in bester Laune zurückkehrt. Wir 
haben heut einen sehr komischen Brief von ihm aus Amsterdam. 
Nun noch ein Wort über unsere Reiseprojekte. Das Einzige, was 
uns, Hensels, zurückhalten könnte, wären finanzielle Gründe. Da 
es in Deinem Plan liegt, daß wir nicht mit den Eltern davon reden, 
erwähnen wir natürlich unseres Vorsatzes nicht, der dadurch noch 
unmotivierter erscheinen würde. Nun habe ich immer noch die 
Angst, die ich nicht zu überwinden vermag, erstlich ob wir genug 
einbringen 328 , um die Reise zu machen, zweitens ob die Eltern 
nicht vielleicht mit Recht mißbilligen würden, wenn wir statt uns 
im Anfang unserer Verheirathung einzuschränken, u. ruhig zu le- 
ben, u. unsere Pflichten hier zu erfüllen, uns gleich ein so kostspie- 
liges Göttervergnügen machten. Wobei, im besten Falle, der ganze 
Erwerb des Jahres daraufginge. Wollten wir es anders einrichten, 
wie Du meinst 329 , daß Hensel die Idee hatte, eine Ausstellung 330 
dort zu suchen, so würde das einen sehr langen Aufenthalt dort 



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zur Folge haben, was wieder seine sehr zu bedenkenden Seiten 
hat. Kurz, lieber Clown, sage mir mal ein vernünftiges Wort dar- 
über. Du kannst Dir denken, wenn wir euch Alle so einsteigen 
sähen, u. müßten das Haus hüten, so würde uns das wenig amüsi- 
ren. Ein Umstand, der sonst unangenehm wäre, uns aber bei un- 
sern vorhandenen Planen zum Vortheil gereichen kann, ist, daß 
Hensel das Attelier im Luisenstift abgeschlagen worden ist, weil 
das Palais für Prinz Albrecht 331 eingerichtet wird [. . .], und daß er 
sich nun um die 400 Th. bewirbt, die als Ersatz für ein königl. 
Attelier gegeben werden. Sieh, lieber Felix, da hast Du unsere 
ganzen häuslichen Angelegenheiten. 

Wieviel ich brauchen werde, u. mithin einbringen kann, werde ich 
erst nach einigen Monaten beurtheilen können. Wenn wir uns (u. 
Hensel hat gewiß die meiste Lust dazu) auch entschlössen, bur- 
schikos zu handeln, alles zu verjubeln, u. nachher von vorn anzu- 
fangen, fürchte ich doch, die Eltern würden mit einem solchen 
Plan wenig zufrieden seyn, u. ohne ihre Beistimmung (dies hat 
gewiß die Deinige) wollen wir Beide nichts beschließen. Im Fall 
aber die Reise doch noch zu Stande käme, muß Hensel eine histo- 
rische Bestellung beim Könige, u. eine andere, über die er schon 
in Unterhandlung steht, beim Großherzog v. Weimar 332 sicher 
machen, zum Motiv würde er dann eben nehmen, die Skizzen u. 
Entwürfe zu diesen Bildern in Italien zu machen. Du siehst aber 
wie langsam dergleichen geht, da er die Antwort auf die Attelier- 
sache erst nach Monaten erhalten hat, u. da ein königl. Rescript 333 
4 Tage v. Potsdam hierhergeht, beinah so lange, wie ein Brief nach 
London. Es ist daher sehr zu wünschen, daß Du Deine Rückkehr 
eher beschleunigst, als aufschiebst, damit wir erst untereinander, 
dann mit den Eltern, u. zuletzt mit der Regierung einig werden. 
[. . .] Sieh, mein Junge, da 334 habe ich Dir nun einmal wieder Alles 
exponirt, mir ist ja zu wohl, wenn ich so >ne weiße Seite vor mir 
sehe, u. Humor genug fühle, mich 2 Stunden lang mit Dir zu 
besprechen, u. wenn ich nur vom Schreibtisch aufzusehn brauche, 
um Dein Gesicht zu treffen, u. wenn Du Deine Geren so heb hast. 
Wenn nur eine Deiner Geren mit Dir ginge, u. die Andere bliebe 
hier, das wäre wohl allen dreien nicht recht, u. dem Vierten auch 
nicht, der uns Alle Hebt. [. . .] 



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felix an fanny 335 London, 25. September 1829 

Dies ist also der letzte Brief von mir, der vor der Hochzeit nach 
Euch gelangt, u. zum letztenmale rede ich Fräul. Fanny M. B. an, 
u. wohl viel hätte ich zu sagen; aber noch immer will es gar nicht 
recht gehen. Zwar sitze ich seit gestern alle Tage ein wenig auf, u. 
kann daher besser u. kleiner schreiben, aber der Kopf ist mir noch 
gar so wüst (von dem vielen im Bettliegen 336 , u. von der langen 
Gedankenlosigkeit) und je mehr ich zusammenfassen möchte in 
diesem Augenblick, desto schneller entschlüpft es mir, u. will sich 
nicht halten lassen. Daß es nun mit mir dasselbe ist, ob ich's gut 
sage, oder schlecht sage, oder verschweige, das wißt ihr wohl recht 
gut; mir aber ist's, als hätte ich ganz u. gar die Zügel verloren, über 
das, was ich sonst schon zu bemeistern wüßte, u. die Gedanken 
über alles, was sich nun verändern u. festsetzen will, die sich mir 
gleich in Einen verschmolzen hätten, wenn ich angefangen hätte, 
Euch zu schreiben, die fahren mir nun einzeln, unbestimmt, halb 
wild umher, u. sind nicht zu ordnen! Aber es ist nun so, u. wenn 
man täglich sieht, wie alle Kleinigkeiten, die man sich ausmalt, 
durch die Wirklichkeit verschoben, vergrößert oder vereinfacht 
werden, so steht man vor einem wirklichen Lebensereigniß mit 
rechter Ehrfurcht u. Demuth u. sieht kaum hin. »Mit Ehrfurcht« 
damit meine ich aber frisch u. fröhlich u. mit Vertrauen. Lebt und 
webt, heirathetEuch u. seid glücklich, baut Euch das Leben zu, auf 
daß ich es schön u. wohnlich finde, wenn ich zu Euch komme, 
(und das geschieht ja nun recht bald) u. bleibt Ihr dieselben, dann 
laßt es draußen rütteln, wie's mag; übrigens kenne ich Euch beide 
ja, u. somit gut. Ob ich die Schwester dann Fräul. oder Mad. anre- 
de, bedeutet wenig. Der Name thut wenig. 
Freilich habe ich das nun gelernt, wie man doch auch auf's kleinste 
Vorhaben mit Scheu hinsehen, u. sich über das kleinste Gelingen 
schon freuen müsse, denn auch dazu gehört ein Zusammentreffen 
des Glücks; aus Llangollen schrieb ich's Euch, wie mir die beiden 
ersten Tage ohne Klingem. zwei freudige geworden sind, Tage, 
vor denen ich mich seit dem Anfang der Reise fürchtete; Men- 
schen, Gegenden, Städte, auf die ich mich lange gefreut hatte, auf 
welche alles gut u. günstig vorbereitet war, denen nichts fehlte, was 
sich berechnen ließ, gingen kalt, ungenossen, oft unangenehm 



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vorüber; die kleinsten Freuden schlugen fehl aus Zufällen, große 
gelangen aus demselben Grunde, u. alles, alles kam anders, als ich's 
erwartet, gewünscht, gefürchtet hatte; so ist mir es gegangen, u. 
wird auch so bleiben. Aber statt daß mich das furchtsam oder 
ängstlich machen sollte, macht es mich recht muthig u. wohl, u. 
weit entfernt deswegen nun an die kleinen Vorausbestimmungen 
mit Besorgniß zu denken; gehe ich vielmehr an große mit Zuver- 
sicht. Und somit auf Wiedersehen im Winter. 
Viel u. Besseres hätte ich wohl schreiben sollen, aber es geht nicht; 
sagt was Ihr wollt, der Körper hängt gar zu eng mit dem Geiste 
zusammen; ich sah es nämlich zu meinem rechten Ärger, als sie 
mich zur Ader ließen, und mir alle Fragen, frischen Gedanken, die 
ich vorher gehabt, mit dem Blut Li die Tasse tropften, u. ich matt 
u. langgeweilt wurde. Klingem.'s Epigramm beweist Euch, wie sie 
mir das bischen Poesie verjagen, u. der Brief hier zeigt's auch; ich 
wette, in jeder Phrase steht, daß ich das Bein nicht krümmen darf. 
Bin ich aber nur erst wieder wohl, dann will ich wegfliegen von 
hier, denn nun hab ich genug von dem Rauchnest u. will mich 
wieder auf den Weg machen, u. will nach Süden, u. will dann nach 
Westen; wie es zu Hause am Mittagstisch aussieht kann ich mir 
gar nicht mehr recht denken; ebenso am Sonntag Abend, u. unter 
allen den lieben Gesichtern. Nun die Tage werden ja schon kalt u. 
kurz; die Kohlen stehen wieder auf der Wochenrechnung, wie als 
ich herkam, alles spricht schon von der nächsten Saison, u. die ist 
im Frühling; was sonst nach Vierteljahren, wird jetzt nach Wo- 
chen, bald nach Tagen gerechnet; bald bin ich wieder weg; bald 
sehen wir uns. - Verarge mir doch keiner, daß ich jetzt etwas 
sentimental bin; wenn man so in der Mitte von lauter verfehlten 
Plänen sitzt, wie ich, so hat man ein Recht dazu. Vaters erster Brief 
der mir eine Zusammenkunft in Rotterd. versprach, aus der wegen 
meiner hiesigen Arbeiten nichts wurde; sein zweiter, wo er mich 
aufforderte, ihn in Amsterd. zu besuchen, u. wieder mit ihm dann 
zu reisen, den ich am Tage nach dem Falle auf meinem Bette 
empfing; zwei Briefe von Hause, die mir seit dem zugekommen, 
ganz voll von der Erwartung, mich mit Vater zu wissen, vielleicht 
mich zur Hochz. schon in Berlin zu sehen; Fannys Aufregung 
wegen des Orgelstücks; meine Engl. Geschäftsgesichter um mich 
herum, mit denen ich mich wohl in Acht nehmen muß, ein Wort 



ioo 



von Geschichten zu sprechen, der ich recht eigentlich ganz dumm 
geworden bin bis herunter auf die abgesetzten Einbildungen am 
Spiegel: die bilden so eine recht verfehlte Umgebung. Sey mirs 
vergönnt um desto fröhlicher in die nächste Zukunft zu schauen, 
u. was der blaue Himmel Freudiges, Beglückendes seinen Men- 
schen senden kann, das werde Euch, u. schmücke Euch die Zeit, 
u. mache sie Euch unvergeßlich! 

[. . .] Hätte ich Klingem. nicht gehabt, ich glaube ich wäre vor Ärger 
u. Langweile crepirt. So bin ich drüber weg gekommen, u. werde 
schon wieder frisch werden. Dem dank ich viel. E. F. 



fanny an felix Berlin, 3. Oktober 1829 

Mein liebster Felix! heut ist der dritte Oktober, und mein Hoch- 
zeittag; und meine erste Freude an diesem Tage, daß ich die ruhige 
Viertelstunde finde, die ich mir längst wünschte, um gerade heut 
an Dich zu schreiben, und Dir Alles noch einmal zu sagen, was 
Du längst weißt. 

Ich bin ganz ruhig, Heber Felix, und Dein Bild steht neben mir, 
aber indem ich Deinen Namen niederschreibe, und Du mir dabei 
so ganz vor leiblichen Augen stehst, weine ich, wie Du mit dem 
Magen, aber ich weine. Ich habe zwar immer gewußt, daß nichts 
kommen könnte, was Dich auch nur für den zehnten Theil eines 
Augenblicks aus meinem Gedächtniß entfernen könnte, ich freue 
mich aber, es nun erlebt zu haben, und ich werde Dir morgen, und 
in jedem Moment meines Lebens dasselbe wiederholen können, 
und glaube nicht, Hensel damit Unrecht zu thun. Und daß Du 
mich so liebst, das hat mir einen großen innern Werth gegeben, 
und ich werde nie aufhören, sehr viel auf mich zu halten, so lange 
Du mich so Hebst. 

Sechs Wochen noch, und ich denke, Du wirst zufrieden seyn, wie 
Du die Sachen findest, es hat alle Anlage, sehr niedHch zu werden, 
und wenn Du es gesehen haben wirst, werde ich erst wissen, ob 
es überhaupt was taugt, denn so wie meine Stube gestern lebendig 
wurde, als die Bilder hereinkamen (die Skizze Deines Bildes hängt 
über meinem Schreibtisch) so werden die Bilder lebendig werden, 
wenn Du hineinkömmst, u. Dich auf dem blauen Sopha in Geren- 
armen wälzest, u. Dich sehr kannibalisch wohl fühlst. 



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Die Scene mußt Du wissen, ich am Schreibtisch, wo es sehr bunt 
aussieht, und wo Dinte und eau de Cologne in holder Eintracht 
leben, Beckchen am Fenster, Blumensträußchen für meine Kro- 
nenmädchen verfertigend, denn Du weißt doch, daß ich Blumen 
vertheile, daß in dreien Sträußen sich Myrthe befindet, und daß 
die Inhaberinnen der Myrthe die nächsten Bräute sind. Das Wet- 
ter ist schön, und alle kleinen Zufälligkeiten sind bis hieher gut 
gelungen. 

Gestern hatte ich einen sehr hübschen Tag, Vormittags war eine 
Zusammenkunft mit Grell in der Parochialkirche 338 verabredet, 
wo er mir mein Stück vorspielte, ich war zum letztenmal auf der 
Orgel gewesen, als Du darauf spieltest, und amüsirte mich, das 
Stück klang gut, und ich hatte die äußerste Lust, Orgel zu spielen, 
was aber doch, Zeitmangels wegen, unterbleiben mußte, der Rest 
des Tages verging mit Laufereien, ich mußte mit Hensels Schwe- 
ster 339 deren ganze Toilette besorgen, Besuche, Geschenke anneh- 
men, Hensels Sachen einräumen, etc. Um 8 war die Familie zum 
Thee und stillen Polterabend versammelt, Louis Heydemann kam 
noch dazu, und verdarb nichts, als Ausgangsstück hatte Vater die 
Pastorella 340 vorgeschlagen, ich konnte sie aber nicht mehr auftrei- 
ben, und Grell kannte sie nicht, da meinte Hensel um 9, ich sollte 
mir doch noch selbst eins machen, und ich hatte die Unverschämt- 
heit noch anzufangen, in Gegenwart sämmtlicher Zeugen, und bin 
um 1/2 1 fertig damit geworden, und ich glaube, es ist nicht 
schlecht 341 . Ich habe es heut früh an Grell geschickt, u. hoffe, er 
spielt es noch. Der Polterabend war sehr hübsch. 
Es geht aus g Dur, das Thema wußte ich schon, weil ich, ehe Du 
eines zu schicken versprachst, mir schon eins ausgesonnen hatte, 
aber die Ausführung ist ganz von gestern. 

Nun fängt es an, bunt um mich her zu werden, es ist bald 11, um 
eins fängt meine Krone an, nach 3 die Trauung. Ich denke fort an 
Dich, so ruhig wie sonst, Hensel, der eben hier war, läßt Dir Man- 
ches sagen, und ich bin über Alles ruhig, weil ich weiß, daß er Dich 
Hebt. 

Von aller Liebe und Freundlichkeit die uns wiederfahren, spricht 
der gewöhnliche Hamburger Mittwochsbericht, ich denke, ich 
werde mein Recht der Mitarbeiterschaft an diesem Blatte nicht 
einbüßen. Adieu. Ich grüße am heutigen Tage herzlichst unsern 



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Klingemann, der sich durch sein Krankenwarten neue Kronen u. 
Thronen erworben hat. Daß Du heut frisch und munter und ver- 
gnügt bist, leidet bei mir keinen Zweifel, wie könnte ichs sonst 
seyn? Nun leb wohl, und bleibe der Alte, hier findest Du Alles 
beim Alten, auch das Neue. Zum Letztenmal 
Fanny Mendelssohn Bartholdy. 

Beckchen grüßt tausendmal, sie hat eine schlimme Nase, und ei- 
nen sehr grotesken Schmerz darüber. Eben kommt mein Kranz, 
und ist wunderschön, sehr dick, und sehr frisch und grün, und 
viele viele Blüthen. Beckchen hat ihn mir geschenkt. 



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Hofmalerin Hensel 
1829 bis 1832 



1829 Anfang Dezember kehrt Felix von seiner Englandreise nach 
Berlin zurück. Am 26. Dezember ist die Silberne Hochzeit 
der Eltern, zu der sein »Liederspiel« und Fannys »Festspiel« 
aufgeführt werden. 

1830 Felix wird zum Professor für Musik an die Berliner Univer- 
sität berufen und lehnt ab. Sein Freund Adolph Bernhard 
Marx bekommt die Stelle. Im Mai bricht er zu seiner großen 
Italienreise auf und trifft unterwegs zum letzten Mal Goethe. 
Fanny muß sich wegen einer drohenden Frühgeburt zu Bett 
legen. Am 16. Juni wird ihr Sohn Sebastian zirka zwei Monate 
zu früh geboren. Felix studiert in Rom die katholische Kir- 
chenmusik und beschäftigt sich viel mit bildender Kunst. In 
Paris kommt es zur Julirevolution, die Abraham Mendels- 
sohn als Augenzeuge miterlebt. 

1831 Mendelssohn stürzt sich ins römische Karnevalstreiben und 
beginnt mit der Komposition der »Walpurgisnacht«. Der 
jüngste Bruder, Paul, verläßt das Elternhaus und geht nach 
London zu B. A. Goldschmidt und Co. Fanny schreibt rasch 
hintereinander drei große oratorische Werke. Felix reist über 
die Schweiz und Süddeutschland nach Düsseldorf, wo er 
dem Dramatiker und Juristen Immermann begegnet. Da- 
nach reist er erneut nach Paris und lernt Chopin kennen. Die 
Schwester Rebecka verlobt sich, ebenfalls gegen mütterli- 
chen Widerstand, mit dem Mathematiker Peter Lejeune Di- 
richlet. 

1832 Fanny beendet die dramatische Szene »Hero und Leander«. 
Am 22. März stirbt Goethe. Felix führt in Paris seine »Som- 
mernachtstraum«-Ouvertüre auf und macht erste Skizzen 
zum »Paulus«. Im April reist er wieder nach London, wo die 
»Hebriden« gegeben werden. Gemeinsam mit Moscheies hat 



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er große Erfolge als Pianist. Im Mai heiratet Rebecka Dirich- 
let. Am 15. Mai stirbt Zelter, der Kompositionslehrer von 
Felix und Fanny. Ende des Monats demonstrieren 30000 
Menschen vor dem Hambacher Schloß für die Einheit und 
Freiheit Deutschlands. In Berlin bricht die Cholera aus. Fan- 
ny verliert mehrere ihrer besten Freunde und Freundinnen, 
darunter die Dichterin Friederike Robert. Im Herbst erleidet 
sie eine Fehlgeburt. 



Werke von Felix 

1830 Hebriden-Ouvertüre op. 26 / Italienische Symphonie op. 90 
/ 1. Klavierkonzert g-Moll op. 25 / Sechs Gesänge für Sing- 
stimme und Klavier op. 19a / Sechs Lieder ohne Worte, 
1. Heft, op. 19b / Drei Kirchenmusiken für Chor- und Solo- 
stimmen op. 23 / Der 115. Psalm für Chor, Solo und Orchester 
Es-Dur / Kantate »O Haupt vollBlut und Wunden« für Chor, 
Baritonsolo und Orchester / »O beata«, Motette für dreistim- 
migen Frauenchor und Orgel / Andante A-Dur für Klavier 

1831 Die erste Walpurgisnacht für Soli, Chor und Orchester op. 
60 / »Verleih uns Frieden gnädiglich« für Chor und Orche- 
ster / Kantate »Vom Himmel hoch« für Chor, Soli und Or- 
chester / Kantate »Wir glauben all an einen Gott« für Chor 
und Orchester 

1832 Konzertstück für Klarinette, Bassetthorn und Klavier Nr. 1 
f-Moll op. 113 / Kantate »Ach, Gott vom Himmel, sieh darin« 
für Chor, Baritonsolo und Orchester / Te Deum für Soli, 
Chor und Orgel 



Werke von Fanny 

1830 Kantate »Lobgesang« (Meine Seele ist so stille) für Sopran, 
Alt, Chor und Orchester / Lied »Der Maiabend« (Johann 
Heinrich Voss) 

1831 Arie »O, daß ich tausend Zungen hätte« für Sopran und Kla- 
vier / Kantate »Hiob« für Chor, Soli und Orchester / Orato- 



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rium nach Bildern der Bibel für Chor, Soli und Orchester / 
Cholera-Kantate 
1832 Hero und Leander, dramatische Szene für Sopran und Or- 
chester (Text: Wilhelm Hensel) 



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fanny an felix 1 Berlin, 4. Oktober 1829 

Madame Hensel entbietet Dir ihren besten Gruß. Die Frau sitzt 
mit ihrem Manne zu Tisch, auf dem eine Lampe steht, die Scene 
geht in der ehemaligen Schlafstube der Eltern, jetzt Hensels Mal- 
stube vor, er schreibt an seine Mutter, u. sie an ihren Bruder, ein- 
geheizt ist, u. weil die Stube hübsch warm geworden, bleibten wir 
in ihr. Meine Küchenrechnung ist gemacht (ich habe aber noch 
nicht kochen lassen) Caroline Heyne ist drüben, u. war eben mit 
Beckchen und Minna Hensel hier, mich abzuholen, da werde ich 
denn nicht lange mehr schreiben können. 

Es geht mir sehr wohl u. vergnügt, mein liebster Felix, und ich 
wiederhole Alles, was ich Dir an meinem Hochzeittage schrieb. 
Ich bin die Alte, u. bleibe sie in Ewigkeit, u. ich denke, es soll Dir 
nicht bei uns mißfallen, wenn Du zurückkömmst. 
In Hensels Stube siehts lustig aus, an den Wänden hängen die 
Durchzeichnungen der Transfiguration, die sie fast ganz bedek- 
ken, auf der Erde stehn Gans, Ludwig 2 , u. die Gräfin Arnim, geb. 
Heister, u. außerdem füllen unzählige Malergeräthschaften das 
Zimmer. Das Balconzimmer, unsere Schlafstube, ist ganz nach 
Hensels Angabe eingerichtet, durch einen rothen Vorhang in 2 
Hälften getheilt, der durch zierliche Stäbe gehalten wird, welche, 
so wie Betten u. Stühle, nach seiner Angabe sind. Das blaue Zim- 
mer ist toll u. voll von schönen Sachen, theils Geschenke der El- 
tern, theils anderer Familienmitglieder u. Freunde. Daß ich von 
Steinbeck, der gegenwärtig in Brandenburg ist, ein sehr freundli- 
ches Schreiben, u. eine wunderschöne, mit Blumen gefüllte silber- 
füßige Muschel erhalten habe, weißt Du wohl noch nicht. Du 
erhältst, sobald Du auf dem Continente bist, eine Kleinigkeit in 
einem Briefe, eine goldne Nadel, an der ein Miniaturtrauring mit 
dem Datum baumelt, wir haben gleiche für alle unsere Geschwi- 
ster machen lassen. 

Wie schade, liebster Felix, daß Du gerade am Freitag schreibst, es 
dauert nun noch so lange, bis wir Nachricht von Dir erhalten, wie 
Du den Hochzeittag zugebracht hast. Mich darfst Du nicht an- 
schnauzen, wenn ich Dir diesmal nicht viel schreibe [. . .], ich laufe 
noch viel zu viel hin u. her, muß auch immer früh angezogen seyn, 
Besuche halten, mit neuen Kleidern kann man nicht gut schreiben, 



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und unterbrochen wird man jede Secunde, Vorstehendes ist schon 
in 2 Absätzen geschrieben, denn gestern Abend kamen Alexan- 
ders 3 u. Varnhagen 4 , u. später ließ uns Mutter zum Thee herüber 
rufen, u. Du wirst wol dem Stiefel den ich schreibe, anmerken, wie 
wenig ich noch in Ruhe bin. Nimm es so hin. Daß Du am Hoch- 
zeittage immer im Vorgrunde meiner Gedanken standest, brauche 
ich Dir nicht zu sagen. Meine größte Angst in der Kirche war, daß 
Grell das Orgelstück so langsam nahm, daß es entsetzlich lange 
dauerte, u. wir eine Stunde vor dem Altar stehn mußten, das Aus- 
gangsstück hörte ich nicht, weil ich während dessen Glückwün- 
sche empfing, u. Küsse austheilte, u. da die Kirche nach dem Ende 
dieses Stückes noch voll war, spielte er das gedruckte von Bach, 
das Du so liebst, es Dur 5 [. . .] 

Mein lieber Felix, das ist all dumm genug, was ich Dir da geschrie- 
ben habe, aber ich hätte Dir einen Privatbrief geschrieben, aber ich 
denke, ich drücke Dir die Hand, und wir nicken ernsthaft mit dem 
Kopfe, u. ich sage Dir etwa noch, ich bin zufrieden, ich bin glück- 
lich, u. Du weißt, daß ichs bin. Nachmittags an meinem Verlo- 
bungstage, als wir in meiner Stube am Ofen standen, frugst Du 
mich, ob ich denn nun so recht zufrieden wäre? Ich wars, ich werde 
es bleiben (das weiß ich jetzt) u. Du sollst auch zufrieden seyn. Ich 
will Dir aber doch noch einen Privatbrief schreiben. 
[. . .] Mein theurer Felix, da kommt nun eben Dein Brief, ich bin 
sehr geputzt, u. muß auf ein diner, u. mir ist blutwenig danach zu 
Muth. Mein Felix! Was Du mir wünschst, das wird werden, daß 
Du früher kommst, darüber ist mein Herz unendlich froh, unend- 
lich! Aber an dem Tage warst Du matt u. krank u. traurig. Nun, 
wir wollen uns gute Tage machen, wenn Du kommst. Komm! 
Komm bald! Du findest uns so ganz die Alten, nur Alles ein wenig 
ausgedehnt u. umgestellt. Heut waren Betty Pistor u. Marx bei 
mir, u. es hat ihnen sehr gefallen. Adieu, o, Felix, o komm! 



fanny an FELIX Berlin, 8. Oktober 1829 

Lieb Lamm, ich schreibe eine Gastrolle bei meiner Mama, mein 
Gemahl sitzt am Tisch u. zeichnet, es ist Abend, ich bin froh u. 
vergnügt, u. sehr, sehr bei Dir. O wie ich mich darauf freue, Dich 
drüben bei mir zu sehn, zu haben, wenns doch bald wäre, recht 



108 



bald, mein einziger Felix! Ach, wenn ich mir Dich nur nicht lie- 
gend u. leidend denken müßte! Wir leben sehr angenehm, unser 
Mittagessen nach 5 würde, oder wird Dir behagen, u. es gefällt 
Jedermann bei uns. Louis Heydemann läßt Dich grüßen, er hat 
uns heut besucht, u. aus der Tasche einen Pompadour seiner 
Schwester mitgebracht, voll Kartoffeln, zur Probe, da er uns die 
seinigen so sehr empfohlen hatte. Er reist auf 14 Tage nach Bran- 
denburg, zu Steinbeck, u. wenn er zurückkömmt, macht er sein 
Examen. - Ich mußte gestern aufhören, es war zu viel Lärm am 
Tisch, u. fahre nun in meiner eigenen Behausung fort. Es ist son- 
derbar, aber mir ist, als wären wir weiter auseinander gerückt, 
seitdem Du meine Umgebungen nicht mehr so genau kennst, u. 
seit ich nicht mehr gewiß weiß, Dich im Londoner Strudel um- 
hertreibend zu treffen, u. doch rückt die liebe Zeit immer näher, 
u. wir ihr näher, u. es wird hübsch. O mein liebster Felix! Heute 
essen Rebecka u. Minna 7 hier, zum erstenmal, worauf ich mich 
unaussprechlich freue, Mutter will noch nicht hier essen, sie hat es 
mir rund abgeschlagen, sondern erst einmal Thee hier trinken, was 
hoffentlich auch noch einmal diese Woche seyn wird, u. worauf 
ich mich sehr freue, Gans liest dies Semester donnerstags um 4, 
Vater will ihn hören, u. wird dann bei uns essen. Vielleicht hörst 
Du ihn auch? 

Weiter fällt gar nichts vor, wir bekommen Besuche die Fülle, Hen- 
sel malt, ich fange an, wieder etwas zu arbeiten, bis jetzt konnte 
ichs noch nicht, gestern habe ich ein komisch Stück Arbeit ge- 
macht, morgen ist Betty Beers Geburtstag, Hensel hat ihr eine 
Zeichnung auf ein Kästchen gemacht, u. wünschte, daß ich ein 
Rähmchen von Musik darum machen sollte, ich fand die Idee zu 
hübsch für den Zweck, aber er meinte, wir hätten eben nicht nöt- 
hig, uns hübsche Einfälle aufzuheben, so machte ich denn ein 
Stück, welches gerade 4 Zeilen und ums Bild her fällt. Meine So- 
nate fange ich vielleicht heut noch an. 8 Nach der Meeresstille habe 
ich eine unaussprechliche Sehnsucht, wie so gern möchte ich sie 
hier einmal wieder spielen! Ritz hat mich noch nicht besucht, ich 
erwarte ihn mit großer Ungeduld, denn wenn er nicht kann, wäre 
es mir erstlich an u. für sich sehr leid, u. dann müßte ich, zwar nicht 
die Musik, aber doch das Musikmachen gewissermaßen an den 
Nagel hängen. Ich bin außer Schuld, ich habe keine Freundlichkeit 



109 



jemals gegen ihn außer Augen gesetzt, u,Julius hat mir auch eine 
dicke Visite gemacht. Der wird sehr gut, er ist munter, bengelhaft, 
tüchtig u. spielt sehr schön. Vorigen Sonntag war es brillant bei uns, 
Mendelssohns, Betty Beer, die Ridderstolpe, eine sehr schön ge- 
wesene Frau, Engländer, u. viele Fremde, Felix ich muß Dir sagen, 
daß mir seit meiner Verheirathung sehr geraspelt wird, ich habe 
eine Haube, die macht Glück, ich will sie gern aufheben, bis Du 
kommst, sie trägt grünes Band u. kein abgewelktes Gesicht, u. ist 
ein schöner Mann. Gestern hat mich Mme. Heyne mit Carolinen 
besucht, eine außerordentliche Freundlichkeit von der Frau. Und 
nun lebe wohl, theurer Schatz, u. behalte mich in gutem Anden- 
ken, für heut. 



fanny an felix 9 Berlin, 9. Oktober 1829 

Mein einziger Felix! So weit bin ich, und nun möchte ich eigentlich 
aufhören, denn ich habe Dir nichts mehr zu sagen. Ich wollte Dir 
nur gern einmal mein Herz ausschütten, und das kann ich mit Dir 
in einem Wort. Ich bin glücklich und zufrieden, und Dein Brief 
war so heb, o Du mein Felix, daß ich gar nicht ohne besondere 
Empfindung daran denken kann. Aber daß Du an meinem Hoch- 
zeittage krank und matt warst! Ich schrieb es Dir, ich war so fest 
vom Gegentheil überzeugt, daß ich ohne einen Schatten von Be- 
sorgniß oder Kummer meinen Weg antrat, und mir immer vor- 
stellte, wie Du den Tag mit Klingemann etwa auf dem Lande zu- 
brächtest, oder die 6 Lieder sängest, wie Deine lieben Augen glänz- 
ten, so ein wenig feucht, u. Du den Kopf wiegend zuweilen so vor 
Dich hinsagtest: hm ! hm! Das war nun Alles nicht, ich war zu ruhig, 
und Du hast nun ewig kein Bild von dem Tage. Aber ein Anderes 
ist gut, daß Du früher wiederkommen willst. Du findest statt drei 
Geschwistern, die Dich lieben, vier, und das ist am Ende der ganze 
Unterschied. Hensel, der Dich noch selbst grüßen wird, läßt Dir 
sagen, und ich habe nichts dawider, daß Du uns in Antwort auf 
diesen Brief das schriftliche Versprechen geben mußt, Morgens bei 
uns Kaffee zu trinken, wenn Du nicht besonders eilig und verhin- 
dert bist. Willst Du? Unsere Kaffeemaschine geht gut, u. wir wol- 
len da angenehme Stunden haben. So gering nur eine Veränderung 
seyn kann, ist die meines Standes. Ich bin im Hause, u. die münd- 



110 



liehe Post geht fleißig über den Hof, Beckchen kommt wenigstens 
4mal des Tages, u. ich komme auch 4mal, Mutter etwas seltener, u. 
bis gestern haben wir drüben gegessen, gestern aber unsre eigene 
Wirthschaft angetreten, was ein eigen angenehmes Gefühl ist. 
Hensel arbeitete bis es finster ward, u. nach 5 setzten wir uns tete ä 
tete in seiner Stube zu Tisch. Heute arbeitet er wieder an demBilde 
der Arnim, in deren Kleidern seine Schwester Minna sitzt. Ich bin 
in meiner freundlichen blauen Stube, die Dir schon gefallen wird, 
überschaue mit Behaglichkeit meine Existenz, in der ich mich gar 
wohl fühle, liebe meinen Mann, u. spreche mit meinem Felix. [...] 
Unsre Eßstunde ist englisch, 5, u. ich will einmal sehen, ob irgend 
eine pie gelingen, u. Dir sehnsüchtige Gedanken an die Miß er- 
wecken wird, die Dich einst damit fütterte. 
O Felix, bringe ein Rezept zu einer ächten englischen pie mit, ich 
will Dich mit Erinnerungen stopfen. Ich glaube, Du wirst mich 
nicht verändert finden, ich habe mir das, was mein veränderter 
Stand Neues mit sich bringt, rasch angeeignet, fühle mich bekannt 
u. wohl darin, sehe Hensel überaus zufrieden mit mir, bin es eben 
so mit ihm, u. er liebt Dich, Felix, sonst könnte er mich, u. ich ihn 
nicht Heben. 

Was Klingemann uns von Neuem näher getreten, fühlt er wol am 
besten. Du magst ihm sagen, daß wir (nach wie vor die Geren) ohne 
sein Verdienst um Dich schmälern zu wollen, dennoch wissen, wie- 
viel Freude ihm sein Krankenwärterthum gewährt hat, wir dachten 
stark an die »gesegnete Malzeit« und beneideten den Freund, dem 
wir sonst gern was Gutes gönnten. Ich denke, ohne Krankheiten 
sollen die stillen guten Stunden wiederkommen. Und so leb wohl 
für jetzt. Es ist Nacht geworden, u. noch vor Tisch für uns, vielleicht 
füge ich nachher noch ein Wort hinzu. Adieu, mein Felix. 
den I9ten. Der Brief ist alt geworden, u. soll nun morgen mit ge- 
wöhnlicher Post abgehn, u. Hensel hat noch nichts dazu schreiben 
können. Jetzt aber will ich ein Tagebuch an Dich anfangen. 



felix an fanny 10 London, 16. Oktober 1829 

Einen frohen Brief nach der Hochzeit, und Deinen, liebe Malerinn, 
vom Morgen vorher empfing ich Mittwoch, weil der Sturm das 
Dampfboot früher als gewöhnlich in die Themse geworfen hatte - 



in 



es muß doch gar zu nett aussehen! Alles ganz neu u. schön, u. ich 
möchte gern wissen, wie ein Himmel voll Geigen klingen mag? 
Könnt' ich doch zuschauen, wie Du die Köchin unterweisest, u. das 
Frühstück ankündigst. Machst Du Fortschritte im Cantorgesicht? 
Wirst Du mich auch mit Anstand empfangen u. oft einladen? Frau, 
Frau! ich empfinde Zuneigung zu Dir, u. wenn ein guter Freund 
nach mir fragt, wird's oft heißen, ich sey drüben. Bin ich's dochjetzt 
schon zuweilen ganz u. gar, wenn ich nur den Gedanken nachhin- 
ken könnte! Das geschieht aber so Gott wil, auch bald u. dann 
kriege ich Reis 11 zu essen, auf den freue ich mich fast so sehr wie 
auf's Wiedersehen! Überhaupt wird mir nie sehnsüchtiger nach 
Haus zu Muthe, als wenn ich an Kleinigkeiten von daher denke: 
an den runden Theetisch, Vaters türkische Stiefel, die grünen Lam- 
pen, oder wenn ich mir meine Reisemütze ansehe, die über mei- 
nem Bett hängt und die ich zu Hause abzunehmen gedenke. Hier 
zupft mich aber Vaters Brief an der Nase und zwingt mich abzu- 
brechen, sonst verfalle ich in absonderliche Sentimentalitäten, in- 
dem ich Vergangenheit und Zukunft male, da ich doch die Gegen- 
wart beschreiben sollte, die denn Gottlob heut wirklich um vieles 
leichter ist, wie die vorigen Male; die Entzündung ist verjagt und 
die Wunde fängt an zu heilen; ich darf des Tages längere Zeit auf 
dem Sopha sein, darf abends Fleisch essen; und obwohl ich meine 
Stellung noch immer beibehalten muß, so habe ich doch die Aus- 
sicht in 14 Tagen das Gehen in der Stube anzufangen. [. . .] 

fanny an Felix 12 Berlin, 24. Oktober 1829 

Hora est 13 , daß Du Dich einschiffest, weiter giebt es jetzt keine 
Hora in der Leipziger Straße. Auch nichts Neues als das Alte, und 
daß ich heut allein zu Hause bin, weil Hensel mit dem Bilde der 
Heister zum Könige gerufen worden. Oh Klingemann, welch ei- 
nen Brief schrieb ich gestern an Sie, und welche Grüße für das 
Professorenpaar standen darin, und welch ein schwesterlicher 
Dank für Ihr brüderliches Zuhausebleiben! Es ist ein komisch 
Ding um manche Dinge. Wir wußten doch alle längst, was wir 
von Ihnen zu halten, u. an Ihnen zu schätzen hatten, wir hätten 
Ihnen längst dankbar sein können für die Sorgfalt, die Sie jedem 
von uns bei vorkommendem Falle erwiesen hätten, nun wissen 



112 



wir nur aus Erfahrung, was wir längst im Herzen wußten. Aber 
nun erfahren wir wieder kleine Details, die alle schon in jenem 
Ganzen enthalten sind, wir haben sie uns nicht so klar vor Augen 
geführt, das ununterbrochene Zuhausebleiben, das Zubettebrin- 
gen, das Sophaandenkaminrutschen, (wir haben ja die Erlaubniß, 
lange Hauptwörter zu bilden) jedes so einzelne ausgesprochen, 
wirkt wieder wie ein Ganzes, u. fordert wieder einen ganzen Dank 
für eine ganz gute That. Nehmen Sie jetzt u. Alles damit, was sich 
nicht sagen aber noch viel ungeschickter schreiben läßt. - Du aber 
o Felix, sagst, ich habe viel zugelernt, u. Du weißt wohl, was meine 
Stimmen jetzt singen. Ja wohl weißt Du es, denn Du weißt u. 
fühlst alles Gute, wenn Du es auch nicht aus Erfahrung kennst, u. 
wie jede Stimme in mir nach Dir ruft u. recht ungestüm herzlich 
nach Dir verlangt, das weißt Du auch, u. wirst es nie vergessen u. 
verkennen. Der Himmel schütze Dich, u. führe Dich nun bald 
zurück, Adieu, Gott befohlen! 

fanny an felix 14 Berlin, 10. November 1829 

Den loten Nov. Die Luft ist blau, das Thal ist weiß, so fanden wirs 
diesen Morgen, u. sind dieser Weisheit gar nicht grün, so lange Du 
nicht zu Hause bist. Hier aber wollen wir Dirs comfortable ma- 
chen, trotz London, welches für diese Tugend berühmt ist. Bald, 
bald. Ich habe Dir eigentlich gar nichts zu schreiben, u. das ist 
immer wieder einmal ein erfreulicher Beweis, daß es quite auf die 
Neige geht, denn wozu sich noch schreiben, was man sich in Kur- 
zem Auge in Auge schreiben kann? Auch sind die großen Bogen, 
die man fast Triumpfbogen hätte nennen können, schon eben zu 
Fensterbogen eingeschrumpft, u. das letzte Blättchen das wir Dir, 
eben in der Ungewißheit, ob es Dich noch träfe, nach London 
schicken, wird sehr klein u. mager seyn. Dann setzt man einen 
Buchdruckerstock (Klingemann u. die Anderen setzen auch ei- 
nen) und es hebt ein sehr nettes Kapitel an: »wie der Ritter Felix 
seiner Wunden genas, u. heimfuhr;« ehe dann wiederum ein neu- 
es beginnt: »wie der Ritter auf neue Aventura gen Italia zog«, da 
hegt noch mancherlei dazwischen, was sich unsere Weisheit gar 
nicht träumen läßt. Lieber Ritter, könntest Du dochjetzt sehn, wie 



113 



allerliebst das noch grüne Weinlaub vor unsern Fenstern neben 
dem gelbblättrigen, von schmelzenden Schneetropfen glänzenden 
Baume, u. neben dem alten weisen, dick gepuderten Taxus in der 
hellen Sonne scheint. 

fanny an felix 15 Berlin, 18. Mai 1830 

Wenn man morgen so wichtige Geschäfte hat, muß man heut 
schreiben, denn sonst kommt man gar nicht dazu. Vorerst, daß 
Vater gestern 1/2 9 von Leipzig gekommen ist, wovon man reden 
wird in spätesten Zeiten, denn die Pferde müssen sich wieder ein- 
mal die Beine abgelaufen haben. Aber die kleine Reise ist ihm sehr 
wohl bekommen, u. wir haben uns gefreut, zu vernehmen, daß 
die Deinige 16 angenehm begonnen hat. Voriges Mal kamst Du 
nach der kurzen Introduction Hamburg gleich in den tollen u. 
vollen Hauptsatz London, diesmal fängt es Piano an, Dessau 17 , eine 
Flöte, dann tritt Leipzig auf, dann eine schnarrende Hoboe, so 
gehts über Weimar langsam crescendo nach München, etc. Wären 
wir jetzt zusammen u. sprächen gemeinsam das dumme Zeug, 
statt daß ichs jetzt einsam schreibe, wir wären bald in Mexico. - 
Morgen also hat uns Fouque 18 zu einer Musikpartie eingeladen, 2 
Akte seiner Undine 19 , v. Girschner 20 komponirt werden im Con- 
certsaal executirt, u. dieser Hinrichtung sollen wir whole family 
beiwohnen. Dafür wird er nachher bei uns eine Suppe u. Zubehör 
hinrichten helfen, mit Marx, der den Kapellmeister Guhr 21 einge- 
führt hat, u. dem Kapellmeister Guhr, der durch Marx eingeführt 
worden ist. [. . .] Vater, der 2 von den 3 Gästen nicht Hebt, haben wir 
also gar nicht dazu einladen können, Beckchen u. Paul haben heut 
ausgegessen, u. ich als eine Seele von acht jüdischer Abstammung, 
habe eine Geister- u. Opernheirath zwischen dem Dichter u. dem 
Componisten projektirt. 

Mit dem Schreiben will es noch gar nicht recht fort, die von Dir 
belobte Feder hat dem Munde noch nichts wieder abgelernt, viel- 
leicht wirds besser, wenn Du einmal geschrieben hast. [. . .] Deine 
Symphonie 22 erscheint mir oft in Tag- und Nachtträumen, u. 
macht mir Freude, schicke mir aber die Abschrift. Heut icjten bist 
Du nun in Weimar, ich bitte Dich, Ulrike 23 u. Frau v. Goethe 24 
aufs Beste zu grüßen [. . .] 



114 



fanny an felix 25 Berlin, ohne Datum (Mai 1830) 

Und ich bin nichts als ein gefesselt Weib! 26 
Das im Bette hegt, sich aber außerdem, den Umständen nach, 
ganz wohl befindet, Dir dies auch [. . .] selbst zu Gemüthe führen 
will. Dein Brief aus Weimar, Du Sonntagskind, hat uns sehr erfreut 
[. . .] Ich versammle hier sehr angenehme cercles um mich, u. da, 
seit dem Tage, wo ich hege, das Wetter schlecht geworden ist, habe 
ich auch an der schönen Natur nichts zu verHeren, die jetzt eher 
eine häßliche ist. Aber der Dr. Stosch 27 hat sich so gegen mich 
benommen, daß man mich mit Verachtung ansehen müßte 28 , 
wenn ich nicht dankbar wäre. (Zum Theil aus Opern) Lebe nun 
wohl, o Balg, u. laß Dir die Welt gefallen, sie ist dazu gemacht. 



fanny an felix 29 Berlin, 30. Mai 1830 

Ich weiß mir kein besseres Pfingstplaisir zu machen, als Dir ein 
wenig zu schreiben, da nämlich jetzt weder Hensel, der Sitzung 
hat, noch Vater, von dem ich nicht weiß, wo er ist, noch Paul, der 
sich geschäftsmäßig umhertreibt, noch Mutter u. Beckchen, die 
mir entlaufen, ich bei mir, folglich ich mich allein befinde. Jeder 
Deiner Briefe ist ein frisch Stück Leben, über das man sich freuen 
muß. Ich freue mich über die verheißene Partitur, über die ange- 
kündigte Herausgabe der Symphonie, die mich, unter einem an- 
deren Namen, als dem der Reformationssymphonie, ebenso 
fremd angucken würde, als wenn Du mit einem Mal Petzold hie- 
ßest. 31 Wenn Du aber die Symphonie herausgiebst, bleiben doch 
Sommernachtstraum u. Meeresstille nicht im Sack? 
Meine kleine Anstalt hier ist ganz nett, neben meinem Bette habe 
ich das blaue Dintenfaß auf einem Tischchen, einen prächtigen 
sonnigen Rosenstock dabei, die Balconthüre offen, wo zum ersten 
Mal wieder frische schöne Luft herein kömmt, u. alle Tage nasche 
ich Erdbeeren, womit mich mein, wie Bertha sagt, sehr sorgfältiger 
Mann versieht. [. . .] 32 

Lebe wohl, mein Latein ist auch zu Ende. Daß Beckchen Hensels 
Federn zu hart findet, finde ich hart, ich finde, daß sich sehr gut 
damit schreiben läßt. [. . .] Ich hege blos des Decorums wegen zu 



115 



Bette, u. werde ehestens aufgestanden seyn, u. mein Stückchen 
munter pfeifen. [. . .] 33 

felix an fanny 34 München, n. Juni 1830 

Mein liebes Schwesterlein! 

Bist Du auch recht gesund? Und, nicht wahr 35 , böse auf den Rü- 
pel von Bruder, der so lange nicht geschrieben hat? Er sitzt jetzt 
hier in einer netten Stube 36 u. hat Euer grünes Samtbuch mit den 
Portrait's vor sich, u. schreibt am offenen Fenster. Hör' mal, ich 
wollte Du wärest recht froh u. heiter in diesem Augenblick, wo 
ich gerade an Dich denke, u. so wärest Du es in jedem Moment, 
wo ich an Dich dächte. Da sollst Du nie verdrießlich und unwohl 
werden. Aber ein ganzer Kerl bist Du, das muß wahr sein, u. hast 
einige Musik los; gestern Abend sah ich es wieder recht ein, als 
ich stark Cour schnitt. Denn so weise Du bist, so habe ich doch 
mich sehr niedlich gemacht, d. h. so weise Du bist, so thöricht ist 
Dein Herr Bruder. Große Soiree war nämlich gestern Abend bei 
dem H. Kerstorf, u. Minister u. Grafen liefen umher wie Haus- 
thiere auf dem Hühnerhof. Auch Künstler u. a. Gebildete. - Die 
Delphine Schauroth 37 , die nun hier angebetet wird (u. mit Recht) 
hatte von all diesen Classen ein Bischen; denn ihre Mutter ist 
Freifrau von, u. sie ist Künstlerinn u. sehr wohlgebildet; kurz ich 
lämmerte so sehr. Nämlich so, daß wir die 4 händige Sonate von 
Hummel 38 zu allgemeinem Jubel schön vortrugen, daß ich nach- 
gab, u. lächelte, u. zuschlug, u. das as im Anfang des letzten Stücks 
für sie aushielt, »weil ja die kleine Hand nicht zureichte«, u. daß 
die Leute über die allzugroße Sympathie Glossen machten, u. daß 
Minister Schenz sich gegen mich als ein ausgemachter Schatrem 39 
benahm; und daß die Frau vom Hause uns neben einander pla- 
cirte 40 , Gesundheiten ausbrachte, und so fort - Aber eigentlich 
wollte ich ja nur sagen, daß das Mädchen sehr gut spielt, u. mir, 
als wir vorgestern zum erstenmal zusammenspielten (denn das 
Stück ist schon 3 mal gegeben worden) ganz ordentlich imponirte; 
als ich sie nun gestern früh allein hörte, u. auch sehr bewunderte, 
fiel mir plötzlich ein, daß wir im Hinterhause ein Frauenzimmer 
besäßen, das von der Musik doch eine gewisse andre Idee im Kopf 
hätte, als viele Damen zusammengenommen, u. ich dachte, ich 

116 



wollte ihr diesen Brief schreiben, u. wollte sie so herzlich grüßen; 
die Dame bist Du nun freilich, aber ich sage Dir Fanny, daß ich 
an gewisse Stücke von Dir nur zu denken brauche, um recht 
weich u. aufrichtig zu werden, obschon man doch in Süddeutsch- 
land viel lügen muß. Du weißt aber, wahrhaftig, was sich der liebe 
Herrgott bei der Musik gedacht hat, als er sie erfand; da ist es kein 
Wunder, wenn man sich drüber freut. Kannst auch Ciavier spie- 
len. Kurz, ich wollte, Du wärest gerade so, wie Du bist, und wenn 
Du einen größeren Anbeter brauchst, als mich, so kannst Du Dir 
ihn malen. 

Oder Dich von ihm malen lassen. 

Da ich eben auf Hensel anspiele, so muß ich ihm doch erzählen, 
wie mich Goethe sehr nach ihm frug, u. wiederholt sich nach 
seiner Beschäftigung erkundigte 41 ; das grüne Freundbuch mußte 
ich ihm mehrere Tage lang da lassen, u. er lobte es denn sehr; die 
Lammgruppe in meinem Stammbuch sah er sich an, u. brummte: 
»die haben's gut - u. sieht so zierlich u. hübsch aus - u. so bequem 
u. doch schön u. anmuthig.« So ging's dann weiter, kurz, o Hensel, 
er ist, mit Dir zu reden, sehr für Dich. Jetzt kommt eine Stelle aus 
einem seiner Gedichte für das Chaos (er sagt, woran ihn die un- 
bekannte Geliebte erkennt.) 

Wenn Du kommst, es muß mich freuen, 
Wenn Du gehst, es muß mich schmerzen, 
Und so wird es sich erneuen 
immerfort in beiden Herzen. 
Fragst Du, werd' ich gern ausführlich 
Deinem Forschen Auskunft geben, 
Wenn ich frage, wirst Du zierlich (recte!) 42 
Mit der Antwort mich beleben. 
Leiden, welche Dich berührten, 
Rühren mich in gleicher Strenge; 
Wenn die Feste Dich entführten, 
Folg' ich Dir zur heitren Menge etc. 

(Hier ist auch ein sonderbarer Schluß eines 
Gedichtes an Fräulein v. Schiller) 



117 



Wille zum Verständlichen 
Wird die Mutter mannen, 
Deutend zum Unendlichen 
Auf des Vaters Bahnen. 

(Beides ist aber nur aus dem Gedächtniß) 

Gestern lobte mich eine gnädige Gräfin wegen meiner Lieder, u. 
meinte frageweise ob nicht das von Grillparzer 43 ganz entzückend 
sey? Ja, sagte ich, u. sie hielt mich schon für unbescheiden, als ich 
alles erklärte u. versprach, 44 die Compositionen, die Du mir näch- 
stens schicken würdest, in Gesellschaften gleich mitzutheilen. 
Wenn ich das thue bin ich ein Pfefferkorn ein Brauereipferd; Du 
schickst aber am Ende auch keine. - Eben kommt Licht, u. mein 
Quernachbar zermartert sein Ciavier in der Dämmerung, indem 
er das Glöckchen von Paganini fast zu jämmerlich verarbeitet. 
Nun werd' ich geschäftsmäßig, u. sage Dir, daß ich Delphine 
Schauroth die Cour mache (ich schicke an Beckchen ihren Steck- 
brief) u. daß sie mir befohlen hat, bei Strafe einer u. der andren 
Ungnade, das große Rondo Capriccioso aus e moll 6/8 45 



herauszugeben; ich habe es nämlich mit einem rührenden Einlei- 
tungsadagio, u. einigen Melodien und Passagen schmackhaft zu- 
bereitet u. Glück damit gemacht. Jetzt will ich's nun aufschreiben 
u. ihr sehr überreichen, auch will ich meine 20 Th. verdienen, kurz 
es soll heraus. Schreib' doch also an Klingemann (aber laß es durch 
Beckchen - Ach nein, ich will ihm lieber selbst schreiben, u. den 
vorigen Satz nicht ausstreichen, weil es zu häßlich aussieht; nimm 
es also nicht übel, u. schreib ihm nichts; dieser Brief ist im Schlaf- 
rock geistig. Schick mir aber eine Copia ridimata meiner Fantasie 
aus e moll 46 ; denn die will ich herausgeben; auch bitt* ich Dich 
zugleich um eine Abschrift des Trompetenstücks aus Wales 47 u. 
der Partitur der Cellovariationen in d dur. Bitte laß alles dies gleich 
copiren u. schick es entweder mit Fahrpost oder durch Gelegen- 
heit, die aber bald gehen müßte. Wenn nun Hensel die 20 Louis 
berechnet, die bei Vater eben abgegeben sind, ferner die ungeheu- 



118 



re Summe, die mir für obenerwähnte Werke mit Nächstem ein- 
gehen müssen, so sehe ich nicht ab, warum er mir nicht für 30 
Louis Credit geben will? - Ernstlich zu reden aber, spanne Lein- 
wand auf, spitze die Pinsel, nimm eine Prise Ultramarin, Hofma- 
ler, motivire eine fliegende Stellung, u. mal mein Bild; ich brauch 
es. 48 Stieler 49 läßt Dich auch sehr grüßen. Kennst Du Frau v. Krud- 
ner, Fanny? Sie ist nie aus München gewesen, aber wunderschön, 
u. die weiße zarte Frau eines schwarzen, bärtigen Russen; Stieler 
hat sie aber für die Sammlung des Königs gemalt, u. ich bewunde- 
re sie aus der Ferne im Theater. - Es schlägt übrigens 8, u. ich will 
früh zu Bett', es hat gestern bis 1/2 2 gedauert. - Noch einen Zug 
aus dem Leben muß ich Dir erzählen. Als ich auf meiner eiligen, 
verdrießlichen Reise hieher in der Nacht durch Feucht kam, hörte 
ich in einem Hause Mordlärm, u. der Postillion sagte: Se sufen da! 
- Da horchte ich zu, u. die Bauern sangen ein großes Lied vom 
Jäger, dessen Refrain so ging: 




Seitdem nun, wenn ich von einer Staatsvisite komme oder aus 
einem Ballett (wie gestern) oder wenn ich Abends zu Hause gehe 
u. an die feinsten Redensarten denken sollte brülle ich 



aus Herzenslust; theilst Du nicht dies Gefühl? Ich glaube es haben 
mich schon mehrere Münchener deshalb für roh gehalten; das bin 
ich aber nicht, sondern habe eine feine Seele, u. mit der liebe ich 
Dich. Sey kräftig u. gesund u. heiter; u. so auf ein baldiges Wie- 
dersehn. Dein F. 



felix an fanny 50 München, 14. Juni 1830 

Mein liebes Schwesterlein 

Da habe ich heut früh Euren Brief vom 5ten bekommen, und so 
bist Du immer noch nicht wohl; ich möchte gern bei Dir sein, u. 
Dir was erzählen, es will aber nicht gehn. Da habe ich Dir denn 



119 



ein Lied aufgeschrieben, wie ichs wünsche u. meine; dabey habe 
ich Dein gedacht u. es ist mir sehr weich zu Muthe dabey. Neues 
ist wohl fast nicht drin, denn Du kennst mich ja u. weißt wer ich 
bin; der bin ich denn immer noch, u. so magst Du drüber lachen 
u. Dich freuen, denn was anderes kann ich Dir wohl sagen u. 
wünschen; was besseres aber nicht. Weiter soll denn auch nichts 
im Brief stehn; mein Name ist auch im Lied, und daß ich Dein 
bin, weißt Du - so möge Dir Gott geben, was ich hoffe und bitte. 51 

felix an fanny 52 München, 23. Juni 1830 

O Schwesterlein! 

Ich weiß Alles! 53 Eben habe ich einen Brief erhalten, der ist vom 
löten, darin steht viel vom neuen Sebastian, und sie gratuliren mir 
zum Onkel, und sind froh, und machen viel Lärm, und mir 
brummt der Kopf. Wäre nur erst der Brief von morgen da, und 
Du über alle Besorgniß weg, quite charming. Aber was? Mir wol- 
len sie gratuliren? So wünsche ich denn Dir Glück, aber ein Glück, 
noch lieber und heiterer, als ich mir es selbst denken kann; und 
Dir, das heißt jetzt nicht mehr Dir allein, sondern da ist noch eines 
mit einbegriffen außer uns allen, die wir sonst mit einbegriffen 
sind; nur Glück und frohes Dasein und möge Euch das gütigste 
Wesen die innerste Freude u. Ruhe schenken, u. mögt Ihr Euch 
des entfernten Onkels viel dabey erinnern, und so fort. Und was 
sprechen sie viel von neuer Würde u. Onkel? Wir sind alle pro- 
movirt! Euch wünsche ich Glück zur neuen Würde, Eltern, oder 
Großeltern vielmehr; Dir, Vater, zum Großvater, und Dir, Groß- 
mutter, zur Mutter (oder umgekehrt, es geht alles) u. Beckchen ist 
eine Tante, u. Paul ein Onkel, ach und Dir Fanny, muß ich auch 
wohl gratuliren, und dem Hensel? - Ich wollte dem kleinen Buch- 
halter von Keestorff, der mir es brachte, gern um den Hals fallen, 
und faselte in seiner Gegenwart ein bischen; dann wollte ich Dir 
ein Lied componiren, wie das Vorige, aber es ist schlecht gewor- 
den, von wegen der bewegten Milch, die Käse giebt, eben wollte 
ich noch Manches, und endlich denn hier ein Brief . . . Nur bitte 
ich Euch, schickt mir Alles, was darauf sich bezieht: Carten, aus- 
geschnittene Zeitungsanzeigen, wenns sein kann auch seine Kin- 
derklapper. Ich wollte, Ihr gäbt ihm auch den Namen Felix, der 



120 



Name hat doch was Hübsches an sich und ich glaube, ich könnte 
den Kerl einmal später liebhaben, wenn er meinen Namen trüge; 
sonst nicht. Vergeßt auch nicht bei der Taufe einen Rüpel zu ha- 
ben, der mich repräsentirt, als ob ich dabei wäre; dazu nehmt aber 
irgendjemand der mich lieb hat, u. den ich. 54 Laßt den Mann viel 
Chocolade trinken; ich hätte es gewiß gethan. Überhaupt denkt 
Euch, ich wäre den ganzen Tag mit Euch und unter Euch; denn 
ich bins. - Leicht möge Dich Gott noch über die schwere Zeit 
bringen, die Du noch überstehen mußt, und gesund und glücklich. 
Dein Felix. 

PS: Mir geht es hier über alle Erwartung gut u. ehrenvoll; die 
Leute verziehen mich u. päppeln mich mit Zuckerbrod. Morgen 
mehr, Vernünftigeres u. Ausführlicheres. 



rebecka und fanny an Felix 55 Berlin, ohne Datum (1830) 

Mein lieber, lieber Felix! Wie mich Deine beiden Briefe finden 
würden, hast Du Dir wol kaum gedacht. Daß ich sie mir würde 
vorlesen lassen, u. das liebe Lied erst heute einmal gelesen habe, 
(Pause) denn es ist dunkel in meinem Zimmer, u. ehe ich es wieder 
spielen können, werden noch einige Wochen vergehen. [. . .] 
Deine alte Schwester und junge Mama Fanny 



REBECKA UND FANNY AN FELIX 56 Berlin, 25. Juni 183O 

(Rebecka): 

Vor einer Stunde ist Fanny zum Erstenmale aufgestanden - u. mit 
eigenen Füßen vom Bette bis zum Sopha gegangen, auf dem sie 
jetzt Hegt, sie ist recht mager geworden, sieht ganz gut aus, u. findet 
u. fühlt sich wohl. Das wäre nun auch glücklich vorüber, feierlich 
genug ist der heutige Tag, sie haben von den Thürmen herab mit 
Posaunen ein feste Burg, u. nun danket alle Gott, geblasen, u. die 
blanken Instrumente sollen in der hellen blauen Luft gar feierlich 
ausgesehen haben. 

Zum erstenmale seit langer Zeit ist das schönste Sommerwetter, 
so daß wir Fanny die Balkonthüre öffnen werden. Der alte Herr- 
gott meint es zuweilen gut mit seinem Volke, so heute mit uns, 



121 



u.läßt es einen Freudentag erleben, der auch nicht gestört werden 
soll;[...] 

Das kleine Thierchen macht sich auch, es quäkt wunderherrlich; 
u. ich versichere Dich, es wird mir ganz wunderlich, wenn Fanny 
von »ihrem Kindchen« spricht, u. daß es dieselbe Mutter Fanny ist, 
welche gestern vor einem Jahre [...] mit uns Mädchen herumlief, 
u. [...] die zweite Stimme zu den vier ersten Akkorden Deines 
Sommernachtstraums sang, denn der wurde zu derselben Zeit in 
London gegeben, was wir mit unseren Stimmen, fast zu kindisch, 
nacheiferten; [...] 

Wie Du siehst, ist dieser Brief noch heute, den 26sten, hier, u. 
Fanny wird gleich diktieren, wie folgt: 
(Fanny): 

Ich bin seit gestern auf, lieber Felix, u. würde Dir es jetzt ohne 
Unbequemlichkeit selbst schreiben können, wenn ich nicht, aus 
Sorgfalt für meine Augen einige in den ersten Tagen begangene 
Unvorsichtigkeiten wieder gutmachen wollte. Es geht mir ganz 
außerordentÜch gut, die Kräfte wachsen von Tag zu Tage, und ich 
hoffe, bald nicht mehr zu wissen, daß ich vier Wochen gelegen 
habe. Mein gestriger erster Aufstand war wirklich feierlich genug. 
Wer kann mir verbieten, alles Glockengläute dabei auf mich zu 
beziehen. Um halb sechs haben sie von allen Thürmen geblasen, 
daß ich aufstehe - Bach hat bei der Gelegenheit eine Musik kom- 
ponirt (ich hätte nicht gedacht, daß er so viel Anhänglichkeit an 
mich hat!) [...] 

Wilhelm hensel an Felix 57 Berlin, 26. Juni 1830 

Bei Fanny geht es fortwährend gut, mein Felix! sie ist gestern, am 
10. Tage, zum erstenmale aufgestanden, d. heißt, sie lag mehrere 
Stunden auf dem Sopha, sie ist noch schwach u. ist mager worden, 
aber sie ist gesund [. . .] Vorgestern hatte sie musikal. Einfälle, u. 
bekam Kopf u. Augenschmerzen davon; es mag wohl noch keine 
komponierende Wöchnerin vorgekommen sein; darum hab ichs 
ihr verboten, u. um lauter Prosa gebeten. Das Kind ist noch immer 
der kleinste Wicht auf Erden, indeß trinkt u. schreit er, u. wenn 
kein böser Zufall kömmt, hoffen wir sein frühzeitiges Leben zu 
grüßen. Eine ganz ungemeine Sorgfalt wird er freilich noch viele, 



122 







Wilhelm Hensel 



viele Monate bedürfen [. . .] Fanny ängstigt sich bei seinem gering- 
sten Unwohlsein, das ist nun einmal das Loos der Mütter! indeß 
bleibt es immer unangenehm, den Erstgeborenen so fragil zu sehn, 
trotz aller Weisheiten, die man vom Gedeihen ähnlicher Kinder 
anführt. [. . .] 

fanny und rebecka an felix 58 Berlin, ohne Datum (1830) 

(Rebecka): 
Lieber Felix! 

Aus allen unseren bisherigen Briefen mußt Du wissen, daß die 
hohe Wöchnerinn, u. das kleinste aller Kinder sich wohl befinden, 
sie waren beide in der Luft, die ihnen sehr wohl bekommen, u. 
Fanny ist aus ihrer Schlafstube in die blaue gezogen, wie ein ande- 
rer Mensch, mit den Füßen an der Erde, ißt u. trinkt, wie ein 
anderer Mensch, [. . .] geht in der Stube bei Gelegenheit allein auf 
u. ab, hat heut Deinen lustigen Onkelbrief selbst gelesen, u. wird 
ihn gleich, um ihre Augen doch nicht zu sehr anzugreifen, durch 
mich beantworten, u. Dir alles Gesagte wiederholen. [. . .] 
(Fanny): 

Mein liebstes Brüderchen, wie denke ich an Dich, an Deine ganze 
Musik, u. auch an einiges Einzelne, an die schottische Symphonie, 
mit dem unvergeßlichen Anfang, an die hebe Hebridenouvertüre, 
an alle Zukunft u. Vergangenheit. Mir ist unaussprechlich wohl im 
Leben. 

Die Unvorsichtigkeiten, die ich mit den Augen beging, waren, daß 
ich 2 mal Dein Lied 59 , u. einmal einen halben Brief von Dir las, ich 
will jetzt nicht die dritte begehen, sondern schließen. Deine F. 

fanny an felix 60 Berlin, 5. Juli 1830 

Mein liebes Felixchen, neulich war ich so voller Freude, einige 
selbständige Zeilen zu schreiben, daß ich darüber alles vergaß, was 
ich eigentlich schreiben wollte, diesen Brief nun soll Freund Marx 
mitnehmen, u. bis zu seiner Abreise kann ich schon in verschiede- 
nen Absätzen etwas zu Stande bringen. Was ich neulich eigentlich 
sagen wollte, war, daß ich mich so unendlich freue, wie Dir der 
liebe Himmel in jeder Stadt so was Absonderliches von Ehre und 



124 



angenehmem Wirken aufbewahrt, so in München das Unterrich- 
ten angesehener Lehrer, so was ist wieder noch nicht für Dich da 
gewesen. Ich glaube, in irgend einer nächsten Stadt wirst Du in ein 
Hospital gerufen, um die kranken Leute gesund zu spielen. Ich 
melde mich dazu, bin aber Gottlob nicht krank. 
jtenjul. Gestern hast Du direkt von uns gehört. Ich habe einen 
äußerst frohen Tag gehabt. Mittags aßen wir bei Mutter, mit Droy- 
sen, dessen Geburtstag dies Jahr gerade wie das Vorige mit Hensels 
auf einen Tag fiel, mit Rösels 61 , u. waren sehr lustig, nach Tisch 
kamen Heynes, Heydemanns, Mühlenfels, ich blieb bis 9 im Saal, 
u. es ist mir sehr gut bekommen, obgleich die Jugend etwas wild 
war, u. es im Saal sehr schallt. Heut ist Sebastian, dessen Fortschrit- 
te Du ja alle wissen mußt, zum erstenmal angezogen worden, d. h. 
nicht mit Frack u. Stiefeln, sondern er ist aus einem Päckchen 
Mensch, das fast zu jämmerlich in ein Stück Bett gebunden war, 
in ein ordentliches Kindercostüm, vul. Steckkissen 62 genannt, hin- 
eingewachsen. Eben habe ich auch Erlaubniß erhalten, heut im 
Garten spatzieren zu gehen, denn das Wetter ist schön, Vater hat 
eine angenehme Reise, Du einen angenehmen Aufenthalt, für uns, 
die wir zu Hause bleiben, ist es auch zu brauchen, u. Ueberbringer 
dieses kann auch einmal Sonnenschein zu einem Unternehmen 
brauchen. 

Sten. Seit Anfangs dieser Phrase hat es schon wieder angenehm 
gepladdert, auf bleibend schönes Wetter kann man nun einmal in 
diesem Sommer nicht rechnen. Als ich gestern aufhörte zu schrei- 
ben, benutzte ich die eben erhaltene Erlaubniß spatzieren zu ge- 
hen, zu einem Besuch im Vorderhause, verfehlte aber Mutter u. 
Beckchen, die einstweilen nach dem Garten gegangen waren, u. 
fand nur Dich, den ich auch sehr lange nicht gesehen hatte, u. mit 
vieler Freude wieder begrüßte. Marx wird sich nun heut Deinen 
Neffen noch einmal ansehen, um Dir die neuesten Nachrichten 
von ihm zu bringen, u. ich will Dir für heut Lebe wohl sagen. Von 
Hensel tausend Grüße, sein neues Bild wird Dir wohl Marx nach- 
erzählen 63 , er ist sehr davon eingenommen, überhaupt gefällt es 
allen Leuten, u. mir nicht zuletzt. Die Leinwand zu Beckchens 
Bilde wird aber dieser Tage bestellt. Adieu, mein lieber Mensch, 
lebe wohl und froh, u. denke der Deinigen 
Deine F. 



125 



panny an felix 4 Berlin, Juli 1830 

Da ich auf ehrliche Weise erfahre, daß ich auf unehrliche Weise 
um meinen schlechten Witz gekommen, so fasse ich mir ein Herz, 
u. mache ihn nicht. Weißt Du noch, wie wir Dich sonst Grelix 
nannten? Eben sprach ich viel mit Beckchen von der Kabuse, in 
der Du sonst zwischen uns auf dem Sopha saßest, aber jetzt hoffe 
ich, wälzt Du Dich in Marxi Armen 65 ; übrigens bin ich im Vorder- 
hause eingeregnet, u. schreibe an Beckchens Secretair in der Gan- 
sischen Mappe, Mann u. Kind schreien nach mir, aber Ersterer ist 
nicht zu Hause, u. Letzteres schreit wol wahrscheinlich, aber nicht 
nach mir 66 . Diese drei Tage hindurch hat sichs das kleine Brätchen 
in der Sonne sehr wohl seyn lassen, u. rothe Bäckchen erlangt, heut 
ists wieder in die Stube gebannt, aber ich bade es jetzt selbst, u. 
nehme mich dabei sehr mütterlich aus. 

Mein lieber Felix, ich werde Dir nächstens in einem Privatbriefe 
auch manches vortragen, aber nichts Neues, denn das ist, nach mir 
u. Klingemann, das Alte, sondern eben das Alte. Einstweilen bin 
ich wieder eine Frischkartoffeln essende, Abends im Freien blei- 
bende, überhaupt genußfähige u. genießende Person, u. mein 
Kleiner wird alle Tage größer. Komponirt habe ich noch nicht, als 
ichs nicht durfte, hatte ich Ideen genug, jetzt wird wohl wieder die 
bekannte Dürre eintreten, die ich dem Wetter alle weg nehme. Da 
Vater reiste 67 , ist es sehr schade, daß er nicht einige Tage früher 
gereist ist, um die Nachricht der Einnahme von Algier 68 in Paris 
zu haben, die Sensation muß groß gewesen seyn. - Die Desertion 
kann übrigens beim Africanischen Heere nicht stärker seyn, als 
jetzt in Berlin, keine Seele ist hier, u. in dem Augenblick desertire 
ich auch vom Schreibtisch, um die Eier zu essen, die mir Beckchen 
hat machen lassen. - So, nun ists geschehen, u. eine schöne Ge- 
schichte, es regnet Keulen, u. ich kann vielleicht den ganzen Tag 
nicht wieder zu Haus, Hensel war eben hier, u. hat einen gewalti- 
gen Spektakel gemacht, o weh, ich habe Schelte gekriegt. [. . .] Se- 
bastian wollte eben eigenhändig grüßen, aber der dumme Junge 
kann noch nicht seinen Namen schreiben, er hat sich bespuckt, u. 
es ging nicht. Wer ihn tauft? Wilmsen. Wer ihn hält? Beckchen. 
Wann? Um die Mitte Augusts. Wer Dich repräsentiren soll? Ich 
habe vorgeschlagen Zelter, hast Du was dagegen? Was wir aber 



126 



essen werden, darüber kann ich noch nicht hinlänglich Rechen- 
schaft ablegen, da die Tageszeit noch nicht ganz bestimmt ist. Du 
sollst aber jede Semmel erfahren. [. . .] Lebe wohl, mein liebes 
Lamm, ehe Du Dichs versiehst, sind wir da, in Lebensgröße. Ich 
habe Dich sehr Heb, darum möchte ich wol, wir könnten Beck- 
chen mitbringen. Hensel grüßt u. ich bin u. bleibe F. 
Schreibe nur bald, u. sage mir, daß Du unsre Reise nicht für eine 
Thorheit hältst, u. uns gern wirst kommen sehn, das ist mir noch 
nöthig, um mich recht zu freuen. 69 

fanny an felix 70 Berlin, 23. Juli 1830 

Mein Felix - 

es ist hohe und höchste Zeit, daß Dir ein Privatbrief geschrieben 
werde, denn heut ist der 23ste Juli, und heut über 2 Monate sind 
wir hoffentlich auf dem Wege zu Dir. 

Ich wollte Dir nicht eher bestimmt davon sprechen, bis ich die 
Sache nicht nur äußerlich möglich und wahrscheinlich und nah 
sähe, sondern auch meine Gedanken recht damit erfüllt und iden- 
tifizirt hätte, das ist wol jetzt geschehen. Hier nun unsere Angele- 
genheit: der König hat die Kopie eines Frescobildes nicht geneh- 
migt, aber auf eine Weise, die die Erteilung eines andern Auftrags 
erwarten läßt, u. selbst wenn dieser nicht erfolgen sollte, ist Hensel 
doch entschlossen, die Reise zu machen. Sein Fleiß hat uns in den 
Stand gesetzt, es zu können, und die übrigen Umstände sind von 
der Art, daß wir uns sagen müssen, wenn wirs jetzt nicht thun, 
können wir die Zeit gar nicht berechnen, wann es möglich seyn 
wird. Er bekömmt 400 M zur Errichtung eines Atteliers, welche 
künftiges Frühjahr, und zwar in der Wohnung von Devrients 71 
Statt finden wird. Diese haben sich ungemein freundschaftlich in 
dieser Angelegenheit benommen, denn ihr Contract geht bis zum 
Oct. 1831, als aber jene Idee entstand, bat Hensel, uns die Wohnung 
bis Ostern zu räumen, wozu sie sich gleich verstanden haben. Frei- 
lich ziehen sie nun schon diesen Oct. u. wir haben dies Arrange- 
ment nicht ohne ein bedeutendes Geldopfer machen können, in- 
dem wir sie für eine höhere Miethe bis zum nächsten Jahr, außer- 
dem für einen Theil der Einrichtungskosten entschädigen, u. dann 
noch die Miethe bis Ostern riskiren, da wir in ihren Contract ge- 



127 



treten sind, u. schwerlich einen Miether auf ein halbes Jahr finden. 
Da indessen Mutter u. Vater uns ungern aus dem Hause lassen 
würden, u. ich auch freilich sehr ungern ginge, so hat Wilhelm, 
der wie Du weißt, zu den Guten gehört, alles so eingerichtet, daß 
es nun wol, bis zu einer Veränderung, die der Himmel verhüten 
möge, so bleiben wird. Auch hoffe ich, soll es ihn nicht gereuen, 
denn wenn nun alles nach Wunsch geräth u. fertig wird, so hat er 
ein sehr schönes Attelier, im Hause, Frau u. Kind in der Nähe, u. 
mit dem neuen Zuschuß von 400 M werden wir uns dann zwar 
nicht besser, aber auch nicht schlechter stehen, als früher, u. kön- 
nen es mit ansehen. - Dies ist nun ein trockener Geschäftsbrief, 
mein bester Felix, aber ich will Dich gern von all unseren Planen 
unterrichten, also weiter im Text. Sobald Hensel seine Arbeiten 
beendet haben wird, wir hoffen Mitte September, machen wir uns 
auf den Weg, natürlich immer die Erlaubniß unseres [. . .] Königs, 
u. großen Tyrannen Sebastian vorausgesetzt, u. reisen zuerst nach 
Schlesien, wo wir meine Schwiegermutter auf einige Tage besu- 
chen, u. dann über Ulm nach Italien. Daß ich mich einiger Maaß- 
en freue, Dich wieder zu sehn, glaubst Du mir doch nicht, ich will 
es also nur ungesagt lassen, u. Dich lieber bitten, uns dann, wenn 
es soweit ist, beizeiten von Deinem jedesmaligen Aufenthalt zu 
unterrichten, damit wir uns nicht vorbeireisen. Halte Dich aber 
unsretwegen nirgend länger auf, als Du sonst wolltest, wo wir uns 
treffen, das ist doch am Ende gleich. Mit den Eltern steht es so, daß 
Vater schon vor seiner Abreise ganz mit der Unsrigen einverstan- 
den war, u. Mutter sich nun auch darein ergiebt, ja ich habe es seit 
gestern dahin gebracht, daß die Reise auf den Gesprächsetat ge- 
kommen ist, das hat aber viel Mühe gemacht. Ich gebe es übrigens 
bis zum letzten Tage nicht auf, noch Alle mitreisen zu sehen, darf 
mir aber anscheinend nicht viel Mühe darum geben, Mutter faßt 
noch eher von selbst einen Entschluß, als daß sie sich bereden 
ließe. Du wirst darin gewiß meiner Meinung seyn, welche die ist, 
daß wir gern die mancherlei vorherzusehenden, u. unvorherzuse- 
henden Schwierigkeiten u. Unannehmlichkeiten des Beisammen- 
seyns tragen würden, um Beckchen das Vergnügen der Reise zu 
gönnen, u. die Eltern bei uns zu haben. Hensel denkt eben so, nur 
Beckchen meint immer, es ginge nicht, u. könnte nicht seyn. Ich 
lasse sie auch einstweilen dabei, weil ich im Grunde doch auch 



128 



nicht sehr daran glaube, u. sie sich ans Neue, wenn es angenehm 
ist, doch leicht gewöhnen wird, aber ich wollte, wir könnten sie 
mitnehmen, es wird mir sehr schwer, sie u. die Eltern zu verlassen, 
so sehr ich mich auf die Reise freue, denn das thue ich redlich. 
Lieber Felix, wir wollen uns nicht geniren, Du brauchst Dich nicht 
vor uns zu fürchten, wir werden sehr discret seyn, u. eine italiäni- 
sche Stadt hat doch wol Raum genug für uns. Und wie freue ich 
mich, Dir den Sebastian zu bringen, bilde Dir nur nicht ein, daß 
der Cerl Dir entgegenlaufen wird, dazu ist er noch viel zu dumm, 
aber anschreien wird er Dich, u. ansehn mit großen dunkelblauen 
Augen, die gar nicht wissen, was sie sehn, u. Du wirst ihn schon 
liebhaben. Aber ich wollte doch, wir könnten Beckchen mitbrin- 
gen. 72 

felix AN fanny 73 Rom, 16. November 1830 

[. . .] Bleib heiter u. klar u. gesund, verändere Dich nicht bedeutend, 
viel besser brauchst Du auch nicht zu werden, Dein Glück bleibe 
Dir treu: das sind denn ungefähr meine Geburtstagswünsche. 
Denn daß ich Dir auch etwa musikalische Ideen wünschen sollte, 
ist einem Menschen meines Kalibers gar nicht zuzumuthen; es ist 
auch nur Ungenügsamkeit, wenn Du Dich über Mangel daran 
beklagst; per bacco, wenn Du Lust hättest, wärdest Du schon com- 
ponieren was das Zeug hält (vgl. Leben eines reisenden Musikan- 
ten oder Felix in Rom) u. wenn Du nicht Lust hast, warum grämst 
Du Dich entsetzlich? Wenn ich mein Kind zu päppeln hätte, so 
wollte ich keine Partitur schreiben, u. da ich non nobis componirt 
habe, so kann ich leider meinen Neffen nicht auf dem Arm her- 
umtragen. Aber im Ernst, das Kind ist noch kein halbes Jahr alt, 
und Du willst schon andere Ideen haben, als Sebastian? (nicht 
Bach). Freu Du Dich, daß Du es da hast, die Musik bleibt nur aus, 
wenn sie eben keinen Platz hat, und es nimmt mich nicht wunder, 
daß Du keine Rabenmutter bist. - Ich wünsche Dir aber doch zu 
Deinem Geburtstage, was irgend Dein Herz begehrt; ich will Dir 
also auch ein halb Dutzend Melodien wünschen, es wird aber 
nichts helfen [. . .] Das Geschenk, liebe Fanny, was ich Dir diesmal 
zu Deinem Geburtstage fertiggemacht habe, ist ein Psalm für 
Chor u. Orchester: non nobis, Domine. Du kennst den Anfang 



129 



schon. Eine Arie kommt darin vor, die einen guten Schluß hat, u. 
der letzte Chor wird Dir gefallen, hoff' ich [. . .] 

felix an fanny 74 Rom, 25. Februar 1831 

Dies ist die Hebridenouvertüre. P bedeutet P, sf heißt sfz, f heißt f 
in der italiänischen Notenschreibersprache, sapienti sat. Du wirst 
am Ende des sogenannten ersten Theils, wo es in d dur schließt 
eine schlechte Stelle finden; ich habe sie ändern wollen, ehe ich es 
schickte, aber Zeit fehlte. Denke es Dir also anders. Die matte 
Lärmmacherey von da an u. die folgende Stelle, die aus meiner 
vortrefflichen Reformationssymphonie sichtlich abgeschrieben ist, 
u. mit der ich mir selbst eine Schmeicheley sage, sollen anders 
werden, sobald ich abkomme. [. . .] Es ist hier Rom, halbe Revolu- 
tion, Angst u. Furcht von allen Seiten, u. manche Unbehaglichkeit, 
aber ich denke an Euch, so ist mir wohl. Guten Abend. F. 

felix an fanny 75 Rom, 4. April 1831 

Meine liebe Fanny! 

Wohl ist die Nachricht, die Du mir in Deinem Briefe vom I7ten 76 
mittheilst, eine schmerzliche u. ich empfinde wieder, wie groß die 
Entfernung u. wie unmöglich irgend einzugreifen u. zu helfen; 
aber die Art, wie Du es mir sagst, u. Dein ganzer Heber, liebender 
Ton ist so, daß ich es Dir nie vergessen werde; es hat mich ergrif- 
fen, als säßest Du neben mir, u. als hörte ich Dich sprechen. Das 
ist auch so, denn wer anders kann so sprechen, als Du? Nimm aber 
meinen herzlichsten, wärmsten Dank dafür. Du weißt es ja, wie 
glücklich Du uns alle machst. Ich werde lange an Deinen Brief 
denken; wie kommt es nur, daß in den kalten, schwarzen Buch- 
staben der ganze Mensch, u. das ganze Herz stehen kann? Wir 
verstehen uns aber. 

Inliegend ein Brief an Marx. 77 Daß ich von hier aus für ihn wirken 
kann, ist unmöglich, u. das schmerzt mich tief, das einzige was ich 
auf solche Entfernung thun kann habe ich mir ausgedacht, Ihr 
werdet mir dazu helfen dem Mangel an Mittheilung vorzubeugen, 
der ihn quält, weil kein Musiker in Berlin ist, der ihn zu kennen 
werth wäre, habe ich ihm geschrieben, daß ich von jetzt an regel- 



130 



mäßig alle 14 Tage an ihn schriebe, u. sobald ich Zeit habe öfters. 
Das wird ihn zerstreuen u. es ist eben alles was sich von Rom aus 
in dieser Hinsicht finden läßt. Die Briefe werde ich fortwährend 
an Hensel addressiren, u. bitte Dich, lieber Hensel, auch Marx 
seine Briefe an mich abzufordern, eben unter dem Vorwand sie 
einzulegen, oder wie Du sonst willst; denn das Porto ist sehr theu- 
er, da thu mir den Gefallen auf ein besonderes Blatt Papier genau 
das Porto aufzuzeichnen, was diese Correspondenz kostet, ich 
werde es Dir bei meiner Rückkunft erstatten. Thu aber dies gewiß 
und schreibe es genau auf, es würde mich verdrießen, wenn Du 
Dich dadurch in Kosten setztest. Was nun das übrige betrifft, so 
steht die Sache so: ich habe das Jahr über 100 Th. weniger ge- 
braucht, als mir ausgesetzt sind. Über diese aber kann ich nicht 
disponiren, weil ich keineswegs ausdrücklich gespart habe, u. es 
also nicht aufrichtig gegen Vater wäre, der mir schrieb, ich könne 
weniger oder mehr brauchen, wie ich wolle. Da nun aber im näch- 
sten Monat mein neues Jahr anfängt, u. da ich weiß, wie wenig ich 
mir in diesem Jahre habe abgehen lassen, u. wie ich also gewiß sein 
kann im nächsten noch mehr zu ersparen: so denke ich, daß ich 
am Ende meiner Reise wenigstens über 100 Th. werde disponiren 
können, da ich sie mir von jetzt an durch mancherley Kleinigkei- 
ten, die ich mir leicht versagen kann u. die doch viel kosten, zu- 
rücklegen will. Auch komme ich dann nach Paris, auch wohl nach 
London, wo ich wieder Geld verdienen kann, soviel ich will, was 
sich dann später finden wird. Auf jeden Fall aber ist das wenigste, 
was ich entweder durch die Ersparungen, die ich von heute an, 
ohne meinem Reisezweck zu schaden, anfangen werde, u. durch 
Herausgabe u. dgl. in Paris gewinne 100 Th., u. so denke ich Ihr 
seid ganz sicher, wenn Ihr mir sie vorstreckt, u. Marx gebt. Doch 
bemerkt, daß ich dies nur annehme im Fall ihr Euch von mir die 
gebräuchlichen Zinsen geben laßt, sonst geht das Ding nicht; wenn 
Ihr Geld habt, daß außerdem ruhig auch die Zinsen liegen bleiben 
würden, so nehmt davon die 100 Th. u. ich erstatte es Euch, als 
hättet Ihr es immer liegen lassen. Hoffentlich stehe ich bei Euch 
in gutem Credit. Du wirst das nun einrichten, lieber Hensel, wie 
Du willst, ich brauche nicht zu bemerken, daß Alles, was ich au- 
ßerdem verdienen möchte, Dir sogleich gemeldet werden soll, zu 
diesem Zwecke. Wie Du es aber anfangen willst, um es Marx 



131 



annehmen zu machen, weiß ich nicht; Du wirst das dort besser 
wissen, u. Rath geben, geht nicht; ich hab ihm jetzt nichts davon 
geschrieben, sonst merkt er etwas; aber im nächsten Briefe will ich 
es ihm anbieten. Willst Du nun den erwarten, oder ihm geradezu 
sagen, daß ich Dir drüber geschrieben hätte, das mache ganz wie 
Du für Recht hältst. Gott gebe, daß es sich zum Besseren wende, 
wenn ich nur da wäre, da könnte ich irgendwas thun. Bitte, liebe 
Fanny, schreib mir darüber wieder, u. sag mir, was Ihr habt thun 
können. - Ich reise Ende dieser Woche nach Neapel, wenn ich 
meinen Paß bekommen kann, was Schwierigkeiten macht, ent- 
schuldige mich bei den Eltern, daß ich heute nicht schreibe, der 
Brief ist nicht fertig geworden; denn er enthält eine Beschreibung 
der heil. Messe. Ich schicke ihn aber bald. Lebt wohl, Euer Felix. 

felix an fanny 78 Frankfurt am Main, 14. November 1831 

O mein geliebtes Schwesterlein und Musiker. 
Heut ist Dein Geburtstag und ich wollte Dir gratuliren und froh 
sein, da kamen Eure Briefe über Tante Jette 79 und mit der rechten 
Freude ist es nun wohl vorbei. Gestern kam die Verlobungsnach- 
richt 80 , heute diese, es geht sonderbar hin und her. 
Ich will Dir eins von den neuen unbegreiflich rührenden Seb. 
Bachschen Orgelstücken schenken, die ich hier eben kennen ge- 
lernt 81 , sie passen zu Heut in ihrer reinen weichen Feierlichkeit, es 
ist als hörte man die Engel im Himmel singen. 
D. rjten 

Ich wollte das Stück schreiben, als ich den Brief anfing, legte das 
Papier Abends zurecht, und morgens als ich aufstand, war das 
Ganze schon fertig geschrieben, Schelble 82 war früher aufgestan- 
den, hatte mich davon sprechen hören und war mir zuvorgekom- 
men. An diesem kleinen Zug kannst Du Dir mein übriges Leben 
mit ihm weiter ausmalen; er beschämt mich jeden Augenblick 
durch neue Güte, und von seinem klaren Urtheil lerne ich was. 
Wollte, Du könntest mein Leben hier einmal mit ansehen u. mit- 
leben, denn es wird noch lieber durch Philipp Veit 83 , der einer der 
prächtigsten Menschen ist, die ich kennen gelernt habe, von einer 
Liebenswürdigkeit, Milde u. doch Lebhaftigkeit, daß es eine Freu- 
de ist, u. ein großer Maler zugleich. Du solltest einmal sein neues 



132 



Bild sehen. Wir sind meist zusammen. Abends wird in corpore 
Musik gemacht, neulich im Cäcilienverein gab Schelble einigen 
Händel, einen Chor von Mozart, dann »es ist der alte Bund« von 
Bach, das himmlisch klang, das Credo aus der großen h moll Mes- 
se, und einen Chor von mir. Heut Abend läßt er »Ihr werdet wei- 
nen und heulen«, eine Kirchenmusik von meinen römischen usw. 
in einem Externverein singen; morgen aber reise ich ab, u. erwarte 
heut noch Bendemanns Antwort, ob ich nach Norden oder We- 
sten gehe; dann geht es nach Frankreich. 

Nun spiele diesen Choral mit Beckchen, so lange ihr noch zusam- 
men seid, und denkt mein dabei. Wenn am Ende die Choralme- 
lodie zu flattern anfängt und oben in der Luft endigt und alles sich 
in Klang auflöst, das ist wohl göttlich. Es sind noch viel andere von 
gleicher Kraft da, aber sie sind bitterer. Zu heut passt dies gerade 
und so schicke ich ihn, und grüße u. küsse Dich und Hensel und 
wünsche ihr mögt mich so lieben wie ich Euch. 
NB: der Choral ist mit Doppelpedal 8 Fuß, Schelble hat ihn so 
eingerichtet, es fehlt keine Note. 



felix an fanny Paris, 28. Dezember 1831 

Liebe Frau Fanny! Seit drei Monaten will ich Dir einen Musiker- 
brief schreiben, aber das Aufschieben rächt sich; denn jetzt, da ich 
14 Tage hier bin, weiß ich gar nicht, ob ich es überhaupt noch 
kann. [. . .] Das Gewissen schlug mir nämlich, als ich von Deiner 
neuen Musik las, die Du mit Umsicht zu Vaters Geburtstag diri- 
giert hast, und als ich mir vorwerfen mußte, Dir noch kein einziges 
Wort über Deine vorige gesagt zu haben; denn ohne das kommst 
Du bei mir nicht durch, College! Wie Teufel kannst Du Dich 
unterfangen, Deine G-Hörner so hoch zu setzen? Hast Du je ein 
G-Horn das hohe G nehmen hören, ohne daß es gequackelt hätte? 
Ich frage nur Dies ! Und muß bei dem Einsatz der Blaseinstrumen- 
te am Ende der Introduction in selbigen Hörnern nicht offenbar e 
stehen, und schnarren die tiefen Hoboen ebendaselbst nicht alle 
Schäferlust und alle Blüthen weg? Weißt Du nicht, daß man einen 
Gewerbeschein lösen muß, um das tiefe H in den Hoboen zu 
schreiben, und daß er nur bei besonderen Anlässen erteilt wird, 
wie z.B. bei Hexen oder einem großen Schmerz? Hat der Com- 



133 



ponist nicht augenscheinlich bei der A dur-Arie seine Singstimme 
mit zu vielen anderen Stimmen zugedeckt, so daß die zarte Inten- 
tion und die sonst so liebliche Melodie dieses sonst so gelungenen 
Tonstücks bei vielen sonstigen großen Schönheiten verdunkelt 
oder doch verkleinert wird? Im Ernst aber: diese Arie ist wunder- 
schön und besonders heblich. Aber ich habe gegen Deine beiden 
Chöre etwas zu sagen, was jedoch mehr gegen den Text, als gegen 
Dich gerichtet ist. Die beiden Chöre sind mir nicht originell ge- 
nug. - Dies klingt dumm; ich meine aber, es sei die Schuld des 
Textes, der eben nichts Originelles ausspricht; ein einziges Wort 
hätte vielleicht Alles bessern können; aber so, wie er da ist, könnte 
er überall anders stehen: in Kirchenmusik, Cantate, Offertorium 
etc. Wo er aber anders ist als allgemein, wie z.B. das Seufzen am 
Ende, da kommt er mir sentimental vor oder nicht natürlich. Die 
Worte des letzten Chors scheinen mir zu materiell (mit dem kraft- 
losen Mund und der sich regenden Zunge); nur in der Arie ist der 
Text im Anfang frisch und lebendig, und daraus ist Dir auch das 
ganze schöne Musikstück entstanden. Bei den Chören ist es natür- 
lich immer schöne Musik, denn es ist von Dir; - aber mir ist erst- 
lich, als könnte sie auch von einem andern guten Meister sein, und 
zweitens, als wäre sie nicht gerade nothwendig so, als dürfte sie 
auch anders componirt sein. Das hegt nun eben daran, daß die 
Worte keine Musik nothwendig bedingen. Das Letztere ist in mei- 
ner Musik auch sehr oft der Fall, das weiß ich wohl; indessen wenn 
ich auch den Balken in meinem Auge fühle, so werde ich doch 
gewiß ganz geschwind den Splitter aus Deinem ziehen wollen, 
damit er Dich nicht drückt. So ist also mein Resume, daß ich Dich 
in der Wahl des Textes bedächtiger haben möchte, weil am Ende 
nicht Alles, was in der Bibel steht und auf das Thema paßt, Musik 
enthält; aber wahrscheinlich hast Du nun schon in der neuen Can- 
tate meine Bedenken beseitigt, ohne sie zu kennen, und ich falle 
weg. Dann ist es destobesser, und dann mach Du mich herunter 
wegen Diffamation. Was aber Deine Musik und Composition be- 
trifft, so ist die sehr gut für meinen Magen; der Frauenzimmer- 
pferdefuß guckt nirgends hervor, und wenn ich einen Capellmei- 
ster kennen würde, der die Musik könnte gemacht haben, so stell- 
te ich den Mann an meinem Hofe an [. . .]. 



134 



Musikdirektor in Düsseldorf 
1833 bis 1835 



1833 Paul Mendelssohn Bartholdy tritt als Angestellter in das 
Bankhaus Mendelssohn und Comp. ein. Die Bewerbung von 
Felix um die Direktion der Berliner Singakademie scheitert 
an antisemitischen Ressentiments. Nach erfolgreicher Lei- 
tung des Niederrheinischen Musikfestes in Düsseldorf erhält 
Felix einen Vertrag als Städtischer Musikdirektor, der ihn ab 
Oktober an Düsseldorf bindet. Am 7. März stirbt die mit 
Fanny befreundete Rahel Varnhagen. Felix tritt sein neues 
Amt erfolgreich an und dirigiert unter anderem Händel, 
Beethoven und Mozart. Am 2. JuÜ wird Rebeckas erster Sohn 
Walter geboren. 

1834 Fast alle deutschen Länder schließen sich dem von Preußen 
gegründeten deutschen Zollverein an. Fanny komponiert 
Heine-Lieder für Mary Alexander, die englische Freundin 
von Felix, eine Orchesterouvertüre und ein Streichquartett. 

1835 Mendelssohn schreibt den »Paulus« ins reine. Trotz großer 
Erfolge als Dirigent und Komponist in Düsseldorf unter- 
zeichnet er einen Vertrag als Gewandhauskapellmeister in 
Leipzig. Er will künftig näher bei seiner Familie leben und 
entflieht den Konflikten mit dem Düsseldorfer Carl Immer- 
mann um die Gestaltung und Vorbereitung der Opernauf- 
führungen. 

Paul Mendelssohn Bartholdy heiratet die Bankierstochter 
Albertine Heine. Die Familie Hensel reist im Juni nach Düs- 
seldorf, wo Fanny in den von Felix geleiteten Konzerten als 
Choristin mitwirkt. Auf einer Frankreichreise erleben die 
Hensels den Anschlag des Korsen Fieschi auf König Louis- 
Philippe. 



135 



Werke von Felix 

1833 Fantasie (Sonate) ecossaise für Klavier fis-Moll op. 28 / Sechs 
Lieder ohne Worte für Klavier op. 30, 2. Heft / Vierte Kon- 
zert-Ouvertüre »Zum Märchen von der schönen Melusine« 
für Orchester F-Dur op. 32 / To the Evening Service, für 
Chor / Musikantenprügelei für Männerchor / »Der weise 
Diogenes«, Kanon für Männerchor / Zwei Romanzen von 
Lord Byron für Singstimme und Klavier / Zigeunervariatio- 
nen für zwei Klaviere (mit Moscheies) 

1834 Rondo brillant für Klavier und Orchester Es-Dur op. 29 / 
Drei Capricen für Klavier op. 33 / »Paulus«, Oratorium nach 
Worten der heiligen Schrift op. 36 / Sechs Lieder für Vokal- 
quartett op. 41 / Zwei Männerchöre zu »Der standhafte 
Prinz« von Calderön / Mailied für Singstimme und Klavier 

1835 »Und ob du mich züchtigest«, Kanon für fünf Stimmen / 
Zwei Gesänge für Singstimme und Klavier 



Werke von Fanny 

1833 »Zum Fest der heiligen Caecilia«, für vier Frauenstimmen 
und Klavier / Zwei Lieder für Singstimme und Klavier: »Ge- 
genwart« (Johann Wolfgang von Goethe) und »In die Ferne« 
(Ludwig Heinrich Christoph Hölty) 

1834 Orchester-Ouvertüre C-Dur (1. Fassung: 1832) / Streich- 
quartett / Zwei Lieder für Singstimme und Klavier: »Carl V.« 
und »Wo sich gatten jene Schatten« (beide August Graf von 
Platen) / Drei englische Lieder für Mary Alexander auf Tex- 
te von Heinrich Heines »Heimkehr« 

1835 Arie für Sopran / Zwei Vokaltrios: »Abschied« (Heinrich 
Heine) und »Wandl' ich in dem Wald« (ohne Textdichter- 
Angabe) / Duett »In der stillen Mitternacht« (ohne Text- 
dichter-Angabe) 

Lieder 

»Ich stand gelehnet an den Mast« (Heinrich Heine) / »Wenn 
der Frühling kommt« (ohne Textdichter-Angabe) / »Über 
allen Gipfeln ist Ruh'« (Johann Wolfgang von Goethe) 

136 



fanny an felix Berlin, 5. Oktober 1833 

[. . .] 2 Felix laß Dich barbiren; u. lies das Folgende nicht, sondern 
laß es von Beckchen lesen, u. wenn die schon fort seyn sollte, trage 
es Paulinen 3 hin; es ist in Chiffren. 

Liebe Pauline! Da es in Eurem, an Künstlern jeder Art so reichen 
Ort unmöglich an einem geschickten Restaurator eines wichtigen 
Theils der menschlichen Schönheit fehlen kann, den man gemein- 
hin sehr unphilosophisch Friseur zu nennen pflegt, so beschwöre 
ich Dich bei dem Haupthaar der Veronica, u. bei jeder anderen 
berühmten Perücke, trage Sorge für die Erhaltung der sterblichen 
Überreste von Felixens weiland Hauptzierde in verschiedenem 
Sinn die er aufs Jämmerlichste mit Kamm u. Bürste zu ermorden 
pflegt. Verrathe mich nicht als die Urheberin dieses Plans, sonst 
möchte er ein Haar drin finden, u. widerhaarig werden, aber ver- 
wende Deinen unumschränkten Einfluß, ihn zur Anstellung des 
obengenannten Beamten zu bewegen, Dir werde Lohn in besse- 
ren Welten. Uebrigens grüße ich Dich bestens u. bitte Dich, da ich 
durchaus nichts Dir Interessantes von hier zu melden habe, über 
Felixens Lebensart, Einrichtung u. Debüt von Dir zu erfahren. 
Denke nicht mit mir zu rechnen, sondern mir bald zu schreiben, 
sagst Du mir dann, daß es Dir nicht unangenehm ist, von mir einen 
Brief mit Nichts zu erhalten, so antworte ich pünktlich. [. . .] 



fanny an felix 4 Berlin, 23. 5 Oktober 1833 

Ich habe Dir sehr lange nicht geschrieben, lieber Felix, u. es soll 
doch nicht in Vergessenheit gerathen, da setze ich mich aus dem 
Stegreif um 1/2 4 Uhr hin, u. habe noch einen langen Vormittag, 
denn heut fängt unsere Wintersaison an, mit um 5 Uhr essen, ihr 
aber geht jetzt in Soireen. Wir haben noch den allerschönsten fast 
blätterlosen Herbst mit warmer Sonne, u. ich habe eben weite 
Wege mit Sebastian gemacht, unter den Linden begegnete uns 
Paul, u. gab mir den Arm, u. wir gingen noch nicht lange zusam- 
men, so kamen Beckchen u. Dirichlet. (Hensel hat mir diesmal 
lauter Löschpapier mitgebracht.) Gestern abend hätte ich Dich 
hergewünscht. Ich hatte einen Zank mit Beckchen, der wäre was 
für Dich gewesen, die Eltern haben sich halb todtgelacht. Er fing 



137 



an über die Taillen unserer Männer, u. zuletzt kam es so weit, daß 
ich ihr ihre schwangere Köchin vormachte 6 , aber da konnten wir 
auch Beide nicht mehr vor Lachen. Wir sind ganz lustig u. gesund; 
Vater geht es sehr gut, er ißt zwar sehr viel Wein 7 , trinkt aber auch 
welchen, u. das hält sich das Gleichgewicht. Er ist übrigens sehr 
liebenswürdig, u. macht Dir zum Trotz Dameneroberungen. A 
propos, Immermann 8 ist hier, ich habe ihn aber noch nicht gesehn, 
er war heut bei Mutter, hat uns aber nicht besucht. - Hat es Dir 
schon ein Anderer geschrieben, daß ich neulich bei der Decker, 
auf ihrem gräulichen Hackebrett, Oberon begleitet habe? Es war 
so schlecht wie es unter den gegebenen Umständen nur irgend 
möglich war, da sie, Devrient, Mantius, u. die Hoffmann mitsan- 
gen. Dafür aber hab ichs doch nun durchgesetzt, daß sie sich ein 
neues Instrument angeschafft hat, gestern habe ichs mit ihr probirt, 
u. heut wird es hingebracht, morgen nämlich ist Semele 9 da, wo 
ich wieder begleite. Taubert, der vorigen Winter ihr Capellmei- 
ster war, hat es doch in der ganzen Zeit nicht zu einem neuen 
Flügel gebracht. Es wird aber wieder sehr häßlich werden, Sophie 
Ebers 10 singt über die Möglichkeit hinaus. Kennst Du Semele 11 
genau? es sind wunderschöne Sachen darin, ich glaube, mit gehö- 
rigen Auslassungen, müßte es sich sehr zum Concert eignen. 
Kennst Du die Partitur? Schaum 12 bekennt sich zu vielen Aende- 
rungen, ich möchte wohl wissen, ob z.B. der sehr lose Text im 
Original mehr Zusammenhang hat. 

Dein Concert 13 ist ja prächtig komponiert. Ich bin aber für Gluck 
u. Beethoven, u. finde schon das sehr lang vor dem Alexanderfest. 
Ihr Düsseldorfer müßt gute Mägen haben. Ich weiß, wem ich 
diese Concerte lieber gönnte, als Euch. Lieber Felix, ich habe jetzt 
4 junge Mädchen, die sich Alle musikalisch Raths bei mir erholen, 
u. recht gut spielen. Ich schnauze sie aber geistig an. Kannst Du 
Dir Deine Schwester Drude dabei denken? Sebastian ist allerliebst 
u. sehr gewachsen. Der Wagen von Dir ist noch immer das Glück 
u. der Neid des jüngeren Hofpersonals. So lange hat noch kein 
Spielzeug vorgehalten. Dein Gedächtniß sitzt ihm aber auch sehr 
fest, u. er spricht tagtäglich von Dir. Neulich habe ich ihn sehr 
emancipirt, u. ihn bei Heysens, wo ich mit ihm hingegangen war, 
allein zu Tisch gelassen, er hat aber die Probe vortrefflich bestan- 
den. Der Junge wird Dich freuen 14 , wenn Du ihn einmal wieder- 

138 



siehst, seine Sprache ist wirklich melodisch, u. fällt allen Leuten 
auf. Augenbrauen kriegt er, wie seine Frau Mama Cantor, aber 
blondestes Haar. Neulich haben wir Feuer im Hause gehabt. Wir 
saßen des Abends ganz ruhig bei den Eltern, über denen seit kur- 
zem der General Braun 15 mit vielen zweifelhaften Söhnen wohnt 
u. schrecklich rumort. An dem Abend aber ward der Lärm plötz- 
lich sehr arg, Hin u. Her rennen, sehr lautes Sprechen, dann ein 
Lärm als ob es in die Stube regnete, begleitet von einem wirkli- 
chen Kalkstaubregen, Poltern an unsrer Thür, wir sprangen Alle 
auf, u. erfuhren nun, daß es in dem Saal über uns brenne, die 
Männer rannten herauf, wir konnten nicht mit, denn der alte Ge- 
neral löschte im Hemde sämtliche Gardinen, die er vorher mit 
einer Lampe angesteckt hatte. Über eine Stunde hielt er in Rauch 
u. Dampf aus, u. verbrannte sich die Hände damit, u. mit einem 
schrecklichen Brandgeruch durch Haus u. Hof, war aber auch das 
Unheil abgethan, welches zum Glück nicht auf die Straße drang, 
sonst wäre unser Haus gleich vom Pöbel überschwemmt gewesen. 
Lieber Felix, da hast Du einen Brief mit lauter Nichts. Deiner aber 
war sehr schön [. . .] Lebe nun wohl, es wird dunkel u. Essenszeit, 
u. ich bin sehr hungrig [. . .] 



fanny an felix Berlin, 2. November 1833 

Liebes Felixchen, was lange währt, wird gut, davon ist Dein präch- 
tiger Brief 17 wieder ein starker Beweis, der uns unendlich erfreut 
hat. Ich muß ihn auswendig beantworten, da Mutter ihn drüben 
hat, u. fange also an bei Deiner verlangten Uebersetzung. 18 Sollte 
nicht Folgendes dem Original so ziemlich entspechen: 
der Liebe Heil 
doch Kunst errang den Preis 
oder: gewann den Kranz 
oder: gewann den Preis 
oder: errang den Sieg etc. 

Mir scheint aber die erste Lesart vorzuziehen, denn Kunst u. Kranz 
ist hart, u. Sieg nicht so gut zu singen als Preis. Urtheile selbst. - 
Euren Dichter Immermann haben wir einstweilen hier gehabt, u. 
ihn viel freundlicher gefunden, als seinen Ruf in der Hinsicht. Aber, 
daß er Dir eine gute Oper machen wird 19 , glaube ich nimmermehr, 



139 



dazu hat er einen viel zu fest verschlossenen Mund, und viel zu viel 
Reflexion. Er spricht aber sehr gut. Erst war er an einem Abend bei 
Mutter, wo, wie wir dann aus machten, die Höhen der Bildung 
Deutschlands 20 versammelt waren, Steffens, Gans, Rosen, Müh- 
lenfels, Heyse, Devrient und Immermann als Mittelpunkt, um den 
sie alle herumtanzten. Wie unglücklich Gans sich in solchen Fällen 
fühlt, weißt Du. Er kam Hensel sehr freundlich entgegen, u. bat ihn 
besuchen zu dürfen, u. da sich dazu keine andre Zeit fand, kam er 
anderstags zur Musik, wo er während des ersten Stücks das Attelier 
besah, u. sich sehr zufrieden äußerte, während der übrigen Musik 
aber sich von Devrient u. Steffens unterhalten Heß. Dann aß er bei 
den Eltern mit uns en famille, da wir ihn auch gern einmal wollten 
sprechen hören, u. da sprach er viel u. sichtlich gern, sehr gut. 
Sebastian war auch bei Tisch, u. als das Gespräch auf den vorjähri- 
gen Musenalmanach 21 kam, u. Rebecka auf Immermanns Veran- 
lassung Heynes Epigramm sagte, welches schliesst: u. ein Gedicht 
ausgespuckt, fing Seb. böse an: Hör mal Mutter! Ein Gedicht 
spuckt manja nicht aus, ein Gedicht erzählt man. Das gefiel I. sehr, 
der sich überhaupt mit Seb. einließ [...] 

Heut Abend sind wir zu Leuten eingeladen, da würde Herr Felix 
nicht wenig die Cour machen. Eine 15jährige Tochter, wunder- 
hübsch, noch so kindisch, daß sie mit der Puppe spielt, dabei soll 
sie sehr gut singen, kurz ein Engelchen, heißt Rosa [. . .] 
Gestern hatte Seb. ein Herrendiner, das hätte ich Dich zu sehn 
gewünscht. Komischeres hab ich nicht gesehen. Die kleinen Hey- 
sens aßen hier, u. ich hatte für die Kinder ein kleines Tischchen 
mit kleinen Tellern, Messern u. Gabeln u. Servietten gedeckt. Nun 
wurden sie lustig u. Paul Heyse, der sich wirklich befressen hatte, 
fing an auf die Melodie des Mantelliedes zu singen: ich habe so 
viel gefressen. Darauf Sebastian: lebe hoch! hob sein Glas auf, u. 
sie stießen an, u. spielten einen förmlichen Commersch. Sebastian 
grüßt, auch Wilhelm u. Luise 22 . Leb nun zum 2tenmal wohl. 

felix an fanny 23 Düsseldorf, 14. November 1833 

Meine hebe Frau Fanny, 

den Glückwunsch voraus, der ist alle Tage mit Dir. 

Die Geburtstagsfeier habe ich mir aber recht nach alter Manier 



140 



zugerichtet, nur mußte ich sie diesmal für mich allein behalten u. 
genießen, aber ich dachte viel hin zu Dir. Du weißt, daß ich sonst 
Lieblingsstücke immer bis zu dem Tage aufhebe, um dann auf die 
letzte Seite des I4ten November hinmalen zu können; das habe 
ich eben nun hier auch mit meiner Ouvertüre zu Melusine 24 ge- 
than, malte recht lange u. sorgfältig an den letzten Clarinetten und 
Flöten, u. sah mir dann die ganze Partitur lustig durch, wie auch 
die von meinen beiden Doppelconcerten, vom Petrus u. Hora etc. 
Ich glaube die Ouvertüre wird Dir gefallen und möchte ich könnte 
sie Dir gleich bringen. Das geht zwar nicht, aber Du weißt daß 
14/n ist immer eine Dedication an Dich, wo Du also der Partitur 
mal begegnest, nimmst Du sie mir weg u. behältst sie, u. spielst sie 
sehr oft durch. Vielleicht könnte sie der Dr. Wagen 25 mitnehmen, 
der jetzt hier ist, aber ich will sie erst ein Weilchen behalten u. 
dann würde der Fisch sich bei solcher Trockenheit schlecht befin- 
den u. übrigens faul werden, u. ist doch jetzt glatt und frisch. - 
Aber ein anderes großes Opus muß er mitnehmen, die bestellte 
Landschaft. Die ist auch gut für gestern fertig gemacht worden, u. 
viel besser als ich gedacht hatte; aber freilich wird Dein Kunstauge 
in den violetten Schatten bald erkennen, daß mir Schirmer 26 alle 
Sonntag beim Caffee Stunde giebt, und das Beste dran dictirt hat, 
u. auch selbst mitgeholfen. Aber ich habe sie einmal für Dich an- 
gefangen, deshalb kriegst Du sie auch, u. zu Weihnachten giebt es 
für hebe Geren neue, wie auch Musik. Nun seid aber artig, (ich 
vergaß, daß das eigentlich für Walter 27 u. Sebastian mehr paßt.) 
Ich kann Dir heute nur einen kurzen Brief schreiben, denn ich 
habe sehr viel zu thun. Heut Abend ist die zweite große Probe für 
unser Concert am 22sten. 28 Es geht bis jetzt alles sehr erwünscht. 
Wir werden gegen 200 Menschen stark sein, u. der Gesangverein 
besteht jetzt aus mehr als 100 Mitgliedern; es sind an jedem Diens- 
tag 3-4 neu Aufgenommene eingeführt worden. Die Bachus Arie 
u. der Chor können glaub' ich nicht besser gehen, als hier, u. daß 
der Anfang des 2ten Theils stark gesungen wird, wird Vater Euch 
versichern können. Morgen ist Soloprobe, dann müssen wir alle 
auf den Landtagsball, Dienstag ist die letzte Chorprobe, Mittwoch 
u. Donnerstag Generalproben, Freitag die Aufführung; zugleich 
möchte ich ein angefangenes Ciavierstück gern in der nächsten 
Woche beendigen - da wirst Du mich gewiß gern vom Schreiben 



141 



für jetzt dispensiren. Aber für die Anmerkung habe schönen Dank 
(der Liebe Preis) sie ist sehr gut, u. wenn Du willst soll das Comite 
Dir dafür officiell danken, mit 14 Unterschriften. Immermann hat 
Hensels Bild 29 sehr benutzt u. preist es hier überall sehr - wollte 
ich könnte es nur mal wieder sehen. 



fanny an felix Berlin, 22. November 1833 

Ich habe einen Versett aus der Messe der heiligen Cäcilia 31 , von 
dem Dir Mutter wahrscheinlich ein Textblatt mitgeschickt hat, in 
2 Tagen componirt, in solcher Eil, daß die Begleitungsstimme bis 
heut noch nicht aufgeschrieben ist. Das Ganze war als doppelte 
Ueberraschung eingerichtet, denn erst sah man die Decker, ohne, 
daß sie sang, dann sang sie einige Töne ungesehn, u. zuletzt sang 
sie als wirklich lebendes Bild, natürlich auswendig, was eine zau- 
berisch schöne Wirkung gemacht haben soll. Soviel ist gewiß, daß 
sie so weit über ihr gewöhnliches Aussehn hin schön war, daß ich 
ihr nur eins an die Seite zu setzen weiß, u. das war Röschen Beh- 
rend 32 als Engel, die wirklich ohne Uebertreibung himmlisch aus- 
sah, einen solchen lebendigen Engelskopf habe ich noch nie ge- 
sehn; u. es thut mir leid, daß Hensel jetzt keinen Engel zu malen 
hat, wer sie nur erst träfe, würde den schönsten möglichen Engel 
malen. Es jammert mich, daß Du sie dies Jahr nicht siehst, wer 
weiß ob sie übers Jahr noch so schön ist, dazu muß man eigentlich 
15 Jahr seyn. Ueberhaupt hätte ich Dir mit Deinem bekannten 
Lämmersinn gewünscht dies Häufchen Schönheit zu sehn. Die 
Decker hatte sich ihr Costüm nach dem der Rafaelschen Cäcilia 
machen lassen, u. auch ihr Haar so geordnet, was ihr wundervoll 
stand. Die Engel waren weiß, Röschen Behrend hatte einen Kopf- 
putz aus eignen, hängenden hellblonden Haaren, die ihr in Fülle 
bis ans Knie hingen, dazu die feinsten regelmäßigen Züge u. tiefe 
dunkle Augen. Flügel, Brillanten auf Stirn u. Schultern, u. die vor- 
teilhafteste Beleuchtung verdarben auch nichts, - kurz - ich wollte 
Du wärest dabei gewesen, Du hättest Dich gewiß verhebt, u. ir- 
gend ein schönes Quartett gemacht, was uns dann zu Gute ge- 
kommen wäre. Clärchen Jacques, ein schönes 8jähriges, schwarz- 
lockiges Kind, war auch kein übler Engel, u. die kleine Therese 
Thuerschmidt 33 , obwohl lange nicht so schön als die beiden An- 



142 



dem, machte sich an ihrem Platz auch ganz gut. Daß die beiden 
größern Mädchen nach Art der älteren Bilderengel ihre Noten- 
blätter in der Hand hielten, machte sich allerhebst. Uebrigens war 
die ganze Aufstellung ohne Hülfe eines einzigen Handwerkers 
nur durch Wilhelm u. seine Schüler geschehn, u. die schönste 
Orgel im Attelier fabriziert worden. Nun will ich Dir sagen, daß 
ein Satz in der Musik ist, den ich für gut halte, u. nun lebe wohl, 
ich habe noch des arrangements zu machen, u. will dann ausgehn, 
der Steffens 34 zu ihrem Geburtstage gratuliren. Dunque, addio [. . .] 



fanny an felix Berlin, i. Dezember 1833 

Es vergeht recht lange Zeit, ehe wir von dem Verlauf Deines Con- 
certs 36 etwas erfahren, liebster Felix, u. wir sind recht neugierig 
darauf. Deine Freundinn, die Zeitung läßt sich auch Zeit mit sol- 
chen Berichten, und so wissen wir noch nichts. Gestern war der 
Düsseldorfer Schrödter hier, den wir aber leider verfehlt haben, 
wahrscheinlich hat er Dich doch in letzter Zeit gesehn. (O weh, 
die berühmte englische Dinte hat auch die Bleichsucht.) 
Wir haben, nachdem ich dankbar anerkennen muß, daß Alles, 
viele Monate lang, ganz glatt gegangen ist, wieder ein kleines 
Hauskreuz. Luise ist sehr unwohl, u. seit heute bettlägerig, u. mir 
ist zu Muthe, als würde es ein langwieriges Krankenlager werden. 
Gott verhüte es. 

Eigentlich habe ich heute angefangen Dir zu schreiben, um einmal 
mein Herz über den Zelterschen Briefwechsel 37 auszuschütten, 
über den ich in einer fortwährenden stillen Empörung bin. Er wird 
uns freilich sehr löffelweis eingegeben, denn da Vater jetzt nicht 
Abends lesen kann 38 , wird drüben vorgelesen, u. da genießt man 
das Buch mehr als billig. Vater ist übrigens auch sehr unwilÜg 
darüber, u. es tritt hier der seltene Fall ein, daß wir Alle einstimmig 
derselben Meinung sind, und auch noch nicht einmal über eine 
einzelne Stelle gestritten haben. Es thut mir wirklich Zelters we- 
gen leid, der sich selbst hier auf eine so schlechte Art auf die Nach- 
welt bringt. Goethes Ruf kann erstlich schon eher einen Puff ver- 
tragen, u. dann sind seine Briefe unendlich besser als Zelters, ob- 
wohl Beide durch diese Veröffentlichung nur verlieren können. 
Von Zelters Seite herrscht darin eine unangenehm fatale Gesin- 



143 



nung, die wir zwar immer bei ihm vermuthen konnten, die wir 
uns aber auch immer wegraisonnirt haben, hier ist sie aber unab- 
weislich geworden. Eigennutz, Selbstsucht, eine ekelhafte Vergöt- 
terung Goethes, ohne eigentliche verständige Würdigung, die in- 
discreteste Blosstellung aller Andern, die zwar in einem vertrauli- 
chen Briefwechsel zu entschuldigen ist, aber die Bekanntmachung 
hätte unmöglich machen müssen, alles dies u. noch manches An- 
dre macht mir dies Buch ordentlich verächtlich. Ein Beispiel unter 
Vielen von unglaublicher Unwissenheit findet sich auch darin, 
Zelter fragt Goethe, was Byzanz eigentlich ist, u. erhält von ihm 
die gewünschte Auskunft. Dazu korrespondirt man mit Goethe! 
die Leerheit der ganzen Sammlung übertrifft wahrhaftig jede Er- 
wartung. Theatergeschwätz u. Klatschereien sind der einzige In- 
halt, u. daß Goethe darauf auch nicht viel Gescheutes antworten 
kann, liegt im Tage. Pfui baba! Nun hat man hier noch die Freude, 
es natürlich von Jedem durch sprechen zu hören, der mit Recht 
beleidigt ist, sich ohne seine Zustimmung darin durchgehechelt zu 
finden, es giebt Leute, die ordentlich steckbriefmäßig drin geschil- 
dert sind. Und nun genug von diesem unsaubern Gegenstande, 
mir hat dies Buch das Andenken an einen Mann, den ich Heb 
gehabt habe, u. gern geachtet hätte, ganz u. für immer getrübt. 39 
Sebastian ist ganz allerliebst, u. von dem Andenken an Onkel Felix 
immerfort erfüllt. Du nimmst einen bedeutenden Platz in seinen 
Spielen ein, u. bist immer derjenige, den er als Postillon herfährt. 
Oft sagt er auch so ganz ohne Veranlassung: Wann kommt denn 
endlich mein guter Onkel Felix wieder? Er meint auch gewiß, Du 
kämest zu Weihnachten. Eben spricht er wieder von Dir. 
Da ich jetzt niemand mit ihm auszuschicken habe 40 , so gehe ich 
jeden Tag selbst mit ihm spatzieren, oder wenn ich Besorgungen 
u. Besuche zu machen habe, so nehme ich ihn mit. Man kann 
schon die weitesten Wege mit ihm machen. Er ist magerer aber 
munterer, u. ausgelassener als je, und sein Sprechen setzt mich, 
obgleich ich es täglich höre, doch immer von Neuem in Verwun- 
derung. Seine Neigung zu den Damen, Heber Felix, ist noch im- 
mer dieselbe, heut hat sich die Haehnel 41 zu Tisch bei uns melden 
lassen, da kann er die Zeit gar nicht erwarten, u. hat schon 20mal 
nach ihr gefragt. 
Eben war die Decker hier, bei der am Mittwoch der Don Juan 



144 



gesungen werden soll. Ich bedaure sehr, daß mir meine Partitur 
gestohlen ist, u. werde suchen, mir eine Andre zu verschaffen, 
denn lieber Felix, ich renommire da, und setze die Leute in Erstau- 
nen, indem ich die Zauberflöte aus der Partitur, u. das Opferfest 42 
vom Blatte spiele, das Letztere aber war eine unschuldige Renom- 
mage 43 , es traf so mit meinem Cäcüienfest zusammen, daß ich 
nicht Zeit hatte, es durchzusehn. Im Ganzen mache ich diesen 
Winter sehr viel Musik, u. bin ganz wohl damit zufrieden. Meine 
Sonntagmorgen erhalten sich ziemlich brillant, bis auf den letzten, 
der brillant klaterig 44 war. Lebe wohl für heut. 

fanny an felix 45 Berlin, 26. Dezember 1833 

Wie oft Du dies mal unsere Weihnachtsfreuden lesen wirst, lasse 
ich dahin gestellt seyn, denn Mutter, Rebecka und ich haben uns 
verabredet, uns nicht zu verabreden, und nun, aus Furcht, es 
möchte Jede glauben, die Andre schriebe Alles, wird woljede Alles 
schreiben [. . .] 

Du hast gefehlt, das weißt Du wohl, u. ich denke, wir haben Dir 
auch gefehlt, u. daß Du nicht hier warst, war sehr schade, denn ich 
habe selten einen so gelungenen Abend gesehn, (unser Cäcilien- 
fest war es in andrer Art) wo so Alles gelang u. griff, u. das war um 
so erfreulicher, als unser letzter theatralischer Versuch, zu Vaters 
Geburtstag so komplet geplumpt war, (u. ich bleibe dabei, es war 
sehr komisch angelegt), daß ich mich keine ähnlichen Schite 46 in 
den Annalen unsres Theaterlebens zu erinnern weiß. Dir Kapell- 
meister von mehr Erfahrung als Jahren, brauch ich ja nicht ein 
Publicum zu demonstrieren. 

Also: der Saal war durch drei verschiedene Völkerschaften in Be- 
sitz genommen. Paul besaß die Nische, Mutter hatte den eigentli- 
chen großen Raum des Saals, bis auf das mittlere Fenster, worin 
Rebecka u. ich eine Bude aufgebaut hatten, die, um uns nicht selbst 
zu loben, ganz allerliebst war. Vor dem geschlossenen Fensterla- 
den hing ein Spiegel, an beiden Seitenwänden Theaterlampen [. . .] 
Die Bude selbst war mit allerhand zu verschenkenden Kleiderzeu- 
gen drappirt, u. die Pfeiler (Bohnenstangen mit Zeug maskirt) 
durch Trophäen von Kinderspielzeug geschmückt. Auf einem 
quervorstehenden langen Tische lagen nun unsre Geschenke aus- 



M5 



gebreitet, u. dahinter standen wir Beide als Verkäuferinnen (zu 
Schleuderpreisen) mit schwarzen Kopftüchern, wie die hiesigen 
Landfrauen. Als wir zu Ende waren, setzte sich Mutter unter einen 
aufgespannten Regenschirm, u. hielt ihren Markt, der sehr reich- 
lich für uns ausfiel. Dich aber interessiren Blondenärmel 47 und 
Thibetkleider 48 nicht. Hierauf kam Paul, der als Tyroler brillant 
aussah, u. auf seinem Brett eine Menge schöner, nützlicher, gut 
gewählter Geschenke mit sehr niedlichen, selbst gemachten u. ab- 
gelesenen Versen vertheilte. 

Hieraufließ sich Herr Decker 49 melden, u. Hensel kam, ganz be- 
hangen mit Fußdecken, die wir den jungen Leuten aus dem Atte- 
lier 50 zum Geschenk machten, vertheilte ebenfalls unter sehr hüb- 
schen, komischen Versen seine Geschenke, u. brachte mir, zu mei- 
ner großen Freude, die Landschaft von Dir, die ihm Waagen eine 
Stunde vorher abgegeben hatte. Habe vielen Dank dafür, sie soll 
ein neues, schönes Buch zieren, das ich mir anlege. Als nun jeder 
beschenkt war, u. hatte, trat Moser 51 aus der Nische vor, als Inva- 
lite, wie er sich nannte, u. kündigte ein Puppentheater an, auf dem 
nun die jungen Leute eine Reihe von allerliebsten Darstellungen 
gaben, die Moser durch brillant hübsche u. witzige Verse erläuter- 
te. Das kleine Ding machte den größten Effect, u. das Publicum 
kam von Anfang bis Ende nicht aus dem Lachen. Die Vorstellung 
bestand aus vier komischen Bildern, von denen das erste ein Ständ- 
chen, von ganzem Personale gegeben, vorstellte. Pohlke 52 zeich- 
nete sich als sentimentaler Violinist aus. Dann folgte eine altvate- 
rische Menuett, getanzt von Paul als Dame, u. Wagner 53 , der einen 
langen Zopf zierlich in der Hand trug. Pohlke war wieder Musi- 
kant, wäre aber beinah umgefallen vor Lachen. Dann kam das 
Urtheil des Paris. Paul als Paris war nicht karikirt, u. sah ganz 
allerhebst aus. Kaselwosky 54 als moderne Venus niederträchtig 
hübsch, oder wie Hensel sagte so unverschämt liederlich. Löwen- 
stein 55 trug als Minerva einen naiven schwarzen Schnurrbart, 
Helm u. schottischen Mantel, u. Burggraf 56 war eine Juno aus dem 
vorigen Jahrhundert; der Schäfer war karakterisirt durch ein gro- 
ßes Fell, unter dem Pohlke steckte. Dies Bild mußte auf stür- 
misches Begehren wiederholt werden. Das letzte war ein Duell 
zwischen einem verhungerten Studenten, Pohlke, u. einem polni- 
schen Grafen, Wagner. Der eine focht mit einer Gerte, u. der 

146 



andere mit den Nägeln, u. das Ganze schloß damit, daß Beide auf 
eine unbeschreiblich komische Art über einander wegsprangen u. 
todt hinfielen. Dies Alles klingt nun erzählt gar nicht schön, Du 
kannst mir aber glauben, daß außer uns Allen Varnhagen u. Gans 
sich ausgeschüttet haben vor Lachen, u. Moser u. Allen die größte 
Gerechtigkeit widerfahren ließen. Mir haben die jungen Leute 
eine wunderhübsche Zeichnung geschenkt, eine Bocciapartie im 
Garten, mit allen Portraits. Ich habe Jedem ein kleines Zeichen- 
buch gearbeitet, u. auf eine sehr feine Art durch Verse verloost [. . .] 
Sebastian war sehr artig zu Weihnachten, u. will es Dir selbst er- 
zählen. 

Lieber Onkel Felix, ich habe einen Säbel bekommen, u. habe ei- 
nen Ochsenwagen bekommen, u. habe einen Wagen mit Säcke 
drin bekommen, u. einen Chocoladenmann. Lieber Onkel Felix, 
ich habe ein Taubenhaus bekommen, die Tauben sitzen drauf u. 
können tanzen, u. 2 Tassen u. eine Kanne, eine Patronentasche, 
ein Bilderbuch, u. Zinn, ich weiß nicht so recht genau. 
Der Brief muß fort in Eil. 



fanny an felix Berlin, I.Januar 1834 

Viel Glück zum neuen Jahr, und möge es uns in seinem Kreislauf 
gesund und froh zusammenführen. Die Sylvesterspäße flauen 
nach und nach ab, und so haben wir auch dies mal das Jahr ganz 
unter uns beschlossen, still kann ich nicht sagen, denn es wurde, 
comme toujours, viel gestritten, aber um 11 machten wir Neujahr, 
zum Beweise, wie ledern wir waren. Albert Frank 58 half uns noch 
dabei, er ist ein nettes Exemplar von einem Frank, gehört bald zur 
Familie, ist ein exklusiver Musikfreund, und promovirt wirklich, 
was ihn vor anderen Franken auszeichnet. Wenn Dir nur nicht der 
Rhein auf dem cubiculum 59 steigt, von der hiesigen Wasser-, u. 
Schmutzmasse kann man sich keinen Begriff machen, auch rich- 
ten die Stürme großen Schaden an, u. Marx, der eben von einer 
Weihnachtsferienreise nach Dessau u. Leipzig zurückkommt, er- 
zählt, daß die vielen tausend Stämme, die den Weg verbarricadie- 
ren, aus Mangel an Zeit gar nicht weggeräumt, sondern nur durch- 
sägt wurden, um die Wagen hindurch zu lassen. Da er das vorige 
Mal sehr verhebt in Adelheid Müller 60 zurückgekommen war, so 



147 




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Sebastian Hensel 



dachten wir schon, als er jetzt so plötzlich u. heimlich fortreiste, er 
wäre hin, um sie zu heirathen. Aber nein! Es waren Familienan- 
gelegenheiten, wie er sagt, die Leipziger haben gute Geschäfte mit 
Buchhändlern gemacht. Kannst Du richten, der Du Alles dort 
kannst, in einem Deiner Concerte etwas von ihm zu geben? Etwa 
den Parsenchor? Ich habe das vorige Mal vergessen Dir zu schrei- 
ben, vielleicht hats Mutter aber gethan, daß der Kunstverein Hen- 
sels Bild von den Weibern am Brunnen 61 gekauft hat. Sie haben es 
ihm angetragen. [...] 62 Wie Du bei Sebastian in Ansehn stehst, 
wundert mich zuweilen selbst, sehr oft ruft er ganz vom Zaun 
gebrochen aus: Wann kommt endlich mein guter Onkel Felix 
wieder? Und nach Düsseldorf reisen, ist das stehende Spiel. Er hat 
in diesem Jahr auf jede Weise erstaunlich gewonnen, da wir das 
große Glück gehabt haben, ihn immer gesund zu erhalten. Gott 
gebe es ferner so. Ueberhaupt können wir uns über das abgelau- 
fene Jahr nicht beklagen. Es ist alles glatt und gut gegangen, u. gar 
Manches geschehn, was man wohl für ein direct günstiges Ge- 
schick ansehn mag. Mit einem Wort, ich bin zufrieden, und ich 
denke wohl, wir sinds Alle. Und wenn dann Vater auch sagt, wer 
mit seinem Schicksal zufrieden, komme eben deshalb nicht weiter, 
weil er nicht den unruhigen Trieb nach vorwärts hat, so meint ers 
doch wohl nicht ganz im Ernst, u. Alles geht bei uns, still und 
ruhig, innerlich und äußerlich besser. Und das ist mir Heber als ein 
sprungweises Gelingen. Pauline Deckers Bild ist angekommen, 
ich habe es noch nicht gesehn. Hensel findet es sehr schön, na- 
mentlich irgend einen Unterarm vortrefflich gemalt, nur zu brau- 
ne Schatten an Hals und Kopf. Mary Alexander 63 hat uns einen 
Brief geschrieben, der ist ja zum Küssen. Die reizendste Naivität, 
wie man sie kaum von einer Person über 14 Jahr erwarten soll, im 
liebenswürdigsten, originell falschen Deutsch. Das Mädchen muß 
ganz leidlich seyn. Lebe wohl, mein Schatz. Wir machens sehr 
gnädig mit Dir, denn für einen Brief bekommst Du wenigstens 4. 
Na, verzehr sie mit Gesundh. O weh, Du kannst kein Mauscheln 
leiden. 64 



149 



fanny an felix Berlin, 25. Januar 1834 

Ich hatte mir vorgenommen, Dir einmal zu Deinem Geburtstage 
recht ausführlich, lang u. weilig zu schreiben, und 4 Wochen vor- 
her anzufangen, aber Gott weiß, wie es zugeht, wie mir die Tage 
jetzt fliegen, davon hast Du keinen Begriff, u. zu keiner vernünf- 
tigen Sache kann man kommen, so vielen Kühen hat man die 
Schwänze aufzubinden. Nebenbei: ist es mir seit Deiner Abreise 
fast beständig so gegangen, daß ich meine Briefe an Dich, eine 
Stunde, ehe die Deinigen kamen, abgeschickt, u. das ist dann doch, 
mit Respekt zu sagen, absurd. Jetzt aber liegt einer vor mir, u. da 
muß ich Dir denn zuerst sagen, daß es mich sehr amüsiert, wie 
gewisse kleine Beziehungen, zufällige u. andere, sich immer zwi- 
schen uns wiederholen, u. auch in der Entfernung nicht ausblei- 
ben. Als man mir Deinen Brief herüberschickte, worin Du von 
Deinen Proben des Don Juan schreibst 66 , saß ich gerade am Kla- 
vier mit der Partitur des Don Juan vor mir, weil er den andern 
Abend bei der Decker gesungen werden sollte. Neulich, schreibst 
Du, Du habest auf die Cellos aus Fidelio phantasirt 67 , u. da liegt 
auch richtig das Stück der Partitur aufgeschlagen vor mir, denn 
morgen habe ich lustige Sonntagsmusik u. laß die Hauptstücke aus 
Fidelio singen. 

Ich habe in dieser Zeit sehr viel einzustudieren u. zu musiciren 
gehabt, könnte ich nur einmal eine Sache mit so viel Proben ein- 
üben, als ich wollte, ich glaube wirklich, ich habe Talent dazu, u. 
auch es den Leuten deutlich zu machen, aber die Dilettanten! 
Wäre ich Jean Paul, ich schaltete 68 hier ein Extrablatt über sie ein, 
an Stoff fehlt es mir nicht. Aber mit der Decker ist prächtig musi- 
ciren; das ist ein Talent! Sie war gestern hier, u. sagte gelegentlich, 
sie habe eine zärtliche Zuneigung für Dich, ich bat um Erlaubniß 
Dir das wörtlich zu Deinem Geburtstage schreiben zu dürfen. Du 
erhältst nachträglich zu Deinem Geburtstag von Deinen soeurs 
grises einen Ofenschirm, der sich wird sehn lassen. 
[...] A propos, warum hast Du noch keinen Riß Deiner Stube 
geschickt, mit no. 1 Sopha, 2 Flügel etc. Ich bitte darum, nebst 
ähnlichem Portrait der Wirthstafel, die Dich speist. 
26sten. Eben ist mein Fidelio beendet, u. den Umständen nach, hat 
er sich sehr wohl befunden, u. das Publicum welches schon wieder 



150 



so anfängt zu wachsen wie damals war entzückt. Die Decker hat 
wunderschön gesungen, u. alle Dilettanti leidlich. Wenn Du fragst, 
wer jetzt den Tenor singt, so ist es H. v. Dachröden, der sich sehr 
viel Mühe giebt, u. eine hübsche Stimme hat, mit der er singt, u. 
ein hübsches Gesicht, mit dem er sitzt, nämlich im Attelier. Ferner 
ein Studentchen von 4 Zoll, mit einer sehr hübschen Stimme, die 
wie eine Parodie von Mantius klingt, der singt Jaquino [...] 
Kennst Du die Frau Waagen? 69 Sie ist eine der schönsten Frauen 
in Berlin, wie Rosa Behrend das schönste Mädchen, u. hatte heute 
ganz eigene Zöpfe, aus Gehorsam gegen ihren Mann, als aber die 
Musik aus war, nahmen Rebecca u. ich sie vor, u. meinten, das 
müßte noch etwas anderes seyn, sie mußte sich hinsetzen, ich holte 
Kamm u. Staubmantel, u. sie wurde frisirt, da hättest Du Haar 
gesehen, das würde Dir gefallen haben. Wie ein Mantel, lang, egal, 
u. von schönstem Schwarz. Ich kann mich an der Frau nicht satt 
sehen 70 . 
zSsten. 

Gestern hat sich Moser wieder einmal zu Mozarts Geburtstag die 
Taschen gefüllt 71 [. . .] Der alte Fuchs befindet sich wohl dabei, u. 
das Publicum auch. Die Symphonie aus c dur ging ganz vortreff- 
lich, u. erfrischte u. erfreute. Was ist das für ein prächtiges Stück, 
welche Lebendigkeit u. Jugendlichkeit. Die Gesangsstücke waren 
nicht alle günstig gewählt, u. Taubert spielte ein nicht sehr schönes 
Concert sehr unschön. Er spielt so sehr dilettantisch u. unfertig, u. 
kann keine Melodie schön vortragen. [. . .] 

Du willst ein Buch Sebastian u. einBuch Walter? Das Buch Walter 
wird Dir Beckchen schreiben, es wird anfangen: der Zahn, der 
Zahn, der ist heraus. Das Buch Sebastian könnte ich sehr lang 
machen, das Kerlchen ist allerliebst. Gestern hatte er bei Beckchen 
gegessen, u. kam wieder herunter, als wir noch bei Tisch waren, 
u. Ente u. Rüben aßen. Nach verschiedenen mißglückten Versu- 
chen, noch einmal mit zu essen, fing er aufs Zärtlichste an zu 
schmeicheln, u. sagte: liebste Mutter, thu mir den einzigen Gefal- 
len, gieb mir einen kleinen Knochen, wo gar nichts dran ist, dann 
will ich spielen, es wäre was dran. Und als er nun sah, daß wir uns 
des Lachens nicht enthalten konnte, fuhr er dreister fort: und dann 
gieb mir eine Rübe noch [. . .] Heut früh sagte er: ich habe Dich am 
allerliebsten, keinen Fremden hab ich so lieb wie Dich. Als Hensel 



151 



aufwachte, sagte er, die Augen wären ihm noch zugeklebt vor 
Schlaf, da fing der kleine Naseweis gleich an: in Basedow ist ein 
Jäger, der stellt ein Gefäß mit Leim hin, da kommen die Affen, u. 
kleben sich die Augen zu. Es ist gar zu niedlich, ihn etwas wieder 
erzählen zu hören, was er etwa einmal gelegentlich gehört hat, u. 
an der Art, wie ers wiedererzählt, zu erkennen, daß ers ganz richtig 
u. deutlich verstanden hat. Da ist er selbst. Lieber Onkel Felix. 
Bitte bitte, lieber Onkel Felix, wenn Du wiederkömmst, bitte bit- 
te, nimm eine Trommel, u. komme mit mir in den Garten. [. . .] 
Lieber Onkel Felix, es ist gar kein Winter, u. es blühen schon 
Blumen im Garten, Krokusse u. Veilchen, u. Dintfässer, u. Gläser 
u. Feder u. Papier. Lieber Onkel Felix, ich habe in Vaters Attelier 
2 Prinzessinnen gesehen, die eine nicht schön, die andre schön. 
Lieber Onkel Felix, Madame Decker macht mir eine blaue Ta- 
sche. Walter hat neulich mal Diarrhoe gehabt, u. sein Popochen 
hat ihm weh gethan, u. hat ihm gebrannt, u. Walter hat einen Zahn 
bekommen, u. ein Schaukelpferd. Adieu, Onkel Felix, jetzt esse 
ich meine Suppe u. geh zu Bett, u. Mutter lässt die Thür ein bi- 
schen auf. Einen schönen Brief hat der ausgelassene Schummel 
geschrieben. 

Gestern sagt er zum Vater: aber Vater, Du hast immer dieselben 
Farben, u. malst doch so verschiedene Bilder: Tante Beckchen, u. 
den Mohr u. die Juden, wie kann das wohl seyn? (Seine Redens- 
art.) Neulich hatte er mir ein Glas Wasser in meine Pantoffeln 
geschüttet, u. sagte nachher, als ich ihm die gehörige Moral dar- 
über predigte, aber Mutter, Du hast mich doch lieb, das war ja nur 
ungeschickt, das war nicht unartig. 

Daß wir durchaus nicht hinter südlicheren Ländern zurück sind, 
sondern blühende Crokus, grünblättrige Centyfolien 72 , u. finger- 
lang aufgeschossene Hyacinthen, nebst der obligaten Ueber- 
schwemmung im Garten haben, wirst Du wohl wissen. Mich per- 
sönlich ergötzt dieser Unwinter sehr, es ist mir noch nicht ge- 
schehn, mich mit einmaligem Heizen in meinem Zimmer behag- 
lich zu fühlen [. . .] 

Hast Du schon von den neuen Eisenbahnprojekten in England 
gelesen, auf denen mann [. . .] in 4 Stunden nach Düsseldorf käme? 
O Hypercivilisation, wann wirst Du uns erreichen? [. . .] 73 



152 



fanny an felix 74 Berlin, 12. 75 Februar 1834 

Ich habe Dir vielen Dank zu sagen, lieber Felix, für Deine schöne 
Melusine 76 , welche jetzt anfängt, es für mich zu seyn, nachdem sie 
mir allerdings eine sehr spröde Schöne gewesen. Deine Partituren 
sind überhaupt schwer (ich triumphirte schon neulich, da ich die 
Zwischenacte zu Egmont sehr geläufig las) u. nun diese an man- 
chen Stellen sehr räthselhaft geschrieben, so daß ich mir den Ge- 
nuß, wie er billig, durch einige Mühe erkaufen muß. Indessen wie 
gesagt, ich fange an Licht zu sehen, u. sehr schönes Licht, wie ich 
es aber anfangen werde, das Stück Anderen 77 genießbar vorzutra- 
gen, weiß ich noch nicht. 

Moscheies Redaction Eurer Zigeunervariationen 78 wird Dich, 
glaub ich, nicht erfreuen. Es ist nicht geschickt gemacht, gar We- 
niges drin, was ich Dir zuschreibe, u. die Zuthaten, z.B. die Intro- 
duction, sehr matt. Ich finde für die Herausgabe hätte er den Cha- 
racter des Augenblicklichen ein wenig herausbringen sollen. Ce- 
pendant, sage ich, u. Du sagst hah, u. es ist abgemacht. [. . .] 
Die beiden Lieder ohne Worte sind auch sehr hübsch, das Eine, 
was jungen Damen zu empfehlen ist, die etc. werde ich wohl un- 
gespielt lassen. Junge, warum schreibst Du immer so rasend unbe- 
quem? Beethoven kommt Einem nach Dir ordentlich fingerge- 
recht vor. 79 

A propos, als ich Deine Melusine zuerst in die Hände bekam, zog 
ich sogleich den Zettel heraus, der drin steckte, u. las: wo das 
Zeichen Hegt, ist meine Lieblingsstelle. Noch wage ich nicht zu 
entscheiden, ists g dur? [. . .] 

Du bist uns noch Rechenschaft schuldig. Ueber den Bah zu Dei- 
nem Geburtstag, Egmont, u. Dein 2tes Concert 80 , von dem wir 
durch Kortum 81 wissens, daß es Statt gefunden. Sey weniger 
schweigsam. Schreibe überhaupt von Familien, die Du dort 
kennst, u. denen Du Unglück anrichtest, schreibe mir einmal ei- 
nen Privatbrief über les amours de Jacques in Düsseldorf, ich wills 
auch keinem Menschen wieder sagen, u. wenn wir über die Her- 
ausgabe unsrer Briefe Contract abschließen, wollen wir verord- 
nen, daß die Namen wegbleiben. 

[■;■] 

Lieber Onkel Felix, Tante Luise läßt Dich grüßen. Lieber O. F., 



153 



ich bin sehr artig. Ich esse allein, weil es sonst so sehr spät wird. 
Lieber Onkel F., heut ist sehr schön Wetter, ich geh aus, in der 
Schule. Jaja Onkel Felix, ich geh in der Schule a b c d. (jetzt spricht 
er Unsinn in infinitum.) Der Junge ist einzig niedlich jetzt u. hat 
wirklich Character, insoweit ein Kind seines Alters ihn haben 
kann, z.B. wie er Strafe erträgt, u. wie er sein Wort hält, so daß 
man sich so ziemlich sicher auf das verlassen kann, was er ver- 
spricht. 

Ich soll Dich erinnern an den Titel Deiner Symphonie für Schle- 
singer. 82 

Einer ähnlichen Theilnahme, wie Schleiermachers Tod 83 erregt 
hat, weiß sich kein Mensch zu erinnern, Du wirst die Beschreibung 
seines Leichenbegängnisses in den Zeitungen gelesen haben, dies 
mal aber ist sie wirklich nicht übertrieben, es sollen 30-40 000 
Menschen auf den Beinen gewesen seyn, u. man hört kein ander 
Gespräch. An dem hast Du auch einen Freund verloren. Donners- 
tag giebt die Academie die h moll Messe. Fürchterlicheres wird 
man wahrscheinlich nie gehört haben. Der 2te Theil soll gar nicht 
studiert seyn. Versuche nun wohl zu leben, ich bin hungrig u. muß 
frühstücken. Sage mal, wann kommst Du dies Jahr nachBerlin? Du 
sprachst neulich was vom Mai, nimmst Du nicht lieber im Herbst 
Urlaub? Kommst ordentüch zur Ausstellung 84 u. bleibst lange? In 
jedem Fall hoffe ich doch, giebst Du unsrer guten Stadt den Vorzug, 
wenn Du reisest. Daß wir kommen dies Jahr, glaube ich schwerlich. 
Ich hoffe, daß Hensel fertig wird, indeß kann ich mir nicht verber- 
gen, daß er hohes Spiel spielt. Die Sache ist schon auf Wochen 
gestellt, das geringste ernste Hinderniß giebt bösen Ausschlag. Gott 
gebe das Beste. Antworte darüber nicht. Uebrigens wird das Bild 
vortrefflich. Du glaubst nicht, wie alle übermalte Theile bedeutend 
hervortreten, ich glaube, es kann nicht verfehlen, wie alles Aechte, 
eine große Wirkung zu machen. Leb wohl. 



fanny an felix 85 Berlin, 18. Februar 1834 86 

Deine schöne Melusine hab ich nun ziemlich in der Gewalt, und 
große Freude dran. Das Stück plätschert ganz prächtig, u. Du hast 
den Wellen eine höchst anmuthige Mannigfaltigkeit gegeben. 
Uebrigens kenne ich das Mährchen gar nicht 87 , was ist denn das 



154 



für ein Seelöwe, der so bös in f moll angebrummt kommt, u. dann 
immer wieder durch das freundliche Wellenspiel beschwichtigt 
wird? Ich werde mir nächstens eine schriftliche Instruction über 
die Ouvertüre aus bitten, oder doch eine Anweisung, welches 
Mährchen ich zu lesen habe? (Fatal, da nehme ich mir einen schö- 
nen Bogen, lasse mir eine neue Feder schneiden, u. will Dir einen 
recht sonntäglichen Brief schreiben, aber die Feder ist schlecht, u. 
nimmt mir die ganze duftige Stimmung) [. . .] 
Aber Du hast keinen Begriff, was für Sonne hineinscheint, eben 
mache ich das Fenster auf. Um auf Deinen Fisch zurückzukom- 
men, so ist es doch ein ander Ding, wenn man zu Haus zusammen 
ist, Du mir einen ganz frischen Gedanken herüberbringst, u. mir 
nicht sagen willst, wozu er ist, den Tag darauf den zweiten, den 
dritten Tag Dich mit der Durchführung quälst, u. ich Dich tröste, 
wenn Du meinst, Du könntest nun gar nichts mehr schreiben, u. 
am Ende das Werk dasteht, daß man meint, man habe Theil daran. 
Die hübschen Zeiten sind aber freilich längst vorüber. So erhalte 
ich nach Monaten ein Papier, woran mich freilich zuerst der An- 
blick Deiner Handschrift, und das Datum Deines Geburtstages 
erfreut, aber dann kommt das lange Fegefeuer des Hindurcharbei- 
tens durch eine fremde Partitur, ehe man zum Genuß gelangt, statt 
daß sonst die erste Bekanntschaft gleich durch reine Freude beglei- 
tet war. Diese habe ich aber jetzt auch bei der Melusine. Ich bin 
nun so weit, daß ich neue Entdeckungen in Kleinigkeiten mache, 
die mich unendlich erfreuen. Einiges Wenige, was ich musikalisch 
vielleicht aussetzen möchte, verschiebe ich, denn ich fühle mich 
heut nicht zum Tadel aufgelegt. 
zSsten Februar. 

Einstweilen ist Dein letzter Brief, u. einer von Madame Moscheies 
angekommen, woraus wir die günstige Aufnahme Deiner Ouver- 
türe in London erfahren haben. 88 Wann werde ich sie wohl zu 
hören bekommen? Ich habe ja, dumm genug, noch nicht einmal 
Deine Reformationssymphonie gehört. Du hast doch gewiß die 
Idee, die Walpurgisnacht in Düsseldorf aufführen zu lassen, hast 
Du schon bestimmt, wann? Wenn Du einmal Gelegenheit hast, 
mir die Partitur auf ein paar Wochen zu schicken, so würdest Du 
mich sehr erfreuen, Rückgelegenheit findet sich von hier immer 
durch den bekannten, gütigen Portier. 



155 



Löwe 89 ist wieder hier, u. hat eine kleine Oper, mit Text v. Rau- 
pach 90 gegeben, Devrient u. ich meinen, er würde hier Kapellmei- 
ster werden, es hat allen Anschein. Er hat eine Beharrlichkeit der 
Unart, die mich anfangs ärgerte, jetzt aber belustigt. Ich weiß näm- 
lich, daß er mich kennt, u. wir treffen zusammen, stehen neben 
einander, sprechen mit derselben Person, ohne daß er Miene 
machte, mich zu grüßen. 91 Mit Marx hat er es noch besser ge- 
macht. Ein Student erzählte ihm von seinem Verein bei der Uni- 
versität, darauf frag er: Marx, wer ist das? 

Marx giebt zwei Stücke für Männergesänge heraus 92 , worin sehr 
schöne Sachen sind. Ich habe ihm, über das was mir falsch u. ge- 
fährlich schien, sehr offen meine Meinung gesagt, u. er hat fast 
Alles nach meinem Vorschlag abgeändert. 

[. . .] Ich fürchte, das große Londoner Musikfest wird doch ziehn 
da überhaupt der Londoner Magnet für Dich keiner sonderlichen 
Verstärkung bedarf. Oder bist Du treu u. kommst her? Es wäre 
wohl Noth, daß wir wieder einmal in Ruhe ein Paar Monate zu- 
sammen lebten. Devrient hat mir Deine Volkslieder gebracht, die 
mir ungemein gefallen, ganz besonders das 2te, u. im letzten die 
Vögel im Abendwinde. Die Gedichte sind sehr reizend. Man sieht, 
was Heyne machen kann, wenn er einmal die Pointe aufgiebt. 
Was mir aber unbegreiflich ist, u. worüber ich Dich fragen muß, 
ist, warum Du Deine eignen, Heben Liederchen 4Stimmig gesetzt 
hast, 93 was mir weder zum Text, noch zu Deiner Auffassung davon 
zu passen scheint. Sprich, guter Ali. Noch einmal auf Deine Me- 
lusine zurückzukommen, so will ich Dir auch jetzt die Kleinigkeit 
sagen, die mir nicht daran gefällt. Das ist also erstlich die erste 
Ausweichung nach der Dominante, ein Punkt, über den Du Dich 
selbst oft beklagt hast. Dagegen bist Du sehr schön wieder nach f 
dur gekommen. Der ganze Mittelsatz mit dem Gesänge in as-dur 
ist wunderschön. Dann kommt eine Stelle, die mir nicht gefällt, u. 
wo ich wetten möchte, daß Du Dich damit gequält hast. Es ist das 
Ende des Crescendo, welches zu dem forte führt, [...] dann das 
folgende Forte, bis es wieder herunter u. nach g dur geht, wo es 
wieder wunderschön wird. Die benannte Stelle aber erscheint mir 
eine Nath 94 . In der darauffolgenden Durchführung, wo ich beson- 
ders die Stelle in c dur u. g mit der Septime Rebe, ist ein Takt, der 
mir nicht recht gefällt, es ist der in c dur vor dem schönen a dur, 

156 



weil Du schon einmal länger in c dur warst. Ein großer Liebling 
ist die Clarinette mit der Verzierung, dann die beiden Bratschen 
unten, u. darauf das Thema mit der schönen Flöte. Der ganze 
Schluß ist wunderschön. Und nun bin ich fertig. Du wirst finden, 
ich habe viel von Rellstab und J. P. Schmidt 95 profitiert. Es ist der 
. Kuckuck, daß jede geschriebene Meinung über so etwas gleich so 
verdammt rezensentisch u. hundemäßig klingt. Indem ichs jetzt 
wieder aber lese, möchte ich den Brief lieber zerreißen, dann wür- 
dest Du aber nicht das Glück haben, außer den Wachslichtern 
auch durch meine Weisheit erleuchtet zu werden, es sey also. 
Schreibe mir aber, daß ich ein Dummkopf bin, u. will die Hand 
küssen. 

Du schreibst über Deine Gesangsscene 96 nur, daß eine obligate 
Violine für Beriot 97 dabei sey, daraus schließen wir auf einen So- 
pran für die Malibran. 98 Passt der Schlüssel? 
Auf Deine Umarbeitung der Meeresstille bin ich neugierig. In der 
Regel sind die Zeitgenossen der ersten Auflage undankbar gegen 
die 2te, u. ich habe eine alte Liebe für das alte Stück mit seinen 
Fehlern. 

Gestern gaben die Ganze 99 ein Concert, das wir aus musiksonn- 
täglichen Rücksichten besuchten, u. das von lauter Modernismus 
zusammengesetzt war. Unter anderm hackten die Herren Ar- 
nold 100 u. Taubert ein neues Doppelconcert von Kalkbrenner ab, 
das nur in der Composition durch den Vortrag, u. im Vortrag durch 
die Composition übertroffen wurde. Leopold Ganz hatte eine Pa- 
storale komponirt, die durch ein Glöckchen begläutet wurde (hier 
noch nie gehört!) Aber Moritz Ganz spielt prächtig, u. hatte we- 
nigstens Themas aus Don Juan genommen. Außerdem die Ouver- 
türe aus Tauberts Zigeunern. 101 Der hat so lange an Dir herum- 
probirt, u. Deine Themas mit dem Würfel durcheinander gerüt- 
telt, bis er ein hübsches Motiv herausgebracht hat, das wie ein 
Irrlicht klingt, er hat es aber nicht vortheilhaft benutzt, u. für eine 
Opernouvertüre ist sie auch zu lang. Lieber Felix, ich weiß gar 
nicht, wie wohl mir ist, schon 4 Monate lang ruht der Zelter Goe- 
thesche Scandal, der 4te Theil ist noch nicht erschienen, u. so lange 
hat man Ruhe. Hoffentlich öffnet Dunckers großer Verlust bei 
dieser enterprise den Buchhändlern die Augen u. wir bleiben vor 
ähnlichen Gaben sicher, davon sich wieder manche vorbereiten. 



157 



Unter andern, freue Dich! Bettina Arnims Correspondenz mit 
Goethe 102 ! Ich sehe Deine Gesichter von hier. Heynes 103 Tage- 
buch, u-. s. w. Adieu, leb wohl [. . .] 

felix an fanny Düsseldorf 104 , 7. April 1834 

Lieber Fenchel, Du bist wohl sehr böse auf mich schreibfaulen 
Menschen? Aber betrachte 105 nur, ich bin ein städtischer Musik- 
director u. so ein Thier hat schrecklich viel zu arbeiten. Neulich 
kam ich zu 106 Hause, da standen auf dem Schreibtisch zwei Stüh- 
le, der Ofenschirm lag unter dem Ciavier, im Bette lag 107 ein Paar 
Stiefeln u. Kamm u. Bürste, etc. (Bendemann u. Jordan hatten 
mir das als Visitencarte hinterlassen) so sah es oder sieht es aber 
genau im Düsseldorfer Musikwesen aus, u. ehe die Ordnung 
wieder hineinkommt, kostete Hitze. Drum mußt Du meine 
Brieffaulheit jetzt mehr als je entschuldigen, u. selbst desto mehr 
schreiben und aufräumen u. feurige Kohlen auf mein Haupt sam- 
meln. Der Streitbrief 108 war prächtig; den ich jetzt eben konter- 
te 109 ; mehr solche; Du sagst zwar Du sprächst von der Melusine 
wie J. P. Schmidt 110 , aber ich wollte nur es wäre wahr, dann wäre 
aus einem magern Hofrath auf einmal ein tüchtiger Kerl gewor- 
den. Dennoch paß auf, ich will wüthen. O Du! fragst mich, wel- 
ches Mährchen Du lesen sollst? Wie viele giebt es denn? Und wie 
viele kenne ich denn? Und weißt Du die Geschichte von der 
schönen Melusine nicht? Und soll man sich nicht Heber einmum- 
men und verkriechen, in alle mögliche Instrumentalmusik ohne 
Fabel 111 , wenn die eigene Schwester (Du Rabenschwester!) nicht 
einmal so einen Titel goutirt. Oder hast Du wirklich vom schö- 
nen Fisch nie gehört? - Wenn ich aber bedenke, wie Du mich 
anschnauzen 112 könntest, daß ich im April Dich über Deinen Fe- 
bruarbrief anschnauze, so gebe ich klein bei, u. thue Gutes; ich 
habe diese Ouvertüre zu einer Oper von Conradin Kreutzer ge- 
schrieben, welche ich voriges Jahr um diese Zeit im Königsstäd- 
ter Theater hörte. Die Ouvertüre (nämlich die von Kreutzer) 
wurde da capo verlangt und misfiel mir ganz apart, nachher auch 
die ganze Oper, aber die Hähnel nicht, sondern die war sehr 
hebenswürdig, u. namentlich in einer Scene, wo sie sich als Hecht 
präsentirt und sich die Haare macht, da bekam ich Lust auch eine 

158 



Ouvertüre zu machen, die die Leute nicht da capo riefen, aber 
die es mehr inwendig hätte, und was mir am sujet gefiel, nahm 
ich (und das trifft auch gerade mit dem Mährchen zusammen) 
kurz die Ouvertüre in F Dur kam auf die Welt, u. das ist ihre 
Familiengeschichte. Hier schicke ich natürlich einen Gruß an die 
Hähnel ein, die ich sehr verehre, und die sich, glaub ich, wenig 
aus mir macht, u. bestelle ihr daß ich ihr die Ouvertüre zueignen 
würde, wenn sie mal rauskommt, u. wenn sie es nicht erlauben 
wollte, so möchte sie mich deswegen belangen, aber geschehen 
sollte es doch. 

Das führt mich wieder auf les amours de Jacques von denen Du 
wissen willst; o weh, o weh, hier sind gar keine vorräthig; gestern 
war zwar einBall bei Worringens, wo ich einen Cotillon aufführte, 
u. mich niedlich machte, und dann ist eine nette Amerikanerinn 
hier mit der ich geneckt wurde (und zweimal gesprochen habe) 
und dann eine Engländerinn, von der ich mir eine englische Bibel 
geliehen habe, als ich noch nicht wußte, was ich fürs Philharmonie 
für ein Gesangsstück componiren sollte (das italienische mit Vio- 
line oblige ist fertig u. einige Stellen sehr nett u. so schrecklich in 
meiner Manier, daß Du lachen müßtest, weshalb ich mich freue, 
daß Du es nicht zu sehen kriegst . . .) und dann sind im Singverein 
zwei Sopranstimmen, die ich protegiren soll (ist aber nicht wahr) 
und dann bin ich 8mal Bräutigam gesagt worden - das ist aber 
Alles nicht so was Rechts [. . .], die Schadow 113 redet mir zwar schön 
zu, aber ich bin ein nasses Stroh. 

Taubert hat ja ein Concert gemacht, wenn das meinem g moll 
nicht ähnlich sieht, laß ich mich hängen. Ein verzweifelter Kerl mit 
Parodien; zuweilen versteh ich nicht, was er meint; er hat eine 
Weihnachtsfantasie geschrieben, worin das Thema »dahin, wer 
ruft« angebracht ist, ob das mein Holländisches Lied vorstellen 
soll? daß Loewe ein undankbarer Hase ist, wußte ich schon, und 
daß man mit solchen Streichen reüssirt, steht in jeder schlechten 
Comödie schon, aber in der Realität verdrießt es einen doch; er 
wird gewiß in Berlin angestellt, u. macht dann mit Rungenhagen 114 
einen Philister aus, denn nicht das einmal ist so ein Kerl ganz, son- 
dern möchte gar zu gern Genialität und Les Bonheurs de Phili- 
stertum zugleich haben. Geht aber nicht. 
Ha, diesen Brief laß nicht drucken, oder setze wenigstens statt 



J 59 



Rungenhagen blos R oder Unser R., oder unsrer wackrer R., 

oder dergl., sonst wird mein Briefwechsel auch persönlich. 
Die Walpurgisnacht kann ich Dir jetzt nicht schicken, weil sie in 
unserm nächsten Concert (am 4ten Mai, in hoffentlich schönem 
Wetter) wahrscheinlich gemacht wird; ich habe Lust, sie bald in 
Partitur etc. herauszugeben, obwohl ich jetzt sehe, daß ich sie fast 
ganz noch einmal abschreiben müßte, weil sie nicht gut instru- 
mentirt ist, das ist mir aber lieb, daß ichs jetzt besser weiß. 
Ich werde jetzt zunächst 3 Fugen 115 herausgeben, die beiden e moll 
u. eine, die ich erst dazu machen will, dann ein Ciaviertrio 116 , an 
dem ich jetzt bin, übrigens gehe ich mit nächstem an Paulus 117 . Das 
Duett um Mitternacht im Kerker, wo sie so ganz gelegentlich die 
Fesseln los werden, indem sie Gott loben, ist fast fertig u. wird gut. 
[...] Das Duett ist sehr ruhig, u. still, es dur mit Cellos u. viel 
sonstigen Bratschen. 

Hör mal, ich muß noch an Beckchen schreiben, u. da ein offener 
Brief gar kein Brief ist, so werde ich diesen hier zumachen, denn 
was auf dieser Seite steht, kann ein jeder lesen. Ah, Du willst mich 
auch noch coramiren wegen der 4stimmigkeit meiner Volkslieder? 
aber da bin ich beschlagen; mir scheint es nämlich die einzige Art 
wie man Volkslieder schreiben kann, weil jede Clavierbegleitung 
gleich nach dem Zimmer und dem Notenschrank schmeckt und 
weil (der Rest bei Beckchen), Dein Felix M. 



fanny an felix Berlin, 12. April 1834 

Ich danke Dir, o Mond, für Deine Sonnenstrahlen! Sie sind gerade 
zeitig genug angekommen, um eine empfindliche Rache zu ver- 
hindern, die ich an Dir durch bedeutsames Schweigen zu nehmen 
gedachte. Jetzt nun habe ich meinen Kopf so voll für Dich, daß 
mich meine Ideen drücken, wie man es jüngst in französischen 
Blättern von Rossini sagte, weil er so lange nichts geschrieben hat. 

[••■] 

Nun wollen wir uns noch ein wenig musikalisch unterhalten. Dei- 
ne Gründe fürs 4stimmige will ich gelten lassen, besonders den 
Worringischen. Wären 119 wir hier alle 4 zusammen, u. hättens 
gesungen, so wäre es mir wahrscheinlich nicht eingefallen, etwas 
dagegen zu haben, wer aber soll hier Tenor singen, wenn Du in 



160 



Düsseldorf bist? Das verdammte Papier macht mich so philiströs, 
es wird einem gar nichts lebendig. 

Aber nun sage einmal, mein liebes Dummchen, kannst Dir wirk- 
lich einbilden, ego Deine Schwester wäre so ganz von Gott verlas- 
sen u. auf ihr Häuptlein gefallen? daß sie alles das von der Melusine 
nicht wüßte, was Du mir erzählst? Ich weiß, Du kannst weitläufige 
Erläuterungen über alte Sachen nicht leiden, sonst würde ich Dir 
schreiben, wie viel davon ich weiß, u. längst gewußt habe, u. würde 
Dich über Dein Schelten schelten, dann würdest Du aber wieder 
über das Schelten des Scheltens schelten, u. so mit Grazie in infi- 
nitum. Stündest Du aber einmal hinter der Thür, u. hörtest sie 
mich con amore u. con espressione allein spielen, Du würdest mir 
ohne weiteres glauben, daß ich sie für einen Fisch erkannt habe. 
Das Trio für F. P. 120 schicke mir doch baldigst, das ist ja ein wahres 
Glück für mich. Habe ich Dir schon geschrieben, daß ich diesen 
Winter hier mit dem Trio Moscheles' Glück gemacht habe 121 ? 
Luise Dulcken 122 läßt Dich sehr grüßen, u. herzlich bitten, ihr das 
neue Rondo 123 zu schicken, das Du gemacht hast. Sie spielt Dein 
Concert 124 wirklich merkwürdig, ich hätte nicht gedacht, daß es 
außer Dir jemand so schmettern 125 könnte. Natürlich spielst Du 
es unendlich phantastischer, besonders das Letztemal hier hast Du 
es ganz merkwürdig gespielt, u. mit ihrem Vortrag von Gesangs- 
stellen bin ich gar nicht einverstanden, aber es ist als wenn sie 
Feuer aus den Fingern schüttelte, u. ihre Kraft u. Rapidität ist wirk- 
lich bewundernswerth. Uebrigens ist sie abgesehn von ihrem Ta- 
lent, eine kluge, gute, hebenswürdige Frau, die sich ungemein 
wohl bei uns zu fühlen scheint, u. mit der wir, Rebecka u. ich, in 
den wenigen Tagen wieder so intim geworden sind, als wären wir, 
wer weiß wie lange, zusammen gewesen. Ein Jammer, daß sie 
diesen greulichen Mann hat. Ich habe das tiefste Mitleiden mit ihr, 
u. leider die Ueberzeugung, daß es nie besser werden wird. Seba- 
stian will schreiben: Gestern war Tante Beckchens Geburtstag. 
Tante Beckchen hat Walterchens Zeichnung bekommen. Es ist 
ähnlich. Herr Moser hat es gemacht. Adieu lieber Onkel. Ich habe 
ein schHmmes Auge. - Wobei sich mein kleines Männchen wirk- 
lich wie ein junger Held benimmt. Du hast keine Idee, wie heb u. 
brav das Kind ist. Er geht jetzt immer allein u. im Finstern zu Bett, 
hatte aber bis jetzt die Marotte, daß die Thür ein wenig aufstehn 

161 



müßte. Seit kurzem hat er sich nun das auch abgewöhnt, u. brüstet 
sich mit seinem Heldenmuth. Gestern war er durch ein schmerz- 
haftes Augenwasser, das ich ihm in sein armes schlimmes Äugel- 
chen drücken musste, sehr weichmüthig gestimmt, zu Bette ge- 
gangen, u. sagte nach den vielen Küssen, die ich ihm immer beim 
Einschlafen geben muß: (piangendo) Laß die Thür - (forcement 
et vivace) laß die Thür nicht auf, das kann ich gar nicht leiden. Das 
war wirklich komisch rührend. Uebrigens verspricht mir der Arzt 
[. . .], daß es bald besser seyn, u. gar nichts zu sagen haben soll. 
Feiice, im Herbst mußt Du uns doch auf ein paar Wochen besu- 
chen, wenn Du auch weiter nicht reisest, womit ich sehr einver- 
standen bin, aber unsre Ausstellung mußt Du doch diesmal sehn. 
Bitte bitte! 

Eben komme ich aus dem Garten zurück, wo der schönste hun- 
dekalte grüne Frühling blüht. Man kommt diesmal gar nicht zu 
dem angenehmen Frühlingsgefühl, wozu unsrentheils aber auch 
viel der Verkauf der wunderschönen Parkparthie des Gartens bei- 
tragen mag, in der wir nächste Woche das Vergnügen haben wer- 
den, Axt u. Säge aufräumen zu sehn. Was mich aber fast noch 
mehr als dies verdrießt u. grämt, ist daß der 126 Schuft von Gärtner 
ungestraft, aber nicht unbelobt, den ganzen Rest des Gartens auf 
seine Art verstümmelt u. verdirbt, u. daß alle unsre Gegenvorstel- 
lungen auf unser Haupt zurückfallen. [. . .] 

Weißt Du denn, daß ich in Briefwechsel mit Mary Alexander ste- 
he, u. sie zärtlich Hebe? 127 Sie hat mich neulich um ein Stamm- 
buchblatt gebeten, u. ich habe drei von den Liedern komponirt, 
die sie allerliebst aus dem Deutschen übersetzt hat, 128 u. denen ich 
eine Art von Zusammenhang, so gut es gehn wollte, gegeben habe. 
Dazu hat W eine kleine Arabeske gezeichnet, leider war der 
Raum auf dem von ihr geschickten Notenpapier sehr klein, aber 
ich denke, es wird ihr Freude machen. 129 Ihre deutschen Briefchen 
sind ja zum Küssen lieb. Dieser Tage fangen wir eine Handarbeit 
für sie an. War das geplaudert? Sey aber nicht wieder so grausam, 
sondern schreibsam. 



162 



fanny an felix Berlin, 27. April 1834 

Die Nacht war ganz ruhig u. gut 131 , jetzt ist es Mittag, Mutter hat 
eben 2 Apfelsinen verzehrt, u. ist ganz munter, hat auch Erlaubniß, 
aufzustehn, wenn sie will. Das war ein Schreckschuß, lieber Felix, 
u. wer sie vorgestern Abend gesehen hat, hätte nicht an die Mög- 
lichkeit geglaubt, daß sie gestern wieder so wohl seyn würde. Gott 
sey Dank, daß es so vorübergegangen ist. Wir haben in dieser 
Woche rechten Wechsel erfahren. Unser letzter Brief war glaub 
ich, das tollste, was Du noch in Düsseldorf erhalten hast, wir waren 
wirklich ganz exaltirt vor Lachen, Schreien u. Wundern, 2 Stunden 
drauf wurde Mutter krank. Die Agitation über Paul, worüber sie 
sich doch sehr freut, u. über Marianne, die sie im Grunde, wie auch 
Varnhagen, sehr heb hat, mochten wol das ihrige dazu beigetragen 
haben. Uebrigens kann ich Dich versichern, daß sie, während die 
Krankheit am Aergsten war, jeden freien Augenblick dazu benutzt 
hat, von Marianne sprechen u. sich erzählen zu lassen, was der u. 
Jener darüber sagt. [...] Mutter lässt Dir sagen, sie habe Nathan 
zum Rabbiner geschickt, um genau zu erfahren, wie alt die Braut 
ist: 49 Jahr, gerade so alt, wie er 132 . Mutters Hauptübel besteht 
noch in heftigem Herzschlägen, wogegen sie Eis auf der Brust 
trägt, dies Mittel incommodirt sie gar nicht, u. thut ihr sehr wohl. 
Sie lässt Dir sagen, Deinen Arzt, wenn Du einen hast, darauf auf- 
merksam zu machen, daß Du auch die Disposition zu starkem 
Herzklopfen hast. Stosch sagt, man könne u. müsse früh dagegen 
etwas thun. Mit Stosch sind wir außerordentlich zufrieden, er ist 
sehr ernst, aufmerksam, examinirt bis ins kleinste Detail, u. hat 
obenan die unvergleichliche Eigenschaft, im Hause zu wohnen; so 
daß er vorgestern 5mal unten war, was man doch von keinem 
Anderen, mit dem besten Willen, verlangen könnte. [. . .] 
Komponirt habe ich lange nichts. Ausgeschrieben: was soll man 
machen? Soll man wie H. Hunten einen Walzer fürs Gem. schrei- 
ben? [...] 

Mutter grüßt noch tausendmal, u. läßt Dir befehlen, gesund zu 
bleiben. [. . .] Adieu. Auch Vater läßt sehr grüßen. 



163 



fanny an felix Berlin, ii. Mai 1834 

Mutter geht es recht gut, lieber Felix, u. Abends vortrefflich. Da 
sitzen wir Alle um den Theetisch, ganz wie gewöhnlich, u. Mutter 
ist ganz munter, ganz wie gewöhnlich, morgens ist sie in der Regel 
etwas matt, u. war besonders gestern u. vorgestern der drücken- 
den 134 Gewitterluft wegen sehr abgespannt.. Gestern Nachmittag 
hat es sich abgekühlt, u. heut ist sie auch viel munterer. Diese 
Morgenmattigkeit ist eine Art von Nervenschwäche, die nach 
dem Blutverlust sehr erklärlich ist, u. die wir ja leider 135 in der 
Familie nur zu gut kennen, nur an Mutter bis jetzt nicht. Viel ist 
auch Hypochondrie dabei, sie ist des Krankseyns gottlob nicht 
gewohnt, u. Du hast keinen Begriff, wie ängstlich sie ist, so daß 
auch jede Zerstreuung, jeder Besuch ihre Stimmung günstig ver- 
ändert. Am Nachmittag u. Abend, ich wiederhole es, ist sie fast 
ganz wie sonst, munter u. theilnehmend, u. lachlustig und spaß- 
haft, marschirt auch tapfer im Garten umher, u. macht, wie alle 
Welt, noch immer, Marianne u. Varnhagen zum Ziel ihrer Betrach- 
tungen u. Spaße. [. . .] 

Daß aber Euer Concert 136 nicht voll war, verdriesst mich, Ihr habt 
es wahrscheinlich zu weit in die schöne Jahreszeit hinausgescho- 
ben, wo Eure rheinischen Lebemenschen spaziren fahren u. Mai- 
trank trinken. Das Trinken scheint bei Euch eine ungeheure Rolle 
zu spielen. 

[. . .] Deine Sonate aus Fis 137 gefällt mir sehr, u. ich spiele sie fleißig, 
denn sie ist ä la Felix sehr schwer. Habe Dank dafür. Lieber Sohn, 
an Gelegenheit würde es gerade nicht fehlen, u. ich wollte Dir 
Deinen Idomeneo gern schicken, wenn er nur da wäre, aber der 
ist mit so manchem Anderen flöten gegangen, ich suchte ihn die- 
sen Winter, um die Decker die erste Arie draus, die ich ungeheuer 
hebe, singen zu lassen, fort war er. Ich bleibe dabei, wir müssen 
einen Hausdieb für Noten haben. [. . .] 

Leb wohl, mein Schatz, ich will mit Mutter ein wenig in den Gar- 
ten gehn. Gieb mir doch etwas auf zu komponieren, aber nicht die 
Weltgeschäfte, oder den dreißigjährigen Krieg, oder die Zeit der 
Päpste, oder die Insel Australien, sondern etwas wirklich Brauch- 
bares, solid Erscheinendes 138 . A propos, habe ich Dir denn jemals 
geschrieben, daß Eisholz 139 uns eine Oper zu lesen gegeben hat, 

164 



die er Dir schicken will? der größte Scandal, den ich je gelesen 
habe, ein Wertstreit der Abgeschmacktheit mit der Langeweile, 
unglaublich! Es fällt mir ebenein, weil gestern eine neue Tragödie 
von ihm, König Harold, ausgelacht 140 worden. Wir haben ihm auf 
die möglichst höfliche Art gesagt, daß Du eine Oper in diesem 
Genre schwerlich komponieren würdest, denn N. B. er hat unsre 
Meinung über Deine Meinung verlangt, und wenn Du sie be- 
kommst, so ist es portofrei durch uns, nicht durch ihn, denn er soll 
nicht nur Eisholz, sondern auch Geizhals seyn. - Adieu. 141 



fanny an felix' 42 Berlin, 14. Mai 1834 

[. . .] Heut ist es so abgekühlt, daß ich nicht den Trost haben werde, 
eine Theegesellschaft, die ich veranstalte u. die an Kurzweiligkeit 
Alles hinter sich lassen wird, im Garten aufzunehmen. Denke Dir 
einen Bodensatz beiderseitiger Verwandten, der sonst im ganzen 
Leben nicht aufgerührt wird (Vater sagt, alle meine Tanten thun 
mir weh) dazu einige Damen, denen ich gesellige Verpflichtungen 
habe, u. 2 Aachener, u. ein Kadett, Bekannte von Luise, en sujet 
duquel ich heute Nacht geträumt habe, Luise hätte das ganze corps 
de cadet eingeladen, u. verlangt ich solle sie mit Kaffee u. Kuchen 
bewirthen, worüber ich sehr böse war. Gestern Abend kam Vater 
von der Ressource zurück, u. behauptete, er sey so blind, daß als 
er eine Droschke suchte, er den Droschkenkutscher beim Kopf 
gekriegt u. für den Rücksitz angesehen habe. Wir bedauerten 
gleich, daß Du nicht da warst, Du wärst unter den Tisch gefallen 
vor Lachen. Gestern in der Hitze sagte er: er sey so faul, daß er 
sich alle Augenblicke anders anziehen müsse, um nicht zu stinken 
[...] 



fanny an felix 143 Berlin, 9. 144 Juni 1834 

Ich habe Dir eigentlich allerhand durcheinander zu schreiben, lu- 
stig, geschäftsmäßig, anständig, das Gegentheil, kurz viel. Wobei 
soll ich anfangen? Bei Geschäften. 145 [. . .] Schlesinger hat mir neu- 
lich einen Liebesbrief geschrieben, u. die Korrektur Deiner Sym- 
phonie 146 eingelegt (4 händig) die habe ich durchgesehn, aber eine 
solche Furcht vor Schelte, daß ich Dir Heber eine kleine Mühe als 



165 



mir Gewissensbisse aufpacken will, u. ihm daher heut geantwortet 
habe, ich würde sie Dir erst schicken. Denn warum: weil in dem 
Manuscr. Fehler sind, die ihres Gleichen suchen, u. so abge- 
schmackt sind, daß ich sie noch gar nicht fasse. Siehe Scherzo. - 
Nun habe ich auch die Marx-Partitur herausgesucht, u. will Dir 
einige Stellen bezeichnen, die mir sehr gefallen 147 : z.B. in No. 2 
gefällt mir der Schluß des ersten Satzes, mit dem vielen C in seiner 
jetzigen Gestalt sehr gut, obgleich ich ihn zu lang finde. Den hät- 
test Du aber hören sollen, wie er ihn mir im Manuscr. vorlegte, da 
gingen Bässe u. Tenore immer in einem fort zusammen mit dem 
e, so daß ich ihm sagte, es könne es kein Mensch singen vor La- 
chen. Das folgende Stück No. 2 finde ich auch gut, dagegen: wen- 
de dich, Herr, gar nicht, u. das habe ich ihm auch gesagt, u. ihm 
überhaupt u. sehr viel gegen den östimm. Männergesang einge- 
wandt. Es liegt alles viel zu nah aneinander, als daß die Harmonien 
Platz haben könnten, u. so wird es ein Kreuz u. Gequere u. Ge- 
schnarre 148 unfehlbar bleiben. Dieselbe Noth mit seinen Liedern. 
Es ist immer so viel gänzlich Unmusikalisches in seinen Sachen, es 
sind wol Gedanken, aber sie lassen sich musikalisch nicht gestalten, 
u. - so bleibt es beim guten Willen, u. dem Zufall überlassen, ob 
man seine Absichten errathen kann u. will, denn dargestellt sind 
sie nicht. Suche ihm aber doch ein Wort über seinen Kirchenge- 
sang zu sagen, Du weißt wie empfindlich er ist, u. wie viel er auf 
Dich, u. allein auf Dich giebt. - 

[. . .] Daß Du Vater in Baden besuchen willst, freut mich sehr, u. wir 
wollten Dich schon darum bitten. Mutter wird nämlich nicht mit- 
reisen. [...] Stelle Dir aber deshalb ja keinen Rückfall 149 vor, im 
Gegentheil, es geht ihr sehr gut, aber Vater hatte ihr, unbegreifli- 
cher Weise, diese Reise eingeredet, ohne Stosch zu fragen, u. der 
sagte nun, wie mir scheint, sehr vernünftig, da sie sich vor jeder 
Alteration u. Schreck zu hüten hat, so ist eine Reise durchaus nicht 
anzurathen. Der Wagen kann umwerfen, sie kann an einem hei- 
ßen Tage der Sonne mehr als nützlich ausgesetzt seyn, kurz, tau- 
send Kleinigkeiten, die sich zu Hause leicht vermeiden lassen. [...] 
Nun darf aber Vater seiner Augen wegen nicht allein in Baden 
bleiben, er kann keine Bekanntschaft anknüpfen, nirgend hingehn, 
da ihn seine Kurzsichtigkeit scheu u. ängstlich macht. Zu jeder 
andern Zeit würden wir Hensels uns das größte Vergnügen daraus 

166 



machen, ihn zu begleiten, allein dies Jahr muß Hensel bleiben, u. 
ich bin hier zu nöthig zu seiner Behaglichkeit u. Arbeitsstimmung, 
um ihn bei diesem wichtigen Werk verlassen zu können. [. . .] 

fanny an Felix' 50 Berlin, ii. Juni 1834 151 

Ich muß, obwohl eine beschäftigte Festmutter 152 , mich doch hin- 
setzen, u. einen Commentar zu dem Schreiben, was Dir Mutter 
wahrscheinlich in diesem Augenblick erzählt, damit Du nicht den- 
kest, ich sey in Deiner Abwesenheit ganz dumm, oder eine Närrin 
geworden. Es ist übrigens eine sehr musikreiche Woche. Also: 
Mutter hat Dir doch gewiß vom Königstädter Orchester am Sonn- 
abend erzählt, u. daß ich mit dem Stock wie ein Jupiter tonans 
dagestanden habe. Das ging eben folgendermaßen zu. Lecerf 153 
Heß seinen Scholaren 154 spielen, u. zerklopfte sich die Finger dabei, 
da ging ich heraus, u. holte Dein weißes Stäbchen, u. gabs ihm in 
die Hand - Nachher Heß ich meine Ouvertüre 155 spielen, u. stellte 
mich dabey ans Ciavier, u. da flüsterte mir der Teufel in Lecerfs 
Gestalt zu, das Stöckchen in die Hand zu nehmen. Hätte ich mich 
nicht so entsetzlich geschämt, u. bei jedem Schlage genirt, so hätte 
ich ganz ordentlich damit dirigiren können. Es amüsirte mich sehr, 
das Stück nach 2 J. zum erstenmal zu hören, u. ziemlich Alles so 
zu finden, wie ich es mir gedacht hatte. Den Leuten schien es auch 
vielen Spaß zu machen, sie waren sehr freundlich, lobten mich, 
machten mir auch einige Vorstellungen 156 wegen unpraktikabel, u. 
kommen nächsten Sonnabend wieder. Da ist mir denn mit einem 
Mal ganz unerwartete Freude zu Theil geworden. Morgen läuft 
Iphigenie vom Stapel, die auch nicht übel besetzt ist [. . .] 
Ich wollte ich könnte die Bachschen Motetten 157 hören, giebst Du 
sie vollständig? Auf Paulus bin ich nicht wenig begierig. Marx hat 
in Potsdam beim Schullehrer Musikfest die erste seiner beiden 
Motetten aufgeführt, u. ist nicht wenig zufrieden mit Ausführung 
u. Aufnahme, die er dort gefunden. Vale. - [. . .] 
I3ten. Mein Briefchen ist vorgestern liegen geblieben, u. da kann 
ich Dir denn gleich Bericht abstatten über die Iphigenie, die sich 
sehr gut aufgeführt hat. Ich wollte Du wärst dabei gewesen, wie 
die drei Stimmen geklungen haben, u. wie die drei sich immer 
einander gesteigert haben, das hört man so leicht nicht wieder, es 

167 




Pauline Decker 



war wirklich wunderschön. Einen Strom von Klang, wie Bader u. 
Mantius in dem Duett habe ich nie gehört. Die Decker war auch 
vortrefflich bei Stimme, sang immer schöner bis zum Schluß, aber 
Bader war doch die Krone. Er hatte die Parthie nie gesungen u. 
kam gestern zur Probe ziemlich maussade 153 , meinte auch, es läge 
ihm doch zu tief. Als er aber nun den ersten Akt gesungen hatte, 
war er schon ein ganz andrer Mensch, u. gestern hat er sich ein 
Mal übers andre bei mir bedankt, daß ich ihn zu der Partie veran- 
lasst hätte. Zu meiner großen Freude habe ich ihn mir auch so 
gewonnen, daß er sich ein für allemal angeboten hat bei mir zu 
singen, was ich wollte, wann ich wollte, Chor, Solo etc. Und er soll 
singen, bei den Pforten der Hölle. Zunächst wahrscheinlich das 
Ave Maria, das im Kirchsprengel des Erzbischofs von Kölbi er- 
schienen, u. in Petersburg aufgeführt ist u. wovon ich noch jetzt 
eine lange Nase habe. 159 Uebrigens waren ioo Personen gestern 
hier, die Eltern hatten Theil an der Fete genommen, u. mehrere 
Bekannte eingeladen, u. so kams, daß ich die Ehre hatte, den Ober- 
bürgermeister H. v. Bärensprung 160 , die Familie Olrichs 161 aus Bre- 
men etc. hier zu sehen. [. . .] Nebenbei war mein Chor ganz vor- 
trefflich, 8 Soprane und 4 Alte mit der Thürschmidt u. der Blanc 162 , 
im Tenor Bader u. Mantius, es war wunderschön, u. einige Sachen 
haben mich wirklich überrascht. [. . .] Über alles andere, war der 
Garten wunderschön, die Rosenhecke in voller Blüthe, u. das Lo- 
kal im Putz, sucht auch seines Gleichen - inzwischen 163 sind nun 
alle Spuren von gestern weggeräumt, u. es bleibt nichts davon 
übrig, als einige verirrte Töne, die mir immer noch in den Ohren 
klingen. [, . .] 

Hensel grüßt sehr, sein Bild avancirt mächtig, u. findet vielfache u. 
angenehme Anerkennung. [. . .] 

fanny an felix 164 Berlin, 18. Juni 1834 

Mein liebes Felixmännchen 165 

[. . .] Die Gabel erhältst Du mit nächster prinzlicher Post. [. . .] Der 
Instrumentenmacher Schulz, der einstweilen bei mir stimmte, 
fand sie um eine Schwebung höher, als seine Gabel. [. . .] Uebrigens 
sagt mir Schulz, daß Spontini immer noch in die Höhe triebe, so 
daß die jetzige hiesige Stimmung ganz unvernünftig hoch ist, u. 

169 



Henning sagt, man sey in Paris seit Kurzem um einen vollen hal- 
ben Ton heruntergegangen. Es wäre doch interessant, wenn Du 
Dir zur Vergleichung eine Gabel aus Paris kommen ließest [...] 
Ferner erhältst Du mit dieser Sendung die Maryschen Lieder. 
Fragst Du mich um mein Urtheil, so sage ich: no. i gar nichts, no. 
2 nichts, no. 3 wenig. Indeß hat no. 2 Marx außerordentlich gefal- 
len, so daß er mir unbegreiflicher Weise fand, es sey eines meiner 
besten Lieder. 166 Sonntag sind meine Königstädter Herren wieder 
hier gewesen, es war ein Orchester wie eine Harlekinsjacke, an der 
Stelle der 2ten Flöte war ein Loch, sonst Trompeten, 4 Hörner, 
Pauken u. Alles 167 Plunder. Die beiden Ganz thaten sehr wohl 
dazwischen. Einer der Herren hatte eine schaudervolle Ouvertüre 
mitgebracht, was mir aber ganz recht war, u. ich bat, wenn Einer 
von ihnen wieder einmal etwas zu probiren hätte, möchten sie es 
doch hier thun, wofür sie mir sehr dankbar waren, u. mir sämmt- 
lich ihre Dienste angeboten haben. Wenn es nun einmal wieder 
dazu kömmt, lasse ich Deine Melusine spielen. Meine Ouvertüre 
ging das letztemal sehr gut, u. schien ihnen allen gefallen zu haben. 
Ueberhaupt habe ich die angenehme Erfahrung gemacht, daß mir 
die Leute freundlich u. gefällig sind, u. daß ich wohl ohne Furcht 
sie einmal in Anspruch nehmen kann. Vom Theater kann ich No- 
ten haben, so viel, u. wann ich will. Hensels Bild rückt ungeheuer 
vor 168 , u. ich habe jetzt die Ueberzeugung, daß er, Unfälle abge- 
rechnet, fertig wird. Der Pinsel fliegt ihm wirklich. Du wirst Dich 
über die wunderschönen, kraftvollen Gestalten freuen. [. . .] 
Lieber Felix, es ist 9 Uhr Morgens, Sebastian ist noch nicht gewa- 
schen, meine Küche nicht bestellt. [. . .] Vorgestern war Sebastians 
Geburtstag, der Junge war überglücklich. Von Rebecka hatte er ein 
lebendiges Lamm bekommen, das aber so wild ist, daß es alle 
Stricke zerreißt, u. sich gar nicht bändigen lassen will, ich glaube, 
es ist ein verkleidetes Pferd. [. . .] Gegen Abend spielten wir mit ihm 
Blindekuh, wobei er sich gar niedlich u. geschickt anstellte, sein 
Stimmchen veränderte so gut wie die Großen, u. es gar nicht aus- 
halten wollte vor Lachen u. Vergnügen. Marianne u. Varnhagen 
sindjetzt declarirte Exbrautleute. Sie in Freienwalde, er sehr lustig, 
beide benehmen sich on ne peut pas plus mal. Die Geschichte ist 
so eklich, daß nicht einmal viel davon raisonnirt wird, nun danke! 



170 



fanny an felix Berlin, 9. Juli 1834 

Es schreibt sich niemals netter, als wenn man eben ganz frisch einen 
Brief bekommen hat, dann giebt das rasche Antworten etwas Con- 
versationsmäßiges, u. das ist doch der größte Reiz am bestenBriefe, 
wenn er dem schlechtesten Gespräch nah kommt. Ach, da werde 
ich schon wieder abgerufen. - So, jetzt habe ich meine große 
Wirthschaft, meine große Toilette und mein großes Frühstück be- 
sorgt, Sebastians Hammel losgebunden, der sich immer mit den 
Füßen in seinem Strick verwickelt, u. dann jämmerlich blökt, u. 
sonst noch einer ganzen Heerde Kühe die Schwänze aufgebunden, 
u. sitze im Garten, wo es feucht u. warm u. wunderschön ist, u. wo 
die letzten Rosen blühen, u. denke ungestört weiter zu schreiben. 
Mein größtes Vergnügen ist jetzt alle Tage in der Spree zu baden, 
wozu nah bei Moabit eine sehr hübsche, von einer Hallerin gelei- 
tete Anstalt ist, in der auch Schwimmen gelehrt wird. Hier sieht 
man eine große Anzahl zum Theil recht hübscher Berlinerinnen 
als vollkommene Najaden mit nassen Haaren plätschern, was sich 
oft allerliebst ausnimmt. Sebastian nehme ich mit, er hat sich nach 
dreimaliger Angst ganz gut gewöhnt, u. findet jetzt großes Vergnü- 
gen daran. 

Der Sommer ist göttlich, ich erinnere mich nicht so schönen Wet- 
ters, heut haben wir nach langer Hitze einen [. . .] milden Tag, der 
nichts zu wünschen übrig läßt. 

Ihr habt ja große Rosinen im Kopf mit Gluck 170 . Ich zweifle kei- 
neswegs an der Ausführung, so etwas hängt allein vom Director 
ab, die Mittel finden sich, so groß oder so klein sie eben seyn 
können, ich finde es doch immer besser, gute Musik von mittel- 
mäßigen Subjekten zu hören als schlechte. 

Meine Sonntage sind jetzt so ziemlich den Krebsgang gegangen, 
Alles ist verreist, auseinander, u. dazu war die Hitze zu groß in den 
vorigen Wochen. Vorigen Sonntag war Hensels Geburtstag, den 
wir äußerst fröhlich zugebracht haben. Seine Schüler haben ihn 
wieder wunderschön beschenkt, mit einem großen silbernen Po- 
kal, mit obligaten Kränzen, u. einem sehr hübschen Gedicht von 
Moser. Ich habe ihm eine Gliederpuppe aus Cassel kommen las- 
sen, zu der Vater die Hälfte beigetragen, u. die uns noch großen 
Spaß gemacht hat. Sie war denselben Morgen durch einen von 



171 



Moser geschriebenen Brief als eine taubstumme Schülerin ange- 
kündigt worden, u. diesen Brief hatte Hensel aufs Wort geglaubt, 
so daß er, als nachher eine Dame angemeldet wurde, uns erzählte, 
es werde wol diese Schülerin seyn, zu der er aber keine große Lust 
bezeigte. So fand diese Erkennung zu allgemeinem Spaß statt. 
Hensel dankt sehr für Deine malerischen Berichte. Bendemanns 
Idee von der Oase gefällt ihm außerordentlich (mir auch). Ueber 
das was Du sonst von ihm sagst, sind wir Deiner Meinung. Aber 
über Lessing 171 muß ich Dir eine abweichende Ansicht offenbaren. 
So sehr ich ihn liebe, finde ich doch nicht u. kann nicht finden, was 
Du sagst, daß er immer ein Anderer sey. Im Gegentheil finde ich, 
wie verschiedene Gegenstände er auch behandle, immer dieselbe 
Richtung u. den Kirchhof mit Schnee dem Königspaar so ähnlich, 
wie nachher die Leonore, u. die kleine Landschaft, die Decker hat. 
Immer etwas Todtes, bergab gehendes, Verlöschendes, ich habe 
noch keinen freien Athemzug von ihm gesehn. Ueber Hübner 172 
bin ich wieder ganz Deiner Meinung, er scheint mir ein entschie- 
denes Talent für das Kleine, Graziöse, Beschränkte zu haben, Bil- 
derchen wie er ein Männchen ist, nett u. kleinlich. Wenn er aber 
groß sein will, bringt er solche Mißgeburten, wie den Simson, zu 
Wege, so wird doch hoffentlich sein neues Bild nicht seyn. 
[. . .] Jetzt wollte ich noch einen Artikel schreiben, aber die gehoffte 
Ruhe war so unruhig, daß ich auch kein einziges Wort ohne Ge- 
plauder um mich herum habe schreiben können, u. nun weiß ichs 
nicht mehr. 

Ich freue mich nicht wenig auf Dein Hierseyn, wir werden wieder 
viel zu besprechen und zu erleben haben. Nächstes Jahr reisen wir 
in jedem Fall, sollten wir nicht besondere Veranlassung zu haben, 
ins Ausland zu reisen, wahrscheinlich durch einige schöne Städte 
von Deutschland, indeß hoffe ich auf das Erstere. Einstweilen lebe 
wohl, die Zerstreuung ist zu groß, ich kann nicht weiter schreiben. 
Den loten. Warum wunderst Du Dich über Marx Verlobung? 
Noch hat er uns seine Braut nicht gebracht, u. ihn habe ich auch 
erst einmal als Beglückten gesehn, ich gestehe, ich fürchte sehr; 
wie ich höre, hat sie kein Vermögen. Ist sie nun eine streng ordent- 
liche, geizige Wirthin, so kann es dennoch zu seinem Besten seyn, 
ist sie das aber nicht, so sehe ich nicht ab, wie die Sache möglicher 
Weise gehn soll. 173 Leb wohl. Hensel u. Alles grüßt. 



172 



fanny an felix Berlin, August 1834 

Ich schreibe Dir wahrscheinlich vor unserm, wills Gott Wieder- 
sehn, denn wenn die Feder merkt, daß Du bald kommst, so will 
sie gar nicht mehr rutschen. [. . .] 

Habe Dank für das Stück Symphonie, das mir große Freude 
macht, ich habe es eben erhalten, u. auch gleich 2mal mit Beck- 
chen gespielt, mehr konnte sie nicht, denn sie befindet sich in der 
allergroteskesten Verzweiflung über die Hitze, die wirklich Alles 
übersteigt, was wir je gewohnt waren, zu ertragen. [...] Die Aen- 
derung in der ersten Melodie gefällt mir nicht recht, warum hast 
Du sie gemacht? Um das viele a zu vermeiden? Die Melodie war 
aber natürlich u. schön. Die folgenden Veränderungen wollten mir 
auch nicht recht munden, indeß habe ich den weiteren Verlauf des 
Stücks noch nicht genau genug im Kopf, um eigentlich darüber 
urtheilen zu können. Im Ganzen glaub ich, gehst Du zu leicht 
daran, ein einmal gelungenes Stück später umzuarbeiten, blos weil 
Dir dies u. jenes dann besser gefällt. 175 Es ist doch immer eine 
ernstliche Sache, u. wer sich einmal an eine Version gewöhnt hat, 
geht schwer daran, eine Abweichung zu dulden. Bring mir doch 
Alles mit, wenn Du herkommst, dann können wir darüber dispu- 
tiren. [...] 
3ten Aug. 

[. . .] Ich habe gestern einen bösen Tag mit angesehn, also gehabt. 
Hensel hat in 24 Stunden dreimal die entsetzlichsten Magen- 
krämpfe gehabt, so daß wir endlich gestern Abends in unsrer Ver- 
zweiflung zur Homöopathie unsre Zuflucht nahmen, welche Lui- 
se schon lange mit dem bestem Erfolge bemüht, u. welche denn 
auch dies mal, wol im Verein mit der Erschöpfung des Uebels, gute 
Wirkung that. Wahrscheinlich werden wir bei dieser Gelegenheit, 
aus Mangel an einem Arzt, zu dem wir eigentlich Zutrauen hätten, 
an dem homöopathischen Stüler hängen bleiben. Stosch zieht weit 
weg, kommt nie von selbst, u. das ist für mich eine sehr unange- 
nehme Eigenschaft. [. . .] 



173 



felix an fanny 176 Düsseldorf, 14. November 1834 

Lieber Fenchel, sey glücklich am heutigen Tage und im Jahre das 
Dir anfängt und bleibe mir gut. Ich wollte Dir gern dies Jahr wie- 
der irgend ein Stück schicken unter das ich den i4ten Nov. schrei- 
ben könnte, aber die Wochen aus dem Leben eines Intendanten 
haben alles verschlungen und ich komme erst langsam wieder zu 
mir. Dieser Tage habe ich die Ouvertüre zum Paulus entworfen, 
und dachte die wenigstens fertig zu machen, aber sie ist noch weit 
zurück. Wenn wir wenigstens den Abend jetzt zusammen sein 
könnten, denn wenn Licht kommt wünsche ich mich immer mehr 
zu Hause hin als des Morgens, und jetzt kommt eben Licht, und 
dann ist die Zeit vom 30sten Oct. durch den igten Nov. u. Uten 
Dec. bis zu Weihnachten und Neujahr gewiß nicht die beste für 
die Fremde, auch wenn die Abende nicht lang wären. Da kann 
man aber fleißig sein und nächsten Sommer wieder reisen und 
einander besuchen; heut möcht ich nur, daß es schon so weit wäre. 
Was treibst Du nun heut Abend? Musik und Gesellschaft? Oder 
wird die Staatszeitung vorgelesen (in der wie man mir sagt Hensels 
Schule sehr gelobt und in vielen Stücken der hiesigen vorgezogen 
sein soll) oder seid ihr nicht zu Hause? Ich hoffs aber und denke 
mirs hübsch. Ich habe den Tag einförmig zugebracht, indem ich 
Hildebrandt 177 den ganzen Vormittag sitzen mußte, der jetzt mein 
Portrait fertig malt. Mittags war ich eben bei Bendemanns und 
gehe auch später noch zu ihnen hin, da Mde. Bendemanns Ge- 
burtstag auch heute ist [. . .] 

Aber Du, Geburtstagskind, im Urtheil treffen wir diesmal über die 
Bilder nicht zusammen, denn eines der widrigsten ist mir von 
jeher Stilkes 178 gewesen, wenn ein Kunstwerk so künstliche Leb- 
losigkeit vorstellen will, wie das Verhungern in der Wüste, so habe 
ich keinen Antheil am Bild 179 und an den Leuten, es sey noch so 
gut gemacht, und das ist es ja nicht einmal, das Ganze scheint mir 
nichts als wieder eine Variation auf Lessings Königspaar, diesmal 
mit todten Pferden. Die Stimmung im Kunstwerk ist alltäglich, 
und da mag man es zwanzigmal mit bunten Farben aufputzen, es 
hilft nichts. 

So ist mirs nicht einmal recht, daß Du vom Umschwung der Geige 
seit Paganini sprichst bei der Gelegenheit von Lafont 180 , denn sol- 



174 



che Umschwünge kenne ich nicht in der Kunst, nur allenfalls in 
den Leuten, u. ich denke Dir würde an Lafont dasselbe misfallen 
haben, wenn Du ihn vor Paganinis Auftreten gehört hättest, u. Du 
müßtest seine guten Seiten darum nicht weniger loben, weil Du 
eben den anderen gehört hast. Ich habe hier eben so ein Paar fran- 
zös. musikal. Zeitungen gesehen 181 , wo sie immer von einer revo- 
lution du gout u. einer musikal. Umwälzung sprechen, die seit 
einigen Jahren statt gefunden habe, und wobei ich auch eine schö- 
ne Rolle spielen soll - mir wird sehr übel bei so etwas. Ich denke 
dann immer daß man fleißig sein soll und arbeiten, vornehmlich 
keinen Menschen hassen und die Zukunft Gott überlassen, das 
Oratorium bis zum März fertig machen, eine a moll Sinfonie u. 
ein Clavierconcert machen 182 und wieder auf die Reise gehen, u. 
die Leipziger Str. No. 3 besuchen, aber wo möglich am dritten Ort. 
Und mit diesem Lied und Wendung sind wir wieder bei Hafisen. 
Ich verfalle auf der einen Seite in einen ganz grämlichen Ton, wie 
ich sehe, u. bitte um Verzeihung, Geburtstagskind. Aber übermor- 
gen muß ich wieder Oberon dirigiren, u. das Düsseldorfer Orche- 
ster hetzen, wie nichts Gutes, u. gestern war das zweite Concert 
»Sinfonie von Burgmüller« 183 (dem jungen), Arie von Dlle. Dent- 
ler, Celloconcert von Jul. Rietz (es war die Elegie von Romberg cf. 
Paul), dann 2ter Theil Ouv. aus Werken von Cherubini, drei Lie- 
der am Ciavier von Worringen 184 , »Bächlein laß dein Rauschen 
sein« v. Curschmann 185 , »leise geht durch« von mir u. Herz mein 
Herz v. Beethoven, dann mein es dur Rondo (Rietz dirigierte sehr 
gut) zum Schluß anerkanntes Duett von Mercadante 186 - sind wir 
nicht fashionable? Und dazu war es so voll, u. alle kamen so ele- 
gant! Keine aß Butterbrod oder Aepfel! Nachher war noch gräfli- 
che Soiree mit allen Excellenzen u. so vielen Redensarten! - So bin 
ich also in den griesgrämlichen Ton verfallen, der zum Geburts- 
tagston nicht paßt. Den stimme ich nun noch einmal an u. wün- 
sche Dir viel Glück u. ein gutes Jahr 1835. Lebewohl, Du guter 
Cantor, u. sey mit den Eltern u. Geschwistern u. allen heut recht 
froh. Dein Felix. 



175 



fanny an felix 187 Berlin, 24. November 1834 

Habe Dank, o Clown, für Deinen lieben Geburtstagsbrief. Die An- 
dern haben Dir seitem geschrieben, also hast Du wohl von allen 
freundlichen Feierlichkeiten, Geschenken der jungen Leute, u. an- 
dren schönen Sachen, Thee im prächtig aufgeputzten Attelier, und 
vortrefflich aufgeführten Charaden, schon gehört. Ich glaube, wenn 
ich eine alte Frau seyn werde, werden mir noch solche Aufführun- 
gen Spaß machen. [.. .] Wilhelm hat mir eine Zeichnung zu meinem 
Geburtstage gemacht, die sehr schön wird. Mirjam, die Prophetin, 
die Pauk' in ihrer Hand, die Weiber hinter ihr, Moses auf einem 
Wagen, den Zug leitend, im Hintergrunde mit Beute beladene 188 
Theile des Heeres, u. in dämmernder Ferne Pyramiden. Die Com- 
position ist rund, u. sehr reich, schön und besonders. Ich hoffe, er 
wird es malen. 189 Diese Zeichnung ist das erste Blatt in einem schö- 
nen Buch, das wir uns zum Stammbuch eingerichtet haben. 
27sten. 

Du erhältst nun jetzt den 6ten Band von Goethe Zelter, mit dem 
die Reihe geschlossen ist. Der Herausgeber hat sich die Mühe 
gegeben, hinten ein alphabetisches Verzeichniß anzuhängen, in 
welchem Jeder, der das Abc weiß, ohne Mühe nachsehn kann, wo 
und wie oft er im ganzen Werk geschimpft oder gelobt (Du bists 
58 mal) worden, was hier ziemlich gleich bedeutend ist. Figaro! 
würdest Du sagen, wenn Du hier wärest, ich kann Dir aber nicht 
helfen, es beleidigt mich von Anfang bis zum Schluß, daß in einem 
Lande ohne Preßfreiheit, wo also die zur Oeffentlichkeit bestimm- 
ten Personen sich der Oeffentlichkeit entziehn, harmlose Privat- 
personen so plötzlich, wie von Räubern aus dem Busch angefallen, 
u. je nachdem den Herren die Dinte geflossen ist, besprochen u. 
verlästert, auch mitunter ihnen die Ehre abgeschnitten wird. Von 
mir steht, ich spiele wie ein Mann 190 , ich habe Gott oder Zelter zu 
danken, daß da nicht eine Unanständigkeit folgt, mit denen das 
Buch sonst wohl gesegnet ist. Vater wirst Du mehrere Mal hart 
getadelt finden, daß er Dich nicht nach Sicilien reisen lassen. 191 In 
England würde ein solches Buch gar nicht gelesen, weil man der 
Persönlichkeiten gewohnt ist, u. es sonst kein Interesse hat, schön 
finde ich es aber unter keinen Umständen, u. immer u. ewig un- 
zart, Privatleute zu veröffentlichen. 



176 



Streiten muß ich aber auch noch mit Dir. Nicht über die Bilder, 
denn das ist schriftlich zu weitläufig, u. wir sind nun mal zu sehr 
aus einander über den Punkt. Wir sprechen wol noch einmal dar- 
über. Aber was schnauzt 192 Du mich denn da an, weil ich sage, 
Paganini habe das Geigenspiel verändert? Ist denn das nicht wahr? 
Spielt man denn heut, wie man auf der ersten Geige gespielt hat? 
Wer hat denn die Sache anders gemacht, als große Talente? Und 
wozu sind Umschwünge in den Leuten, wie Du sagst, wenn sie nicht 
auch außer sich etwas umschwingen? [...] Was willst Du denn 
anders, als weiterbringen, Dich u. die Kunst? dazu bist Du doch 
wohl fleißig, u. nicht um so u. so viel Rieß Papier zu beschreiben. 
Ich sagte u. rettete meine Sache, die aber doch wohl nicht in Ge- 
fahr bei Dir geschwebt hat, nicht wahr? 

Gestern waren wir, o Wunder, im Theater, um die Töchter der 
Crelinger 193 in Minna v. Barnhelm zu sehn. Ein Paar allerliebste 
Mädchen. Hübsche, natürliche Talente, u. so ausgebildet, daß man 
fast sagen möchte, es wäre für Ihr Alter zu viel, wenn man nicht 
wieder hoffen müßte, daß ein so glückliches Naturell sich auch 
weiter hilft. [. . .] 

Heut ist nun die letzte russische Majestät abgerutscht. 194 Wie lum- 
pacivagabundus sich Beide hier benommen haben, darüber ist nun 
ein Geschrei. Der-Kaiser hat keine wohlthätige Anstalt beschenkt, 
die Kaiserin bis jetzt auch noch nicht, vielleicht kommt das noch. 
Da nahm sichs denn fast wie eine Satyre aus, daß der immens 
reiche, närrische DemidofP 95 zur Feier ihrer Anwesenheit den Ar- 
men i ooo rl schenkte. Von der Ausstellung, die ihretwegen 14 T. 
länger offen blieb, haben sie nicht für einen rl. gekauft, u. die 
einzige grandiose Bestellung, die die Kaiserin gemacht hat, ist eine 
Kopie nach der Skizze v. Blancs 196 Bilde. Ueberhaupt ist alles voll 
des Lobes ihrer Unfreundlichkeit, u. ihres kindischen u. würdelo- 
sen Betragens. Der Ausstellung haben sie entschieden Schaden 
zugefügt, denn da sie den König um Geld u. Zeit gebracht haben, 
hat weder er, noch der Kronprinz, noch sonst Jemand vom Hofe 
etwas gekauft, was eine unerhörte Sache ist. Nach Bildern von 20 
Louisdor hat die Kaiserin gefragt, u. sie waren ihr zu theuer. 
Eben habe ich Deinen Brief an R. mit den Intendanzklagen 197 
gelesen, ich danke Gott, daß Du heraus bist. Lebe nun wohl, ich 
will herüber, u. Vater vorlesen, aus Rankes Päpsten! 198 



177 



fanny an felix Berlin, 30. November 1834 

Ich habe eben deine Uebersetzung von Byrons Gedicht 200 wieder 
gelesen, und finde es durchaus besser als Theremins 201 . Bis auf den 
Schluß, der bei Th. unendlich schöner, ja ich möchte sagen, schöner 
als bei Byron selbst ist, du mußt suchen, es noch zu ändern, u. mit 
>hell, aber ach! wie fern<, zu schließen. Es klingt in dem Gedicht 
etwas Wunderbares, wie ich es fast nicht stärker ausgesprochen 
kenne. Es übt eine völlig magnetische Gewalt über mich aus, ich 
kann nicht wieder davon wegdenken. - Ich lerne ihn überhaupt 
jetzt kennen, zwar auf eine Weise, die nicht die vortheilhafteste für 
einen Dichter ist, da ich seine Verse alle 8 Tage beim Lehrer lese, u. 
mehr oder weniger mühsam verstehe. Allein was durch alle diese 
Poesie durchdringt, das ist die Gewalt seines Rhythmus, der wun- 
derbare Klang seiner Verse in dieser widerstrebenden Sprache, das 
ist das Tiefpoetische seines ganzen Wesens. Mir ist dieser Tage sein 
Leben in die Hände gefallen, das ich lese, u. das mich sehr interessirt. 
Es verdrießt mich immer, wenn wir, auch über Kleinigkeiten, 
nicht zusammen kommen können. Ich habe, seitdem du andrer 
Meinung warst, versucht, mit Kritik an Loewes Komposition jenes 
Byronschen Gedichts 202 zu gehn, u. kann es nicht, weil es mich 
jedesmal wieder rührt, wenn ich nur dran denke. Ich finde es so 
ganz träumerisch schön, so, ich kann mich nicht anders ausdrük- 
ken, entfernt klingend, so in den Sinn der Worte eingehend, daß 
es mich mit fortreißt, sobald ich dran mäkeln will, 
ioten. [. . .] Heut Nachmittag spielte ich 2 Trios durch, die ich mir, 
in Bezug auf meine Sonntag wieder anfangensollenden Musiken 
hatte geben lassen, von Reißiger 203 u. Onslow. [. . .] Es war aber so 
mattes, lahmes, grundlangweiliges Zeug, daß ich im Durchspielen 
fast verschimmelte, u. nachher zur Erholung die Litaney u. meine 
Lieblingsmotette: Gottes Zeit 204 , spielte. Ahü Dabei wird einem 
wieder wohl. Ich kenne keinen eindringlicheren Prediger als den 
alten Bach. Wenn er so in einer Arie die Kanzel besteigt, u. sein 
Thema nicht eher verläßt, bis er seine Gemeinde durch u. durch 
erschüttert oder erbaut u. überzeugt hat. Schöneres kenne ich fast 
nicht, als das Furchtbare >es ist der alte Bund<, wozu die Soprane 
so rührend einstimmen: ja komm Herr Jesu! komm. 
[...] 

178 



fanny an felix Berlin, 27. Dezember 1834 

Ich schreibe, nicht blos als Federkiel 206 , sondern als selbständige 207 
Authorin. 

Es waltet schon seit mehreren Wochen, und verschiedenen Hin- 
und Herschreibungen ein so eigenthümliches Mißverständniß ob, 
mein lieber Felix, daß ich mich umgehend hinsetze, es endlich ins 
Klare zu bringen. Der Brief, den Dir Rebecka schrieb, auf den 
Brief, den Du mir geschrieben hast, über den Brief, den ich Dir 
geschrieben hatte, en sujet de Lafont, den ich damals noch gar 
nicht gehört - ist gar nicht aus R.s. Kopf, wiewol aus ihrer Feder 
geflossen, sondern war der erste, den Vater dictirte. Wunderst Du 
Dich? Lies ihn noch einmal, u. die Schuppen werden Dir vom 
Auge fallen, u. Du wirst nicht begreifen, daß Du ihn nicht gleich 
so verstanden hast. Ich begreife es indeß sehr wohl, was man selbst 
weiß, denkt man gar zu leicht für jeden Andern auch begreiflich, 
u. so dachte Vater, Du müßtest auf der Stelle im Brief den Punkt 
erkennen, wo er angefangen zu diktieren. Ich fand es gleich nicht 
recht. Indeß ändert das eigentlich an der Sache nichts. Was ich Dir 
antwortete, war von mir, u. da wir einmal angefangen haben, uns 
in eine höchst würdige u. parlamentarische Erörterung einzulas- 
sen, so wollen wir fortfahren. Je demande la parole, die Du mir 
von Düsseldorf aus gewiß nicht streitig machen wirst. 
Daß die Zeiten sich ändern, und mit den Zeiten der Geschmack, 
und mit dem Geschmack der Zeiten auch wir, das läßt sich wol 
nicht ganz läugnen. Es gibt gewiß in der Kunst auch ein positiv 
Gutes, und ich hoffe, Du wirst mich niemals für so von Gott ver- 
lassen halten, daß ich das, was wir als Höchstes anerkannt haben, 
und immer anerkennen werden, der Mode unterworfen glauben 
sollte. Hannchen in den Jahreszeiten wird so wenig veralten, als 
Alceste, oder als der Evangelist Matthäus 208 . Nun aber giebt es 
doch im Guten eine unglaubliche Menge von Schattierungen, u. 
da sich die Kunst, oder das Schöne, oder der Geschmack nicht mit 
2 mal 2 = 4 demonstriren läßt, so wird es da einen Punkt geben, 
(und der trifft glaub' ich hauptsächlich die Execution) wo die Au- 
ßenwelt, oder die Wandelbarkeit der Zeit, oder (schleiche dich um 
das Wort herum wie du willst,) die Mode ihren Einfluß üben wird. 
Du erinnerst Dich so gut wie ich, daß es eine Zeit gab, wo wir von 



179 



Spohrs Musik unendlich entzückt waren. Jetzt sind wir es nicht 
mehr in dem Grade, nun ist aber doch seine Musik stehn geblie- 
ben, wir sind eben auch keine andre Menschen geworden, aber 
unser Verhältniß zu ihm hat sich geändert. Laß mich das einmal 
angeregte Beispiel von Violinspielern nehmen. Spohr hat gewiß in 
seinem Spiel unendlich viel positiv Gutes, was nicht vergehn wird, 
er hat aber auch daneben eine gewiße Süßlichkeit, u. diese Ten- 
denz hat vielleicht in ihrer Zeit viel zu seinem Ruhm beigetragen. 
Nun kommt Paganini, u. spielt wild, phantastisch, stark, u. alle 
jungen Geiger bemühen sich es ihm nachzuthun, u. reißen die g 
Saite entsetzlich. Daraufhöre ich Spohr nach einer Reihe von Jah- 
ren wieder, u. unwillkührlich wird mir seine Süßigkeit mehr auf- 
fallen, als sonst, wenn sie sich auch an u. für sich nicht vermehrt 
hätte, weil ich die Ohren von einer entgegengesetzten Richtung 
voll habe. Diesem Einfluß unterliegt natürlich zunächst das Publi- 
cum in Masse, die einzelnen Menschen mehr oder weniger, aber 
ganz frei glaube ich, kann sich Niemand davon sprechen. Es würde 
mir gar nicht schwer werden, noch Beispiele in Menge andrer Art 
anzuführen, wo uns Dinge oder Menschen, die uns vor einiger 
Zeit gefielen, jetzt fade u. langweilig, oder bizarr u. unerträglich 
vorkommen. Solcher Wechsel trifft natürlich nie 209 das Höchste 
und Beste seiner Art, aber daß auch das Gute, je nachdem es der 
Zeit gegenüber steht, mehr oder weniger gut erscheinen kann, 
scheint mir entschieden. Antworte hierauf, Clown! Soll ich diese 
ganze Korrespondenz in mein Streitbuch eintragen? 
Lustig ist es übrigens, daß sich diese ganze Erörterung über ein 
dummes voreiliges Urtheil entspann, das ich über Lafont's Perük- 
ke fällte, denn weiter kannte ich damals nichts von ihm. Ich habe 
ihn seitdem im Concert gehört, wo mir sein klares, fließendes 210 , 
angenehmes Spiel ungemein gefallen hat, u. besonders sein reizen- 
der Vortrag melodiöser Stellen. Dann hat er einmal hier gespielt, 
wo ich ihm Variationen begleitete, u. dabei Gefahr lief, in mein 
erstes Urtheil über seine Perücke zurückzufallen, denn seine 
Compositionen, Variat. mit Herz u. Kalkbrenner u. s. w. sind doch 
wol von der Art, daß nicht einmal die äußerste Mode sie ent- 
schuldigen kann, u. es verdroß mich, daß die nette Geige nichts 
Ordentliches spielt. Und nun habe ich geschwatzt u. geschwatzt, 
u. die Zeit versäumt, in der ich mir deine neuen Lieder einstudiren 



180 



wollte, um sie morgen in pleno vorzutragen. Sie gefallen mir au- 
ßerordentlich u. ohne Aber, ich halte sie mit für deine Besten. Die 
Fugen sind vortrefflich, u. die kleine hat einen sehr schönen Fluß. 
An der großen gefällt mir der letzte Schluß nicht ganz, es wird da 
wieder dünne, nachdem es lange vollstimmig gewesen ist u. auch 
in der Mitte ist eine Stelle, die mir wie ein Flicken erscheint, es ist 
die nach dem p eres, f., wenn der Baß das Thema in Octaven c dur 
bringt, u. dann nur von der Oberstimme imitirt wird, wie auch die 
folgende Themastelle in F. Sonst ist sie prächtig, u. ich möchte sie 
wol erst von Dir spielen hören. Die kleine erinnert mich im Cha- 
racter an ein kleines Stück von Dir, welches mir eine Deiner lieb- 
sten Compositionen ist, u. trotz aller Umschwünge, oder Reformen 
[. . .] wahrscheinlich bleiben wird, ich müßte denn ein Türke wer- 
den, ein echter Renegat. Ich meine, die kleine Quartettfuge, die 
mich sehr rührt, wenn ich nur an sie denke, u. an den, der sie schön 
spielte. 

(Fragment vom 27. 12. 1835J: 

Um nochmals auf besagten Umschwung zu kommen, will ich Dir 
einen Fall anführen, wo ich ganz Deiner Meinung bin. Ich war 
noch voriges Jahr sehr gegen die Homöopathie, u. besonders ge- 
gen das Selbstdispensieren der Aerzte; jetzt haben wir Stüler zum 
Arzt, er giebt mir u. uns Allen seine Pülverchen, ich bin damit 
zufrieden, u. Hensel besonders hat diese Behandlung gegen den 
Magenkrampf ganz vorzüglich gut gethan. Dessen ungeachtet 
aber kann ich es gar nicht leiden, wenn so manche homöopathi- 
sche Neophiten sich anstellen, als wäre ihnen nun plötzlich das 
Himmelreich eröffnet, u. als wäre früher kein Mensch kurirt wor- 
den, ich bin gewiß frey von solcher Befangenheit, u. glaube es 
überhaupt so ziemlich zu seyn. 

Heut hab ich meinem Sonntagspublicum Deine neuen Sachen 
vorgespielt, Publicus war sehr entzückt. Das erste Lied, es dur, hast 
Du offenbar nur für das Ciavier geschrieben, weil Du keine Worte 
dazu fandest 211 , denn es ist ja ein wirkliches Lied u. sehr schön 
declamirt, Du hättest aber nur die Verfasser mehrerer von Dir 
komponirten Lieder, z.B. EgonEbert 212 , oder Voß 213 drum angehn 
sollen, die hätten es Dir gewiß nach Deinem Sinn geschrieben. In 
dem 2ten Liede bitte ich um Erlaubniß eine Note zu ändern u. 
statt 



181 




so zu spielen 




In diesem Liede ist eine Stelle, die michjedes mal zwingt zu sagen: 
sehr hübsch. Es ist der Wiedereintritt ins Thema, der allerhebst ist. 
[. . .] Nun aber höre ich auf, u. schreibe Dir nicht wieder, bis Du 
mir einen ordentlichen Privatbrief geschrieben hast. Vetter 214 , was 
denkst Du von mir? Du behandelst mich schlecht. Seit Du weg 
bist, hast Du ein einziges Mal an mich geschrieben, um mich zu 
meinem Geburtstag schlecht zu machen. Ist das recht? Nein, Herr 
Vetter [...] 

fanny an felix 215 Berlin, 16. Januar 1835 

Das war einmal ein ordentlicher Brief 16 , u. Du sollst bedankt seyn. 
Nun habe ich Dir wieder mal viel zu antworten u. viel zu sagen, 
u. da Dir die Tagebuchart des vorigen Briefes behagte, so will ich 
auf alle Fälle wieder anfangen, wenn auch der Brief dann eine 
Weile wieder Hegen bleibt, was ich nicht verhindern werde, denn 
die Tage fliegen jetzt. H. v. Sybel 217 sagte uns gestern in den Jah- 
reszeiten, Du habest wieder Verdruß gehabt, [. . .] hoffentlich ist es 
nicht so arg, aber doch immer unangenehm genug, Du hast schon 
viel Verdruß zu bestehen gehabt, u. was das Schlimmste ist, ich 
fürchte, es ist immer nicht der Mühe werth, u. was mir gewiß 
scheint, ist, daß Du nicht über Deinen Contract in Düsseldorf 
bleiben wirst. Leipzig würde mich der Nähe wegen sehr freuen, 
u. ich hoffe immer noch, es kommt zu Stande. 
Nun will ich Dir, ganz unter uns, unsere nächsten Plane sagen. [. . .] 
Wir werden Dich nächstens besuchen. Ist Dir das angenehm? Wir 
haben nämlich nach Paris geschrieben, um uns zu erkundigen, ob 
dies Jahr dort Ausstellung ist. Wenn es ist, und die Unterhandlun- 
gen hier nicht gar zu langsam gehn, u. der König es erlaubt (Du 
siehst noch viele wenns) so gehen wir mit dem Bilde nach Paris, 



182 



u. kommen dann über Düsseldorf 218 u. besuchen Dich auf 8 Tage, 
worauf ich mich freue wie ein Kaninchen. Findet die Combina- 
tion mit dem Bilde nicht statt, so gehen wir wahrscheinlich doch 
nach Paris, nur etwas später, ungefähr im April, u. haken uns einige 
Tage in Weimar, Frankfurt u. Düsseldorf auf. [. . .] An unsere pari- 
ser Reise denken wir dann die in ein Seebad zu knüpfen, u. so 
werden wir dann' im Ganzen etwa 4 Monate abwesend seyn. 
Du fragst nach dem Stande der Bildangelegenheit, da will ich Dir 
sagen, daß das Ministerium ein Gutachten von der Academie ge- 
fordert, u. der alte Schadow zu H. gesagt hat, er würde zufrieden 
seyn. Sie haben zugleich das Bild taxieren müssen, u. wenn sie 
dabei nur irgend honett verfahren, so ist es H. sehr angenehm, dem 
Fordern auszuweichen. 

listen. Welchen Furor Deine Lieder hier machen, das kann ich Dir 
nicht beschreiben, ich spiele sie überall, u. regelmäßig fallen ein 
Paar Damen dabei in Ohnmacht [. . .] 219 

fanny an Felix 220 Berlin, 27. Januar 1835 221 

Mit Lafont habe ich in der letzten Zeit ziemlich viel Musik ge- 
macht. Er spielt wunderhübsch, das muß wahr seyn, in einer ele- 
ganten, nobeln, einfachen, älteren, aber nicht veralteten Weise. 
Aber seine Prätentionen auf Singen sind unbegreiflich lächerlich, 
u. das ganze Männchen ist u. bleibt eine ridicüle höchst veraltete 
Erscheinung. Er hat gestern mit der Decker hier Musik gemacht, 
sie sang seine große Bravourarie prächtig vom Blatt, aber dann 
setzte er sich hin, u. schrieb ihr einige Romancen auf, u. sang mit 
ihr, hoch u. tief, mit Läufchen u. Trillerchen, das man sich kaum 
des Lachens enthalten konnte [. . .] 

felix an fanny 222 Düsseldorf, 11. Februar 1835 

Liebe Fanny, 

ich schreibe Dir heute, obgleich ich Allen schreiben, und für die 
lieben Geburtstagsbriefe danken sollte, weil ich Dir nun schon auf 
zwei Antwort schuldig bin. Ich werde aber dennoch wohl Alle 
anreden können, wie ich das so gern thue, um für die guten 
freundlichen Wünsche und die Freude, die mir dadurch bereitet 



183 



wird, vielmal zu danken. Das schöne Granada 223 , das von den bei- 
den Geren ist, wie ich nun weiß, ist das Prachtstück von meinen 
diesjährigen Geschenken, und macht mir das größte Plaisir; ich 
sehe es mir durch und bin immer noch nicht dazu gekommen eine 
Seite in den Geschichten, die dabeistehen, zu lesen, weil ich mir 
meine eigenen Geschichten dazu denke. Ich habe sogar vor ein 
Ciavierstück zu componiren, das mit den Kupfern in Rapport ste- 
hen soll. Die Maler sagen, wie Hensel, auch wohl es sei Manier u. 
übertriebene Virtuosität, und so wie sie es im Schranke stehen 
sahen, nahmen sie es u. gaben es nicht wieder aus den Händen u. 
rißen sich drum. Es war ganz hübsch an meinem Geburtstage; früh 
brachten mir wieder die 40 Militairmusiker ein Ständchen, zogen 
ganz leise u. unvermutet in meine Nebenstube ein und fingen 
glücklich mit den starken Schlägen der Beethovenschen Festou- 
vertüre (124) an, die sie bewundernswürdig gut u. präcis spielten, 
so daß ichs bis mir ausbat, weil inzwischen Herr Kyllmann vom 
Weiher bei Wald hergekommen war, der es wohl auch hören 
wollte. Er brachte mir einen Mälzeischen Metronom als Geschenk 
mit, weil er immer klagte, daß meine Sachen nicht damit bezeich- 
net wären. Auch Woringen kam mit einem großen bekränzten 
Kuchen, den seine Schwestern gemacht, und an dem ich bis heut 
früh gegessen habe, und einer Kanne Chocolade, und Schadow, 
der mich zum Abend einlud, wo er mir wieder einen Ball wie 
voriges Jahr gab. Die Musiker spielten mir noch die Aufforderung 
zum Tanze, den Brautchor aus meiner Hochzeit des Camacho, u. 
Wiraldos e-dur Lied daraus, und zum Schluß etwas aus dem Sep- 
tett von Beethoven, dann kamen Franck, Steifensand, Herr v. Sybel 
u. eine Menge anderer Bekannte; Hermann Franck hatte von 
Neapel aus dazu geschrieben, zufällig kam der Brief wirklich am 
3ten an; Mittags war ich bei Woringens mit Jordan u. Hildebrand, 
dann war Singverein, u. dann tanzten wir bis 3 Uhr in einem fort. 
Es war sehr lustig, Jordan hatte im Cotillon die schönsten Touren, 
unter anderm die, die ich sehr goutire, daß zwei Damen hinter ein 
großes weißes Tischtuch gestellt werden (das tanzende Paar muß 
das Tuch halten) und dann hält jede blos einen Finger in die Höhe, 
und die zwei Herren müssen einen von den beiden Fingern wäh- 
len u. mit der zugehörigen Dame tanzen. Schrötter hatte eine 
Tanzordnung vorgeschlagen, auf der 30 Galopps standen; oben als 

184 



Vignette hatte er mich scheuslich portraitirt, auf dem Delphin; 
griechisch costümirt mit schwarzer Cravatte, und drunter die Ver- 
se: 

O fliehe nicht den Düsselstrand, 
sonst die Musik Hegt auf dem Sand. 

Wenn ich nun noch zusetze, daß Joseph Klein mir ein Heft Lieder 
schickte, das er mir zugeeignet hatte, so ist mein Geburtstag aus 
und inwendig und ganz und gar beschrieben. - Euer Reiseplan ist 
ja höchst vortrefflich, Gott gebe viel frohe Zeit und Gelingen dazu; 
aber ob wir uns im Mai hier oder wo sonst treffen können, das 
weiß ich Dir heut durchaus noch nicht bestimmt zu sagen, denn 
ich habe noch niemals für ein Frühjahr u. Sommer so wenig oder 
so viel Pläne gehabt, wie für dieses. Es ist möglich, daß ich um diese 
Zeit in England bin, oder in Leipzig, aber bestimmt ist durchaus 
nichts; ich habe mir vorgenommen erst das Oratorium ruhig fertig 
zu machen, und dann weiter zu sehen. Dazu brauche ich aber 8 
Wochen wenigstens noch. Auch über meinen künftigen Aufent- 
halt bestimme ich eher nichts, also bitte ich schön, o Beckchen, 
schreibe mir auch nette lange Briefe ehe ich Dir melden kann was 
für eine Art Musikdirector aus mir wird; es ist curios ; wie sich Alles 
gerade so stellt, daß ich nicht recht weiß, was zum Sommer aus 
mir werden wird, wenn wir uns mal wiederhaben werde ich Euch 
Alles erzählen können, was zu schreiben jetzt kein Ende nähme. 
Hoffentlich aber sehen wir uns bald. - Mich freut's, daß meine 
neuen Lieder Deinen Bekannten gefallen; die Damen hier sind 
auch sehr dafür, und was mir noch lieber ist, Ritz mag das aus es 
dur am liebsten von allen meinen kleineren Sachen. Den lerne ich 
hier recht schätzen; es ist ein vollkommen durchgebildeter musi- 
kalischer Musiker, und wenn ihm nur Gesundheit bleibt, wird er 
es gewiß weit bringen. Das Orchester hier, so roh und wild es auch 
ist, läßt sich todt schlagen für ihn, obwohl er ihnen stärkere Sachen 
sagt, als irgendeiner, so daß er sie durch Probiren u. Reguliren u. 
Schelten seit den paar Monaten schon ungemein verbessert hat. 
Morgen Abend ist wieder Concert; folgendermaßen; die g moll 
Sinfonie von Mozart, die Gesangsscenen von Spohr gespielt von 
Lübeck, einem ganz guten Geiger hier, die Arie aus Titus mit 
obligatem Bassethorn, dann spiele ich zur Veränderung das Con- 
certstück von Weber weil ichs mit Orchester seit dem Delmar- 



185 



sehen Wohlthätigkeitsconcerte nicht gehört habe; Im zweiten 
Theil kommt die Ouvertüre aus Ali Baba, u. zwei andere Num- 
mern daraus, u. zum Schluß das Septett von Beethoven mit Lü- 
beck, Ritz etc. - Sind wir nicht sehr classisch? Nun geht das Papier 
schon zu Ende, und ich habe noch auf mehrere Fragen von Mutter 
zu antworten. [. . .] 224 

O Fanny, das ist doch ein Familienbrief geworden; ich habe jetzt 
ein Stehpult zum Schreiben, und einen langen Über-Überrock 
zum Reiten, in dem ich scheuslich aussehe; denn ein Düsseldorfer 
Schneider ist ein Schrecken der Natur - Uhlenbruch heißt dieser 
Stümper - aber er hält warm, nämlich der Rock. Ich habe in diesen 
Tagen wenig Neues componirt, nach dem Concert geht's wieder 
los. Lebewohl Fenchel u. grüß Hensel u. Luise von mir, Deinem 
Felix MB. 

fanny an Felix 225 Berlin, 17. Februar 1835 

Ich habe Dir für 2 Briefe zu danken, und will erst einmal ordent- 
lich beantworten, was zu beantworten ist. [. . .] Die beiden Stücke, 
die Du verlangt hast, sind im Begriff abzugehn, das Eine hab ich 
nur noch nicht vom Notenschreiber zurück. Was nun das Heraus- 
geben betrifft, so wollte ich Dich fragen, ob Du auch nicht verges- 
sen hast: wer nur den lieben Gott läßt walten, es gefällt mir sehr, 
u. wenn ich unter den 2 genannten zu wählen hätte, so wäre es 
»Christe du Lamm Gottes«. 226 Von »ach Gott vom« 227 gefällt mir 
ganz besonders das erste Stück, u. vorzüglich vom unisono an, wo 
es sehr ernsthaft u. schön bis nach a dur hinein geht. Die Arie ist 
wunderlich und schön wie die Worte. Aber das letzte Stück möch- 
te ich Dir stark anfechten. Du mußt nur nicht glauben, daß ich Dir 
eine retour Kutsche schicke, das ists gewiß und wahrhaftig nicht. 
Aber das fängt in fis moll an, u. schließt in a moll, oder vielmehr 
in C dur, durch wenige Modulationen hindurch, u. doch glaube 
ich hätten die Worte da die allergrößte Standhaftigkeit u. ein Be- 
harren im Choral erfordert. Wären wir beisammen, so würden 
wir uns leicht darüber verständigen, so bitte ich Dich aber, antwor- 
te mir darauf, u. sage mir inwiefern Du vielleicht seit den Paar 
Jahren, die über die Composition vergangen sind, andrer Meinung 
geworden bist. 



186 



Die Arie aus »wer nur den lieben Gott«, bringt mich darauf, Dir 
zu sagen, daß ich in mehreren Solosachen Deiner kleinen geistli- 
chen Musiken eine Art von Gewohnheit finde, die ich nicht gern 
Manier nennen möchte, u. nicht recht zu benennen weiß, nämlich 
etwas übereinfaches, welches mir Dir nicht ganz natürlich zu seyn 
scheint, eine Art von kurzen Rhythmen z.B., die etwas Kindliches, 
aber auch etwas Kindisches haben, u. mir der ganzen Gattung 
sowohl, als auch Deiner ernsten Art die Chöre zu behandeln, nicht 
ganz angemessen scheint. Ich habe hier vorzüglich die Arie aus der 
Weihnachtsmusik 228 im Sinn, wo ich mir wohl denken kann, wie 
Du dazu gekommen bist, aber auch in mehreren andern scheint 
mir das Prinzip das Nämliche zu seyn. Wenn es Zeit hätte, bis wir 
uns sehn, so wäre es wohl hübsch, wenn wir die Auswahl zusam- 
men machen könnten, denn ich habe nicht alle die Musiken, die 
ich nicht besitze, genug im Kopf, um Dir meinen weisen Rath zu 
ertheilen. 

Hab Dank für die ordentliche Critik meines Quartetts 229 . Wirst 
Du es einmal spielen lassen? Weißt Du, ich finde, wir schreiben 
uns jetzt sehr ordentliche Briefe; vielleicht nicht ganz so lustig, als 
da ich mit Beckchen zusammensaß, und eine der andern immer 
zu tollerem Zeuge die Feder aus der Hand nahm, aber vernünftig 
über ordentliche Gegenstände. Mir ist es ganz recht, wenn es dabei 
bleibt. 

Die ganze vorige Woche konnte ich Dir nicht schreiben, weil ich 
sehr fleißig Dein Rondo brillant 230 einstudirt habe. Dies ist nun 
gestern, Sonntag Vormittag, mit doppeltem Quartett u. Contra- 
baßbegleitung vom Stapel gelaufen, unter allgemeinem Beifall, u. 
ich war toll genug, es, obgleich sehr unwohl, hustend, u. matt wie 
eine Fliege, zweimal zu spielen, solche Lust hatte ich daran. 
Ich habe eine Arie für den Sopran 231 gemacht, die würde Dir in 
Bezug auf Form u. Modulation besser als mein Quartett gefallen, 
sie hält sich ziemlich streng, u. zwar hatte ich sie fertig, ehe Du mir 
darüber schriebst. 

Ich habe nachgedacht, wie ich eigentlich gar nicht excentrische 
oder hypersentimentale Person zu der weichlichen Schreibart 
komme? ich glaube, es kommt daher, daß wir gerade mit Beetho- 
vens letzter Zeit jung waren, u. dessen Art u. Weise, wie 232 billig, 
sehr in uns aufgenommen haben, u. die ist doch gar zu rührend u. 

187 



eindringlich. Du hast das durchgelebt u, durchgeschrieben, u. ich 
bin drin stecken geblieben, aber ohne die Kraft, durch die Weich- 
heit allein bestehn kann u. soll. Daher glaube ich auch, hast Du 
nicht den rechten Punct über mich getroffen oder ausgesprochen. 
Es ist nicht sowohl die Schreibart, an der es fehlt, als ein gewisses 
Lebensprinzip, u. diesem Mangel zufolge sterben meine längeren 
Sachen in ihrer Jugend an Altersschwäche, es fehlt mir die Kraft, 
die Gedanken gehörig festzuhalten, ihnen die nöthige Consistenz 
zu geben. Daher gelingen mir am besten Lieder, wozu nur allen- 
falls ein hübscher Einfall ohne viel Kraft der Durchführung gehört 

fanny an felix 233 Berlin, 8. März 1835 

[. . .] Vater wird höchstwahrscheinlich in diesem Jahr noch nicht 
operiert werden können, obgleich das Uebel seit einigen Monaten 
bedeutende Fortschritte gemacht hat. [. . .] Das Licht thut ihm noch 
weh, so daß er es nicht ertragen kann, auch kann er sich in den 
Stuben noch vollkommen zurechtfinden, ja sogar, wiewohl mit 
Mühe, einige Worte lesen. Es ist übrigens unbeschreiblich, mit 
welcher Geduld, Liebenswürdigkeit und Milde er dieses Leiden 
erträgt, u. wie überhaupt mit jedem Jahr seine vortrefflichen Ei- 
genschaften mehr hervortreten, u. sein Character sanfter und gü- 
tiger wird. Wir tun natürlich alles Mögliche, ihm die Zeit zu ver- 
kürzen u. Eine von uns bleibt immer Abends zu Hause, wobei uns 
die Männer treulich Beistand leisten. [. . .] 

Ich weiß nicht, ob ich Dir neulich geschrieben habe, wo Hensels 
Bild hinkommt, [. . .] in die Garnisonkirche, der deshalb ein Paar 
Fenster zugemauert werden, gerade über dem Sängerchor. Man 
wird es von unten aus der Ferne, u. von oben nahe bei sehen 
können, u. Hensel ist in jeder Beziehung sehr mit dem Platz zu- 
frieden. Ich freue mich besonders, daß nun doch endlich eines 
seiner Werke dem Publicum ohne Weiteres zugänglich seyn wird, 
was bis jetzt noch mit keinem der Fall gewesen ist. [...] 
Kommst Du einmal wieder her, so mußt Du, dem Bilde zu Ehren, 
in der Garnisonkirche schöne Musik machen. Diese Ostern höre 
ich, soll die Passion dort gegeben werden. Es ist schade, daß Du 
ihnen nicht alle große Bachschen Musiken so schön vorgeschnit- 

188 



ten u. mit Sauce bereitet hast, denn was die Tölpel selbst versucht 
haben, ist doch spurlos wieder untergegangen. [. . .] 
Eben lese ich in der Spen. 234 Zeitung den Inhalt von Halevys Jü- 
din 235 . Lieber Felix, das ist ja wieder ein außerordentlicher Fort- 
schritt der künstlerischen Freiheit, da werden die Leute auf dem 
Theater in siedendem Oehl gebraten. Solche neue, sublime Idee 
hat Shakespeare nie gehabt. Wo wirst Du einen vernünftigen Text 
herbekommen! [...] Es ist doch kurios, was die Oper für einen 
Gang seit 20 Jahren genommen hat, u. wie sie jetzt, nach meinem 
Gefühl wenigstens, an einem Uebermaß dessen leidet, was ihr 
damals gänzlich fehlte. In Ali Baba 236 erdrücken sich die Ensem- 
blestücke immer, und mit den dicksten Ensemblestücken ist es 
schon nicht mehr gethan, sie müssen alle noch mit Chor gefüttert 
werden, seine Hebenswürdigste Eigenschaft, die rasende Lebhaf- 
tigkeit, wird am Ende ungenießbar, weil sie durch gar keine Ruhe 
mehr getragen u. unterbrochen wird. [. . .] 

fanny an felix 237 Berlin, 8. April 1835 

Es sey, bei den Pforten der Hölle, laß mich dem Alt eintragen. Wir 
werden einige Tage vor dem Musikfest eintreffen, um noch die 
letzten Proben mitzumachen [. . .] Bestelle uns also Quartier, aber 
mit der schönen Idee des Zusammen Einquartierens wird es nichts 
werden. Wir kommen nicht allein, sondern mit Sebastian u. Min- 
na, aber ohne Dienstboten, u. es ist doch ein Ding der Unmög- 
lichkeit, zu wildfremden Leuten, die nicht Wirthsleute sind, 4 
Mann hoch einzutreten, u. zu sagen: Leber Mann, da sind wir. 
Dazu gehört wenigstens rheinische 238 Unbefangenheit, die wir lei- 
der nicht haben. 

Ob Ihr mich mit Eurem flüssigen Kräuterkissen, das Ihr mit dem 
poetischen Namen Maitrank beehrt, [. . .] versöhnen werdet, das ist 
mir sehr zweifelhaft. Indessen will ich, sobald es mir schmeckt, 
gern gestehen, daß ich mich geirrt habe. 

Eins will ich Dir aber sagen, wenn Du einen ungehörigen Lärm 
von mir machst u. die Leute gar auf mein Spiel gespannt werden, 
so komm ich gar nicht. Ich habe ohnedies eine so unvernünftige 
Furcht vor Dir, (u. außerdem vor keinem Menschen weiter, außer 
ein bischen vor Vater) daß ich ja eigentlich nie in Deiner Gegen- 

189 



wart ordentlich spiele, u. z.B. accompagnieren, was ich wirklich 
gut machen kann, das weiß ich selber, würde ich nie versuchen, 
wenn Du da bist. Ich sehe schon jetzt, wie Du mich in Düsseldorf 
quälst, u. wie ich mich ängstige, u. wie ich hudle u. pfusche u. mich 
ärgere. Da nun vollends, wo sie gewöhnt sind, alles, was ich irgend 
spielen könnte, von Dir zu hören [. . .] 

felix an fanny 239 Düsseldorf, 4. Mai 1835 

Liebe Fanny, 

Dein Quartier ist bestellt, Dein Name steht auf den Altlisten in 
Cöln, nun darfst Du nicht mehr ausbleiben, sonst kommt Dir das 
ganze Pfingscomite auf den Hals. Wann wollt Ihr nun abreisen? 
Und wie sind Eure weiteren Pläne? Und wie lange Zeit kann auf 
Düsseldorf und seinen pro tempore Musikdirector gewendet wer- 
den? das sind Fragen, die Du mir nun bald beantworten mußt. In 
Cöln müssen wir übrigens zusammenwohnen, es mag biegen oder 
brechen; ich wollte uns alle bei Mumm einquartieren, der aus 
früheren Jahren [. . .] ein großer Liebling von Dir ist; aber erstlich 
wäre es darum Hensebi am Ende verdrießlich geworden (obwohl 
Mumm selbst sehr schebig ist) und zweitens, als Hauptgrund, 
bricht er sein Haus ab, und baut sich ein neues, das aber erst in 
einem Jahre ferrig wird. Das ging also nicht, vielleicht wohnen wir 
nun bei Farina, denn ein Gasthof ist in diesen Tagen, wo alle Frem- 
de los sind, unerträglich, u. man verhungert u. verdurstet und 
schläft nicht ordentlich darin. Für die Zeit, die Ihr hier zubringen 
wollt, hat mir's der alte Präsident Woringen 240 auf die Seele gebun- 
den, daß Ihr in seinem Hause wohnen müßtet, die ganze obere 
Etage u. die halbe erste stünden in den Monaten doch leer. Vater 
sei ja ganz zufrieden mit seinem Quartier gewesen, er werde mir 
es nicht vergeben, wenn ichs nicht dahin brächte, daß Ihr es thätet. 
Ich sagte, Ihr wärt vier Mann hoch; er sagte desto besser, schad daß 
es nicht mehr wären; ich sagte, es würde Dich geniren, er sagte, 
das könnte doch nur eine halbe Stunde dauern, nachher würdest 
Du schon sehen, daß Du's nicht brauchtest, ich sagte er kennte 
Euch ja alle nicht, er sagte er würde zu Pfingsten nach Cöln kom- 
men, und Euch da kennen lernen, u. da würde er Euch schon 
persuadiren, und ich sollte das nur vorläufig ankündigen. Hiermit 



190 



thu ich's. Vater wird nähere Erklärungen zu diesem passus geben 
können und Euch sagen daß solche Anerbietung gar sehr annehm- 
lich ist. Auch singt Rosa W. Deine Lieder sehr nett und Du kannst 
gleich Autorfreude in der Fremde genießen. Wäre ich Ihr, so 
schriebe ich mir nun alsbald, wann Ihr kommt, damit ich mich so 
recht positiv darauf freuen, und mir den Tag im Calender anstrei- 
chen kann. Ich meine Ihr solltet spätestens den Donnerstag vor 
Pfingsten in Cöln eintreffen; (ich gehe schon am 29sten Mai dahin) 
bis den Donnerstag drauf (also 8 Tage) da bleiben, dann fahrt Ihr 
um 7 Uhr Morgens auf dem Dampfboot mit mir hierher, seid um 
10 hier, und wie lange Ihr hier bleiben wollt bleibe Eurer eigenen 
Generosität überlassen; unter 8 Tagen nun mal auf keinen Fall, 
denn so lange dauert mein Oratorium 241 , wenn ich's Dir ordent- 
lich vorspielen soll - drüber soviel Ihr wollt. 
Mit meinen eigenen Plänen sieht es noch sehr unordentlich aus; 
daß ich die Eltern treffen will, steht fest, reisen sie also nicht, wie 
ich fast glaube, so komme ich nach Berlin und bleibe ein Paar 
Wochen da. Die Sache mit Leipzig ist so gut als in Ordnung, sie 
bewilligen mir alle meine Forderungen, wie ich sie mache, und 
würden mehr bewilligen, wenns drauf ankäme. Der Geldpunct ist 
beseitigt, bei dem halbjährlichen (!) Urlaub bleibt es, und so werde 
ich aller Wahrscheinlichkeit nach den nächsten Winter schon dort 
zubringen. Gern hätte ichs, wenn meine Anwesenheit in Berlin 
nicht gerade während Eurer Abwesenheit fiele (wenn Euch dies 
nicht gerade vielleicht erwünscht wäre, der Eltern wegen) kann es 
also sein, so ließen sich vielleicht Eure Rückreise mit meinem Ein- 
treffen in Berlin combiniren. Hierüber schreibe auch ein weises 
Wort. 

[. . .] Von meinem Zusammentreffen mit Onkel Joseph werdet Ihr 
nun schon durch ihn alles Nähere gehört haben. Ich war herzlich 
erfreut ihn so frisch, unverändert wieder zu sehen. Da ich in den 
Tagen gerade in Cöln probirte, konnte ichs einrichten auf ein Paar 
Stunden nach Bonn zu fahren; unterwegs (auf dem Dampfboot) 
legte ich die Klingemannschen Worte unter den Salomon 242 ; er 
hat mir nämlich das ganze Oratorium ziemlich übersetzt, in Ver- 
sen u. Scenen, wie das Original. Ich kam aber ziemlich müde in 
Bonn an, denn allerdings ist so ein Musikfest mit seinem vielköp- 
figen Comite ein angreifendes Thier, u. ich hatte mich schon hei- 



191 



ser gesprochen. Abends tranken wir Champagner, u. aßen Krebse, 
u. Onkel nahm den Comitebrief und die Lieder ohne Worte, die 
eigentlich noch gar nicht heraus sind. Dies Exemplar soll übrigens 
der Mde. R. Lejeune Dirichlet gehören, ich fand nur in Cöln nicht 
Zeit meine Dedication drauf zu schreiben; wenn Du auch eins 
haben willst, sollst Du Dir es hier abholen. Auch ein Kästchen eau 
de Cologne kannst Du kriegen. [. . .] 

felix an fanny 243 Düsseldorf, 30. Juni 1835 

Liebe Fanny, 

Nur weil wir Dir gestern ein bulletin versprochen schicke ich Dir 
eines, denn Gott sei Dank ist Mutters Zustand so beruhigt und 
beruhigend, wie man es nach einem so starken Anfalle 244 nur ir- 
gend wünschen u. hoffen konnte. Ich muß gleich nachher in den 
Singverein gehen, um das Concert zu probiren, das wir übermor- 
gen geben wollen; das sage ich Dir damit Du daran siehst, daß Du 
Dich ebensowenig zu ängstigen brauchst wie wir es thun. Das 
einzige ist schade, daß ich Dir nicht Mutter auf dem Sopha sitzend 
beschreiben kann, aber der Doctor hat, um größter Ruhe gewiß 
zu sein, noch einige Tage das Bett zu hüten befohlen, und eben 
zeigt es sich, daß er Recht hatte, da sie schon wieder ein wenig 
schläft, nachdem sie die ganze Nacht ruhig geschlafen u. heut wie 
gewöhnlich gefrühstückt u. geplaudert hat. Ich hoffe aber darauf 
daß sie so wenig als möglich plaudert, da die schnelle u. vollkom- 
mene Besserung ein wahres Glück ist, das so schnell gar nicht zu 
erwarten war. [. . .] Grüß Hensel u. Minna. Dein Felix M. 

fanny an felix 245 Boulogne s. m., 15. August 1835 

Dir liebes Felixchen, der Du ein halbes Meerthierchen u. ein hal- 
ber Engländer bist, will ich vom Meer aus, u. im Angesicht Eng- 
lands zuerst schreiben. Wir haben ein Paar sehr uncomfortable 
Tage zugebracht, mit schlechtem Wetter (bei Sturm u. Regen ha- 
ben wir unsere Seebäder angefangen) Wirthshausverdrießlichkei- 
ten, Hensel mit Magenkrampf, u. wir Alle mit Angst um Euch, 
denn erst gestern, den I4ten, habe ich beide Briefe aus Berlin vom 
2ten und 4ten zugleich erhalten, was mir unbegreiflich ist. Richte 



192 



Dich danach, Heber Felix, wenn wir uns wegen der Rückreise 
bereden, auf 10-12 Tage mußt Du rechnen. 
Gott sey Dank, daß die Eltern glücklich wieder angekommen sind, 
sage mir doch lieber Felix, ein Wort über Vaters Augen 246 , auf 
welchem Punkt die jetzt stehn. 

Was ihr uns über Berliner Unruhen 247 schreibt, hat uns in das 
höchste Erstaunen versetzt, indessen hoffe ich, daß sie ohne Folgen 
werden gebheben seyn, wo weder polirische, noch religiöse Be- 
weggründe da sind, kann man wol nichts Ernsthaftes fürchten. 
Wir liefen gleich hinüber in das Badeetablissement, den einzigen 
Ort, wo man Zeitungen lesen kann, wenn man so glücklich ist, 
welche zu erwischen, u. fanden wirklich im temps 400 Verwunde- 
te, ein gestürmtes Schloß u. eine so schreckliche Schilderung, daß 
wir herzlich froh waren, Euren Brief vorher gelesen zu haben. Die 
Örtlichkeiten übrigens ganz richtig angegeben. [. . .] 
8 Tage nach dem 28sten 248 haben wir den Leichenzug gesehen, der 
durch ein junges Mädchen eröffnet, u. durch einen Marschall von 
Frankreich geschlossen, ungemein rührend u. eigenthümlich war. 
Die ungeheuren Militairmassen u. die aufgefahrenen Kanonen er- 
innerten auf traurige Weise an den Ursprung dieser Feierlichkeit, 
u. an die stets vorhandenen Befürchtungen. 
Ich möchte wol hören, was Ihr in Berlin über das Preßgesetz 249 
streitet, ich fürchte sehr, sie richten sich damit zu Grunde. Wir 
waren in jenen entscheidenden Tagen fast täglich im Broglie- 
schem Hause 250 , u. es war mir interessant u. schmerzlich, die dort 
vorwaltenden Meinungen zu hören. So wie ein Jeder der Verwun- 
deten empfindlich und persönlich im eigentlichsten Sinn getroffen 
war, so suchte er auch leider die öffentliche Sache zu einer persön- 
lichen zu machen. Es schien mir sehr unklug, in einem Augen- 
blick, wo alle Feinde der Regierung außerordentliche Maaßregeln 
erwarteten, dieselben wirklich eintreten zu lassen u. ich glaube, es 
wäre grandioser u. klüger zugleich gewesen, der Gerechtigkeit ih- 
ren Lauf zu lassen, u. nicht die Presse in einem Augenblick zu 
unterdrücken, wo sie doch nicht unmittelbar gefehlt hatte. Eng- 
land existiert doch mit größeren Freiheiten. Ueberhaupt geht das 
Verbieten u. Regieren hier in manchen Punkten so weit, wie nur 
irgend in absoluten Staaten. Zum Beispiel muß man hier in Bou- 
logne, um eine Spazierfahrt auf dem Meere zu machen, 2 Erlaub- 



193 



nißscheine haben, ja es gehört eine besondere Erlaubniß dazu, sich 
einen Eimer Meerwasser holen zu lassen, wie ich von Mrs. Au- 
stin 251 weiß, welche sich an die Behörde wenden muß, um ihrem 
Mann im Hause Seebäder machen zu dürfen. Die ist nun ganz 
außer sich über diese Quälereien. Leider ist sie in diesem Augen- 
blick ganz u. gar beschäftigt mit ihrer Einrichtung, ich hoffe sie 
mehr zu sehn, wenn sie fertig seyn wird. Sie ist uns sehr freundlich, 
u. gefällt mir ihres ernsten tüchtigen Wesens wegen ungemein. 

Obwohl wir uns einige Tage lang sehr haben herumquälen müs- 
sen, bin ich doch froh, daß wir uns selbst eine Wohnung ausge- 
sucht haben, schwerlich hätte Jemand anders die Lage so unseren 
Wünschen gemäß gefunden. Wir haben Hafen u. Meer dicht vor 
der Thür, alle aus- u. einlaufenden Dampfschiffe u. zahlreiche 
Fahrzeuge aller Art müssen bei uns vorüber, die englische weiße 
Küste, u. die schwarzen Thürme von Dover können wir mit bloß- 
en Augen von unseren Fenstern aus sehn, u. unmittelbar hinter 
dem Hause erhebt sich ein Berg, an dem die Stadt terrassenförmig 
aufsteigt, u. von wo aus man eine der schönsten Aussichten hat, 
die ich je sah. Bekannte haben wir gar nicht hier gefunden, daß 
Mme. Beer 252 hier wäre, haben wir erst aus Eurem Brief erfahren, 
u. sie gleich gestern Abend aufgesucht, aber nicht getroffen. 
Wir führen ganz im Gegensatz von Paris hier ein sehr ruhiges, aber 
gesundes einförmiges Leben. Baden, Spazierengehen, Essen (ich 
vertilge viel engl. Käse) früh Schlafengehn, das sind unsre Beschäf- 
tigungen, wozu Du noch viel aus dem Fenster sehn, u. vor der 
Thür sitzen rechnen mußt. Zu der Thätigkeit, in den Salon zu 
gehn, u. dort nach einer Zeitung zu angeln 253 , erheben wir uns 
selten, dazu muß man sich erst putzen. Wo ist unser Pariser vis ä 
vis Lesecabinet, wo man für 2 sous täglichjede politische Meinung 
auf seiner Stube erfahren konnte! 

Luise ist göttlich zu behaupten, sie habe 7 u. wir 3 mal geschrieben. 
[. . .] Die Briefe, die sie über 3 geschrieben hat, will ich essen, nach 
dem Bade, wo ich Alles vertilge. Dagegen hat Minna gestern mit 
einiger Mühe 7 Briefe gerechnet, die sie seit Schöneberg geschrie- 
ben haben will. Mich würde immer der Vorwurf nicht treffen, 
denn ich habe in allem Pariser trouble immer Zeit zu langen Brie- 
fen an Euch gefunden, ebenso gut hätte Minna auch an ihre Mut- 



194 



ter 254 schreiben können. Sie ist aber zu beschäftigt mit ihren Fort- 
schritten im Franz., von denen sie gestern eine eklatante Probe 
abgelegt hat. Sie kam ganz stolz aus der Küche, u. sagte, das ganze 
Haus sey zusammen gekommen, sie zu verstehn, sie habe gesagt: 
deja un lumiere moi (soll heißen: noch ein Licht für mich). Wirk- 
lich kam einen Augenblick darauf der Bediente, u. brachte einen 
großen Topf heiß Wasser. [. . .] Lebe wohl, wie freue ich mich auf 
zu Hause! Liebe Mutter, wie sieht es in meiner Wohnung aus? 
P. S.: Seb. ist munter u. badet wie ein Fischchen, er wollte selbst 
schreiben, darum habe ich nichts von ihm gesagt, nun hat er sich 
anders besonnen. 



195 



Gewandhauskapellmeister in Leipzig 
1835 bis 1839 



1835 Im August zieht Felix von Berlin nach Leipzig. Die Familie 
Hensel kehrt im September von Frankreich nach Berlin zu- 
rück. Am 4. Oktober stirbt Wilhelm Hensels Mutter, am 19. 
November Abraham Mendelssohn mit erst 59 Jahren. Men- 
delssohn engagiert seinen Jugendfreund Ferdinand David als 
Konzertmeister des Gewandhausorchesters. Im Dezember 
wird die erste deutsche Eisenbahn zwischen Fürth und 
Nürnberg in Betrieb genommen. 

1836 Das Berliner Kammergericht verurteilt 192 Studenten wegen 
Teilnahme am Hambacher Fest zum Tode beziehungsweise 
zu langen Haftstrafen. Fanny besucht ihren Bruder in Leipzig 
und bekommt von ihm eine »Abfuhr« als Komponistin geist- 
licher Werke: Ihr Talent »neige nicht dazu«. 

Felix erhält die Ehrendoktorwürde der Universität Leipzig, 
leitet erneut das Niederrheinische Musikfest und reist im 
Sommer nach Frankfurt am Main, wo er seine zukünftige 
Frau Cecile Jeanrenaud kennenlernt. Fanny nimmt als Cho- 
ristin am Musikfest teil, leidet aber unter der Trennung von 
Mann und Kind, die zu Hause geblieben sind. Im Juni schickt 
sie einige Klavierstücke an ihren Freund Klingemann nach 
England in der Hoffnung, dort ein Publikum für ihre »klei- 
nen Sachen« zu finden. 

1837 Der Verleger Schlesinger publiziert gegen den Willen von 
Felix Fannys Lied »Die Schiffende« in einem »Album«. Das 
Bankhaus Paul Mendelssohn-Bartholdy wird in Hamburg 
gegründet. Am 28. März heiratet Felix Cecile Jeanrenaud. 
Die Hochzeit findet in Frankfurt am Main statt. Da beide 
Schwestern zu dieser Zeit schwanger sind, ist ihnen die weite 
Reise unmöglich. Fanny ist tief verstimmt, ihre Schwägerin 
noch nicht kennengelernt zu haben. Im April erleidet sie 

196 



eine Fehlgeburt. Felix erklärt seiner Mutter Lea, daß er Fan- 
ny beim Publizieren ihrer Werke nicht unterstützen wird. Im 
November reist Fanny nach Leipzig und sieht ihre Schwäge- 
rin zum ersten Mal. Die Eisenbahnlinie Dresden-Leipzig 
wird eröffnet. 

1838 Am 7. Februar wird das erste Kind von Felix, Carl Wolfgang 
Paul, geboren. Fanny tritt als Solistin des g-Moll-Konzerts 
ihres Bruders in einem Berliner Wohltätigkeitskonzert auf. 
Mendelssohn nimmt erneut die Leitung des Niederrheini- 
schen Musikfestes an und besteht darauf, daß auch Bach ins 
Programm kommt. Im Mai reist Fannys Mann Wilhelm 
Hensel nach England, wird der im Vorjahr gekrönten Queen 
Viktoria vorgestellt und erhält Gemäldebestellungen von ihr. 
Im November stirbt Rebecka Dirichlets jüngster Sohn Felix 
im Alter von dreizehn Monaten. 

1839 Auf dem Düsseldorfer Musikfest dirigiert Felix die erste un- 
gekürzte deutsche Aufführung des »Messias« von Händel. 
Fanny und Rebecka fahren mit ihren Kindern im Sommer 
zur Erholung nach Heringsdorf an der Ostsee. 



Werke von Felix 

1836 Drei Präludien und Fugen für Orgel op. 37 / Sechs Lieder 
ohne Worte für Klavier, op. 38 / Trauermarsch für Orchester 
a-Moll op. 103 / Etüde für Klavier f-Moll für Moscheies / 
Andante Es-Dur für Klavier / Lied fis-Moll für Klavier / 
Präludium f-Moll für Klavier / Drei zweistimmige Volks- 
lieder 

1837 Konzert für Klavier und Orchester d-Moll op. 40 / 42. 
Psalm »Wie der Hirsch schreit« op. 42 / Drei Steichquartet- 
te op. 44 / Album-Blatt für Klavier e-Moll op. 117 / Capric- 
cio für Klavier E-Dur op. 118 / Perpetuum mobile C-Dur 
für Klavier op. 119 / Lied ohne Worte A-Dur / Gondellied 
A-Dur 

Lieder 

»Lied einer Freundin« (Johann Wolfgang von Goethe) / »Im 

Kahn« (Heinrich Heine) 



197 



1838 Serenade und Allegro giocoso für Klavier und Orchester 
e-Moll op. 43 / Sonate für Klavier und Violoncello B-Dur 
op. 45 / Andante cantabile und Presto agitato für Klavier 
Lied 

»Oh könnt' ich zu dir fliegen« (ohne Textdichter-Angabe) 

1839 Der 95. Psalm »Kommt, laßt uns anbeten« op. 46 / Sechs 
Lieder für Vokalquartett im Freien zu singen op. 48 / Kla- 
viertrio d-Moll op. 49 /Two Psalm Tunes für vierstimmigen 
Chor / Lied ohne Worte fis-Moll für Klavier / Drei Fugen 
für Orgel 



Werke von Fanny 

1836 Lieder 

»Warum sind denn die Rosen so blaß?«, »Gleich Merlin« 
(beide Heinrich Heine) / »Wie dich die warme Luft um- 
scherzt«, »Mai«, »Des Meeres Leuchten« (alle ohne Text- 
dichter-Angabe) / »März«, »Neue Liebe, neues Leben«, 
Duett »April« (alle Johann Wolfgang von Goethe) / »Die 
Schiffende« (Ludwig Heinrich Christoph Hölty) / »Suleika« 
(Marianne von Willemer) 

1837 Für Klavier: Allegro con brio c-Moll und f-Moll, Largo es- 
pressione e-Moll, Prestissimo C-Dur, Allegro agitato g-Moll 
und f-Moll, Andante G-Dur, Allegro con spirito, Allegretto 
grazioso B-Dur 

Lieder 

»Altes Lied« (Clemens von Brentano) / »So hast du ganz und 
gar«, Duett »Sprich, o sprich«, Terzett »Winterseufzer« (alle 
ohne Textdichter-Angabe) / »Ach, die Augen sind es wie- 
der«, Duett »Im wunderschönen Monat Mai« (beide Hein- 
rich Heine) / »Wanderlied«, Terzett »Tage der Wonne, 
kommt ihr so bald« (beide Johann Wolfgang von Goethe) / 
»Bright to the place of the soul« (George Gordon Noel 
Byron) 

1838 Für Klavier: Allegro molto vivace ma con sentimento 
Es-Dur, Etüde g-Moll, Notturno g-Moll, Allegro di molto 
d-Moll, Allegro grazioso B-Dur 

198 



Lieder 

»Fichtenbaum und Palme«, »Ich wandle unter Bäumen«, 
»Das Meer erglänzte weit hinaus«, Duett »Wenn ich in deine 
Augen seh« (alle Heinrich Heine) / »Die Mainacht« (Ludwig 
Heinrich Christoph Hölty) / Duett »Blumenlied« (ohne 
Textdichter-Angabe) 
1839 Lieder 

»Sehnsucht« (Johann Wblfgang von Goethe) /»Verschiedene 
Trauer« (Anastasius Grün) / »Schloß Liebeneck« (ohne Text- 
dichter-Angabe) 



199 



fanny an felix Berlin, 29. Oktober 1835 

Mein liebes Felixchen, seit Deiner Abreise 2 ist Tag um Tag ver- 
gangen, u. ich habe mich nicht stimmen können, Dir zu schreiben. 
Das liebe Leipzig giebt einem durch angenehme Nähe so die 
Empfindung, als könntest Du etwa einmal zur Thüre herein tre- 
ten, u. da kommen täglich Leute, die Dich gesehen, von Dir gehört 
etcet, es ist gar hübsch. Wäre nur eine Eisenbahn dahin, dann wäre 
es gar ein Spaß. Dein Hauser 3 ist ein lieber Mensch, u. wird bei 
uns schrecklich verhätschelt. Du weißt, das können wir, wenn wir 
Einen mögen. Morgen tritt er als Diable 4 auf, u. hat so höllische 
Moran 5 , daß wir Alle mit ihm bange sind. Ach es war nicht seine 
Wahl, ist uns aber heb für ihn, denn es wird eine Knallvorstellung. 
Eichberger 6 tritt mit ihm auf, u. die großen Eislers 7 , König, sonsti- 
ger Hof u. unsre lieben Freunde, die russischen Offiziere werden 
drin sein, u. so Gott will, wird es ihm gelingen. Wäre nur das 
Theater ein Zimmer, u. die große Oper ein deutsches Lied, das 
kann man nicht besser singen als er, so wie seine Stimme wunder- 
schön zum Ciavier klingt. Ich habe mich ganz in ein Lied v. Haupt- 
mann 8 verhebt: komm heraus, tritt aus dem Haus. Wie Du mich 
aber, seit Du Hauser kennst, hast behäbig nennen können, weiß 
ich nicht. Er hat ja alle Behäbigkeit der Welt in sich geschluckt, so 
daß für einen anderen ehrlichen Menschen gar nichts übrig gebhe- 
ben ist. [. . .] 



fanny an felix 9 Berlin, 3. November 1835 

(Katalog der von Felix in Berlin Unterlassenen und nach Leipzig zu schic- 
kenden Sachen) 

Eine blecherne Büchse. Sieht abentheuerlich aus 
Eine Lichtputze 
Ein Liszt 

2 P. Tassen gr. u. klein 
1 eigelber Eierbecher 

1 Flacon mit anscheinend flüchtigem Salze für ohnmächtige Da- 
men 

1 Pomadetöpfchen 
iGlas 



200 



i Räuber, nachdenklich 

i Gabel nicht zum Essen 

i Skizze aus der Düsseldorfer Schule 

i Beethoven, Rubens, Rembrandt, Mozart 

Patent von der Academie. (Mach Schobbes 10 davon) 

rothes Sammtkissen worauf ein Lorbeerkranz sitzt 

alte Brieftasche 

Pack Briefe 

Paul als Basrelief 

noch ein Flacon für die Damen, die späterhin ohnmächtig werden 

Perspectiv 

[••■] 

i Clavierstuhl 

i Notenpult 

i Hängepult 

i Tuschkasten ohne Tusche 

Bücherne Sachen. 

Buttmann Griech. Grammatik 

Brem. Latein. Schulbuch 

Bröder Grammatik 

Breslauer Dichter 

Bailey Fahrenkrüger Lexicon 

Bayern, König von Gedichte 

Beranger Chansons. 2 B. 

Cervantes 3 B. 

Cervantes Don Quixote span. 5 B. 

Chaucer Tales. 

Eulenspiegel Till. 

Eschylus v. Droysen 2 B. 

Entrop röm. Geschichte 

Fük engl. Sprachlehre 

Florines Geist 

Flaxmann Kupfer 2 B. 

Gil Blas 4B. 

Grillparzer Goldenes Vlies. 

Geliert Oden 

Goethe. Hermann u. Doroth. Prachtexemplar 

Gans über Seydelmann 



201 



HerodotiB. 

Heyse Verslehre 

Hefte. Universitäts i B. 

Jean Paul Leben 2.34-ter B. 

Immermann Schriften 4 B. 

Immermann Friedrich IL 

Kreuser Die Overstolzen! 

Campe Columbus / Thomas Campen /. 

Lanjuinais Notice. / Lafontaine cont. 2 B. / 

Musäus Volksmärchen 3.51er B. 

Milton poet. W. 3 B. 

Musikal. Anekdoten 

Moliere 7 B. 1 

Milton 1 B. 

Musee de Paris catal. 

O/V/2B. 

Phädrus Fabeln 

Piaton Gastmahl gr. 

Piaton 3.8B. 

Rückert Gedichte. Gehören Kreuser! 

Rahel 

Rost griech. Wörterb. 

Shakespeare Beauties of 

Shakespeare v. Meyer 2ter B. 

Scheller Lexicon 

Schiller Ged. 1 B. 

Stammbuch ein langes 

Statut des Düsseid. Vereins 

Tasso 2 B. 

Taschenbuch 1801 

Terenz 

Tibull 

Vicar of Wakefield 

Westminsterabbey 

Xenophon Cyropädie 

Zelter Faschs Biographie 

Notene Sachen 

Bach: Aus tiefer Noth, Herr gehe nicht, Gottes Zeit, Passion Parti- 



202 



tur, Litanei, Messe g Dur, Musikal. Opfer, Nimm was Dein ist, 

Lob, Ehre, Ein feste Burg, Wohltemp. Cl. i B., H. Deine Augen 

Beethoven Concert d. m. Stimmen [. . .] 

Cherubini 2 Messen. Wasserträger 

Chopin Notturni 

Händel Salomon 

Hiller 2 Quatuors, 2 Liederhefte, Etudes 

Haydn Jahreszeiten 

Mendelssohn Camacho, leeres Notenbuch, Altes Compositions- 

buch, dito, Stimmen zu Camacho, Sommernachtstr. St., Ouvertüre 

c. St., Liederspiel St., Fuga St., Concert g m St., Kyrie St., Octett St., 

2 Doppelconcerte St., Ouvert. Melusine St., Walpurgisnacht St. 

Marx Motetten, Morgengesang d. Parsen St. 

Reichardt Morgenges. Part. 

Spohr engl. Cantaten 

Schnyder v. Wartensee Fortunat 

Stimmen der Passion v. Bach 

Solostimmen: 

Petrus 

Pontifex 

Judas 

Pilatus 

2 Sopran 

iAlt 

1 Tenor 

ister Chor: 

21 Sopran 

17 Alt 

16 Tenor 

14 Baß 

2ter Chor: 

16 Sopran 

16 Alt 

16 Tenor 

16 Baß 



203 



fanny an Felix 11 Berlin, 9. November 1835 

Es thut mir leid, daß ich nicht gleich alle Deine Aufträge ausführen 
kann, lieber Felix. Die Ouvertüre zur Medea 12 habe ich trotz allen 
Schickens u. Schreibens noch nicht erhalten können, sobald ich sie 
habe, geht sie ab. Die Partitur v. Haydn, u. ein Stück aus Medea 
bringt Dir der Dr. Reiter mit diesem Brief. Und hier ist die Stelle 
aus der as-dur-Sonate. 13 [. . .] Hauser sang gestern Abend wunder- 
schön, ich habe wirklich nie eine weichere, ich möchte sagen rüh- 
rendere Baßstimme gehört, die Tenore haben das wol eher, daß es 
Einem wunderlich ums Herz wird beim Klang ihrer Stimme. Hast 
Du einmal die Arie v. Mozart: Metre ti lascio, o figlia 14 , von ihm 
gehört? Diese, nebst dem Liede v. Hauptmann u. dem aus dem 
Wasserträger 15 , bilden das Haupt- u. Lieblingsrepertoir. Heut hat 
sich die Haehnel zu Tisch anmelden lassen, Hauser ißt auch bei 
uns, wenn es erst Eisenbahn zu Dir giebt, lade ich Dich früh ein, 
u. Du kommst Mittag, u. isst ein Lieblingsgericht. Hauser ist eben 
ein solcher Lecker, wie Du, über Confituren kann er komplett in 
Enthusiasmus gerathen. Woringens schreiben von einem Düssel- 
dorfer Gerücht, daß Immermann nach Leipzig als Director 16 
käme. Ich hoffe, es ist nicht wahr, es würde Dir doch gewiß sehr 
unangenehm seyn. Ich kann mir übrigens denken, daß die Malice 
Antheil an einem solchen Entschluß seinerseits hätte. [. . .] 

felix an fanny 17 Leipzig, 13. November 1835 

Dank für Deine Briefe, lieber Fenchel, u. da Du einen aparten 
Brief von mir haben willst, so erscheint hier einer, aber dafür mußt 
Du auch künftig viel ausführlicher und länger schreiben, als bisher, 
sonst begebe ich mich wieder an einen Familienbrief. Das ist über- 
haupt ein gut Ding damit, Ihr antwortet dann alle apart, u. ich 
kriege 4 Briefe für einen; aber wie gesagt, schreibe lang und breit. 
Der Catalog 18 hat mich noch lachen gemacht, als ich schon im Bette 
lag, u. das Licht ausgeputzt hatte; die abentheuerliche blecherne 
Büchse gefällt mir sehr. Es war sonst Thee darin, und ich fand im- 
mer, die Büchse sehe wie die Böhmische Kirche aus. Ist denn aber 
der Catalog auch recht genau, Fenchel? Oder ist er mehr schön, als 
wahr? denn ich vermisse darin unter anderem alle meine Brief- 



204 



schaffen, in verschiedene Pakete geordnet, die in der Kiste waren. 
Habt Ihr die nicht drin gefunden, u. was habt Ihr damit gemacht? 
Tiefe Stille herrscht drüber im Wasser. - Dr. Reiter kam ganz ent- 
zückt von Eurer Aufnahme hier an; über Vater ist er in einem wah- 
ren Enthusiasmus. 19 Dafür kann ich aber nicht verschmerzen, daß 
Hr. Limburger 20 am meisten begeistert von Walter, 21 dann von Se- 
bastian, u. dann von Deinem Clavierspiel sprach. Er sagte, Du soll- 
test eine reisende Künstlerinn sein, Du würdest die anderen todt 
spielen. Ich sagte pourquoi? denn mich fror sehr, es war auf der 
Concerttreppe gestern Abend, u. er wurde gar nicht fertig mit Er- 
zählungen von Eurer Liebenswürdigkeit. Nach meinen neusten 
astronomischen Beobachtungen schminkt er sich nicht; denn ich 
bemerkte jenes Abendroth oft erst wenn er sich durch Singen oder 
sonst echauffirte, auch Heß es nach u. nahm wieder zu, und somit 
schließe ich es für Natur, nicht Kunst; dies habe ich mir nach un- 
zähligen Beobachtungen herauscalculirt, u. nun reist er nachBerlin 
u. Ihr fallt gleich nach dem ersten flüchtigen Überblick drüber her, 
u. wollt mich irre machen - rechte Charivaris und Figaro's. 
Daß Immermann hieher kommen soll, ist ein Gerücht, als ob man 
sagte, Dirichlet würde Organist; es ist kein Gedanke dran. Übri- 
gens komme ich hier mit dem Theater in so wenig, oder in gar 
keine Berührung, daß mirs gleichgültig wäre. Pbris ist jetzt hier mit 
Francilla. 22 Wenn ich sagen sollte, daß er mir einen guten Eindruck 
gemacht hätte, so müßte ich lügen. Ein rechtes Bild eines speku- 
lierenden, geizigen Musikers - also ein trauriges. Er ist auf kein 
anderes Gespräch zu bringen, als auf Geldsachen, auf Geldpläne, 
u. Geldverluste - und wär's noch sein eigenes, daß ersieh verdient, 
aber so verdient er's mit der Francilla 23 , die er deshalb vor 5 Jahren 
schon adoptirt hat, u. die nun von Kopf bis Fuß nichts als eine 
Musikerspeculation ist. Die mag nun gelungen sein, oder nicht, so 
ennuyirt michs; mein Interesse an ihr könnte erst anfangen, wenn 
sie sich mit Pixis um's Geld recht tüchtig zankte, oder gar wegliefe, 
aber so ist's gar zu jämmerlich. Sie soll übrigens schön singen, u. 
achtet mich sehr - das hilft mir aber gar nichts, wie gesagt. 
Montag ist ihr Concert, wo abermals meine Hebriden dran müs- 
sen; u. dann muß ich ihr alle Arien dirigiren, von vorn bis hinten 
colla parte - aber dafür kriegen meine Orchesterwithwen wieder 
3 Thaler. 



205 



Denk Dir, Fanny, bei Wiecks Concert neulich 24 hörte ich meinem 
h moll Capriccio 25 zum erstenmale zu (Clara spielte es wie ein 
Teufelchen) und es hat mir sehr gut gefallen. Ich war eigentlich 
ganz verwundert drüber, denn ich hielt es für ein sehr dummes 
Ding, seit Du u. Marx sehr darauf geschimpft, aber es klingt wahr- 
haftig lustig mit dem Orchester, u. scheint mir lange frisch für ein 
Concertding. Ich glaube, es ist hübscher, als das aus es, Du glaubst 
aber das Gegentheil, glaube ich. Montag über 8 Tage kommt im 
Musikerconcert meine Melusine, darauf freue ich mich. 
Aber nun zieht sich der Brief einen Frack an, u. wird ein Geburts- 
tagsbrief, denn er kommt ja morgen an, u. kann gleich selbst gra- 
tuliren. Mein lieber Fenchel, sei sehr wohl und sehr glücklich an 
dem Tag u. im Jahre das folgt, u. denke Deines musikdirigierenden 
Bruders oft. Du weißt am i4ten Nov. machte ich immer gern 
irgend was Ordentliches fertig, um es zu Füßen legen zu können, 
als gutes Omen. Aber diesmal hält mich der fatale Schnupfen u. 
Husten vom Arbeiten ab, u. ich habe nur löschen können die 
ganze Woche. Aber das Herz ist grasgrün u. wünscht Dir u. Hensel 
u. Sebastian recht vieles u. alles Glück, u. einen vergnügten Ge- 
burtstag. Lebwohl, Cantor, u. bleibe mir gut. Dein Felix MB. 

fanny an Felix 26 Berlin, 18. November 1835 

Dank für Deinen Brief, lieber Clown, ich setze mich eilends her 27 
ihn bestens zu beantworten, sitze auf Deinem Ciavierstuhl, den 
ich vor meinen Schreibtisch gestellt habe, u. denke behaglich Dei- 
ner. Hauser sitzt auf dem Sopha u. hat Kopfschmerzen u. spricht 
schon seit gestern Nachmittag kein Wort. Sage es aber seiner Frau 
nicht, denn es hat keineswegs etwas zu sagen, er ist nebenbei der 
erste Hypochonder Deutschlands. Was er zusammenschleppen 
läßt von Mitteln, Senf und Meere ttig u. eine Prise u. Eihäute 28 auf 
seine schlimme Nase, u. Apfelwasser in Eimern, Leinsamenthee 
u. Hafergrütze, u. Fußbäder u. den Teufel u. seine Großmutter. 
[...] Abends schläft er um 8 Uhr ein, u. dann wird er entweder 
gekniffen oder zu Bett geschickt. Wenn er sich aber aus seiner 
Faulheit u. Hypochondrie aufrafft u. bei Stimme ist, singt er wirk- 
lich wunderschön. 
Ich habe Sonntag meine Musiken wieder angefangen u. liebster 

206 



Gott, wann werd' ich sterben, u. Herr, gehe nicht ins Gericht 29 
singen lassen, das Rezit. aus dieser Cantate: Wohl aber dem (der 
einen Bürgen weiß), sang Hauser wunderschön u. mit allgemei- 
nem Beifall. Es war überhaupt sehr gut besetzt u. ich habe Freude 
dran. Das nächste Mal denke ich mich zu erfrechen, Dein Concert 
zu spielen, ich will einmal sehn, ob es beißt. Gewiß bin ich der 
Meinung, daß das es-Dur-Rondo zehnmal besser ist, als das aus 
h 30 , Du hast über den Verfasser kein Urtheil. Und hier komme ich 
mit einem Sprunge auf Dein Verzeichnis. Seine Schönheit muß 
Dich so geblendet haben, daß Du gänzlich folgenden Artikel über- 
sehen hast, der mit allen Buchstaben drin steht: 8 Pack Briefe. Ich 
will ihn aber bei dieser Gelegenheit dahin berichtigen, daß es 7 
Pack Briefe sind, u. das 8te laut Aufschrift Brieftaschen und Klei- 
nigkeiten enthält, die wir nicht untersuchen wollten. Ich habe sie 
Alle in einen Schrank geschlossen, von wo sie das Tageslicht nicht 
wieder erblicken werden, bis Du sie einmal abforderst. Nimm 
aber bei dieser Veranlassung zugleich das Geständniß, daß als mir 
beim Auspacken der Kiste das erste dieser Pakete in die Hände fiel, 
ich es unbesonnen erbrach, ohne nach der Aufschrift zu sehn. Ich 
gebe Dir aber mein Ehrenwort, daß ich keinen einzigen Brief auch 
nur von außen besehn, sondern ins Paket, als ob es brennte, bei 
Seite geschoben habe. (Hauser schläft). Noch muß ich bemerken, 
daß von zahlreichen Stimmen, die wir verzeichnet haben, fast kei- 
ne Partie vollständig ist. Überdies ist das Verzeichniß, das gar keine 
Ansprüche auf Schönheit macht, durch seine raisonnirende Treue 
bemerkenswerth, u. der Graf mag seine Diener loben. 
Nun höre aber, in welcher traurigen Alternative 31 ich mich befin- 
de. Als Dein Limburger Baumeister oder Baumeister Limburger 
hier war u. ich ihm vorspielen sollte, brachte ich unter andern die 
etudes v. Cramer 32 mit hinüber u. spielte Einige, die mißfielen aber 
Vater sehr. Ich versicherte ihm indeß, er müsse sie alle hören, sonst 
machtest Du mich Weihnachten todt, u. er mache mich vor Weih- 
nachten todt, wenn ich sie Alle spiele, sagte er. Welchen Todes soll 
ich nun sterben? 

Sebastian sagte neulich zu der Dir wol noch von Alters her be- 
kannten Freistädt munter, daß wir ein Concert machen. Was sol- 
len wir vornehmen, Beethoven oder Onkel Felix? Das arme Kerl- 
chen hat schon sehr lange den Husten, u. er u. wir schlafen keine 



207 



Nacht ungestört. Uebrigens ist fast kein Mensch gesund, das ganz 
ungewöhnliche Wetter mag wol mit Schuld seyn. 
Wenn Pixis in Leipzig ist, so ist Mme. Camilla Pleyel hier 33 , ich 
bin neugierig auf sie als schöne Frau u. gute Ciavierspielerin. Gute 
Sitten braucht man ja von ihr nicht zu lernen 34 . Zu Deiner Melu- 
sine möchte ich schon nach Leipzig kommen, wenn nur, wenn, 
wenn alle meine wenn nicht wären. Schick mir doch die Partitur 
von Deiner Walpurgis, die Stimmen hab ich hier, ich möchte ein- 
mal was draus singen lassen. Du schickst mir auch nichts. Die 
Stücke, die ich mir aussuchen durfte, u. Du mir abschreiben lassen 
wolltest, jetzt stecken sie längst wieder in der rothen Mappe, Du 
weißt sie nicht mehr, u. ich muß erst wieder nach Leipzig kom- 
men, u. sie noch einmal aussuchen. O Clown, u. nicht ein Wort 
schreibst Du, ob Du die Ouvertüre zu Medea bekommen habest, 
die eine Stunde nach Abreise des Dr. Reiter eintraf, u. ihm einen 
Tag drauf in Deine Arme nacheilte. [. . .] Hier wird fortwährend 
Hauser für Hensel gehalten, eben hat das Stück wieder gespielt. Er 
schläft aber nun nicht mehr, denn es kam ein Besuch u. störte ihn, 
sonst stünde ich Dir dafür. 

Hensel grüßt. Er hat mir zu meinem Geburtstag die Farbenskizze 
der Mirjam 35 geschenkt, die mir außerordentlich gefällt. Ich bin 
überhaupt sehr schön beschenkt worden. Unter anderm mit ei- 
nem And. v. Beethoven aus f-dur 36 , das ich gar nicht kannte, aber 
wunderschön finde. Du sollst es in Düsseldorf gespielt haben. 

fanny an felix 37 Berlin, 20. November 1835 

Es geht Mutter gut, Ihr Gehebten! 38 ganz über jede billige Erwar- 
tung gut. Ihr Herzschlag ist so gemäßigt, daß ich ihn eben suchen 
mußte. Von uns Anderen braucht die Rede nicht zu seyn, wir sind 
jung und können ertragen. Ich habe Dir, mein Felix, nie einen 
größeren Beweis von Liebe gegeben, als jetzt, daß ich Dir meinen 
Mann in dem Augenblick schickte. So Gott will, hat es seine Früch- 
te getragen, und Du kömmst uns ruhig und gesund. Falls Ihr 
Nachts kommt, diene zur Nachricht, daß die graue Stube für Felix 
bereitet ist. Er kann durch die kleine Thür, die grüne und die gelbe 
Stube gehn, Wilhelm hat ja Hausschlüssel und Drücker mit. Seba- 
stian grüßt seinen Vater. Lebt wohl! 

208 



(Nachschrift von Rebecka): 

Gott erhalte Dich uns, mein Felix. Mutter ist so ruhig als möglich, 

wir müssen es ertragen. Leb wohl, wo möglich auf Wiedersehen. 



fanny an felix 39 Berlin, 10. Dezember 1835 

Du läßt gar nichts von Dir hören, lieber Felix! Wie geht es Dir, 
was machst Du? Wir hoffen auch auf Nachricht durch Hauser, der 
Dir die neuesten von uns gebracht hat, u. erfahren nichts. 
Der heutige Tag wird Dir schwer seyn, wie uns. Er ist aus einem 
heiteren Freudentag zu einem ernsten memento mori gewor- 
den 40 . Allein das Glück haben wir gehabt, u. nichts kann uns die 
Erinnerung daran rauben. Haltet mein Andenken in Ehren. Das 
thun wir u. wollen versuchen es so zu thun, daß wir unser Leben 
lang ein Beispiel vor Augen haben, das heißt, in seinem Sinne 
handeln. 

Rebecka schläft heut zum ersten mal vorn, u. ist sehr mit ihrem 
Umzug beschäftigt. Mutter will Dir selbst einige Zeilen schreiben. 
Wie ist Davids erstes Auftreten abgelaufen? 41 
Lebe wohl, liebster Bruder, u. schreibe bald. Mittwoch reist Paul 
zu Dir, wenn die Kälte so anhält, werdet ihr leiden. Fanny. 



fanny an felix 42 Berlin, 31. Dezember 1835 

Mein lieber Felix, ich weiß Dir wenig zu sagen, denn wenn ich 
auch hinzufüge, daß mir noch fast kein Abschied so schwer gewor- 
den ist, so bin ich erst die Dritte, die es sagt, u. es ist doch darum 
nicht weniger wahr. Als ich hinüberkam, fand ich Sebastian noch 
in Thränen um Dich. Er ist jetzt, bis auf einen Rest Husten, sehr 
wohl, schläft u. isst eben mit vielem Appetit sein Mittagbrodt. 
Ich fühle es seit dem Unglück immer tiefer, daß wir nicht zusam- 
men leben. Man hofft u. projektirt, u. mit einem Mal ists aus. Der 
Gedanke war mir nie so nah gekommen. Nun ists schon im 7ten 
Jahr, daß wir nicht mehr dauernd zusammen sind. Könnt es doch 
anders seyn! Bis dahin bin ich immer noch mit Leipzig am zufrie- 
densten, wo man sich wenigstens in einem Tage erreichen kann. 
Leb wohl, mein Alter [. . .] 



209 



fanny an felix Berlin, 5. Januar 183 6 

Mutter hat mich gestern nicht mitgenommen, da muß ich denn 
allein nachlaufen, u. sehen, ob ich die Post einholen kann. 
Wir haben das neue Jahr schlecht genug angefangen, mit doppel- 
tem Köchinnenwechsel (wärst oder hättest Du eine Frau, so wür- 
dest Du wissen, was das heißt, in drei Tagen drei Köchinnen zu 
haben) einem kranken Mann, Hensel lag den 2ten zu Bett, u. sol- 
chem Hauskreuz. Gott gebe uns ein wenig Ruhe, wir könnens 
brauchen. 

In den Te 44 Deums habe ich fleißig gespielt, u. tiefsinnige Betrach- 
tungen angestellt, welche durch die darübergestelltenjahreszahlen 
sehr erleichtert wurden, wie die früheren weit gewissenhafter u. 
formbelasteter, die späteren, besonders das Dettinger, frei u. Hän- 
delsch eingenhümlicher erscheint. Sehr hebe ich das to thee all 
angels cry aloud. Indessen kenne ich sie noch nicht Alle, u. werde 
Dir weiter darüber schreiben. 

9ten. Wenn ein Brief von mir 2 Tage Hegen bleibt, kommt er mir 
so abscheulich dumm vor, daß ich ihn in den meisten Fällen gar 
nicht abschicke. Indessen, wenn ich mich bedenke und fasse, sehe 
ich wohl, daß ich schwerlich am <?ten einen besseren Brief schrei- 
ben würde, als am 5ten, u. wenn dann, eh er bis zum uten Hegen 
bleiben müßte, finge ich abermals einen neuen an, u. so fort. 
Uebermorgen woUen wir eine Paulussitzung halten, mit 
Devrients u. Woringen. Hauser ist in Hypochondrie u. Schmerz 45 
begraben, u. ich glaube jetzt nicht, daß sein Aufenthalt hier irgend 
eine AnnehmHchkeit für uns haben wird, er ist zu wunderlich. 
Heut vor 8 Wochen ergötzte sich Vater sehr an seinem Gesänge. 
Geht es Dir auch so? Mich überfällt so oft die Erinnerung an ihn, 
wie an einen Entfernten, so daß ich denke: ich hab ihn ja so lange 
nicht gesehn, u. dann kommt erst die Wahrheit nach. 
Wärst Du doch hier, es ist mir gar zu wehmüthig, daß wir nun so 
auf unbestimmte Zeit aus einander sind. Ich möchte Dich so gern 
in Leipzig besuchen, fürchte aber, es wird in diesem Winter nicht 
gehen. So, nun breche ich wieder ab, u. ärgere mich morgen von 
Neuem. 

I2ten. Heut will ich nun diesen Wisch blindHngs abschicken, ohne 
ihn wieder zu lesen, ich bringe jetzt keinen ordentlichen Brief zu 



210 



Stande, obgleich Beckchen findet, es sähe bei mir aus, wie bei einer 
ästhetischen Dame. 

Meine Wohnung ist wunderhübsch, mit den schönen Kupfersti- 
chen, Noten, Instrument u. Schreibtisch, es ist mir aber doch nicht 
so ganz heimlich drin, weil Du es nicht kennst, u. es gehört gar zu 
nothwendig zu meinem Leben, daß Du Alles darin kennst u. gut 
heißest, darum ist es mir auch so leid, wirklich nicht aus Eitelkeit, 
daß ich Dir schon so lange nichts Musikalisches recht habe zu 
Dank machen können. Habe ich es denn früher wirklich besser 
gemacht, oder warst Du nur leichter zu befriedigen? 
Unser Paulus ist wieder auf morgen verlegt. Von den drei dazu 
nöthigen Personen können heut vier nicht. Seit ich es vom Noten- 
schreiber zurück habe, spiele ich es mit Freude u. Erbauung. 46 
Vater ist mir wieder so sehr gegenwärtig dabei, als wenn ich es ihm 
vorspielen könnte. Addio. Leb wohl, grüß David, laß bald von Dir 
hören. 



FELIX an FANNY Leipzig, 30. Januar 1836 

Liebe Fanny, 

Heut endlich komme ich dazu, Dir Deine heben Briefe zu beant- 
worten, und Dich schrecklich anzufahren, daß Du im ersten 
schreibst, Du hättest mir so lange nichts zu Dank machen können, 
und mich fragst, woran das läge. Ich leugne ja das ganze factum, 
und versichere Dich, daß Du mir Alles zu Dank machst, was Du 
machst. Wenn mir zwei oder drei Sachen nach einander nicht in 
eben solchem Maße zusagten, wie andere von Dir, so scheint mir 
der Grund liegt gar nicht tiefer, als darin, daß Du jetzt weniger 
geschrieben hast als in früheren Zeiten, wo ein oder zwei Lieder, 
die mir nicht recht gefielen, so schnell gemacht, und wieder andere 
so schnell nachgeschrieben wurden, daß wir beide wenig darüber 
nachdachten, warum sie uns weniger gefielen, sondern eben dar- 
über lachten, und damit gut. Hier citiere ich nur »die Schönheit 
nicht, o Mädchen« und manche andere aus der prima maniera 
unseres Meisters, worüber wir Skandal erhoben. Dann kamen 
wieder die schönen, und so geht es jetzt auch, nur daß sie nicht so 
schnell aufeinander folgen können, weil Du jetzt oft andere Ge- 
danken haben mußt, als den, schöne Lieder zu machen. - Und das 



211 



ist wohl ein rechtes Glück. - Wenn Du aber glaubst, daß mir 
Deine neuen Compositionen irgendwie Deinen früheren nachzu- 
stehen scheinen, so irrst Du Dich ganz und gar, und ich kenne kein 
besseres Lied von Dir als das Englische aus g-moll, oder den 
S c f,l,ift A^c Liederkreises u. so «-ni«»-lie aus der neuerer ' 7 '• ;, " 'uid 
Du weißt auch, daß es früher ganze Bücher von Dir gab, die mir 
weniger Heb waren, als andere von Dir, weil ich eben mal meines 
Zeichens ein Schuhu bin, und zur wilden Nation der Brüder ge- 
höre. Wie ich aber alle Deine Sachen lieb habe, und nun gar die, 
die mir so recht ans Herz gewachsen sind, das weißt Du, und sollst 
mir umgehend schreiben, daß Du mir Unrecht thust, wenn Du 
mich für einen geschmacklosen Menschen hältst, und daß Du das 
nicht wieder thun willst. 48 

Und dann schreibst Du mir weder in dem noch im letzten Briefe, 
ein Wort über den Paulus u. die Melusine, sowie es ein College 
an den anderen schreibt, d.h. Bemerkungen über Quinten, 
Rhythmus und Stimmenführung, über Auffassung, Contrapunct 
et cetera Animalia. Das hättest Du aber thun sollen, und solltest 
es noch thun, denn wie viel mir gerade daran liegt, weißt Du, und 
beim Paulus der nun bald zum Druck fortgehen soll, würden mir 
jetzt noch Deine etwaigen Rüffel zur rechten Zeit kommen. Ich 
schreibe Dir auch deswegen heut, nur damit ich bald Antwort 
bekommen kann, denn ich bin sehr ermüdet und abgespannt vom 
gestrigen Concerte, wo ich außer dreimal Dirigieren noch das 
Mozartsche d moll Concert spielen mußte. In den ersten Satz 
machte ich eine Cadenz die mir sehr gut gelang, und nach der die 
Leipziger einen Mordlärm machten. Ich muß Dir das Ende her- 
schreiben. Du erinnerst Dich doch der 49 Thema's. Gegen das 
Ende der Cadenz kamen pianissimo Arpeggien in d moll herauf, 
dann 



dann wieder g moll Arpeggien pp, dann 



dann 



212 



-rx sj- 



Arpegg. u. 




■ fr . ' 4,- tf* - r»o>A ) ■ < yV ' :t**iffi^i? 



V ■- '^ 



etc. etc. bis zum Schluß in d moll. Im zweiten Theil sollte ich [. . .] 50 
Lieder ohne Worte spielen, die von den hiesigen Dilettanten sehr 
viel georgelt werden, aber ich kam glücklich durch, weil ich 
schwitzte wie ein Bär, und entschuldigte mich bei den Publicums. 
Das wäre alles gut u. schön, aber mir ist innerlich so trübe u. traurig 
zu Muthe, daß ichs oft gar nicht weiß, was mir helfen soll, und 
dann nur hoffe, daß es der kommende Frühling und die warmen 
Tage thun mögen. Halte Dich u. die Deinigen gesund, und grüße 
sie und bleibe mir gut 
DeinFMB 



FANNY AN FELIX 



Berlin, 3. Februar 1836 



Lieber Felix, Gott erhalte uns Dich, u. was wir sonst noch Gutes 
haben, u. schenke Dir seinen besten Segen. Was ich Dir jetzt am 
meisten wünsche, weißt Du, es möge Dir gelingen, wie so Vieles 
in Deinem Leben, Vater hat es immer lebhaft gewünscht. 52 
Den Schiller, den Du im Berliner Paket findest, nimm als ein An- 
denken von uns, diese einbändigen Editionen sind heut auf Reisen 
mitzunehmen. Du wirst aber nicht: Freude schöner Götterfunken 
daraus komponiren, ich wüßte auch für jetzt noch nicht, was sonst; 
aber so wenig ich mir hatte träumen lassen, daß sich aus den Drui- 
den 53 so herrliche Musik machen ließe, wie Du es gethan, so we- 
nig kann ich wissen, was in einem jeden Gedichtband schlummert. 
Kennst Du eine Cantate v. Bach aus e dur, die Hauser hat: Wohl 
dem, der sich auf seinen Gott recht kindlich verlassen 54 . Es ist der 
alte Choral des blinden Leiermannes, von der neuen Promenade. 



213 



Kennst Dus nicht, so lasse ich den ersten Chor abschreiben u. 
schicke ihn Dir noch nachträglich zum Geburtstag, ich finde ihn 
wunderschön, er ist so einer von den Stillen im Lande. 
[. . .] Leb wohl u. schreibe mir auch einmal. Hensel hat eine Zeich- 
nung von mir gemacht, für Mad. Ciene 55 , die darum gebeten, über 
die wieder große Parteienkämpfe im Hause waren. Dirichlet hat 
sie nicht erkannt, u. Paul ist mit Wuth dagegen, alle anderen Leute 
dagegen finden sie sehr schön u. ähnlich. 
Adieu zum zweitenmal. Gedenke Deiner Fanny. 

fanny an felix 56 Berlin, 4. Februar 1836 

Ich will Deiner Aufforderung nachkommen, u. Dir einmal einen 
ernsten Antwortbrief 57 schreiben, voller Quinten u. Faxen, aber 
nein. Wir haben gestern die anwesenden Nummern des Paulus 
gesungen, zum zweitenmal, u. bitten nun recht dringend um 
mehr, nämlich den Anfang, es geht schon sehr gut. Im Ganzen 
wüßte ich gar nichts auszusetzen, es folgt Alles schön u. natürlich 
aufeinander u. steht in gutem Verhältniß. Meine Tadel sollen nur 
Einzelheiten betreffen, u. damit Du gleich siehst, daß ich mein 
Urtheil als mein subjektives, u. nicht ä la Rezensent als unseres 
hinstellen will erzähle ich Dir gleich als ehrlicher Mann, wie er- 
baulich es ist, das bei einer Stelle die ich nicht leiden kann, 
Devrient jedesmal mit stiller Inbrunst zu sich selbst sagt: wunder- 
schön. Nun rathe, was das für eine ist. In einigen Rezitativ, (in 
denen mir übrigens, beiläufig gesagt, die Hauptkraft des Werkes 
zu hegen scheint) sind müßige oder zu moderne Stellen. Am er- 
sten, mit dem darauffolgenden Chor, Choral, u. 2ten Rezit. wüßte 
ich gar nichts auszusetzen, das Alles ist grandios u. schön. Wun- 
derschön der ganze erste Theil der Arie in b-moll, bis zu den 
Worten: Herr thue meine Lippen auf bis zum tempo primo. Die 
Stelle scheint mir matt, namentl. die Wiederholung der Worte. 
Der Schluß ist wieder sehr schön. Das folgende Rezit. fängt sehr 
schön an, so ruhig u. heiter u. gelassen. Es ist eine meiner Lieb- 
lingsstellen, bis nach den Worten: denn siehe, er betet. Die folgen- 
den Worte bis zum Tempo scheinen mir zu unbedeutend u. mo- 
dern. Ist Allegro 58 con moto nicht eine zu schnelle Bezeichnung 
für diese Stelle? Im folgenden Stück kommt die Stelle, über die ich 



214 



mit Devrient verschiedener Meinung bin. Es ist der Eintritt der 
Alte mit den Worten: denn der Herr hat es gesagt, wonach 2 Takte 
später die Soprane eben so kommen. Das scheint mir, mit der 
Begleitung zusammen, nicht recht ernsthaft. Ich glaube, Du hast 
das Thema erst als Contrathema zum ersten erfunden, u. mit dem 
zusammen klingt es auch nachher sehr schön; auch sogar allein, 
wenn die anderen Stimmen dazu kommen, nur dieser doppelte 
Eintritt auf denselben Noten will mir nicht gefallen. 
Und nun zu guter Letzt will ich mich noch gegen eine Stelle des 
letzten Sopranrezit. erklären, u. zwar gegen die Worte: und ging 
hin u. ließ sich taufen, welche mir nicht ihrer Wichtigkeit gemäß 
behandelt scheinen. 
Und nun bin ich fertig. 

Hauser u. Paul haben auch viel geschuhuht, u. wollen den Schluß 
der letzten Fuge mit dem hohen a u. dem Quartsextenaccord zu 
modern finden. Ich erklärte ihnen aber sehr bestimmt, er würde 
nicht geändert, denn er wäre wesentlich Felixsch. Natürlich 59 ist 
das Singevolk höchst erbaut, u. die Chöre singen sich sehr leicht, 
u. wir haben Alle große Freude daran, u. eine Beruhigung, daß 
Vater doch noch etwas davon in Düsseldorf gehört hat. Daß ich 
daran nicht Theil genommen, wird mir ewig leid sein. 
Sten Febr. 

Gestern waren wir zum erstenmal im Concert, u. zwar im Israel 
in Egypten, u. da habe ich wieder Grimm u. Aerger geschluckt, 
wie dieser Lump das schöne Talent der 60 Singacademie herunter 
gebracht hat. Kein einziger Stimmeneintritt in der ganzen Musik 
ging gut, u. wer sie nicht vorher kannte, war nicht im Stande auch 
nur eine Ahnung davon zu bekommen. Beständig mußte ich an 
die Orgel u. die Cöllner Chöre denken. Und nun da eine Rungen- 
hagensche Posaune, die er obligat zu Allem setzt. Den Gesang der 
Mirjam ließ er mit 2 Hörnern u. einer Pauke begleiten. Nebenbei 
ist es auch nicht wenig schade, daß die Lenz 61 , diese allerliebste 
Sängerin, ihre Stimme so ganz verloren hat. Du erinnerst Dich 
doch wie sie die Königin der Nacht sang. Jetzt kriegt sie mühsam 
fis u. g fast gar nicht mehr heraus. Ich wollte es kaum glauben, daß 
sie es wäre. 

Dabei fällt mir ein, glaubst Du denn, daß Händel selbst die Orgel 
zu seinen Sachen gespielt hat? denn da die geschriebenen Orgel- 



215 



stimmen nicht da sind, so müßte der Organist, wenn er es nicht 
selbst gewesen ist, doch wohl nur die Ziffern begleitet haben. 
Dein Mozartsches Concert möchte ich wol gehört haben. Seit 7 
Jahren, also eigentlich gerade von der Zeit Deiner vollen Ausbil- 
dung an, sind wir nun nicht mehr zusammen, u. ich habe Dich fast 
gar nicht öffentlich spielen hören, u. wären wir nicht diesen Som- 
mer nach Colin gekommen, hätte ich gar keine Anschauung von 
Deinem öffentlichen Treiben. Und hier sitzt unterdessen ein Affe, 
u. verdirbt alle Jahr 6 Concerte mit den besten Mitteln, u. so viel 
Proben, als er dazu braucht. Pfui! 

Nun will ich schließlich noch einmal auf mich zurückkommen, so 
unangenehm es auch ist, Advokat in seiner eigenen Sache zu seyn, 
wir sind ja gewohnt, rund heraus mit einander zu reden. Du hast 
in Leipzig gesagt 62 , ich möchte lieber keine geistliche Musik mehr 
machen, weil mein Talent dazu nicht neigte. Nun habe ich seit 
meiner Rückkunft oder vielmehr seit 8 T. mehrere meiner frühe- 
ren Sachen der Art durchgespielt, u. muß vorausschicken, daß ich 
der Meinung bin, es gäbe keinen strengeren Beurtheiler, als ein 
ehrlicher Mensch über seine eigenen frühen Sachen ist. Vieles, ja 
das Meiste hat mich so ennuyirt, daß ich mit Mühe die Geduld 
aufbringen konnte, es durchzuspielen. Manche aber, z.B. die Arie: 
o daß ich tausend Zungen hätte, u. einige Chöre u. Rezit. aus der 
sogenannten Choleramusik 63 , hat mir so gut gefallen, daß ich 
mich, so närrisch das klingen mag, recht daran erfreut habe, weil 
ich das für eine Probe halte 64 , wenn Einem die eigenen Sachen 
nach längerer Zeit, u. nachdem man sie ganz in Vergessenheit 
gerathen lassen, wieder gefallen. Indessen was Du sagst fällt nie 65 
bei mir auf einen steinigen Boden, u. ich bin mißtrauisch gewor- 
den, wiewol ich im Allgemeinen glaube, es jetzt besser machen zu 
können, als damals, u. mich schon dran gemacht hätte, Einiges 
umzuarbeiten, wenn nicht Dein Interdict mich störte. 
Hensel hat mir vorgestern an Deinem Geburtstag eine hübsche 
Ueberraschung gemacht, indem er in dem Hintergrund seines Bil- 
des die Figur eines Knaben gemalt, die lustig Hörn bläst, u. mit 
langen braunen Haaren Dir ähnlich ist. Ich glaube das Bild wird 
sehr schön. Vaters Bemerkungen hat er Alle noch benutzt. 
Adieu, das war mal ein ganz handwerksmäßiger Brief. Schreibe mir 
bald wieder. Kömmst Du nicht nach beendeten Concerten her? 



216 



fanny an felix Berlin, 20. Februar 1836 

Ich ziehe es vor, Dir die Noten gleich zu schicken, lieber Felix, da 
Du mir versprichst, sie bald zurückzusenden. 14 Tage sind fast zu 
wenig, für Stimmenschreiben, Leute zusammentrommeln etc. 
Aber halte auch Wort. Und bitte auch um das Rondo aus e dur 67 . 
Ist das im Pariser Album schon gedruckt? Rebecka u. ich tragen 
die Ouvertüre zur Melusine mit vielem Ausdruck schön vor, es 
wäre schon der Mühe werth, daß Du nach Berlin kömmst, um das 
zu hören. 

Ueber Davids Engagement freue ich mich herzlich, seinet- u. Dei- 
netwegen, ich glaube, es wird ein Grund mehr für Dich seyn, die 
Stelle fortzubehalten. Grüße ihn herzlich von mir u. sage ihm, er 
sey immer noch der alte Favorit, ich habe vor einigen Tagen auf 
dem Museum mit Rührung das Bild wieder gesehn, nach dem wir 
ihm vor vielen Jahren den Namen Haustürke gaben. O alte Zei- 
ten! 

Wirst Du denn nach Düsseldorf 68 gehn? Wenn ich doch hin könn- 
te! Deine polnische Judengeschichte ist sehr gut. 69 Der Kerl ist 
wirklich ein Phänomen, er macht hier Furore. Wenn ich nur be- 
greifen könnte, wie Holz auf Holz Ton geben kann. Lebe aber 
wohl. 



felix an fanny 70 Leipzig, 28. März 1836 

Liebe Fanny, 

wie herzlich Du mich durch Deinen Heben Besuch erfreut hast, 
wie schön das von Dir war, das brauche ich Dir eigentlich nicht zu 
sagen, Du weißt welche Freude Du mir gemacht hast, aber ich will 
es doch einmal mit kurzen Worten hingeschrieben haben, wie ich 
Dir dafür danke, und da steht es denn. Freilich wollte ich's gleich 
denselben Tag schreiben, u. habe Unrecht, daß ichs nicht gethan, 
aber ich bin ganz u. gar mit Arbeiten überhäuft, die jetzt so drin- 
gend werden, daß ich mich mehr zusammennehmen muß. 
Einen schönen Baumkuchen hast Du der Clique geschickt, das ist 
wahr, u. einen schönen Brief dazu geschrieben; Schleinitz 71 hatte 
uns auf den Freitag Mittag zu Schlemmers Abschiedsdiner einge- 
laden, u. da traf der Kuchen u. die Lieder dann gerade zu guter 



217 



Stunde ein, u. wir waren vergnügt darüber. Sie wollten einen so 
gewaltig schönen Brief an Dich schreiben, daß ich am Ende glau- 
be, sie haben's noch gar nicht gethan; Du solltest ein großes gol- 
denes Diplom als Mitglied des Leipziger Clubs bekommen, ferner 
gab's große Debatten wie viel Schuncks 72 u. Mathilde Clarus 73 
vom Kuchen haben sollten, David behauptete, jeder dürfe einmal 
abbeißen, mehr nicht, u. wie es nun geworden ist, weiß ich nicht 
einmal da ich wenig ausgehn kann; auf jeden Fall aber bedanke ich 
mich für mein Theil Zuckerspitzen gar sehr, u. noch mehr für das 
nette Lied aus f dur mit der Aenderung, u. das noch hübschere aus 
C dur. 74 Welche Freude Du aber den Leipziger Musikfreunden an 
dem Abend durch Dein Spiel gemacht hast, u. wie oft u. wie 
gründlich das noch durchgesprochen worden ist, das sollte ich Dir 
einmal ganz ausführlich auseinander setzen. Aber für heute nichts 
mehr, als daß mir Dein lieber Besuch sehr unvergeßlich ist, und 
daß ich Dir immer dafür von Herzen dankbar sein werde. 
Hätte ich Dich doch nur nicht den letzten Abend u. Morgen so 
angebrummt! 75 Es ist sonderbar, solange wir zusammen waren, 
dachte ich kaum daran, aber sowie ich allein im Wagen saß, fiel 
mirs schwer aufs Herz, u. ich hätte mich prügeln mögen. Ich weiß 
wohl, daß Du mir's verzeihst, aber ich hab's mir selbst immer noch 
nicht recht entschuldigen können. Indeß so war ich, u. bin ich, u. 
werde hoffentlich aber besser werden. Trotz der Kälte u. des Win- 
des kommt alles Grün unaufhaltsam, der Frühling ist bald da, u. 
dann muß ich wieder fort. Bleibe Du mir aber gut, u. gedenke 
Deines Leipziger Besuchs zuweilen mit einem Theile der Freude, 
den er mir gemacht hat. [. . .] 
Dein Felix MB 



fanny an felix Berlin, 19. April 1836 

Geliebter Felix! - 

Ich halte es wirklich für nothwendig, mich gegen Dich wegen 
meiner großen Unsolidität zu rechtfertigen, daß ich schon wieder 
Mann u. Kind verlasse, u. so viel Geld ausgebe, um meinem Ver- 
gnügen und meinem Bruder nachzujagen. 77 Ich glaube wirklich, 
ich würde der Tentation, u. selbst meines Mannes Zureden wider- 
standen haben, wenn Mutter zurückzuhalten gewesen wäre. Wir 



218 



haben unser Möglichstes gethan, da wir es wirklich von ihrer Seite 
nicht für ganz vernünftig halten können, allein das kennst Du, von 
der einen Seite nahm sie es halb übel, von der anderen achtete sie 
gar nicht darauf, dazu kamen Woringens Quälbriefe, kurz sie war 
fest entschlossen, und nun kann ich ihr doch vielleicht auf der 
, Reise von Nutzen seyn. Wenigstens gebe ich mir Mühe, mir selbst 
das als einen Grund anzuführen. Sie hat sich bei Woringens ange- 
meldet, die uns schreiben, daß Du auch da wohnen wirst. Hätte 
sie nicht diese Reiselust ein Paar Jahre früher haben können! [. . .] 
Wüßte ich nur erst, ob Dir die ganze Sache recht ist, bis dahin bin 
ich doch in einem halben Katzenjammer. 

Beckchen ist jetzt etwas peevisch 78 , daß sie nicht mit kann, u. 
schimpft, doch muß ich sagen, auch sie hat mir gerade sehr zuge- 
redet. Hätschle sie etwas in Deinem nächsten Brief. Sie hat immer 
in diesem Zustande 79 einen merklichen Mangel an guter Laune, 
doch ist es diesmal noch golden gegen das erste Mal, wo wir Alle 
in Furcht u. Zittern vor ihr waren. Sie hat gestern einen vortreffli- 
chen Witz gemacht. Es war die Rede von den zu erscheinenden 
Goetheschen Tischreden, u. von der jetzigen Druckerei u. dem 
Mißbrauch der Oeffentlichkeit, u. wie kein Mensch in der Welt 
unbefangen reden könne, wenn er wisse, jedes Wort werde [. . .] 80 
nachgeschrieben, dann Pause, worauf sie mit einem tiefen Seufzer 
anfing: denn drunten heget die Natur. Ich sagte ihr auf den Kopf 
zu, sie habe nicht gewußt, wie gut das sey, u. sie gab es zu. 



felix an fanny Leipzig, 25. April 1836 

Liebe Fanny, 

seit ich Deinen Brief vorgestern empfing, der mir die freudige 
Nachricht Deines festen Reiseentschlusses brachte, wollte u. 
konnte ich Dir nicht eher schreiben, bis ich von Mutter auf meinen 
vorigen Brief Antwort erhalten hätte. Ich hatte Furcht, Mutter 
möchte ihn mir übel nehmen, ich dachte - ich weiß nicht was. 
Nun ist gestern ihre Antwort gekommen, und so gütig und schön, 
wie ich sie freilich hätte erwarten sollen, u. nun eile ich auch Dir 
zu antworten. Vor allen Dingen aber sage Mutter meinen gerühr- 
testen Dank für die Freundlichkeit mit der sie meinen Brief auf- 



219 



genommen und erwidert hat. Es geht mit den Reiseplänen nun so 
durcheinander, daß ich nicht einmal weiß, ob ich Dich nun in 
Düsseldorf sehen werde; Franck, der einige Tage hier war u. bei 
mir wohnte wird auch nicht mitreisen können - daher schreibe 
mir nur bald, wie es nun definitiv wird. Du willst, ich soll Dir 
sagen, ob mir der Plan gefällt, das weißt Du wohl am besten; aber 
die definitiven Pläne muß ich nun bald hören; denn nächsten 
Sonntag früh um 6 muß ich fortreisen, bleibe einen Tag in Wei- 
mar, einen in Frankfurt, u. denke Sonnabend d. 7ten früh in Düs- 
seldorf zu sein, vielleicht auch erst Sonntag. In jedem Fall bitte ich 
Dich u. Mutter mir nächsten Freitag noch ein Paar Zeilen zu 
schreiben, damit ich noch Sonnabend vor meiner Abreise von hier 
Nachricht von Euch habe. Auch Pauls Brief mußt Du mir erlauben 
hierin zu beantworten. Vor allem Dank für seinen schönen Rei- 
seentschluß, eben die Versicherung, daß er einer ist, welcher mit- 
spielen soll und muß (Gerundium) auf jeden Fall einer der besten 
im Orchester, u. daß er vielleicht ans erste Pult muß, von wegen 
einer guten Stütze für den Dirigenten. Ich freue mich absonderlich 
darauf, ihn im Orchester zu sehen, u. das Comite kann sich apart 
bedanken, weil an guten Cellisten immer am meisten Mangel war. 
Die Stube bei Breidenbach 82 ist bestellt, auf seinen u. meinen Na- 
men. 

Mutter schreibt mir ich solle mich nicht in Gedanken an das Mu- 
sikfest, u. während desselben, agitiren; das wird nur allzuwenig 
diesmal der Fall sein. Weder auf das Fest selbst noch auf mein 
Oratorium kann ich mich bis jetzt ordentlich freuen; als ich Briefe 
bekam, worin mir geschrieben wurde, daß die Chöre ganz wun- 
derschön gingen, 83 hatte ich einen Moment von Plaisir, er ging 
aber auch bald vorüber, u. da ich gewöhnlich schon beim Dirigie- 
ren ziemlich gelassen bin, so wird es diesmal gewiß noch mehr der 
Fall sein. Aber Arbeit giebt es allerdings mehr als je, auch mußt 
Du drum diesen confusen Brief entschuldigen. 
Gern möchte ich einmal in meiner alten Manier das tolle Treiben 
der Musikalienhändler auf der hiesigen Messe beschreiben, wie sie 
unter ihren Walzerballen i. Hemdsärmeln stehen u. auspacken - 
aber Humor u. Zeit fehlen, u. kommen nicht wieder. Czerny hat 
mir sein 400stes Werk zugeeignet, betitelt die Kunst des Fugen- 
spiels, 24 Präludien u. Fugen. Hieraufist er selbst hergekommen; 



220 



den müßte ich auch bei der Messe mitbeschreiben. Und das viele 
junge Deutschland, was dazwischen mit herumhängt, u. verlegt 
sein möchte. Die Glocke schlägt 6 und ich muß schließen. [. . .] 

fanny an felix 84 Berlin, 28. Juni 1836 

Ich bin so lange nicht dazu gekommen, Dir zu schreiben, lieber 
Felix, daß ich mich heut, Dienstag den 28sten Juni, Nachmittags 
um 5 eigens dazu in den Garten hinsetze u. somit loslege; eigent- 
lich habe ich Dir nichts zu schreiben, denn bei uns geht es still u. 
häuslich zu, u. wieder nächstens noch viel mehr, denn heut über 
8 T. rutscht Beckchen ab 85 . Dein Frankf. Brief 86 war sehr hübsch 
u. ergötzlich, Rossini, der die h moll Messe anhört ist für mich ein 
unvergeßlich komisches Bild. 87 

Was Du über Eckermann schreibst, habe ich fast wörtlich einige 
Tage früher an Klingemann geschrieben 88 . Das Buch hält sich in- 
teressant bis zu Ende, nur daß ich finde, daß Eckerm. eigene, wahr- 
lich simple Bemerkungen immer possierlicher werden, je öfter sie 
sich wiederholen. Es ist unbegreiflich, wie jemand der Verstand 
genug hatte, Goethe ab- u. nachzuschreiben, nicht genug hat, die 
Armuth dieser raisonnements einzusehen. Ist Dir nicht aufgefal- 
len, wie manches drin ist, was Vater ebenfalls gesagt hat? Bei jeder 
Zeile mußte ich an diesen denken, was er darüber gesagt, u. wie 
er sich manches Zusammentreffens gefreut haben würde. 
Ich habe neulich den ersten Theil des Paulus singen lassen, u. wer- 
de in diesen Tagen den 2ten vornehmen. Schreibe doch, wie es 
mit der Herausgabe steht, wann er erscheint. Ferner bitte ich Dich 
um Angabe des Tempos von »siehe, wie grausam er schlug«, u. das 
der A dur Arie des Paulus: Herr sey mir gnädig, dem Mälzeischen 
Metronom, ich war im Streitpunct darüber. Es thut mir sehr leid, 
daß ich nicht vor Düsseldorf den ganzen Paulus kannte, es hat zwar 
auch seinen eigenen Reiz, die Sachen fertig kennen zu lernen, aber 
man hat doch mehr Genuß, wenn man schon voraus jede Note 
weiß, die da kommt. Ich wollte aber, Du hörtest einmal die Sppra- 
narie von der Decker, sie singt sie prächtig. 
Sebastian hat zu seinem Geburtstag einen Vogel u. eine Armbrust 
bekommen, u. sich gleich so gut ins Schießen gefunden, daß er den 
ersten Tag gleich den ganzen Vogel herunter holte. So hat er ge- 



221 



T 




Lea Mendelssohn Bartholdy 



stern zum ersten Mal boccia gespielt mit den Großen, u. es ganz 
vortrefflich gemacht. Er hat viel Geschick u. Grazie zu körperli- 
chen Uebungen 89 , so ist es allerliebst, ihn sein Gärtchen selbst be- 
gießen, hacken u. bearbeiten zu sehen 90 . Der kleine gute Dicke 91 
hilft ihm auch einzig dabei, der Junge hat ein allerliebstes Gemütli- 
chen, u. wenn er Sebastian lieber Freund, oder lieber Bruder 
nennt, so hört sich das gar niedlich an. 

Heut ist herrliches Wetter, u. einer der schönsten Tage, die wir 
noch hatten, wir haben lange von den eigensinnigen Wind u. Wet- 
terlaunen zu leiden gehabt. 

Klingemann, der Verräther, hat noch nicht geschrieben 92 , weißt 
Du was von ihm? [. . .] Grüße Tante Schlegel 93 , Veits 94 , Hiller u. 
Andre 95 , dessen gutes Gesicht ich wol einmal wieder sehn möchte. 
Daß Du ihm ähnlich gefunden wirst, ist um so sonderbarer, als Du 
eigentlich von Vater keine Aehnlichkeit hast 96 , sondern entschie- 
den wie Mutters Familie aussiehst, Sebastian hat von ihm den 
Schädelbau, worüber ich mich jeden Tag freue. Möchte ihm alles, 
was an ihm ist, ähnlich werden, was ich dazu thun kann, will ich 
mir Mühe geben, nicht zu versäumen. Ueberhaupt fällt mir oft ans 
Herz welch schwere Verantwortung man doch übernimmt, indem 
man ein Kind auferzieht. Ich kann dabei nichts thun, als das Bei- 
spiel der Eltern möglichst nachzuahmen suchen, es ist nur, so et- 
was ahmt sich nicht nach, u. die Fälle sind ja auch verschieden. 
Gott möge uns helfen, u. er wird es, nach Vaters Wahlspruch, 
wenn wir uns helfen. 

[...] Was wirst Du nach der Redaction des Paulus arbeiten? 
Nimmst Du nicht einmal die früheren Symphonien wieder vor? 



fanny an felix Berlin, 9. Juli 1836 

Ich theile einen Briefbogen zwischen Dir u. Rebecka, um Euch 
Jedem einige Zeilen zu schreiben, sie ist am Dienstag früh mit 
Walter u. ihrem Mädchen nach Eger gereist [. . .] Ihre Wohnung 
findet sie bestellt, langweilige Bekannte die Menge und so ist aus- 
gesorgt für sie. In 3 Wochen geht Dirichlet nach und dann wollen 
sie nach Salzburg [. . .] Sie war sehr wohl gestimmt vor ihrer Abrei- 
se, Mutter ists auch, wir sinds Alle. 
Von Dir haben wir schon wieder in sehr langer Zeit nichts gehört, 



223 



daß es uns lebhaft betrübt. Suche doch wieder in eine bestimmte 

Schreibordnung zu kommen, da wir doch nun leider einmal nicht 

beisammen leben können [. . .] 

Ist es nicht traurig genug, daß wir, seit Du erwachsen bist, noch 

nicht ein Jahr ruhig zusammen haben leben können? Das Leben 

geht so hin, wenn ich bedenke, wie alt wir sind, erstaune ich, u. 

weiß nicht, wo die Zeit hergekommen, wo sie geblieben, laß sie 

uns wenigstens nützen [. . .] 

Und nun nimm mir meine Weichlichkeit nicht übel, u. suche nur 

um Gottes willen keinen Grund dafür auf, es ist alles gut, alles im 

alten ruhigen Gleise, es ist mir nur heut so zu Muth [. . .] 

fanny an felix 98 Berlin, 30. Juli 1836 

Es fällt mir nicht ein, böse zu seyn, oder eigene Briefe für mich 
allein zu verlangen", liebster Felix, auch hätte ich Dir gewiß auf 
Deinen vorigen Brief schon geschrieben, allein es geschah mir, daß 
ich mich hinsetzte, Papier u. Feder nahm, u. als ich mich nun 
besann, was ich Dir schreiben sollte, nichts wußte, es ging mir, wie 
nach Humboldt den Affen, die deshalb nur nicht reden, weil sie 
nichts zu sagen haben. In Deinem letzten Brief aber ist so manches 
mir Erfreuliche, daß ich, obgleich sich seitdem nichts Erzählbares 
zugetragen hat, recht gut weiß, was Dir zu schreiben. Es hat mich 
darin unter Anderem eines jener kleinen Zusammentreffen er- 
freut, die sich in unserem Leben öfters wiederholen, u. die ich 
nicht gern Zufall nennen möchte; daß Du zum ersten seit Deiner 
Kindheit Goethes Leben 100 wieder liest, u. daß mich seit mehreren 
Wochen eben dieselbe Lektüre beschäftigt; das kommt nun wol 
bei uns Beiden durch Eckermann, allein manche Tausend Men- 
schen mögen das Buch lesen, u. doch nicht danach Goethes Leben. 
Ich dachte mir auch, wenn ich einmal wieder nach Frankfurt kom- 
me, muß ich die Stadt in Bezug auf sein Leben kennen lernen. Ich 
lese jetzt den 4ten Band Hensel vor, wie ich es auch eben mit dem 
Eckermann gemacht. 

Ferner beschäftigt mich Dein Frankfurter schönes Mädchen 101 
nicht wenig, Du glaubst nicht, was ich für Verlangen nach Deiner 
Braut habe, ich fühle so sehr, daß Dir das wohlthun wird. Ich 
könnte Dir wenn ich Sancho wäre eine ganze Menge Sprichwör- 



224 



ter anführen, um Deinen guten Entschluß zu beschleunigen: 
Frisch gewagt, ist halb gewonnen, wer das Glück hat, führt die 
Braut heim, wenn sie Dir schenken die Kuh, so lauf 102 mit dem 
Stricke zu, wer den Teufel verschlucken will, muß ihn nicht lange 
ansehn, u. noch manches Andre, was nicht hierher paßt. Ich habe 
mir nun fest in den Kopf gesetzt, Du machst diesmal Ernst, u. 
wenn Du Dich nun wie Marx 103 in Doris Zelter verliebst, u. es 
wird wieder nichts daraus, so werde ich höchst disappointed seyn. 
Dabei fällt mir ein, daß ich Dich so recht eigentlich verliebt noch 
gar nicht gesehen habe, alle Deine großen Amourschaften (siehe 
Rosalie Mendelssohns ungedruckte Werke) waren auswärts, u. ich 
bin doch gar zu neugierig wie Dir das steht. Das alles sind nun 
schlechte Spaße, aber im bittersten Ernst möchte ich gar zu sehr, 
daß Du Dich verheirathest. 

Zwei sehr hübsche angenehme Proben des Paulus habe ich gehal- 
ten, so lange die Decker hier war, nun aber strebt 104 Alles derma- 
ßen auseinander, daß ich wol glaube, ich werde die ganze Sache 
bis auf den Herbst verschieben müssen. Daß Du Dich so mit dem 
Ciavierauszug gequält hast, thut mir sehr leid, hättest Du mir nur 
einen Theil der Arbeit abgegeben, ich hätte es schon fleißig u. gut 
machen wollen. 105 

Uebrigens wird mir der Paulus bei näherer Bekanntschaft immer 
lieber, u. der schwachen Sachen, oder die mir wenigstens so vor- 
kommen, sind sehr wenige, von denen wir gesprochen haben. Ich 
bin nun sehr neugierig wie Du noch wirst geändert haben, hast 
Du wirklich noch den ersten Chor weggelassen? 106 nur nicht, der 
Du die Menschen, die Arie ist mir sehr ans Herz gewachsen. 
Mit der Musik ists hier klatriger als je. Wozu sie den Hauser en- 
gagirt haben, möchte ich schon wissen, er tritt nie auf. Ich habe, 
da es Hensel wünschte, wieder Sonntags zu spielen angefangen, 
aber Ganzens sind noch nicht hier, und mich von Alwin 107 mit 
Vergnügen begleiten zu lassen, dazu bin ich wirklich zu verwöhnt. 
Ich habe, wie der gestrenge Herr befohlen, fortgefahren Ciavier- 
stücke zu machen, u. es ist mir zum ersten Mal gelungen, etwas 
zu Stande zu bringen, das brillant klingt. Ich weiß zwar nicht ge- 
nau, was Goethe mit dem dämonischen Einfluß meint, von dem 
er zuletzt so viel spricht, 108 doch soviel ist klar, daß wenn derglei- 
chen existirt, Du es in Bezug auf mich ausübst. Ich glaube, wenn 



225 



Du mir unlängst 109 vorschlägst, ein guter Mathematiker zu wer- 
den, so würde ich keine besondere Schwierigkeit darin finden, 
ebenso wie ich morgen keine Musik mehr würde machen können, 
wenn Du meintest, ich könne keine machen. Nimm Dich daher 
mit mir in Acht. 

So wie es ein junges Deutschland giebt, so giebt es auch ein lang- 
weiliges, das Beckchen in Eger 110 u. ein odiöses, das Du in Scheve- 
ningen 111 findest. Mad. Robert u. H. v. Varnhagen können Einem 
schon die Palmen u. die Austern verhaßt machen. Verliere aber 
diesen Brief nicht am Meere, sonst findet ihn Einer von denen u. 
liebt mich dafür. 

Adieu, Hensel grüßt bestens. Heut reist Dirichlet, u. dann wird 
Mutter unser Tischgast seyn. Sie hört auch gewöhnlich zu, wenn 
ich Hensel vorlese, was mir wol Freude macht. An das Vorlesen 
knüpfen sich für mich die schönsten Erinnerungen. 
Leb wohl u. bleibe mir gut. Deine Fanny. 

fanny an Felix 112 Berlin, 15. August 1836 

Ich will mich nur eilig mit einigen Worten Mutter anschließen, 
Heber Felix 113 [...] Gott segne Dich u. lasse Dich den rechten Ent- 
schluß fassen. Wenn Du natürlich u. unbefangen menschlich han- 
delst, hast Du noch nie das Rechte verfehlt. Du bist es wohl werth, 
eheliches Glück zu genießen, u. nach allen Verhältnissen, die Du so 
schön u. vollkommen in Deinem Leben erfüllt hast, endlich dies 
kennenzulernen, welches alle andern einschließt u. übertrifft. Ich 
darf mit Recht der Ehe das Wort reden, denn ich hege die Ueber- 
zeugung, daß eheliches Glück, das heißt denn doch hauptsächlich, 
vollkommenes, gegenseitiges Zutrauen u. Freude am innerlichen, 
u. hin u. wieder dann auch am äußerlichen Gedeihen, uns im höch- 
sten Grade zu Theil geworden ist. Solches Gedeihen genießt man 
dann mit um so größerem Behagen, als man wol dabei, wie bei allen 
guten menschlichen Verhältnissen, denken kann, sie seien nicht 
eine blinde Glücksgabe, sondern man habe selbst das Seinige dazu 
gethan, u. fortwährend zu thun. Dagegen verhält sich Alles, was 
Einen sonst im Leben verdrießen mag, Publicum, Sand 114 u. dergl., 
wie mißlungene Verzierungen in einem wohl u. fest gegründetem 
Hause. Gründe Du das Deinige, u. Wohlfarth möge darin wohnen. 



226 



Ich weiß nicht, ob Du schon erfahren, u. überhaupt Sinn dafür jetzt 
hast, daß Kaselowsky 115 den großen Preis der Academie durch ein 
sehr hübsches Bild gewonnen. Er ist der glücklichste Sterbliche, 
der mir vorgekommen, die Zufriedenheit strahlt ihm vom Ge- 
sicht. Der Sieg ist um so erfreulicher, als die Concurrenz über- 
haupt nach dem allgemeinen Urtheil die beste war, die bis jetzt 
statt gefunden, u. doch ihm fast einstimmig der Preis zuerkannt 
worden. Er wird nun diesen Herbst nach Belgien u. Paris gehen, 
dort ein Jahr bleiben, u. dann nach Italien. 

Wir leben ungemein still u. ruhig mit Mutter, u. haben ganz ver- 
gessen, wie es vor der Thüre aussieht. Ich versichere Dich, wenn 
ich des Morgens aufwache, u. gar keine Plane finde, so ist mir das 
ein höchst bequemes Bewußtseyn. Ich lese Hensel viel vor, lese 
überhaupt viel, Mutter noch viel mehr. 

Kürzlich habe ich hinter einander Romane einer Französin u. 
einer Engländerin, nämlich Rose et Blanche von G. Sand 116 , u. 
marriage in high life v. D. Barry gelesen, u. den sittlichen Unter- 
schied, so unermeßlich zum Vortheil der Engländerin gefunden, 
ohne daß sie doch an Talent Jener bedeutend nachstünde, daß ichs 
gar nicht zu sagen weiß. Die französ. schöne Literatur ist in einer 
häßlichen Krise begriffen, die engl, geht einen respectablen u. ge- 
scheuten Gang, u. unsere - haben wir denn jetzt überhaupt eine? 
Lebe wohl, grüße das Meer, das ich unsäglich anbete. Eigentlich 
thut es mir leid, daß Du nicht daran wohnst, man genießt es so viel 
besser. Deine F. 



fanny an felix 117 Berlin, 19. Oktober 1836 

Ich habe Dir für ein allerliebstes Lied zu danken 118 , lieber Felix u. 
thue es von ganzem Herzen, Du hast mich sehr damit erfreut. 
Dann aber will ich mir aufs Maul schlagen, u. stilleschweigen, bis 
Du allen Leuten in der Welt u. zuletzt auch einmal mir wirst 
geschrieben haben. Man sagt gewöhnlich, wie es in den Wald hin- 
ein schallt, so schallt es auch wieder heraus, das ist aber bei uns 
nicht der Fall, ich habe diesen ganzen Sommer unaufhörlich ge- 
schallt, ohne auch nur ein einziges Echo zu hören. Nun nehme ich 
Dir das wahrhaftig nicht im Mindesten übel, ich weiß wie es bei 
Dir zugeht, indessen, da doch das Schreiben anstatt des Gesprächs 



227 



dasteht, so hat es auch die Aehnlichkeit von demselben, daß wenn 
Einer immer allein spricht er am Ende sich u. die Hörer ermüdet. 
Daß Du mir keinen vollständigen Auszug des Paulus hast schicken 
können, thut mir sehr leid, ich hätte es so gern in diesem Herbst 
noch im Gartensaal singen lassen u. daran wird nun nicht mehr zu 
denken seyn, wenn der gedruckte kommt, passen die Stimmen 
nicht, die ich habe, es müssen erst neue geschrieben werden. Hast 
Du etwas Näheres über die Aufführung in Liverpool gehört? 119 
War Klingemann dort? Sollte er darüber schreiben, so schicke uns 
doch seinen Brief. 

Von Cecilen habe ich einen Brief erhalten, zum Küssen. 120 Wäre 
ich so uneigennützig wie Mutter, so schickte ich ihn Dir, aber ich 
hüte mich wohl, Du giebst ihn doch nicht wieder. Sie schreibt mir 
auf meine Bitte die ganze Geschichte Eurer Bekanntschaft und 
Verlobung, mit einer liebenswürdigen Naivität und Einfachheit, 
daß man sie wirklich von Herzen liebgewinnen muß. Von allen 
Seiten überschüttet man uns dermaßen mit ihrem Lobe, daß 
michs nachgerade anfängt, herzlich zu langweilen, daß ich sie 
nicht kenne [. . .] 

Von der Ausstellung 121 soll ich Dir schreiben, das wird aber etwas 
schwer, da ich mir zwar wohl, Du aber schwerlich, Unparteilich- 
keit genug zutraust, die Sache wie ein anderer Zuschauer zu be- 
trachten. 

Von den französ. Land- u. Seeschaften wirst Du wol zur Genüge 
gehört haben. Wenn man so etwas nicht kennt, hört man sehr 
leicht schon zuviel davon. Soviel kann ich Dir sagen, daß sie vor- 
trefflich sind, dagegen die historischen Bilder die sie nun geschickt 
haben, nichts weniger, daß ich aber eine Franzosenmanier hier 
deutlich anmarschieren, u. sich auf den Platz der Düsseldorfer set- 
zen sehe. Die Berliner haben bei aller ihrer unleidlichen Kälte eine 
Art von Schwefelholzfeuer, das einen Augenblick brennt, u. eine 
Stunde danach stinkt, sie thun immer zu wenig oder zu viel. Von 
Hensels Bild 122 mag ich Dir nichts sagen, es hat zuviel vom Eigen- 
lob, wenn man die Seinigen lobt, u. am Ende glaubt mir Niemand, 
Du auch nicht, daß ich das Bild auch wunderschön finden würde, 
wenn es nicht von meinem Manne wäre. Sonntag kommt es zur 
Ausstellung, nebst einer Skizze u. Studienkopf zu einem sterben- 
den Moses, u. einigen Rahmen mit Zeichnungen, deren er in der 

228 



letzten Zeit wieder vortreffliche gemacht hat. Daß Moser den 
Beerschen Preis 123 gewonnen, wird Dir Mutter geschrieben ha- 
ben. Hensel läßt Dich herzlichst grüßen, u. läßt Dir sagen, es wäre 
sehr unrecht, daß Du nicht auf ein Paar Tage uns u. die Ausstellung 
besuchst. Könntest Dus, wärs sehr schön, wir sehen Dich sonst gar 
nicht als Bräutigam. Auch Cecile sähe ich gar gern als Braut, u. mit 
ihrer Mutter 124 u. Schwester. Sie wird nachher gewiß nicht weni- 
ger liebenswürdig, aber sie wird da anders seyn, ich kennte sie gern 
auf alle Weise. 

Lebe wohl, grüße sie herzlich, u. sage ihr, wenn die gehörige An- 
standszeit vorüber wäre, würde ich ihr antworten. Wenn ich mei- 
nem Hange nachlebte, so würde ich mich in demselben Augen- 
blick hinsetzen, wo ich einen Brief von ihr erhalte, um ihn sogleich 
zu beantworten, aber das schickt sich nicht, u. ich bin wohlerzo- 
gen. Deine F. 

felix an fanny 125 Leipzig, 23. Oktober 1836 

Meine Hebe Fanny, es ist wohl Unrecht, daß ich Dir so lange nicht 
einen eigenen Brief geschrieben habe, und deshalb hat mich Dein 
vorgestern angekommener doppelt gefreut; auch war ich an dem 
Tage ohnedies im Begriff an Dich zu schreiben, aber es ist doch 
nicht Recht von Dir, daß Du erst noch sagst »Du nähmest mir's 
nicht übel« und dann dazu setzst »Du würdest doch am Ende Dich 
und den Hörer ermüden.« 

Das ist wohl noch mehr Unrecht, daß Du mit mir so rechnest, als 
wenn ich so lange nicht schriebe; daß Mutter es nicht anders thut, 
und mir nur dann einen Brief schickt, wenn ich den vorigen be- 
antwortet habe, thut mir leid genug, ich meine sie müsse mich u. 
meine Liebe zu ihr doch während der 7 Jahre, die ich nun fast von 
zu Hause abwesend bin, wissen u. kennen, u. ich habe es in der 
Zeit auch wohl mit dem Correspondiren gezeigt, wie ich immer 
u. überall mit Euch war u. bin - aber daß auch Du daran noch 
irgend einen Zweifel hegen konntest, oder nur irgend darüber 
sprichst, ist mir oft noch mehr leid gewesen, und so hat mich Dein 
Heber Brief doppelt beruhigt u. erfreut. Denn freilich machte ich 
mir selbst zuweilen Vorwürfe. Aber dann dachte ich, daß Du doch 
wohl wissest, daß nach wie vor meine Briefe an Mutter eigentlich 



229 



an Dich u. Beckchen u. Paul mit sind, u. daß es schön wäre, wenn 
ich mich nicht eben immer durch Briefe ins Gedächtniß zu rufen 
brauchte in einer Zeit, wo ich wirklich kaum zu einer ruhigen 
Minute bis spät auf den Abend kommen kann. Denn daß meine 
neuen Verwandten in Frankfurt noch nicht so denken, ist natür- 
lich; sie kennen mich wenig, erst seit einem halben Jahr, ich kann 
auch meiner Braut nicht Briefe schreiben, wie unsere Familien- 
briefe, ihre Schwester wünscht auch von mir zu hören u. glaubt 
sich leicht vernachlässigt, wenn ich nicht mitunter schreibe, auch 
der Mde. Jeanrenaud muß ich oft schreiben, auch wohl an die 
Großeltern, u. jede Antwort von ihnen muß ich wieder beantwor- 
ten wie gesagt, weil sie das von mir nicht voraussetzen können, 
was Ihr dort gewiß voraussetzen könnt. So habe ich noch keinem 
meiner nächsten Freunde geschrieben, u. sehe noch keine Zeit ab, 
wo ich's könnte; die täglichen Arbeiten kommen hinzu, und daß 
ich mich noch niemals entschließen wollte, Dir oder der Mutter 
oben hin zu schreiben, nur um geschrieben zu haben, das nimmst 
Du mir gewiß nicht übel. Laß mich auch jetzt es nicht thun, mein 
liebes Schwesterlein, laß mich mit derselben Sicherheit und Ruhe 
an Euch alle denken, wie auf den langen Reisen, u. bei der langen 
Entfernung, laß mich glauben, daß es denn doch Dinge auf der 
Erde giebt, die nicht anders werden mit der Zeit, u. schreibe mir 
recht bald wieder, daß auch Du so denkst, ich mag oft oder selten 
von mir hören lassen, daß Du mich kennst nach wie vor. - Eigent- 
lich brauche ich das alles ja gar nicht zu sagen, es versteht sich ja 
von selbst. - Die Correctur des ersten Theils (Partitur) von Paulus 
habe ich von Frankfurt mitgebracht u. sie noch immer nicht 
durchsehen können; Beckchen wird ja erzählt haben, wie es hier 
hergeht 126 , u. noch scheint es nicht nachlassen zu wollen. Der Cia- 
vierauszug muß aber spätestens in 14 Tagen kommen, u. dann 
erhältst Du ihn gleich, nebst einem Exemplar gedruckter Chor- 
stimmen, das versteht sich. 

Hast Du denn gar nichts neues componirt? Du sagst mir nichts 
davon, u. auch Beckchen wußte wenig darüber zu melden. 
Unser Israel wird nun wahrscheinlich am 7ten November aufge- 
führt; sage es doch Paul, u. frage ihn, ob er wohl bis dahin hier sein 
kann, am I4ten zu Deinem Geburtstage wird er wahrscheinlich 
wiederholt werden sollen. Die Orgelstimme habe ich fertig, sie 



230 



wird glaube ich einen herrlichen Effect machen. Am nächsten 
Donnerstag geben wir Lachners Preis-Symphonie 127 , die aber we- 
nig schön ist; 8 Tage darauf spiele ich Beethovens g dur Concert; 
8 Tage nach Neujahr sollen die Proben zu Paulus anfangen. Da 
hast Du meinen ganzen Sack der Leipziger musikalischen Neuig- 
keiten. 

Das freut mich was Du mir von Ceciles Briefe schreibst, u. Deine 
Aufträge an sie habe ich ihr gestern wörtlich copirt. Daß es solch 
ein liebes, gutes Kind noch in der Welt geben könne, daran hatte 
ich ganz den Glauben verloren, je mehr ich mich darin herumge- 
trieben hatte; noch jetzt ist mir's, als sollte ich nicht glauben, daß 
sie mir wirklich auch gut wäre u. meine Braut. Es ist so sehr viel 
über allem was ich mir je gewünscht u. gedacht hätte. Aber das ist 
gar nicht hübsch von Dir, daß Du mir ihren Brief mit der Verlobung 
nicht schicken willst; morgen gehen die beiden zurück, die mir 
Mutter geschickt hat, u. wie ich mich darüber gefreut, das schreibe 
ich selbst dabei. - Könnte ich nur auf einpaarTage kommen! Aber 
es ist unmöglich in diesem Winter. Das Gedränge ist zu groß. [. . .] 

fanny an felix 128 Berlin, 28. Oktober 1836 

Habe Dank, Felix, für Deinen heben Brief. Aber entschuldigen auf 
drei Seiten hättest Du Dich nicht sollen, so war es nicht gemeint, 
u. zwischen uns soll u. wird es ja wohl nicht zu Mißverständnissen 
kommen. Und da Du so ein ehrlicher Mann bist, u. Briefe wieder- 
giebst, so sollst Du auch die beiden heben von Cecile haben. Herr 
Schunk bringt sie Dir mit, u. Du kannst sie mir durch Paul wie- 
derschicken. Den kannst Du zum Israel erwarten [. . .] 
Der Israel wird prachtvoll werden, Orgel u. Kirche zusammen hat 
man seit Menschengedenken nicht zu Händel gehört. Wollt ich 
könnt es hören. 129 

Noch etwas gutes Herbstwetter könnten wir auch brauchen. Seit 
Hensels Bild auf der Ausstellung ist, war keine Stunde Sonnen- 
schein, u. den könnte es doch brauchen, denn da sie 12 neue Sääle 
gebaut haben, so fehlt es natürlich an Platz, ein Bild gehörig zu 
hängen, da die besten Plätze an den Fenstern durch breite Thüren 
eingenommen, und drei Viertel des Raumes ganz unbrauchbar u. 
das letzte Viertel mäßig dunkel ist; ueber diese Geschichte von 



231 



dem Neubau, die der alte Schadow ganz im Stillen mit dem Ar- 
chitekten der prinzlichen Ställe verübt hat, darf ich gar nicht reden, 
sonst fange ichjedesmal an zu wüthen, u. Du sagst: eine wüthende 
Gere. Es ist aber das Aergste, was wir hier in langer Zeit vollbracht 
haben, u. das will was sagen. Uebrigens können wir mit der Auf- 
nahme, die das Bild findet, nicht anders als zufrieden seyn. 
Du fragst mich, was ich komponirt habe 130 , ein halb 131 Dutzend 
Ciavierstücke 132 . Ich werde sie Dir durch Paul schicken, hast Du 
Zeit, so spiele sie einmal durch, oder laß sie durch einen Deiner 
Schüler spielen, u. laß mir was darüber sagen. Ich habe so viel von 
der Natur Deines Schülers, daß es mir immer am besten gelingt, 
wenn Du mir sagst: mache doch das oder das. 
Ich bin in der letzten Zeit wieder viel angegangen worden, etwas 
heraus zu geben. Soll ichs thun? 

Nächste Woche müssen wir eine förmliche musikalische Soiree 
geben, wozu mir schon heut (verzeih) mies ist. Es ist uns nämlich 
eine Italiän. Sängerin empfohlen, die an Schönheit u. Stimme ein 
wahres Meerwunder seyn soll, dazu will ich dann dankbar bitten, 
u. Curschmann 133 u. Röschen 134 , die jetzt überall herum singen, u. 
dann mögen sie trillern. Dazwischen spiele ich ein zartes Lied, wo 
möglich so zart wie Curschmann, oder soll ich die 33 Variat. von 
Beethoven 135 spielen? Bei Deckers fangen auch die Opern wieder 
an. 

Ich muß doch noch einmal auf die Ausstellung zurückkommen. 
Ich habe noch keine gesehn, bei der das Interesse so gespalten, so 
wenig ein allgemeines gewesen wäre. Das alleinige Düsseldorfer 
Regiment hat aufgehört, sie haben mit Recht ihr Publicum, u. 
werden es behalten, u. Hildebrandt ist diesmal ihr vorzüglichster 
Vertreter. 

Dann haben die Franzosen den größten Beifall, von hier sind auch 
einige bedeutende Sachen da, herrliche Landschaften von Rom, 
Mehreres von Deutschen, die in Paris studiren [...], so daß von 
allen Seiten nur Schönes u. Interessantes in Menge vorhanden ist, 
u. man durchaus nicht sagen kann, die Ausstellung habe einen 
Mittelpunct, das macht sie aber vielleicht nur noch interessanter. 
Lebe wohl, o Felix, habe weniger zu thun. Componirst Du denn 
jetzt etwas? U. was? Werden denn Deine Symphonien nie vor 
Tageslicht kommen? Wann wird sichs entscheiden, ob Du in 



232 



Leipzig bleibst, oder nicht? Grüße Cecile, jetzt werde ich ihr in 
diesen Tagen schreiben. 
Deine F. 



felix an fanny Leipzig, 14. November 1836 

Liebe Fanny, 

meinen besten herzlichen Glückwunsch zuvor. War es doch fast, 
als hätte sich alles verschworen, daß ich Dir heut nicht schreiben 
sollte, eine ewig lange Probe des morgenden Abbonnement-Con- 
certs, ein Diner bei Schunks mit Paul, vor allem mein langweiliger 
und -wieriger Husten u. Schnupfen, den ich mir in der Kirche 
geholt u. der mir den Kopf ganz dumm macht. Aber eben erreiche 
ich noch eine freie Stunde vor Abgang der Post, u. freue mich Dir 
noch selbst meine Wünsche am heutigen frohen Tage sagen zu 
können. 

Wer weiß, ob Du sonst nicht gar, nach Mutters Beispiel, bei Dir 
gedacht hättest, seit ich eine Braut hätte, sey mir der i4te Novem- 
ber ein weniger lieber, wichtiger Feiertag - ich glaub' es zwar doch 
nicht, daß Du es gedacht hättest, u. hoffe Du weißt, mit welchen 
Wünschen für Dein u. der Deinigen Wohl u.Glück ich ihn heut 
gefeiert habe. Gebe Dir der Himmel alles Liebe Gute, das ich mir 
erdenken kann, u. Freude Dir all Deines Glücks, u. dann möge er 
uns auch bald einmal froh u. unverändert zueinander wieder füh- 
ren. - Ob wir einmal wieder eine längere Zeit zusammen leben 
werden, das scheint mir jetzt noch leider unwahrscheinlicher als 
je. Nach allem, was ich höre, hat Hensel auf dieser Ausstellung die 
Anerkennung u. Achtung, deren er in Berlin schon gewiß in noch 
viel höherem Grade gefunden, u. man sagt mir, von allen Seiten 
werde jetzt seine Wirksamkeit, in jeder Hinsicht, auch in Bezie- 
hung auf die Schüler, nach Verdienst gewürdigt. Obwohl es nicht 
ausbleiben konnte, wird es Dich u. ihn doch erfreuen, und Euch 
gewiß mit manchem in Euren Umgebungen versöhnen oder doch 
wenigstens geduldig dagegen machen. Und daß dann Berlin viele 
Vorzüge hat, verkenne ich gewiß nicht, u. denke u. hoffe deshalb 
daß Ihr den Aufenthalt nicht so leicht verlassen werdet. Ich wieder 
werde wohl in keinem Fallje dahin auf längere Zeit zurückkehren, 
und so wäre es recht schlimm, u. ist's auch, aber wenigstens kom- 



233 



men wir doch geistig nicht aus einander, trotz all der langen Ent- 
fernung. Ich sehe das jetzt zu meiner größten Freude wieder so 
recht an den Ciavierstücken, die Du mir durch Paul u. Albertine 
geschickt; es sind da ganz vortreffliche dabei u. ich danke Dir sehr 
viel mal für die große Freude, die ich daran gehabt habe . Es kommt 
so selten, daß einem neue Musik so durch und durch gefällt, und 
desto lieber wird einem solch ein Eindruck, wenn man so dem 
Rechten, getroffenen sich gegenüber fühlt, als ob man ihm ins 
Gesicht sähe - und sich sagen muß, da steht's. Solche Empfindung 
habe ich bei mehreren von den Stücken gehabt, gleich als ich sie 
das erstemal spielte; namentlich aber beim Schluß des ersten in b 
dur, der höchst hebenswürdig ist, u. dann bei dem langsamen in g 
dur, das mir überaus gefällt. Doch habe ich sie alle erst einmal 
durchspielen können, und will Dir gern etwas ausführlicher 
schreiben, wenn ich sie besser kenne u. mich mehr daran erfreut 
habe. Heut nur so viel, daß Du leben sollst. Abschreiben darf ich 
sie mir doch? Aber wegen Herausgeben habe ich immer noch 
meine alten Bedenken, auch darüber mehr. Was thut's, vor Lach- 
ner u. Reißiger u. alle denen rangirst Du doch lange, liebster Can- 
tor - sehr lange! 

Habe Dank für die beiden netten Briefe von meiner Cecile, aber 
die Verlobung beschreibt das Kind doch ganz falsch, obwohl auch 
nicht ganz unrichtig. Es ist eben eine gar zu nette liebe Braut. 
Ob ich in Leipzig bleibe, das entscheidet sich hoffentlich noch vor 
Neujahr, ich wünsche es sehr sehnlich, u. hoffe auch, daß sich's so 
machen wird. Du hast von den musikalischen Mitteln dieser Stadt 
wirklich keinen Begriff; der Israel war von allen Aufführungen bei 
denen ich gewesen bin, die allerbeste, zugleich eben auch die Wir- 
kung aufs Publikum so entschieden, daß es zeigte, wie viel musi- 
kalisches Gefühl auch dort vorhanden ist. Abgesehen davon daß 
bei der Kälte sich an die 2 000 Zuhörer in die Kirche drängten, so 
schicken sie jetzt von allen Seiten um eine Wiederholung 137 u. die 
Directoren thun's nicht um im Frühjahr ihrer Sache desto gewisser 
zu sein. Die Wirkung des Werkes in seiner rechten Gestalt war 
aber schlagend u. über meine eigene Erwartung groß, die Orgel 
gegen das Ende furchtbar. 

Bitte Mutter sie möge mir nur ja mein langes Pausieren jetzt ver- 
zeihen, u. nichts mich entgelten lassen, an Rosen, u. Moscheies, an 



234 



Devr. u. Droysen, die mir alle geschrieben, an all meine Rheini- 
schen u. Berliner Bekannten habe ich noch nicht ein einzigmal 
schreiben können. Es ist Unrecht, aber ich besitze eben nicht das 
Talent, mich in Stücke zu reißen, u. sie thun's fast hier diesen 
Winter. 

Lebe nur wohl, u. viele herzliche Grüße an Herrn H. u. an Seba- 
stian, wenn er sich des Onkels noch erinnert. Sag Beckchen, es 
verginge kein Tag an welchem ich nicht ihrer u. des frohen Auf- 
enthaltes hier bei mir gedächte, u. ihr dafür dankte. Ich werde ihr 
nächstens schreiben, grüß auch Dirichlet u. Walter 
u. lebewohl, meine liebe Gere. Dein F. 



fanny an felix Berlin, 16. November 1836 

Lieber Felix, sey schönstens bedankt für Deinen lieben Brief, der 
mich sehr erfreut hat. Ich finde nun zwar eigentlich, mit 31 139 Jah- 
ren müßte man keinen Geburtstag haben, (obgleich ichjeden Ge- 
burtstag der Anderen sehr gern habe u. feiere) aber für mich habe 
ich den eigentlichen Apparat von Kuchen u. Zubehör längst abge- 
schafft. Aber ein Brief, ein freundliches Gesicht (jenes soll dieses 
ersetzen) eine liebe Zeichnung von Sebastian, wer sich darüber 
nicht freuen sollte, der müßte wol noch älter als alt seyn. - Was 
mir sehr leid thut, ist daß Du gar nicht aus dem gehetzten Leben 
herauskommen kannst, denn ich weiß u. sehe an Hensel, dem es 
auch oft so geht, wie sehr das aufreibt u. die Nerven angreift. Auch 
dafür hoffe ich von Deiner Verheirathung sehr viel. Wie 140 viel 
Zeit wirst Du nicht schon durch das Zuhauseessen ersparen, u. wie 
angenehm wird das Tischchen seyn. Du wirst überhaupt so gern 
zu Hause seyn, daß Du Mittel finden wirst, es zu können, u. das 
wird Dir sehr wohl thun. - Daß Ihr übrigens den Israel nicht 
wiederholt, finde ich sehr schade, es wäre der doppelte Genuß für 
dieselbe Mühe, u. wieso es den Directoren für das Frühjahr scha- 
den soll, begreife ich nicht, ich dächte im Gegentheil. Von der Art 
u. Weise habe ich nun wohl durch den Salomon eine Idee, indeß 
mag es mit Deiner kräftigeren 141 Kirchenorgel doch auch anders 
klingen. Frank sagte mir, sein Bruder habe die ganze Orgelstimme 
geschrieben; ist das wahr, oder hat der kleine Frank geflunkert? 
Wie ich hier ganz wieder 142 aus jeder Musik herauskomme, die 



235 



ich mir nicht selbst vermache, davon hast Du wirklich keinen Be- 
griff. Ich höre im eigentlichen Sinne des Wortes keinen Ton, u. 
was sollte ich auch hören? Wie Moser Jahr auf 143 Jahr immer die- 
selben Symphonien in derselben Reihenfolge herunterkratzen 
läßt, oder wie Ries ziemlich sauber, aber sehr langweilig ein Quar- 
tett nach dem anders spielt? Da bin ich sogar abonirt, gehe aber 
niemals hin. Oper haben wir nicht, von Academieconcerten werde 
ich wohl in Egypten 144 v. Händel hören, weil ich das nicht recht 
kenne, u. daher weniger fühlen werde, wie sie es verderben. Ueber 
diesen gänzlichen Mangel an Anstoß von außen verfalle ich nun 
selbst auch in eine solche musikalische Apathie, daß ich wirklich 
in Jahr u. Tag keine eigentliche Musik gemacht habe. Indeß habe 
ich beschlossen, mich herauszureißen, u. Ende des Monats mit 
Deinem Psalm 145 u. den drei Nonnenstücken 146 wieder anzufan- 
gen, die ich sehr hübsch besetzen kann. Die Decker ist nach wie 
vor äußerst gefällig u. liebenswürdig gegen mich, auch haben wir 
vorige Woche bei ihr eine sehr wohlgelungene Aufführung v. 
Marschners Templer 147 gehabt. Daher kannst Du denken, wie er- 
freulich es mir ist, daß Du mit meinen Ciavierstücken zufrieden 
bist, woraus ich doch sehen kann, daß ich noch nicht ganz mit der 
Musik zerfallen bin. Schicke sie mir nur wieder, ich werde sie Dir 
abschreiben lassen, dafür laß Du mir das aus c moll ä la Thalberg 
zukommen. 

Die Ausstellung wird Sonntag geschlossen und hatten wir den 
heutigen schönen trüben Tag benutzen wollen, noch einmal hin- 
zugehen, auf klares Wetter können wir doch nicht mehr warten. 
Wir haben allerdings Ursache, mit dem Erfolg ganz zufrieden zu 
seyn, lieber Felix, was uns aber viel mehr als dies hier hält, weißt 
Du ja, u. kannst es Dir denken. 148 Indessen müssen wir daran den- 
ken u. thun es auch allen Ernstes, in einigen Jahren einmal ein Jahr 
in Italien zuzubringen. Für Hensel ist es ein Bedürfhiß, u. mein 
Wunsch stimmt natürlich mit ein. 

Was nun das jetzige Schulewesen betrifft, darüber habe ich meine 
eigenen Gedanken, die sich bei dieser Ausstellung sehr bestätigt 
haben. Um eine eigentliche Schule zu bilden, dazu gehört, daß wie 
im Mittelalter durchgängig, heut zu Tage nur allein in München, 
eine gemeinsame große Aufgabe Lehrer u. Schüler lange Zeit hin- 
durch beschäftige. Wie ist es aber möglich, daß 3- oder 400 junge 

236 



Maler, jeder jedes Jahr ein Bild malen können? Die ohnehin schon 
schwachen Kräfte zersplittern sich, die Gegenstände wiederholen 
sich ins Unendliche, u. es ist natürlich, daß endlich wie in Düssel- 
dorf ein Leithammel einmal voranspringt, u. ioo andere den 
Sprung nachzuthun versuchen. Mit Hensel ist es etwas anderes. Er 
betreibt die Sache ohne alle Coketterie, u. nur im Interesse seiner 
jungen Leute. Daher entläßt er sie, sobald sie irgend auf eigenen 
Füßen stehen können, u. hat es immer wieder mit neuen zu thun, 
die ihm weder künstlerisch noch persönlich, so viel Interesse ein- 
flößen können. Doch hat er diesmal die Freude, die 2 einzigen 
Preise, die in der ganzen Stadt 149 für dies Fach vergeben wurden, 
in sein Attelier gekommen zu sehn, Kaselowsky ist schon fort, 
Moser wird im Lauf des Winters gehn, dann ist die ganze erste 
Generation, mit der wir uns sehr eingelebt hatten, zerstoben, u. 
daß er nicht Lust hat, das in infinitum so fort zu treiben, kannst 
Du Dir wol denken. 

Ich habe immer so einen Gedanken im Hinterhalt 150 : Könnte 
denn der gar nicht ausführbar seyn, daß wir uns einmal Alle auf- 
machten, den Sommer in schöner Gegend, am Rhein, oder in 
Baden, oder in Dresden, still miteinander zubrächten. Was meinst 
Du dazu? Sollte das nicht möglich u. sehr hübsch seyn? Oder am 
Genfer See. 

Du hast uns auch noch gar nicht die frohe Versicherung gegeben, 
uns Cecilien zu bringen, sobald sie Dein ist, wir hoffen zwar Alle 
darauf, möchten es doch aber auch gar zu gern hören. Und wie 
gern sähen wir sie noch als Mädchen. An meinem Geburtstag war 
Marianne mit ihren Kindern 151 hier, und da haben wir wieder 
recht viel von ihr gesprochen. Alle Menschen kennen sie ja, nur 
wir nicht, das ist doch recht grausam. Grüße sie tausendmal! Sage 
ihr, sie soll mir einstweilen gut seyn. Ihre Briefe sind gar zu heb. 
Was beschreibt sie denn von der Verlobung ganz falsch? Wieder- 
lege sie. Heute hat sie wieder ein allerliebstes Briefchen an Mutter 
geschrieben. Mutter, Beckchen u. Hensel, Alles grüßt Dich be- 
stens. Es ist Alles wohl, bis auf den Schnupfen, der sich breit ge- 
macht 152 hat, u. fest an mir hält; Hensel hat viel Zahnweh gelitten, 
sich einen ausreißen lassen, u. laborirt trotz aller [...] 153 fortwäh- 
rend am Magen. Sein voriges großes Bild wird in sehr großer Di- 
mension sehr gut hthographirt. [...] 154 



237 



fanny an felix' 55 Berlin, 22. November 1836 

am Tage der heil. Cäcilie 
wozu Dir Glück gewünscht sey. 

Eigentlich wollte ich Dir gleich nach Empfang eines Briefes 
von Paul u. Albertine schreiben, die so gar viel Erfreuliches 
gemeldet haben, wie viel Fortschritte Dein Orchester mache, 
wie munter u. glücklich, Paul schreibt, Du seyst noch viel voll- 
kommener geworden, wie angenehm Deine dortige Situation, 
was uns natürlich sehr erfreulich, daß alle Aussicht auf Verlänge- 
rung Deines dortigen Aufenthalts sey, denn das Bewußtseyn, sich 
in 18 Stunden sehn zu können, ist doch gar beruhigend u. erfreu- 
lich. 

Daß Du Cecilen ein Stammbuch 156 machst, u. Lieder von mir drin 
haben willst, ist sehr hübsch, auch Hensel ist wie natürlich sehr 
gern bereit zu einer Vignettenbeisteuer. Sage nur bald, was u. wie 
Du's willst, kurz vor Weihnachten häufen sich immer die Arbeiten 
etwas. Kann ich Papier nehmen, wie ich will, oder soll ich ins Buch 
schreiben? 

Was nun mein Herausgeben betrifft, so stehe ich dabei, wie der 
Esel zwischen zwei Heubündeln. Ich selbst bin ziemlich neutral 
dabei, es ist mir aufrichtig gestanden einerlei, Hensel wünscht es, 
Du bist dagegen, in jeder anderen Sache würde ich natürlich dem 
Wunsch meines Mannes unbedingt Folge leisten, allein hierbei ist 
es mir doch zu wichtig, Deine Beistimmung zu haben, ohne die- 
selbe möchte ich nichts der Art unternehmen. 
Gestern habe ich hier einen italienischen Improvisator gehört, 
Bindocci, von dem die, welche ihn das erstemal schon besucht 
hatten, ganz entzückt waren. Sey es aber, daß ich nicht genug ita- 
liänisch verstehe, oder daß mir die ganze Art u. Weise zu fremd 
ist, seine gesungen vorgetragenen Gedichte machten mir den Ein- 
druck des Lächerlichen u. unleidlich Ermüdenden. Viel besser ge- 
fielen mir seine gesprochenen Improvisationen, u. sein eigentli- 
ches Talent scheint mir das rasche Ausfüllen gegebener Reime, 
namentlich zu komischen Thematen. Ueberdies scheint mir die 
ganze Sache leichter als sie aussieht, die gegebenen Themata, be- 
sonders solche, die etwas fernerliegen, läßt er sehr aus dem Spiel, 
u. ergeht sich mehr in Allgemeinheiten, die er längst in der Gewalt 

238 



haben muß, eine große Reimleichtigkeit u. Geistesgegenwart ge- 
hört wol vor allem dazu. 

felix an fanny 157 Leipzig, 29. November 1836 

Liebe Fanny, 

eben als ich das Elsholtzische Packet an Mutter abschicken will, 

kommt das Packet mit dem Ciavierauszug des Paulus, und da es 

gerade auf schönem weißen Voliepapiere ist, so muß ich es depo- 

niren in der bibliotheque imperiale; ich meine Dir schicken u. 

Dich bitten, es zuweilen durchzuspielen. Mögest Du Freude daran 

haben, u. es Dich an gute Tage erinnern. 

Bitte schick mir umgehend die beiden Fugen aus f moll 6/8 und 

d dur die ich einmal von Düsseldorf aus zu Euch schickte. Ich 

brauche sie, und sie werden bald zurück erfolgen. 

Mit dem Packet von Elsholtz bitte ich Mutter so zu verfahren, wie 

ich in meinem letzten Brief sie gebeten. Mein Porträt vor dem 

Paulus sieht so aus, sagt Schleinitz, als wolle mir die Concert Di- 

rection verbieten zu Weihnachten nach Frankfurt zu reisen. - Ein 

Sänger wartet. Lebwohl. Dein Felix. 

felix an fanny 158 Frankfurt am Main, 13. Dezember 1836 

Ja, Du lieber Fenchel, da sitze ich wieder an Ceciles Pult und 
schreibe Dir und bin ein glücklicher Mensch. Wie ist's weiter zu 
beschreiben? Weiß gar nicht und bin stumm, aber nicht so wie 
die Affen am Orinocco, sondern ganz anders. Zuweilen möcht' 
ich ein klein wenig toll werden, wenn ich an die Visiten denke, 

die morgen losgehen, es sind deren 163, wohlgezählt! - 

Was sagst Du nun, Kantor? Und bei meinem Bart, ich muß sie 
alle machen, trotzdem ich mich so jämmerlich anstelle, wie nur 
möglich. Aber wahrlich, mir ist das auch einerlei - ich bin zu 
froh. Neben der Cecile habe ich nun die letzten vier Tage hier 
gelebt und habe noch acht solche vor mir und dabei ist alles hier 
im Hause so nett und heb, und der Karl Jeanrenaud, dessen 
Bekanntschaft ich jetzt erst gemacht habe, der ist auch so hebens- 
würdig und gut, wie die anderen, ein gar zu netter Mensch und 



239 



außer alledem habe ich eine ganze Menge gute Musik im Kopfe 
[■■■] 

fanny an Felix 159 Berlin, 19. Dezember 1836 

Hier ist also unsre Beisteuer zum Album, Heber Felix, die eine sehr 
schön ausgeführte Zeichnung möge der anderen, die nur im Um- 
riß erscheint, zur Entschuldigung dienen, ich habe darauf bestan- 
den, daß sie losgehen 160 sollte, sonst hätte sie gar nicht kommen 
können. Zum dritten Bogen hat Luise 161 die Verzierung übernom- 
men, u. mit der ihr in solchen Dingen eigenen Grazie ausgeführt. 
Mögt Ihr zufrieden seyn. 

Nun wünsche ich nur, daß Du nicht etwa auch das feuchte 
Schwingenlied 162 für Cecile erwählt habest [...]. Erkläre auch Ce- 
cile, warum sie ein gedrucktes Lied bekommt, sonst denkt sie, ich 
habe kein anderes gemacht. [. . .] 

Gestern habe ich eine sehr schöne Probe des ersten Theil von 
Paulus gehalten. Bader war da, u. sang Einiges wunderschön, u. 
war selbst sehr ergriffen von der Musik. Ein junger Bassist vom 
Theater, Bötticher 163 , der eine wundervolle Stimme hat, wird den 
Paulus singen, ich hoffe gut. Mein Chor jubelte, ich kann Dir nicht 
sagen, was ich für Freude gehabt habe. Berger 164 , den ich neuÜch 
in Döhlers Concert traf, u. mit dem ich Freundschaft erneuerte, 
war hier, u. saß neben mir beim Spielen, es war wie immer, als 
müßte er sagen: Stehn Sie auf, Faniska, ich will Ihnen vorspielen. 
Er hatte eine außerordentl. Freude über die Musik u. ich kann Dir 
nicht sagen, wie sein Anblick mich berührt, er sieht so sehr übel 
aus, er ist so alt 165 geworden. 

Mit Deinen meisten Änderungen bin ich sehr einverstanden, aber 
nicht mit Allen. Unter anderm hätte ich eine Ohrfeige ebensogern 
genommen, als daß Du die Stelle geändert hast, welcher gemacht 
hat Himmel u. Erde u. das Meer, die war eine meiner Lieblings- 
stellen. Ferner, warum Du die von mir sehr geliebte Sopranarie 
ausgeschlossen, begreife ich nicht, ich hätte viel lieber die kleine 
aus f dur oder die Altarie gemißt. 

Dagegen freue ich mich, daß Du in der Stelle der Erscheinung die 
Zwischenreden an Baß u. Tenor vertheilt hast, ich bedanke mich 
noch besonders für die Aenderung, denn der Herr hat gesagt. 



240 



Warum hast Du nicht noch wie es Deine Absicht war, gegen das 
Ende einen lebhaften Chor eingelegt? [. . .] 

Wie unser Weihnachten werden wird, wissen wir noch gar nicht, 
nicht einmal bei wem, ob hier oder drüben, das soll heut ausge- 
macht werden. Wir rücken immer mit einer solchen Menge an, 
diesmal allein 12 Schüler, daß wir wirklich Niemandem zumuthen 
können, uns aufzunehmen. [. . .] 

felix an panny 166 Leipzig, 31. Dezember 1836 

Liebe Fanny, 

diese Zeilen sollen Dir und Hensel meinen Dank für Eure liebens- 
würdigen Album-Beiträge bringen, Euch sagen, wie Ihr mich da- 
durch erfreut habt. Hättet Ihr sehen können, wie meine Cecile so 
froh darüber war, wie sie die heben Blätter den ganzen Abend über 
nicht aus der Hand ließ, u. sie immer wieder betrachtete, so wäre 
darin der Dank schon, und auch Ihr hättet Euch daran gefreut. 
Und wie zierlich u. allerliebst ist Luisens schwarze Kunst; sag ihr 
doch viel, vielen Dank, und namentlich der [. . .] 167 kränz mit dem 
garstigen kleinen Thier ist so reizend, wie man nur etwas sehen 
kann - aber auch die Schiffe mit den schnaubenden Feuerchen u. 
dem Steuermann u. den Tauben. Und von Hensels Zeichnungen 
gefällt mir die unausgeführte fast noch besser, als die vollendete, 
obwohl alle beide sehr, und wo soll ich mich nun zuerst bedanken, 
Ihr heben Leute? O Fanny, das war ein Weihnachtsfest für mich 168 . 
So habe ich keines erlebt, u. werde es nicht wieder, die glücklich- 
sten, liebsten Tage waren mir geschenkt, solche Tage an denen 
einem das Leben u. Athmen wieder neue Freude u. neue Dank- 
barkeit giebt. Ich kann Euch aber das Alles nicht beschreiben, denn 
Ihr kennt meine Cecile nicht, wäre das erst. Aber ich fürchte es 
wird nicht vor dem Sommer sein, wenigstens ist's mir immer noch 
zweifelhaft, ob sie im Winter herkommen, u. in diesem Wetter 
bei diesen Wegen wünsche ich es selbst nicht. Man gab mir ihr 
Portrait am Weihnachtsabend, aber da bekam mein Grimm gegen 
alle schlechten Künstler Nahrung, und ich war nahe daran, dem 
Maler, Binder heißt er, aus Wien, viel Grobheiten zu sagen, u. 
durfte es doch nicht, weil Mde. Jeanrenaud so gut gewesen war, 
und hatte mir eine Freude machen wollen; u. wird die Cecile so 



241 



oft gesessen haben 169 . Und doch wars schmerzlich. 170 Wie eine 
geschmeichelte gewöhnliche Mamsell sah's aus, u. mit so groben 
Fehlern, daß der Mann ganz verblüfft war, als ich ihm einige davon 
sagte u. sie mir alle gleich zugab. Es ist zu schlimm, wenn solch ein 
Kerl selbst da nicht einmal ein bißchen poetisch, ich meine natür- 
lich, werden kann, u. mit seinen affectirten angenommenen Stel- 
lungen, u. mit weißem Teint, u. guten 171 blauen Äuglein kommt, 
statt der dunkelschwarzblauen, u. dem braunen u. rothen Teint, u. 
der ganz natürlichen Cecile. Auf Veits Portrait bin ich neugierig, 
aber er macht's nun u. ich muß ihm nachsagen, daß er sogleich 
nach Beendigung seines Frescos die Zeichnung anfangen wollte, 
da kam ich eher, u. es wurde bis nach meiner Abreise verschoben. 
Ich glaube das wird anders aussehen, obwohl es verzweifelt schwer 
sein mag, dies bewegliche Gesicht festzuhalten u. nachzuahmen. 
Letzten Montag Abend waren wir alle bei Veits, die Tante 172 war 
gar zu liebenswürdig, u. wir hatten einen vergnügten Abend - 
Mde. Zimmermann war auch da - mir war's sonderbar, als ich 
neben der Cecile saß, ihre Hand hielt u. Mde. Zimmermann hin- 
eintrat, mit alten Jugenderinnerungen, u. der lang vergangenen 
Zeit, die mir einfiel. Wir wurden alle schön beschenkt, u. hübsche 
Transparents hatten Veits Schüler gemalt u. das Ganze war ge- 
müthlich und nett. Dank Dir, daß Du Dir mit dem Paulus so viel 
Mühe nimmst, wenn er Dir nur auch dafür etwas Freude machen 
kann, die Aufführung bei Dir mit all den guten Solosängern möch- 
te ich schon hören - Hauser hat mir viel von Deinem Einstudieren 
daran erzählt, als er vor 8 Tagen durch Frankfurt kam, mit mir zu 
Jeanrenauds ging u. dann wieder fuhr. 

Am isten 173 Januar 1837. Der ist es nun geworden, und Neujahr, 
und nun nimm alle meine Wünsche für Dich u. die Deinigen; für 
Euer Wohl u. Glück dazu hin. Als ich am vorigen Sylvesterabend 
traurig vor 12 nach Hause ging u. im Bett 12 schlagen hörte, da 
dachte ich wenig, mit welch dankbarer Empfindung ich die letzte 
Stunde davon gestern verleben sollte, mit welch frohen Hoffnun- 
gen die erste dieses neuen. Da dankte ich Gott für all das Gute, u. 
ich weiß daß Du es mit empfindest u. Dich mit daran freust, wie 
ich so glücklich bin. Grüß Hensel, und Luise vielmal, küsse den 
Sebastian u. denk immer an Deinen Felix. 



242 



fanny an felix Berlin, 3. Januar 1837 

Seit drei Tagen will ich Dir schreiben, lieber Felix, und da ist es 
mir denn gelungen, so lange gewartet zu haben, bis gestern Abend 
Dein guter Brief ankam. Es weht eine recht erquickende, glückli- 
che Lust darin, und wer könnte die lieber empfinden, als ich, Du 
geliebter Bruder! Daß wir nun Cecile als Mädchen nicht sehen 
sollen, thut mir zwar leid, indessen erfreuen wir uns doppelt Eu- 
rem Versprechen, den Sommer bestimmt herzukommen, und 
wollen, so Gott will, eine frohe Zeit haben. Nun laß einmal hören. 
Mein lieber Mann ist etwas angegriffen, und ich habe zum ersten 
Mal in meinem Leben von ihm die Aeußerung gehört, er bedürfe 
einer Erfrischung, und wünsche, sobald der Schnee schmilzt, auf 
einige Wochen zu verreisen. Ohne mich thut ers nicht, ich soll also 
mit, ob wir Sebastian mitnehmen, ist noch ungewiß. Nun will ich 
Dich bitten, in Leipzig in Erfahrung zu bringen, wann die 
Dresdner Gallerie wieder eröffnet wird, u. uns zugleich anzuge- 
ben, wie lange Du in Leipzig bist, wir wünschten natürlich Beides 
zu kombinieren, wenn es irgend thunlich ist, antworte also, bitte 
ordentlich über beide Punkte. 175 



felix an fanny 176 Leipzig, 24. Januar 1837 

Liebe Fanny 

die Antwort auf Deine Frage wegen der Dresdner Gallerie hat Dir 
Mutter wohl schon lange aus meinem Briefe an sie mitgetheilt, 
auch nach Erkundigungen die ich seitdem eingezogen höre ich 
daß es nicht die geringsten Schwierigkeiten macht sich die Gallerie 
im Laufe des ganzen Winters öffnen zu lassen. Das kann also Eu- 
ren Reiseplan nicht beschränken, und nun ist die Frage, wie er sich 
modificirt? Wie viel mir drauf ankäme, daß ich noch in Sachsen 
wäre, das brauche ich Dir nicht zu sagen - ich denke am I7ten 
März abzureisen nach Frankfurt, und für den I3ten ist die Kirchen- 
aufführung 177 bestimmt. Ich möchte fast sagen leider bestimmt, 
denn ich habe doch auch gar keinen animus jetzt dazu, und es 
gefällt mir nicht daß ich so kurz vor meiner Hochzeitsreise solch 
einer entsetzlichen Hatz entgegen gehe. Immer ist es noch nicht 
bestimmt, wann Jeanrenauds herkommen, obwohl ich jetzt be- 



243 



stimmt hoffe, daß sie kommen, aber diese Ungewißheit der Zeit 
macht mich auch ungeduldig u. doppelt erwartungsvoll auf jeden 
Brief. Inzwischen fluche ich 178 auf die ganze Concert- und Musik- 
wirthschaft hier, und muß sie doch wieder mitunter segnen, denn 
sie ist wirklich hebenswürdig. Du glaubst es nicht, wie viel gute 
interessante Erscheinungen solch einen Winter über durch unse- 
ren Horizont (den Leipziger) gehen, und wie gern möchte ich, daß 
Du das mal so miterlebst, es würde Dich gar so sehr amüsiren. 
Vorige Woche spielte Bennett 179 sein c-moll- Concert im i3ten 
Abon. Concert zum Jubel der Leipziger, die er sich mit dem einen 
Schlag allesamt zu Freunden u. Verehrern gemacht zu haben 
scheint, denn man hört überall nur Bennett jetzt; im Concert vor- 
her hatte Molique 180 sehr vortrefflich gespielt, vorgestern gab er 
ein eigenes Concert, nächstens kommt eine neue Ouvertüre von 
Spohr zur Tochter der Luft, zu der er, wie er mir schreibt/durch 
meine Melusine angeregt worden ist, im Armen Concert kommt 
eine neue Ouvert. von Bennett, zwei neue von Hiller (der Dich in 
jedem Brief grüßen läßt) haben wir schon gemacht, u. da wir auch 
nächstens den Faust von Radziwill 181 probiren wollen, u. da sich 
auch Mde. Cresrini angemeldet hat, so dürft Ihr Berliner gar nicht 
mausig sein. Weißt Du denn, Fenchel, daß Dein a dur Lied in 
Schlesingers Album 182 furore hier macht? daß die neue musikali- 
sche Zeitung (ich meine ihren Redacteur 183 , der in meinem Hotel 
mitißt) für Dich schwärmt? daß alle sagen, es sei das Beste im 
Album, was ein schlechtes Compliment ist, denn wo ist sonst was 
Gutes? daß sie es aber wirklich goutieren? Bist Du nun ein rechter 
Autor, und macht Dir das auch Plaisir? - Wie David's Frau 184 sich 
anläßt willst Du wissen; - ganz pompös. Sie ist seit den 14 Tagen 
so aufgethaut, u. so munter u. gesprächig geworden, daß ich glaube 
sie hats hinter den Ohren, u. kann angenehm sein, wenn sie will, 
u. will es, u. David ist selig, u. lebt so glücklich - daß ich nicht allzu 
lebhaft daran denken darf. Ich war schon einmal ä la fortune du 
pot 185 bei ihm, einmal Abends, u. er lädt mich fortwährend ein oft 
zu kommen, aber ich thue es nicht u. schenke ihm die ersten 4 
Wochen Ruhe, u. eine Sondervergeltung. Eingerichtet ist er char- 
mant u. die Frau heizt die Öfen, u. lernt bei Kiengel 186 Ciavier 
spielen u. meiner Treu, wenn sie sich aus der Russischen Fürstinn 
in eine ordentliche, nette Frau Concertmeisterinn zu Leipzig ver- 



244 



wandeln kann, so hab ich allen Respect vor ihrer Festigkeit u. 
ihrem Character. David giebt nach wie vor Lectionen, u. Quartett- 
soireen, nächsten Sonnabend die letzte wo er ein Trio von Beet- 
hoven, ein Doppelquintett von Spohr und mein Oktett spielt. - 
Hauser kam richtig von Paris, hatte Mde. Kiene gesehen, war mit 
ihrer Freundlichkeit aufgenommen worden und sehr entzückt; 
nun ist er in Breslau. - Klingemann schreibt fleißig, er wohnt 
schon im neuen Hause, 4 Hobart Place, Eaton Square, Pimlico. - 
u. es scheint ihm gut zu gehen. 

Eben erhielt ich Mutters Brief, für den ich vielmal danke, u. die 
Papiere. Grüß Beckchen, der ich in 8 Tagen schreibe, u. alle im 
Hause und nun lebewohl. Dein F. 



panny an felix Berlin, 27. Januar 1837 

Ich glaube, ich habe Dir vorigen Montag einen ziemlich dummen 
und confusen Brief geschrieben, Hensel war die Nacht nicht wohl 
gewesen, und ich hatte nicht ausgeschlafen nach dem Paulus, und 
war sehr müde, nun habe ich aber Mittwoch Deinen lieben Brief 
bekommen, und danke Dir dafür. Wie froh bin ich, daß Du keine 
weitere Sorge hast, als wann Jeanrenauds kommen, wir seufzen 
jetzt einmal wieder nach Eisenbahn, dann wäre es doch keine Fra- 
ge, daß Ihr uns besuchtet, u. so ist es leider auch keine Frage. 
Eigentlich ist es doch abscheulich, nur eine starke Tagereise aus- 
einander zu seyn, und sich nicht zu sehn. Mutter beabsichtigt, zum 
Paulus nach Leipzig zu kommen, und auch Tante Levy, ich denke 
sie werden zusammen fahren, meine Reise ist unwahrscheinlich 
geworden, Heber Felix, in dieser Zwischenzeit, und ich setze Hen- 
sel zu, allein zu fahren. Ob er nun aber nicht doch grünere Jahres- 
zeit abwarten wird, das ist die Frage. Doch bitte ich Dich aber 
inständigst, halte uns nur diesen Sommer nicht zu kurz; gönne uns 
ein ordentlich Stückchen Zeit, damit man sich nicht blos guten 
Tag, und adieu sagt. Pauls kommen Ende Aprils, und werden, 
denke ich, ohne Unterbrechung hier bleiben, u. dann können wir 
Alle zusammen ein hübsch Leben führen. Paul ist unendlich 
glücklich über Dein Glück, u. was mir sehr gefällt, gewissermaßen 
stolz über Deine Liebe, als wenn er die Liebe erfunden hätte, das 
fände ich aber sehr hübsch. Wie freut mich, was Du von Davids 



245 



schreibst. Das ist wirklich auch eine von den Geschichten, die man 
nur nach dem Erfolg beurtheilen kann, geht es gut, haben die 
Leute Recht gehabt. 

Meine Autorschaft, bestehend aus 188 einem Liede, hat mir gar kei- 
nen Spaß gemacht, lieber Felix, im Gegentheil war mir das Ge- 
schrei und Posaunen, das Schlesingers von diesem eigentlich doch 
ganz erbärmlichen Ding von Album gemacht haben, sehr zuwi- 
der. Namentlich konnten sie sich gar nicht zufrieden geben, über 
die wundervolle Ausstattung, und braucht man nur das schlechte- 
ste französische oder englische Ding der Art zu sehen, um zu 
begreifen, daß das hiesige sehr jämmerlich 189 ist. Uebrigens ist mir 
mit dem Leipz. Album etwas Comisches begegnet. Ich hatte erst 
für Cecile das Byronsche Lied komponieren wollen; there be none 
etc. u. ließ es liegen, als mir Rebecka sagte, sie wisse kein englisch. 
Als ich danach las, Du habest für das Leipz. Album etwas zuge- 
tan 190 , ging ich in einen Musikladen, um zu sehen, was? Unter- 
wegs fiel mir mein englisches Lied wieder ein, u. ich machte es in 
Gedanken gar fertig, u. trete in den Laden, fordere das Album, u. 
schlage auf: there be none. 191 Ich will es mir nächstens geben lasse, 
und abschreiben, es war aber sehr komisch. 
Diesen Winter ist außer dem Mühlespiel, wovon Du wol schon 
gehört hast, noch der Punsch bei uns Mode, den Minna so vor- 
trefflich zu bereiten versteht, daß Mutter sogar (Du kannst sie 
damit necken) sich hin u. wieder zu einem halben Glas verleiten 
läßt. Abend waren Devrients hier, mit denen wir nach langer Zeit 
einmal wieder einen recht angenehmen Abend hatten, die armen 
Leute kommen nun gar nicht aus dem Hauskreuz heraus, bestän- 
dig Krankheiten u. Noth [. . .] 

Ries hat zum 4ten in einem Concert Deine Melusine angekündigt, 
das wird einmal wieder schone Execution werden. 
Grüße Hiller wieder von mir. Bei dem habe ich mich recht muth- 
willig um den Ruf gebracht, der Musikdirektor der Sphärenmusik 
zu seyn, so dumm uncoquett will ich aber auch nicht wieder seyn. 
Wie geht es Schelble? Setzt Hiller immer noch den Cäcilienverein 
fort? Und werden sie ihn nicht verbeißen? Darf man gegen Jean- 
renauds äußern, daß man sich über die Flucht der Frankfurter 
Studenten freut? 192 oder sind sie aristokratisch? [. . .] 



246 



fanny an felix Berlin, i. Februar 1837 

Viel Glück, und Glück, und noch einmal Glück! Cecile ist da, also 
was kann Dir fehlen? Indeß kann ich nicht läugnen, daß wir mit 
vieler Ungeduld auf die Bestätigung aus Leipzig warten. Tante 
Schlegels Brief zufolge, wären sie den 27ten abgereist, also doch 
spätestens den 2$>ten angekommen, und das hätten wir schon vor- 
gestern wissen können. Da übrigens Madame Jeanrenaud so nied- 
lich ist, kann ich nicht läugnen, daß uns eine Ueberraschung, oder 
drei, wenig überraschen würden, und daß wir auf Alles gefaßt 
sind 194 , sogar aufs Beste, um so mehr, da Du Mutters Besuch so 
bestimmt abgelehnt, und wir Schwestern Euch, auch wenn Ihr uns 
haben wolltet, jetzt nicht besuchen könnten. 195 O Eisenbahn, o 
Eisenbahn! 196 Zum ersten Mal in meinem Leben finde ich es jetzt 
beneidenswerth, eine einflußreiche Stellung im Staate zu haben, 
denn für Eisenbahnen habe ich eine wahre Monomanie. Ich ließe 
gleich das Ballett eingehen, welches in Armida eingelegt wird, und 
die Tänzerinnen als Schienen legen. Im Westen u. Osten legen sie 
uns welche vor die Nase, nur Pommern bleibt davon. Indeß glaubt 
nur ja nicht, uns den längeren Besuch im Sommer durch ein Paar 
Tage jetzt abzukaufen, viel lieber wollen wir warten, und wie Ihr 
euchjetzt arrangiren mögt, bedenkt nur gut. Madame Jeanrenaud, 
Sie sind so gut, ich ernenne Sie zu unserem Anwalt, sprechen Sie 
für uns! 

Eingehenden Kupferstich, lieber Felix, nimm als ein nothwendiges 
Stück in Deine Wirthschaft von uns Schwestern u. Schwägerin- 
nen. Wir alle hier lieben ihn sehr, hoffentlich stimmst Du mit ein. 
Und nun will ich Dich eigentlich zufrieden lassen, da ich Dir eben 
zweimal geschrieben und mich ziemlich ausgeschrieben. [. . .] Wie 
neugierig bin ich auf Philip Veits Zeichnung 197 , vorenthalte sie uns 
nur nicht, u. schreibe uns, ob Du sie ähnlich findest. Alle Augen- 
blick träume ich einmal von Cecilen. Diese Nacht habe ich sie 
wieder gesehen, mit einem ganz runden Apfelgesichtchen, wie ein 
Kind. Grüße sie, Madame Jeanrenaud, Schunks u. alle andern 
Freunde tausendmal, u. habe einen frohen Geburtstag. 
Deine Fanny. 



247 



fanny an Felix 19 Berlin, 20. Februar 1837 

Es läßt sich schwer beschreiben, in welcher nüchternen, uncom- 
fortablen Enttäuschung wir heut leben, lieber Felix. Ihr müßtet 
dazu gesehn haben, mit welcher Freude wir die kleinen Vorkeh- 
rungen zu Eurem Empfange getroffen, und wie wir uns die letzten 
Tage allein damit beschäftigt haben, wie mich meine Bekannten 
schon vorige Woche damit neckten, daß ich alle Leute Madame 
Jeanrenaud anredete, wie wir, wörtlich wahr, die letzten Nächte 
nicht schlafen konnten vor freudiger Erwartung, noch Sonnabend 
Abend völlig beruhigt durch Deinen Brief, und nun in dem Au- 
genblick, wo wir bei Tisch waren, schon jeden vorüberfahrenden 
Wagen in verdacht hatten, die Kinder alle Augenblick aufsprangen 
u. ans Fenster liefen, statt aller erwarteten Freude dieser fatale 
Brief! Wir haben übrigens die feste Zuversicht zu Euch, daß Ihr 
Alles anwenden werdet, um die Reise dennoch möglich zu ma- 
chen, aber nur nicht übereilt, an Mittwoch denken wir gar nicht, 
wenn Mad. Jeanrenaud Dienstag erst aufsteht, wäre es ja tollkühn, 
aber nach dem nächsten Concert, die andere Woche, sollte es da 
nicht gehn? Oder können Jeanren. nicht bis nach dem Paulus blei- 
ben? Und Ihr dann erst zusammen hier, u. dann zusammen nach 
Ffurt. reisen? Mutter käme dann auch zum Paulus, u. reiste mit 
Euch zurück. Oder irgend etwas. Natürlich können wir von hier 
aus nur wünschen u. bitten, nicht rathen. Aber das bitten wir herz- 
lich, habt einen Einfall, richtet es auf irgend eine Weise ein. 
Sehr spaßhaft rührend waren die Kinder gestern, die sich nun ganz 
unmäßig auf Tante Cecile gefreut hatten. Als wir in desparatem 
Humor allerhand dumme Vorschläge machten, sagte Dirichlet un- 
ter anderem, die Jungen sollten sich in den Wagen setzen, u. Tante 
Cecile abholen, worauf ein jeder jubelnd seiner Mama um den 
Hals fiel, u. das ganz vortrefflich fand. Als sie darauf bedeutet wur- 
den, es sey nur Spaß gewesen, bestanden sie darauf, und Sebastian 
meinte, wir könnten ihnen ja Jemand mitgeben, Beide fingen an 
zu heulen, als ihnen die Unmöglichkeit dargethan wurde. 
Auch das Attelier, in welchem es jetzt ein wenig nüchtern aussieht, 
hatte sich zu Eurem Empfang geputzt, Hensel hatte sich die Mir- 
jam auf einige Tage vom Kunstverein erbeten, weil ich wünschte, 
daß Ihr das Bild sehen solltet, u. es Euch doch gern bequem ma- 

248 



chen wollte. Die gelbe Stube ist für Dich, lieber Felix, so nett wie 
möglich eingerichtet. Einstweilen lassen wir aber noch Alles, ge- 
ben die angenehme Hoffnung nicht auf, vielleicht bringt uns der 
heutige Brief die besten Nachrichten. [. . .] 

felix an fanny 199 Leipzig, 7. März 1837 

Liebe Fanny, 

Es ist meine Mode daß ich den Componisten, von denen neue 
Sachen im Concert hier aufgeführt werden, nachher über den Er- 
folg daran und die Aufführung meinen Bericht schreibe, und auch 
wohl meine Meinung dazu. Und das stellt den Grund von diesem 
Briefe vor. 

Glaube es nicht. Der Grund ist wohl ein ganz anderer, Du weißt 
ihn auch, ich brauche ihn Dir nicht zu sagen. Ich hätte Dir längst 
geschrieben, und auch an Beckchen, wäre nicht immer die nächste 
Zukunft so ungewiß gewesen, durch Mde. Jeanrenauds Grippe, 
dann durch Ceciles Unwohlsein, dann durch die beabsichtigte Ab- 
reise. Jetzt endlich ist alles so schön u. natürlich geworden, wir 
reisen zusammen. Mutter erwarte ich morgen, aber Euch beide 
nicht mit ihr. Und selbst das einzig Betrübte dabei, muß uns allen 
eine Freude sein, und ist doch wieder nur ein Segen für den wir 
Gott zu danken haben 200 . Auf frohes, glückliches Wiedersehen. 
Aber ich will Dir doch ganz im Ernst über Dein Lied gestern 
schreiben 201 , wie schön es war. Meine Meinung weißt Du zwar 
schon, doch war ich neugierig, ob mein alter Liebling 202 , den ich 
immer nur im grauen Kupferstichzimmer, oder im Gartensaal, 
von Beckchen gesungen u. von Dir gespielt kannte, nun auch in 
dem sehr gefüllten Saal, bei heilem Lampenlicht, nach vieler lär- 
mender Orchestermusik die alte Wirkung thun würde. So war es 
mir ganz curios, als ich ganz still u. allein Deinen netten Wellen- 
schlag anfing u. die Leute mäuschenstill horchten, aber niemals hat 
mir das Lied besser gefallen als gestern Abend, und die Leute 
begriffen es auch, u. murmelten jederzeit wenn das Thema am 
Ende wieder anfängt mit dem langen e, und klatschten sehr leben- 
dig am Schluß. Zwar sang es die Grabau 203 lange nicht so gut, wie 
Beckchen, indeß war es doch sehr rein, und die letzten Tacte sehr 
hübsch. Bennett, der auf dem Orchester war läßt Dich vielemal 



249 



grüßen, u. Dir über das Lied sagen, was Du schon weißt, und ich 
meinestheils bedanke mich im Namen des Publikums zu Leipzig 
u. der anderen Orte 204 , daß Du es gegen meinen Wunsch doch 
herausgegeben hast. Es war ein hübscher erster Concerttheil, in 
dem das Lied gestern stand: erst eine Ouvertüre vonBennett, dann 
die Arie von Mozart mit obligatem Ciavier, dann sehr brillante 
frivole Variationen von David comp.u. gespielt, dann 3 Lieder, erst 
Deins, dann mein »auf Flügeln des Gesanges« und das e dur Rei- 
selied. Im 2ten Theil kamen meine Hebriden, der Erlkönig v. 
Schubert (eine Thierquälerei) u. andere animalia vor 205 . Über- 
haupt ist dies aber eine so musikal. Woche, daß ich von Herzen 
möchte, sie wär's weniger, ich habe schon heut ganz genug, und 
kann kaum auf eine Stunde zur Cecile, vor lauter Proben und 
Geschäftbilleten, u. was weiß ich. - Aber ich muß schließen, liebe 
Fanny, lebe wohl, sey gesund u. glücklich und denke immer Dei- 
nes Felix. 

Viele Grüße an Hensel u. Sebastian. Inliegenden Brief gab mir 
Ulrike v. Pogwisch 206 damals als ich Euch selbst zu sehen hoffte. 
Verzeih die Verspätung. 

fanny an felix 207 Berlin, 23. März 1837 

Mit wenig Worten sey Euch Glück gewünscht 208 , denn viel zu 
lesen werdet Ihr nicht Zeit noch Gemüth haben. Habt Glück Euer 
Leben lang wie Ihrs verdient, und wie mans Euch wünscht. Irgend 
ein Andenken, das wir Geschwister Euch bestimmen, werdet Ihr 
später in Leipzig finden, wenn Ihr ein home habt. Mein lieber 
Mann schließt sich mir an mit den treusten Wünschen für Euer 
Wohl! Noch habe ich Dir liebe Cecile zu danken für die aller- 
schönste Arbeit, das Kissen, welches ich gewählt, u. Rebecka den 
Beutel. So sehr es mich erfreut, hat es mir doch ganz den Muth 
benommen, Dir jemals eine Arbeit anzubieten. Und nun genug, 
ich schlage mir aufs Maul, denn Ihr werdet jetzt andere Dinge zu 
thun u. zu denken haben, als meine Briefe zu lesen, u. so ergehe 
Euch es wohl! Denkt unser, wenn Ihr froh seyd. Eure Fanny. 



250 



felix an fanny 209 Freiburg i. Br., 14. April 1837 

Liebe Fanny, heut Morgen als ich mir hier die Briefe holte, fand 
ich den von Beckchen und Mutter mit der Nachricht des unange- 
nehmen Unfalls 210 , der Dich betroffen. Wie sehr unangenehm ist 
er, und wie hat mich das in meiner sonst so frohen Zeit betrübt; 
beide schrieben Gott lob, daß Du wohl und heiter seist, aber der 
Brief ist schon 8 Tage alt und so sehnen wir uns doch sehr nach 
Bestätigung dieser Nachricht Deines Wohlbefindens. Wenn die 
nur bald kommt; wenn Du nur bald wieder herumgehen, Luft 
schöpfen kannst, mit der Krankenstube u. der eingeschlossenen 
Luft hängt die Erinnerung an diesen betrübten Unfall so zusam- 
men, bei wiederkehrender Kraft und Gesundheit verläßt Dich der 
Gedanke dann hoffentlich auch wieder, und hoffentlich ist das 
schon sehr der Fall, wenn diese Zeilen ankommen, und ich sollte 
Dich kaum wieder daran denken machen; aber das ist ja eben die 
böse Entfernung. Und sagen muß ich's Dir doch, wie mich's so 
betrübt, daß meine schlimmen Ahndungen der letzten Woche mit 
dem ersten Briefe von Haus sich bestätigt haben. Könnte ich Dir 
nur etwas Bergluft, wie wir sie hier athmen, und Sonnenschein, 
und Grün, und mildes Wetter, wie wir's seit gestern haben, für 
Dich und Deine Genesungszeit mitschicken. Eigentlich haben 
mich die Briefe, nach denen ich mich sehnte, hauptsächlich hieher 
gezogen; jetzt aber bin ich so von der Reise hieher u. von dieser 
Gegend entzückt, daß ich heut den ganzen Tag nur Dir so gern 
gegönnt u. gezeigt hätte, um Dich dran zu erquicken u. zu zer- 
streuen; es hätte Dir besser gethan als alle Mittel. 
Du erinnerst Dich wohl noch wie wir damals 211 im Regen in den 
Dom liefen, u. ihn bewunderten, mit seinen dunkeln bemalten 
Fenstern, aber die Lage der Stadt konnten wir damals gar nicht 
sehen, und etwas 212 Schöneres ist mir nie vorgekommen, kann ich 
mir auch nicht erdenken; so friedlich u. reich u. auf allen Seiten 
weite schöne Thäler, u. auf allen Seiten Berge, nahe u. weite, u. 
Ortschaften, so weit das Auge reicht; u. schöne nett gekleidete 
Menschen überall, rauschende Bergwasser in allen Richtungen, 
dazu rings umher im Thal das erste Grün, u. auf den Bergen der 
letzte Schnee - Du kannst Dir denken, wie wohlthuend das alles 
ist; und wenn ich nun mit meiner Cecile den ganzen Nachmittag 



251 



heut im warmen Sonnenschein langsam spazieren gehe, überall 
stehen bleibe u. mich umschaue, u. mit ihr von Zukunft und Ver- 
gangenheit spreche, so kann ich's wohl dankbar sagen, welch ein 
glücklicher Mensch ich bin. Nur die Ungewißheit über Dein 
Wohlsein störte uns oft und immer wieder, und so sehne ich mich 
wieder wie vorher nach Briefen, die mir erwünschte Nachrichten 
u. Beruhigung bringen mögen; das hoffe ich zu Gott. 
Ich habe vor sehr fleißig zu sein. Ich möchte gern mancherlei 
Neues zu Tage bringen u. ordentliche Fortschritte machen; dazu 
scheint mir's aber nothwendig, daß ich all das aufgehäufte alte erst 
einmal fortarbeite, und das will ich denn den Sommer über thun, 
will viele alte Pläne ausführen, und die die nicht d. J. 213 zum Win- 
ter ausgeführt sind, über die will ich dann weg, u. sie sollen liegen 
bleiben. Drei Orgel-Präludien 214 habe ich in Speyer gemacht, die 
werden Dir, hoffe ich, gefallen; auch ein Heft Lieder ohne Wor- 
te 215 ist zum Druck beinahe fertig, ich denke aber nicht sobald 
wieder welche herauszugeben, u. lieber größere Sachen zu schrei- 
ben. Mit einem Violin- Quartett bin ich fast fertig 216 , u. will dann 
ein 2tes anfangen, es arbeitet sich jetzt gar zu schön u. lustig. 
Wir denken noch wenigstens 8 Tage hier zu bleiben, u. die Excur- 
sionen in die umliegende Gegend zu machen, dann wahrschein- 
lich über Heidelberg nach Frankfurt zurück. Wenn ich in diesen 
Tagen die Schneeberge der Schweiz, die alten Freunde sehen wer- 
de, so wird mir's schwer fallen nach Norden umzukehren, und 
doch wird's diesmal wohl nicht anders sein können. Cecile will 
Platz behalten; ich schließe darum. Hoffentlich höre ich bald was 
ich wünsche u. erbitte, u. wir schreiben dann bald wieder. An 
Beckchen schrieben wir vor 3 Tagen, an Mutter vor 5-6 Tagen, 
nun lebwohl, Hebe Fanny, sei gesund u. grüße die Deinigen vielmal 
u. herzlich. Dein Felix. 
(P. S. von Cecile) 

Auch ich, meine Hebe gute Schwester, muß Dir heute ein paar 
Worte sagen um Dir zu zeigen, wie sehr ich mich freue, daß Du 
wenigstens wohl und heiter bist, nach den betrübten Tagen die Du 
erlebt. Viel lieber möchte ich aber jetzt bei Dir sein können, um 
Dir so viel als möglich die Zeit zu verkürzen, ich könnte Dir vie- 
lerlei erzählen von allem dem Schönen, das ich jetzt durch Felix 
genieße, von allem was ich sehe hier in der freundlichen Gegend, 



252 



und bei dem prächtigen Frühlingshimmel. Wenn es doch nur auch 
im Norden so schönes Wetter wäre, dann würdest Du gewiß sehr 
bald wiederhergestellt sein und in dem schönen Garten wieder 
vergnügte Stunden haben, aber die Mutter schreibt mir schon von 
Frankfurt aus, daß es erbärmlich kalt dort gewesen sei, während 
wir in Speyer ganz warme Luft einathmeten, wie mag es erst in 
Berlin sein. 

Wie sehr wir jetzt uns nach guten Nachrichten von Dir sehnen 
kannst Du Dir wohl denken, und wie schwer der Gedanke an die 
weite Entfernung und das lange Reisen der Briefe uns wird. 
Ich wünsche Dir alles Gute und Beste, was man nur wünschen 
kann, und bin mit innigster Liebe 
Deine treue Schwester Cecile M. B. 

FANNY AN FELIX UND CECILE 217 Berlin, 13. April 1837 

Damit Ihr seht, Hebe Kinder, daß ich noch vorhanden bin, u. was 
noch mehr ist, mich wohl befinde, will ich Euch ein Lebenszei- 
chen geben. Der abermalige Unfall hat mich ganz ohne meine 
Schuld getroffen, u. ich befand mich bis zum letzten Augenblick 
so wohl, daß ich die besten Hoffnungen hegte. Auch bin ich sehr 
leicht davon gekommen, u. jetzt nach noch nicht 14 Tagen fast als 
wäre nichts geschehn. Wenigstens ist mein Kopf durchaus frei u. 
leicht, wenn auch die Beine noch nicht recht mitkommen. Aus- 
sehn thu ich sehr miserabel, indeß wird sich auch wohl das geben 
mit der bessern Jahreszeit, wenn wir Eine bekommen. [. . .] Daß Ihr 
unter Euren Planen oder Nichtplanen unser auch nicht mit einem 
Worte gedenkt, thut uns wohl leid, u. ich habe schon ganz die 
Hoffnung aufgegeben, Cecile in diesem Jahr zu sehn. Ich werde 
Berlin nicht verlassen. Sobald alles grün ist, treibe ich Hensel aus, 
nach Dresden, von wo aus er nach der sächsischen Schweiz zu Fuß 
gehn, u. da malen wird. Wäret Ihr in Leipzig, so reiste ich mit, u. 
käme unterdessen zu Euch, so aber bleibe ich in min Hus. [. . .] Wie 
freue ich mich Eures Glücks, u. wie goutiren wir, Hensel u. ich, 
Euer planloses Umherschweifen, das ich sehr angenehm für eine 
junge Ehe finde. Ich freue mich auch auf Deine Flitterwochenprä- 
ludien 218 , von allen Wochen, in die man kommen kann, sind die 
Flitterwochen unstreitig die angenehmsten. [. . .] 



253 



fanny an felix 219 Berlin, 2. Juni 1837 

Regen, Sturm u. Kälte. 

Dein gestriger Brief 20 , lieber Felix, hat mir die Zunge gelöst, die 
mir etwas eingefroren war, wie kanns bei dem Wetter anders seyn, 
und ich werde nun wie ein Mühlrad klappern, daß Du mich am 
Ende wieder aufhören heißt. Zuerst muß ich Dir sogleich sagen, 
daß Alexander und Mad. Schunk, und wer Dir sonst gesagt haben 
mag, daß wir oder ich die englische Reise 221 übel nehmen, sich 
gänzlich geirrt hat. So etwas ist mir auch im Traum nicht eingefal- 
len, ich sehe die Wichtigkeit u. Annehmlichkeit dieser Reise viel 
zu gut ein, wünsche mir viel zu sehr sie selbst einmal mit meinem 
Mann zu machen 222 , als daß ich sie irgendjemand der sie verdient 
mißgönnen sollte, am wenigsten Dir. Auch sind wir weit entfernt, 
die Prätention zu machen, daß Du, um uns zu besuchen, irgend 
etwas aufgeben solltest, das Dir nützlich oder erfreulich seyn kann. 
Weil aber doch die Sache einmal zur Sprache gekommen ist, so 
will ich Dir aufrichtig sagen, was daran ist. 

Daß Ihr nicht von Leipzig hergekommen seyd, was Ihr so gut 
ohne irgend ein Opfer gekonnt hättet, wäret Ihr dem Plane ge- 
folgt, den ich Euch gleich anfangs angab, u. der doch nachher zur 
Ausführung kam, das habe ich zwar nicht übel genommen, denn 
das ist der rechte Ausdruck nicht, aber sehr schmerzlich empfun- 
den und wohl hier u. da ausgesprochen. Mad. Jeanrenauds Gründe 
für ihre schnelle Rückreise haben mir niemals einleuchten wollen, 
und der Erfolg hat auch gezeigt, daß ich nicht so unrecht hatte, 
denn die Hochzeit ist recht gut von statten gegangen ohne daß sie 
drei Wochen vorher dagewesen wäre, und Mad. Souchay 223 ist 
auch nicht so unversöhnlich gewesen. Wenn Deine Beschäftigun- 
gen Dich abgehalten haben, länger als ein Paar Tage hier zu blei- 
ben, so hätten diese hingereicht, Cecile herzubringen, u. auf länger 
als ein Paar Tage war ja auch der ganze Besuch nicht versprochen. 
Indessen das sind lauter »hätte« und »wäre«, mit denen nichts zu- 
rückzurufen ist. Schade ist es nur, daß der Verlust für uns unersetz- 
lich ist, denn Cecile als Mädchen zu sehen, ist nun in diesem Leben 
nicht mehr möglich. Hätten wir reisen können, so wären wir na- 
türlich nach Leipzig gekommen, obgleich Du auch das im Anfang 
nicht zu wünschen schienst, so aber war das unmöglich, u. ich 



254 



danke Gott, daß ich mich nicht von meinem Wohlbefinden habe 
verleiten lassen, es doch zu wagen, weil ich mir sonst wegen mei- 
nes Unfalls die größten Vorwürfe gemacht haben würde. Ich den- 
ke also, lieber Bruder, Du wirst es mir nicht verdenken, vielmehr 
ein Zeichen meiner Liebe darin sehen, daß ich mich durch dies 
Mißlingen in eine unbehagliche Stimmung versetzt fühlte. Wenn 
Du an die Zeit zurückdenkst, wo wir beständig zusammen waren, 
wo ich jeden Gedanken sogleich erfuhr, der Dir durch den Kopf 
ging, u. Deine neuen Sachen auswendig wußte, ehe Du sie einmal 
aufgeschrieben, wenn Du Dich erinnerst, daß unser Verhältniß 
schon durch die gemeinsame musikalische Beschäftigung ein ge- 
wiß auch unter Geschwistern seltenes war, so wirst Du mir zuge- 
ben, daß es gerade für mich eine seltsame Entbehrung ist, Dich 
Jahr und Tag auf eine Weise beglückt zu wissen, wie ich sie immer 
so lebhaft für Dich gewünscht habe, und Deine Geliebte, Deine 
Frau gar nicht einmal zu kennen. Alle Beschreibungen helfen 
nichts, sie machen nur irre. 224 Dazu kommt noch, daß ich auch für 
die Zukunft wenig Aussicht habe, denn eine Reise im Winter hier- 
her - wie leicht, ja wahrscheinlich wird die auf eine oder die an- 
dere Weise unausführbar werden, u. so können von jetzt an ge- 
rechnet, Jahr und Tag darüber hingehn, ehe wir uns sehn. Drei 
Jahre sind es bereits, seit wir uns nur auf Tage und in der Hetze 
begegnet sind. Zum Unglück hat mein Mann eben so wenig in 
Leipzig zu thun, als Du in Berlin, u. so wird der Wunsch einmal 
wieder einige Zeit mit Dir zusammen zu seyn, wol unter diejeni- 
gen gehören, nach deren Erfüllung zu streben man sich versagen 
muß; man lernt Manches mit der Zeit. Um nun mit einem Mal 
Alles zu sagen, so kam es mir so vor, als habe diese Entfernung, die 
an mir gewiß immer spurlos vorübergehen wird, Dich nicht ganz 
unverändert gelassen, wenn auch nicht was mich, doch was die 
Meinigen betrifft. Ich weiß mich der Zeit nicht zu erinnern, daß 
Du nach Hensels Arbeiten, nach Sebastians Fortschritten gefragt, 
da habe ich mir denn auch nach u. nach abgewöhnt, von ihnen zu 
reden, denn dergleichen Mittheilungen wollen vergnügt 225 seyn u. 
Wichtigeres habe ich doch nicht zu berichten. Sage mir, daß ich 
mich irre, u. ich will es sehr gerne glauben. 
Das sind so ungefähr die Gründe, lieber Felix weshalb ich in der 
letzten Zeit das Maul gehalten habe. Du siehst, es ist alles Andere 



255 



eher als der Schatten einer Mißbilligung Deiner englischen Reise. 
Ich wußte Dir wirklich nichts zu sagen, was mir der Mühe werth 
geschienen hätte, und wenn Dich nun dieser erste Brief, den ich 
Dir wieder schreibe, herzlich ennuyirt, so verzeih mirs, ich käme 
sehr gern wieder in den alten, dummen Ton, der Dich so oft la- 
chen machte, wenn ich nur könnte. Vor allem zeige der Cecile 
diesen Brief nicht, sie bekommt sonst, wie man hier sagt, einen 
Greuel 226 vor der brummigen Schwägerin. Du nanntest mich aber 
von jeher Grimmhild, u. mußt mir schon erlauben, so viel von 
meinem Grimm beizubehalten, als ich mit aller Mühe, die ich mir 
gebe, nicht abzulegen vermag. Und nun basta. 
Der musikal. Spleen, über den Du Dich mokirst, kam ganz natür- 
lich daher, daß ich den Winter wenig Musik gemacht u. gehört 
habe u. dann drei Virtuosen aufeinander kamen, Döhler, die 
Wieck 227 , u. Henselt 228 . Du weißt, ich lasse mich überhaupt sehr 
leicht niederschlagen, hatte damals angegriffene Nerven, u. kam 
mir unbeschreiblich veraltet vor. Seitdem aber habe ich mich wie- 
der erholt, u. mir Chopins Etüden angeschafft, von denen ich ei- 
nige fleißig übe. Henselt hat in einem Concert ein Paar Etüden 
von Chopin, u. ein Paar sehr hübscher von sich, überaus delicat u. 
rapid gespielt, das war aber auch das Beste. Das an sich etwas 
langweilige Trio v. Hummel 229 hat er so vorgetragen, wie wir es 
in früherer, guter Zeit aus Spaß thaten, und Schnörkelioso 230 nann- 
ten. Ich glaube, diese Vortragsart wird ueberhaupt wieder Mode 
werden, denn da diese ganze Virtuosität ein Modeartikel ist wie 
Porzellan, Kleider und Lithographien, so muß sie auch Schritt mit 
diesen halten, u. den Schnörkelstyl wieder hervorsuchen, wie in 
der Kunst jetzt Ludwig XIV Perücken Mode sind, wenigstens bei 
Engländern u. Franzosen. Die Variat. eigener Composition, die 
Henselt zum Schluß spielte 231 , fand ich bei aller Schwierigkeit so 
wenig brillant, u. so häßlich, daß sie mich sehr degoutirten, wie 
überhaupt dies ganze Concertwesen. Von diesen drei Clavierspie- 
lern hat keiner ein ordentliches Concert, keiner mit Begleitung 
gespielt, sondern Etüden, Variat. u. s. w. Nächstens werden sie vor 
dem Publicum eine Stunde geben. - Wenn ich es zusam- 
menbringen kann, so werde ich diesen Sommer wieder Musik 
machen. Ich glaube aber kaum, da meine Freunde, die Ganze, in 
London 232 sind, u. ich gar zu wenig Musiker kenne. In der Oper 

256 



war ich ein Paarmal, u. habe Armida, trotz der theilweise sehr 
mangelhaften Aufführung, mit unbeschreiblichem Vergnügen ge- 
hört. Die Faßmann 233 , deren Mittel allerdings für diese Rolle nicht 
hinreichend sind, singt sie aber doch mit einer solchen Aufopfe- 
rung aller Kräfte die sie hat, mit e. solchen Hingebung a. d. Sache, 
daß sie Manches ihr Fehlende dadurch ersetzt, u. man ihr schon 
gern manches nachsieht, weil sie doch gute Musik singt, u. wie es 
den Anschein hat, mit Respekt singt. Auch Spontinis Direction hat 
mich amüsirt, obgleich ich manches gern anders gehabt hätte, sie 
war aber doch lebendig, u. das Orcheser klang. Ueberdies waren 
8 oder 10 Vorstellungen der Armida packevoll, u. die Nachtwand- 
lerin 234 , worin ich die Löwe 235 sah, nicht. Nun sage man noch, daß 
ein Publicum nicht gern gute Sachen hört, wenn man sie ihm nur 
giebt. Das hiesige hat nur die Energie nicht, das Gute zu fordern. 
Auf Deine Fugen freue ich mich sehr, die Lieder habe ich mir nur 
auf eine Stunde zum Ansehen kommen lassen, weil ich wußte, daß 
wir sie bekommen, ich werde Dir darüber schreiben, wenn ich sie 
besser kenne. Unter den Aelteren 236 gefällt mir das Sonntags- 
lied 237 , und auf Flügeln des Gesanges 238 , unter den Neuen 239 das 
Reiselied von Heine am besten. Den Anfang davon finde ich wun- 
derhübsch, die Stelle aber, wo die iötel aufhören, gefällt mir nicht 
ganz. Uebrigens ist es mir immer schwieriger, Sachen von Dir 
zuerst gedruckt zu sehen. Ich habe gleich ein Urtheil drüber wie 
über Compositionen von Mendelssohn, es ist mir denn gar nicht 
als wären sie von Felix. 

Gestern habe ich »farewell« von Byron 240 komponirt, u. ehe Dein 
Brief kam, hatte ich die Idee, es Dir anstelle eines Briefes zu schik- 
ken, denn es gefällt mir. - Was ist das für ein Psalm, den Du 
komponirt hast? u. ist er deutsch oder lateinisch? 241 Schreibe mir 
doch, was Du für nächste Zeit für Arbeitsplane hast. Wirst Du 
nicht bald eine komische Oper schreiben, auf die ich schon so 
lange warte? Ich möchte so gern einmal ein Liederspiel schreiben, 
hätte ich nur einen Text dazu. 

Heut ist ein Wetter, daß man keinen Hund herausjagen möchte. 
Der Regen strömt den ganzen Tag, Kälte, Sturm. Ich habe die 
Ueberzeugung, daß wir diesmal keinen Sommer bekommen. Der 
ganze Garten steht in unbegreiflicher Herrlichkeit, u. kaum drei 
Tage haben wir gehabt es zu genießen. - Mutter, über deren letz- 



257 



ten Brief Du Dich so gefreut hast, ist Gottlob zum Bewundern 
frisch u. gesund. Gott erhalte sie so. Lebe wohl. Tausend Grüße 
an Cecile. 



felix an lea Frankfurt am Main, 8. Juni 1837 

Liebe Mutter, 

Ich schreibe Dir heut, um Dir eine Nachricht zu geben, von der 
ich gewiß weiß, daß sie Dich von Herzen erfreut, weil ich weiß, 
wie Dir an allem liegt, was mein Leben und mein Glück betrifft. 
Mir ist in diesen letzten Tagen die größte Freude geworden, die 
einem Menschen zu Theil werden kann, und wenn ich Dir noch 
sage, daß sie mir durch meine hebe Cecile geworden ist, so brau- 
che ich Dir nicht weiter zu schreiben, worin diese Freude besteht, 
Du weißt es schon. Seit mehreren Wochen schon hoffte ich, Dir 
diese Nachricht geben zu können, die auch Dir so viel Freude 
machen muß, doch Cecile wollte es nicht, weil sie es noch für 
ungewiß hielt, jetzt aber scheint kein Zweifel mehr daran zu sein, 
und drum eile ich, Dir es zu sagen, liebe Mutter, und Dich zu 
bitten, Dich mit mir an der Hoffnung, die uns so schnell und so 
froh zu Theil wird, zu erfreuen. Nun gebe Gott nur Gesundheit 
und Glück meiner heben Cecile, so wie sie es bisher gehabt hat, 
und dann sind alle Wünsche erfüllt, aber auch alle, die ich auf 
Erden thun konnte [. . .] Ich möchte, Du wüßtest es, welch einem 
glücklichen Menschen Du das Leben geschenkt hast, und Du 
dächtest zuweilen an ihn. [. . .] Jetzt bitte ich Dich, Lebe Mutter, die 
Schwestern u. Paul u. Albertine sehr vielmal zu grüßen, und ihnen 
das zu sagen, und auch daß ich gestern die 3 Briefe der Geschwister 
zugleich bekommen habe. Nun weiß ich nicht, ob ich in den näch- 
sten Tagen zur Antwort kommen kann, und doch ist in den Brie- 
fen der Heben Schwestern etwas, das eine schnelle Antwort erfor- 
dert. Fanny spricht es aus und in Beckchens Brief scheint es mir 
auch zu Hegen, daß sie beide aus irgend welchen Gründen mich 
verändert denken oder dachten. 

Wenn es doch bei dieser Gelegenheit zwischen uns aUen ein für 
aüemal [. . .] ausgesprochen wäre, daß wir uns gegen einander nie 
u. nimmermehr verändern. Fanny sagt, ich möge nur sagen, daß 
sie sich irre, so wolle sie es gern glauben - aber ist denn das für 

258 



mich ein frohes Gefühl, erst zu sagen, daß sie sich in einer Sache 
irrt, in der ich mich selbst verkennen u. verrathen müßte, wenn 
sie wahr wäre? Und auf die einzelnen Puncte, von denen sie mir 
schreibt, will ich ihr selbst schreiben, denn keiner davon ist wirk- 
lich gerecht. Aber heut möchte ich Euch Alle eben das bitten, doch 
nimmermehr an Veränderungen [. . .] zu glauben, was das Leben 
so verbittert, und so klein macht. Gerade eben jetzt, wo meine 
Existenz weiter und vielfältiger wird, da fühle ich mehr als jemals 
das Bedürfniß, es zu wissen, daß die Meinigen mein sind, und 
bleiben. Ich könnte sonst, sobald ich es wollte, meine Plane, meine 
Reisen, meine Vorausbestimmungen ändern, um das zu thun, was 
mir persönlich das liebste wäre, oder was Ihr wünschtet [. . .], aber 
ich kann das jetzt nicht mehr. Und gerade eben deswegen möchte 
ich Euch bitten, glaubt an keine Veränderung, lest sie nicht zwi- 
schen den Zeilen der Briefe, hört sie nicht in den Gesprächen der 
Leute, sondern glaubt dem, daß ich Euch mein Lebtag so hebe, so 
eng mit Euch zusammenhänge, wie ich nicht anders kann. [. . .] 

felix AN lea 243 Frankfurt am Main, 24. Juni 1837 

Liebe Mutter, 

ich habe Dir für zwei so liebe und schöne Briefe zu danken, wie 
ich nur je von Dir erhalten habe. Der letzte hat uns beiden so 
wohlgethan, und Deine Theilnahme an unserem Glück hat mich 
wieder gerührt und erfreut, daß kein Wort Dir es sagt, wie dankbar 
ich Dir bin. [. . .] 

Meine Cecile ist zum größten Glücke kerngesund und wohl, ob- 
gleich sie jetzt schon im 3ten Monat sein soll, wie die Kunstver- 
ständigen sich ausdrücken. Wie muß ich Gott für ihre Gesundheit 
danken, denn ich kann mich nicht von meiner Angst befreien, 
wenn sie einmal an Kopfschmerzen oder Müdigkeit leidet und 
Abends früh sich nieder legt. [. . .] 

Ich kann es eben gar nicht beschreiben, wie glücklich mich jeder 
Tag mit Cecile macht, wie ihr hebenswürdiger Charakter mir im- 
mer wohlthätiger u. erquickender wird, es ist eben was Uner- 
schöpfliches um solche rechte innere Güte. Jetzt quält sie sich oft, 
daß sie nichts ordentliches arbeiten könne, wenn sie mal einen Tag 
so ganz müde ist, und dann will sie gar nicht begreifen, wie wenig 



259 



darauf jetzt ankommt, und dann wird sie oft ganz trüb und melan- 
cholisch darüber - aber es scheint auch mehr körperlich zu sein, 
denn wenn sie ordentlich wieder geschlafen hat, ist sie gewöhnlich 
wieder so munter und jugendlich lustig wie immer sonst, Gott sei 
Dank. Wie hart und schwer mir die Trennung von ihr werden 
würde, hast Du wohl gewußt, dennoch haben wir uns schon fast 
resignirt, und würden also gleich im ersten halben Jahre über einen 
Monat von einander entfernt sein müssen - Du glaubst nicht, wie 
sonderbar mir's ist, wenn ich das alles bedenke [. . .] 
[. . .] Du schreibst mir über Fanny's neue Stücke, und sagst mir, ich 
solle ihr zureden u. ihr Gelegenheit verschaffen 244 , sie herauszu- 
geben. Du lobst mir ihre neuen Compositionen, u. das ist wahr- 
haftig nicht nöthig, damit ich mich von Herzen darauf freue, u. sie 
für schön u. trefflich halte, denn ich weiß ja, von wem sie sind. 
Auch darüber hoffe ich, brauche ich nicht ein Wort zu sagen, daß 
ich, sowie sie sich entschließt, etwas herauszugeben, ihr die Gele- 
genheit dazu, so viel ich kann, verschaffen und ihr alle Mühe dabei, 
die sich ihr ersparen läßt, abnehmen werde. Aber zureden etwas zu 
publiciren kann ich ihr nicht, weil es gegen meine Ansicht und 
Überzeugung ist. Wir haben darüber früher viel gesprochen u. ich 
bin immer noch derselben Meinung - ich halte das Publiciren für 
etwas Ernsthaftes (es sollte das wenigstens sein) und glaube, man 
soll es nur thun, wenn man als Autor sein Lebenlang auftreten und 
dastehn will. Dazu gehört aber eben eine Reihe von Werken, eins 
nach dem anderen, von einem oder zweien allein ist nur Verdruß 
von der Öffentlichkeit zu erwarten, oder es wird ein sogenanntes 
Manuscr. für Freunde, das ich auch nicht Hebe. Und zu einer Au- 
torschaft hat Fanny, wie ich sie kenne, weder Lust noch Beruf, 
dazu ist sie zu sehr eine Frau, wie es recht ist, erzieht den Sebastian 
und sorgt für ihr Haus, und denkt weder ans Publicum, noch an 
die musikalische Welt, noch sogar an die Musik, außer wenn die- 
ser erste Beruf erfüllt ist. Da würde sie das Druckenlassen nur drin 
stören, und ich kann mich eben einmal nicht damit befreunden. 
Darum werde ich ihr nicht zureden, verzeih es mir. Zeige diese 
Worte aber weder Fanny noch Hensel, der mir sie übel nehmen 
oder doch misverstehen würde - sage lieber gar nichts davon. 245 
Wenn sich Fanny aus eigenem Antriebe oder Hensel zu Gefallen 
dazu entschließt, bin ich, wie gesagt, bereit ihr behilflich zu sein, 



260 



soviel ich nur vermag, aber ermuntern zu etwas, das ich für nicht 
recht 246 halte, das kann ich nicht. 247 

Bitte schreib mir auch einmal, ob denn diese großen Gesellschaf- 
ten, die Fanny giebt, u. das Musikmachen darin sie nicht sehr an- 
greifen? Ich bin davon immer sehr erschöpft gewesen, und da Fan- 
ny gerade auch oft an schwachen Nerven zu leiden hat, wie ich, 
so meine ich doch, sie muß sich sehr in Acht damit nehmen. Und 
ist es denn gar nicht zu machen, daß sie mit nach dem Seebade 
geht? Es ist eine so herrliche Kur, so entschieden stärkend, daß 
mirs gar zu lieb wäre, wenn sie es thäte; und wenn ich mich jetzt 
so kurz nach der Hochzeit von Cecile trenne, so kann sie es ja nach 
mehrjähriger Ehe wohl auch von den ihrigen auf die kurze Zeit - 
Du schreibst, es sei ohne Nothwendigkeit, aber wenn es ihr wohl 
thäte und sie recht stärkte und erquickte, so wäre es wohl des 
Opfers werth. O bitte, berede sie dazu, liebe Mutter, ich schreibe 
ihr auch noch selbst ein Paar Zeilen und quäle sie darum. 

felix an fanny 248 Frankfurt am Main, 24. Juni 1837 

am Tage wo ein Freimaurer ersäuft, 
nach einem Sommernachtstraum. 

Liebe Fanny, 

gestern habe ich Dein Praeludium no. 6 aus b dur 249 zu meiner 
Fuge aus b dur 250 erhalten, denn es ist wirklich dasselbe tale quäle, 
und mich an dem netten Zusammentreffen ergötzt. Ist es nicht 
seltsam, daß zuweilen musikalische Ideen in der Luft herumzuflie- 
gen scheinen u. sich da u. dort niederlassen? So ist es hier nicht 
blos die gleiche Figur, Bewegung u. Anlage, die mich erstaunt, 
sondern namentlich gewisse Kleinigkeiten, die gar nicht im The- 
ma zu liegen scheinen, d. h. in den Noten, u. doch darin sind, d. h. 
in der Stimmung, und die sich also auch bei uns beiden so auffal- 
lend wiederholen. Z. B. dies forte in c moll, wie es bei Dir in 
Octaven kömmt u. dann nach des geht, u. dann namentlich die 
Wiederholung piano am Ende. Etc. etc. Es ist gar zu lustig. Neben- 
bei ist es hübsch, daß unsere Gedanken einander so nahe bleiben. 
Habe auch Dank für alles Gute, was Du meinem Paulus in Berlin 
erweisest. Er kann es wohl dort brauchen nach der Auswahl, die 
sie in der Werderschen Kirche gegeben haben u. von der mir 

261 



Mutter schreibt. Das wird wohl klingen bei Dir! Aber nimm Dich 
nur in Acht, Dich nicht zu sehr anzustrengen, gerade das heftige 
Accompagnieren der Chöre greift sehr an, wie ich aus Erfahrung 
weiß. Und da ich davon spreche, so will ich Dich quälen ins See- 
bad zu gehen. Mutter schreibt mir, Albertinen gehe dahin, u. Du 
wollest sie nicht begleiten, um Dich nicht von Hensel zu trennen, 
aber ich meine doch, Du solltest solch eine angenehme Gelegen- 
heit zu solch einer starken Cur nicht vorübergehen lassen. Im 
vorigen Jahre, wo mir gerade eben nichts besonderes fehlte, aber 
wo ich doch einer rechten Erfrischung bedurfte, da hat mir das 
Seebad gar zu wohl gethan. Ich bin überzeugt, das würde es Dir 
jetzt auch - blos schon der frische Seewind u. die Abkühlung 
durch u. durch, die man spürt, wenn man am Strand geht, u. dann 
die ganze Luft dort sind so wohlthätig. Du solltest es doch thun, 
und wenn Du Dich von Hensel nicht trennen willst, so denk an 
mich, der ich hier in wenig Wochen allein nach England gehen 
soll und Cecile hier lassen, und bin noch keine 4 Monat verhei- 
rathet, und muß es doch thun. Und blos einem Musikfest zu Lie- 
be - da ist noch ein Seebad ein anderer Grund. - Es wird eine 
wahrer Hetze auf dem Musikfest werden, 4 Tage dauert es, und 
bis jetzt habe ich nicht weniger zu thun, als den ersten Tag Orgel 
zu spielen, den 2ten Paulus zu dirigieren, den 3ten Ciavier zu 
spielen, u. den 4ten zum Schluß wieder Orgel zu spielen. Außer- 
dem ist noch die Rede davon, meinen neuen Psalm »wie der 
Hirsch schreit« u. meinen Sommernachtstraum zu geben. Außer- 
dem giebt noch Neukomm eine große neue Cantate the ascen- 
sion. Außerdem will er mehrere Sachen aus der Bachschen Pas- 
sion singen lassen, wozu er wie man mir hier sagt, viel Posaunen 
gesetzt hat. Außerdem werden die Italiänischen Sänger singen. 
Außerdem noch der ganze Messias. Außerdem noch in jedem 
Concerte eine Symphonie u. eine Ouvertüre. Gottschock! Und es 
dauert bis zum 22sten September, u. den 30sten soll ich in Leipzig 
Probe halten, u. den isten Oct. ist das erste Abonnement Concert. 
Das ist kein Spaß. Aber vielleicht macht der Tod des Königs in 
England 251 noch einen Strich durch die ganze Rechnung. Das ist 
für Klingemann gerade in diesem Augenblick, wo er eben behag- 
lich u. eingerichtet war, ein schlimmes Ereigniß. 252 Jetzt giebt es 
in England wieder einen Mordlärm. - 



262 



Was Du von Henselt schreibst, klingt traurig - was ich Dir aber 
von den hiesigen Musikern schreiben könnte, wäre eben nicht 
lustiger - ist jämmerliche Race, voll Hochmuth, Eitelkeit u. ge- 
drücktem 253 kriechendem Sinn. Ries übernimmt den Caecilien- 
Verein, fängt schon an damit groß zu thun, worauf er vor 14 Tagen 
geschimpft hat, Aloys Schmitt 254 hat eine eklige Krankheit, von der 
er die Leute unterhält, die an ihn heran kommen, Guhr verführt 
das ganze Theaterpersonal und außerdem bedeutenden Journal- 
lärm, Hiller wohnt weit auf dem Land u. will in wenig Wochen 
fort - über das Metier! Liszt läuft mit der Gräfin d'Agoult weg, 
Henselt mit Mde. Vogel, Thalberg mit meiner Cousine, Meyer- 
beer von seiner Frau - abermals Schock! - Es ist ein Malheur! Bei 
Veit hier war es ganz hübsch, wenn nur mehr Leute wie Tante 
Schlegel da wären. Mad. Zimmermann führt das Wort. So eine 
aufdringlich-langweilige Ordinairheit wie die Person besitzt, ist 
mir noch nicht vorgekommen. Die könnte mich aus einer Stadt 
vertreiben mit ihrem stillen Gewäsch, das in einem fort unterir- 
disch weiterwühlt und jammert. 

Moser war nur einen Tag hier, u. brachte gute Nachrichten. Doch 
wußte er nichts Neues von Hensels Arbeiten zu erzählen, da ich 
die Hauptsachen wußte, u. eben beschreiben läßt sich ein Bild so 
wenig. Er hat glaub ich versäumt, die Miniaturen bei Brentano zu 
sehn u. das thut mir leid, denn sie sind höchst interessant. Ich hab 
ein Violinquartett fertig gemacht u. werde wieder ein neues anfan- 
gen; auch an größere Ciavierstücke denke ich. Das Concert wird 
mir gar zu sauer 255 , das Andante u. letzte Stück sind zwar fast 
fertig, aber das erste Stück quält mich noch, weil's brillant sein soll, 
und Du weißt!! Cecile sitzt neben mir, leidet wie ich von der Hitze, 
ist aber sonst wohl u. liebt u. grüßt Dich sehr. Grüße Paul und 
Albertine sehr vielmal von uns u. lebewohl. Schreibe mir bald, u. 
viel, küsse Sebastian für mich, u. grüß Hensel. Dein Felix. 

fanny an Felix 256 Ohne Ort und Datum 

Ich nehme also meine neuliche Kondolenz und Mitjammer zu- 
rück, hebe Cecile, finde Dich gar nicht zu beklagen, pauvre nom- 
ine, der Du mit allen möglichen Comforts zu Bingen am Rhein 
wohnst. Voriges Jahr war ich mit Paul u. Albertine auch einen Tag 

263 



dort, das ist meiner Treu wunderschön. Wohnt ihr im Gasthaus, 
zu welchem man durch einen kleinen Garten gelangt, mit 2 bel- 
vederes an beiden Ecken? den Namen habe ich vergessen, aber da 
waren wir damals. 

Uns vergeht hier der Sommer bei großer Einförmigkeit der Le- 
bensweise äußerst schnell. Woringens 257 werden nun wol einigen 
Wechsel hineinbringen. Vorige Woche waren wir 2 Tage auf dem 
Lande, 4 Meilen von hier, um Sebastian abzuholen, der schon ei- 
nige Tage früher mit Luisen hingefahren war. Es war eigentlich 
das erstemal, daß ich hier in der Gegend im Lande war. Wären 
nur alle Wege hier so wie sie von der Chaussee abführen, nicht so 
trostlos. Den Aufenthalt dort fanden wir sehr angenehm, die Leute 
sehr freundlich, gastfrei, u. das Besuchen u. Durcheinanderreisen 
bei den benachbarten Gutsbesitzern fast so stark wie in glückliche- 
ren Ländern. 

Einstweilen haben wir hier überall das durch M. J. Herz verbrei- 
tete Gerücht von Felix Abreise nach England weiter gebracht. Lie- 
ber Felix, daß Du unter die Musiker, die einen schlechten Lebens- 
wandel führen, auch Meyerbeer rechnest, der seine Frau verläßt, 
das habe ich nur mit Naserümpfen lesen können, da Du selbst im 
Begriff stehst, Deine Frau so böslich zu verlassen. An ihrer Stelle 
würde ich diese Veranlassung ergreifen, mich von Dir scheiden zu 
lassen, sie klagt ja ohnehin in allen Briefen, daß sie es bei Dir nicht 
aushaken kann. Sehr wenig habe ich gegen das Präludium und die 
Fuge einzuwenden, die Du in London spielen willst, warum dieses 
nicht? 258 

Weißt Du denn, daß jetzt die Gluckschen Opern hier wieder ge- 
geben werden, wenn auch Eichberger als Admet ein wahrer 
Schlächter u. Blume 259 als Herakles 260 der Ochs dazu ist, so kann 
ich doch nicht läugnen, daß ich sie mit wahrer Freude wiederge- 
hört habe. Die Faßmann, deren Mittel eigentlich bei weitem nicht 
ausreichend sind, singt u. spielt mit solcher Aufopferung aller Kräf- 
te, die ihr irgend zu Gebot stehn, daß sie die Partien nicht allein 
durchführt, sondern wirklich schön durchführt. Man muß nun 
freilich nicht an die Milder denken, deren Organ allein fast ohne 
daß sie damit gesungen hätte, an vielen Stellen so wunderbar wirk- 
te, aber man freut sich doch, die Töne einmal wieder zu hören, 
und nach 10 u. 20 Jahren dasselbe Publicum wieder zu sehn, wel- 

264 



r 



ches damals keine Glucksche Oper ungehört ließ. Der erste Rang 
ist leer, wie früher, alles Andere durchaus voll, u. namentlich die 
jüngere Generation, die die Milder nicht recht mehr gehört hat, 
höchst entzückt. Von dieser erzählt man, sie sei gefragt worden, ob 
sie Alceste von der Faßmann gehört hätte, u. darauf geantwortet 
habe: nein, ich habe die Rolle einmal von der Milder gehört, u. 
will sie nun nie wieder hören. [. . .] 

Lieber Felix, mache mir einmal einen Begriff von Deinem Psalm, 
wie der Hirsch schreit. Schreit er 4stimmig, oder 8, a capella oder 
mit Begleitung? Und von Deinem Concert möchte ich auch etwas 
wissen. Daß Du wieder ein Oratorium machen willst, freut mich. 
Man kann doch nun einmal keine komische Oper nach der Bibel 
machen, die möchte ich freilich am liebsten just 261 von Dir hören. 
Meine Musiken müssen sich jetzt ohne die Decker behelfen, ge- 
gen die der Gansdarmenmann nur eine Strippe ist. Ich behaupte 
immer sie bekommt kein Kind, sondern ein Haus. Daß Worin- 
gens sie nicht wohler 262 treffen, thut mir leid. Lebt übrigens wohl. 
Es ist Mittag, u. ich bin noch im Schlafrock, u. nun klingelt es, o 
weh! Geht das anderswo auch so, daß wenn man sich gerade ein- 
mal verspätet hat, alle Leute kommen, u. wenn man gut angezo- 
gen ist, kein Mensch? Ich bitte wohl zu leben, und mich Madame 
Jeanrenaud bestens zu empfehlen. Eure Fanny. 

fanny an Felix 263 Berlin, 29. August 1837 

Wir beeilen uns, Dir die gewünschten Nachrichten zu geben, lie- 
ber Felix, die Gott sey Dank sehr befriedigend über uns Alle lau- 
ten. Bis jetzt wußten wir nicht recht, wann u. wohin wir Dir nach 
England adressiren sollten. Die Cholera ist, wie Du aus den Zei- 
tungen sehen wirst, ziemlich stark hier, aber wir leben vorsichtig, 
ohne Angst, u. was das Beste ist, ungemein vergnügt mit unseren 
lieben Gästen 264 . Daß diese heben Leute meiner Ueberzeugung 
nach gerade weil die Cholera hier ist, länger bleiben, als sie anfangs 
wollten, verdient auch bemerkt zu werden, ich glaube, das macht 
ihnen so leicht kein Fremder nach. Nun sind sie in der 4ten Woche 
hier, u. es scheint ihnen hier sehr gut zu gefallen. Da Rebecka 
ziemlich unbeweglich ist 265 , u. Mutter in der Hitze nicht ausgeht, 
so sind mir größtentheils die honneurs von Berlin anheimgefallen, 

265 




Cecile Mendelssohn Bartholdy 



die ich denn auch mit meinem lieben Mann zusammen, mit mög- 
licher Coquetterie, gemacht habe. Abends haben wir Musik, aber 
dumm genug 266 gemacht, u. in diesen Paar Wochen mehr gelacht, 
als vorher in einigen Jahren. Franz hat das von seinen Schwestern 
immer gepriesene komische Talent nach jährigem Schweigen auf 
eine Weise herausgekehrt, die alle unsere Erwartungen weit über- 
traf, u. ich versichere Dich, er ist ein ganz bedeutender komischer 
Schauspieler. Sie gaben uns improvisierte Vorstellungen im rhei- 
nischen Dialekt, in denen er eine stehende Figur, dat Hänne- 
sche 267 , vorstellt, ich versichere Dich, Du würdest unter den Tisch 
fallen, wenn Du das einmal sähest. Der alte Mann ist unverändert 
liebenswürdig, u. frisch, es ist wirklich eine wahre Erquickung, mit 
diesen vortrefflichen Menschen zu leben. 

[. . .] Die arme Decker hat vor einigen Tagen nach vielem Leiden 
ein todtes Kind geboren, zum Glück ist sie selbst wohl. Sie sah 
wirklich in der letzten Zeit zum Erschrecken aus. Sage Klinge- 
mann, ich ließe ihn recht herzlich nicht grüßen, keiner im Hause 
läßt ihn grüßen, denn er ist ein Verräter. Es Hegen auch einige 
englische Lieder für ihn u. seine kleine Miss da, die soll er näch- 
stens nicht haben. [. . .] 

fanny an felix 268 Berlin, 31. Oktober 1837 

Ich will Euch für heut nur unsere glückliche Ankunft in Berlin 
melden 269 , lieber Felix und liebe Cecile, die Sonntag Abend um 7 
stattfand. Von Bitterfeld an waren wir mit Frehrings zusammen 
gewackelt, welche von Tübingen aus auf diese Weise gereist sind, 
ein Unternehmen, das meine Geduld wahrscheinlich übersteigen 
würde. 

[. . .] Hier haben wir Alles, Gott sey Dank, wohlauf gefunden, Re- 
becka sehr wohl aussehend, u. das Kleine 270 , für sein Alter, wirklich 
sehr niedlich. Bei jedem Gesicht das es schneidet, bei jedem Gäh- 
nen, bei jedem Quäken, muß ich an Dich denken, Hebe Cecile, 
und Dir ein ähnHches Glück wünschen, nämHch es zu sehen, denn 
für Dich, wollte ich, wären Gesichter schneiden, Gähnen u. Quä- 
ken erst vorbei, Du lustige Person, mit den grünen Haaren, wie 
Dein galanter Gemahl Dich zu nennen pflegt. 
Gestern Abend kamen Eure Briefe an. Ich glaube, Felix, Dein 

267 



Kriegsheldenname wird so wenig durchgehn, als der andere, ich 
habe jetzt einen friedlichen Ernst vorgeschlagen, u. der hat ver- 
schiedene Gründe für sich. 

[. . .] Paul wird Dir geschrieben haben, daß er wieder nach Ham- 
burg reisen muß, u. zu diesem, u. fernerem Behuf den Wagen der 
berühmten Betrügerin Wilke gekauft hat. Wie komisch wird dem 
Wagen zu Muth seyn, wenn einmal ehrliche Leute darin sitzen. 
Hensel hat gestern noch auswendig an Ceciles Zeichnung gearbei- 
tet, die noch viel ähnlicher geworden ist. Mutter zieht sie dem 
Bilde vor, u. wird eine Copie davon erhalten, so wie Rebecka eine 
Zeichnung nach dem Bilde. 

Adieu, liebe Leute, lebt wohl, liebe Cecile, schnappe nicht nach 
Luft, die Luft soll Dir leicht u. frisch u. angenehm seyn, gähne 
nicht, habe gar keine trübe Gedanken, sey frisch u. froh, wie Du 
andre Leute machst, wie es Deine Natur ist, u. behalte mich lieb, 
wie ich Dich so herzlich heb gewonnen habe. 
Eure Fanny, 
isten Novbr. 

[...] Du glaubst nicht, wie garstig mir das Briefschreiben wird, 
wenn ich an Deine Leipziger Vorlesung denke, u. mir immer vor- 
halten muß, wie sich so ein Wisch in der Zukunft ausnimmt. Ei- 
gentlich sollte man jeden gelesenen Brief, der so gar nichts enthält, 
sogleich in den Papierkorb stecken, dann wäre er vielleicht in der 
Erinnerung recht schön [. . .] 

fanny an felix 271 Berlin, i. Dezember 1837 

[...] Gestern ist nun der kleine Mann getauft worden, und heißt 
nach allen möglichen Umwegen über Cäsar und Constantin - Fe- 
lix. So greift sich der Pollack an sein Unk Ohr. Die kleine Alexandri- 
ne 272 meinte, als sie von Constantin hörte, für eine Stadt gefiele ihr 
der Name recht gut, aber nicht für einen Menschen. Das Fest war 
sehr hübsch und gelungen. Gegen 2 fand die Taufe statt (Pathen 
waren Mutter, Marianne Saaling, Steffens, Gans u. mein Mann) u. 
dann ein sehr hübsches sitzendes Frühstück, bei dem, denke Dir 
einmal Felix! einige 40 Personen satt wurden; in 2 Stuben waren 
drei Tische gedeckt, an denen man sehr munter sich befand, an 
einem vierten saßen Sebastian, Walter u. Alexandrinchen. 



268 



Du wirst einmal sehn, liebe Cecile, was das für ein hübsches Fest 
ist, ich mußte immer an Dich denken [. . .] Schade wars, daß auf 
der gestrigen Taufe, bei der 9 Damen Mendelssohn anwesend 
waren, die Herren gar keinen Repräsentanten hatten. Paul kam 
zwar [. . .] 273 , mußte aber, Posttags wegen, bald wieder fort, Onkel 
Nathan war krank, Onkel Joseph u. Alexander konnten Geschäfte 
halber gar nicht kommen. Du, Felix, hast keine Hochzeit Deiner 
Geschwister, u. keine Taufe Deiner Neffen mit angesehn. Wenn 
doch Paul auch einmal das Glück hätte taufen zu lassen! Ich kann 
nicht sagen, wie sehr ich es ihm wünsche. Uebrigens ist Rebecka 
wieder außerordentlich hübsch, u. hat gestern große Furore ge- 
macht. Sie verändert sich von Zeit zu Zeit bedeutend, aber um 
immer wieder eine andre hübsche Frau zu werden. Das Kind wird 
allgemein gefunden, soll mir ähnlich sehn. Trotz dessen kann ich 
aber nicht läugnen, daß es mir sehr niedlich vorkommt. Lebt nun 
wohl, Rebecka will sich noch anhängen, und ich noch an Worin- 
gens schreiben. Eure Fanny. 

felix an fanny 274 Leipzig, io. Dezember 1837 

da sich noch eine freie halbe Stunde heut" bietet, so muß ich Dei- 
nen Brief doch noch beantworten, liebe Fanny u. mich selbst hin- 
ten dran hängen an Beckchen. [. . .] Ich schreibe Dir jetzt in der 
wohlbekannten blauen Eckstube, an Ceciles Tisch, die gern selbst 
schriebe, es aber jetzt auf mein allerhöchstes Begehren nicht thun 
darf, da ihr das Bücken fast immer Gähnstunden verursacht, wäh- 
rend sie sonst Gottlob kerngesund ist. Nur sind wir Abends gar zu 
selten zu Haus, u. auch das bekommt ihr nicht, und auch da möch- 
te ich mit meinem allerhöchsten Befehl einschreiten, aber es thut 
sich nicht. Wenn Abonnements-Concert ist so mag sie mich nicht 
allein gehenlassen, und ich mag sie auch nicht missen, zumal wenn 
wir, wie im vorigen einen ganzen halben Act mit Recit. aus Don 
Juan geben, oder wie im vorvorigen einen ganzen Fetzen nebst 
Familie aus Titus (alles mit der Novello 275 natürlich), oder wie im 
nächsten meine Hebriden, die sie hören will, kurz alle 8 Tage 
Donnerstags eben. Alle Dienstag Abend haben wir eine recht in- 
teressante Gesellschaft bei Hofrath Keil 276 , der uns [. . .] 277 u. noch 
einem Herrn allein eine Vorlesung über Kupferstichkunst hält, 

269 



oder vielmehr seine ungemein vollständige Kupferstichsammlung 
vorzeigt u. mit Notizen über die einzelnen Meister begleitet. Da 
mögen wir auch wieder nicht fehlen, Sonnabend sind Davids 
Quartette, wo gestern mein c moll Quartett wiederholt wurde, da 
müssen wir wieder dabei sein. Morgen Abend giebt Schleinitz 
eine kleine Sebastian Bachsche Cantatengesellschaft, Dienstag 
wieder Keils Vorlesung, Mittwoch eine soiree bei Schunks, lang 
aufgeschoben, endlich eingeladen, Donnerstag Concert, Freitag 
Keil, Sonnabend Quartett, - nicht zum Aushalten. Neulich im 
Musiker Concert sang die kleine Novello nach einer Händeischen 
Arie (Englisch) die das Publicum da capo verlangte 278 , aber nicht 
kriegen konnte, Variationen von Hummel 279 die das Publicum da 
capo verlangte; da ich sie wieder heraufführte, u. eben wieder mit 
meiner Pianofortebegleitung losdudeln wollte sagte sie: Shall not 
I rather sing them something eise? Was ich bejahte, worauf sie sich 
hinsetzte und sich selbst eine französische Romanze accompagnir- 
te. Hierbei hättest Du das Entzücken des Leipzigers sehen sollen. 
Hast Du denn Vieuxtemps 280 schon gehört? Was sagst Du zu ihm? 
Ein geschickter Kerl. Sobald Du Moscheies' neue Etüden kriegen 
kannst, so spiel und übe sie doch; es ist amüsant, wie er immer mit 
den großen Heroen schwimmt u. jetzt lauter moderne u. modern- 
ste Schwierigkeiten u. Wendungen sich zu eigen macht oder wei- 
ter erfindet. Sie sind sehr schwer, u. doch fingergerecht. Dagegen 
ist eine dicke Compositionslehre von Marx 281 hier herausgekom- 
men, schlimm; viele zum Theil sehr gut geschriebene Worte, aber 
unter allen Notenbeispielen kaum eins ohne Fehler u. unreinen 
Satz, u. das unter den ernsthaftesten Worten in einer Composi- 
tionslehre - was soll man dazu sagen? Auch eine andere Theorie 
oder Aesthetik der Musik von Hrn. Hofrath Prof. F. Hand 282 habe 
ich geschickt bekommen; die ist wieder in den Worten so schwach 
u. fehlerhaft, daß man Gefahr läuft Alles zu vergessen, was man so 
gewiß weiß - u. gar was Neues lernen, davon ist gar nicht die 
Rede. O Gott! Jetzt hänge ich mich an Beckchen an. 
Liebes Beckchen! Daß Du Deinen Jungen Felix genannt hast, ist 
um so vernünftiger als er, der Kleine, unmöglich Constantin oder 
Caesar der Große hätte genannt werden können. Cecile will Dir 
durchaus selbst schreiben, ich darf's aber durchaus heut nicht er- 
lauben, u. sie darf nur grüßen. Ich wollte Du kenntest sie, es ist ein 



270 



r 



gar zu liebes Herz. Nun, so Gott will, sehen wir uns alle froh im 
nächsten Frühjahr in Berlin. Jetzt lese ich ihr Heinrich IV vor, den 
sie noch nicht kennt, u. sie denkt u. träumt nichts, als den dicken 
Kerl, wie sie Falstaff nennt, den sie den Besten von allen findet, 
was ist das für ein Plaisir für mich! Aber das Papier ist aus. Felix. 
Das ist ein schöner Brief. 

fanny an Felix 283 Berlin, 12. Dezember 1837 

Nicht später als gleich setze ich mich hin, u. schicke Dir anbei das 
von ehrenwerthen Männern unterschriebene Zeugniß meiner 
Unschuld und der singacademischen Verläumdung. Ich höre von 
Dir, wie Du in Leipzig gesagt hast: Fanny muß sich doch aber auch 
immer in meine Angelegenheiten mischen, oder: Wer hat denn 
Fanny geheißen, da in meinem Namen Antwort zu ertheilen? 284 
oder irgend eine andere Süßigkeit, kurz, ich wette, Du schimpfest, 
aber nein! 

Auf Clara Novello freue ich mich sehr, wir wollen alles Mögliche 
thun, ihr den Aufenthalt angenehm u. nützlich zu machen. 
Vieuxtemps habe ich gehört 285 , er spielt vortrefflich. Er spielte 
Sontag vor 8 T. hier Variationen v. Beriot, dann mit mir u. Ganz 
das d dur Trio v. Beethoven, dann kam Davide penitente, woraus 
die Decker die Sopranpartie famos sang, die Arie zwar aus C 
dur 286 , aber unglaublich brillant, u. ich hatte ihr eine lange Cadenz 
gemacht, womit sie Furore machte, es waren 120-30 Personen hier, 
u. es war fast unser brillantester Musikmorgen. 
Der ganz kleine Vieuxtemps gefällt mir recht gut, er hat etwas recht 
Anspruchsloses, gefälliges, das man jedem hochanrechnen kann, 
der seit seinem 7ten Jahre als Wunderkind durch die Welt ge- 
schleppt wird. Sie machten ihm hier unerhörte Schwierigkeiten u. 
Kabalen, d.h. Moser u. Consorten. Leider steht hier immer Alles 
blank gegen einen Fremden, der Concert geben will, sage das aber 
der Novello nicht. - Ich gratulire übrigens zur neuen Wohnung, 
wünsche sie mit Gesundheit zu verzehren, u. freue mich auf das 
Zusammenkommen im Frühjahr. Dann werdet Ihr unsere Gäste. 
Liebe Cecile, alle Leute verheben sich hier in Deine Zeichnung, 
mehr noch, als ins Bild, für welches ich aber immer noch eine 
große Liebe behalte [. . .] 



271 



felix an fanny 287 Leipzig, 13. Januar 1838 

Vor allem wollte ich einen Rechtsgelehrten über Deinen letzten 
Brief sprechen um zu erfahren, ob die darin abgegebene Erklärung 
authentisch sei oder nicht. Als Anwalt wählte ich den hies. Advo- 
caten Schleinitz und mußte zu meinem äußersten Befremden ein- 
sehen, daß das mir überschickte Document so gut als null u. nich- 
tig ist. Denn daß die beiden minorennen Zeugen Marie u. Marga- 
rethe nichts beweisen, da ihrer Unterschrift die Genehmigung der 
Eltern fehlt, daß ein Kind wie Sebastian gar keine Rechtskraft be- 
sitzt, daß endlich u. besonders der Protocollant Luise Hensel nicht 
im Preußischen zum Protocollieren befugt sei, soviel man hier in 
Leipzig weiß, daß also seine Instrumente keinen rechtlichen 
Werth haben, (wie die meisten anderen Berliner wie Kisting etc.) 
daß also die ganze Beweisführung höchst verdächtig sei, das sagte 
mein Rechtsfreund. Da Du indeß zur Strafe verurtheilt bist den 
Proben der Singe-Academie beizuwohnen, was allerdings für 
Dich hart sein muß, da ich aus Erfahrung weiß welch unsägliches 
Gefühl das ist, so dazusitzen, Zucken in allen Fingerspitzen zu 
fühlen, dennoch gar nichts helfen zu können mit den schönsten 
Worten hinterher, weil nur der Stock hilft (ich meine ja nur den 
Dirigierstock) und das Wort mittendrin wie eben Schock, Don- 
nerrollen oder dergleichen Ermahnungen, die sich nicht wohl an- 
bringen lassen von einer Dame gegen eine ganze Vorsteherschaft 
- so denke ich das ist fast Strafe genug; wenn sich die Trompeten 
bei no. 16 etwa vorsehen wollen und es [. . .] 288 nehmen statt d, oder 
in no. 6 sich verpausiren u. gar nicht anfangen (was bei dieser 
»schwierigen« Musik leicht vorkommen kann) so habe ich weiter 
nichts zu erinnern, u. Du dauerst mich fast sehr wie ich mich 
selber. Nun ohne Spas, habe Dank für das lästige Partikel, das mir 
lieb ist, weil ich draus wieder sehe, wie Du Dich so ganz u. gar 
nach meinem Sinn benommen hast u. alles so recht u. schwester- 
lich gemacht, u. habe mein Bedauern daß Du nun (wie mir Mutter 
schreibt) Dich in den Proben über die langsamen Tempi statt mei- 
ner entsetzen mußt; denn wirklich ist das doch eine der größten 
Qualen, es kommt mir vor wie das »unter dem Mantel predigen«, 
wo es einer auch immer auf eine andere Art verquer macht, wenn 
man's ihm auch noch so nahe legen möchte. Dagegen schreibt mir 



272 



Mutter die schönsten, allerschönsten Dinge von Deinen Sonntags- 
musiken; die müssen ja ganz exquisit sein; könnte ich ihnen nur 
bald einmal beiwohnen. Du weißt, wie sehr ich mir das wünsche, 
u. wie ich zu Gott hoffe, diesen Wunsch im Frühjahr erfüllt zu 
sehen. 

Ich habe für das Musikfest in Cöln 289 ein halb Dutzend Musiken 
von Seb. Bach wieder zugeschickt bekommen (von Hauser, den 
ich drum bat), die sind ganz herrlich, namentlich 2 bis 3; ich 
brauchte ein paar recht glänzende Sachen, mit Pauken u. Trompe- 
ten 290 , da das auf dem Musikfest immer sehr erholsam ist, und da 
schickt mir Hauser eben die Auswahl. Soll ich Dir was davon ab- 
schreiben lassen für besagte Sonntage? Ein Chor ist da, 8stimmig 
»nun ist das Heil u. die Kraft«, 291 mit dem könntet ihr brillieren, 
wenn ihr die Chöre weit auseinanderstellt. 
Wenn sie den Seb. Bach diesmal nicht in Cöln am 2ten Tage an- 
bringen wollen, so dirigire ich ihr Fest nicht - es muß einmal 
durchgesetzt sein, u. Orgel haben sie auch, also fehlt nichts dazu. 
Die Novello wird Dienstag oder Mittwoch in Berlin sein u. Briefe 
von mir bringen; wenn sie nur bei Stimme ist (sie leidet an Erkäl- 
tung seit 4 Wochen u. singt trotzdem aus Eigensinn), so wird sie 
Dir viel Freude machen; laß Dir nonpiü di fiori von ihr vorsingen, 
u. einigen Händel. In ihrem Benefiz Concert, das vergangenen 
Montag war, u. wozu alle Billets vergeben waren, hat sich Leipzig 
an Enthusiasmus den Magen verdorben für ein halbes Jahr 292 ; 
Kränze, Gedichte lagen u. flogen. Wiederkommen wurde ge- 
schrien, applaudiert wurde schon vor der Ouvertüre, als sie in den 
Saal trat, auch wir Musiker legten Kunstliebe an den Tag, u. das 
ganze Orchester spielte umsonst. Wie wird die blaue Grütze 293 
darauf schmecken? (ich verstehe den Graf Redern u. Spontini 
gleichsam darunter.) Vieuxtemps scheint ja fast darin ertrunken zu 
sein. 

Henselt's Spiel hat mir ganz eminent gefallen, aber ich bezweifle, 
daß er ordentlich weiter kommt; das ganze Wesen ist zu kleinlich 
u. ängstlich dazu, mit den fortwährenden Fingerübungen, u. dem 
Dehnen u. Recken. Er macht (ganz wie Du sagtest) nicht halb so 
viel Effect im großen Saale, als er nach Verdienst u. Kräften sollte; 
man muß ihn im Zimmer hören. Hiller, der seinen Winter in 
Mailand mit Rossini, Pixis u. Francilla undBeriot zubringt, schrieb 



273 



mir vorige Woche u. grüßt Dich vielemal. Er schreibt eine Italie- 
nische Oper. Ich hab mir eine Englische bei Planche 294 bestellen 
lassen, da Holtei 295 mir jetzt lieber gar nicht mehr antwortet. Und 
doch habe ich so wenig Lust Englisch zu componiren! Und doch 
muß ich! O weise mir doch den Dichter zu, nach dem ich mich 
schon so lange umsehe. Wer ist Herr v. Meysenbug? 296 Kennst Du 
ihn? Er schrieb neulich an mich, aber wir passen auch nicht zu- 
sammen. [...] 297 

fanny an felix 298 Berlin, 15. Januar 1838 

Du hast mir einen so schönen, lustigen Brief geschrieben, lieber 
Felix, trotz Ohrenpein u. Frost, daß ich nicht umhin kann, sogleich 
zu antworten. Ach, wenn man nur wüßte, wie es jetzt die Briefe 
bei Euch treffen, ob sie nicht in ein freudenvolles Ach u. Wehge- 
schrei hinein fallen. Nun Gott mache es kurz u. gut. Wenn irgend- 
wo, so ist das Kurz in diesem Fall gut. 

Das Zeugniß, welches ich Dir kürzlich überschickt, u. auf welches 
Du heut antwortest, gelte Dir ein für allemal dafür, daß ich mich 
nicht unberufen in Deine Sachen mische. Wenn Dir z.B. Schlesin- 
ger schreibt, ich habe erlaubt, daß er Dein facsimile herausgiebt, 
so halte dafür, daß er lügt. Oder wenn Dir der Archivar Werner 
(Mann einer schlechten Schauspielerin) einen Text schickt, mit 
dem Bemerken, ich habe ihn in Deinem Namen angenommen, u. 
ihm 1000 rh von Dir davon versprochen, so sey überzeugt, daß ich 
ihm höflich zu verstehn gegeben habe, ich glaube nicht, daß Dir 
ein Text von ihm sehr schmecken würde, Du wärest höchst son- 
derbar u. oft kritisch gefährlich, indeß könne man nicht wissen, 
Du wohntest in Leipzig, u. ein Brief an Dich, frankirt auf die Post 
gegeben, träfe Dich stets den 2ten Tag in erwünschtem Wohlseyn. 
So rede ich, u. so höre mich in meiner Weisheit reden, wenn sie 
Dir auch das Gegentheil schreiben, gewöhnlich setze ich noch 
hinzu, auf Antwort von Dir sey schwer zu rechnen, Du wärest ein 
vielbeschäftiger Mann, der Orthographie nicht sehr sicher, u. Dein 
Secretair sey krank. 

Was nun übrigens die Geschichte mit dem Paulus betrifft, so ist 
sie höchst sonderbar. Meine Rolle als Souffleur hat aber wenig- 
stens das bewirkt, daß ich viel Unheil von dem edlen Apostel habe 



274 



r 



abwenden können. Mutter scheint Dir geschrieben zu haben, daß 
Rungenhagen mich schriftlich gebeten hat, den Proben beizu- 
wohnen, u. ihn durch meine Meinung zu erquicken. Darauf ging 
ich vorigen Dienstag hin, u. entsetzte mich ganz so, wie Du es 
beschrieben, u. empfand all das Fingerjucken u. all die Zuckun- 
gen 299 , die Du kennst, wie ich Grell sein Sauigeln auf dem Ciavier 
hörte, u. mir dachte: wenn Du nun da oben säßest, ginge das Ding 
doch gleich. Liechtenstein 300 setzte sich zu mir, u. hörte mein 
Seufzen. Mache dich auf, fingen sie richtig die Hälfte zu langsam 
an, u. da rief ich ganz unwillkührlich aus: Gott steh 301 uns bei, das 
muß ja noch einmal so schnell seyn! Liecht. bat mich, ich möchte 
nun ein Licht aufstecken, u. sagte mir, der Musikdirector Schnei- 
der 302 hätte sie versichert, man könne sich nach dem Metronom 
nicht richten. Da versicherte ich sie, sie könnten sich auf mein 
Wort danach richten, u. sie möchten es nur in Gottesnamen thun. 
Darauf ging ich Freitag wieder in den kleinen Academiesaal, wo 
ich seit Zelters Tode nicht gewesen war, u. wo mir alle möglichen 
Geister Lebender u. Verstorbener entgegentraten. Da kam nun 
Rungenh. nach jedem Chor zu mir heran, u. frug mich, ob es so 
recht gewesen wäre, u. da sagte ich ganz offen, ja oder nein, wie 
es mir geschienen hatte. Im Ganzen aber fand ich eine solche 
Veränderung zum Guten, daß ich ganz freudig überrascht war, u. 
anfing Hoffnung zu fassen. Sonnabend war R. über eine Stunde 
bei mir, u. ließ sich alle Soli von mir vorspielen. Freitag sprach ich 
auch noch mit Ries 303 , der mich um vieles fragte, u. unter anderm, 
wie mir die Tuba gefallen hätte, die sie in der Kirche an all den 
Stellen zugesetzt hätte, wo die Orgel steht. Nun ist besagte Tuba 
ein Monstrum, welche alle Stellen, zu denen sie gebrummt 304 
wird, zu besoffenen Bierbrauern machte. Ich fiel also auf die 
Kniee, u. bat sie ihrer selbst zu schonen, u. die Tuba zu Hause zu 
lassen. Rungenh. hob mich auf u. gewährte mir meine Bitte. Ge- 
stern war nun die erste große Probe, die weit über meine Erwar- 
tung ausfiel. Ich kann Dir zu meiner Freude sagen, daß ich über 
vieles ganz entzückt war, die Chöre die nun im richtigen Tempo 
genommen wurden (einige etwas zu schnell) sangen mit einem 
Feuer u. einer Kraft, u. auch nuancirt, wie man es nur verlangen 
kann [. . .] Viele haben gemerkt, aus welcher Ecke der Wind bläst. 
Ich habe mich aber sehr ruhig verhalten, mich nicht zum Don 



275 



Quixote des Paulus gemacht, u. mir hoffentlich keine Feinde ge- 
macht, es sey denn der Tubaist. 

Heut war Ries noch einmal bei mir, ich habe allen guten Rath in 
diesen Tagen ausgegeben, den ich nur in der Speisekammer hatte, 
nun bin ich ganz dumm. Ich muß erst einmal wieder mit Dir 
zusammenkommen, u. was lernen. Schade ist es doch, daß Du 
diese Aufführung nicht dirigirst, sie wäre famos geworden, u. Du 
hättest sehr wenig Mühe davon gehabt. Morgen ist nun die Gene- 
ralprobe, auf die ich sehr neugierig bin. - Auf die Novello freue 
ich mich sehr. Ich habe für Sonntag den Titus angesetzt, mit dem 
Vorbehalt, daß sie, wenn sie aufgelegt ist, non 305 piü di fiori 306 
singen soll. Die Decker singt Vitellia, die Faßmann, die mich ganz 
ohne mein Zuthun aufgesucht, u. sich zu allem erboten hat, Sex- 
tus, ich denke, es soll hübsch werden. 

Wir haben Mutter einen Floh ins Ohr gesetzt, daß sie der Novello 
eine Fete geben solle. Dirichlets u. wir haben Beide kein Geld (ich 
bin erschrecklich klamm diesen Winter) sonst thäten wirs. Heut 
früh fand ich Mutter an ihrem Schreibtisch sitzend, aufs Ernsthaf- 
teste beschäftigt, in ihr gewisses Buch, 10-12 neue lächerliche An- 
zeigen einzukleben. Das ist doch hübsch, im öisten Jahr noch sol- 
che Lust am Spaß zu haben. 

löten. Sage mir doch, wie weit Du mit Planche bist, das interessirt 
mich natürlich sehr. Ueberhaupt, was werden wir im Frühjahr zu 
plaudern haben, u. wie freue ich mich darauf. 
Von den Cantaten von Bach, deren Du erwähnst, bitte ich Dich 
mir einige nach eigener Wahl abschreiben zu lassen, u. baldigst 
herzuschicken. Ich bin diesen Winter sehr in den Mozart hinein- 
gerathen, als Gegengewicht könnte einiger Bach nicht schaden. 
Eben schickt die Singacademie 6 Billette mit der Einladung, sie 
zum Paulus zu behren. Sie werden gar gentil. [. . .] 

fanny an felix 307 Berlin, 19. Januar 1838 

Ich will Dir einen summarischen Bericht über den Paulus abstat- 
ten, lieber Felix, denn da ich im Ganzen zufrieden war, wirst Du 
nicht von mir verlangen, daß ich in Einzelheiten 308 gehe u. Dir die 
Fehler aufzähle. Es war bei Weitem die beste Aufführung, die seit 
Zelters Tode hier stattgefunden, man hat sich redliche Mühe ge- 

276 



geben, u. gethan was man konnte, mehr ist am Ende von keinem 
Menschen zu verlangen. Wärst Du hier gewesen, es wäre eine 
welthistorische Aufführung geworden. Das Publicum war ent- 
zückt, u. da stelle ich mich am Ende noch zufriedener, als ich 
wirklich war, denn einen guten Eindruck der Art muß man nicht 
durch Tadel schwächen, wenn er gleich gerecht wäre. Die Sopran- 
partie habe ich übrigens noch nicht so schön gehört, als diesmal 
von der Faßmann. Das ist eine wahre Sängerin für solche Musik, 
einfach, nobel, klar im Vortrag, mit schöner, heller Stimme. Ich 
glaube sie müßte Dir gefallen. Clara Novello war mit Mutter drin 
(wir waren alle zerstreut) u. hat sich sehr amüsirt. Sonntag wird sie 
hier die zwei Arien der Vitellia singen, die Decker die übrigen 
Vitellie u. parto dazu, die Faßmann den übrigen Sextus [. . .] 
Aber alle Leipziger, die ich in diesen Tagen gesprochen, klagen 
Dich an, bester Felix, daß Du Dich zu sehr anstrengst, zu viel 
probirst, etc., u. ich habe es ja auch gesehn, wie Du ganz u. gar 
keine Ruhe hast. Cecile! ich rufe Dich an, wende all Deinen Ein- 
fluß auf, u. vor allen Dingen, gebt uns oder laßt uns geben Tag um 
Tag Bericht, wie es mit Felixens Ohren steht. 309 Es sindja beiEuch 
so Viele, die einmal ein Wort schreiben können. 
Durch Ries Tod ist nun der Cäcilien-Verein 310 wieder vacant. 
Wenn Du nur nicht hingehst, das wäre mir gar nicht lieb. 
Was sagst Du zu der Londoner Börse? Das Feuer frißt viel diesen 
Winter. 311 

Schreibe mir, womit Du jetzt eben beschäftigt bist. Kommen die 
Nonnenstücke u. der neue Psalm nicht bald heraus? Es ist recht, 
daß Du den Seb. Bach auf die Rheinischen Musikfeste bringen 
willst, ich finde immer: Du Hirte Israel 312 , sehr geeignet dazu. 
Heitereres hat er wol schwerlich gemacht. Oder soll es etwas Un- 
gedrucktes seyn? Vergiß nicht, mir ein Paar von den Cantaten zu 
schicken. 

Adieu. Schreibt bald, wie sich Felixens Ohren befinden. Ueber- 
haupt detaill. wie ihr lebt. Ich höre ja leider, daß trotz aller meiner 
[. . .] Weisheit, die Wohnung feucht ist. Ist es das Schlafzimmer auch? 
Wo eßt Ihr? Wo wohnt Mad. Jeanrenaud? Adieu. Eure Fanny. 
Mann u. Schwägerinnen grüßen bestens. Hast Du die Lieder v. 
Mad. Mathieux 313 zu Gesicht bekommen? Es sind ein Paar sehr 
hübsche darunter. 



277 



fanny an felix Berlin, 2. Februar 1838 

Viel Glück zum morgenden Tage, lieber Felix. Das größte Ge- 
schenk, was einem Menschen gegeben werden kann, ist doch ein 
anderer Mensch, der ihm gehört, das möge Dir Deine Hebe Frau 
bringen, u. wohlgerathen 315 , gebadet u. eingewickelt möge es Dir 
aufgeputzt werden. Nebenbei freue ich mich Dir melden zu kön- 
nen, daß die blaue Grütze, die Du für die Novello so sehr gefürch- 
tet hast, ihr gar nicht so übel bekommt, u. daß die niedliche kleine 
Person hier eben so sehr gefällt, als es ihr gefällt. Daß sie bei ganz 
gefülltem Opernhaus gesungen, weißt Du schon, nun hat sie aber 
gestern ihr Concert im großen Saal gegeben, u. ihn ganz u. gar mit 
dem elegantesten Publicum angefüllt gehabt, der ganze Hof, Alles 
comme il faut, u. der schönste Beifall. Im Opernhause war ihre 
Haltung etwas ängstlich, da sie ein wenig kahl angezogen, ohne 
irgend etwas in den Händen zu halten, in unbeweglicher Ruhe 
dastand. Da dies allgemein auffiel, hatten wir es ihr gesagt, u. sie 
zum gestrigen Concert aufs Beste herausgeputzt. Sie hielt einen 
Fächer v. Rebecka, u. einen Blumenstrauß v. Paul in der Hand, trug 
einen Kranz, den ich ihr geschenkt hatte, u. alle unsren Schmuck, 
u. sah allerliebst aus. Ich bin neugierig, sie nun zu sprechen, ich bin 
gewiß, sie wird außerordentlich zufrieden seyn, seit der Sonntag 
u. Paganini ist solch ein Concert nicht gemacht worden. Sage mir 
doch, ob ihre Art Händel zu singen, z.B. das rasche Tempo, das 
ich sehr goutire, in England allgemein ist. So lieblich u. fein sie als 
Concertsängerin ist, glaube ich doch, daß ihr Plan, in Italien auf 
die Bühne zu gehn, gewagt ist, zum dramatischen scheint es ihr an 
Beweglichkeit u. Feuer zu fehlen. Was sagst Du? Meinst Du nicht 
auch? 

Neulich waren wir mit ihr in einer sehr brillanten Gesellschaft 
zusammen, wo alle Juden u. alle Schauspieler waren, und wo unter 
A. das Finale aus Don Juan wirklich wunderschön gesungen wur- 
de. Das sogen. Maskenterzett 316 von der Faßmann, der Novello u. 
Mantius, so schön, wie ich es noch nie gehört. Bader, der krank 
gewesen war, hörte sie den Abend zum erstenmal u. war ganz 
entzückt. Uebrigens scheint sie den Leipz. jungen Herren nicht 
übel den Kopf verdreht zu haben, Euer Vetter Schunk, u. der Dr. 
Weber 317 , die ihr nachgereist sind, stehn rechts u. links neben ihr, 

278 



wo sie ist, u. sperren Maul u. Nase auf. Montag ist nun ein großer 

Kuhschwanz bei Paul, nur Pamina bleibt davon, wir können diesen 

Winter keine Feten geben, wir sind sehr klamm. 

Morgen feiert Hensel seine eiserne 318 Hochzeit mit dem Feldzug 

v. 1813. 319 Man wird alt, ehe man sichs versieht, ist das bischen 

Leben vorbei: Adieu, diese mörderische Bemerkung paßt schlecht 

an das Ende eines Geburtstagsbriefes, ich will also lieber singen: 

freut Euch des Lebens. Grüße tausendmal die liebe Cecile. Habe 

einen vergnügten Tag, aber einen stillen, denn Cecile liege im 

Bett. u. das Kleine bringe Dir ein Ständchen. 

Adieu, ihr Heben Leutchen. 

Fanny. 

Hensel grüßt u. beglückwünscht bestens. 

felix an fanny 320 Leipzig, 3. Februar 1838 

Liebe Fanny, 

Cecile geht ganz munter im Hause hin u. her, besorgt die Wirth- 
schaft, da Mme. Jeanrenaud seit einigen Tagen unwohl ist, u. da 
auch mir noch immer nicht wieder recht werden will, so pflegt sie 
uns beide, u. sagte eben, wir sähen heut ja aus wie ein gesottener 
Fisch! Hat mir eine allerliebste kleine Arbeit gemacht, u. 2 radirte 
Blätter von A. Ostade gestern selbst in der Stadt gekauft, u. so sehr 
ich Ursache habe, Gott für dies Wohlbefinden von Herzen zu 
danken, so wird mir doch bei der großen Vorrechnung ich will 
nicht sagen besorgt, aber doch sehr gespannt zu Muth. Ich kann 
mich an nichts recht freuen, ja an nichts recht ordentÜch denken, 
bis ich weiß, wie sie das lang Erwartete besteht, hängt ja doch 
Leben und Glück von einem solchen Augenblick ab. Kaum kann 
ich mich noch recht beschäftigen, nichts will packen, da mich bei 
allem derselbe Gedanke verfolgt; drum bitte Du Mutter, daß sie 
mir verzeiht, wenn ich ihr für ihren gestrigen sehr Heben Brief 
nicht gleich danke, u. Beckchen für ihren heutigen, all das will ich 
ordentlich u. besser thun, wenn ich wieder irgend etwas ordentHch 
thun kann. Ich habe Dir für mehrere Briefe zu danken, deshalb 
schreibe ich Dir doch Heber heut, unbeschadet des Späteren. Der 
eben angekommene ist ja höchst lustig, Ihr lebt ja in lauter Feten 
u. Glanz. Das hat mich ganz erstaunt, daß die NoveUo bei Euch 



279 



auch soviel Glück macht; ich habe sie eigentlich immer mehr aus 
Pflichtgefühl als aus Freundschaft empfohlen, denn mir persönlich 
ist diese Kälte zu kalt, u. bleibts. Aber nett u. musikalisch ist alles, 
u. somit besser als das meiste, was wir hören. Ob sie zum Theater 
taugt, oder nicht, möchte ich noch nicht voraus sagen; mich wird 
sie auf der Bühne eben so wenig erwärmen, als im Concertsaal, 
aber sie wird drum auch da fein u. untadelig sein, u. den Leuten 
gefällt dergleichen meist besser, als die unbeholfene Wärme, die 
ihnen immer in die Quere kommt, u. den Text verdreht. Habt alle 
tausend Dank, daß Ihr Euch der Novello so schön angenommen, 
u. ihr zu gutem Gelingen, u. guter Toilette, u. allem Gutem ver- 
holfen habt; bitte Fanny, bestelle diesen Dank auch wirklich schön 
an Mutter für ihre Fete, u. an Beckchen für den Fächer, u. an Paul 
u. an Dich selbst; wenn es der Novello nicht auffällt, wie solch eine 
Aufnahme in Deutschland doch ein ander Ding ist, als sonst wo, 
u. wenn sie nicht dankbar dafür ist, so ist sie der gesottene Fisch, 
nicht ich. 

Dein Bericht über Paulus in der Sing-Akademie war auch sehr 
erfreulich, aber verzeih mir, wenn ich Dein Vergnügen dabei mehr 
Deiner Gesinnung für mich u. meiner Musik, als der Aufführung 
beimessen kann. Bis meine Stücke gut genug sind, daß sie eine 
Aufführung erzwingen, bis dahin glaube ich nicht, daß es in Berlin 
dazu kommt; u. dahin bin ich noch nicht, u. habe noch gut zu 
arbeiten mehr. 

Am nächsten Donnerstag haben wir ja Ries hier, zum Armen- 
Concert; ich freue mich recht, ihn wieder zu hören. Wir geben 
meine beiden Psalmen, mit Dilettanten den Chor besetzt, die ge- 
stern in der isten Probe den alten g-moll-Psalm glücklich runter- 
sangen, weniger gut den neuen, dann eine neue Ouvert. von Ons- 
low u. die a dur Symph. v. Beeth. dazu. 

Von Planche habe ich noch keine Antwort, alles ist noch im wei- 
testen Felde. Von den Bachschen Cantaten sollst Du recht bald ein 
Paar haben. 

Wenn Du diesen Brief recht langweilig u. löblich findest, so halte 
es meiner Nase zu Gut; ich kann immer noch nicht auf einen recht 
grünen Zweig kommen seit 4 Wochen, wo meine Ohren anfin- 
gen. Jetzt huste u. niese ich durcheinander, u. habe Nasenbluten 
dazwischen. Von Feuchtigkeit der Wohnung kommt es wohl 

280 



nicht, denn das Schlafzimmer u. die ganze Sonnenseite sind or- 
dentlich trocken; u. viele Leute in alten Häusern leidenjetzt in der 
fatalen Kälte an demselben Übel. Gerade in dieser Zeit aber ist 
meines doppelt unangenehm, da ich gern die Ohren steif halte. 
Wie gesagt, Cecile pflegt mich, u. Gott erhalte sie, u. gebe ihr 
fortdauernd solche Gesundheit und lasse mich Euch bald frohe 
Nachricht sagen, u. schenke uns ein Frühlings-Wiedersehen. Das 
ist mein Geburtstagswunsch; und nun grüße alle schön von uns 
allen. Dein Felix. 

felix an fanny 321 Leipzig, 9. Februar 1838 

Liebe Fanny, 

ich habe nur Zeit zu wenig Zeilen, Dir zu sagen, daß Gottlob alles 
aufs Beste geht. 322 C6cile hat vorige Nacht ziemlich gut geschlafen, 
ist heut prächtig wohl u. munter, der erste Versuch den Kleinen zu 
stillen, ist sehr gut ausgefallen, er hat schon 3mal getrunken wie 
ein Rheinländer; dabei hat sie Bären Appetit, u. seufzt nach 
Fleischbrühe u. Beefsteaks, die sie natürlich nicht bekommen 
kann. 323 Jetzt eben quäkt der Junge ganz rasend, worüber Cecile 
sich ängstigt - ich gar nicht, denn das ist nach meiner Theorie ein 
Zeichen von Mannhaftigkeit - Cecile will ihn immer begütigen, 
ich behaupte, man muß ihn schreien lassen, das ist der Anfang 
unserer Erziehung. 

Mme. Jeanrenaud ist heut über Ceciles Gesundheit u. alles so 
glücklich, daß sie förmlich strahlt. Auch mir geht es wieder besser, 
obwohl ich erst einmal eine recht ordentliche Nacht Schlaf haben 
muß, ehe ich ganz wieder auf den Strumpf komme. 
Das gestrige Concert war lang u. anstrengend für mich; wäre Einer 
von Euch dabei gewesen! Ries, der mir verspricht am Dienstag 
früh Euch zu besuchen, wird Dir davon recht ausführlich erzählen; 
mein Psalm »wie der Hirsch« ist u. bleibt mir mein liebstes Kir- 
chenstück, u. gefiel mir gestern wieder gar zu gut. Auch den an- 
dern Leuten, u. Mme. Frege 324 nee Gerhard sang das Solo. Du 
weißt doch, daß ich noch 4 Nummern componirt habe (den gan- 
zen Psalm), nächstens kommt der Ciavierauszug für Dich. 
Eben ist der Junge wieder ruhig u. säuft wieder, u. Cecile ängstigt 
sich nicht mehr, daß er verhungern möge. Aber so liebenswürdig, 



281 



wie sie ist, u. mir das anzusehen ist, wenn sie den kleinen Kerl an 
der Brust hat, u. so ruhig auf ihn herunterblickt! 
Nun gebe nur Gott, daß ich Euch täglich so gute Nachricht zu 
schreiben habe, daß sie sich bald ganz vollkommen erholen möge 
- ich bin so glücklich durch sie, daß ich Gott gar nicht genug zu 
danken weiß. Lebewohl für heut, liebe Fanny, herzliche Grüße an 
Mutter, Beckchen, Paul, an Hensel u. Sebastian, dem ich für seinen 
neulichen Brief sehr danke. Morgen schreibe ich wieder, und so 
Gott will ebenso Gutes. Dein Felix. 



FANNY AN FELIX 



325 Ohne Ort und Datum 



Tausend Glück und Heil und Segen und Freude, liebste Kinder, 
Gott sey Dank, daß Alles so vortrefflich gegangen, fast beispiellos 
geschwind für eine erste Entbindung. Und wie klug hat sich Cecile 
eingerichtet, am Tage, und nicht am Concerttage. Ich habe schon 
gedacht, sie würde mit ihrer gewöhnlichen Bosheit warten bis 
Ostern, und dann würdet ihr wieder nicht kommen. Sebastian hat 
sich sehr über den neuen Cousin gefreut, behauptet aber, Dein 
Kind wäre es nicht, lieber Felix, er spricht die Kinder nur den 
Müttern zu, u. hat was dies betrifft, ein frühzeitiges unschuldiges 
Zusammentreffen mit den St. Simonisten. 

Thauwetter ist nun auch da, was will man mehr? Hoffentlich hat 
die Hebamme auch all Deinen Husten u. Schnupfen und künftige 
Plagen mitgenommen, womit ich überhaupt nicht so viel Mitleid 
habe, als mit den Ohren. [. . .] Lebt wohl, küßt meinen unbekann- 
ten Neffen in meinem Namen. Wie habt Ihr eingerichtet? Wo 
schläft Cecilen? Wo schläfst Du? Lieber Felix! 
Adieu Tout ä vous. 

felix an fanny 326 Leipzig, 12. Februar 1838 

Liebe Fanny, 

Alles geht vortrefflich, Gott sei Dank; Cecile ist so wohl, daß es 
eine Freude ist, und der kleine Kerl trinkt wie ein kleines Faß, 
schreit zweimal jede Nacht wie ein Zahnbrecher danach; singt 
Morgens sein Morgenlied, schläft außerdem meistens. Zuweilen 
nimmt ihn Mme. Jeanrenaud aus der Wiege u. bewundert ihn; 



282 



behauptet, er hätte ganz meine Ohren u. dgl. Offenbar sieht er 
Cecile ähnlicher als mir, was nicht so dumm von dem Kerl ist. 
Cecile ist heut Morgen, während ihr das Bett gemacht wurde, bis 
zum Sopha zu Fuß gegangen, was mir das für Freude gemacht hat. 
Sie ist auch gar zu lieb; über ihre Wärterinn, die ihr lauter weiber- 
ne Geschichten erzählt, lacht sie in einem weg. Nun habe Dank 
für Dein gestern eingetroffenes Briefchen, u. sage dasselbe an Paul 
für sein heutiges. Du spielst ja im Concert! bravississimo. Das ist 
recht u. prächtig; könnt ichs hören; 327 es ist schon wieder spät,die 
Post geht! Verzeih die wenigen Zeilen. Tausend Grüße an alle. 
Dein Felix. 



fanny an felix Berlin, 19. Februar 1838 

Obgleich ich Dir eigentlich nichts zu schreiben habe, als h. u. ein- 
mal 329 viel Glück, so will ich doch an meinem Theil bestens dan- 
ken für die vielen, pünktlichen, vortrefflichen Bulletins. Seit denen 
über den Schlaf u. die heitre Laune des Erzherzogs von Oestreich 
in Venedig, habe ich keine gelesen, die mich so interessirt hätten. 
Cecile scheint ihr Weibermetier außerordentlich vortrefflich zu 
verstehen, Gott erhalte sie dabei. Ueber die große Jungenhecke 
(der Senior nimmt eben hier in der Stube mit einem andern Jun- 
gen eine Schreib- u. Rechenstunde) haben wir viel Spaß. Möchte 
doch Paul ein Mädchen dazu anschaffen! Er wird zur Taufe kom- 
men mit Albertinen, u. freut sich sehr darauf. Ist schon bestimmt, 
wie der Junge heißen soll? 

Cecile wird gewiß wieder wunderschön werden, an Gestalt, Farbe 
und Allem, wenn sie erst aufersteht. Morgen, wenn es nach hiesi- 
gen Regeln geht, verläßt sie das Bett. Uebrigens scheint man auch 
dort die armen Frauen schmählichem Hunger preiszugeben, 
wenn an der Cecile nicht ein großer Fressrachen ist 330 . Ihre Klagen 
rühren mich sehr, da ich weiß wie mir immer die Wassersuppen 
vorgekommen sind. [. . .] 

Jetzt wird es jährig, daß Ihr uns so abscheulich in April schicktet, 
hoffentlich macht Ihr es nun bald wieder gut. 
Schicke mir Deinen Psalm aber voraus, daß ich was zu singen habe 
für meine Sonntage. Das wüßt ich nicht, daß Du noch mehr Stük- 
ke dazu gemacht hattest. 

283 



Ach das Dilettantenconcert! Hätte ich nur Humor, ich erzählte Dir 
Geschichten davon. Sie lachen mich hier im Hause schrecklich aus, 
weil ich Curschmann immer die Stange gehalten habe, wie Beck- 
chen behauptet, um doch von einem hiesigen Musiker gut zu re- 
den, u. wie ich behaupte, weil er der Einzige hier v. Metier ist, der 
Lebensart hat, u. nicht mit den Fingern Suppe ißt. 
Was hilft mir aber alle seine Lebensart, wenn er die erste Gelegen- 
heit, als Dirigent aufzutreten, benutzt, um ein so niederträchtiges, 
schauderhaftes Concert zu arrangiren, wie die Welt noch nicht 
gesehn. Als ob Du ein Diner so arangiren wolltest: Suppe, Gur- 
kenwasser 331 , Beefsteak, ein Bonbon, Gemüse im Baiser 332 , Fisch 
(komm ich dazwischen mit einem ordentlichen Stück, weil ich 
ihm durchaus seinen Willen nicht habe thun wollen, u. auch ein 
Stück von einem Dutzend Takten spielen.) Braten: ein Stück Zuk- 
ker, Dessert: Alles Obige. Daß Dich die - 

Uebrigens habe ich bis jetzt keine Angst, wenns nur nicht noch 
kommt. 

Der Erfolg der Novello erhält sich, sie macht completten furore, 
u. man kann jetzt vor der Hand sagen, wo sie singt, ist es voll. 
Neulich, in Ganzens Concert, hat sie sich, auf meinen Rath, einige 
Lieder selbst begleitet, (wir waren schon fort, weil wir ganz hinten 
im Vorzimmer stehn mußten) u. soll damit den Berliner ganz be- 
sonders entzückt haben. Wir sehn sie jetzt sehr selten, denn sie 
wird zerrissen, wie Du das hier kennst. [. . .] 

fanny an felix 333 Berlin, 23. Februar 1838 

O lieber Felix, wie hat uns Dein heutiger Brief erschreckt 334 , und 
wie sehnlich erwarten wir den 2ten, der hoffentlich noch heut 
kommt. Was wirst Du gelitten haben! Gott gebe nur, daß Alles im 
guten Fortschritte, und sich ihre Gesundheit nun ununterbrochen 
wieder herstelle. [. . .] Mutter will es Rebecka nicht gern sagen, ehe 
nicht ein zweiter Brief ankommt, weil sie auch gerade mit der 
Milch etwas brouillierr 335 ist. Das wird Cecilen auch gewiß sehr 
leid seyn, daß sie nun das Nähren wird dran geben müssen, ist sie 
aber nur erst wieder gesund, u. sieht, daß das Kind auch so gedeiht, 
so muß sie sich zufrieden geben. Wären wir nur Alle erst gesund 
u. froh beisammen, ich kann die Zeit kaum erwarten. Einstweilen 



284 



habt ihr mehrere Briefe von hier bekommen. Heut wird einer an 
Cecile ankommen, der, wie ich gewiß dachte, sie in voller Gesund- 
heit antreffen sollte. 

Ich schreibe heut nichts weiter, Dir wird auch der Kopf voll seyn, 
um viel zu hören. Küße sie für mich, u. sage ihr, wie lieb ich sie 
habe, und Jott schütze Euch Alle. 

Nach Allem, was wir für sie gethan, reist die Novello jetzt ab, ohne 
Abschied zu nehmen. Es scheint ihr hiesiges Glück hat ihr den 
Kopf verdreht, es ist wirklich eine famose Unart. 
So lebe denn wohl. Fanny. 

felix an Fanny 336 Leipzig, 26. Februar 1838 

Liebe Fanny, 

Gute Nachricht, Gott sei Dank; meine Cecile ist heut wieder ein 
Paarmal auf u. abgegangen, während ihr Bett gemacht wurde, und 
befindet sich so wohl, wie nach einem Anfall wie heut vor 8 Tagen 
nur zu erwarten und zu wünschen sein kann. Sogar vom Entwöh- 
nen scheint nicht die Rede; der Junge trinkt seine 3 bis 4 mal täglich 
u. wird satt u. schläft ein. Freilich kriegt er auch noch verschiedene 
Grütze außerdem, aber er ist auch ein unbändiger Fresser. Zum 
Donnerstag versprechen sie der Cecile, dürfe sie wieder mit uns 
zu Mittag essen, u. den Tag über außer dem Bett bleiben. Wie ich 
mich darauf freue, wenn sie erst wieder so mit uns sein wird, u. 
wenn man alle die traurigen Tage wieder aus dem Gedächtniß 
verliert u. Gott mit frohem, ruhigen Herzen für die guten danken 
kann. 

Deine Heben Briefe haben ihr und mir die größte Freude gemacht. 
Das kannst Du Dir wohl denken, wie auch wir uns auf die Zeit in 
Berlin freuen 337 , wie wir so oft davon sprechen. Gestern sagte Ce- 
cile mit ihrem curiosen Ausdruck, jetzt hätte sie sich unseren Gar- 
ten in Gedanken ganz farbig gemacht, das thäte sie so gern, weils 
denn immer gar nicht einträfe. Und unsäglich freue ich mich auf 
Paul, mich mit dem so recht auszusprechen, u. wieder einzuleben, 
was wir lange nicht so gut gehabt haben, das soll mir wohl schmek- 
ken. Ende des nächsten Monats sind die Concerte aus, unmittelbar 
nachher denke ich so Gott will mit Sack u. Pack mich aufzuma- 
chen, u. bei Euch zu bleiben, bis ich nach Cöln zum Musikfest 



285 



muß, 8 Tage vor Pfingsten. Ich weiß nicht, warum ich mir diesmal 
nicht recht viel draus mache, vielleicht eben, weils mir die Zeit in 
Berlin so bestimmt abschneidet. 

Daß Ihr mit der Novello so unzufrieden sein müßt, drum sollte 
ich Euch eigentlich um Verzeihung bitten; ich kannte ihren Pri- 
vatcharakter wohl, der mir u. uns allen wenig zusagen kann; ich 
hätte euch das unter den Fuß geben sollen, u. wollte es abermals, 
als ich hörte, Ihr wäret so freundlich gegen sie; nachher that ich's 
doch nicht, wer konnte auch denken, daß sie sich so ganz in ihrer 
egoistischen Bestialität offenbaren würde. Übrigens hat sie mirs 
hier noch toller gemacht, u. ebendeshalb aus einer falschen Deli- 
catesse habe ich nicht gewarnt. Nun verzeiht es mir, wie manches 
andere. 

Ich muß schließen, hebe Fanny. Theile Mutter u. den Geschwi- 
stern die Nachrichten mit, grüße Hensel u. Sebastian herzlich, 
bleibe gut 
Deinem Felix. 

Sage auch Luise viel Schönes für ihre allerliebsten Scenen aus Pauls 
Jugend, die Cecile und mir großes Vergnügen gemacht haben 

r 1338 

fanny an felix 339 Frühjahr 1838 

Felix, vergiß meinen Bach nicht, und dann höre mal [. . .] hast Du 
die neuen Moscheles'schen Etüden und willst sie mir durch Paul 
schicken und sie Dir dann selbst wieder abholen? [. . .] Über Deine 
hiesigen Wohnangelegenheiten bekommst Du nächstens einen ei- 
genen Brief. Die sieben Städte Griechenlands streiten um Dich, 
und die freundlichen Schwestern sind im Begriff, feindliche Brü- 
der Deinetwegen zu werden. [. . .] Lieber Felix, komponiert habe 
ich diesen Winter rein gar nichts, musiziert freilich desto mehr, 
aber wie einem zu Mut ist, der ein Lied machen will, weiß ich gar 
nicht mehr. Ob das wohl noch wieder kommt, oder ob Abraham 
alt war? Was ist übrigens daran gelegen? Kräht ja doch kein Hahn 
danach und tanzt niemand nach meiner Pfeife. Wirst Du denn die 
Leute beglücken und ihnen einmal was hier vorspielen am Sonn- 
tag? Oder soll ich meine Bude so lange schließen? Kinder, wie 
freue ich mich auf Euch [. . .] 



286 



felix an fanny 340 Leipzig, ii. Oktober 1838 

Es ist wohl endlich Zeit daß ich Dir wieder einmal schreibe, da ich 
es von hier aus noch gar nicht gethan. Es ist doch ein fatales Ding 
mit diesen Masern; sie sollen zwar in 3 Wochen ganz vorüber sein, 
aber erst jetzt hat sich Cecile ganz erholt, während ich, bei dem es 
in die 4te Woche geht, noch so mättlich bin, daß mich ein langer 
Spaziergang oder sonst eine Anstrengung mehr mitnimmt, als das 
zehnfache sonst. Da es aber für Cecile ebenso war, u. sie jetzt so 
munter u. frisch ist wie nur jemals, so sehe ich auch in der nächsten 
Woche der völligen Befreiung entgegen, so Gott will, u. hoffe alle 
Augenschmerzen u. Kopfschmerzen u. sonstige Schmerzen bald 
los zu sein. 

Dem Kleinen geht es prächtig; und wenn er ab u. zu schreit u. 
jammert, so kommt es nur von den Zähnen, die ich jetzt alle Tage 
suche u. bis jetzt noch nicht finden kann; unartig ist der Hebe Kerl 
wirklich fast niemals, u. lacht so oft u. so lange er kann. 
Gestern war Ceciles Geburtstag schön u. froh; ich hatte ihr am 
Morgen einen Tisch mit ein Paar blühenden Orangenbäumen u. 
anderen Blumen aufgebaut, dazu einen Madonnenkupferstich von 
Raphael (aus dem Pallast Pitti), ein schwarzes Atlaskleid, einen 
Baumkuchen, einen Malerstock von Rohr, wie den Henselschen, 
denn bis jetzt hatte sie immer vor ihrer Staffelei mit einem Besen- 
stiel gesessen u. sich darauf gestützt; Schunks hatten ein bunt wol- 
lenes Kleid für den Kleinen, u. einen Filzhut u. Stiefel für ihn 
geschickt, Mme. Schleinitz eine herrliche Schüssel mit Trauben u. 
Blumen, Mathilde Clarus einen Roccocoporzellanmann mit Sai- 
tenwerk, u. dazu kam noch Mutters liebes Geschenk, u. der zier- 
lich schöne Brief, für den Cecile wohl gleich selbst heut danken 
wird, so wie Dir Hebe Fanny für den Deinigen u. für Hensels 
dicken Bleistift. Es freut mich daß es ihm im lustigen England 
Wohlgefallen hat 341 ; bekäme unser eins nur was von den schönen 
Zeichnungen zu sehen, von denen die Bücher gewiß wimmeln 342 ; 
u. ich höre daß ihr nächstes Jahr zusammen hinunter reiset, das ist 
gar vernünftig, denn Dir muß es in dem geliebten alten Rauchnest 
behagen, da ist gar kein Zweifel. Wenn Hensel, wie ich vermuthe, 
meine Zeichnung d.h. seine Zeichnung von Rosen mitgebracht 
hat, so bitte ich ihn mir sie mit dem Abschied des Paulus zusam- 



287 



men gelegentlich zukommen zu lassen, natürlich wenn er beide 
nicht mehr braucht. Wie steht es mit dem Bilde für Lord Eger- 
ton 343 ? Ist es bei dem Gegenstand aus Child Harold 344 gebheben? 
Du hast mir viel zu schreiben, wenn Du einmal loslegen willst. 
Das ist so schlimm, beim Entferntleben, daß nicht allein man ein- 
ander entbehren muß, sondern daß auch die Umgebungen mit all 
ihrem Thun u. Treiben so nach u. nach einwirken, ohne daß man 
es merkt u. will, u. daß die in jedem andern Ort wieder anders sind 
u. andershin wirken. Da habt Ihr nun Eure schöne Ausstellung, u. 
ich gäbe viel drum, nur einen Vormittag einmal dort zu sein, die 
zu sehen, da hier so gar nichts dem Ähnliches herkommt; wieder 
habe ich es so recht an Seydelmann gesehen, der hier zwar viel u. 
starken Eindruck macht, aber doch nicht so wie in Berlin, wo seine 
Umgebungen wieder anders sind; gestern gaben sie die Emilia 
Galotti, u. ich war zum erstenmale im Theater, aber selbst an sei- 
nem Spiele konnte ich mich nicht recht ergötzen, weil die andern 
es gar zu erbärmlich machten, ich erinnerte mich des schönen 
Abends, als wir es zusammen sahen, u. trieb Cecile vor dem Ende 
fort, weil ichs nicht aushalten konnte. 

Nun wieder auf der anderen Seite kann er hier doch die Räuber 
spielen, was der König in Berlin nicht haben will, u. das soll seine 
größte Rolle sein; David hat mir mit dem Buche in der Hand eine 
ganze Stunde davon vorerzählt u. beschrieben; ich lasse eine An- 
zeige in die Zeitung rücken, um eine Wiederholung zu erbitten; 
er hat mirs schon halb u. halb zugesagt es zu thun. 
Und wieder ist unser Musikwesen lustiger u. lebendiger als bei 
Euch; wärst Du jetzt hier, wie im vorigen Jahr, das würde Dich 
amüsiren, wie es hergeht. Neun 345 Clavierspieler haben sich (Gott 
sei's geklagt) bis Weihnachten gemeldet, u. freilich curiose darun- 
ter; gestern erhielt ich auch einen Brief von Mad. Girschner 346 , die 
ihre Tochter hier auftreten lassen will. Nächste Woche ist ein Sän- 
gerinnenkampf, der wird grauhch; Mlle. Löwe 347 von Berlin, Mlle. 
Botgorschec 348 von Dresden, Mme. Shaw 349 von London, u. Mlle. 
Novello von Mailand treffen zusammen u. liefern sich Schlacht bei 
Leipzig im Gewandhause. Die Novello kommt glaube ich expreß 
um der Shaw einen Shawbernack zu thun (dedie ä Hensel 35C ), sie 
fällt aus den Wolken, hat eine Menge unfrankirte Briefe aus Italien 
hergeschleudert, will 2 Tage nach dem ersten Auftreten der Shaw 



288 



Concert geben; dann will sie nach Rußland u. German zable ver- 
dienen. Im ersten Shaw Concert führen wir die Beethovensche 
Egmontmusik auf mit Declamation von Seydelmann; außerdem 
spielt der kleine Moser; mich schwitzt schon, wenn ich an den 
Abend denke. Prof. Stenzel, Arnold Mendelssohn, Heinrich Beer, 
Emil Bendemann, die Frankfurter Kaufmannschaft, Mühlenfels - 
alles das kommt u. geht hier durcheinander. Von H. Beer habe ich 
mancherlei zu erzählen, aber nein! 

Heut früh kam Beckchens Brief an; nächstens schreibe ich ihr 
einen langen Lesebrief. Heut genug; lebwohl; grüß Mutter tau- 
sendmal, u. alle; Hensel u. Sebastian u. Minna seid gegrüßt! Leb- 
wohl, Dein Felix. 



fanny an felix Berlin, 28. Oktober 1838 

Ich habe Euch, lieber Felix u. hebe Cecile, für Euren Brief vom 
Uten noch zu danken, u. hätte es gewiß früher gethan, wenn ich 
nicht Beckchens Besserung von einem recht bedeutenden Un- 
wohlseyn hätte erwarten wollen. Seit 2 Tagen ist diese Gott sey 
Dank erfolgt, u. heut wird sie wieder aufstehn. Ihr Uebel bestand 
in einem Anfall von Gesichtsschmerzen, ärger u. anhaltender als 
sie sie je gehabt. Heut vor 8 Tagen, Sonntag Abend, legte sie sich, 
nachdem sie einige Tage leichtes Zahnweh gehabt, Nachts fing das 
Leiden an, u. erst Freitag im Lauf des Tages wurde sie ganz frei 
von Schmerzen. Heut wie gesagt wird sie aufstehn u. dann wills 
Gott die schrecklichen Tage vergessen. Sie war überaus geduldig 
u. sanft u. läßt Euch herzlich grüßen. Jetzt hat sie wieder Appetit, 
u. in wenig Tagen, denk ich, wird sie ganz die Alte seyn. Daß Ihr 
Gottlob wohl seyd, haben wir durch die Novello erfahren, da wir 
von Euch selbst lange keine Nachricht haben. Sie war gestern hier 
u. hat Mutter gesprochen, ich war nicht zu Hause. Sie sagt, sie habe 
wieder Furore in Leipzig gemacht, sage Du einmal, Felix, ob es 
wahr ist, u. wie die Shaw gefällt, die ja nun schon muß aufgetreten 
seyn. Ich habe hier noch keinen Ton Musik gehört diesen ganzen 
Herbst, u. freue mich schon auf die klare Stimme der Novello. 
Wie recht hast Du, lieber Felix, daß man fortwährend in verschie- 
denen Umgebungen lebend, durch diese selbst verschieden wird 
- u. das erst recht empfindet, wenn man sich nach längerer Zeit 

289 



wiedersieht. Es ist aber ganz natürlich u. menschlich. So fragst u. 
verlangst Du nach unserer Ausstellung, u. wenn ich Dir sage, wie 
es mit der in diesem Jahr steht, so wirst Du den Kopf schütteln, u. 
glauben, da nehmen sie einmal wieder ihre persönliche Empfin- 
dung für allgemeine Stimmung, u. doch ist, was ich Dir davon 
sagen werde, so allgemein empfunden, daß Du von jedem Men- 
schen hier dasselbe hören würdest. Es herrscht nämlich eine ganz 
besondere Lauheit gegen die Ausstellung dies Jahr im Publicum, 
die Ausstellung selbst steht gegen die drei oder vier letzten zurück, 
das ist allerdings wahr, aber daß die Stimmung im Publicum nicht 
erst daraus entstanden ist, kannst Du aus dem Umstände sehn, daß 
es schon den ersten Tag, ehe man noch etwas davon wußte, leer 
in den Sälen war. Die ersten Wochen kam durchschnittlich den 
Tag ioo rh weniger ein als vor 2 Jahren, das sind sprechende Be- 
weise. Den sehr fühlbaren Mangel an historischen Bildern kann 
ich nur dem Zufall beimessen, indem viele bedeutende Künstler 
die leben u. arbeiten, gerade schwach oder gar nicht repräsentirt 
sind. So sind von Hildebrandt, Begas, Bendemann etc. nur Portrai- 
te da, von Lessing ein ganz kleines äußerst schwaches Bild, ein 
angekündigtes großes ist nicht gekommen, von Hensel gar nichts; 
aber auch im Landschaftsfach fehlt es an ganz hervorstechenden 
Bildern, wie wir vor 2 Jahren viele hatten. [. . .] Anstatt sich nun an 
dem vielen Schönen zu erfreuen, das doch vorhanden ist, ver- 
gleicht das Publicum, klagt über Verfall, u. würdigt die Bilder 
kaum eines Blickes, über die es vor 2 u. 4 Jahren in Entzücken 
gerathen wäre. Kein Bild ist Gegenstand besonderer Neigung, 
oder Ueberschätzung, oder auch des Streites, die größte Gleich- 
gültigkeit herrscht, u. man hört von allen Seiten nur die schon 
mechanisch gewordene Phrase: es ist jar gar nichts Schönes da. Ich 
sehe nun darin durchaus kein ängstliches oder entmuthigendes 
Zeichen, wie dem einzelnen Künstler ein Werk oder eine Lei- 
stung weniger gelingt als eine andere, so meine ich, ist es damit 
auch, u. ich hoffe im Gegentheil, daß die, welche diesmal gefeiert 
haben, im nächsten Jahr um so brillanter auftreten werden. Das 
größte historische Bild ist der Hiob v. Hübner 352 , der aber nieman- 
dem, u. mir auch nicht gefallen kann [. . .] 

Wirst Du eine große Arbeit diesen Winter machen? Bekömmst 
Du einen Text? Hängt Ceciles Landschaft? Hat sie wieder etwas 



290 



angefangen? Von Carlchens Liebenswürdigkeit sind alle Leute 
voll, die die Ehre gehabt haben, ihn kürzlich zu sehn. Mutter 
schwärmt fortwährend für ihn, u. dann folgt gewöhnlich ein Aus- 
fall auf den schönen kleinen Brummer Felix. Es thut mir für Beck- 
chen so leid, daß die Großmutter dies Enkelchen so zurücksetzt, 
u. das thut sie wirklich. Sie hat mir übrigens aufgetragen, Euch zu 
schelten, daß ihr so lange nicht geschrieben habt, u. das will ich 
hiermit pflichtschuldigst gethan haben [. . .] 

den 29sten. - Dadurch, daß ich gestern diesen Brief nicht beant- 
worten konnte, kann ich Euch heut früh die besten Nachrichten 
über Rebecka geben, die sich seit gestern auffallend erholt hat. Sie 
ist quite charming, u. es werden keine bülletins mehr ausgegeben. 
- Eben kommen wir von der Eröffnung der Potsdamer Eisenbahn 
zurück, welche wir vom Mayerschen Caffeehaus (Du weißt, Ce- 
cile, das große Gebäude, das wir von unserem Garten aus bauen 
sahen) u. zwar vom Dache herunter, gesehn haben, während Paul 
u. Dirichlet als Bevorzugte die Fahrt selbst mitmachten. Es war 
sehr amüsant, die ganze Gegend wimmelte von Menschen, u. 
wenn man [. . .] 353 die Eile sieht, mit der Jeder sich zu dieser eiligen 
Fahrt bequemt, kommt es Einem vor, als wäre die Zeit theurer in 
der Welt geworden, u. man rennt mit, man habe nun Eile oder 
nicht. Mutter u. Mme. Dirichlet, die noch keine Eisenbahn gesehn 
hatten, waren mit, u. unsere Kiek in die Welt von Jungen, die 
schon Beide damit gefahren, thaten sehr bekannt mit Allem. Sehr 
hübsch kontrastiert mit der allgemeinen Geschäftigkeit die große 
Ruhe u. Langsamkeit, mit der die einzigen wirklich Beschäftigten, 
die Ingenieure, ihr Wesen treiben. Unser fischblütiges Publicum 
ließ übrigens, obwohl in so großer Menge versammelt, keinen 
Freudenlaut vernehmen. Morgen wird die Bahn fürs Publicum 
eröffnet. - Adieu, beste Kinder, lebt wohl, u. denkt unser. Schönen 
Dank lieber Felix, für die musikalische Zeitung, die mir Paul ge- 
stern gebracht. Der Brief von S. Bach ist in seiner Einfachheit sehr 
interessant. Besonders die Stelle, wo er klagt, die Deutschen müs- 
sen alles singen, italiänisch u. französisch, polnisch u. englisch, das 
ist also vor ioo Jahren schon so wahr gewesen, wie jetzt. Man sieht 
wirklich es giebt nichts Neues unter der Sonne. [. . .] 



291 



felix an fanny 354 Leipzig, 14. November 1838 

den I4ten November 1838 - Du weißt das Uebrige, unsere herzli- 
chen Glückwünsche zu dem Tage, u. wie gern wir ihn mit Euch 
zubringen möchten. Heute kamen Mutters Hebenswürdige Zei- 
len, für die Du ihr einstweilen vielmal in unseren Namen danken 
mußt - daraus erfahren wir doch, wo u. wie Du den größten Theil 
des heutigen Tages zubringen wirst; daß Du jetzt, Abends, zu Paul 
gehst, dort gewiß fröhlich bist, eben musicirst, und wieder heißt 
es bei uns: könnten wir dabei sein. Denk auch mal mitten drin an 
uns, u. wünsche uns her, wie wir uns hin. Wir schicken Dir das 
neuste u. eleganteste der hiesigen musikalischen Litteratur, das Du 
gewiß noch nicht kennst, u. trotz des Thalbergschen Porträts, das 
Du gewiß nicht leiden kannst, doch hoffentlich nicht verschmähen 
wirst. Am genauesten habe ich mir bis jetzt den Titel angesehen, 
der wirklich ein Meisterstück ist von allem Möglichen Schimären- 
staat; 355 Inwendig scheinen mir die Mazourkas von Chopin sehr 
hübsch zu sein, andere Sachen schon weniger. Indeß behauptet 
Cecile steif u. fest, gerade das werde Dir Vergnügen machen, also 
mag sie es verantworten. Ich kann heut nur sehr dumm schreiben; 
wir haben heut früh eine lange Concertprobe gehabt, die mich 
abgemattet hat; meine Meeresstille kam darin vor, die indeß nach 
aller Müh u. Noth zuletzt wunderschön ging u. mir viele Freude 
machte; aber ich bin immer noch abends herunter seit den Masern 
u. nach Proben u. Aufführungen immer hundsmüde. Auch an 
neue Arbeiten habe ich seither nicht denken können; die 3 Violin- 
quartetten haben mir sehr viel Mühe gemacht mit ihren 100 000 
Correcturen, morgen endlich werde ich sie los u. will mich nicht 
wenig darüber freuen. Nun will Cecile die nächste Seite haben; 
lebwohl, meine liebe Fanny, bleib mir gut, sey glücklich, wie Du 
alle die Deinigen glücklich machst. Dein Felix, von dem Du Hen- 
sel u. Minna u. Sebastian sehr vielemal grüßen mußt. 



fanny an felix 356 Berlin, 14. Dezember 1838 

Lieber Felix, die Schulz 357 war gestern u. heut hier, um über die 
Sache mit mir zu sprechen, sie wünscht sehr, daß ihre Tochter sich 
mit Euch einige, was sie mir aber gesagt, was in dem Briefe der 



292 



Direction gestanden, war ganz anders, als was Du geschrieben 
hast, sie meinte nämlich, es wäre die Rede, ihre Tochter schon dies 
Jahr für eine halbe Saison zu engagieren, u. Du schriebst nur von 
einem Concert [. . .] Ich glaube übrigens, wenn Ihr Euch einigt, daß 
Ihr an der Hedwig Schulz eine gute Acquisition machen werdet. 
Sie hat gestern den Gabriel in der Schöpfung wirklich recht sehr 
gut gesungen, die Stimme ist schön, u. klang voll u. sie hat schon 
recht viel gelernt. Vieles fehlt ihr freilich noch, u. A. macht sie 
einen Triller, für den sie am Ende riskiren würde, die Treppe her- 
untergeworfen zu werden, wie Frl. Schlegel 358 , dafür aber glaube 
ich, riskirst Du nicht, daß sie den Triller macht, wenn Du es ihr 
verbietest 359 , denn sie ist ein sehr artiges, gelehriges Mädchen. Fer- 
ner beim Aushalten des Tons nimmt sie zu plötzlich ab u. zu, sie 
hat das noch nicht recht in der Gewalt, aber sie ist noch im Lernen 
begriffen, sie wird nicht schlechter, sondern besser werden, u. 
wenn Du Dich ihrer annimmst, was Du ja mit Mancher gethan, 
die es nicht so verdient, u. sie ein wenig zustutzest, glaube ich, wird 
sie die 360 Ansprüche erfüllen, die die Leipziger an eine bei ihnen 
engagirte Sängerin zu machen gewohnt sind. Ich bemühe mich 
übrigens gegen mein Interesse diesen Bund zu schließen, denn in 
Ermangelung der Decker, auf die nach Neujahr nicht mehr zu 
rechnen ist, würde sie mir, wenn ich wieder anfange, Musik zu 
machen, von großem Nutzen gewesen seyn. H. v. Dachröden sag- 
te mir gestern, daß er auch schon auf sie reflektirt hätte. Ich glaube 
nicht, daß man so leicht irgendwo zwei Dilettantinnen finden 
wird, die die Sopranpartien in der Schöpfung singen, wie gestern 
die Schulz u. die Curschmann [. . .] 

Wenn wir doch einmal wieder Weihnachten zusammen seyn 
könnten, leider hat das Fest die üble Gewohnheit, im Winter zu 
seyn, wo alles Kinderreisen äußerst beschwerlich ist [. . .] 
Neulich waren wir mit Sebastian u. Walter zum erstenmal im 
Theater, das war denn sehr lustig anzusehn, es war die Zauberflöte. 
Während des ganzen ersten Akts saßen sie mit offenen Mäulern 
u. einem grimmigen Ernst da, nachher erst faßten sie Muth, sich 
zu amüsiren u. zu lachen. [. . .] 



293 



felix an fanny 361 Leipzig, 29. Dezember 1838 

Liebe Fanny, 

Gestern nachdem mein Brief an Mutter fort war, kam der ihrige 
u. der Deinige an. Danke ihr in meinem Namen vielmals dafür u. 
sei selbst schön bedankt, Du Hebe Drude 362 . Was ist es nur, daß ein 
Brief, den man hier Sonnabend vor Postschluß aufgiebt, erst Mon- 
tag bei Euch ankommt, u. Pakete erst Dienstag? Meine dritte Etü- 
de ist eigentlich nur ein Saustück, gut oder schlecht gespielt; ver- 
zeih, daß ich Dir's geschickt habe, ich wollte Dir aber so gern etwas 
schreiben, u. so kamen die schlechten Dinger (denn Du weißt ich 
mache mir auch aus No, 1 u. 2 nichts). Nun, das Herz war schwarz 
dabei. Hierbei ist auch wieder ein Brief an Mad. Schulz 363 , von 
directionswegen. Ich will Dir sagen, Üeber Tallyerand, daß ihr die 
Herren inliegend 60 Tlr. Honorar für das Concert bieten, da Reise 
etc. Kosten zu unbestimmt schienen, u. dem 3isten Januar vor- 
schlagen. Das klatsche ich Dir, drauP 64 Du ihr, vorkommenden 
Falls versichern kannst, wir könnten nicht mehr zahlen; denn ver- 
muthlich wird sie handeln wollen, ich bin aber ein Feind davon, u. 
es war 365 mir angenehm, daß die Herren gleich eine Summe be- 
stimmten, die sie sonst niemals gegeben haben, denn unsere Eng- 
länderinnen erhalten weniger; ich meine auch, man könnte damit 
zufrieden sein. Was Stadtrath Porsche 366 in seinem Brief von ei- 
nem Winterengagement geschrieben hat, mag Gott wissen; es war 
nichts der Art besprochen; never mind, wenn sie recht gefällt, kann 
sie allerdings gleich mehrere Concerte nach einander singen, u. das 
Engagement für nächsten Winter abgeschlossen werden. Berühre 
den Punct so wenig wie möglich, Tallyerand, sieh aber daß Du sie 
dazu bringst besagten Brief von Porsche mitzubringen; ich möchte 
ihn sehr gern einmal lesen. Kannst Du mir dazu verhelfen, so thust 
Du mir einen Gefallen; wie gesagt, laß sie ihn mitbringen. 
Thalberg hat gestern Abend Concert gegeben, u. mir außerordent- 
lich großes Vergnügen gemacht. Sieh, daß Du ihn noch oft zu 
hören bekommst, denn er macht einem wieder Lust zum Spielen 
u. Studiren, wie alles recht Vollkommene. Solch eine Fantasie von 
ihm (namentlich die auf die Donna del lago 367 ) ist eine Anhäufung 
der ausgesuchtesten, feinsten Effekte, u. eine Steigerung von 
Schwierigkeiten, Zierlichkeiten, daß man staunen muß. Alles so 



294 



speculirt u. raffinirt u. mit solcher Schönheit und Kenntniß, u. voll 
des allerfeinsten Geschmacks. Dabei hat der Mensch eine un- 
glaubliche Kraft in der Faust, u. wieder so ausgesucht leichte Fin- 
ger, wie einer; wie gesagt, hör ihn recht oft, von Virtuosenmusik 
kann man nichts exquisiteres finden. Er will gar nicht mehr sein, 
als was er ist, ein recht eclatanter Virtuose, und wer vollkommen 
ist, was er ist, den kann ich kaum anders wünschen. 
Heut Mittag essen wir im Hotel de Baviere bei Franck 368 ; aus 
meinem gestrigen Briefe wird Dir Mutter mitgetheilt haben, daß 
er hier ist u. bleiben wird; seine Frau ist recht anspruchslos u. 
angenehm; ich freue mich gar sehr über diesen Zuwachs unserer 
Bekanntschaft. Heut Abend ist bei Härteis (Beckchen weiß was da 
gegessen wird) Soiree mit Thalberg, Montag, Sylvesterabend, den 
denken wir mit Schuncks ruhig zuzubringen, vielleicht zu ver- 
schlafen, Dienstag Neujahrsconcert, das wir mit meiner Ouvertü- 
re zu Paulus eröffnen, u. in dem David sein neues Concert wie- 
derholt (auf Verlangen) ferner die c-moll Symph. v. Beethoven. 
Am I7ten Jan. kommt Bennett mit seinem neuen Concert. Ich 
mache jetzt meinen es dur Psalm zur Herausgabe fertig, Du wirst 
Dich über die Neuigkeiten drin wundern. Am 24. Februar ist Ar- 
menconcert, da wollen wir diesen Psalm u. den vorigen »wie der 
Hirsch schreit«, u. die Beethovensche Symphonie mit Chören 
zum Schluß aufführen, da könnte eigentlich einer oder der andere 
von Euch uns besuchen - es ist doch immer eine Art Veranlassung. 
Lebwohl, liebe Fanny; ich schreibe Dir immer lange Episteln u. 
Du mir kurze. Lies Goethes Recensionen aus den Frankfurter ge- 
lehrten Anzeigen, 1772 oder -73, da war er noch klobig. Als ich 
Deinen Brief über die Schulz vorlas, geriethen die Herren in En- 
thusiasmus über sie; ich sagte man könne doch noch nichts wissen; 
sie aber antworteten »Ahü Ihre Frau Schwester!!!« Grüße Hensel 
vielmal von mir, u. sag ihm Herr Shaw 369 hätte hier eine Land- 
schaft ausgestellt, die überträfe alles, was ich je gemacht hätte an 
Sudelei; ich glaube das Publicum hätte seine Frau hernach darüber 
ausgezischt; räsonnieren thaten sie fürchterlich. Lebewohl hebe 
Fanny! Ein glückliches, neues Jahr! Dein Felix. 



295 



fanny an felix Berlin, 6. Januar 1839 

Lieber Felix, ich bin ein sehr schlechter Minister des Auswärtigen 
gewesen, u. fürchte, Eure Kammer wird mir den Abschied geben, 
wie auch die Adresse auf diesen Brief ausfallen möge: die Schulz 
tritt nächste Woche als Gräfin im Figaro auf. Für die hiesige Bühne 
wird sie von geringem Nutzen seyn, denn ich halte ihre Stimme 
noch nicht für geeignet, das Opernhaus zu füllen, für Euren Saal 
wäre sie sehr gut gewesen, u. so geschieht wieder, was so oft, sie 
stellt sich nicht auf den Platz den sie ausfüllen könnte. Es thut mir 
leid, um Euretwegen, um ihretwegen, u. um meinetwegen, daß 
ich Euch nicht habe dienen können. Euer groß Thier Thalberg ist 
auch nun hier, er war bei Mutter, die hat ihn aber für sich behalten, 
morgen werden wir mit ihm bei Alexander essen, ich höre aber 
leider, daß er nicht in Gesellschaft spielt, u. von den Paar Concer- 
ten wird man nur wenig hören 371 können. Diese Hexenmeister 
muß man eigentlich spielen sehn, ich werde, um soviel Nutzen als 
möglich davon zu haben, mir die Sachen die er spielt, vorher geben 
lassen, um sie zu kennen. Die Herren machen sichs wirklich un- 
erhört leicht mit ihren Schwierigkeiten, nicht einmal eine Probe 
brauchen sie, weil sie alles ohne Begleitung spielen, u. so ist Alles 
aufs meiste Geld in der kürzesten Zeit berechnet. Ich weiß wol, 
Du bist jetzt der mildeste der Milden, u. ich bin überzeugt, daß 
Thalberg wunderschön spielt, aber dies Wesen kann ich doch 
nicht loben, dafür bin ich das Charivari. 372 

Ein großes Vergnügen haben wir vorgestern Abend gehabt, wo 
uns Seydelmann wieder einmal vorlas. Er hatte den Antonio im 
Tasso gewählt, weil er die Rolle nächstens spielt, u. wie er sagte, 
nicht genug bei Stimme sey, um ein ganzes Stück zu lessen, da 
hatten wir Andere denn, mit ruhmwürdiger Aufopferung, uns be- 
reit finden lassen, die übrigen Rollen abzuhaspeln, u. lasen auch 
meist nur die Scenen, in denen Antonio erscheint. 
Mit welcher Feinheit, Liebenswürdigkeit, Ironie u. Würde er die- 
se Rolle nimmt, das kann man sich kaum vorstellen, selbst wenn 
man ihn kennt, es ist ein Meisterstück. Nachher las er noch auf 
Begehren die Craniche des Ibycus, u. dann auf eignen Antrieb den 
Kampf mit dem Drachen. Er war so erfreut über unser Entzücken, 
daß er sich erboten hat, zu lesen, was u. wann wir wollten, u. wir 



296 



werden gewiß nicht zögern, Gebrauch davon zu machen. Es wa- 
ren 17 Personen hier, gerade so viel, als unser Wohnzimmer be- 
quem faßt, u. der Abend war überaus angenehm. 
Nun aber Frank! 373 Wir hatten schon munkeln hören, daß, nach- 
dem sich ganz Europa ihm ergeben hatte, er sich am Ende Leipzig 
ergeben würde, u. es ist mir für Dich überaus erfreulich. Wenn die 
Frauen für einander passen, wird es eine unschätzbare Vermeh- 
rung Eures kleinen Kreises seyn. Grüß ihn mir recht herzlich, ich 
möchte diesen alten Freund wol einmal wiedersehen. [. . .] 
Gerade als er mir in diesen Tagen durch Deine Briefe wieder recht 
näher gerückt war, fiel mir seine famose Etüde in die Hände, mit 
der Ueberschrift: sanft u. etwas abgeschmackt, aber nicht zu lang- 
sam. Wenn er sie bei Euch verlegen will, so werde ich sie ihm 
schicken, er kann ja, da er den Autor gut kennt, den Rest des 
Dutzends bei ihm bestellen, u. statt Portraits, die Charakteristik 
Vordrucken lassen, die ein anderer, eben so berühmter Autor, ich, 
von ihm gemacht hat. Beabsichtigt er noch, sein erstes Lied von 
einer Löwin singen zu lassen, u. ist seine Frau mit der Wahl dieser 
Amme einverstanden? 

Daß Du Deinen es dur Psalm 374 herausgiebst, ist mir sehr heb, ich 
hebe Vieles drin ganz außerordentlich, namentlich Anfang u. 
Schluß. 

Wo stehn die Recensionen von Goethe aus den Jahren 72 u. 73 375 ? 
Hast Du die Briefe an die Gräfin Stolberg aus der Urania 39 gele- 
sen? das ist Kurioses genug 376 . Im Ganzen finde ich bestätigt Goe- 
thes Nachlaß wieder recht die allgemeine Regel von den Nachläs- 
sen. Was ein kluger Mann dem Publicum entzieht, daran verliert 
das Publicum auch nicht viel, denn der kluge Mann hat seine 
Gründe. Indeß kann man sich gar manchmal über seine Heraus- 
geber, u. seine Korrespondenten, u. seine Zoten 377 , u. ihn selbst 
ärgern, u. braucht dann nur wieder eine Scene aus dem Tasso, u. 
einen Gesang aus Hermann u. Dorothea zu lesen, um ihm mit 
Herz u. Seele u. jeder bessern Empfindung, deren man fähig ist, 
anzugehören. Wol uns, daß wir ihn gehabt haben. Ich glaube, er 
würde zufrieden gewesen seyn, wenn er Seydelmann den Antonio 
hätte lesen hören. - Seitdem haben wir bei Mutter gegessen, und 
uns einmal wieder über Alles herumgezankt. Ich denke ich höre 
Dich lachen, wenn wir so ernsthaft über Kaisers Bart streiten. Aber 



297 



Cecile, meine Cecile, Du hast mir seid Ihr weg seyd, ein einziges 
kleines Briefchen geschrieben, ist das wol halb recht? Es haben 
Dich zwar alle Leute lieb, die Dich kennen, aber so Heb wie ich 
haben Dich doch nicht viele Leute, 
den 7ten. 

Gestern Abend trank das große Thier 378 bei Mutter Thee, Du 
weißt es ist niemals so langweilig bei uns, als wenn ein großer 
Mann da ist, diese Erfahrung bestätigte sich auch gestern. Unter 
den Aehnlichkeiten die er zu haben beschuldigt wurde, nenne ich 
Dir nur Lord Wellington, die schöne Vittoria, u. Lida Bendemann. 
Suche Dir einen davon aus. Ich habe ä peine seine Bekanntschaft 
gemacht. Vorher hatte ich mir vorgenommen, ihn zu bitten, mir 
Gelegenheit zu geben, ihn im Zimmer zu hören, aber dann fand 
ich ihn ja so virtuosisch, so vornehm u. mit sich selbst zufrieden, 
daß ichs lieber unterließ, u. wie immer in solchen Fällen, meine 
Fischberedsamkeit laut werden ließ. In Rußland wird er Paul tref- 
fen, der uns gestern eröffnete, daß er in 8 Tagen nach dieser Bä- 
renhöhle reisen müsse. Er läßt Albertinen hier, was ich auch in 
Rücksicht auf die Jahreszeit sehr vernünftig finde, u. wird daher 
hoffentlich bald wiederkommen. [. . .] 

Thalberg hat etwas von dem Dreyschock 379 erzählt, das ist wirklich 
fabelhaft, daß er die i2te Etüde von Chopin im Baß mit Oktaven 
spielt. Th. sagte: wenn der Mann Geschmack hätte, spielte er uns 
Alle todt, u. dabei sieht er aus wie Honig mit Zucker gekocht, u. 
ein klein Tröpfchen Rum. 

Die Prünellenfrau hat hier das Gerücht verbreitet, Carlchen hätte 
3 Zähnchen, wenn das wahr ist, wie kannst Du Rabenmutter denn 
nichts davon schreiben? Nun lebt aber im Ernst wohl. Ich bin heut 
sehr schreibselig, wie Ihr seht. Weißt Du, daß Henselt in Rußland 
zu 3 Ducaten Stunden giebt? 

Adieu, mein Mann grüßt Euch bestens. Wenn Du einmal eine 
Landschaft auf die Ausstellung gäbest, würde das Publicum gewiß 
Deine Frau nicht auszischen, mit doppelten Gründen. 
Eure Fanny. 



298 



felix an fanny 380 Leipzig, 6. Februar 1839 

Meine liebe Fanny, Dein schönes Geschenk kam gestern mit Dei- 
nem späteren Briefe zugleich an, durch den entsetzlich hohen 
Schnee verspätet. Hab für heute den allerschönsten Dank, u. dafür, 
daß Du immer meiner u. meines Geburtstages so lieb gedacht hast; 
der alabasterne Shakespeare war auch gar zu fein und schon für 
mein Zimmer, er hat in das blaue gemußt, wo unsere Kostbarkei- 
ten stehen, u. wo ihn Cecile ebenso gut wie ich täglich vor Augen 
hat, u. Dir täglich für Dein Andenken dankt. Es ist ein schöner, 
denkender Kopf, u. die hohe Stirne mit den Augen leuchten so 
hübsch im Alabaster, man kann sich dabei was denken. Könntest 
Du Dir ihn mal hier ansehen, wie nett er sich auf seinem Tisch- 
chen ausnimmt. - Ja, freilich wär's gut, wenn wir uns zusam- 
menfänden in dem alten rauchigen Nest 381 - aber ich fürchte, aus 
meiner Reise wird gar nichts. Es ist mir jetzt mehr als zweifelhaft, 
u. nach dem Musikfest werde ich gewiß nicht hingehen können; 
meine ganze Absicht war, der Cecile das prachtvolle Schauspiel 
der Stadt u. des Landes zu verschaffen, wozu mir dieses Jahr gerade 
günstig schien; und da ich in England eine Art öffentliche Person 
bin u. nebenbei auch meine Reisekosten als guter Kaufmann ver- 
dienen müßte, so hätte ich doch wieder einigemal spielen u. diri- 
giren wollen, u. dazu wäre es nach dem Musikfest 382 zu vorgerückt 
in der Saison; es scheint mir aber jetzt, daß ich schwerlich vor Ende 
März fortkommen werden, u. daß andererseits Cecile auch keine 
rechte Lust zu einem so eiligen Besuch im Fluge hat, und so fürch- 
te ich, die ganze Sache wird unterbleiben. 

Wenn ich Dir aber als alter Engländer einen Rath geben darf, 
lieber Cantor, so ist's der: laß Dich durch die Reise u. den Aufent- 
halt dort ja nicht zu sehr agitiren; Dein Brief hat so etwas davon u. 
Du sagst mehreremal schon, wie Dich der Gedanke dran aufregt. 
Das ist aber gerade für London gar nichts, das mußt Du mit be- 
deutender Pomade auffassen, sonst ist's unangenehm u. wird Dir 
unleidlich werden. Tractirst Du's recht de haut en bas u. guckst Dir 
es zu Deinem Vergnügen u. Wohlbehagen an, dann wirst Du frohe 
Tage da erleben, des bin ich gewiß. Verzeih dem alten Practicus 
die Schulmeisterei. 
Ich habe eine Bitte, die ich lange vergessen habe, u. heut thun 



299 



muß; Du erinnerst Dich einer Ouvertüre in C, die ich für die 
Doberaner Harmoniemusik componirte; sie wurde nachher für 
großes Blasorchester arangirt u. wird nun in dieser Gestalt bei Sim- 
rock erscheinen, er will sie aber auch gern in der ursprünglichen 
stechen, u. ich habe keine Noten mehr davon. Kannst Du durch 
Deine vornehmen Connexionen mir das Ding nicht verschaffen, 
da doch der Mecklenburger mit dem Preußen verschwägert ist. 
Nämlich es ist eine Abtheilung der Mecklenburger Capelle, die in 
Doberan spielte [. . .] u. also muß unter den dortigen Kammermu- 
sikern bestimmt einer oder der andere sein, der Auskunft geben 
könnte. Wäre Dachröden nicht der Mann? Was macht Costa? 383 
Sitzt er immer noch auf Deinem Schooß? 

Daß Ihr Euch meinen Paulus müßt von der Sing Akademie vor- 
buchstabiren lassen, und daß Mutter mir mit einer Art Vergnügen 
schreibt, sie habe noch 5 Plätze dazubekommen, das ist mir doch 
tiefer verdrießlich, als ich sagen kann u. rührt mich gewissermaßen 
sehr. Das Lausepack ist nicht einmal den Aerger werth, u. doch 
kann ichs mir nicht abgewöhnen; was haben auch die schebigen 
unmusikalischen Kerls mit meinem Paulus u. meiner Familie ge- 
mein? Da seh ich dem Derwisch von Lessing ähnlich und möchte 
Euch zumuthen wo anders hin zu ziehen, als wo Ihr seid, Leber 
nach Wittenberg, u. dann denke ich »laßt ihm den ganzen Plunder 
nur im Stich; ich schaff Euch einen dalk« (was ist das übrigens?) 
Auch über Thalberg bin ich Eurer Meinung nicht ganz, aber auch 
das liegt an den Umgebungen; ich glaube, er will gar nicht mehr 
sein, als was er ist, ein recht eclatanter Virtuose, u. wer vollkommen 
ist, was er ist, da kann ich nichts tadeln, kaum anders wünschen. 
Aber das halbe Pack! das solide Lumpenpack! Verzeih die 
Schimpfwörter, aber die 5 Billets kneipen mich. Dein Felix. 



fanny an felix 384 Berlin, 26. Februar 1839 

Lieber Felix! Du hast mich, als Du mir das letzte Mal schriebst, so 
derb mit ganz Berlin ausgezankt, daß ich mich bis jetzt noch nicht 
von meinem Schreck habe erholen können, ich muß es aber doch 
einmal wagen, wieder vor Deinem Angesicht zu erscheinen, sey 
es auch nur, um Dir Bericht abzustatten, daß ich Deinen Auftrag, 
wegen der Doberaner Harmoniemusik sogleich pünktlich ausge- 



300 



richtet. Zwar nicht auf so vornehmen Wege, als Du dachtest, der 
Kammerherr u. Theaterintendant, H. v. Dachröden, lebt in Stre- 
litz, u. seine Seele weiß nichts von Schwerin, aber der Hofmusikus 
P. Lappe in Schwerin ist gebeten u. angewiesen worden, Dir die 
Noten direct nach Leipzig zu schicken. Hast Du sie erhalten, bitte 
so melde mirs, hast Du sie in einiger Zeit noch nicht, bitte mir dito, 
denn alsdann soll uns der Lappe nicht durch die Lappen gehen. 
Rebecka denke ich, wird zu Euch kommen, indeß muß dazu voll- 
kommenes Wohlseyn u. schönes Wetter sich vereinigen, u. das hat 
bis jetzt noch nicht geschehen wollen 385 . Ich rede ihr gelinde zu, 
denn man übernimmt eine Verantwortung zu so etwas zu treiben, 
u. so viel Lust sie auch zu dieser Reise hat, so ist sie doch noch sehr 
low spirited. - Gestern war Mme. Shaws Concert im Theater, wo 
Parkett u. erste Ranglogen voll waren, das Uebrige nicht. So recht 
will es hier leider nicht mit ihr gelingen, wie sie es doch so sehr 
verdient, u. wie es der Novello gelang. Dabei findet sie ganz un- 
getheilten Beifall, u. enthusiastische Verehrer, aber sie traf es nicht 
gut, u. man muß ihr zur Ehre nachsagen, daß sie das Concertge- 
bermetier noch nicht so recht versteht. Da traf sie mit Ole Bull 386 
zusammen, der besser mit den Taschen der Leute Bescheid weiß, 
mit der Familie Lewy 387 , die unwürdig ist, u. daher interessirt, u. 
sie, mit ihrem noblen, einfachen Gesänge, u. ihrem natürlichen 
Wesen kann gegen solche Künste nicht streiten. Dabei ist sie aber 
immer zufrieden, u. das ist doch das Beste. Sie gefällt mir unge- 
mein wohl, u. allen Leuten hier. Bei uns hier hat sie zweimal Sonn- 
tags gesungen, u. Alles entzückt, besonders durch die Arie aus dem 
Paulus. - Dabei fällt mir Paul ein, der sehr hübsche amüsante Brie- 
fe aus Petersburg schreibt, u. uns ein recht anschauliches Bild von 
dem Leben dort giebt, das ich keineswegs reizend finde. Albertine 
bildet sich ein, er käme bald wieder, ich glaube aber, es wird noch 
ziemlich lange dauern. 

Heut war die Faßmann bei mir, die nun verreist, u. nach Worin- 
gens Aufforderung nach Düss. zu gehen scheint, sie sagt mir aber, 
sie wisse noch gar nichts Näheres. Weißt Du nicht, wie es steht u. 
ob man auf sie rechnet? Sie ist öfter bei der Shaw gewesen, um sich 
von der den Messias mit engl, picanten Sauce einstudiren zu lassen, 
mehr Bescheidenheit kann man doch von einer Sängerin nicht 
verlangen. 



301 



Geht denn Cecile diesmal mit zum Musikfest? Ich denke doch. 
Deinen Psalm 388 möchte ich schon von dem Chor hören, das wird 
sich prächtig machen. Kommt Dein neuer Psalm nicht bald? 389 Ich 
möchte ihn gern noch singen lassen. 

Wen in aller Welt hat denn der Liphart 390 geheirathet? Das ist eine 
närrische Familie mit Heirathen, plötzlich sitzt er da im Concert 
u. hat eine Frau. Wie geht es Franks? Gefällt es ihnen in Leipzig? 
Hat sie die Welt noch mit keinem Fränkchen vermehrt? 
Grüße Carl, den Läufer, den Schwätzer, u. Cecile, die ich nun 
einmal nicht leiden kann, u. ich fürchte, in diesem Leben kann 
ich's nicht mehr, indeß, da sie nun doch einmal meine Schwägerin 
ist, muß ich mich mit ihr wol vertragen, was hilft das Alles? Adieu, 
ihr heben Leute, Alles grüßt. 
Eure Fanny. 

Von Kling, u. Fanny Horsley 391 hatte ich vorige Woche Briefe. Der 
v. Kling, war der erste längere u. muntere seit langer Zeit. 
In dem, was Du mir über meine Unruhe über die englische Reise 
schreibst, hast Du gewiß Recht, das fühle ich selbst, was ist aber da 
zu thun? Ich glaube gar nicht, daß ich meinem Mann eine Wohl- 
that erweise, wenn ich mitreise, ich glaube, ich werde ihn mehr 
hindern als fördern, u. das beunruhigt mich nur mehr. Uebrigens 
schreiben mir meine Bekannten u. unbekannten Corresponden- 
ten so freundlich u. zutraulich, daß mich das billig über die Furcht 
erheben sollte. Sobald wir Näheres bestimmt haben, sollt Ihrs wis- 
sen, bis jetzt mag ich noch gar nicht von der Reise reden. 
In diesen Tagen geht die Mathieux bei Dir durch. Sie will nach 
Bonn, um sich von ihrem Mann scheiden zu lassen 392 , u. der när- 
rische Mann will nicht. Ist Dir so etwas schon vorgekommen? Laß 
den Brief nicht in den Papierkorb fallen, damit sie ihn nicht findet 
u. liest. So diese ganze 4. Unseite ist ein postscript. Weiblicher 
Pferdefuß! 

fanny an felix 393 Berlin, 4. März 1839 

Lieber Felix! Eine Stunde nach Tisch 394 war ich bei la Faß 395 , u. 
will Dir meine ganze Weisheit auskramen. La Faß verlangt es 
nicht besser, als die Alceste zu spielen, an einem Herakles 396 , der 
zugleich den Oberpriester markieren könnte, wird es auch nicht 



302 



fehlen, denn Bötticher ist ja engagirt, wenn Ihr nun einen Berliner 
Tenor braucht, so nehmt doch Eichberger, der spielt den Admet, 
und kann immer reisen, wenn die Faßmann reist, weil er nur mit 
der zusammen spielt. Was nun die Bedingungen betrifft, da frug 
ich, u. sie wußte nicht, u. meinte, u. dachte, u. da sagte ich wieder, 
was sie denn in anderen Mittelstädten für eine Rolle bekäme, u. 
da kam sie denn heraus, 25-30 Frdor, für eine große Rolle. Ich 
glaube, wenn Ihr Dialog in die Alceste einlaßt, kriegt Ihrs billiger, 
ich glaube auch, sie läßt mit sich handeln, wenn's Euch zu viel ist. 
Was nun die übrigen Forderungen betrifft, so will sie keine Sum- 
me, sondern die Reisekosten [. . .] Als ich schüchtern frug: wie wer- 
den Sie reisen, u. zur Antwort erhielt: mit Extrapost, gab ich mir 
im Interesse des Düsseid. Musikvereins alle Mühe, ihr mit Bered- 
samkeit der Schönheiten der Natur am Rhein zu schildern, u. 
versicherte, wenn sie mit Schnellpost bis Mainz, u. von da Dampf- 
bootabiter hinabglitte, würde ihre Seele sich ergötzen an der sma- 
ragdenen Fluth, u. was mir die Begeisterung noch mehr Poetisches 
einflößte. Darauf erwiderte sie, da Bötticher auch hinreise, könn- 
ten sie ihn mitnehmen u. 3 Personen extra reisten nicht theurer als 
3 mit der Schnellpost. Das ist rather wahr, u. da ich wohl fühlte, 
daß meine Befugniße hier at an end wären, schloß ich mit einem 
refrain zum Lobe des Rheins, u. ging zu 397 Haus Bericht zu erstat- 
ten. Hier bin ich nun erst durch ein großes Paket mit unzähligen 
graziösen Geschenken u. Briefen von Luise aufgehalten 398 , u. nun 
weißt Du Alles, daß etwaige Mittheilungen die Faßmann bis 
Ostern in Bremen, später in Hannover (mit Respect zu sagen) 
treffen, u. daß sie in etwa 5 Wochen wieder hier ist. Sie ist übrigens 
so niedlich u. ihre langen blonden Locken sind so schön, daß sie 
gewiß in Düsseid. sehr gefallen wird. 

Beckchen hat Dich an mich verwiesen 399 , um Dir zu erzählen, daß 
unter Allem, was die Shaw schön singt, ein Paar Arien aus dem 
Orpheus doch obenan stehen, das ist wirklich first rate music. 
Morgen essen sie noch bei uns, nachdem sie heut Abend ihr letztes 
Concert gegeben haben wird. Wenn es nur voller wird. Ich fürchte 
fast nein, so etwas liegt immer in der Luft, u. ich habe nicht viel 
munkeln gehört. Morgen bitte ich Miß Forrester dazu, eine sehr 
nette Engländerin, bei der wir Unterricht nehmen. - Ueber den 
gekiksten (oder schriebst Du gekixsten) Ton in der Symphonie 



303 



habe ich nicht 3 Takte, sondern drei Stunden gelacht, weil ich 
deren hier 400 höre. Bei so etwas lachen alle Leute, nur der Sänger 
nicht, der läßt das Lachen wol bleiben. Liebe Sessil 401 , Du be- 
kommst nächstens einen aparten Brief von mir, da wollen wir uns 
weiterzanken. Ueber die Matthieux stimme ich sehr mit Dir über- 
ein, u. daß das Fräulein Frank Carlchens Windeln zerreißt, dazu 
brauchte sie keine halbe Prinzeß zu seyn. 

Felix, ich bin so melancholisch wie ein Brummkater, aber der Sekt 
ist nicht Schuld daran. Wie viel plagt man sich im Leben für nichts. 
[. . .] Eure Fanny. 

felix an fanny 402 Leipzig, 17. April 1839 

Liebe Fanny, 



C^JlIisPse 



Das ist der Ueberbringer dieser Zeilen. 

Mehr brauche ich eigentlich gar nicht zu schreiben, denn nun 
erinnerst Du Dich gleich, wie Vater immer etwas vergnügter wur- 
de, wenn man nur den Namen Drouet nannte, wie er nach Tisch 
dies Rondo, oder ein anderes von ihm zu singen anfing, wie wir 
vor 18 Jahren Kinder waren und ihm vorspielen mußten, - u. 
nimmst den Mann gut und heb auf, der Dir so ein Stück Erinne- 
rung auf einmal ins Haus bringt. Aber ich will noch hinzusetzen, 
daß ich von Herzen möchte, er gäbe ein recht gedrängt volles 
Concert in Berlin, daß ich überzeugt bin, Du kannst viel dazu 
thun, wenn Du ihm einmal Gelegenheit verschafftest, den Leuten 
vorzuspielen, u. die Leute zu entzücken (denn das ist bei ihm eins) 
und ihm diese Gelegenheit zu geben u. sonst für ihn zu thun, was 
Du irgend Gutes kannst, darum bitte ich Dich nun herzlich. Schon 
um deswillen, weil er gar kein Wesen von sich macht, keinen 
blauen Dunst, keinen grauen Zeitungsartikel u. dgl., möchte ich, 
daß es ihm gelänge, »damit die Heiden erkennen, daß sie Men- 
schen sind«, sagte König David; aber wenn Du ihn nun spielen 
hörst, diese unglaubliche Vollendung, diese ganz u. gar durchge- 
bildete Virtuosität, diesen entzückenden Ton, u. dabei die Unfehl- 



304 



barkeit u. Ruhe - so weißt Du den Hauptgrund, warum ich möch- 
te, daß es ihm in Berlin gelänge, u. warum ich ihn Dir recht ans 
Herz lege (nur bildlich natürlich; Hensel sticht mich gleich todt). 
Ich schreibe in großer Eil; nächstens besser. Für heut nur dies: 
nimm Drouet gut auf u. denk vergangener Zeiten u. freue Dich 
über ihn, wie ich, und behalte mich ganz viel lieb. Felix M. 

fanny an felix 403 Berlin, 28. April 1839 

Lieber Felix, ich bin Dir noch den Dank schuldig für das liebe 
Briefchen, das mir Drouet gebracht. Mutter, die beste u. fleißigste 
Berichterstatterin, der ich mehr traue, als Rellstab [. . .], wird Dir 
geschrieben haben, in wiefern ich ihm zu dienen gesucht, ich habe 
nämlich, was ich noch nie gethan, seinetwegen an den Grafen 
Redern geschrieben, für den er einen Brief hatte, und zwar mit 
gutem Erfolg, denn er hat drei Tage darauf im Opernhause mit 
vielem Beifall gespielt. Auf eine Morgenmusik mit Publicum bei 
uns ging ich wol aus, er aber nicht recht ein, u. in seinem Interesse 
hielt ich es für das Beste, daß er im Theater spielte, u. kein eigenes 
Concert gäbe, wozu mir Zeit u. Umstände nicht günstig schienen. 
Nun muß ich Dir aber eine Klatscherei schreiben, u. mich im 
Voraus deshalb entschuldigen. Du weißt freilich wohl, daß es mei- 
ne Art in der Regel nicht ist, aber never mind ich entschuldige 
mich doch zu klatschen, weil ich mich schäme. Die Frau v. Faß- 
mann war heut früh bei mir, um mir zu erzählen, die Novello sey 
zu ihrer Tochter gekommen, u. habe ihr erzählt, sie sey zum Mu- 
sikfest in Düsseldorf engagirt, wolle aber die Arie aus dem Messias 
mit der Faßmann theilen, auch zur Rolle der Alceste sei sie aufge- 
fordert, wisse aber noch nicht, ob sie sie annehmen solle, da sie 
noch nicht auf der Bühne gewesen, auch nicht fest genug im Deut- 
schen sey. Auf die Aufforderung der Frau v. Faß. ihr die Briefe des 
comite zu zeigen, wußte sie natürlich nichts vorzubringen 404 , ob 
ich etwas von diesem seynsollenden Engagement der Novello 
wüßte? C'est du pack, pflegt einer der ersten Componisten unse- 
rer Zeit zu sagen. Da nun aber die Faßmann wie Du weißt, eine 
protegee, oder eine Protectrice von mir ist so habe ich nicht unter- 
lassen wollen, Dir Obiges zu klatschen, um Dich an fett zu setzen, 
was Dir bei Deiner Magerkeit in keiner Hinsicht schaden kann. 



305 



Erzähle mir doch einmal, thu es aber wirklich, wann denn die 
Quartette erscheinen? 405 

Ein wahres Meisterstück von eleganter Ausgabe ist Deine Sonate 
mit Cello. 406 Sind das Spiel- oder Singlieder, die jetzt erschei- 
nen? 407 Mit Deinen Liedern ohne Worte hast Du wieder gutes 
Unheil angestiftet. Sie kommen mir dabei vor, wie der Wirth, der 
alle Weine aus einem Faß zapft, alles komponiren sie, Lieder, Etü- 
den, Refrain mit Chor, Notturnos, Capricen, Duette, Liebeslieder, 
alles aber aus dem selben alten Ciavierfaß gezapft. Henselt hat die 
Kunst erfunden, die Instrumentalmusik unanständig zu machen, er 
könnte ein Patent darauf nehmen, dem Uebelstand zu bloßen Etü- 
den keine schlüpfrigen Texte wählen zu können, hat er glücklich 
durch die Ueberschriften abgeholfen. Liszt hat die Kunst erfunden, 
die musikalische Orthographie, welche mir doch dazu vorhanden 
zu seyn scheint, um die Musik damit lesen zu können, so glücklich 
zu verwirren u. zu entstellen, daß es ihm gelungen ist, seine ohne- 
hin schon sinn- und zusammenhanglosen Compositionen mit 
Hülfe der Schreibart noch sinn- u. zusammenhangloser zu ma- 
chen. Wäre das Chaos nicht schon vor der Erschaffung der Welt 
durch den lieben Gott erfunden worden, so könnte Liszt ihm die 
Erfindung streitig machen. Nun will ich aber aufhören, die Uebri- 
gen zu rezensiren, sonst sagt Cecile wieder, ich habe ein Zörnchen. 
Gegen sie aber habe ich keines, sondern ein Liebchen, oder viel- 
mehr eine dicke, große Liebe, welche ich Dir hiermit auftrage, ihr 
zu Füßen, um den Hals oder auf den Mund zu legen [...] 

fanny an felix 408 Berlin, 8. Mai 1839 

Ich will Dich nicht länger ohne Nachricht lassen, lieber Felix. Es 
ist, Gottlob, Alles wohl, Rebecka hat sich brav gehalten, u. diese 
überaus traurigen 8 Tage haben wenigstens ihrer Gesundheit nicht 
geschadet. So eben kommen wir von Gans Beerdigung zurück. 409 
Studenten trugen ihn den langen Weg, eine unabsehbare Men- 
schenmenge, die ganze Universität, u. Alles was ihn kannte, folgte 
zu Fuß. Er liegt auf dem Oranienburger Friedhof nah bei Hegel 
u. Fichte. Seit Schleiermachers Tode habe ich solche Sensation 
nicht gesehn. Es ist nicht zu sagen, wie viel jeder seiner Freunde 
verliert, wie überaus wichtig er gerade hier war, mit seiner selte- 

306 



nen Freimüthigkeit, mit seinem unermüdlichen Eifer, der überall 
durchzugreifen wußte, wo es recht war u. Noth that. Er war aber 
auch ein sehr glücklicher Mensch, wie wir in diesen Tagen viel- 
fach besprachen. Er hat fast nie ein Unglück oder nur eine ernste 
Widerwärtigkeit erfahren. Alles, Anerkennung so wie Opposi- 
tion, war für ihn ein Gegenstand der Freude, u. er hat sein Leben 
so recht nach allen Seiten hin genossen. Unstreitig fingen seine 
Kräfte an, zurückzugehn, u. so kann man ihn wohl selig preisen, 
daß er dahingegangen, bevor diese Abnahme ihm selbst bemerk- 
lich u. schmerzlich ward. Wenn man das Leben nicht nach Tagen 
u.Jahren mißt, sondern nachdem, was seinen Werth ausmacht, hat 
er ein langes Leben geführt [. . .] 

fanny an felix 410 Berlin, 17. Juni 1839 

Ich habe in so langer Zeit nichts direct von Dir gehört, lieber Felix, 
daß ich einmal wieder das Schweigen brechen, es versuchen muß, 
Dich zum Antworten zu bringen. Indessen ist Alles, was man von 
Euch hört, so guter u. erfreulicher Art, daß man Euch nur Glück 
auf alle Weise wünschen u. nur Fortbestehen alles Guten für Euch 
erbitten kann. Mehr oder weniger ist das ja Gott sey Dank bei uns 
Allen der Fall, und ich namentlich, kann wol mit Dir dem Himmel 
nicht genug danken, für das häusliche Glück, das er uns Beiden in 
unsren Familien geschenkt [. . .] 

In 14 Tagen werde ich Rebecka nach Heringsdorf begleiten. Wie 
lange ich dort bleibe, ist aber nicht bestimmt, vielleicht komme ich 
etwas früher mit Sebastian zurück [...] Das aber steht fest, wie ein 
Entschluß dieser Art feststehen kann, daß wir im Herbst nach 
Italien reisen, u. den Winter über dort bleiben [. . .] 
Mit Rebeckas Genesung geht es übrigens jetzt ganz gut. Die Ner- 
ven sind unberechenbar. Seit der Katastrophe mit Gans, von der 
wir alle so sehr viel fürchteten, ist sie wie durch einen elektrischen 
Schlag geheilt, es thut ihr kein Finger mehr weh. So ist meine 
Begleitung nach Heringsdorf jetzt eigentüch nicht mehr nöthig, 
indessen was ich ihr versprach, da uns recht eigentlich noch das 
Messer an der Kehle stand mit ihr, will ich nun nicht zurückneh- 
men 411 . Uebrigens werde ich selbst auch baden, u. für Sebastian 
wünscht es unser Arzt sehr [. . .] 



307 



Ich bitte Dich sehr, wenn es seyn kann, mir recht bald irgend etwas 
geschrieben oder gedruckt, von Deinem neuen Psalm 412 zu schik- 
ken, ich möchte ihn so gern, zwischen einer Reise u. der anderen, 
hier erst singen lassen, ich bin jetzt wieder im Besitz einer sehr 
schönen Tenorstimme, leider singe ich sie aber nicht selbst [. . .] 

felix an fanny 413 Frankfurt am Main, 18. Juni 1839 

Liebe Fanny, 

Erstlich daß Du mit Beckchen nach Heringsdorf gehst, ist wun- 
derschön und gar nicht genug zu loben; ich hätte Euch zwar lieber 
in irgend einem Nordseenest, wo die Wellen viel tolleren Spuk 
treiben, als in der zahmen Ostsee; indeß ist die auch nicht übel, 
wenn Ihr Euch ordentlich hineinsteckt, u. untertaucht, u. Salzwas- 
ser schluckt, u. Seeluft athmet, und wie die Lebedamen lebt - das 
wird Euch gewiß allen beiden wohl thun und Euch stärken u. 
erquicken und daher uns alle auch. Um Gotteswillen bleibt nicht 
zu kurz da, und ennuyiert Euch ein wenig, und eilt nicht nach 
Berlin zurück, sondern laßt Euch recht durch und durch wehen u. 
abkühlen u. einsalzen - lest alle möglichen häßlichen Bücher und 
schreibt alle möglichen schönen Briefe etc. etc. an mich. 
Zweitens gieb mir mal einen guten Rath; der tolle Kapellmeister 
Guhr ist mein Specialfreund geworden; wir vertragen uns wie die 
Kaninchen, und neulich, als wir ganz vergnügt und cordial waren, 
und ich ihn so sehnsüchtig nach seinem großen Haufen Bachischer 
Raritäten fragte, worunter er zwei Autographen hat, nämlich die 
Sammlung Choralvorspiele für die Orgel, die Passacaille mit einer 
großen Fuge hinten dran, sagt er mit einem Male: 
»Wissen Sie was? Nehmen Sie sich eins von den beiden Autogra- 
phen mit; ich will's Ihnen schenken. Sie haben doch eben so viel 
Freude daran, wie ich; wählen Sie sich, welches Sie wollen, die 
Passacaille, oder die Präludien.« 

Das ist übrigens gar kein Spas, denn ich weiß, daß ihm ein gut 
Stück Geld für die Sachen geboten ist, u. daß er sie nicht verkauft 
hat, und ich selbst hätte sie ihm gut bezahlt, wenn sie ihm feil 
gewesen wären - und nun schenkt er mir es gar. Aber nun ist die 
Frage, was nehm' ich? Ich hab' viel größere Lust zu den Choral- 
vorspielen 414 weil sie mit dem »alten Jahr« anfangen, - weil andere 

308 



große Lieblinge drin sind, - aber Du sollst auch mit sprechen, weil 
Du auch aparte Freude daran hast; also votire einmal, Cantor! 
Ist das aber nicht ein curioser Mann, der Guhr? Und so kann ich 
mich überhaupt mit ihm am besten von allen Frankfurter Musi- 
kern verständigen. Er fühlt sich in seiner Haut so wohl, u. lebt u. 
läßt leben, und hat dabei Haare auf den Zähnen als Director, 
schlägt einen Viervierteltact, der ist so deutlich, daß sie dazu spie- 
len müssen wie im Lehnstuhl, und meine anderen hiesigen Col- 
legen sind so schrecklich melancholisch, und sprechen immer von 
musikalischen Zeitungen und Anerkennungen und Ehrenbezeu- 
gungen, und denken so immer an sich, und möchten so gern nach 
Complimenten fischen (aber es sollen wahre Complimente sein, 
Herzensergießungen, nach denen sie trachten), - da wird Einem 
übel und weh dabei, und hinterrücks treiben sie's so toll wie einer. 
Da ist der Schnyder von Wartensee 415 , u. der Aloys Schmitt u. auch 
bei Ries war es so, daß er einem immer erzählte, wie er dort 
bedrängt worden sei, u. hier bedichtet; es klingt gar zu unschmack- 
haft im eignen Mund - ich lobe mir den Guhr, wenn er auch eine 
wüste Fliege ist, wie sie alle schwören; es ist doch Leben dabei u. 
Thätigkeit, u. das ist die Hauptsache. 

Uebrigens so lieb ich das Frankfurt zum Besuch im Sommer habe, 
als Musiker möcht' ich hier nicht sein, nicht einmal abgemalt. Aus 
allen obigen Gründen u. einigen andern dazu. Im Concert des Cä- 
cilienvereins, wo ich das Wesen so recht beurtheilen konnte, fiel 
mir's schwer auf's Herz, welch ein Unterschied zwischen dem hie- 
sigen und unserm Leipziger Musikwesen sei. Das geht hier wohl gut 
und klingt auch wohl zuweilen, aber meistens kommt's dochheraus, 
als musicirten sie aus langer Weile, oder aus Zwang, und man hört 
wenig Lust und Liebe aus dem Orchester heraus - was doch bei uns 
oft der Fall ist; und wenn ich das ganze Orchesterleben hier mit dem 
Leipziger vergleiche, so ist mir wieder wie damals, als ich von Düs- 
seldorfkam und mich im Paradies glaubte. Auch der Cäcilienverein 
hat gelitten, Alles liegt nicht in einem oder dem anderen Menschen, 
in einem Director oder sonst, sondern in allen zugleich, weil eben 
der Boden dazu hier nicht ganz und gar günstig ist. 
Aber zu Aepfeln und Kirschen und Wein und anderm Guten de- 
sto günstiger, - sähst Du jetzt einmal den Sachsenhäuser Berg mit 
den reifen Kirschbäumen und den blühenden Weinstöcken! - und 



309 



dann sind auch freilich die prächtigsten Menschen hier, und auch 
acht musikalische darunter. Und für Malerei geschieht hier sehr 
viel, und es scheint damit wirklich Fortschritte zu machen, - es ist 
ein ander Leben jetzt, als vor 3-4 Jahren, wo ich hier war u. Alles 
von Zank u. Streit zerrissen fand. Eine nicht zu zahlreiche, doch 
ziemlich gute Ausstellung wird jetzt eben geschlossen, auf der ei- 
nige vortreffliche und viele allerliebste Sachen waren. - Und mit 
diesem Lied und Wendung sind wir wieder bei Henseln. Wann 
reist er nach England? Wann kommt er zurück? Nimmt er Bilder 
mit dahin? Was für welche? 416 Wollt Ihr denn nach Italien? Weiß 
ich denn von irgend etwas? Ich schreibe an einem Trio 417 (das erste 
Stück ist fertig), an einer Violinsonate (dito), 418 an einer Sympho- 
nie (nicht dito), an einem Briefe an Dich (der ist jetzt ganz fertig); 
Du aber, woran schreibst DU? - Grüß alle. 
Dein Felix. 

fanny an felix 419 Heringsdorf, 5. Juli 1839 

Lieber Felix, 

Heringsdorf ist so schön, daß, obgleich Dein Geschmack schwer 
zu berechnen ist, ich doch mit Rebecka gewettet habe (sie war aber 
meiner Meinung) (eben sprengt der Ciavierstimmer eine Saite auf 
unsrem Piano, das leider gar kein Forte ist) es würde Dir hier 
gefallen. Man kann sich wirklich keine pikantere Verbindung von 
frischer Grandiosität mit dörflichem, winkligem, wiesigem Klein- 
leben u. Gerengenre denken (eben sprengt er wieder eine) Du 
mußt wirklich einmal mit Cecile her, zum Zeichnen findest Du 
nicht leicht so viel Gelegenheit, zum Baden fehlt sie auch nicht, u. 
daß leider! das Badereisen auch unter den Besten anfängt Mode 
zu werden, kann man an den Flöhen sehn, die hüpfen u. springen 
hier mit den Ciaviersaiten um die Wette. Wir wohnen, wie Du 
wissen wirst, im Devrientschen Hause, u. da unsere Expedition 
nach u. nach auf 6 Köpfe anwuchs 420 , machte man uns solche 
Furcht, vor der hier herrschenden Enge, daß wir wirklich glaub- 
ten, wir würden in einer Hutschachtel wohnen. Aber die Wahr- 
heit des Sprichworts: bange machen gilt nicht, hat sich auch hier 
wieder bewäht, denn wir haben uns vortrefflich eingerichtet, u. da 
wir viel mehr Platz als Möbel darin fanden, u. anfingen zu begrei- 



310 



fen, daß wir ein Bett mit 4 Beinen drunter nothwendig brauchten, 
beschlossen wir endlich, das Wesen solle ein Ciavier seyn, welches 
den dreifachen Vortheil darbot, als Bücherspinde, Tisch- u. Kunst- 
hebel dienen zu können. [. . .] 421 

felix an fanny 422 Leipzig, 21. August 1839 

Liebe Fanny! 

Gestern Abend sind wir alle glücklich, gesund und froh hier wie- 
der angekommen 423 , und mir ist um eine große Last leichter, da 
Cecile die Reise so musterhaft ausgehalten 424 und sich so herrlich 
danach befindet. Der ganze Weg zwischen Frankfurt u. hier war 
mir die Zeit über wie ein Alp, der mich manchmal arg drückte. 
Gottlob, es ist nun überstanden, u. so wie wir selbst unverändert 
und vergnügt hier eingerückt sind, so haben wir hier die Schuncks 
und das neue Ehepaar 425 getroffen, die uns gestern auf der Chaus- 
see entgegengegangen waren 426 , u. im Wagen mitfahren mußten, 
während ich zu Fuß einrückte. 

Ganz weit vor der Stadt war uns schon Verhulst begegnet. Kennst 
Du Den Verhulst? 427 Das ist was für Dich, wenn Du kommst. Nun 
also, Hebe Fanny, wann dürfen wir Dich erwarten? Ich muß den 
30ten Aug. fort nach Braunschweig 428 , u. denke, den «pten, späte- 
stens ioten September wieder hier zu sein; hoffentlich fällt Euer 
Kommen so, daß ich keinen Tag Eures Hierseins zu verlieren 
habe. U. bleibt nur auch recht lange 429 , denn auf einer so großen 
Reise, wo die Tage mit Scheffeln gemessen werden, da muß man 
nicht bei uns damit geizen. Ich hoffe nun bald von Dir zu hören. 
Ich schreibe des Morgens früh, u. in Eil; weil ich sonst am Tage 
schwerlich Zeit gefunden hätte. Weder Schleinitz noch David, 
noch sonst einen Leipziger habe ich bis jetzt gesprochen, außer 
den Schuncks, also kannst Du Dir denken, wieviel tausend Ge- 
schichten und Gespräche nachzuholen sind: ganz England mit Da- 
vid; u. ganz Sachsen mit Schleinitz. 

Erkundige Dich doch einmal, wer Herr Julius Stern 430 in Berlin 
ist, von dem ich gestern bei der Ankunft ein Liederheft mit einer 
freundlichen Zuschrift bekommen habe. Die Lieder scheinen 
nach einem flüchtigen Blick Talent zu zeigen, ich habe aber sonst 
noch nichts von ihm gehört oder gesehen. 



3ii 



Carl läuft eben von einem Zimmer ins andere, u. bringt mir die 
Sachen, die mir gehören, eine nach der anderen angeschleppt, u. 
sagt: da Papa! u. hindert mich an einem zusammenhängenden Ge- 
dankenfluß (vor dem mich überhaupt Gott bewahre). 
Wir haben gestern zusammengerechnet, daß wir auf der ganzen 
Reiseroute auf jeder Station etwas gegessen haben, mit Ausnahme 
von Neuhof und Marksuhl, wo allerdings aber auch nichts zu ha- 
ben war. Nimm dazu eine Wurst, u. Brod u. Wein u. Süßigkeiten, 
die uns von Frankfurt aus in die Wagentaschen gepackt waren, u. 
Du kannst denken, daß wir eben nicht Hunger gelitten haben. 
Auch haben wir vier volle Tage gebraucht; aber 431 gestern haben 
wir in Weimar geschlafen; aber dafür war der kleine Carl muster- 
haft artig im Wagen, hat nicht ein einziges Mal diesen Ort verun- 
reinigt, hat auf der ganzen Tour nur einen Klaps bekommen, wor- 
auf er schrecklich schrie u. einschlief, u. mich beim Aufwachen so 
heb hatte, als war ich's nicht gewesen, oder er nicht. 
Nun Gott sei Dank, wir sind glücklich da - ich bin sehr froh. Für 
Mutter u. Beckchen u. Paul gilt der Brief eigentlich mit, das ver- 
steht sich, ich kann heut nur das Ankommen- u. Lebe- u. Gesund- 
heitzeichen geben, keinen ordentlichen Brief. Danke Paul für sei- 
ne lieben Zeilen, die ich hier fand; an ihn u. Beckchen schreibe ich 
zunächst. In Lützen sagte Cecile: »morgen kriegen wir nichts Or- 
dentliches zu essen, es ist ja kein Markt am Mittwoch.« »Schuncks 
laden uns aber ein«, sagte ich, und so war es auch, u. so ist's wieder 
das alte, angenehme Zusammenleben. 

Noch eine Bitte: Mutter hatte vor einiger Zeit uns geschrieben, sie 
schenkte dem Carl ein niedriges Bettchen; nun hat sich gestern 
gefunden, daß der Junge für seine Wiege zu lang geworden ist, 
und kaum noch darin ausgestreckt liegen kann, also muß eine 
Veränderung vorgenommen werden, u. ich möchte doch nicht gar 
gerade eins anschaffen, wenn ich gleich darauf eins geschenkt krie- 
ge. Wie ist das nun zu machen? Um ein Geschenk kann man ja 
doch wohl nicht mahnen. Mir ist dergleichen wenigstens noch 
nicht vorgekommen, außer bei unverschämtem Pack. Nun über- 
leg was zu thun ist. Eben 432 kömmt Julie u. geht für Cecile aus, u. 
nun schlägt's n, u. dann muß ich schließen. Leb wohl, liebe Fanny, 
auf baldig frohes Wiedersehen. Dein Felix. 



312 



Das italienische Jahr 
1839 bis 1840 



1839 Fanny, Wilhelm und Sebastian brechen von Leipzig aus nach 
Italien auf. In München lernen sie die Pianistin Delphine 
Handley, geborene von Schauroth, kennen, der Mendelssohn 
sein g-Moll-Klavierkonzert gewidmet hatte. Die Reise wird 
über Mailand und Florenz nach Rom fortgesetzt, wo sie im 
November eintreffen. Am 2. Oktober wird in Leipzig das 
zweite Kind von Felix, Marie, geboren. 

1840 Fanny besucht in Rom die Casa Bartholdy, das Palais ihres 
verstorbenen Onkels. Franz Liszt spielt in Leipzig mit Men- 
delssohn und Hiller Bachs Tripelkonzert d-Moll. Mendels- 
sohn plant die Gründung eines Konservatoriums. Fanny 
knüpft Kontakte zu den Künstlern der Villa Medici in Rom. 
Sie nimmt an Passionszeremonien in der Sixtina und St. 
Peter teil. Freundschaft mit dem französischen Komponi- 
sten Charles Gounod, der sie als Pianistin und Komponistin 
bewundert. Am 1. Juni Weiterreise nach Neapel, von dort 
Ausflüge nach Pompeji. Hensel reist zu Studienzwecken 
nach Sizilien. Anfang September reist Felix zum Musikfest 
nach Birmingham, wo er seinen »Lobgesang« dirigiert. Die 
Hensels kehren über Genua und die Schweiz nach Berlin 
zurück. 

Werke von Felix 

Sechs Lieder für vier Männerstimmen op. 50 / »Lobgesang« 
op. 52 / Drei geistÜche Lieder für Altsolo, Chor und Orgel 

Werke von Fanny 

Allegro molto quasi presto in E-Dur für Klavier / Abschied 
von Rom für Klavier 



313 



felix an fanny Leipzig, 14. September 1839 

Liebe Fanny! 

Indem ich Dir recht viel aufschreiben will und meine alten Notiz- 
bücher durchsuche, finde ich doch nur sehr wenig und denke: das 
Alles zeigt und sagt Dir Hensel hundertmal besser. 
Also nur um mein Versprechen zu halten: 

Isola bellet. Stelle Dich auf die allerhöchste Spitze und sieh rechts 
und links, vor und hinter Dir, die ganze Insel und den ganzen See 
zu Deinen Füßen. 
Venedig 

Vergiß Casa Pisani mit Paul Veronese, und die Gallerie Manfrini 
mit einer unglaublichen Zitherspielerin von Giorgione, und einer 
ditto Grablegung von Tizian nicht. (Hensel lacht mich aus!) Com- 
ponire für die Zitherspielerin etwas; ich hab' es auch gethan. Bei 
der Himmelfahrt der Maria denk' an mich. Bemerke wie dunkel 
der Kopf der Maria, ja ihre ganze Gestalt auf dem hellen Himmel 
aussieht; ganz braun sieht der Kopf aus, und ein gewisser Ausdruck 
von Schwärmerei und überschwenglicher Seligkeit ist drin, daß es 
Niemand glaubt, der es nicht gesehen hat. Wenn Du bei dem 
gelben Himmelsglanz hinter der Maria nicht an mich denkst, so 
hört Alles auf. Ebenfalls bei zwei gewissen Engelsköpfen, aus de- 
nen ein Rindvieh lernen kann, was Schönheit ist. Und, wenn Dir 
die Präsentation der Maria, mit der Eierverkäuferin unten, nicht 
gefallen, bin ich ein Pfefferkorn. Und bei dem Löwen vor dem 
Arsenal denk' an Goethe »stehn zwei altgriechische Löwen« u.s.w. 
Fahr' Abends auf einer Gondel und begegne den andern schwar- 
zen, eilfertigen Gondeln. Wenn Du da nicht an alle Liebesge- 
schichten und andere Geschichten denkst, die inwendig gesche- 
hen können, während sie ganz still vorbeischlüpfen, bin ich ein 
Brauereipferd. 

Florenz. Folgendes steht in meinen Notizen über die Portraitgalle- 
rie (sieh', ob Du es wahr findest und schreibe mir darüber): 
»Zusammenstellung von Gesicht und dessen Product, von Werk 
und Aeußerem, Portrait und Künstler desselben. Tiziano tüchtig 
und königlich; Domenichino nett, hell, sehr vernünftig und lustig. 
Guido weiß, vornehm, meisterhaft, scharf. Lanfranco eine Fratze. 
Leonello Spada ein guter Fanfaron und Saufaus. Ann. Carracci 



314 



sucht und guckt sich um; die zwei Carraccis zunftmäßig. Caravag- 
gio etwas gemein, katzenhaft. Guercino hübsch und affectirt; me- 
lancholisch schwarz. Bellini der rothaarige, strenge, altfränkische 
Lehrer. Giorgione ritterlich, phantastisch, still und klar. Leonardo 
da Vinci der Löwe; in der Mitte der kranke, himmlische Raphael. 
Drüber Michel Angelo, häßlich, kräftig, böslich. Paolo dolce ein 
Narr. Gerard Dow nur die Nebensache unter allem Küchenge- 
räth« u.s.w. u.s.w. 

Siehe in der großen Gallerie links von der Tribüne hinein ein 
kleines Bildchen von Fra Bartolommeo, kaum größer als diese 
Papierseite, aber mit zwei Thüren, Alles so niedlich und sorgsam 
ausgepinselt. Verneige Dich beim Hereinkommen zuerst vor den 
Büsten der Medici, die haben's gestiftet. In der Tribüne ist es 
hübsch. - Aber vor Allem sieh alle die bemalten Kirchen. Es ist 
unglaublich. Maria novella, Sta. Annunziata (da sollst Du Andrea 
del Sarto sehen, bemerke auch, wie Fra Bartolommeo vor Schreck 
die Treppe rücklings herunterfällt, weil der Engel schon gemalt 
hat); siehe auch diese Engelsmalerei auf der Verkündigung von Fra 
Bart., sie ist sehr schön. (Hensel lacht!) Nach S. Marco, der Aka- 
demie u.s.w. u.s.w. 

Wenn Dir der Platz am Dom nicht gefällt, wo Brunelleschi's Sta- 
tue sitzt, so kann ich Dir nicht helfen. Der Dom selbst ist nicht 
übel. Geh' viel spazieren. 

Mailand. Geh' durchaus auf den Dom. Von wegen Millionen Spitz- 
chen und einer schönen Aussicht. 

Genua. In der Villetta Negri ist gut sein, wenn es gegen Abend 
kommt. 

Zwischen Genua und Florenz sieh' Alles. Versäume die Kirche S. Fran- 
cesco in Assisi nicht, um keinen Preis. - Ebenso ganz Perugia. Trink' 
eine Flasche Aleatico in Florenz, und eine Vino santo setze darauf. 
Rom. Heilige Woche; ennuyire Dich die ganzen Psalmgesänge 
hindurch, es schadet nichts. Paß auf, wenn sie den letzten Benedictus 
dominus Israel intoniren, alle vier Stimmen unisono fortissimo, in 
D moll, - es klingt sehr feierlich. Höre die merkwürdigen Modu- 
lationen, die der Zufall macht, wenn ein unmusikalischer Priester 
nach dem andern das Buch nimmt und singt, der eine schließt in 
D dur, da fängt der andere in B moll an. Ueberhaupt hör' und sieh' 
Alles in der Sixtina, und schreib' einige Melodien oder sonst was 



315 



daher an Deinen F. M. B. Grüße den alten Sanrini. Freu' Dich an 
dem schönen Anblick der Capelle am Palmsonntag, wenn alle 
Cardinäle geputzt sind und Palmen tragen, und wenn die Proces- 
sion mit den Sängern kommt. Die Improprerien am Charfreitag 
in B dur sind schön. Merk', wenn der alte Cardinal am ersten 
Ostertag das Credo singt, und alle Glocken wieder läuten, und wie 
lebendig die Ceremonie da wieder wird, Kanonenschüsse u.s.w. 
Fahr' nach Grotta ferrata, da ist's gar zu hübsch, und Alles bemalt 
von Domenichino. Vergiß nicht das Echo bei der Cecilia Metella; 
der Thurm steht links vom Wege; in derselben Richtung etwa 50 
Schritt weiter von der Straße ab, zwischen alten Mauerbrocken 
und Steinen, ist das schönste Echo, das mir in meinem Leben vor- 
gekommen ist. Es kann gar nicht aufhören zu brummen und zu 
murmeln. Gleich hinter dem Thurm fängt es schon etwas an, aber 
es wird grauÜcher, je weiter man hingeht; Du mußt den rechten 
Punct suchen. - Lerne alle Mönchsarten unterscheiden. 
Neapel. Bei der Straße Chiatamone, wenn es stürmt und das graue 
Meer spritzt, denke an mich. Wohne in jedem Fall am Meere. Bei 
Santi Combi, Santa Lucia (ich glaube Nr. 3) hab' ich gewohnt; da 
war's sehr hübsch. Geh' in jedem Fall von Castellamare über den 
Monte St. Angelo nach Amalfi; es ist der Hauptweg von ganz 
Italien. Geh' von Amalfi nach Atrani, und dort an die Kirche, und 
sieh' so von oben die ganze Herrlichkeit an. 
Echauffire Dich niemals zu sehr. 
Und ärgere Dich nicht. 

Und freue Dich nicht so sehr, daß Dich's agitirt. 
Sei unglaublich hochfahrend und behäbig. Es ist Alles nur Deinet- 
wegen da. 

Iß Broccoli als Salat mit Schinken dazu und schreib' mir, ob es 
nicht gut schmeckt. [. . .] 



fanny an felix und cecile München, 23. September 1839 

Ich muß Dir vor unserer auf morgen festgesetzten Abreise noch 
danken für Dein schönes Konzept zur italienischen Reise, liebster 
Felix, ich werde ihm bestens nachzuleben suchen. Was die Por- 
trätgallerie in Florenz betrifft, so habe ich Deine Bemerkungen 
darüber nur einmal gelesen, weil ich beabsichtige, meinerseits 

3i6 



auch dergleichen anzustellen, u. sie dann zu vergleichen. Nur Ei- 
niges, was sich seiner Wahrheit wegen zu tief eingeprägt hat, wer- 
de ich mir abschreiben, denn daß Rafael himmlisch u. Paolo Dol- 
ce 3 ein Narr ist, wer möchte das anzweifeln? 
"Was ich Dir ferner erzählen will, ist, daß ich Delphine Handleys 
Bekanntschaft gemacht habe, u. mit sehr großem Vergnügen. Sie 
ist eine allerliebste Person, u. ein vortreffliches Talent. Dein erstes 
Konzert habe ich, außer von Dir, noch nicht so spielen gehört. Wir 
gingen zu ihr, u. fanden sie so überaus freundlich, wie ichs Dir gar 
nicht sagen kann, wir machten gleich etwas Musik, u. sie luden uns 
auf den anderen Abend ein, wo sie uns eben jenes Konzert glorios 
vorspielte. In welchem Andenken Du in dem Hause stehst, das ist 
ganz unbeschreiblich. Sie wissen jedes Wort, das Du gesprochen, 
jede Bewegung, die Du gemacht hast. Was mir an ihrem Spiel 
noch besonders gefallen hat, das ist ihr geistreiches Präludieren, das 
findet man so selten bei Frauenzimmern. Ich sage Dir, sie hat mir 
tausendmal besser gefallen, als der keuchende Dreyschock. Mein 
Mann hat sie gezeichnet, worüber sie ganz entzückt war. 
Deine Lieblinge auf der Pinakothek habe ich wohl behalten, u. mir 
aufgeführt 4 . In ihrer jetzigen Gestalt aber kennst Du sie noch nicht. 
Etwas Prachtvolleres als die beiden Rubenssäle, die 95 Bilder von 
ihm enthalten, wird es wohl nicht leicht irgendwo geben. Man 
muß erstaunen über diesen gewaltigen Geist. Erinnerst Du Dich 
denn des Porträts der Frau Vandyck, mit ihrem Kinde? Die Frau 
sieht so vornehm aus u. fein, u. ein bißchen traurig, u. ein klein 
bißchen langweilig. Und seines Porträts eines Antwerpener Orga- 
nisten? Das ist ein ganz ähnliches Bild aller Tenoristen, man meint, 
er müsse gleich singen: dies Bildnis ist bezaubernd schön, u. sich 
selbst damit meinen. Und der junge, blonde Vandyck selbst ist 
auch nicht so übel. 

München ist eine interessante Stadt. Wir sind nun 14 Tage hier, u. 
haben eigentlich nur notdürftig alles gesehen, wir könnten sehr 
gut das doppelte hier brauchen. Denn was für neue Kunst u. 
Kunstgewerbe hier geschieht, ist in hohem Grade wichtig u. be- 
deutend, die Glasmalereien, die Fresko- und Wandgemälde 5 , die 
Gebäude, die gehauene u. gegossene Skulptur, die Porzellanfabrik, 
alles ist in seiner Art neu u. wichtig. Du kannst Dir denken, wie es 
meinen Mann interessiert hat, so vieles Neue in seinem Fach zu 



317 



sehn, u. die Künstler wiederzusehn, die er meist von Rom aus 
kannte. Ich kannte keine Seele hier, u. habe also meinen Kopf 
nicht wenig voll von neuen Sachen u. Menschen, es ist aber immer 
angenehm, einmal wieder zu erproben, daß man in der Fremde 
gern gesehn und freundlich aufgenommen wird. 
Die Glyptothek haben wir nur ein einziges Mal u. obenein flüchtig 
gesehn. Aber der Herbst treibt uns über die Wege, u. wir haben die 
höchste Bergfahrt vor, die man mit Extrapost in der ganzen Welt 
machen kann, wir wollen über das Stilfser Joch. Du weißt, welche 
Passion ich von meiner Jugend an habe, einmal solche Straßen zu 
sehn, u. jetzt soll es mir zu teil werden, u. mein Mann einen ihn 
noch ganz neuen Teil von Italien kennenlernen. Hoffentlich sind 
wir nun in 4-5 Tagen aus der sehr empfindlichen Münchener 
Herbstluft heraus, u. im Frühling. Denn wir gehn über die Seen 
nach Mailand u. wenn wir schönes Wetter bekommen, so wird es 
eine einzige herrliche Reise werden. Wenn Du oder Cecile in die- 
sen Tagen nach Berlin schreibst, so bitte ich Euch, Ihnen zu bestel- 
len, daß sie sich nicht ängstigen sollen, wenn sie etwas länger nichts 
von uns hören. Es sind vielleicht 8 Tage darunter, die wir nicht 
schreiben können, u. da wir uns zugleich in starken Tagereisen 
entfernen, so braucht der Brief um so längere Zeit. 
Es ist ein eigenes Gefühl, so über die Alpen aus dem Vaterland zu 
gehn. Ich denke es mir ähnlich, als wenn man über die See geht. 
Dagegen ist eine flache, willkürliche Grenze nichts. [. . .] 



felix an fanny Leipzig, 9. Oktober 1839 

Was gibts Neues auf dem Rialto? Daß ich nicht nach Wien gehe, 
sondern im Lande bleibe und mich redlich nähre. Als ich nach 
meinen Reise- und Aufenthaltskosten endlich fragte (da sie nie 
davon anfingen) so wurden sie etwas knauserig, und da wurde ich 
etwas grob, und da setzten sie Artikel in die Zeitungen, die jetzt 
die Blätter grün machen, und da dachten sie nun war' ich mürbe 
und schrieben wieder höflich, und da schrieb ich noch höflicher 
>ich bleibe zu Hause<. Ohne Spaß, sie haben sich verdammt lum- 
pig aufgeführt; mir aber den größten Dienst erwiesen, denn jetzt 
von Cecile und den Kindern wegzugehen, würde mir wie Teu- 
felsdreck schmecken. 



3i8 



fanny an cecile 7 Venedig, 20. Oktober 1839 

Grade als wir gestern Felixens Weisung erhielten, Tizians Him- 
melfahrt Maria öfters zu sehn, waren wir im Begriff, ihr unseren 
zweiten Besuch abzustatten; ich habe seinen Gruß an die Glorie 
ausgerichtet und kann ihn versichern, daß ich wenigstens nicht das 
Rindvieh bin, welches zwei und noch einige Engelsköpfe nicht 
schön fände. Dieser Blumenkranz von Kindern ist gewiß eine von 
den Sachen, die Tizian am besten gelungen ist, und Tizian ist ge- 
wiß eine von den Sachen, die dem lieben Gott am besten gelungen 
ist, und wenn der liebe Gott und Tizian sich Mühe geben, so läßt 
sich's schon mit ansehn. Wie freue ich mich darauf, einmal künftig 
mit Felix über Venedig zu plaudern. Ein Pfefferkorn ist er auch 
nicht, und ein Brauerpferd auch nicht, denn die Darstellung der 
kleinen Maria im Tempel mit dem Torso in der Mauer und der 
Eierfrau daneben und der schönen Bettlerin gefällt mir, und die 
süßleidenschaftliche Lautenspielerin gefällt mir zweimal, und die 
drei Köpfe von Giorgione bei Manfrini in Canaregio sind auch 
nicht so übel, und der Sinn der Gondeln ist mir ebenfalls aufge- 
gangen, und ich hoffe in Venedig ziemlich Bescheid zu wissen, 
wenn wir es mit dem Rücken ansehen. Mondschein steht im Ka- 
lender, leider aber waren die Abende meist zu trüb, als daß man 
eine Wasserfahrt hätte unternehmen können. 
Den 23. Oktober. — Wir haben gestern einen männlichen Ent- 
schluß gefaßt und unsere Luna (das Gasthaus) verlassen, von der 
mein Mann behauptete, es sei nicht sowohl eine keusche als eine 
säu'sche Luna, und eine Wohnung in Roberts 8 Hause bezogen, in 
dem wir heut nacht zum erstenmal in Venedig gut und ungesto- 
chen von Mücken geschlafen haben. Ich sehe so aus, daß ich mich 
kaum sehen lassen kann. Auf jedem Augenlide dick aufgelaufene 
Stiche, Beulen ohne Zahl auf Hals, und Gesicht., die Hände wie 
tätowiert. - Robert hat sich große Mühe gegeben, Wilhelm Mo- 
delle zu verschaffen, und er hat jetzt wirklich die Auswahl und 
wird heute einen Studienkopf anfangen. 

Ihr frugt mich neulich einmal, wie mir die italienische Küche zu- 
sagte? Im allgemeinen habe ich nichts dagegen einzuwenden, als 
daß sie alle Braten trocken essen lassen, aber ihre Stuffati und Umi- 
di, und wie all das geschmorte Zeug mit Soßen heißt, schmeckt 



319 



mir sehr gut, und Käse zu allen Suppen vortrefflich, aber die Sup- 
pen selbst sind höchstens ein- oder vielmehr dreiförmig, Reis, Nu- 
deln und Gemüsesuppe, voilä tout. Brot und Butter hier vortreff- 
lich, bis jetzt habe ich noch überall jenes sehr mittelmäßig, und 
diese kaum eßbar gefunden, so daß ich sie ganz entbehren mußte. 
Eine äußerst kleine Sorte Zwiebäckchen, Invisibili genannt, sind 
hier excellent. Gemüse essen die Venezianer gar nicht, nur mitun- 
ter etwas schnöden Kohl. Birnen köstlich, Wein noch gut, hier 
natürlich weniger als in terra firma. Im Kaffee lassen sie fast überall 
den dicksten Bodensatz, und wo ich das finde, werde ich zur Schä- 
ferin und trinke Milch. Die von den Italienern empfohlenen Wei- 
ne zum Wasser 9 habe ich bis Venedig standhaft abgelehnt, da wir 
aber hier alle dem Klima in der ersten Zeit den gewöhnlichen 
Tribut zollen müssen, habe ich mit Sebastian mich dazu entschlos- 
sen, aber nur solange wir hier sind, dann wird wieder Wasser ge- 
trunken. Daß wir noch fortwährend die besten Erdbeeren essen, 
darf ich auch nicht ungerühmt lassen. 

Den 28. Das unsterblich schöne Wetter ist seit einigen Tagen »alle« 
geworden, und wir haben uns heut das erste Kaminfeuer machen 
lassen und erfreuen uns eines sehr behaglichen Klimas, nachdem 
wir ein paar Tage wie die ganze Schneiderzunft gefroren haben. 
Hoffentlich finden wir es weiter südlich und auf der Erde noch 
besser als hier in diesem Fischbehälter, es wird aber Zeit, daß wir 
in die Winterquartiere rücken. - Abends gehn wir immer eine 
Stunde ins Kaffeehaus, Tee trinken und Zeitungen lesen, die aus 
Deutschland wenig Erfreuliches melden. Die Verschwörungen der 
Fürsten gegen die Völker gehn immer weiter, und es möchte sich 
wohl keiner getrauen, zu sagen, wohin das führen wird? Und gra- 
de die Kleinsten sind die Allerschlimmsten. 10 Wenn man von die- 
sen unerquicklichen Nachrichten weg wieder hinaustritt an den 
schönsten Platz in den schönsten Abend der Welt [. . .], kann man 
sich erst gar nicht hineinfinden. 

Neulich waren wir wieder einmal auf der Akademie. Etwa 400 
Bilder sind nicht aufgestellt, aus Mangel an Raum, und man baut 
jetzt einen neuen Saal. Das, was dort zu hoch hängt, um gesehn 
zu werden, könnte ein Dutzend andere Galerien fett machen. Ein 
paar sehr interessante Kuriositäten sind Tizians erstes und sein 
letztes Bild, dicht nebeneinandergehängt. Jenes - ein Besuch der 



320 



Maria - zeigt schon ganz den künftigen großen Mann, das andere 
stellt, eigen genug, den toten Christus vor, von den Seinigen be- 
trauert, und hat in Farbe und Komposition etwas unheimlich 
Schauerliches, fast Furchtbares. 

Sehr interessant sind auch die Bilder von Bellini 11 , welche venezia- 
nische Zeremonien mit den Hintergründen der Stadt darstellen, 
wie sie damals war, er hat, wie Krüger auf seiner Parade, diese 
Bilder mit Porträts angefüllt, die man zwar nicht mehr kennt, aber 
sie doch zu erkennen meint. Daß unser Publikum immer noch 
diesen glattesten Porträts nachläuft, ist ein trauriger Beweis für 
seine Rückschritte, und diese ganze Ausstellung ist höchst ver- 
drießlich. Wilhelms Studienkopf einer Venezianerin mit dem hier 
im Volk üblichen weißen Schleier wird Euch sehr gefallen, heut 
zeichnet er eine allerliebste Wasserträgerin mit bunten Stiften in 
das Buch von Dir, liebe Minna. - 

fanny an felix 12 Rom, i. Januar 1840 

Mein erstes Geschäft im neuen Jahr soll sein, Euch, Ihr lieben 
Geschwister, einmal wieder zu schreiben, denn ich habe so lange 
nichts von Euch gehört, daß ichs nicht mehr recht aushalten kann. 
Von Cecile habe ich noch gar keinen Brief seit ihren Wochen 
gehabt, und von Felix seit Venedig nicht. Nun schenke Euch Gott 
frohe Zeit und erhalte Euch Euer Glück in diesem Jahr, wie in 
allen kommenden, und lasse uns alle bald und froh wieder zusam- 
mentreffen. Schreibe mir doch, lieber Felix, ob wir Hoffnung ha- 
ben, Euch bei unserer Rückkehr in Berlin zu treffen, oder ob wir 
Euch in Leipzig, oder Frankfurt, oder irgendwo anders suchen 
müssen, denn sehen müßten wir uns in diesem Jahr, ich muß das 
süße Carlchen sehen, und mein erstes Nichtchen kennenlernen. 
Hier leben wir recht sehr angenehm und haben eine behagliche, 
sonnige Wohnung, bis jetzt fast beständig das schönste Wetter; u. 
sehn, da wir keine Eil haben, die Schönheiten Roms mit aller 
Muße, nach und nach. 

Nur von Musik habe ich, seit ich in Italien bin, noch nichts Erbau- 
liches gehört. Die päpstlichen Sänger habe ich 3mal gehört, einmal 
in der Sixtinischen Kapelle, am ersten Adventssonntag, einmal 
ebendaselbst, am Weihnachts Heilig Abend, und Weihnachten in 



321 



der Peterskirche. Eigentlich, muß ich Dir sagen, bin ich erstaunt 
gewesen, die Ausführung nicht vollkommener zu finden. Sie 
scheinen gerade jetzt keine besonderen Stimmen zu haben, und 
singen durchaus nicht rein. Ich hatte bis jetzt immer nicht Gele- 
genheit gehabt, mich vorher zu unterrichten (was ich zu Ostern 
gewiß nicht versäumen werde), was und von wem gesungen wur- 
de, da habe ich dann nur auf den Klang gehört, und der hat mich 
eben nicht recht befriedigt. Man kann sich nicht so geschwind von 
seinen gewohnten Vorstellungen losmachen. Eine Kirchenmusik 
in Deutschland, mit einem Chor von ein paar hundert Sängern, u. 
verhältnismäßigem Orchester, füllt 13 nicht nur das Ohr, sondern 
auch die Erinnerung so an, daß mir die paar Sänger, namentlich in 
den weiten Räumen der Peterskirche, sehr dünn vorkamen. In den 
Musiken sind mir einige Stellen als schön aufgefallen. Namentlich 
am Weihnachtsvorabend eine, als, nachdem sich die Stimmen lan- 
ge einzeln hingeschleppt hatten, ein lebhafter, 4stimmiger, fugier- 
ter Satz in a-Moll eintrat, der sehr wohl tat: ich hörte nachher, es 
sei der Moment gewesen, in dem der Papst in die Kapelle trat, 
denn von den Zeremonien sehen die Frauenzimmer leider gar 
nichts, da sie hinter einem Gitter weit ab sitzen, und die Luft über- 
dies von Kerzen und Weihrauchdampf verfinstert wird. Die Funk- 
tionen in der Peterskirche am Weihnachtstage konnte ich dage- 
gen, wenigstens teilweise, sehr gut sehn, und fand sie sehr prächtig 
und unterhaltend. Einen Weihnachtsbaum hatten wir natürlich 
Sebastians wegen aufgebaut, von Zypressen-, Myrten- u. Orangen- 
zweigen. Die Zweige waren zwar schön, aber es fehlte doch am 
Besten, u. ich hatte den Tag mit Sebastian um die Wette Heim- 
weh. Mein Mann, hebe Cecile, hat mir ein sehr schönes Schränk- 
chen, mit Elfenbein eingelegt, geschenkt, und ich ihm eine Skizze 
von Paul Veronese, die ihm sehr gefiel, und die er selbst ein wenig 
zu restaurieren denkt, denn das hat sie nötig. Man sieht hier gar zu 
schöne Dinge, besonders Altertumskram, aber auch die Marmor- 
büsten und geschnittenen Muscheln reizen mich sehr, wenn nur 
nicht alles so erschrecklich teuer wäre. Rom soll in dieser Hinsicht 
viel verloren haben, besonders seit vorigem Jahr, wo alles überfüllt 
war, u. die Römer die tollsten Preise gefordert und erhalten haben. 
Dies Jahr soll es ebenso in Neapel sein. 
Mit Schadows 14 sind wir sehr viel zusammen. Er sieht sehr krank 



322 



aus, erholt sich aber doch hier, u. klagt weniger als im Anfang. Es 
freut mich, Dir sagen zu können, daß sie freundlich gegen uns 
waren, und Du kannst wohl glauben, daß wir es von Herzen gern 
erwidert haben. Schadow freut sich, wenn ich ihm vorspiele, u. 
findet, daß es ihn einigermaßen an Dich erinnert, er ist Dein sehr 
warmer Freund. Der alte Santini 15 läßt Dich sehr grüßen, u. bitten, 
Du möchtest ihm ein Stückchen Manuskript schicken. Der gute 
alte Mann besucht uns öfters, u. erzählt von seinem Steckenpferd, 
seiner Bibliothek. Alle möglichen Damen haben mit Entzücken 
von Dir gesprochen, und mir mit Stolz erzählt, Du hättest sie be- 
sucht, u. ihnen vorgespielt. Du kennst sie aber gewiß nicht mehr 
dem Namen nach, u. ich will auch Cecile nicht kränken, u. von 
Luise Nitschmann sprechen. Aber Deinen Rath muß ich jetzt ha- 
ben. Da Du nicht nach Wien gegangen bist, mir also kein Instru- 
ment hast aussuchen können, sage mir, wie ichs anfangen soll, um 
eins zu bekommen? Ich habe bei Landsberg ein gespielt, von »Fe- 
lix Groß« in Wien, das mir, besonders das erstemal, sehr gefallen 
hat, es hat einen vollen schönen Ton, u. eine gute Spielart, ob- 
gleich, wie alle Wiener, nicht sehr präcis. Nun hatte ich aber in 
Monaten nichts gehört u. gespielt, als die erbärmlichsten Klapper- 
kästen, so daß ich nicht zu entscheiden wage, wie viel dieser Um- 
stand zu meiner Zufriedenheit mag beigetragen haben. Kennst Du 
Instrumente v. Groß? u. räthst Du mir dazu? Und weißt Du Je- 
mand in Wien, dem Du für die Auswahl vertrauen könntest? Ich 
muß Dir gestehen, daß mir Schunks Instrument, welches, wenn 
ich mich recht besinne, Hauser ausgesucht, gar nicht gefallen hat. 
Was sagst Du dazu? Bitte, antworte mir einmal ordentlich, denn 
ohne Deinen Rath mag ich doch nicht beschließen. Verzeih, daß 
ich Dir zu Deinen vielen Geschäften u. Störungen noch einige 
aufpacke. Solltest Du nicht Zeit haben, so bitte, trage Cecilen auf, 
was sie mir darüber schreiben soll, mit deren Zeit habe ich schon 
weniger Mitleid, u. sie hätte mir wol schon einmal schreiben kön- 
nen. [...] 

Findest Du auch, wie ich, Rom von jeder, auch der kleinsten 
Höhe, so wunderschön? Ganz entzückt war ich von der Aussicht 
beim Turm der Cäcilie Metella, u. finde überhaupt diese ganze 
Gegend schön u. anziehend. Wir waren beim herrlichsten Wetter 
dort, wie auch neulich in der Villa Mills, wo wir alles blühend 



323 



fanden, zu Millionen Rosen und andere Blumen, dazwischen die 
herrlichen immergrünen Bäume, u. nach allen Seiten eine bezau- 
bernde Aussicht. Das Klima genieße ich mit wahrer Wonne, ich 
kann Dir nicht sagen, wie wohl ich befinde, auch Sebastian be- 
kommt es sehr gut, u. er sieht besser aus, als je. Wir sind außeror- 
dentlich zufrieden mit ihm. Das Kind ist wirklich so liebenswür- 
dig, wie man in seinem Alter nur sein kann. Ich glaube, einen 
solchen Winter, wenn man ihn einmal gekostet hat, wird man 
ewig regrettieren, ich möchte wahrhaftig keine Italienerin sein, 
und überhaupt nichts anderes, als eine Deutsche, wenn wir aber 
unser liebes Vaterland ein wenig nach dem Süden rücken könnten, 
das wäre doch gar nicht so übel. Mutter schreibt mir gestern, sie 
hätten in Berlin am i<jten 12 Gr. Kälte gehabt, u. wir leben hier 
noch immer ohne Mäntel, u. fast ohne Feuer. Dies ist denn doch 
ein materieller Lebensgenuß, der mit zu den größten gehört, u. 
diese Vegetation das ganze Jahr hindurch! Jeden Tag sehe ichs, und 
jeden Tag überrascht u. erfreut es mich von Neuem [. . .] 

felix an fanny 16 Leipzig, 4. Januar 1840 

Dies Blättlein soll nach Roma gehn, 
Und wünschen Glück zu Neujahr schön! 

Im Bänkelsängerstyl fängt der Brief an; wenn Du gerade auf dem 
Colosseum stehst, indem Du ihn empfängst, so werde ich mich 
grotesk damit ausnehmen. Wo wohnst Du in Rom? Hast Du 
schon Broccoli mit Schinken gegessen? Auch Zuppa inglese ? Steht 
das Kloster San Giovanni e Paolo noch? Und scheint Dir auch die 
Sonne immer morgens auf die Buttersemmel? Eben habe ich dem 
Ferdinand Hiller Deine Capricen aus B dur, G dur, E dur und F 
dur vorgespielt, und wir haben uns beide gewundert und durchaus 
den Pferdefuß darin entdecken wollen, aber es war nichts. Es blieb 
beim reinen Vergnügen. Da schwur ich, jetzt müßte ich mein hart- 
näckiges Stillschweigen brechen. Verzeih' es mir. Es ging damit so 
zu: Erst kam die Taufe, und mit ihr Mutter und Pauls. Inzwischen 
hatten die Abonnements-Concerte angefangen. Dann reiste Mut- 
ter; nach vierzehn Tagen Pauls. Dann kam Hiller, wohnte auch bei 
uns, wollte acht Tage bleiben, hörte ein Paar Proben, und ent- 



324 



schloß sich, den ganzen Winter zu bleiben, sein Oratorium Jere- 
mias zu beendigen und im März hier aufzuführen. Dann kam ein 
abscheulicher Catarrh, der hielt mich drei Wochen teils im Bett, 
teils im Zimmer, immer in sehr übler Laune. - Dann kamen Breit- 
kopf und Härtel und verlangten das Manuscript meines zweiten 
Heftes vierstimmiger Lieder; das sie nun haben, und des Trios, das 
sie noch nicht haben; dann kam der Copist, der verlangte die Par- 
titur des neuen Psalms, den wir vorgestern zu Anfang des Neu- 
jahrs-Concerts sehr glorios aufgeführt haben; dann kamen 116 
Freunde; inzwischen war auch Madame Pleyel gekommen, die 
zählt für 216, und spielte sehr gut Ciavier; dann kam Weihnachten, 
wozu ich vierzehn, theils musikalische, theils malerische, theils 
praktische, theils kindische Geschenke machen mußte; jetzt 
kommt das Benefiz-Concert von Medoiselle Meerti - so, nun hast 
Du ein abrege meiner histoire universelle seit dem letzten Briefe. 
- Aber um Gotteswillen, was treibst Du in Rom? »Das schönste 
ist die Lage von des olle Loch«, sagte General Lepel einst; aber er 
irrt sich, - es hat auch inwendig mehrere Reize; was sagst Du z.B. 
zum Pifferarigeschnarr, das die Maler so lieblich malen, und das 
unaussprechliche Gefühle in jeder Nase hervorbringt, indem es 
durch sie klingt? Und zur Kirchenmusik, etwa in S. Luigi dei Fran- 
cesi oder dergl.? Darüber möchte ich Dich wohl hören! Kennst Du 
auch schon alle Cardinäle bei Namen, wenn Du nur ihre Kappe 
und den Schweif siehst? Ich konnte das. Und wenn Du bei einer 
gewissen Madam von Tizian im Palast Sciarra, und zwei gewissen 
Madamen von ihm (eine nackt und die andere leider nicht) im 
Palast Borghese, und etwa bei der Galatea oder sonst einem ande- 
ren Rafaello nicht an mich denkst, und mich nach Rom wünschest, 
so wollte ich, Du wärst die Marchese Muri Papazurri, die breiter 
als hoch ist und 5 Fuß 6 Zoll hoch ist. Ich will Dir einige Rathschlä- 
ge geben: Geh' auf Monte Testaccio, und in einer von den dortigen 
Kneipen laß Dich häuslich nieder, da wird Einem genau so zu 
Muthe, als ob man in Rom wäre. Wenn Du die Aurora von Guido 
gesehen hast, so sieh' sie noch einmal an. - Paß auf, was die päpstli- 
chen Sänger für horrende Quinten machen, wenn sie alle vier 
Stimmen zugleich mit Coloraturen ausschmücken. Lauf' an ei- 
nem schönen Sommertag den ganzen Tag spazieren, bis die Sonne 
sinkt und es kühl wird; dann geh' vom Monte Pincio, oder wer es 



325 



sonst ist, herunter und speise zu Mittag. - Componire sehr viel, es 
fleckt in Rom herrlich. - Schreibe mir nächstens einen langen 
Brief. Sieh' aus den Fenstern irgend eines Klosters in der Nähe des 
Laterans und den Albaner Gebirgen, zähl' die Häuser in Frascati 
bei Sonnenschein; es ist da viel schöner als in ganz Preußen und 
Polen. [...] 

panny an felix 17 Rom, 7. März 1840 

Es geht uns diesmal wunderlich mit unserer Correspondenz, lieb- 
ster Felix, kaum war mein Brief an Dich neulich fortgeschickt, als 
ich Deinen heben Brief vom 2isten Febr. erhielt. Damit wir nun 
endlich einmal in Ordnung kommen, bürde ich Dir sogleich wie- 
der dies Zettelchen auf, zu lesen u. zu bezahlen, und werde dann 
die Antwort auf diese beiden erwarten, und meinerseits gleich 
wieder antworten, und einstweilen rückt dann die Wiedersehens- 
zeit um ein gut Stück näher. Wo wir Dich aber in der Welt abfan- 
gen werden, sehe ich noch immer nicht recht ein. Ich möchte sehr 
gern den 24sten Juni in Leipzig seyn, glaube aber nicht, daß es gut 
möglich seyn wird, da die späte Osterzeit unsere ganze Reise be- 
stimmt, und ich meinem Mann, der durch seine Krankheit so lan- 
ge Zeit, fast sechs Wochen, so gut als eingebüßt hat, unmöglich 
zureden kann, früher als höchst nöthig, wegzugehen. Schade ists 
aber, denn wir werden es nur um wenig versäumen. Nun denk ich 
so: Während Deiner Kreuz u. Quergänge [...] gibst Du gewiß 
Cecile u. die Kinder auf Gartengenesung nach der Leipziger 
Straße, die haben, wie man in Berlin sagt, Speck in der Tasche, u. 
Du bleibst dann auch nicht lange aus, und wir finden Dich, oder 
Du findest uns zu Hause. Ich habe aber mit Schrecken gelesen, 
liebster Felix, was Du wieder zum Sommer alles vorhast. 18 Strenge 
Dich doch nur nicht zu sehr an, ich bitte Dich darum! Warte nicht, 
bis Du es erst fühlst, daß Du zuviel thust, schone Dich ein wenig, 
Du sollst noch lange vorhalten. Wie Du so ein Musikfest angreifst, 
das habe ichja gesehen, wenn Du nun 3-4 hinter einander, u. jedes 
an einem andern Ende der Welt hältst, so muß es Dich ja aufrei- 
ben. Verzeih, wenn ich Dich mit meinem guten Rath ennuyire, 
aber ich habe es zu frisch im Gedächtniß, wie schnell die Kräfte 
dahingehn, u. wie langsam sie wiederkommen, als daß ich mich 

326 



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Rebecka Dirichlet, geb. Mendelssohn Bartholdy 



nicht über Dein allzu angestrengtes Leben ängstigen sollte. Wenn 
Du meinen Mann gesehen hättest, dessen raschen, kräftigen Gang 
und gerade Haltung Du ja wol im Gedächtniß hast, wie er wochen- 
lang gebückt u. mühsam am Stock umhergeschlichen ist, Du wür- 
dest mir Recht geben. Und ich schreibe den Ausbruch dieser 
Krankheit allein dem angestrengten Leben hier zu, während er 
früher ein allzu ruhiges sitzendes, oder stehendes vielmehr, da er 
nie bei der Arbeit sitzt, geführt hat. Nun hat er mir feierlich ver- 
sprochen, in Zukunft jede Sorgfalt für seine Gesundheit zu neh- 
men, die ich verlangen werde, u. jetzt ist er Gott sey dank, fast ganz 
wiederhergestellt, wenn auch im Aeußeren noch ziemlich verän- 
dert. 

Wegen eines Instruments zu reden, lieber Felix, das ist ja recht 
schlimm, wo soll ich ein gutes herbekommen? Ich habe natürlich 
nie daran gedacht, von hier eines schicken zu lassen, das wäre wol 
sehr unzweckmäßig, u. durch Landsberg, 19 der von mir, aus Freund- 
schaft, nur 9 Scudi monatliche Miethe für einen Flügel forderte, ich 
dachte nur, derselbe Mann könnte mir ja eins nach Berlin schik- 
ken, der gute Instrumente nach Rom schickt. [. . .] 



felix an Fanny 20 Leipzig, 7. April 1840 

Liszt war 14 Tage lang hier und hat einen Heidenscandal verur- 
sacht - im guten und im schlechten Sinne; sein Spiel und seine 
Technik sind herrlich, und seine Persönlichkeit gefällt mir auch gar 
sehr: ich halte ihn im Herzensgrund für einen guten und künstle- 
rischen Menschen. Aber das Zeitungsschreiben! Da hats Erklärun- 
gen und Gegenerklärungen und Recensionen und Verklagen und 
dies und jenes geregnet, was alles nicht zur Musik gehört, so daß 
man fast eben so viel Ärger wie Freude von seinem Aufenthalt 
hatte . . . Aber seine Art, mit dem Publikum umzugehen, hat mir 
gar nicht gefallen - im Grunde haben sie beyde Unrecht . . . Da er 
viel auf diese Dinge hält, gab ich ihm eine Soiree von 350 Personen, 
auf dem Gewandhaus mit Orchester, Chor, Bischof, Kuchen, 
Meeressrille, Psalm, Tripel-Konzert von Bach (Liszt, Hiller und 
ich) Chöre aus Paulus, fantaisie sur la Lucia di Lammermoor, Erl- 
könig, Teufel und seine Großmutter! 

328 



fanny an PELix 21 Rom, io. Mai 1840 

Liebster Felix, ich danke Dir für Deinen lieben lustigen Brief vom 
7. April, es war mir um so lieber, durch Dich Deine Reise nach 
Berlin erfahren zu haben, als der Brief aus Berlin, der mir Deine 
wirklich erfolgte, glückliche Ankunft zeigte, unbegreiflicherweise 
fast 3 Wochen unterwegs gewesen ist, so daß ich schon anfing, 
mich zu ängstigen. Ihr seid gerade im rechten Augenblick nach 
Berlin gekommen [...], denn seit Worringens Abreise, u. bei Beck- 
chens Zuständen 22 , fürchteten wir, es möchte ein wenig still im 
Hause werden, bis wir, als neue Leute, neues Leben und neue 
Geschichten mitbringen könnten. [. . .] Es verlangt mich herzlich, 
Euch zu sehn, u. mit Dir unsre Reise durchzusprechen. 
Ich kann Dir gar nicht ausdrücken, wie glücklich wir uns hier 
fühlen, wie unbeschreiblich es mir gefällt. Wir haben unsren Auf- 
enthalt hier bis Ende des Monats verlängert, u. ich sehe mit Gram 
die Zeit unter den Fingern verrinnen, wir konnten uns wirklich 
nicht trennen, und auch jetzt thut mir das Herz weh, wenn ich an 
die Abreise denke. Zum Glück steht uns noch Neapel bevor, wor- 
auf ich mich denn freilich auch nicht wenig freue. Wir denken nur 
ganz kurze Zeit in der Stadt zu bleiben, u. die Exkursionen von 
Castellamare aus zu machen, wie man uns mehrfach gerathen. 
Vielleicht läßt sich dabei auch Zeit zu einigen Seebädern erübri- 
gen. Wir haben hier einige Wochen lang ein Wetter gehabt, daß 
es eine Wonne war, sich in der Luft zu befinden, u. sie einzu- 
schlucken, während dieser Zeit haben wir nur fleißige Spazier- 
fahrten in der Campagna gemacht, die ich nicht mehr heben könn- 
te, wenn ich ein Maler wäre, und neulich auch einen köstlichen 
Tag in Tivoli zugebracht. Das Albanergebirg steht uns noch bevor. 
Das habe ich nun den ganzen Winter in seiner unendlichen Lieb- 
lichkeit da liegen sehen, oft Umwege gemacht, Höhen erstiegen, 
um es nur zu sehen, wenn ich es ein paar Tage nicht vor Augen 
gehabt habe, u. empfinde doch gar keine Ungeduld, hinzukom- 
men. Überhaupt bin ich nun lange genug in Rom, um das eigent- 
liche Reisefieber ganz los zu sein, u. sage schon mit Zelter, ich bin 
zu jung, um alles zu sehen, u. wenn man auf den Punkt gekommen 
ist, dann fängt der Genuß erst an. Ich werde gewiß manches nicht 
gesehen haben, wenn wir abreisen, aber die Lieblingspunkte im- 



329 



mer wieder. Genuß u. Freude habe ich hier gehabt, in Fülle. Heut 
über 3 Wochen sind wir in Neapel, so Gott will, da wird es uns 
wohl auch nicht mißfallen. 

Die Lisztsche Zeit in Leipzig hätte ich wohl erleben mögen. 23 Hier 
höre ich erstaunt viel von ihm reden, er war voriges Jahr 4 Monate 
hier, mit Ingres 24 und den musikalischen Pensionären befreundet, 
wie wir, u. da erzählen sie denn nur immer von ihm. Es thut mir 
sehr leid, ihn nicht getroffen zu haben, denn er muß hier beson- 
ders menschlich gewesen seyn, u. fast keine Concerte gegeben, 
sondern bei sich gespielt, u. bei Ingres, was u. soviel man wollte. 
Er hat 2 seiner Arrangements Beethovenscher Symphonien an In- 
gres zugeeignet, u. ihm dieser Tage geschickt. Wenn ein toller 
Regen, der seit vorgestern Nacht fast ununterbrochen strömt, so 
gut sein will, nachzulassen, so gehen wir heute abend hin, u. ich 
sehe mir das tolle Zeug an. Hier sind sie entzückt von der Art, wie 
er die Symphonien v. B. spielt. Du scheinst es weniger zu sein. Ich 
bin neugierig, Dich erzählen zu hören, wie das eigentlich ist. 
Das Concert von Bach hätte ich hören mögen von Euch dreien 25 . 
Denke Dir, daß ich es diese Woche auch spielen werde, mit einer 
Dänin 26 und einer Italiänerin, beide recht gute Clavierspielerin- 
nen, es wird aber doch einiger Unterschied stattfinden. Ich sage 
Dir, die Franzosen bewundern jetzt nichts als Bacque, es ist zu 
komisch, das Concert aus d-Moll habe ich wenigstens schon ein 
dutzend Mal spielen müssen, u. sie möchten sich immer auf die 
Köpfe stellen vor Entzücken. Auch für Dich sind sie ein vortreff- 
liches Publicum, u. das muß man ihnen nachsagen, zuhören thun 
sie gut u. angenehm, u. behalten nach imaligem Hören, wie man 
es nur verlangen kann. Der alte Santini quält mir die Seele aus, so 
oft er mich sieht, Du sollst ihm Musik schicken, ich werde etwas 
hier lassen müssen, was ich von Dir mitgebracht habe, er läßt mich 
sonst nicht fort. Er ist ein gut alt Männeken, bei weitem der Leid- 
lichste unter den Langweiligen hier. Denn das ist die Schattenseite 
von Rom, die vielen, unausstehlich ennuyanten Leute, bei u. unter 
den Offiziellen, u. namentlich wieder unter den offiziellen Deut- 
schen. Gott! Was für Leute! doch stille, ich habe meinem Mann 
versprochen, brieflich über niemanden zu raisonniren, mündlich 
aber lasse ich mir das Maul nicht stopfen, u. da Beckchen hier fehlt, 
muß ich Charivari u. Figaro in einer Person seyn. Doch bin ich 



330 



hier in einer besonders rosenfarbenen Laune, u. lasse Manche und 
Manches gelten, was zu Hause schwerlich Gnade fände. Ich glau- 
be, die Luft flößt mir etwas von ihrer Milde ein. 
Uten. Der Regen ließ gestern richtig nach, wir waren auf der Aca- 
demie, u. ich habe die Liszt-Beethoven-Ingreschen Symphonien 
gesehen. 

Sehr gut ist, daß er in der Vorrede sagt, er wolle dadurch beitragen, 
sie zu popularisiren, wenn das der musikalische populus 27 oder 
Pöbel jemals spielt, so laß mich hängen! Bei allem Apparat zweifle 
ich keinen Augenblick, daß Du sie zehnmal schöner spielst. Ich 
gratulire zum glücklichen Gelingen von Hillers Oratorium. 28 
Wenn Du Dir einmal mit mir so viel Mühe gibst, so mache ich 
auch eins. [. . .] Hast Du hier eine große Messe bei den Armeniern 
gehört? Das ist die scheußlichste Katzenmusik, die meine Ohren 
je gehört! u. Miau war auch das einzige Wort, das deutlich zu 
verstehen war. Dabei haben die Leute so schöne ernsthafte Köpfe, 
u. der Bischof ist ein so ehrwürdiger Greis, daß man nicht weiß, 
ob man sich wundern oder die Leute bedauern soll, die ihren Gott 
auf so menschenfresserische Weise angrunzen. Dagegen singen 
die Griechen sehr gut. 3stimmige Männerchöre, ordentlich kom- 
ponierte Musik, rein, stark u. sicher vorgetragen, weit fester, als die 
päpstlichen Sänger, die das Miserere beidemal in a-Moll anfingen, 
u. einmal in g-, einmal in f-Moll abschlössen. Darüber müßten wir 
auch noch viel sprechen. Wenn Spontini nicht schon Vorschläge 
zur Verbesserung der Kirchenmusik gethan hätte, so würde ich 
mich mit Sr. Heiligkeit in Rapport setzen, denn eine Verbesserung 
thut wahrlich Noth [. . .] 

Ich höre, Otto Nicolai 29 hatte die Absicht, Director der päpstlichen 
Capelle zu werden, Katholik u. Priester, was man dazu seyn muß, 
das war er Alles willig zu werden, das war ihm alles wurscht. Da 
der Plan aber mißglückt ist, hat er sich der Oper in die Arme 
geworfen, u. ist jetzt in Turin. Wenn Hiller im Sommer an den 
Corner See zurückgeht, so ist es sehr möglich, daß wir ihn im Juli 
dort sehn, wir waren nur einen Tag am Corner See, noch dazu bei 
Regenwetter, u. es ist so himmlisch schön da, daß wir wohl, wenn 
es sich machen läßt, von Mailand bis nach Como fahren möchten, 
wo wir nicht waren. Es ist übrigens unmöglich, bei einer Reise 
nach Italien Alles zu sehn, wenn man auch noch so viel Zickzack 



331 



fährt, Parma u. Perugia, was mein Mann Beides noch nicht kennt, 
werden wir wohl diesmal auch aufgeben müssen. Es ist zu fatigu- 
ant, mitten im Sommer durch ganz Italien zu reisen, 8 Tage allein 
von Rom nach Florenz, u. wir werden deshalb, wenn Sebastian u. 
ich es nur irgend ertragen können, von Neapel nach Livorno 
dampfen 30 . - Liebes Cecilchen, habe Dank für Deine lieben Zeilen 
aus Berlin, sie schreiben mir so viel Böses von Dir, u. Du sollst so 
häßlich aussehn, daß ich ordentlich ungeduldig bin, Dich zu sehn, 
um mich zu überzeugen, ob das Alles wahr ist. Auch Deine Kinder 
kann kein Mensch im Hause leiden, das muß Dir nun besonders 
unangenehm gewesen seyn. Das Talent zum Singen hat Carlchen 
in meiner Abwesenheit gebildet, der Junge muß jetzt zum Fressen 
seyn. Auf die Locken meines ersten Nichtchens bin ich sehr ge- 
spannt. Was es nun heuer für Kinder in Berlin geben wird? Kein 
Brief ist gekommen, der mich nicht von neuen Hoffnungen un- 
terrichtet hätte. Nächstes Jahr wird Alles kribbeln u. wibbeln. Lebt 
nun wohl, geliebten Leutchen! Hoffentlich fällt kein Schnee, be- 
vor wir uns gesehn! [. . .] Mein Mann grüßt herzlich. Er ist fleißig 
beim Studienmalen, u. bringt einige sehr schöne Köpfe mit. Wir 
sind jetzt gottlob alle gesund, u. seitdem erfreue ich mich eben gar 
so sehr meines Lebens. Du weißt, Heber Felix, was für ein Luftfisch 
ich bin, u. kannst Dir denken, mit welcher Wonne ich diese Him- 
melsluft athme. Nach einigen Regentagen hat es sich heute wieder 
aufgeklärt, u. wir können nun wieder dem herrlichsten Wetter 
entgegensehn. Es ist jetzt für uns eine solche Zeit, in der man jede 
Minute lebendig fühlt, in der jede Stunde einen Pulsschlag hat, den 
man versteht. So ist es mir auch, wenn wir mit Euch Lieben zu- 
sammen sind. Möge es bald wieder geschehen! Eure Fanny. 



332 



Leipzig - Berlin: Finale 
1840 bis 1847 



1840 Im November erhält Mendelssohn die vertrauliche Anfrage, 
ob er eine Stellung am Berliner Hof annehmen wolle. Die 
Anfrage steht in Zusammenhang mit dem Regierungsantritt 
des kunstfreundlichen Friedrich Wilhelm IV. von Preußen 
(»der Romantiker auf dem Thron«), der Schelling, Rückert, 
Tieck und den Maler Cornelius nach Berlin holte. 

1841 18. Januar: Das dritte Kind von Felix, Paul, wird geboren. 
Vorbereitung zur Aufführung der Matthäus-Passion in Leip- 
zig. Aufführung von Bachs h-Moll-Messe am 21. Januar. Am 
23. März Uraufführung von Mendelssohns AUegro brillant 
op. 92 durch Clara Schumann. Uraufführung von Schu- 
manns erster Symphonie op. 38. Am 4. April Aufführung der 
Matthäus-Passion in der Thomaskirche. 

Im Juli Übersiedlung von Felix und seiner Familie nach Ber- 
lin. Beginn der Arbeiten an der Musik zur »Antigone« des 
Sophokles. Fanny schreibt unter dem Eindruck der Italien- 
reise den Klavierzyklus »Das Jahr«. Am 28. Oktober Urauf- 
führung der »Antigone« im Neuen Palais in Potsdam in An- 
wesenheit des Königs und geladener Gäste. Im Winter neh- 
men Liszt und die Sängerinnen Guiditta Pasta und Caroline 
Unger an Fannys Sonntagsmusiken teil. Gasparo Spontini 
legt sein Amt als preußischer Generalmusikdirektor nieder. 
Sein Nachfolger wird Meyerbeer, zu dem Mendelssohn ein 
gespanntes Verhältnis hat. 

1842 Geplante Verschärfung des Ehegesetzes in Preußen: »Ehe- 
brecher« sollen künftig ins Gefängnis. Das Strafmaß ist für 
Frauen doppelt so hoch wie für Männer. Karl Marx veröf- 
fentlicht den Entwurf und bringt Preußen an den Rand einer 
Staatskrise. 

Im Januar dirigiert Mendelssohn in Berlin den »Paulus« und 



333 



wird zum Ehrenmitglied der Singakademie ernannt. Im 
März lehnt er das Angebot, Thomaskantor zu werden, ab. Im 
Mai gemeinsam mit Julius Rietz Leitung des Niederrheini- 
schen Musikfestes. 

Ende Mai siebter Aufenthalt in England, Gast im Bucking- 
ham Palace, gemeinsames Musizieren mit Queen Viktoria 
und Prinz Albert. Reise in die Schweiz. Absicht, seine Berli- 
ner Tätigkeit wegen unbefriedigender Arbeitsbedingungen 
(Konflikte mit Meyerbeer, kein gutes Orchester, kein Chor) 
niederzulegen. Friedrich Wilhelm IV lenkt ein, ernennt ihn 
zum Generalmusikdirektor und überträgt ihm »die Oberauf- 
sicht und Leitung der kirchlichen und geistlichen Musik«. 
Hensel zeigt auf der Akademie -Ausstellung mit großem Er- 
folg sein für Lord Egerton gemaltes Bild »Der Herzog von 
Braunschweig«. Am 12. Dezember stirbt Lea Mendelssohn 
plötzlich und unerwartet in Berlin. 
1843 1000-Jahr-Feier des Deutschen Reiches unter dem Vorsitz 
Friedrich Wilhelms IV von Preußen. Felix leitet die Festmu- 
sik im Berliner Dom. Aufgrund des Erfolges seines »Fliegen- 
den Holländer« wird Wagner königlich-sächsischer Hofka- 
pellmeister in Dresden. Der preußische Zeremonienmeister 
Graf Pourtales zieht mit neunzehnköpfigem Gesinde in Fan- 
nys Elternhaus in der Leipziger Straße. Im Februar fahren 
Hensels nach Leipzig zu den Gewandhauskonzerten. Be- 
kanntschaft mit Berlioz und Clara Schumann. 
Am 3. April wird das von Felix gegründete Leipziger Kon- 
servatorium eröffnet. Er wird Ehrenbürger der Stadt Leipzig. 
Am 23. April Enthüllung seines Bach-Denkmals vor der Tho- 
maskirche. Als einer der ersten Schüler kommt der junge 
Joseph Joachim ans Leipziger Konservatorium, um bei Fer- 
dinand David Geige zu studieren. Am 1. Mai Geburt des 
vierten Kindes, Felix. 

Im Sommer reist Hensel nach England zu Königin Victoria, 
deren kleinen Sohn er im Auftrag des preußischen Königs 
porträtiert. Sie bezahlt für sein Rundgemälde »Miriam« mit 
einem Ring, den er an Fanny weitergibt. Fanny bemerkt An- 
zeichen von Schwäche und Taubheit in ihren Fingern und 
begibt sich in ärztliche Behandlung. Nach Hensels Rückkehr 



334 



aus England komponiert sie ihre große g-Moll-Sonate für 
Klavier. Ihre Sonntagsmusiken werden nach anderthalbjähri- 
ger Unterbrechung wieder aufgenommen. Am 14. Oktober 
führt Felix im Potsdamer Neuen Palais den »Sommernachts- 
traum« für den König auf. Felix zieht vorübergehend nach 
Berlin. 

1844 Am I.Januar Uraufführung von Mendelssohns 98. Psalm im 
Berliner Dom. Am 31. März Aufführung von Händeis »Israel 
in Ägypten« in der Potsdamer Garnisonkirche mit 450 Mit- 
wirkenden unter aktiver vorbereitender Mitwirkung von 
Fanny. Anfang Mai achte Reise nach England. Im Juli/August 
Aufführung des »Paulus« und der »Walpurgisnacht« beim 
Musikfest in Zweibrücken. Während des Sommers kompo- 
sitorische Arbeit in Bad Soden. Reduzierung der Berliner 
Verbindlichkeiten auf ein Minimum. September: Rebecka 
erkrankt in Florenz an Gelbsucht. November: Felix reist 
nach Frankfurt am Main und beschließt, vorerst dort zu blei- 
ben. Für 1845 will er keine Auslandsverpflichtungen anneh- 
men. Eine Einladung nach New York wird ausgeschlagen. 
Dezember: Fanny erfährt, daß Rebecka schwanger und 
krank ist und beschließt, nach Italien zu reisen. Der Reisean- 
tritt wird durch Attacken starken Nasenblutens verzögert. 

1845 2. Januar: Hensels brechen über Leipzig nach Florenz auf, um 
Rebecka zu pflegen. Ankunft am 19. Januar. Wilhelm reist 
von dort allein nach Rom weiter. Im Januar 45 Aufführungen 
von Mendelssohns »Antigone« in Covent Garden. Schwere, 
fiebrige Erkrankung Mendelssohns. 14. Februar: Rebeckas 
Tochter Flora kommt vorzeitig, aber gesund zur Welt. An- 
fang März erhält Mendelssohn die Anfrage, ob er die Direk- 
tion der musikalischen Sektion an der Berliner Akademie der 
Künste übernehmen wolle. Arbeit an einer Neu-Edition von 
Händeis »Israel in Ägypten«. 13. März: Uraufführung von 
Mendelssohns Violinkonzert durch Ferdinand David in 
Leipzig. 15. März: Fanny und Sebastian reisen nach Rom, wo 
sie Wilhelm schwer krank vorfinden. 15. Juni: Hensels reisen 
mit Rebecka und den Kindern zum Familientreffen nach 
Freiburg und Bad Soden. August: Felix zieht mit seiner Fa- 
milie wieder nach Leipzig. 19. September: Geburt seines 



335 



fünften Kindes, Lili. Im Dezember Bekanntschaft mit der 
schwedischen Sängerin Jenny Lind. 

1846 Am i.Januar Uraufführung des Schumannschen Klavierkon- 
zertes mit Clara Schumann als Pianistin und Mendelssohn als 
Dirigent. Intensive Arbeit am »Elias«. Im April mißglückte 
Aufführung von Schumanns »Das Paradies und die Peri« in 
Berlin, über die Fanny sich kritisch äußert. Mai/Juni: Men- 
delssohn leitet das Musikfest in Aachen und reist mit Jenny 
Lind über den Rhein. Frühjahr: Der junge Rechtsreferendar 
Robert von Keudell (1824-1903), späterer Vertrauter Bis- 
marcks, ermutigt Fanny zu komponieren. Sie erhält Angebo- 
te von den Verlegern Schlesinger und Bote und Bock. Ernst- 
hafte Erwägungen, das Haus Leipziger Straße an den Grafen 
Pourtales zu verkaufen. 12. August: Felix gratuliert halbher- 
zig zum Entschluß, ihre Kompositionen zu veröffentlichen. 
Mitte August reist Felix zum neunten Mal nach England und 
dirigiert den »Elias« auf dem Musikfest in Birmingham. Fan- 
ny beginnt mit der Komposition ihres großen Klaviertrios 
d-Moll. Im Winter kommt das Ehepaar Schumann nach Ber- 
lin und schließt schnell Freundschaft mit Fanny. 

1847 Januar: Die ersten Rezensionen über Fannys gedruckte Wer- 
ke erscheinen. 24. Februar: Revolution in Paris. Gründung 
der zweiten französischen Republik. Anfang April bricht Fe- 
lix zu seinem zehnten und letzten Aufenthalt nach England 
auf. Aufführung des »Elias« in Anwesenheit des Königspaa- 
res. Verschiedene große Auftritte als Pianist und Organist. 
Mai: Fanny erleidet eine neue Attacke heftigen Nasenblu- 
tens. 14. Mai: Eine lobende Kritik ihrer »Gartenlieder« er- 
scheint in der »Neuen Zeitschrift für Musik«. Während der 
Probe zu einer Sonntagsmusik (Mendelssohns »Walpurgis- 
nacht« wurde einstudiert) versagen ihre Hände den Dienst. 
Sie verliert die Sprachfähigkeit, das Bewußtsein und stirbt 
abends um elf Uhr. Wilhelm zeichnet seine Frau auf dem 
Totenbett. Sein vom Herzog von Sutherland bestelltes Por- 
trät Friedrich Wilhelms IV. bleibt unvollendet. Sebastian 
kommt unter die Obhut von Rebecka. Felix, der die Todes- 
nachricht am 17. Mai erhält, bricht mit einem Aufschrei zu- 
sammen, bleibt längere Zeit regungslos liegen und ist unfä- 

336 



hig, zur Beerdigung zu fahren. Über Baden-Baden reist er 
mit Frau und Kindern nach Interlaken, wohin Hensel ihm 
nachreist. 

Felix komponiert ein Streichquartett in f-Moll, plant ein 
Oratorium »Christus« und eine seiner Lieblingssängerin Jen- 
ny Lind versprochene Oper »Loreley«. Seine letzte vollende- 
te Komposition ist das »Nachtlied« nach Eichendorff op. 71, 
6. Er veranlaßt den Verleger Breitkopf und Härtel, Fannys op. 
8-11 herauszugeben, die 1850 erscheinen. Am 28. Oktober 
erleidet er in Leipzig einen Schlaganfall mit Teillähmung, am 
1. November einen zweiten. Am 4. November stirbt er mit 
erst achtunddreißig Jahren nach einem Anfall schrecklicher 
Kopfschmerzen in Leipzig. Er wurde auf dem Friedhof der 
Berliner Dreifaltigkeitskirche neben Fanny begraben. 



Werke von Felix 

1841 Sechs Lieder ohne Worte op. 53 / Siebzehn Variations serieu- 
ses für Klavier d-Moll op. 54 / Musik zur »Antigone« für 
Männerchor und Orchester op. 55 / Variationen für Klavier 
in Es-Dur op. 82 und in B-Dur op. 83 / Andante und Varia- 
tionen für Klavier zu vier Händen op. 83a / AUegro brillant 
für Klavier zu vier Händen A-Dur op. 92 / Präludium und 
Fuge e-Moll für Klavier / Präludium c-Moll für Orgel 

1842 Sonate für Klavier und Violoncello D-Dur op. 58 

1843 Musik zu dem Schauspiel »Ein Sommernachtstraum« für 
Soli, Chor und Orchester op. 61 / Drei Psalmen für Chor und 
Solostimmen op. 78 / Der 98. Psalm für Chor, Orchester und 
Orgel »Singet dem Herrn« op. 91 / »Infelice«, Konzertarie 
für Sopran und Orchester B-Dur op. 94 / Choral »Herr Gott, 
dich loben wir« für Doppelchor, Orchester und Orgel / 
»Ehre sei dem Vater« für achtstimmigen Chor / 100. Psalm 
»Jauchzet dem Herrn« für Chor 

1844 Sechs Sonaten für Orgel op. 65 / Sechs Lieder ohne Worte 
für Klavier op. 67 / »Elias«, op. 70 / Drei Psalmen für Chor 
und Solostimmen op. 78 / Hymne »Höre mein Bitten« für 
Sopran, Chor und Orgel / Motette »Denn er hat seinen En- 



337 



geln befohlen« für achtstimmigen Chor / »Ehre sei dem Va- 
ter« für vierstimmigen Chor / Andante con variazioni D- 
Dur für Orgel / Allegro B-Dur für Orgel / Vier kleine Stük- 
ke für Orgel / Allegro d-Moll für Orgel / Choral As-Dur für 
Orgel 

1845 Klaviertrio c-Moll op. 66 / Andante alla marcia B-Dur für 
Orgel / Andante sostenuto D-Dur für Orgel / Fuge B-Dur 
für Orgel 

1846 »Es kommt aus dem kindlichen Alter der Welt« für sechs- 
stimmigen Chor / »Er wird öffnen die Augen den Blinden« 
für Chor und Orchester / Cantique pour PEglise Wallone de 
Frankfort für vierstimmigen Chor / Die deutsche Liturgie 
für vier- bis achtstimmigen Chor 

1847 Drei Motetten für Chor und Soli op. 69 / Streichquartett 
f-Moll op. 80 / Vier Stücke für Streichquartett op. 81 



Werke von Fanny 

1841 Für Klavier: II Saltarello romano, Allegro molto a-Moll, Zy- 
klus »Das Jahr«, Einleitung zu lebenden Bildern für Chor 
(mit Klavier) 

Lieder und Chorwerke 

»Hausgarten« (Johann Wolfgang von Goethe) / »Gondel- 
lied«, Drei Lieder »Anklänge«, »Traurige Wege«, »Auf dem 
See«, Duett »Der Winterwind entflieht«, Terzett »Waldru- 
he« (alle ohne Textdichter-Angabe) / »Totenklage« (justinus 
Kerner) / »Von dir, mein Lieb'« (Johann Heinrich Kauf- 
mann) / Duett »Die Sennin« (Nikolaus Lenau) / Chor »Un- 
ter des Laubdachs Hut« (William Shakespeare) 

1842 Im Mendelssohn- Archiv nicht nachgewiesen; wohl Privatbe- 
sitz. 

1843 Sonate für Klavier g-Moll 

In den Briefen wird noch eine Vertonung von Goethes 

»Faust«, zweiter Teil, erwähnt. 

Lieder 

»Wer dich gesehn« (ohne Textdichter-Angabe) / »Ich wan- 

dre durch die stille Nacht« (Joseph von Eichendorff) 

338 



1844 Für 1844 nicht nachgewiesen; wohl in Privatbesitz. 

1845 Nicht nachgewiesen; Privatbesitz. 

1846 Für Klavier und Kammermusik: Allegro molto c-Moll, An- 
dante cantabile Des-Dur, Allegro moderato b-Moll, Andante 
cantabile Fis-Dur, Pastorella A-Dur, Allegretto d-Moll, Len- 
to appassionato H-Dur, Allegro molto vivace C-Dur, Tempo 
di scherzo e-Moll, Andante con moto E-Dur, Andante es- 
pressivo As-Dur, Wanderlied E-Dur, Allegro vivace A-Dur, 
Allegro molto vivace e leggiero B-Dur, Allegretto h-Moll, 
Zwei Lieder in A-Dur und Es-Dur / Klaviertrio d-Moll op. 
11 

Lieder 

»Beharre« (Helmina von Chezy) / »Das Veilchen«, »Es 
rauscht das rote Laub«, »Im Herbste« (alle ohne Textdichter- 
Angabe) / »Erwache, Knab'« (Wilhelm Hensel) / »Dein ist 
mein Herz«, »Bitte«, »Kommen und Scheiden«, »Abendlied« 
(alle Nikolaus Lenau) / »Nacht ist wie ein stilles Meer« (Jo- 
seph von Eichendorff) 
Chöre 

»Stimme der Glocken«, »Schilflied« (beide Nikolaus Lenau) 
/ »Im Wald«, »Morgenwanderung« (beide Emanuel Geibel) 
/ »O Herbst in linden Tagen«, »Schon kehren die Vögel wie- 
der«, »Hörst du nicht die Bäume rauschen?«, »Abendlich 
rauscht schon der Wald«, »Abend«, »Schöne Fremde«, 
»Lust'ge Vögel in dem Walde« (alle Joseph von EichendorfF) 
/ »Waldeinsam«, »Morgengruß«, »Schweigend sinkt die 
Nacht hernieder« (alle Wilhelm Hensel) / »Ariel« (Johann 
Wolfgang von Goethe) / »Im Herbste« (Ludwig Unland) / 
»Nacht hegt auf den fremden Wegen« (ohne Textdichter- 
Angabe) / »Erwin«, Terzett »Wer will mir wehren zu singen« 
(Johann Wolfgang von Goethe) 

1847 Für 1847 nicht nachgewiesen, wohl in Privatbesitz. 



339 



fanny an felix 1 Berlin, 28. September 1840 

Lieber Felix! 

Dieser Brief soll Dich empfangen, wenn Du aus England zurück- 
kommst, u. damit Du Dich nicht übereilst, ihn zu lesen, will ich 
Dir gleich jetzt sagen, daß gar nichts drin stehn soll, nur etwas 
Geplauder. Ich will Dir einen guten Rath geben. Wenn Du wieder 
nach Italien reisen willst, suche Dir ein Werk darüber zu verschaf- 
fen, das ich jetzt eben mit großem Interesse gelesen habe, u. das 
mir besser gefällt, als Alles, was ich je über diesen vielbeschriebe- 
nen Gegenstand gelesen, es wird aber etwas schwer fallen, es Dir 
zu verschaffen, denn es ist meines Wissens noch rarer, als die Ni- 
belungen von Decker, die nur in 106 Exemplaren, u. die Ausgaben 
englischer Größen, die nur in 5 oder 4 existiren, es giebt nämlich 
nur ein einziges Exemplar davon, im Manuscript, u. wir sind in 
dieser Beziehung nicht besser dran, als vor der Erfindung der 
Buchdruckerkunst (eine zeitgemäße Bemerkung). 2 Es sind mit ei- 
nem Wort, die Briefe eines reisenden Musikanten, der nebenbei 
mein ältester Bruder ist. Ich kann Dir gar nicht ausdrücken, wie 
mich die Briefe interessirt haben, jetzt, wo mir Alles so frisch vor 
der Seele steht, was Dich vor zehn Jahren bewegte. Wer übrigens 
dran zweifeln möchte, daß zehn Jahre eine lange Zeit sind, der 
braucht nur Briefe zu lesen, die so alt sind. Es ist schrecklich! Wie 
wenig von allen darin genannten Menschen u. Verhältnissen übrig 
ist. Alles gestorben, verdorben, auseinander. Man muß Gott dan- 
ken, wenn nur das zusammen Gehörige auch wirklich zusammen 
bleibt, u. sich nicht von einander trennt, es scheide denn der Todt. 
Und daraufhabe ich denn, wenn ich mich recht besinne, eigentlich 
kommen wollen, u. Dir einmal wieder sagen, wie ich mich Deines 
Lebens u. Webens freue, u. wie gut es mir gefällt, daß wir zufällig 
Geschwister geworden. Mein Gott, ich möchte ja gern stolz seyn 
auf meinen Bruder, wenn ich nur vor lauter Behaglichkeit u. Freu- 
de dazu kommen könnte. Ich meine, innerlich, denn daß ich ge- 
gen Fremde stolz daraufbin, versteht sich von selbst. Es ist wirklich 
ein arger Fehler in unserem Leben, daß wir nun schon zehn Jahre, 
u. wahrscheinlich auch unsere übrige Lebenszeit nicht zusammen 
zubringen, sondern höchstens alljährlich ein Paar Tage, wie ge- 
stohlen, in Eil u. Hast, da es uns doch Allen nicht schaden könnte, 



340 



wenn wir zusammen wären. Das ist noch das Leidlichste an Berlin, 
daß es wenigstens nur eine Tagereise von Leipzig ist, Dresden 
gefiele mir aus dem Grunde noch weit besser, weil es viel näher 
ist, wenn ich mir nun täglich u. stündlich Rom zurückrufe, u. mir 
denke, wie herrlich wir da gelebt, u. wie gern ich einmal auf län- 
gere Zeit zurück möchte, so muß ich gleich dabei denken, wie ich 
Euch denn gar nicht mehr sehn würde. 

Und so ist in der Welt nicht alles Wünschenswerthe zu vereinigen. 
Aber das muß ich Dir im Vertrauen sagen, da ich Dir gern Alles 
sage, wie wir uns Beide noch gar nicht wieder in Berlin finden 
können. Rom hat Dir ja denselben Eindruck gemacht, wie uns, 
den einer Ruhe u. Beweglichkeit zugleich. Die Ruhe war uns auch 
sehr auffallend u. erquicklich, u. nun kann ich Dir gar nicht sagen, 
wie uns das scharfe Berliner Wesen, die harte, trockene Critik über 
Alles, empfindlich gewesen ist, u. noch ist! Wenn es mir nur we- 
nigstens dazu dient, mein Theil davon, dessen ich mir wol bewußt 
bin, loszuwerden, wie ich den besten Willen dazu habe! Das ist 
ein böses Thema! 

Wie freut es mich, daß wir in so vielen Dingen übereinstimmen, 
was Italien betrifft. Namentlich ist der Eindruck von Rom ganz 
derselbe, auch im Verhältniß zu Neapel, obgleich ich finde, daß 
Du dem doch im Ganzen ein wenig Unrecht thust, denn die 
Schönheit ist doch gar zu göttlich da! Auch über Florenz u. na- 
mentlich die Gallerie, u. namentlich Raphaels Portrait sprichst Du 
so ganz meine Gedanken aus, nur besser, als ich sie hatte. Aber 
über zwei Bilder in der Tribuna 3 sind wir verschiedener Meinung. 
Das weibliche Portrait von Raffael [. . .] hat Dir nicht gefallen. Du 
findest etwas Ordinaires darin, u. v. d. Venus v. Tizian sagst Du, es 
würde Dir fromm vor Schönheit dabei. Das ging mir nun gerade 
umgekehrt, die Venus v. Tizian ist mir etwas zu toll, u. das Portrait 
von Raffael finde ich so über alle Maaßen schön, daß ich mich nie 
dran habe satt sehn können. Wilhelm sagt, er sey wieder anderer 
Meinung, u. ihm gefielen sie Beyde über alle Maaßen. Der Mann 
hat am Ende recht. 

Wenn man so alte Zeiten in Briefen wieder erlebt, u. da sieht, wie 
manche Befürchtung, wie manche Sorge man gehabt, die Einem 
die schönsten, theuersten Stunden verbittert, u. wie dann das Be- 
fürchtete ausgeblieben, dagegen so manches geschehen, worauf 



341 



man gar nicht gerüstet war, wenn man dann weiter denkt, wie das 
immer so fort geht, wie ich jetzt die 5 Tage in Leipzig gar nicht 
werde genießen können, weil mich die Sorge um Deine Reise 
nach England fast verzehrt, wie nun diese Reise jetzt zum größten 
Theil schon so glücklich zurückgelegt ist, u. Dir statt Unheil, Freu- 
de u. Vortheil gebracht hat, wenn man überzeugt ist, daß das Leben 
heißt, so sollte man wirklich nach einigem Leichtsinn trachten, um 
das, was man eben hat, fröhlicher zu genießen u. um die Zukunft 
unbesorgt zu seyn, die eben deshalb fast immer anders kömmt, als 
man sie erwartet, weil man sie nicht ergründen kann und soll. 
Aber das ist auch Gabe, wie Alles andere, wer sie hat, soll sie nicht 
ausbilden [. . .] 

Ferner muß ich Dir sagen, wie es mich amüsiert hat, daß wir Alle, 
um die Zeit Deiner Abreise von hier, Jeanpaulisierten, u. wie Du 
Dir noch danach in Rom einen ganz eigenthümlichen, Felixschen 
Styl herausgeschrieben hast, ich glaube fast 4 , dieser Brief schmeckt 
wieder ein bischen nach der alten Zeit, da ich mich so mit Lust 
wieder hinein gelesen habe. 

Was kann uns Menschen Glücklicheres begegnen, als wenn wir 
uns der Unsrigen freuen u. rühmen dürfen, u. was bin ich darin 
glücklich, ich mag um meines Mannes, oder meiner Eltern u. Ge- 
schwister im weiten Sinne, denken. Cecile gehört auch nicht we- 
nig dazu, lieber Felix, u. so oft ich sie einmal wieder gesehn habe, 
kann ich Gott nicht genug danken, für die Güte, die er Dich be- 
wiesen, indem er Dir unter allen Frauen, die es giebt, die hat fin- 
den lassen, die am Meisten für Dich paßt, u. die Dir am Glücklich- 
sten machen kann. Und eben so dürfen wir mit Vertrauen heiter 5 
hinaussehn, Dein Carlchen ist ein lieber Engel, u. unsere Jungen 
hier sind auch gar gute, prächtige Kinder. Ich wollte, Du sähest sie 
jetzt zusammen, es ist wirklich eine Freude, sie könnten gar nicht 
mehr aneinander hängen, wenn sie Brüder wären, sie sind unzer- 
trennlich, u. haben sich noch nicht ein einziges Mal gezankt. 
Nächste Woche kommen sie zusammen in die Schule, freilich 
nicht in eine Classe, aber sie freuen sich doch sehr drauf. Wenn 
man sie so Arm in Arm in den Garten gehn sieht, ist es wirklich 
eine Freude. 

Jetzt habe ich mir Dein Trio 6 vorgenommen, u. übe es, es ist aber 
sehr schwer. Wenn ich einmal wieder anfange, Musik zu machen, 



342 



soll es das Erste seyn. Es ist mir aber noch gar nicht danach zu 
Muth. Ich bin sehr verwöhnt worden auf der Reise, durch ein 
überdankbares Publicum beständig zum Spielen getrieben u. auf- 
gefordert zu werden, bald um dieses, bald um Jenes gebeten, u. 
immer in Athem gehalten, das läßt man sich gar zu gern gefallen, 
es ist aber unrecht von mir, ich muß das nicht nöthig haben, u. will 
auch durchaus suchen, drüber weg zu kommen. Es ist aber doch 
ärgerlich, daß niemand hier ist, mit dem man so recht Musik ma- 
chen kann [. . .] 

felix AN fanny 7 Leipzig, 24. Oktober 1840 

Liebste Fanny, 

den ersten freien Morgen, den ich seit meiner Englischen Reise 
habe, muß ich dazu brauchen, Dir für Deinen prächtigen, gar zu 
liebenswürdigen Brief zu danken, der mich hier bei meiner Rück- 
kehr empfing. Ich hatte eigentlich ein bißchen Furcht, als ich ihn 
zuerst Hegen sah u. aufbrach, es möchte irgend etwas Böses (ich 
meine was Ernsthaftes) darin stehen - ich weiß selbst nicht warum 
- aber gleich bei den ersten Zeilen verstand ich das Ding besser, 
und las weiter u. weiter mit der größten Wonne. 
Was das für ein Plaisir 8 ist, so einen Brief zu empfangen! der so 
nach Lust u. Leben u. allem Guten schmeckt. Denn das einzige 
Molltönchen darin, daß Euchs in Berlin nach Rom nicht behagen 
wollte, nehme ich nur als ein sehr durchgehendes 9 an; wo soll's 
einem auch nach einem jahrelangen 10 Aufenthalt in Italien gefal- 
len? da ist alles so glänzend 11 , und gerade unser deutsches, schönes 
Hausleben hat mit allem Deutschen u. Schönen, was ich recht 
Hebe, das gemein, daß es gar nicht glänzend und brillant ist, son- 
dern sich mit seiner Stille und Ruhe desto sicherer einzuschmei- 
cheln weiß. Ist mirs doch immer nach jeder Abwesenheit so ge- 
gangen, wenn die Freude der ersten Tage des Wiedersehens vor- 
über war, daß ich die Abwechslung, die Aufregung der Reisetage 
vermißte, daß mirs ganz einförmig zu Hause vorkam, daß ich eine 
Menge Fehlendes bemerkte, während auf der Reise nur alle Vor- 
züge und alles Gute. Habe ich doch in diesen Tagen ein ähnliches 
Gefühl so 12 oft gehabt: bei der Leipziger Liedertafel, bei den un- 
zähligen Anforderungen und Überhäufungen 13 etc. etc. - Aber das 



343 



Gefühl hält 14 nicht an u. ist gewiß nur falsch; all das Gute, was man 
auf Reisen liebt, ist einem hier schon ein gewohntes Eigenthum 
geworden, und nun möchte man noch mehr haben; könnte man 
sich nur die frische, genügsame, hohe Stimmung durchs ganze 
Leben erhalten, mit der man von der Reise in den ersten Tagen 
ankommt, u. alles so vergnügt betrachtet, mit der man auf der 
Reise sich über alles hinwegsetzt; bliebe man nur in seinem Innern 
so recht reisefroh, während man in der Heimath ruhig fortlebt; 
überhaupt, wäre man nur so recht vollkommen! 
Stattdessen habe ich mich gestern Abend über das 25jährige Stif- 
tungsfest der Liedertafel erbost, als ob ich ein ganz kleiner Junge 
wäre. Es wurde so falsch gesungen, und noch falscher gesprochen, 
und wenn's recht langweilig war, so war's im Namen des »deut- 
schen Vaterlandes«, oder in der »alten deutschen Weise.« Und als 
ich von England wiederkam, nahm ich mir so bestimmt vor, ich 
wollte mich an nichts kehren, gar nicht Parthei nehmen, obwohl 
die ganze Stadt gespalten war zwischen unseren zwei Concertsän- 
gerinnen, von denen die eine wunderschön ist und gar nicht gut 
singen kann, und die andere eine brave Sängerin ist, aber verteufelt 
häßlich. David hält es mit der Letzteren, u. studirt ihr allerliebste 
Cadenzen ein; Schleinitz mit der erstem. Das wird er aber gar 
nicht wahrhaben wollen, wenn Du ihn morgen in Berlin siehst, 
denn dahin muß't er heut in Nachdrucksangelegenheiten, und hat 
versprochen Mutter und Euch sogleich aufzusuchen. Er bringt 
Mutter einen Brief von Cecile, und an Dich u. Beckchen ein Ge- 
schenk von Miss Joanna Alexander, zwei schottische Nadelbüch- 
sen mit queen needles oder wie die Dinger jetzt heißen. Zugleich 
so frische und herzliche Grüße, wie ein Mensch nur bringen kann. 
Von uns sowohl, als von den Englischen Freunden. Ich war nur so 
kurz in London, nur 8 Tage, 15 und ebenso lang in Birmingham, 
mir ist die Sache nur so wie ein turbulenter Traum vorübergegan- 
gen - aber ungemein wohlthätig waren mir die vielen, ganz un- 
veränderten Freunde, u. wenn ich sie auch nur auf kurze Zeit 
sehen konnte; der Blick in eine so befreundete Existenz, von der 
man Jahre lang nichts hört, und die doch verkettet mit der unseren 
bleibt und bleiben wird, giebt ein gar angenehmes Gefühl. Bei 
Klingemann und den Moscheies' verstand sich's wohl von selbst, 
aber auch bei Alexanders, wo ich im allerelegantesten rococo Vi- 



344 



skenzimmer unter den allerfashionabelsten neuen Sachen doch 
Vaters Portrait von Hensel am alten Lieblingsplatze auf seinem 
eigenen Tischchen stehend wiederfand, und bei Horsley's und bei 
so vielen anderen war mir's sehr wohlthuend, sehr heimisch. 
Und wenn ich überlege, wie entsetzlich bange mir vor der ganzen 
Reise war, wie wir zusammen hier auf u. abgingen u. uns darüber 
besprochen und im Grund uns alle beide davor ängstigten, wie sie 
nun so glücklich vorüber u. ich wieder so glücklich bei den Mei- 
nigen, so sollte ich eigentlich den ganzen Tag weiter nichts thun, 
als mich freuen und dankbar sein. 

Und statt dessen ärgere ich mich über die Liedertafel, und Du 
Dich über die Kunstausstellung! Zwar hört man wirklich Wunder- 
dinge von der letzteren und deren Abscheulichkeit; ich bin neu- 
gierig auf Deinen ausführlichen Bericht, der im nächsten Stücke 
nachfolgen sollte, und den Du mir noch schuldig bist. 
Auf Iphigenia ist Chorley 16 auch gar nicht gut zu sprechen; aber 
desto mehr entzückt von Dir, u. Deiner Musik u. Deinem Spiel u. 
allem. Cecile hat dem Moscheies »warum sind denn« 17 und »sie 
wankt dahin« 18 vorgesungen, worüber der vor Freude eine ganz 
große Schnute machte (Du kennst ihn ja) und sich gleich Abschrif- 
ten für seine Frau bestellte; von unserer großen soiree schrieb ich 
an Mutter. Du hast mich mal gefragt, ob Krieg oder Frieden wür- 
de? Wie komm ich zu solcher Kanngießerreputation? Nicht, als 
ob ich sie nicht verdiente (denn ich behaupte durch dick u.dünn, 
wir behielten Frieden . . .) aber wenn ein Politikus von metier in 
der Familie ist, wie Paul, so muß der gefragt werden. Er mag sagen, 
was er wolle, es giebt keinen Krieg. Wenn ich aber an die gestrige 
Liedertafel denke, so möcht' ich doch, es gäbe welchen . . . 
Carl u. Mariechen gedeihen, Gott sei Dank, nach dem allerbesten 
Wunsch; Carl ist ein Hebenswürdiger sanfter Kerl, u. das Mädchen 
ist wie ein Pfaffe so dick u. rund, u. hat dabei den Teufel im Leibe. 
Cecile grüßt Dich u. Hensel u. Sebastian aufs beste; wir danken 
Dir nochmals, daß Du uns bei Mutters Unfall so gründlich u. gut 
Nachricht gegeben hast. Ich bitte Dich, schreib mir bald wieder, 
Du liebes Schwesterlein! Dein Felix. 19 



345 



felix an fanny 20 Leipzig, 14. November 1840 

Liebe Fanny! 

Meinen schönsten, besten, herzlichsten Glückwunsch zum heuri- 
gen Tage; sonst pflege ich Dir irgend ein neues Manuscript, grün 
eingebunden, an dem Tage zu verehren, jetzt muß ich es beim 
mageren Briefschreiben bewenden lassen, und die alte Gewohn- 
heit gefällt mir doch sehr viel besser. Du denkst wohl auch einmal 
im Laufe des Geburtstags zu uns her, aber das hilft mir nichts; ich 
muß heut' Abend zur Eröffnung der Quartett-Soireen den Leip- 
zigern das Mozart'sche Quartett aus G moll und das Beethoven- 
'sche Trio aus D dur vorspielen, und, wie gesagt, diese Art Ge- 
burtstagsfeier gefällt mir nicht. Ihr werdet wohl eine bessere ma- 
chen, - wären wir nur dabei! Schönsten Dank auch für Deinen 
letzten Brief; weißt Du wohl, daß ich Deinen Gedanken mit den 
Nibelungen luminös finde? Er ist seitdem nicht wieder aus mei- 
nem Kopfe gekommen, und die ersten freien Tage will ich jetzt 
benutzen, das Gedicht wieder zu lesen, denn ich habe alle Details 
vergessen und nur die allgemeinen Umrisse und Farben behalten, 
die mir herrlich dramatisch zu sein scheinen. Thätest Du mir nun 
wohl den Gefallen, mit Deine ausführlichere Idee darüber mitzu- 
theilen? Weiß ich doch kaum mehr, was es mit dem Versenken in 
den Rhein für eine Bewandtniß hat. Kannst Du mir die verschie- 
denen Momente angeben, die Dir besonders dramatisch vor- 
schwebten, als Du die Idee faßtest, und mir überhaupt nun etwas 
Specielleres noch sagen, da mir das Allgemeine, die ganze Färbung 
und Charakteristik sehr einleuchtet, so bitte ich Dich, thue es, und 
thue es bald; Du leistest mir einen wesentlichen Dienst. Bezieh' 
Dich nur auf das Gedicht; denn bis Dein Brief kommt, habe ich 
es gewiß gelesen, doch werde ich Deine Meinung nicht minder 
sehnlich erwarten. Habe Dank für den Gedanken, wie für Alles. - 
Ja, die Arpeggien in der chromatischen Phantasie sind ja eben der 
Haupteffect. Ich erlaube mir die nämliche Freiheit, sie mit allen 
möglichen Crescendo's und Piano's und ff 's zu machen, Pedal ver- 
steht sich, und dazu die Baßnoten zu verdoppeln. Ferner die klei- 
nen durchgehenden Noten (die Viertel in den Mittelstimmen 
u. s. w.) zu Anfang des Arpeggio's zu markiren, ebenso die Melo- 
die-Note, wie es gerade kommt, und dann thun die einzigen Har- 

346 



moniefolgen auf den dicken, neueren Flügeln prächtig wohl. [. . .] 
Die Leute schwören, daß sei gerade so schön wie Thalberg. Oder 
noch besser. - Zeig' aber dies Recept Niemand; es ist ein Geheim- 
niß wie alle Hausmittelchen. 

Wenn Du Herrn v. Zuccalmaglio siehst, so danke ihm doch für die 
Sendung und denBrief, den ich von ihm erhalten habe. Doch kann 
ich (ganz unter uns gesagt) die Lieder nicht componiren, die er mir 
geschickt hat; - sie waren patriotisch, und mir will's jetzt gar nicht 
nach patriotischen Liedern zu Muthe werden. Es können gar zu 
viele Mißverständnisse dabei vorfallen, und wie es jetzt ist, daß sie 
anfangen, gegen die Franzosen zu singen, in demselben Moment, 
wo sie eben einsehen, daß die Franzosen gar nicht gegen sie fech- 
ten wollen, da will ich keine Musik dazu machen. Aber Adies für 
heut 1 ; ich wollte, statt mich jetzt anzuziehen, und so schrecklich 
viel Musik zu machen, ging ich herüber zu Dir; - wir könnten 
schwarzer Peter spielen, oder sonst was Lustiges, und Kuchen es- 
sen. Dein Felix. 

fanny an Felix 21 Berlin, 5. Dezember 1840 

Daß Du die Idee der Nibelungen so lebhaft aufgenommen, freut 
mich herzlich. Wie ich höre, hast Du Dir eine Raupachsche Bear- 
beitung kommen lassen, bist also in diesem Augenblick wahr- 
scheinlich weiter mit Deinem Plan, als ich es jemals war, ich hatte 
mir wohl überhaupt mehr die Charactere und die ganze Situation 
als eine bestimmte Scenenfolge lebhaft gedacht. Die größte 
Schwierigkeit möchte im Schluß liegen; denn mit der gewaltigen 
Metzelei kann man doch keine Oper enden und wie sonst? - Die 
Versenkung des Nibelungenhortes geht so zu: Nachdem Hagen 
den Siegfried ermordet, sieht er mit Neid Kriemhieldens große 
Schätze, die sie, wenn ich nicht irre, aus Nibelungenland kommen 
läßt, und in der Furcht, sie möchte sich Freunde und Rächer damit 
erkaufen, nimmt er sie ihr und versenkt sie in den Rhein. Ich bitte 
Dich, laß mich doch von Zeit zu Zeit wissen, wie es damit steht, 
ob der Plan vorrückt. Ferner bitte ich Dich, mir zu schreiben, ob 
Ihr irgend etwas Erbauliches und Beschauliches für Eure Quartett- 
soireen habt, das ich für meine Sonntagsmusiken brauchen könn- 
te, die ich nächste Woche wieder anzufangen gedenke. 



347 



Mein Mann ist fleißig wie immer, führt mit Lust seine Reiseskiz- 
zenbücher aus, wenn Sebastian nachmittags aus der Schule kommt, 
essen wir und führen ein behagliches, angenehmes Winterleben. 
Ob sich hier in der Kunst etwas regen wird, muß man erst sehen; 
wenn es wahr ist, was man allgemein sagt, daß Cornelius her- 
kommt, so möchte das ein Beweis sein, daß man wenigstens Pläne 
hat. Denn wenn es, wie man bis jetzt glaubte, mit der Ausführung 
der Schinkelschen Freskenentwürfe allein getan sein sollte, so 
möchte Cornelius nicht der rechte Mann sein, an den man sich 
gewandt hat. Schinkel ist fortwährend in dem traurigsten Zustande, 
seine geistige Thätigkeit ist ganz dahin. Mein Mann ist vielleicht 
der einzige hiesige Künstler, der sich aufrichtig über Cornelius' 
Herkommen freuen würde. Die Grimms kommen in diesen Ta- 
gen, auch mit Rückert soll man in Unterhandlung stehen. Bei dem 
allen aber bleiben unsere Zeitungen so elend, als sie waren, die 
Pietisten haben Oberwasser, und die persönliche Regierung 
scheint in hohem Maße gehandhabt zu werden. Was sagst Du denn 
zu der französischen Politik? Und wie gefallen Dir die Debatten in 
der Kammer? Ist das nicht höchst traurig! Auch für uns traurig, 
denn wie breit macht sich nun das Philistertum und sagt: 
»Da seht Ihr nun konstitutionelle Staaten!« 

felix an fanny 22 Leipzig, 7. Dezember 1840 

Liebe Fanny, 

Verzeihen Sie, hier kommt ein Ochse, sagt die berühmte Berline- 
rin. Verzeihen Sie, hier kommt eine lange Commission, sag' ich. 
Ich brauche ein Paar Sachen hier in Abschrift, die sich unter Zel- 
ters Bachschen Manuscripten oder sonst in seiner Bibliothek be- 
finden müssen, die sich jetzt in der Sing-Akademie befindet. Thu 
mir also den Gefallen, laß die besagte Bibliothek von Rungenha- 
gen aufschließen, indem Du ihn besuchst u. um den Bart gehst, 
nimm die Partituren [. . .] 23 heraus, gieb sie meiner niedlichen Luise 
Nitschmann nicht, sondern einem viel vornehmeren Kerl von Ab- 
schreiber, und mach daß ich wo möglich in 14 Tagen höchstens 3 
Wochen die Scharteken in meinen Händen habe, sauber, correct 
u. unfrankirt. Ich will Dir die Copialien als ehrlicher Kerl augen- 
blicklich erstatten, u. willst Du ein Partitchen für die Mühe neh- 



348 



men, so find ich das natürlich ganz in der Ordnung, u. werde mit 

jeder Precision einverstanden sein, welche Du etc. etc. etc. Bin ich 

nicht ein ordentlicher Geschäftsmann? 

Aber im Ernst, die Sachen sind folgende: 

N. B. (die Suiten für Orchester von Seb. Bach aus h moll 



und die andere aus D dur 



mit den Trompeten, besitze ich schon; die beiden brauche ich also nicht) 
aber von allen anderen Suiten ähnlicher Art, die sich dort auffin- 
den lassen, wünsche ich mir eine Copie. Namentlich erinnere ich 
mich einer Suite für Orchester aus C Dur, die auch mit etlichem 
Grave anfing, wonach ein All i kam, die bestimmt in Zelters Acten 
sein muß. Diese wünsche ich vor allem, u. dann wie gesagt alle 
ähnlichen Suiten, die Du dort eben für Orchester findest (d.h. für 
mehr als blos 4 Saiteninstrumente; die blos für Quartett brauche ich 
nicht). 



Ferner brauch ich eine Copie des Concerto grosso in G dur 




des Concertos für 3 Claviere in C Dur oder D dur (es existiert in 
beiden Tonarten) 



des Concerts für 2 Claviere in c moll 




349 



und des Concerts für 2 Claviere in C dür 

TfTV 

und des VioHn Concerts in a moll. 




Von diesem letzteren weiß ich nicht gewiß, ob es Zelter hatte, 
jedoch von allen vorhergehenden bestimmt. 
Von allen diesen Sachen natürlich nur die Partituren. 
Ferner hätt' ich gern die Partitur der Ouvertüre zu Brenno von 
Reichard. Die ist aber nicht bei Zelter, u. es ist die Frage, ob Du 
sie auftreiben kannst. Viel Belästigung mach Dir in keinem Fall 
drum, u. viel tausend Dank hab im Voraus für Alles. - 
Kannst Du von Friedrich d. Großen, außer der Ouvertüre zum re 
pastore die ich besitze, etwas finden so leg es ebenfalls dazu, na- 
mentlich hätte ich sehr gern ein Flötenconcert von ihm. 
Ich schreibe heut in einer wahren Geschäftswuth, drum verzeih, 
wenn wirklich ein Ochse gekommen ist, statt eines Briefes. Mei- 
nen Neuigkeiten Sack leere ich bei Mutter aus. Du bist mir auch 
noch einen Nibelungenbrief schuldig, Gere, mit Ansichten und 
apercu's. Laß mich nicht zu lang daraufwarten. Was treibst Du? 
Wie lebst Du? Ich dirigire soviel Abonnement- Concert, daß ich 
selbst eigentlich zum Taktstock werde. Mme. Ole Bull ist auch 
einzig. 

Sag Paul, ich wäre gestern Abend wieder mit Wigand 24 im Tun- 
nel 25 gewesen [. . .] Es gab Schoten mit Talg, und Blumenkohl mit 
Seifenschaum. Ferner Pastetenteig, wo gar nichts drin steckte, und 
ebensolche Reden, u. Toaste. Wir haben vor 2 Tagen das gelun- 
genste Concert gegeben, das ich hier wohl erlebt. Aber wie gesagt 
an Mutter will ich noch schreiben. Also Adieu. Verzeihen Sie etc. 
etc. Dein Felix. 



350 



fanny an felix 26 Berlin, 9. Dezember 1840 

Lieber Felix, ich will Dir sogleich Bericht erstatten, wie ich Deine 
Commission ausgeführt. Erstlich sah ich im Adreßbuch nach Run- 
genhagens Sprechstunde (Heinrich Beer hat auch eine) u. da ich 
fand 7-8 Morgens u. 4 Uhr Nachmittags, so mußte ich versuchen, 
ob er wohl auch zu einer andern Stunde sprechen könne, denn 
von 7-8 ist meine Schlafstunde, u. 4 meine Freßstunde, ich ging 
also getrost nach dem Caffee diesen Morgen hin, geschmückt mit 
allen Reizen, die die Jahreszeit bietet, als: item: eine rothe Nase, 
mit dem einen Eiszapfen dran, etc., u. warf mein Anliegen auf den 
Herrn Rungenhägelchen, u. der erhörte mich, u. war sehr graziös, 
u. meinte, er u. Alles was er besäße wäre zu Deinen u. meinen 
Diensten. Gerathe jetzt aber nicht in Wuth, weil Du glaubst, ich 
dächte, diese Partituren gehörten ihm, ich weiß recht gut, es war 
nur eine Redensart von mir, sie gehören Zelter auch nicht, sondern 
der Academie. Da ich nun in der Nebenstube Schülerinnen quiet- 
schen hörte, sagte ich (ich besitze nämlich Lebensart) ich wolle 
ihm das Verzeichniß der Sachen zuschicken u. wolle ihn nicht 
ferner stören, er aber: ich lasse Dich nicht, schreibe nur hier die 
Titel auf, u. darauf schmiß ich ihn aus Höflichkeit heraus zu seinen 
Schülerinnen, nachdem er mir Papier u. Feder angewiesen hatte. 
Eine Feder aber sage ich Dir, die war so grob, daß Zelter in seinen 
gröbsten Stunden höflich dagegen war, Dur konnte man allenfalls 
damit schreiben, aber moll gar nicht, u. dann lag ein blauer Lappen 
auf dem Tisch, damit wischte ich sie ab, sie war früher noch nie- 
mals abgewischt worden, auch glaube ich, seit dem sie der Gans 
ausgerissen wurde noch nicht geschärft [. . .] 
Als ich wegging, sah ich auf dem Ciavier stehn: Lieder ohne Wor- 
te, dem Frl. v. Woringen zugeeignet, sehet, welch eine Liebe! [...] 

felix an fanny 27 Leipzig, 22. Januar 1841 

[. . .] Dir, liebe Fanny, danke ich vielmal für Deine Bemühungen 
wegen der verlangten Manuscripte; was Du bei Empfang dieses 
Briefes noch nicht hast abschreiben lassen, das bitte ich Dich nun 
auch nicht abschreiben zu lassen. Es kam mir hauptsächlich auf 
Futter für unsere historischen Concerte an; da aber eins derselben 



351 



schon vorüber ist, und im nächsten, kommenden Donnerstag, 
schon bis Haydn vorgerückt wird, so kann ich die andern Sachen, 
namentlich den Friedrich den Großen, jetzt nicht mehr brauchen, 
u. danke Dir vielmal für alle Mühe, u. bedaure herzlich daß Du 
mit so wunderlichen Leuten noch Belästigung u. Verdruß gehabt 
hast, wie ich aus Deinem vorletzten Brief entnehme. Freilich ist es 
das Schlimmste, daß die Philister gewöhnlich die wahren Philister- 
tugenden niemals besitzen, und so confus sind, wie das göttlichste 
Genie. Das es eigentlich auch gar nicht zu sein braucht. S. Hr. v. 
Goethe et alia animalia -[...] 

fanny an felix 28 Berlin, 29. Januar 1841 

Lieber Felix! nachdem ich Dir die Nachricht gegeben, daß Rebek- 
ka sich wieder einen Zahn hat ausziehn lassen, u. nun sich wohl 
befindet, Gott gebe auf lange! denn es war gestern einmal wieder 
ein schrecklicher Tag! will ich Dir von Eckerts Oratorium 29 be- 
richten, das mich doch sehr überrascht hat, ich finde es für das 
Alter namentlich, ein sehr schönes Werk. Um zuerst auf le moral, 
wie der Franzose sehr französisch sagt, zu kommen, so war der 
Saal etwa halb voll, u. er wird knapp auf seine Kosten gekommen 
seyn, war indeß, als wir ihn nach der Aufführung sprachen, sehr 
vergnügt. Die Chöre gingen vortrefflich, höchst brillant u. leben- 
dig, das Orchester, so so lala, von den Solosängern war Mantius u. 
Bötticher sehr gut, alles Andre schlecht, u. leider die Hauptparthie 
höchst kläglich, so wie denn bekanntlich jetzt alle unsre Sängerin- 
nen tragisch, komisch, brillant u. solide, durch die einzige Faßman 
repräsentirt werden, der arme Eckert war auf die Hofkunz 30 ange- 
wiesen, u. die that was sie kann, sie kann aber leider blutwenig. 
Seine Schule verläugnet Eckert eben nicht, es hat uns sehr amüsirt, 
wie er Dein Dirigiren, man kann eben nicht sagen, kopirt, aber 
sehr gut angenommen hat, er hat es äußerst hübsch gemacht, sah 
nett dabei aus, u. war voller Leben, was ich ihm früher am Wenig- 
sten zugetraut hätte. Du mußt ihm etwas göttlichen Odem in die 
Nase geblasen haben. Was nun die Musik selbst betrifft, da begeg- 
net man Dir auf jedem Schritt und Tritt, das finde ich aber ganz 
recht, da es selten zur förmlichen Nachahmung wird, u. da es doch 
auch an originellen Zügen, u. sehr guter, tüchtiger Arbeit nicht 



352 



fehlt, das meiste Fehlerhafte drin scheint mir jugendlich, u. ich 
glaube gewiß, er ist auf dem besten Wege, Dank sey es Dir, den er 
denn auch wahrlich anbetet. Ich glaube, er wäre zur Stunde schon 
ein recht tüchtiger Dirigent. 

Sonntag hab ich, wie Du bereits von Mutter wissen wirst, Deinen 
Psalm 31 singen lassen, der nach 2 Proben überraschend gut ging. 
Es war ein, für die blaue Stube, imposanter Chor von 25 Personen 
versammelt, u. er ist gerade jetzt sehr gut komponirt, so daß es 
wirklich mächtig klang. Wir nahmen ihn zu Anfang, u. mußten 
ihn am Schluß wiederholen. Wie freue ich mich darauf, Deinen 
Lobgesang 32 einzustudieren! Bekomme ich ihn bald? [. . .] 
Der Luise Nitschmann 33 habe ich, hoffend, daß Ceciles Eifersucht 
nicht bei Nennung ihres Namens von neuem erwachen wird, in 
Deinem Namen für einen rh. Holzmarken gegeben, u. werde, 
wenn Du nichts dagegen hast, in einiger Zeit dasselbe thun. Von 
uns bekommt sie Suppenmarken u. Arbeit u. so kann sie wenig- 
stens existiren. Wenn es uns gelänge, aus diesem elenden Gerippe 
wieder eine menschliche Gestalt herzustellen, so könnten wir 
wirklich sagen, wir hätten ein gutes Werk gethan [. . .] 

felix an fanny 34 Leipzig, 14. Februar 1841 

Salut et fraternite, Fenchel! 

Hast Du den zornigen Brief gelesen, den der chinesische Kaiser 
aus Lin mit dem carmoisinrothen Pinsel geschrieben hat? Wäre 
dergleichen bei uns Mode, so schriebe ich Dir heut mit dem gras- 
grünen Pinsel, oder mit dem Himmelblauen, oder wie sonst der 
vergnügte Pinsel sein möchte, als Dank für Deine u. Sebastians 
vortreffliche Episteln 35 , zu meinem u. Carlchens Geburtstag 36 . 
Schönen Dank, mein lieber Fenchel, schönen Dank, mein alter 
Junge. Auch für Dein gutes, freundliches Interesse am getreuen 
Eckert habe noch nachträglichen Dank; wohl ist er schonjetzt ein 
braver, brauchbarer Musiker, und weiter sollte sich eigentlich nach 
meiner Meinung (die ich zuweilen 24 Stunden lang beibehalte) 
kein Mensch um den andern kümmern; ob einer außerordentlich, 
einzig u. dgl. wird, ist eine reine Privatangelegenheit. Brav und 
brauchbar soll aber ein jeder in der Welt sein; und wer's nicht ist, 
auf den soll und muß geschimpft werden, vom Schuster bis zum 



353 



Hofmarschall. Wenn Eckert nur jemals dem Einfluß der Fürst- 
wirthschaft entwachsen lernte, so würde er gewiß was Besseres 
werden, u. machen; aber das ist freilich ein Punct, über den schon 
das leiseste, indirecteste Wort ein Unrecht wäre, u. wenn er's nicht 
selbst fühlen lernt, daß das eine böse Wirthschaft ist, so wird er das 
halbe, mattherzige Hofrathwesen sein Lebenlang nicht los wer- 
den. Von allen jungen Leuten die ich hier gehabt u. gesehen habe, 
ist er der gutmüthigste, u. durch u. durch argloseste - das sind zwei 
herrliche Eigenschaften. 

Ja, von Deinen Sonntagsmusiken schreib mir nur gar nichts mehr, 
es ist ja eine Sund u. eine Schand 37 , daß ich sie nicht selbst gehört 
habe, und mir läuft jedesmal das Ohr voll Wasser (wieder ein 
unappetittliches Bild), wenn ich von all Deinem schönen Musik- 
machen erzählen hören muß. Bedanke mich auch für die schöne 
Aufführung meines Psalms; Du hast gewiß Grell dabei übergan- 
gen! der Lobgesang soll mit nächstem seine Aufwartung machen; 
Mme. Decker wird das Recitativ recht bitter losschmettern. Einen 
schönen Briefstengel schreibt Rungenhagen aber, u. dabei muß ich 
ein Paar Zeilen an Mutter einschalten. 

»Liebste Mutter! Tausend Dank für all Deine Mühe, u. für den 
Rungenhaglichen Brief, den ich vorgestern nach Abgang des mei- 
nigen erhielt. Ich sagte Dir darin schon, daß ich jetzt nichts mehr 
brauche, u. alles von Dresden habe; doch bitte ich Dich, wenn Du 
ihm wiederschreiben oder ihn sprechen solltest, zu bemerken, daß 
mir allerdings bei den Chor- und Solostimmen, welche Du mir 
geschickt hast, mehrere gefehlt haben, und daß ich also, wenn sich 
die besagten 39 überzähligen Stimmen der Sing-Akademie als die 
meinigen ausweisen sollten, dieselben oder eine Abschrift davon, 
wie er es anbietet, wohl in Anspruch nehmen würde. Indessen 
bliebe das besser bis ich einmal selbst nach Berlin wiederkäme, u. 
die Stimmen vergleichen könne. Auch wäre es möglich, daß ich 
die Orchesterstimmen noch für dies Frühjahr brauchen könnte, 
jedoch unwahrscheinlich; u. deshalb dankte ich für jetzt nur für 
die freundliche Absicht, sie mir zu leihen, ohne daß ich davon 
Gebrauch mache.« - 

Wenn ich mich aber ärgere, daß ich Deine Sonntagsmusiken nicht 
höre, so ist's auch ärgerlich, daß Du keines unserer recht brillanten 
Abon. Concerte hörst. Ich sage Dir, wir glänzen unendlich, in ben- 



354 



galischem Feuer. Neulich im letzten histor. Concerte, Beethoven, 
wurde plötzlich Hr. Schmidt 38 krank, u. konnte den Liederkreis an 
die ferne Geliebte nicht singen; mitten im ersten Theile sagt David 
»da oben sitzt die Devrient« 39 , die war den Morgen mit der Eisen- 
bahn gekommen, u. mußte 40 den nächsten Morgen wieder zurück. 
Ich geh also in der Pause hinauf, mache mich niedlich, u. sie will 
die Adelaide singen; hierauf wurde ein altes Ciavier aus dem Vor- 
zimmer aufs Orchester gebracht, das wurde 4mal applaudirt, weil 
die Leute die Devrient ahndeten 41 , hieraufkam sie in einem sche- 
bigen 42 Reisecostüm, u. Leipzig jubelte, wie toll, u. brüllte unend- 
lich; sie nahm ihren Hut vor Publico ab, u. wies verschämt auf den 
schwarzen Überrock, u. ich glaube sie applaudieren noch. Dann 
sang sie schön, u. man blies Tusch, u. klatschte bis vom Überrock 
keine Schleife mehr zu sehen war, dann wurde das Ciavier wegge- 
bracht, dann ging die d Symphonie los; vortrefflich im ersten Stück; 
aber ein fataler Unfall störte das 2te u. den frischen Fortgang des 
Ganzen übrigen: plötzlich im Trio d dur kommt das Hornsolo 
nicht, auch gar kein Versuch dazu, endlich muß es David auf der 
Geige spielen - kurz der erste Hornist ist mitten in der Aufführung 
so krank geworden, daß er das Hörn nicht mehr halten kann, be- 
täubt da sitzt, u. nach dem Scherzo in einer Portechaise nach Haus 
getragen werden muß. So was wirkt denn unwiderstehlich aufs 
ganze Orchester ein. Das nächstem, würfeln wir wieder Molique, 
Kalliwoda u. Lipinsky durcheinander u. sind also, nach Francks 
gutem Witz, von Adam bis Holtei gelangt. 

Fenchel, morgen ist Taufe! 43 Mein Kopf ist voll Choc. u. Prophe- 
tenkuchen, sagt Cecile eben. Gestern kam Mühlenfels' Brief, nun 
ist morgen Taufe. 25 Personen incl. den Pastor u. uns 2, exclusive 
die Hauptperson, u. deren Geschwister. Er muß Paul, Felix, Abra- 
ham heißen, sagt Cecile eben wieder. Die Gevattern hab ich im 
gestrigen Brief an Paul benannt; leider kann Mühlenfels nicht bei 
uns wohnen, weil fast auf jeder Stube eine Amme oder ein Kind 
jetzt bei uns kommt. Eben liest mir Cecile einen sehr groben Brief 
vor, den sie an Dem. Marggraf geschrieben hat, weil die immer 
noch nicht die versprochene Haube zu morgen geschickt hat. Das 
ist doch recht grob! sagt sie, u. freut sich über ihre Bosheit. Es ist 
aber an der Sache nichts. Sie hat sich das mausgraue Kleid von 
Mutter zur Taufe machen lassen. Adieu. Felix. 44 



355 



fanny an felix Berlin, 2. März 1841 

Es ist wol in den Jahrbüchern unsrer Correspondenz noch nicht 
da gewesen, daß ich erst in der dritten Woche auf einen Deiner 
Briefe geantwortet hätte, lieber Felix, aber bei uns stand Alles auf 
dem Kopf, oder war vielmehr, wie Humboldt sagt, horizontal. Als 
Dein Brief ankam, lagen wir Beide, mein Mann u. ich, krank zu 
Bette, ich habe mich rasch wieder herausgemacht, mein Mann 
aber war recht übel dran. Dann kam die Reihe an Beckchen, und 
an meinen armen Bax, der zehn Tage mit offnen Frostwunden an 
beiden Füßen dagelegen, u. erst seit vorgestern wieder einiger- 
maßen auf denBeinen ist. Er hat sich diesen Grad des Uebels meist 
durch seinen Fleiß zugezogen, da er schon die letzten 14 Tage nur 
mit Mühe nach der Schule hinkte, u. dennoch nicht zu bewegen 
war, auch nur einen Tag zu fehlen, er hat nun 8 Primusstellen 
eingebüßt, u. wenn Du Dich noch aus Deiner Schulzeit erinnerst, 
was das für einen Jungen heißen will, so wirst Du Dich nicht 
wundern, daß es bittre Thränen kostete, als wir ihn endlich zwan- 
gen, zu Haus zu bleiben. Der Winter ist aber auch endlos hart u. 
böse, ich versichere Dich, die Schneemassen, die wir nun schon 
seit vier Monaten ununterbrochen im Garten hegen sehn, ermü- 
den meine Seele noch mehr als meine Augen. Noch jede Nacht 
gefrorne Fenster, am Tage ein bischen nothdürftiges Thauwetter 
in der Sonne [...] Uebermorgen findet wieder ein sogenanntes 
Dilettantenconcert statt, ziemlich als moutarde apres diner, da 
doch hoffentlich die größte Noth für diesmal vorüber ist. Ich wer- 
de Dein Trio 46 spielen, eigentlich hätte ich sollen für den Concert- 
saal die Serenade 47 wählen, aber die hegt mir gar nicht fingerge- 
recht, u. ich habe sie noch nicht können spielen lernen, während 
das Trio, das vielleicht nicht weniger schwer ist, mir bequem hegt, 
u. da ich das öffentliche Spielen doch gar nicht gewohnt bin, so 
muß ich dazu etwas wählen, das mich nicht beunruhigt. Diese 
Sorge wird übermorgen beseitigt seyn, dann kommt eine große 
Andre. Ich weiß nicht, ob eins der Geschwister Dir schon geschrie- 
ben hat, daß wir zu Mutters Geburtstag eine fete monstre beab- 
sichtigten, wozu wir drei Familien uns vereinigen wollen. [. . .] Wie 
ist es aber mit Euch? kommt Ihr? wann kommt Ihr? Die Garten- 
wohnung über uns, die Paul für den Sommer gemiethet hat, steht 

356 



zu Eurem Empfang bereit, sobald Ihr Euch meldet. - Wenn Du 
bedauerst, unsere Sonntagsmusiken nicht zu hören, so bedaure ich 
wol mit etwas mehr Recht, Eure Concerte nicht zu hören, Deinen 
Lobgesang hätte ich gar zu gern einmal mit Orchester gehört. 
Wenn Du übrigens herkommst, soll Dir die beste Sonntagsmusik 
vorgeritten werden, zu der ich fähig bin, obgleich ich schon heut 
sehe, wie ich mich ängstige, u. gar nichts anzufangen weiß, u. Dich 
zu allem um Rath frage, obgleich ich mich recht gut zu behelfen 
weiß, wenn ich allein bin. [. . .] 



felix an fanny Leipzig, 13. März 1841 

Liebe Fanny, 

ich kann nicht zum Geburtstagsfest 49 kommen, das ist eine ver- 
drießliche Nachricht, die ich Dir als Comitechef melden will, da 
es einmal nicht zu ändern ist. Wie gern ich in Eure Fete hineinge- 
schneit wäre, brauche ich nicht erst zu sagen; hatte ich mich doch 
zuerst angemeldet u. selbst eingeladen, u. glaubte ich doch den 
ganzen Tag nachher steif u. fest, ich würde es möglich machen 
können. Nun reist aber David nächste Woche nach London, daher 
muß heut die letzte Quartettsoiree sein, Dienstag ist wieder Probe, 
Nachmittags, Mittwochs Pr. mittags, etc., etc., kurz - es geht eben 
nicht, u. ich muß leider, leider den schönen Gedanken aufgeben. 
Im April hoffe ich vielleicht auf ruhigere, längere Zeit kommen zu 
können, aber auch das Hegt noch in weitem Felde, u. den guten 
Geburtstag hätte ich gern vorweg geschnappt. Wie gesagt, es geht 
nicht [. . .] 



fanny an felix 50 Berlin, 13. Juli 1841 

[...] Mit den Liedern von der Lang 51 nun ist es wieder einmal 
komisch gegangen. Mehrere Tage vorher hatte mir Trautwein ein 
Pack neuer Sachen geschickt, u. just den Tag ehe Paul zurück 
kommt, spiele ich es durch, finde, nach vielen Neuigkeiten, bei 
denen ich nicht über die ersten zehn Takte fortkommen kann, die 
Lieder der Lang, die mir so gut gefallen, daß ich sie spiele u. wieder 
spiele, u. mich nicht davon trennen kann, u. sie endlich bei Seite 
lege, um sie zu behalten, den ganzen Tag habe ich besonders das 



357 



eine Altlied gesungen u. allen Leuten davon erzählt, da kommt 
Paul den andern Morgen, u. bringt sie mir von Dir. Es war mir 
ordentlich angenehm, daß mich das Schicksal diesmal davor be- 
wahrt hatte, ein Papagei zu seyn, wenn ich Dein Urtheil über 
etwas kenne, bin ich immer ungewiß, ob ich nur nachfinde, oder 
wirklich auch finde. Die Sachen sind so recht musikalisch in tief- 
ster Seele, die Modulationen oft so sinnreich u. eigen, daß ich 
große Freude daran habe. Wenn ich sie in München kennenge- 
lernt hätte, würde ich ihr gewiß schreiben, um ihr das auszuspre- 
chen. - Hier haben wir jetzt die Pasta 52 , die [...] eine sehr liebens- 
würdige, freundliche, einfache, wirklich angenehme Frau ist. Auf 
der Bühne habe ich Norma, u. einige Scenen aus Othello u. Semi- 
ramis von ihr gesehn. Norma war, schon als ganze Vorstellung, bei 
Weitem das Bedeutendste. Ich kann Dir nicht sagen, wie freudvoll 
u. leidvoll mir dabei zu Muthe war. Ihre Meisterschaft ist ganz 
außerordentlich, die Nuancen in der Stimme, namentlich ein ge- 
waltiges Crescendo, ihre Art Rezitativ vorzutragen, deren Du 
Dich ja gewiß erinnerst, einzig, die nobelsten u. geschmackvoll- 
sten Verzierungen [. . .], nun aber haben die Mängel der Intonation, 
die sie immer soll gehabt haben, dermaßen zugenommen, daß sie, 
namentlich in den tiefern Tönen fast fortwährend zwischen einem 
8tel u. einem 4tel Ton zu tief singt, was das für eine Qual ist, das 
kann man nicht aussprechen. Es ist so arg, daß man zuweilen ganz 
in Verwirrung geräth u. nicht mehr weiß, was man hört. Nun muß 
man sich also fortwährend über dies Leiden hinwegarbeiten, um 
zur Bewunderung ihrer Größe zu gelangen, daß dabei kein eigent- 
licher Genuß stattfinden kann, denkst Du Dir wol, u. doch hatte 
sie in der Norma Momente, die ich nie vergessen werde. Ihre 
hohen Töne sind übrigens viel reiner, u. je länger sie singt, je mehr 
klärt sich ihre Stimme. Daher sind auch [. . .] ihre größten Enthu- 
siasten die nicht-Musikalischen, z.B. mein Mann, der förmlich 
böse wird, wenn mich ihr unrein Singen stört. [. . .] Ich höre von 
einem neuen Psalm 53 von Dir, der wunderschön seyn soll, u. von 
ernsthaften Variationen 54 , auf die bin ich denn sehr neugierig [. . .] 



358 



felix an fanny und rebecka Leipzig, 20. Dezember 1842 

Liebe Schwestern, 

Die Symphonie 56 kam vor wenig Tagen. Die würde sich Mutter 
haben von Euch vorspielen lassen. 57 So schicke ich sie denn auch 
jetzt noch. Ich habe kein ordentliches Weihnachtsgeschenk; es ist 
mir noch gar zu wüst im Kopf, und mein erster Gang in die Stadt 
heut früh (um einen Baukasten u. eine Fibel zu kaufen) hat mich 
so müde gemacht, daß ich nichts thun kann, als auf meinem Zim- 
mer sitzen, u. Blasinstrumente schreiben, u. denken, wie es vor 
einem Jahr war etc. etc. Nehmt heute mit dem guten Willen vor- 
lieb. Ein Fest für uns ist es diesmal doch nicht. Bleibt mir gut. Euer 
Felix MB. 



felix an fanny 58 Leipzig, 13. Januar 1843 

Liebe Schwester 

Ich wollte Dir schon lange mal ordentlich schreiben, aber jetzt habe 
ich es verschoben, bis eine langweilige Geschäftssache mich dazu 
zwingt. Verzeih mir das. Ich brauche nämlich die beiden Partituren 
welche E. Ritz von dem es dur und dem g dur Concert von Beet- 
hoven gemacht hat, und muß Dich bitten, sie mir sobald als mög- 
lich zu schicken. Sobald ich kann schicke ich sie dir zurück; es ist 
nicht für mich selbst, sondern für Jemand anders, der sehr damit 
eilt, deshalb bitte ich Dich auch meinen Wunsch unverzüglich zu 
erfüllen u. die Sache der Eisenbahn oder Fahrpost zu übergeben. 
Wir leben hier so still fort, und wenn's noch stiller wäre, wär's 
noch besser. Die Tage, wo wir uns gar nicht aus dem Hause zu 
machen brauchen, als eben zum Spaziergang, und niemand sehen 
und von nichts hören, sind die besten. Aber deren sind leider nur 
wenige; die Geschäfte und Arbeiten (äußerliche) drängen sich 
auch diesmal wieder sehr, und machen mich recht wüst. Wogegen 
das ruhige Notenschreiben, in dem kleinen Kämmerchen, das ich 
mir dazu eingerichtet habe, mein bestes und einziges Trost- und 
Erfreuungsmittel ist. Ich hatte, wie ich Dir schon früher schrieb, 
zum Glück die ganze Walpurgisnacht umgeschrieben 59 , aber blos 
den 4stimmigen Chor, weil es in 8 Tagen gesungen werden sollte, 
und die Proben schon angefangen hatten; nun war noch das ganze 



359 



Orchester aufzuschreiben, und die Masse kleiner Details, die da 
hineinkommen müßten, waren das erste und einzige, wie gesagt, 
was mich beschäftigte, nicht blos scheinbar. Sie ist jetzt längst fer- 
tig, und ich glaube, selbst Du, die das Frühere so genau kannte, 
wie keine Seele außer mir, wirst Dich wundern, wie unglaublich 
das Ganze nun besser geworden ist. Ich kann jetzt den Gedanken 
gar nicht leiden, daß irgendjemand es in der ersten Bearbeitung 
kennt; denn alles, was gut drin war, und geblieben ist, bekommt 
erst seine rechte Bedeutung, indem das Mangelhafte und Verfehlte 
weggefallen und ersetzt ist. 

Das bringt mich nun wieder auf die alte Bitte, uns bald mit Seba- 
stian zu besuchen. Die Tage mit Dirichlet u. Walter 60 waren rechte 
Lichtpuncte; gönnt uns bald ähnliche. Wir wollen Dir nicht blos 
die Walpurgisnacht, sondern alles, was Du gern hören willst, auf- 
führen; unabhängig vom Repertoir. Dies letztere wird in diesen 
Tagen fertig gemacht, bis Ende des Winters, und ich schicke es 
dann Dir und Paul damit Ihr Euch wie ich hoffe, eines oder das 
andere aussucht, was Ihr hören wollt. Sage das dem Paul. Und sieh 
zu, daß Du unsere Hoffnung erfüllen kannst. Und hat Sebastian 
seine Bedingungen gehalten? Ich laß ihn fragen. (Bitte aber zu 
bemerken, daß ich ihn auch im anderen Fall erwarte; - das darf er 
freilich nicht wissen.) 

Wäre ich Du, ich persuadirte Hensel, den Malstock u. die Palette 
mal ein Weilchen bei Seite zu stellen, und käme mit Mann u. 
Maus, ich meine mit Kind und Kegel, ich meine mit ihm u. dem 
Hähnchen - Du verstehst schon. 

Eine neue Symphonie von einem Dänen, namens Gade, 61 haben 
wir gestern probirt, und bringen sie im Laufe des nächsten Monats 
zur Aufführung, die mir so viel Freude gemacht hat, wie seit langer 
Zeit kein neueres 62 Stück. Der hat ein großes, bedeutendes Talent, 
und ich möchte, Du hörtest diese ganz eigenthümliche, sehr ernst- 
hafte, durch u. durch interessante u. wohlklingende dänische Sym- 
phonie. Ich schreibe ihm heut ein Paar Zeilen, obwohl ich gar 
nichts weiter von ihm weiß, als daß er in Kopenhagen lebt, und 26 
Jahr alt ist, doch muß ich ihm für die Freude danken; es giebt 
wirklich kaum eine bessere und schönere neue Musik 63 zu hören, 
u. sich mit jedem Tact mehr zu verwundern, u. doch mehr zu 
Haus zu fühlen. Käme es nur nicht so selten. 



360 



Zwei hübsche grüne Goldschnitteinbände hab ich mir aus den 
Compositionen von Dir machen lassen, die ich hatte. Du könntest 
mir wohl etwas von den neuen auch mal copiren lassen; es freut 
mich so sehr. 64 Grüße alle die deinigen u. alle im Hause u. in der 
Jägerstraße. Dein Felix. 

fanny an felix Berlin, 17. Januar 1843 65 

[. . .] Wir leben wie Ihr, still, Woche um Woche bei Dirichlets, u. 
uns des Abends. Wenn wir so über den Hof gehn, an der Treppe 
vorbei, die wir so viele Jahre täglich auf u. abgestiegen sind, das ist 
immer ein bittrer Moment, u. wenn die immer hellen Saalfenster 
dunkel da stehn. Wir haben gute Zeit gehabt, u. eine frohe Jugend, 
wie Wenige, u. es vergeht keine Stunde, in der ich nicht dankbar 
gerührt daran zurück dächte. [. . .] Dabei ist unser Haus jetzt so sehr 
einsam, u. namentlich das Gartenhaus nur allein von uns bewohnt, 
daß wir uns mehr als gewöhnlich einschließen, u. ich doch zuwei- 
len das Gruseln nicht lassen kann, namentlich wenn es stürmt, u. 
Alles klirrt u. klappert u. rasselt, als wollte es Einem über den Kopf 
zusammen fallen. 

Was Du mir von dem dänischen Componisten schreibst, ist ja sehr 
interessant, der wird sich gefreut haben über DeinenBrief. Es thäte 
Noth, daß wir einmal wieder ein großes Talent bekämen, es ist gar 
zu wenig Nachwuchs da. Auf Deine Umarbeitung der Walpurgis- 
nacht bin ich auch sehr neugierig. Du weißt, wie schwer ich aus 
Gewohnheit dieser Art herauskomme, ich will mir aber alle Mühe 
geben. Wenn Du mir nur mein schönes Alt-Solo hast stehn lassen, 
womit ich, als junge Frau, als alte Frau, so viel Glück gemacht 
habe, die Erinnerungen an solche Triumphe verwischen sich nicht. 
- Ich wußte gar nicht, daß Du so viel Sachen von mir hättest, um 
2 Bände zu füllen, ich werde Dir gewiß, da Du es wünschest, 
wieder Material liefern, ich weiß ja ungefähr, was Dir gefällt. [...] 



felix an fanny 66 Leipzig, 11. Februar 1843 

Liebe Fanny, 

diese Zeilen schreib ich um Dir zu sagen (nicht ohne Ingrimm) 

daß das nächste Abonnement- Concert eins der schlechtesten, wo 



36i 



nicht das schlechteste wird, das wir in dem ganzen Winter gege- 
ben haben, und daß ich Dich also zum Concerte in der nächsten 
Woche nicht einladen kann. 67 Erlaß' mir die schriftliche Erzählung 
aller Umstände die uns zwingen statt der d moll Symphonie von 
Beethoven die a dur von Pape 68 , und statt der Bachschen h moll 
Messe eine Cavatine von Donizetti aufzuführen - genug, es ist so, 
u. ich hab's nicht ändern können. Nun entscheide Du, ob Du 
lieber zu meinem 69 schlechten Concerte aber recht bald (was auch 
sein Gutes hat) oder zu einem besseren Concerte, aber eine Wo- 
che später kommen willst (was sein Unangenehmes hat). 70 Ist Dir's 
um das Musikhören zu thun, so müßte ich allerdings zu der 
nächstfolgenden Woche rathen, da wir am 23ten das ArmenCon- 
cert haben, welches in jedem Fall interessanter wird, und in wel- 
chem wir auch wahrscheinlich etwas von mir wenn nicht aufFüh- 
ren doch probiren können. Sie sprechen von einer Wiederholung 
der Walpurgisnacht, an die ich jedoch bis jetzt nicht glaube; - Julie 
Schunck würde auch wohl gegen die Woche später nichts einzu- 
wenden haben, - aber wie gesagt, wir haben etwas dagegen einzu- 
wenden, weil wir Euch je eher je lieber bei uns haben möchten. 
Nun entscheide, und lass mich in zwei Zeilen wissen, ob Dienstag, 
ob Dienstag über 8 Tage. 

Bring mir doch von Dirichlet die ungebundenen Hegeischen 
Werke mit, die er für mich liegen hat. Bitte, vergiß es nicht. Und 
sage Paul, sein Geld hätte ich selbst in das Schuncksche Comptoir 
gebracht, und Julien gebeten, es per Post zu schicken. 
Ist der Dieb heraus? 71 

In der Leipz. Allgem. Zeitung steht ein Artikel, man habe einen 
frechen Einbruch in der Wohnung des Prof. D . . . bei Nacht ge- 
wagt: die Polizei habe ihn 8 Tage zuvor gewarnt, u. 8 Tage lang 
habe man alle Vorsichtsmaßregeln angewendet; aber da niemand 
erschienen sei, so habe man am <)ten die Wächter verabschiedet, 
u. in derselben Nacht sei der Einbruch verübt worden. Ich habe 
die Geschichte aus guter Quelle anders gehört, u. erzählt; auch 
verlängere u. verkürze, verdicke u. verdünne ich das Brecheisen 
fortwährend nach Umständen. - Mit oder ohne Spas bleibt die 
Sache aber höchst abscheulich. 
Grüß Alle, Alle! Lebwohl. Dein Felix MB. 



362 



felix an fanny Leipzig, 4. April 1843 

Liebe Fanny! 

Ich muß auf Dein freundliches Briefchen 73 ein Lebenszeichen von 
mir geben; viel mehr wird heut nicht werden; Cecile und die Kin- 
der sind wohl und munter; ich war gestern in Dresden u. bin heut 
früh wieder zurück, übermorgen muß ich wieder dahin, und muß 
bis zum Sonntag dort bleiben. Es war mir schon sehr hart ange- 
kommen, gestern auf 24 Stunden aus dem Hause zu gehen 74 , wie 
es übermorgen schmecken wird, daran will ich gar nicht denken. 
Indeß, ich habe mein Versprechen gegeben und muß also dran es 
zu halten, schwer oder nicht schwer; und da sich Cecile schon um 
14 Tage verrechnet hat, so denke ich am Ende, sie kann sich viel- 
leicht um noch 14 Tage verrechnet haben; und endlich hat uns ja 
Gott so gut und gnädig durch diese Zeit 3 mal hindurchgeführt, 
und da darf ich ja auch hoffen, daß er es diesmal wieder thun 
werde! - Aber schwer wird's doch, von Hause wegzugehen, das 
kannst Du denken; in den 2 gestrigen Proben war ich mehr mit 
den Gedanken zu Hause, als in der Musik. Doch singen sie den 
Paulus wunderschön, und ich hatte große Freude an den herrli- 
chen frischen Chören, die ich nirgends besser u. lebendiger gehört 
habe. 

Am Freitag Abend nachdem ich des Morgens an Paul geschrieben 
hatte, ist meine damals geäußerte Befürchtung zu unserem großen 
Schmerze eingetreten. Der Onkel Schunck ist gestorben, und sei- 
ne Kinder, die nun von Schlesien u. England herbeieilen erhalten 
unterwegs die Nachricht; doch versammeln sie sich nach und nach 
hier. Es ist auch für uns ein großer, unersetzlicher Verlust, der mir 
von ganzem Herzen nahe geht, und den ich nicht sobald verwin- 
den werde. 

Nun laß mich noch Deine Fragen beantworten. Über den Artikel 
von Berlioz kann ich Dir nichts sagen, denn ich habe seit ich wie- 
der hier bin keine musikalische Zeitung gesehen, und mag auch 
keine sehen. Herrn Lecerf habe ich aber bei seiner Durchreise 
gesehen, und lange ehe Dein Brief kam schon von ihm ein Schrei- 
ben wegen der Pohlenzischen 75 Stelle erhalten. Ich habe bei der 
Besetzung nicht im mindesten mitzureden, aber daß sich schon 
20-30 Bewerber von nah und fern gemeldet haben weiß ich, und 

363 



zweifle daß unter ihnen gerade Lecerf gewählt werden wird, weil 
er wie er selbst sagt, kein bedeutender Orgelspieler ist, und darauf 
gerade am meisten ankommt. 

Am Sonntag d. 3ost. April soll das Bachsche Denkmal eröffnet 
werden, so Gott will. Meine Absicht ist, den Abend vorher im 
Gewandhause ein großes Concert zu geben, mit Chören aus der 
h moll Messe, Solostücken, Orchestersachen etc. von ihm; am 
Sonntag Morgen nach der Kirche noch Orgelcompositionen von 
ihm in St. Thomas zu spielen, dann eine Motette von ihm singen 
zu lassen, und dann in einer Art Zug aus der Kirche an das Denk- 
mal zu gehn, wo der Rector der Schule, einige Stadträthe, u. wer 
sich sonst berufen fühlt, Reden halten, die Thomaner etwas sin- 
gen, und das Denkmal eingeweiht sein soll. So Gott will, so Gott 
will! 

Bist Du denn jetzt mit dem Frühjahr zufrieden? Schöner können 
doch Knospen, Regen, Sonnenschein, Gewitter u. Südwinde nicht 
ineinander verschmolzen sein, wie in diesen Tagen hier. Und der 
einzige Vogelsang dazu! 

Nun lebewohl; grüß Beckchen viel tausendmal, grüß Mann u. 
Hähnchen und das ganze Haus von Deinem Felix. 



fanny an felix Berlin, 2. Mai 1843 

Lieber Felix! Diese Zeilen erhältst Du durch Herrn Gounod, 77 
unsren römischen, u. Hausers Wiener Freund. [...] Sey ihm so 
freundlich, als es unter den grade obwaltenden Umständen mög- 
lich seyn wird, er hat gute Zeit mit uns verlebt, u. ist ein talentvoller 
Mensch. [. . .] Ist es denn wahr, hebe Cecile, daß Du die schönste 
Rococo Porzellanuhr vom König v. Sachsen bekommen hast? So 
wurde uns erzählt. Ach Leute, man hört gar nichts von Euch, Ihr 
schreibt so wenig, daß es ein Jammer ist. Es heißt auch, Du kämest 
in diesem Monat her, was dürfen wir hoffen [...]? 



felix an fanny 78 Leipzig, 2. Mai 1843 

Liebe Fanny, 

Gestern Abend 1/2 n Uhr wurde Cecile von einem gesunden 

Knaben 79 glücklich entbunden. Es geht ihr und dem Kinde Gott 

364 



sei Dank so wohl, wie man nur irgend wünschen und hoffen kann. 
Sie aß noch um 9 mit mir zu Abend, und obwohl sie den ganzen 
Nachmittag es schon geahndet hatte (wie sie mir heut sagte) so 
wollte sie nichts davon merken lassen, und ich merkte auch wirk- 
lich nichts, weil sie umherging, schrieb, las, und ganz wie gewöhn- 
lich vergnügt war. Um 1/4 auf 10 fing sie an zu klagen, und in 
weniger als anderthalb Stunden war das gesunde, dicke Knäblein 
da, das dem Paul, wie er damals war, aufs Haar gleicht, und seinen 
Eintritt in die Welt auch ebenso schnell und geschickt gemacht hat. 
Als Dr. Hammer kam, war er schon gebadet und lag in der Wiege; 
Cecile freut sich an seinem Athmen, und Schnarchen und Niesen, 
und sie ist so heiter und so wohl, daß ich heut wie alle Tage nur 
Gott danken kann, mir nichts zu wünschen weiß. Gott erhalte es 
so, daß ich Euch in der ganzen Zeit immer mit so glücklichem, 
leichtem Herzen schreiben kann, wie heut. 
Dieser Brief ist an die Geschwister mit, und nur an Dich, als unser 
jetziges Familienoberhaupt gerichtet. Sage die frohe Botschaft 
gleich an Onkel Joseph und die Tante, und an Benni und Alexan- 
der mit ihren Frauen, und grüße sie alle aufs Herzlichste von mir! 
Ich schreibe morgen wieder an Dich oder an Becken, und will wo 
möglich Euch jeden Tag Nachricht schicken. Immer Dein Felix. 

felix an fanny 80 Leipzig, 7. Mai 1843 

Gott sei Dank es geht so musterhaft wohl, wie man sichs nur 
irgend wünschen kann. Cecile ist so munter, und sieht so rund u. 
heiter im Gesicht aus, und die Augen blicken so froh, daß es eine 
einzige Freude ist; u. der Kleine erfüllt alle seine Pflichten voll- 
kommen. Ich kann Dir heut nur eilig schreiben, doch wollte ich 
Euch gern nicht länger ohne Nachrichten lassen. Hab tausend 
Dank für Deinen freundlichen, confusen Brief, mit u. ohne Gou- 
nod, halb von Beckchen etc. G. ist noch nicht zu sehen gewesen, 
also der Kaiserauftrag noch unausgeführt. Wohl haben wir ein 
Wunder-Rococo-Werk von einer Porzellan Uhr vom König v. S. 81 
bekommen; ich soll sie beschreiben; aber ich sage mit dem alten 
Schadow: Warum kommst Du nicht u. siehst sie Dir an? Und so 
Gott will kommst Du ja bald, und da werd ich dem Augenschein 
nicht vorgreifen. Eben geht Claus weg, u. sagt: »das nenn' ich mir 

365 



doch einmal eine gesunde Wöchnerinn!« So erhalte es der Him- 
mel! Auf baldig frohes Wiedersehen! Dein Felix. Grüße Alle. 



felix an fanny Leipzig, 13. November 1843 

Liebe Fanny 

Glückwünsche, allerherzlichste, allerfröhlichste soll der Brief brin- 
gen, und soll Dir am morgenden Tag, wo alle die Deinigen sich 
Deiner u. Deines Lebens freuen auch uns Leipziger als die Deini- 
gen ins Gedächtniß zurückrufen! Sei gesund u. glücklich u. verän- 
dere Dich nicht, u. es verändere sich um Dich nichts - das sind ja 
die einzigen Wünsche, die man sagen kann! Gar zu gern wären 
wir schon zu Deinem Geburtstage in Berlin gewesen; aber es war 
durchaus nicht einzurichten. Mariechen hat uns vergangene Wo- 
che einen rechten Schreck gemacht; wir glaubten, sie hätte das 
Scharlachfieber, das hier sehr grassiert. Zum Glück war es aber nur 
ein Abend u. eine Nacht, daß die Möglichkeit da war; am nächsten 
Morgen hatte sie so ruhig geschlafen, u. befand sich soviel besser, 
daß wir alle Besorgnisse fahren lassen konnten; aber es war ein 
schlimmer Abend! Seitdem ist sie mit jedem Tag besser geworden, 
u. nur ein entsetzlich starker Schnupfen ist zum Vorschein gekom- 
men, der das Kind ganz knorrig u. verdrießlich macht. So Gott 
will, wird sie bald wieder ihre alten Farben, und ihre alte Munter- 
keit bekommen, und dann denken wir nächste Woche, eben Mitt- 
woch oder Donnerstag über 8 Tage in Berlin einzubrechen. 
Heut ging B. Souchay 83 hier durch; der war noch ganz entzückt 
von Eurer Freundlichkeit u. namentlich von Deinen Sonntagmor- 
gensoireen und dem musikalischen 2ten Teile des Faust. 84 Werde 
ich den und die nun auch bald zu hören bekommen? Sag ja, Fen- 
chel! Geburtstagsfenchel, Cantorgesicht, Drude, Catomutter, lebe- 
wohl, auf baldig Wiedersehen! Bleibe mir gut, denk unser am 
frohen Geburtstag und habe Dank, daß Du so bist, wie Du bist. - 
Poetisch klingt das nicht, aber wahr ists. Immer u. ewig, Dein 
Felix. 



366 



felix (und cecile) an fanny 85 Leipzig, 21. November 1843 

Auch ich vereinige meine Bitte um Allmosen mit denen von 
Cecile, meine hebe Fanny; Wir reisen Sonnabend um 11 von hier 
ab 87 u. denken also so Gott will gegen 7 dort zu sein. Bitte besorg 
uns einen Wagen an die Eisenbahn, in den ich die Kinder u. 
Sachen packen u. so baldmöglichst in der Leipziger Str. sein kann. 
Unsere Möbel u. Geräthschaften sollen Mittwoch d. 29sten an- 
kommen, so verspricht uns der Spediteur. Vielleicht schick ich 
schon einiges voraus. Über die Stellung der Betten hat Cecile vor 
wenig Tagen an Paul geschrieben; ich aber möchte Dich noch 
bitten, das blaue große Zimmer mit den Sachen, die von uns noch 
dort geblieben sind (dem Sopha, den Stühlen etc. etc.) möglichst 
voll zu machen, damit es etwas meublirt aussieht, wenn wir hin- 
eintreten. Du verstehst mich schon; nur so hin u. her etwas zum 
Schein, wie man's damals in Rußland mit der Kaiserin machte; in 
den übrigen Stuben braucht nicht ein Stuhl zu stehen. Vielleicht 
können die Kupferstiche schon morgen mit der Eisenbahn abge- 
hen - gepackt sind sie meistens schon. In diesem Falle würde ich 
sie an Dich adressiren u. Dich u. Hensel dringend bitten, sie noch 
vor unserer Ankunft im blauen Zimmer aufzuhängen. Womög- 
lich die classischen auf die Hauptwand den Fenstern gegenüber, 
u. die Roberts [. ..] 88 u. sonstigen modernen auf die anderen 
Wände vertheilt. Die Scheindrucke u. Londoner Ansichten hätte 
ich nicht gern im blauen Zimmer. Überhaupt wenn noch etwas 
für die anderen Zimmer bliebe, desto besser. Aber alles das 
schließlich, wie Euch am besten dünkt. Verzeih, verzeih die Be- 
lästigung. Theile Paul die Nachricht unseres Kommens am Sonn- 
abend gleich mit. 
Immer Dein Felix. 

Ich denke meinen Flügel an die Wand zu stellen, die jetzt aus den 
beiden Nischen (der großen u. der zunächst dem Fenster) gemacht 
worden ist. Dies hätte vielleicht auf die Vertheilung der Kupfersti- 
che Einfluß. Könnte nicht Beckchens Flügel einstweilen an diesel- 
be Stelle gerückt werden? Von Bunten Bildern, die mit den Kup- 
ferstichen ebenfalls mitkommen werden, möchte ich durchaus 
nichts im blauen Zimmer haben. 



367 



felix an fanny Leipzig, 30. November 1843 

Liebe Fanny 

Tausend Dank für Deinen eben ankommenden sehr willkomme- 
nen Brief und für das bewilligte Speis-und-Trank-Allmosen. Hin- 
sichtlich der Kupferstiche u. Bilder sagt Cecile richtig, es wäre 
unverschämt von mir gewesen, Euch das auch noch aufzuhalsen, 
und wir hätten ja in den ersten 3 Tagen bis die Möbel kommen 
doch nichts anderes zu thun als sie aufzuhängen, also müßten wir 
es selbst thun. Ich pflichte ihr jetzt auch vollkommen bei, indeß 
vornehmlich aus dem Grunde, weil die Sachen erst morgen (Frei- 
tag) Abend ankommen werden, wie der Spediteur sagt, also zum 
Aufhängen 11. dgl. keine Zeit bleibt. Und dennoch möche ich eine 
Bitte thun, nämlich die, ein Paar ordentliche Arbeiter dazu anneh- 
men, und die Kupferstiche Sonnabend früh aus den Kisten sorg- 
fältig packen zu lassen, damit wir am Sonntag gleich mit Aufhän- 
gen (im Guten Sinn, ohne Würgen) anfangen können. Wenn Du 
das thust, so bitt ich Dich sämtliche Kupferstiche u. Bilder etc. 
vorläufig in die ehemalige rosa Stube hinstellen zu lassen, u. die 
Kisten nebst Zubehör auf den Boden zu verweisen. Die Frage ist 
aber immer noch ob sie zeitig genug auch für diese Bitte ankom- 
men. In keinem Fall fang mit dem Aufhängen an. Es geht heut 
Abend um 5 mit der Eisenbahn also 15 Kisten KM 1 = 15 gezeichnet 
an Deine Adresse ab. KM 1 = 6 und 8 = 11 enthalten die Kupferstiche, 
u. die bitte ich Dich also aufmachen zu lassen, wo möglich. No. 7 
u. 12 = 15 laß nur zugemacht stehen, etwa im entree oder wo Du 
willst. Nimm die Arbeiter jedenfalls für einigeTage, denn wir wer- 
den sie brauchen, u. sage Pauls Friederich, wenn er etwas Passen- 
des von Bedientensubjecten wüßte (er versprach mir sich umzu- 
thun) so möchte er mir die Candidaten oder den am Sonntag früh 
zwischen 9 und 11 schicken. Verzeih, verzeih! Aufwiedersehen 
Sonnabend mit dem 2ten Zuge! Dein Felix. 



felix an fanny 90 London, 13. Mai 1844 

4 Hobart Place Eaton Squ. 

Liebste Fanny, 

Ich hätte Dir schon längst schreiben müssen, wenn ich mein Le- 



368 



benlang so könnte, wie ich wollte. Dafür nahm ich mir aber we- 
nigstens vor, Dir meine glückliche Ankunft in London zuerst zu 
melden u. Dich zu bitten, sie Paul mitzutheilen; und so thue ich 
denn hiermit.. Es wurde mir freilich sehr schwer, von Frau u. Kin- 
dern wegzugehen, um so mehr, da Cecile wirklich noch immer 
nicht ganz wiederhergestellt war, u. auch die Kinder immer noch 
mit Husten u. anderem Ungemach zu kämpfen harten. 91 Gottlob 
empfange ich heut früh indeß gute Nachrichten von dort, u. hoffe 
auch bei meiner Rückkehr wird die Ruhe u. die Landluft besser 
gewirkt haben, als alle Medicin. Das gebe der Himmel; Du glaubst 
nicht, welch schlimme Tage ich in Leipzig auszuhalten hatte. - 
Die Reise hieher war so glücklich, wie sie nur sein konnte, na- 
mentlich die Ueberfahrt. Da mich Benni 92 sehr freundlich einge- 
laden hatte, und ich natürlich so lange bei Cecile in Frft. bleiben 
wollte, wie irgend möglich, so stieg ich auf einige Stunden vom 
Dampfboot ab 93 u. kam erst Abends spät auf der Eisenbahn in 
Cöln an. Des andern Morgens um 6 mußte ich per Eisenbahn 
weiter, u. konnte Luise 94 deshalb nicht aufsuchen; ist es mir irgend 
möglich, so hoffe ich es bei der Heimkehr zu thun. Dagegen be- 
suchte ich Mama Dirichlet in Aachen und fand sie in erwünschte- 
stem Wohlsein, herrlich munter u. jugendlich frisch [. . .] An dem- 
selben Abend um 9 Uhr brach ich in Ostend ein, u. hätte schon 
am Nachmittag des nächsten Tages hier sein können. Aber ich 
wollte raffiniren u. noch einmal die Nacht ruhig im Bett schlafen, 
u. es gelang: ich fuhr den Morgen um 1/2 9 mit der royal mail nach 
Dover, die ruhigste See u. kein Mensch krank auf dem Schiff, nur 
eine Nebelscene kurz vor der Ankunft, die ich Dir einmal münd- 
lich beschreiben muß weil sie gar zu schön war. Um 3 aß ich in 
Dover meinen chop; fuhr um 1/2 5 auf der Eisenbahn weg, die am 
Meeresstrand hinführt, unter den Kreidefelsen; und 1/2 9 Abends 
war ich richtig in Londonbridge, um 9 hier bei Klingemann 95 , den 
ich wohl, u. gut u. lieb wie immer fand, und der sich anhängen 
will. 

Wäre Cecile mit mir, so könnte es gewiß einen Englischen Auf- 
enthalt geben, so schön wie ich ihn nur je gehabt habe; denn alle 
Freunde sind so unverändert, u. hebreich u. zuvorkommend, daß 
es mich wahrhaft rührt. Freilich fehlt bei jeder Freude das Beste, 
wenn die Cecile nicht mit daran Theil hat; so sind mir denn die 



369 



vielen Beschäftigungen willkommen, die jeder Augenblick hier 
mit sich bringt, u. hoffentlich soll meine Arbeit nicht ohne Frucht 
bleiben; wenigstens höre ich sehr erfreuliche Nachrichten vom 
Philharmonie, u. geht es so weiter fort, wie vorgestern in der isten 
Probe (wo meine a moll Symphonie wirklich vortrefflich gespielt 
wurde) so hoffe ich in dieser Sache einen Dienst leisten zu können. 
Davon aber später mehr: 96 grüß Mann u. Kind u. Schwägerinn, u. 
Pauls; u. schreib mir auch einmal u. bleib mir gut [...] 97 

FELIX AN FANNY 98 Soden, 2$. Juli 1844 

Wenn Du nicht auf vierzehn Tage nach Soden kommen und mit 
mir die unglaubliche Behaglichkeit dieses Landes und Aufenthalts 
genießen kannst, so helfen alle Beschreibungen zu nichts. Und ich 
weiß ja leider, daß Du nicht kommst. Darum beschreibe ich aber 
auch wenig. Die Meinigen erholen sich mit jedem Tage mehr und 
mehr, und ich liege unter Aepfelbäumen und großen Eichen; in 
letzterem Fall bitte ich den Schweinehirten, daß er seine Thiere 
unter einen andern Baum treibt, um mich nicht zu stören (gestern 
vorgefallen!); ferner esse ich Erdbeeren zum Kaffee, zum Mittag 
und zum Abend, trinke Asmannshäuser Brunnen, stehe um sechs 
Uhr auf, und schlafe doch neuntehalb Stunden (wann gehe ich da 
zu Bette, Fanny?), besuche alle wunderschönen Umgegenden, 
treffe auf dem romantischsten Punkt Herrn B. (gestern vorgefal- 
len!), der mir neue und gute Nachrichten von Euch Allen giebt 
und mich Generalmusikdirector nennt, was mir hier so fremd 
klingt wie Dir Oberursal und Lorschbach und Schneidheim; fer- 
ner besuchen mich Lenau und Hoffmann von Fallersleben und 
Freiligrath gegen Abend, und ich bringe sie 1/4 Stunde weit über's 
Feld nach Haus, und wir sind Fehler in der Weltordnung, prophe- 
zeien Wetter voraus, und wissen nicht, was England in der Zu- 
kunft anfangen soll; ferner zeichne ich fleißig, und componire 
noch fleißiger (a propos, suche mir doch das Orgelstück in A dur 
heraus, was ich für Deine Hochzeit machte und in Wales auf- 
schrieb, und schicke mir's gleich umgehend her; Du kriegst es 
wahrhaftig wieder, ich brauche es aber. Nämlich ich habe einem 
englischen Verleger ein ganzes Buch voll Orgelstücke verspro- 
chen, und wie ich eins nach dem andern aufschreibe, fällt mir 



370 



plötzlich jenes alte wieder ein, und ich Hebe den Anfang, hasse 
aber die Mitte, und schreibe es ganz von Neuem mit einer andern 
Choralfuge, aber nun möchte ich es mit der alten vergleichen, also 
bitte, schick' sie her!) 

Ferner muß ich leider morgen nach Zweibrücken, und es ist mir 
gar nicht danach zu Muth; indeß giebt es in Dürkheim sehr guten 
Wein (wie mir glaubwürdige Zeugen versichern), und die Gegend 
soll sehr schön sein, und morgen über 8 Tage, so Gott will, bin ich 
wieder da. Als dann lege ich mich wieder unter die Aepfelbäume 
u.s.w. u.s.w. dal Segno. Ach wenn es doch immer so blieb! 
Ohne Spaß, der Contrast von diesen Tagen mit den englischen ist 
so merkwürdig, daß ich ihn mein Lebenlang nicht vergessen wer- 
de. Dort drei Wochen voraus nicht eine Stunde unbesetzt, und hier 
die ganzen heiteren Tage ganz frei, ohne irgend eine Beschäfti- 
gung, als die ich mir selbst mache (und das ist doch allein die 
fruchtbare, wohlthätige), und was nicht heut geschieht, geschieht 
morgen, und zu allem ist Zeit. In England war es übrigens diesmal 
wundervoll, - aber mündlich beschreibe ich Dir jedes dortige 
Concert und jeden hiesigen Brombeerenstrauch [. . .] 



fanny an felix" Berlin, 30. Juli 1844 

Lieber Felix, ich muß Deinen melancholischen Sodener Brief, 
worin Du mit viel Anschaulichkeit Dein Verhältniß zu Eichbäu- 
men, u. ihren Bewohnern schön aus einander setzest, nur gleich 
beantworten, u. mir wahrscheinlich Rüffel zuziehn, die ich aber 
gewiß nicht verdiene. Das Stück, das Du wegen Deines verwun- 
deten Knies zu meiner Hochzeit (schon über halb silbern) nicht 
fertig gemacht hast, habe ich auch nachher nie erhalten, kann es 
Dir daher auch nicht schicken. [. . .] Dein Sodener Leben muß aber 
eine schöne Idylle sein, wenn ich Dich so sehe, will es mir schei- 
nen, als kennte ich Dich noch nicht ganz, denn wenn Du Zeit hast, 
habe ich Dich noch nie gesehn, Du wirst darauf antworten, Du 
mich noch nie, wenn ich keine habe, eigentlich möchte ich einmal 
eine Reise mit Dir nach einer Gegend machen, u. Dich kennen 
lernen, wie Du die Tage im Grase liegst, u. nichts zu thun hast, 
habe aber keine Furcht, ich hänge mich doch nicht an, so kennst 
Du mich schon. [. . .] Wahrhaftig, ich finde mich dies Jahr sehr 



371 



philosophisch u. fast alt, da ich ruhig hier bleibe, Alles reisen sehe 
u. höre, u. kaum ein lebhaftes Verlangen danach habe, eigentlich 
hab ichs aber doch, u. vertröste mich schon mit der heimlichen 
Hoffnung auf übers Jahr, wo ich denke, daß wir mit unserm er- 
wachsenen Sohn ein bischen aufkratzen wollen, in seinen Ferien. 
[. . .] A propos - Andersen 100 läßt Dich u. besonders Cecile zärtlich 
grüßen. Daß Du ihn hast Märchen erzählen hören, weiß ich, denn 
ich erinnere mich, daß Carl drüber geweint hat, (der Junge hatte 
Recht) hast Du ihn aber jemals diese kindlichen Geschichten mit 
unglaublich naivem Vortrag vor lauter alten Leuten vortragen 101 
hören, wie ich gestern Abend? Das ist über alle Naturgeschichte, 
u. muß selbst gehört werden, wenn man es glauben soll. Ich ver- 
sichere Dich, ich war in Begriff, wieder an den Klapperstorch zu 
glauben, u. Puppe 102 zu fordern, so kindlich kam ich mir vor. [. . .] 
Du schreibst, Du komponirst viel, aber nicht was, denn bei einem 
Heft bestellter Orgelsachen wirst Du es wohl, wenn Du einmal 
fleißig bist, nicht bewenden lassen. [...] So will ich Dir denn auch 
erzählen, daß ich nach meiner Art fleißig bin, u. einen kleinen 
Roman in Liedern komponire 103 , den mein Mann während des 
Brunnentrinkens für mich gemacht hat, für Dich ist oder wäre das 
auf einen Zahn, Du schreibst in 3/4 St. so viel Noten, wie ich in 
3/4 Jahren, aber ich gebe mir sehr viel Mühe darum, es soll wieder 
so ein Heftchen mit Vignetten werden. [. . .] 

FELIX AN FANNY 104 Soden, 15. August 1844 

Suche doch mal in dem Notenspinde, da in dem Fach, wo mehrere 
Musik durcheinander liegt; da ist eine rothe offene Mappe, in der 
liegt eine Menge ungebundene Manuscripts-Musik von mir: Lie- 
der, Pianofortestücke, gedruckte und ungedruckte Sachen, da 
wirst Du das Orgelstück aus A dur ganz fix und fertig darunter 
finden. [...] 

Morgen will ich zu Fuß nach Wiesbaden und Onkel Joseph besu- 
chen, und übermorgen zu Fuß nach Homburg und Döhler's Con- 
cert hören; Prume holt mich ab, um mitzugehen; ich habe Döhler 
und Piatti in ihrem letzten Concert in London gehört, und mitge- 
klatscht und herausgerufen [. . .] Vorgestern war ich in Eppstein; da 
war Kirchfest, eine neue Orgel. Die Sängervereine von Frankfurt, 



372 



Wiesbaden und Mainz wollten zur Feier in der Kirche singen und 
waren dort; aber es kam ein Brief vom Amtmann aus Königstein, 
der es untersagte; da machten sie sich auf und zogen nach Hof- 
heim (kennst Du die weiße Capelle, die man im ganzen Lande 
umher sieht? . . .) und da sangen sie. Als ich gegen Abend mit den 
Damen und allen Kindern sittsam durch Hofheim auf der Land- 
straße fuhr, da guckte Kopf bei Kopf aus den Fenstern des Wirts- 
hauses, und waren alle, glaube ich, ein wenig betrunken und 
brachten mir ein ungeheures Vivat, und die Damen wollten da 
oben Kaffee trinken; aber ich widerrieth es sehr; da aßen wir den 
Napfkuchen im Wagen. 

Aber meine Arbeiten soll ich Dir ja nennen - es ist bis jetzt noch 
wenig davon zu sagen; außer fünf großen Orgelstücken und drei 
kleinen Liedern ist nichts fertig; die Symphonie wächst nur lang- 
sam; einen Psalm habe ich auch wieder angefangen, - könnte ich 
nur ein halbes Jahr so fort leben, wie diese vierzehn Tage jetzt hier, 
was brächte ich nicht alles fertig! Aber das viele Concertanordnen 
und Dirigiren und Ausgehen, - es macht mir gar keinen Spaß und 
kömmt so gar nichts dabei heraus. Ich fühle mich unter Kühen 
und Schweinen wohl und bin am liebsten mit meines Gleichen [. . .] 
Aber meine Rückreise von Zweibrücken muß ich Dir beschrei- 
ben: Die erste Station empfing uns der Landrath von Pirmasens 
mit einem Frühstück und prächtigem Wein (es war acht Uhr Mor- 
gens), dann fuhr er uns in seinem Wagen eine Station weiter auf 
ein schönes, altes Schloß in den Vogesen; da wurde gegessen und 
Nachmittag auf einen Berg gegangen; - es waren da Kanonen 
aufgefahren wegen des Echos, und wurde Champagner getrunken 
und die Kanonen bei jedem Toast losgebrannt. [. . .] Und in Dürk- 
heim war wieder das halbe Musikfest versammelt, und Kränze 
und Inschriften und reife Trauben [...] 105 

Das ist das Pfälzische Nationallied, genannt: »der Jäger aus Kur- 
pfalz«, - das wird den ganzen Tag gesungen, von den Postillonen 
geblasen, von der Regimentsmusik als Ständchen gespielt, als 
Marsch gebraucht, und wenn Dich ein Pfälzer besucht und Du 
willst ihm eine Freude machen, so mußt Du's ihm vorspielen [. . .] 
Die Aufführungen selbst [. . .] - ich kann beim betrunkenen Ton 
bleiben und Dir erzählen, daß unter sehr, sehr Vielem Mangelhaf- 
ten ich den besten Paulus und Druidenpriester dort gehabt habe, 



373 



der mir bisher in Deutschland vorgekommen, nämlich einen 
Herrn Oberhofer, Sänger aus Carlsruhe, der früher in der Königs- 
tadt war. [. . .] Halte diesen ganzen Brief abermals vor Sebastian 
geheim, danke ihm aber in meinem Namen vielmals für seinen 
hübschen Brief. Sag' ihm, aus seiner Nr. i machte ich mir sehr 
wenig, und er möchte nicht zu sehr eilen, nach Untersecunda zu 
kommen; wenn alle Nr. Einsen und Classen und Examina aufhör- 
ten, und wenn kein Mensch Einem mehr Zeugnisse gäbe dann 
finge das eigentliche Lernen erst an [. . .] 

felix an fanny 106 Frankfurt am Main, 10. Dezember 1844 

Meine liebe Fanny, 

Paul wird Dir wohl gesagt haben, wie schwer krank unser jüngstes 
Kind geworden ist 107 und in welchem traurigen Zustand ich es 
angetroffen habe. Er hat sich in den 5 Tagen, die ich nun hier bin, 
doch wieder ein wenig zur Besserung geneigt, die Aerzte sagen, 
es sei unmöglich, daß es schnell damit vorwärts gehe, es handle sich 
nur von der innewohnenden Lebenskraft des Kindes, und ob die 
den schweren Krankheitsstoff, die sehr arge Drüsenverhärtung, 
überwinden könne. 108 Das Kind hat vergangene Nacht mehr u. 
auch ruhiger geschlafen, auch die Mattigkeit scheint ein klein we- 
nig abgenommen zu haben, und der Bück ist wieder freier; auch 
hat es seit vorgestern wieder einen Zahn bekommen (also 3-4 seit 
den letzten 10 Tagen, denn man kann es nicht genau wissen, da es 
schreit, sobald man ihm an den Mund kommt) und wenn es eben 
bei diesem langsamen, fast unmerklichen, aber doch entschiede- 
nen Fortschreiten zum Besseren eben bleibt, wie glücklich wollten 
wir da sein, wie wollten wir da Gott danken! Vielleicht kann eben 
das Frühjahr wahrhafte Genesung bringen, und wenn eben auch 
lange Zeit drüber vergeht, wenn uns das hebe Kind nur erhalten 
wird, weiter wünschen und erbitten wir uns nichts vom Himmel. 
Gott sei Dank, diese Hoffnung haben uns die letzten Tage nicht 
genommen, eher bestärkt! Das Kind hat wieder die Spielsachen 
angesehen, die man ihm brachte, nach manchem gegriffen, sogar 
zuweilen gelächelt, war böse, als die Suppe zu Ende war, u. schrie 
stark u. laut bei dem Einreiben; sieht sich auch wieder nach jedem 
Geräusche im Zimmer um, wenn es recht wach ist, und hat sich 



374 



gestern Abend sogar einmal allein aufgesetzt, als das Pulver kam, 
das es sehr gern nimmt - möge uns Gott in diesen Hoffnungen 
nicht täuschen lassen! Möge er uns das Kind erhalten, und wieder 
geben, denn so wäre es wirklich zu nennen! 
Ich fühle wohl, daß ich Euch durch meine Berichte nur ängstigen 
kann, aber doch weiß ich es nicht anders zu machen. Ich sage Euch 
die Wahrheit; hätten wir die Hoffnung daß es sich bald zum Guten 
bestimmt hätte entscheiden können, so hätte ich gezögert, hätte 
Euch so geschrieben wie damals an Cecile, als wir die Tage bei 
Paul erlebten; 109 aber da uns die Aerzte diese Hoffnung nicht ge- 
ben können, da sie sagen es könne sich lange so hinziehen, da wir 
also nur wünschen u. hoffen, daß es den Winter über so fortdaure, 
daß nur nicht wieder von neuem Rückfälle u. Rückschritte eintre- 
ten, so muß ich Euch eben schreiben, wie es steht. Ihr erführet es 
auch sonst von Aachen, und wenn auch nicht - es ist eben die 
Wahrheit. Die Geschichte von dem Mann, über dessen Kopf das 
Schwert am Pferdshaar hing, u. der dabei essen u. trinken u. schla- 
fen sollte, die lernt man in solchen Tagen recht empfinden. Und 
doch versichere ich Dich, es ist in Ceciles stillem, frommen u. 
bestimmten Wesen ein solcher Segen u. Trost, daß wir schon man- 
che recht heitere, glückliche Momente in diesen Tagen erlebt ha- 
ben; die 3 andern Kinder sind sehr munter u. froh, u. machen uns 
sehr viel Freude; Mme. Jeanrenaud bringt die ganzen Tage bei 
Cecile zu, und auch sie erleichtert uns das Leben durch ihre herz- 
liche Theilnahme und, sonderbar genug, durch eine gewisse hei- 
tere Ruhe, die mit ihrer sonstigen Aengstlichkeit im größten Wi- 
derspruch steht - und so haben wir Grund vollauf Gott zu danken 
u. erkenntlich zu sein. Möge er uns die Hoffnung nicht nehmen, 
möge er uns unser Kind erhalten, mögen wir glücklich und unver- 
ändert im Leben wieder zusammenkommen. Ich schreibe Paul u. 
Dir bald wieder, grüße die Deinigen und bleib uns gut. Dein Felix. 



felix AN fanny Frankfurt am Main, 15. Dezember 1844 

Liebe Fanny 

Gott sei Dank, daß ich Euch wieder ruhiger schreiben und bessere 
Nachrichten geben kann! daß es sich mit dem Kleinen seit den 8 
Tagen, die ich jetzt hier bin, zur Besserung geneigt hat, daß ihm 



375 



trotz des schlimmen Anfalls der vor-vorigen Woche die Kräfte 
nicht geschwunden sind, sondern sich eher vermehrt haben, daß 
sein Aussehen und sein ganzes Wesen jetzt hundertmal besser sind 
als heut vor 8 Tagen, das kann man deutlich sehen, auch ohne die 
Aerzte zu fragen. Es scheint sich aber entschieden in die Länge zu 
ziehen, und das ist, wie die Aerzte sagen, das Beste was nur irgend 
zu hoffen war; daß die Geschwulst des Leibes, der eigentliche Sitz 
des Übels, in der ersten Zeit sehr abnehme, daran soll gar nicht zu 
denken sein, sie hat doch wenigstens nicht zugenommen! Und der 
Kopf, die Hände u. Füße, die vor 8 Tagen auch geschwollen waren, 
sind Gottlob wieder ganz natürlich, der Appetitt ist wieder besser, 
und eine Art von Theilnahme unverkennbar; es lächelt u. lacht 
zuweilen, die Augen sind ganz klar u. gut, ein starker Schnupfen 
kommt auch heraus, es richtet sich in dem Bett allein auf, wenn 
die Suppe gebracht wird, kurz der hebe Gott hat wieder unsere 
Hoffnung neu gestärkt. Möge er sie uns erhalten u. befestigen! 
Paul ist sein großer Liebling; eben fährt er ihn im Wagen hin u. 
her, u. der Kleine spinnt ein wenig, um sein Behagen auszudrük- 
ken, und Paul spricht so verständig mit ihm, wie eine alte Kinder- 
frau. Marie meint es auch sehr gut, u. ist behülfÜch, aber der Kleine 
schlägt gleich nach ihr, u. sie darf nicht viel in die Nähe kommen, 
weil sie so wild u. ungestüm ist u. ihn oft ein wenig zu sehr zerrt 
u. drückt in ihrem Eifer. Carl hat täglich 2 Stunden bei einem 
Lehrer, und arbeitet außerdem eine Stunde in meiner Stube, der 
ist also schon auf der großen Arbeits-Chaussee, die man rechter 
Beruf, Ernst des Lebens etc. nennt. 

Das größte Glück ist, daß Cecile sich in der schweren Zeit so kör- 
perlich wohl erhalten hat, daß sie munterer u. kräftiger ist u. aussieht, 
als ich sie seit Langem gesehen. Das hält das ganze Haus zusammen. 
In den letzten besseren Tagen habe ich auch wieder angefangen 
zu arbeiten; das hat mir sehr wohlgethan. Wenn es so bleibt, u. 
wenn Gott uns fortwährend bessere Tage mit dem Kleinen sendet, 
so denke ich mancherlei vor mich zu bringen und freue mich 
drauf. Mein Violin- Concert habe ich jetzt in Ordnung gebracht u. 
beendigt, es soll nun bei Härteis gedruckt werden. David spielte es 
mir in Leipzig in einer Probe vor, u. ich hoffe, es würde Dir gefal- 
len. Bitte laß mir die 4 Orgelstücke, die ich Dir zum I4ten Novem- 
ber schrieb, entweder abschreiben, oder schick sie mir in natura 



376 



auf einige Tage hieher; wenn Du Letzteres thust so kann ich gleich 
die übrigen auf demselben Blatt weiterschreiben, u. mir selbst die 
Copie hier besorgen lassen. Traust Du mir aber nicht, so thue das 
erstere - ganz wie Du willst. 

Habe ich Euch denn schon gedankt für die gute Aufnahme, für 
Speis u. Trank, für alles Gute, das ich von Euch während meines 
vorigen Berliner Aufenthaltes erfahren habe? Es ist Euch um den 
Dank nicht zu thun, und mir nicht um das Sprechen, aber einmal 
muß dergleichen in allem Ernst und aller Kürze gesagt sein, sonst 
ist das ganze stumme Schweigen eben so vieldeutig, wie das ge- 
läufige Reden. Ich danke Euch also für alles Liebe und Gute, ihr 
Lieben und Guten! 

Viel Freude hat es mir gemacht, daß das schöne Portrait, das mir 
so sehr gelungen schien, nicht nach dem häßlichen Rußland 111 
muß, das ist wieder so ein brüderlicher Zug von Paul, an denen 
die letzten Jahre überhaupt nicht arm waren! Schreib viel Musik 
u. sage mir davon, fang auch Deine 4stimmigen u. anderweitigen 
Sonntagsmusiken bald an, sei mit den Deinigen gesund u. glück- 
lich, u. denke unser! Immer Dein Felix. 



fanny an felix Berlin, 21. Dezember 1844 

Gott sey Dank, lieber Felix, daß es bei Euch so viel besser geht, u. 
möge es dabei bleiben, u. täglich besser werden. Ich weiß nicht, ob 
Cecile es mag, daß man ihr ähnliche Fälle erzählt, aber ich kann 
nicht umhin ihr zu sagen, daß Bertha Friedheim ein sehr niedli- 
ches Kind von jetzt 5 Jahren ganz dieselben Krankheiten, Masern, 
Keuchhusten u. in Folge davon dieselben Unterleibsleiden hatte, 
u. sich gänzlich wieder erholt hat. [. . .] Wir haben seit 14 T kein 
Wort von Florenz gehört 113 , u. wer weiß, was der nächste Brief 
bringen mag. Das Wetter ist jetzt prächtig, u. wenn wir so davon 
begünstigt würden, so wäre die ganze Sache wirklich nicht so ge- 
fährlich. Ich bin jetzt ungeduldig fortzukommen, um mit eignen 
Augen zu sehn, u. dann könnt Ihr Euch auf vollständige u. ehrliche 
Berichte verlassen. Aber ganz ruhig bin ich, lieber Felix, u. weder 
furioso ma non tanto noch agitato ma con ich weiß nicht mehr 
was, u. dazu mag wol ein tüchtiger Anfall von Nasenbluten beige- 
tragen haben, den ich bald nach Deiner Abreise bekam. Ich habe 



377 



wahrhaftig noch nicht Zeit gehabt, mich recht con amore über 
Dein Nicht-Hierseyn zu grämen, die Paar ersten Tage nach Dei- 
nem Fortgehn war ich so abgespannt von allen Ereignissen der 
letzten Zeit 114 , daß ich nur so vegetirte, u. dann kam Alles andre 
wieder, was Einem den Kopf brummen macht. Bei Alle dem 
macht mir, u. uns Allen Dein Bild die größte Freude 115 . Ich würde 
mich sehr betrübt haben, daß es nach Rußland sollte, wenn ich 
nicht von Anfang an so eine gewisse innere Beruhigung gehabt 
hätte, es würde wol nicht fortgehn. Auch hatte sich Paul schon 
erklärt, es nicht weglassen zu wollen, als Du noch hier warst, woll- 
te aber nicht, daß wir es Dir sagen sollten, ich weiß nicht, warum. 
Hensel machte es mit Noth u. Sorge in einzelnen Momenten fer- 
tig, denn die Besuche, um es zu sehn, so wie das Elsassersche 116 , 
nehmen kein Ende u. heut hat er endlich seine Thür schließen 
müssen, (nur für Humboldt 117 nicht, der im höchsten Grade zu- 
frieden damit war) weil er es doch zu Weihnachten an Paul ablie- 
fern will. Ja ja, mein Felix, wann, wie, wo werden wir uns wieder- 
sehn? Ich wollte, es stellte mir Einer einen gültigen Wechsel dar- 
über aus, den der hebe Gott zur rechten Zeit honorirte! 
Bin ich denn in der Stimmung Dir zu erzählen, u. Du anzuhören, 
daß ich gestern zum erstenmal das Opernhaus u. die Lind als Nor- 
ma genossen habe? 118 Leider wird sie wol keine andre Rolle sin- 
gen, solange ich hier bin. Ihre Stimme ist von der haarscharfen 
Reinheit, die an u. für sich so erquicklich wirkt, dabei außerordent- 
lich u. vorzüglich schön in den höhern Tonen bis b, ihre Fertigkeit 
ist nicht gerade hervorragend, aber ganz ausreichend um jede 
große Rolle damit zu singen, Triller sehr gut, Vortrag u. Ausdruck, 
soviel man in dieser weichlichen 119 Musik beurtheilen kann, sehr 
stark u. schön, wie auch das Spiel. Von der Kraft ihrer Stimme kann 
ich nicht viel sagen, da wir einen elenden Platz hatten, wo wie ich 
vermuthen muß, die Hälfte des Klanges verloren ging. Was nun 
aber das Innere des Theaters 120 betrifft, da bin ich mit Mephisto- 
pheles des trocknen Tones satt, muß wieder recht den Berliner 
spielen. Alles Gold, Roth, Silber, Weiß, Sammt, Gyps, Glas, Stuck, 
Putz, Pracht aller Art ist nicht im Stande, die Tapezier u. Buchbin- 
der Seele zu überkleistern, die im Grunde aller Verhältnisse u. 
Formen lebt. Rietschels 121 Geist schwebt über jeder Loge. Sonder- 
bar genug, das frühere Theater, das so recht in der Blüthe des 

378 



Zopfes erbaut war, hatte die einfachsten, schönsten, edelsten For- 
men, die ich je an irgend einem Theater der Welt gesehn habe, u. 
dies, aus unsrer eklektizistischen 122 Bauzeit, die alle Style von Pto- 
lemäus 123 bis Semper hebt, wählt sich die schönste Perücke, um 
hinunter zu kriechen. 

[. . .] Sebastian hat ein sehr gutes Schulzeugniß bekommen, u. ist 
auch von seinem Director, den wir aus Anlaß der Reise gespro- 
chen haben, persönlich sehr gelobt worden. Der arme Hebe Cerl 124 
muß so viel studiren schon! Liebe Cecile, ich habe unter Beck- 
chens Kinderwäsche ein Hemdchen von ihm gefunden, das ich 
Dir mit irgend einer Gelegenheit zuschicken werde. - Lebt wohl 
Ihr Lieben, Liebsten! Möge uns der Himmel froh u. glücklich 
wieder zusammentreffen lassen. 
Deine Fanny. 

Das allerliebste Reisetagebuch, was Du mir vor drei Jahren 
schenktest, schließt seine Vignetten mit Florenz, wobei steht, ist 
fortzusetzen. Ist das nicht sentimental? Ich werde es jetzt in Ge- 
brauch nehmen. 



felix an fanny Frankfurt am Main, 21. Dezember 1844 

Meine liebe Fanny, 

diese Zeilen sollen Dir sagen, daß es bei unserem Kleinen Gott sei 
Dank noch eben so geht, wie die letzten Tage überhaupt, nämhch 
langsam, u. leise zur Besserung; es war einmal wieder eine schlim- 
me Nacht dazwischen, aber wir schreiben sie dem Zahnen zu, und 
des Tages, wenn das Kind ein Paar Stunden geschlafen, u. tüchtig 
gegessen hat, ist es zuweilen so munter u. blickt so sicher aus den 
Augen, daß wir wieder recht viel Muth u. Zuversicht fassen möch- 
ten. Jetzt eben lacht er daneben ganz laut, und hat auch eben noch 
viel lauter geschrieen, u. beides höre ich gern, obwohl freilich das 
zweite weniger gern u. öfter als das erste. Cecile wacht nicht bei 
dem Kinde; die Aerzte wiederholen uns täglich, daß diese Krank- 
heit Monate, ja auch Jahre dauern könne, daß augenbhckliche Ge- 
fahr nicht vorhanden sei, und Cecile ist so vernünftig u. practisch, 
ich möchte sagen, wenn's nicht lächerlich klänge, so weise, daß ich 
mir immer ein Muster an ihr nehmen muß. So sorgt sie denn selbst 
für sich, u. das ganze Haus, u. erhält alles in ordentlichem, sogar 



379 



heiteren Gange; sie sieht Gottlob, wohler u. stärker aus, als ich sie 
seit langer Zeit gesehen habe, der Himmel erhalte sie, u. schicke 
uns das Kind wieder in seiner früheren Gesundheit, u. unser Glück 
in seiner früheren Ungetrübtheit. Gott sei Dank, daß wir es wieder 
hoffen u. erbitten können! 

Dann sollen diese Zeilen Dir u. den Deinen eine glückliche frohe 
Fahrt 126 wünschen! Ich bin von denen, wie Du weißt, die mit 
unserem Freunde Wald 127 nichts weiter sagen als: Fahre dahin, 
fahre daher, guten Tag, gute Reise - aber hier ist mir doch, als 
müßte ich noch viel, sehr viel hinzusetzen, und es wird mir zu viel, 
um es hinzuschreiben, und wären wir zusammen, so verschwiege 
ichs auch, also kommt's am Ende doch wieder auf den Flötenspie- 
ler Vult heraus. Kommt bald zurück. 

Nehmt viel Pelze mit. Auch etwas zu lesen. Grüße die Dirichlets. 
- Ich konnte an Rebecka von hier aus nicht schreiben; du mußt 
Dir das erklären u. ihr auch. Sage ihr den Inhalt meiner letzten 
Briefe, Gottlob, daß Du sie gleich wieder durch unsere Hoffnung 
auf Besserung beruhigen kannst, wenn sie die erste Nachricht er- 
schreckt. Gieb mir Deine Adresse unterwegs an. 
Sage Sebastian auf der grauenvollen Fahrt mit der Schnellpost hie- 
her, hätte mir hinter Gotha im Fahren ein Zahnstocher gefehlt, u. 
da sei mir eingefallen, ich hätte ja denselben Rock an, den ich bei 
der Abreise von Euch Morgens trug, und da mußte sein Papier- 
chen noch in der Brusttasche stecken. So war es auch, u. ich dachte 
seiner u. Eurer sehr da ich es auseinander wickelte im Thüringer 
Walde. Es liegt hier in meinem Pult vor mir, u. ich spare sie, u. 
brauche sie doch auch zugleich. Dies soll ihm eine Aufmunterung 
zur Wohlthätigkeit sein. Man weiß nicht, wo's wirkt. 
Danke Hensel für sein schönes Portrait. Und dann sollen die Zei- 
len noch ein frohes Fest wünschen u. baldige frohe Heimkehr zum 
Vaterland und zu uns! Dein Felix. 

felix an panny und rebecka 128 Frankfurt am Main, 

29. Januar 1845 

Nun schreibe ich Euch Doppelbriefe, seit heut früh die sehr will- 
kommene Nachricht vom 21. hier ankam. Gottlob, liebe Fanny, 
daß Du uns beruhigende Nachrichten geben konntest. Seit ich nun 

380 



Euch Hensels in Florenz weiß, ist mir wieder viel ruhiger, einfa- 
cher und natürlicher zumute; es ist wohl wahr, daß einer dem 
anderen in allen Hauptsachen nichts helfen kann (das kann der 
liebe Gott ganz allein), aber die vielen Nebensachen sind eben so 
verzweifelt wichtig [. . .] 

Der Kleine hat sich seit den letzten drei Wochen sehr merklich 
gebessert, wir dürfen wieder Hoffnung und Mut fassen und dan- 
ken Gott täglich und stündlich dafür. Ich habe den dummen 
Streich gemacht, die letzten vierzehn Tage recht ernstlich unwohl 
zu sein, daher geht es mit meinem Briefschreiben noch ziemlich 
schlecht; ich kann jetzt eigentlich nur essen, trinken und schlafen, 
um das Versäumte wieder nachzuholen. Seit vier Tagen bin ich als 
geheilt entlassen, gehe spazieren und will sogar Freitag auf einen 
Ball gehen [. . .] 

Ich soll Euch von unserm Leben hier schreiben? Morgens früh 
arbeite ich immer, um zehn setzt sich Carl auf eine Stunde zu mir 
und liest und rechnet, nachmittag um fünf versuche ich ihm aller- 
lei orthographische und geographische Begriffe beizubringen [. . .] 

PELix an fanny und rebecka 129 Frankfurt am Main, 

12. Februar 1845 

Liebe Schwestern, ich hoffe, daß Ihr einen oder zwei Tage nach 
Abgang Eures heut empfangenen lieben Briefes den meinigen 
vom 2<jten erhalten und draus gesehen habt, daß bei uns alles wohl 
ist, daß es mit meiner Unpäßlichkeit wieder besser ging, daß ich 
an demselben Tage schrieb, an dem ich Deine Ankunft in Florenz 
erfuhr, daß also Gottlob Eure Besorgnisse durchaus ohne Grund 
waren. 

Die beiden Briefe vom 3ten u. der an Cecile vom 5ten kamen heut 
zu gleicher Zeit; Ihr schriebt mir beide insgeheim von der AUgem. 
Zeitungsnachricht - ich hatte nicht gedacht, daß mein 8tägiges 
Unwohlsein da hineingeschrieben würde - aber ein für allemal 
verspreche ich Euch, daß Ihr so lange ich lebe einen Mangel von 
Nachrichten nicht als etwas Besorgniserregendes nehmen müßt, 
d. h., daß ich Euch in wichtigen Zeiten u. wo etwas auf dem Spiele 
steht, pünctlich u. regelmäßig schreibe oder schreiben lasse. 
Bleibt also ein Brief ein Paar Tage länger, als gewöhnlich, so ist das 

38i 



Einzige was das bedeuten kann, daß alles wohl steht, u. daß zufällige 
Abhaltung dazwischen gekommen ist; übrigens erneuere ich das 
Versprechen, das ich Dir, liebe F., schon gegeben habe, auf jeden 
Brief pünctlich u. gleich zu antworten, entweder wie jetzt an dem- 
selben Tag wo ich ihn erhalte, oder sobald als möglich nachher, 
daß ich nichts verschweige u. in unruhiger Zeit pünctlicher als je 
schreibe, habe ich Dir, liebe F., im Lauf des December ja auch 
bewiesen (daß ich damals gerade Dir nicht schreiben konnte u. 
durfte, liebes Beckchen, war auch natürlich) kurz verlaßt Euch 
drauf, daß ich jenes Versprechen treulich halten werde. 
Gottlob, daß die heutigen Nachrichten wider so gut klingen, nun 
gebe der Himmel immer weiter so frohe Botschaft von Euch, gebe 
Euch allen Gesundheit u. Gesundheit u. wieder Gesundheit, dar- 
aufkommt am Ende doch alles hinaus; und dann auf vergnügtes, 
glückliches Wiedersehen! 

Wir haben seit 5-6 Tagen barbarische Kälte - bis dahin war es 
ganz mild gewesen - aber jetzt sind es plötzlich 12, 13 und 14 Grad, 
dabei kann ich den Rest von Katarrh, der immer noch in mir 
steckt, nicht verlieren, u. huste u. krächze u. schnaube mich seit 
undenklicher Zeit, und werde es nicht los. Doch gehe ich fast 
immer dabei aus: auf Bälle, in Concerte u. dgl. - schreibt also die 
Allgem. Zeitung vom raten, daß ich einen schrecklichen Schnup- 
fen hätte, so ist es zwar wahr, aber wie gesagt ängstigen müßt Ihr 
Euch drum nicht, Ihr heben Schwestern. 

Mit dem Kleinen geht es, dem Himmel sei Dank, von Tag zu Tag 
besser; die Aerzte sind sehr zufrieden mit ihm, sprechen wieder 
ganz beruhigend, und so Gott will dürfen wir uns der Hoffnung 
wieder hingeben. 

Die anderen Kinder machen uns viel Freude, besonders jetzt Ma- 
rie, die schon ordentlich im Hause hilft, und überall Bescheid weiß 
u. Ordnung hält - aber freilich will ich auch gegen Carl u. Paul 
nichts gesagt haben. 

Cecile ist Gott sei Dank sehr wohl u. munter, sieht ihre alten 
Freundinnen u. freut sich mit ihnen. [. . .] 



382 



fanny an felix und paul' 30 Florenz, 13. Februar 1845 

Liebe Geschwister, ich habe Euch unerwartet früh glückliche u. 
frohe Botschaft bringen. Rebecka ist gestern Abend nach 11 leicht 
und glücklich von einem gesunden, sehr lebendigen Mädchen 131 
entbunden worden, welches ganz vollständig u. niedlich, weder 
gelb von der Gelbsucht, noch schwach von dem Blutverlust, son- 
dern so derb u. kräftig ist, daß sie den alten Doctor, als er sie badete, 
fest beim Ärmel fasste, sie hat große Augen, den ganzen Kopf 
voller schwarzer Haare, gar nichts anzuziehn, denn unsre Kiste ist 
bis jetzt nicht angekommen, nimmt Sirup u. Zuckerwasser, u. wird 
sich gleich die Brust schmecken lassen, da Rebecka versuchen will, 
sie anzulegen. 

Von der Wirthschaft hier, bei der gänzlich überraschenden Ent- 
bindung, könnt ihr Euch kaum einen Begriff machen, u. hätte ich 
Zeit, müsste ich nicht eiligst eine Hemdenfabrik anlegen, so würde 
ich Euch Wunderdinge von der ersten Toilette des armen Bettel- 
würmchens erzählen. Unter anderm hat es als Mütze einen Ermel 
einer wollenen Jacke von Dirichlet angehabt, der ihm hinten el- 
lenlang herunterhing, die übrige Jacke war zerrissen, u. das arme 
Würmchen in Lappen gewickelt, ein Dutzend Windeln, die ich 
mitgebracht, waren das Einzige Selige, was überhaupt hier in der 
Welt war. Heut früh nun hat meine Destine, eine sehr niedliche 
gefällige Frau, für den ersten Augenblick Rath geschafft, u. da wir 
bis jetzt noch keine Wärterin haben auftreiben können, so habe 
ich das Kind gewaschen und angezogen [. . .] Das Kind ist nun ein 
wahres Wunder, fertig, als wenn es ganz ausgetragen wäre, (nach 
des Arztes Urtheil ist es volle 6 Monat) u. anscheinend voller Le- 
benskraft, nach all den unglaublichen Leiden, die die arme Rebek- 
ka erduldet. Jetzt ist sie so ruhig, wohl u. glücklich, daß ich nur 
Gott bitten kann, daß es so fort geht. [...] Verzeih, lieber Paul, 
diesen sehr konfusen Brief, ich bin von dem gestrigen Tage u. der 
Nacht, die ich bei Beckchen zugebracht, etwas verwirrt, u. habe 
schon eine Menge Briefe geschrieben. Unbeschreiblich froh bin 
ich, hier zu seyn, u. Rebecka scheint recht glücklich mich zu ha- 
ben, u. da das Kind lebt, bin ich auch sehr froh, daß Rebecka sich 
nicht noch länger gequält hat. [. . .] 



383 



PELix an fanny und rebecka 132 Frankfurt am Main, 

16. März 1845 

Liebe Schwestern! 

tausend Glückwünsche zu der nun hoffentlich glücklich u. froh 
vollzogenen Taufe u. tausend Dank Dir, liebes Beckchen, für den 
lieben Gevatterbrief, u. daß Du mich zum Pathen gemacht hast! 

[••■] 

Fanny will musikalische Neuigkeiten in ihrem letzten lustigen 

Brief, ich weiß aber wahrhaftig nicht viel mehr, als sie. Wir leben 
hier wie die Hamster in unserem Bau, kommen wenig aus, sehen 
wenig Menschen, sind aber sehr vergnügt damit, denn wir sind alle 
wohl und Dein Traum vom jüngsten Kindchen geht, Gottlob, mit 
jedem Tage mehr u. mehr in Erfüllung. Es wird belebter, verstän- 
diger, kriegt wieder Farbe und mehr Fülle, helle Augen, und 
nimmt lustig theil an allem. 

Ich habe ein Trio angefangen, wo eben das erste Stück fertig ist 133 , 
habe sechs Orgelsonaten 134 u. die ganze Musik zum Oedipus 135 
etc. [. . .] ganz vollendet, u. habe allerlei neues im Kopf, von dem 
bis zu unserem Wiedersehn hoffentlich schon manches auf dem 
Papier stehen soll, [. . .] lese Novellen u. Geschichtsbücher [. . .], um 
eine neue Oper zu suchen (aber bis dato ist noch nichts davon zu 
spüren) spiele ab u. zu die großen letzten Beethovenschen Sonaten 
in Gesellschaft (die die Leute jetzt sehr anmuthig finden) habe 
gestern das Männerstimmen Requiem von Cherubini u. meine 
Antigone- Chöre 136 hier privatim schön aufgeführt gehört, gehe 
heut in eine neue Oper - Aloys Schmitt, die zum erstenmale vom 
Stapel laufen soll, besuche Freitag den Cecilien-Verein wo die 
Bachsche Passion am Ciavier gesungen wird, [. . .] kann das Düssel- 
dorfer Musikfest nicht dirigiren, weil ich mich ausruhen und nach 
Soden ziehen muß, fahre mit Frau Bernus nach Offenbach, um 
Pfeffernüsse zu kaufen [...]- das sind wirklich die einzigen musi- 
kalischen Neuigkeiten, die ich für Dich, Hebe Fanny, weiß [. . .] 
Geht denn am heutigen Palmsonntag in Rom noch immer die 
herrliche Prozession mit Palmen u. dgl. aus der Kapelle in d moll 
und singt draußen in b moll? [. . .] Das möchte ich wohl wissen, u. 
wie heißt denn der jetzige Director der päpstlichen Kapelle? Und 
kennst Du denn in Florenz il mio caro amico il Sre. Marchese 



384 



Martellini, den ich zweimal gesehen habe? Und fällt Fra Bartolo- 
meo noch immer vor Schreck das Gerüst herunter u. bricht sein 
Bein? Schreibt nur von allem in Florenz u. in Rom, nur von Ritter 
Landsberg schreibt mir nicht! Ist Eckert noch in Rom? Iß broccoli 
all'insalata mit Schinken, liebe Fanny; [. . .] Kennst Du auch Mme. 
Sabatier 137 ? Sag ihr nur ja keinen Gruß von mir; aber grüßt Herrn 
Schmitz vom rheinischen Dampfboot her, und den Gott Nil im 
Vatikan u. wer sich sonst meiner freundlich erinnern will [. . .] 

felix an fanny und rebecka 138 Frankfurt am Main, 

25. März 1845 

Dein soeben angekommener Brief hat den Frühling mitgebracht. 
Heut ist zum erstenmal jene bewußte Luft draußen, in der alles 
Eis und alle Winterkälte schmilzt und alles mild und warm und 
vergnügt wird; wenn Ihr aber keinen Eisgang in Florenz habt, so 
müßt Ihr uns beneiden, statt umgekehrt, den es ist ein herrliches 
Schauspiel, und die Spree kann es bekanntlich nicht zuwege brin- 
gen. [. . .] Das ist ja das Elend, daß ich von der Poesie des Frühlings 
gar nicht spreche, sondern immer nur von seiner Holzersparnis, 
und Lichtersparnis und Überschuhersparnis, und davon daß es 
überall viel besser riecht, und daß es so viel gute Sachen mehr zu 
essen giebt, und daß die Frauenzimmer wieder helle und bunte 
Kleider tragen [. . .] Gestern abend kam ich mit Schlemmer um 
eines aus einer musikalischen Punschgesellschaft, wo ich erst die 
Beethovensche Sonate 106 aus b gespielt, und dann 212 Gläser 
Punsch aus ff getrunken habe, wir sangen das Duett aus Faust auf 
der Mainzer Gasse, weil es so wunderschöner Mondschein war, 
und heut habe ich ein wenig Kopfweh. Diese Stelle suche aber 
auszuschneiden, ehe Du den Brief nach Rom schickst, einer jün- 
geren Schwester kann man schon so was vertrauen, aber einer 
älteren, päpstlichen beileibe nicht. 

Eduard Magnus, der eben auf der Durchreise von Paris hier ist, 
malt uns den Carl und hat den Bengel schon sehr niedlich und 
ähnlich untermalt [. . .] Ich lese dabei mit allgemeinem Beifall das 
Rumpelstilzchen. [...] 

Seht doch zu, ob Ihr Euch dort nicht die Nummer des >Punsch< 
vom 18. Januar verschaffen könnt; darin ist ein Bericht von Anti- 

385 



gone im Covent- Garden mit Illustrationen, namentlich mit einer 
Darstellung des dortigen Chors - über die habe ich drei Tage lang 
gelacht. Der Chorführer, dem die schottischen Hosen unten her- 
ausgucken, ist ein Meisterstück [. . .] Trotz alledem haben sie bei 
mir anfragen lassen, wann sie den Ödipus geben könnten, weshalb 
ich sie an den König von Preußen verwiesen habe. 
Meine Partitur ist seit einigen Tagen fix und fertig, und wenn mir 
die Musik so Heb bleibt, als sie es jetzt ist, so denke ich, sie wird 
Euch auch gefallen [. . .] Auch die sechs Orgel-Sonaten sind fertig 
[...] Eine Symphonie und ein Trio sind angefangen - auch ein 
neuer Oratorienplan, aber alle Leute schreien undplagen mich um 
eine Oper -ja! wenn ich nur so einen rechten Stoff bekäme und 
fände! Aber das will mir bis auf den heutigen Tag immer noch 
nicht gelingen [. . .] 

FANNY AN FELIX UND PAUL 139 Rom, 20. März 1845 

[. . .] Ich bin nun seit zehn Tagen hier, wollte Euch aber nicht eher 
etwas hören lassen, bis ich es mit leichtem Herzen könnte, u. dazu 
ist heut der erste Tag. Als ich ankam, fand ich Hensel in der ersten 
Genesung von einer entzündlichen Krankheit, die er in den letz- 
ten 8 Tagen, so lange ich nichts von ihm gehört, überstanden hatte, 
diese Krankheit war aber selbst nur der Ausbruch höchst fataler 
nervöser u. bedrohlicher Leiden, die ihn fast so lange wie ich in 
Rom war, geplagt, u. die er mir absichtlich verschwiegen hatte, um 
mich nicht in Florenz zu beunruhigen [. . .] So sehr mich nun auch 
sein Anblick u. diese Nachrichten betrübten, so hatte ich doch in 
den ersten Tagen die Freude, ihn sich sichtbar erholen zu sehn, 
doch hat er dann wieder einige sehr leidenvolle Zeit gehabt, u. 
heut zuerst kann ich frei genug aufathmen, um Euch Nachricht zu 
geben [...], da wir uns doch unter einander gern Alles mittheilen, 
was uns bedrückt oder erfreut. 

Der Nebenzweck, den wir für uns mit dieser Reise verbanden, ist 
auf diese Weise leider ganz gescheitert, da Hensel, anstatt hier 
rasch die Studien zu seinen gerade angefangenen Arbeiten zu ma- 
chen [. . .] nun schon über zwei Monate hier krank, mit allem mög- 
lichen äußern Ungemach, u. mit der größten Sehnsucht nach uns 
kämpfend, zugebracht hat. [. . .] Bei dieser ganzen sonderbaren Rei- 

386 



se lag wirklich Alles außer der Berechnung, so zuerst das Glück, 
das wir gehabt haben, in diesem furchtbar strengen Winter gerade 
im Januar, der doch sonst der kälteste Monat ist, einige Wochen 
milden Wetters zu treffen, dann daß Beckchen, die sonst gewöhn- 
lich mit ihrer Niederkunft 2-3 Wochen über die Zeit wartet, u. wo 
wir daher bis gegen Mitte April rechnen konnten, vor Mitte Fe- 
bruar schon niederkam, hätte sich das voraussehen lassen, so wäre 
Hensel natürlich nicht fortgegangen, u. hätte diese Zeit, von der 
er selbst sagt, sie sey die traurigste seines Lebens gewesen, in unsrer 
höchst behaglichen Florentiner Wirthschaft mit uns zugebracht 

Deine Bestellung an August Elsasser 140 , lieber Paul, habe ich sei- 
nem Bruder gemacht, den wir [. . .] täglich [. . .] sehen. Ihn selbst 
habe ich noch nicht sehen können, seine Gesundheit erlaubt ihm 
in diesem Augenblick nicht einmal, mich bei sich zu empfangen. 
Denke Dir doch, was das für eine Existenz ist, den ganzen Winter 
nicht aus dem Zimmer zu kommen, keinen Menschen zu sehen, 
er lebt von Schlaf u. Arbeit u. hat wirklich nur eben so viel Körper, 
um zu leiden u. zu malen. Dabei ist er von äusserster Reizbarkeit 
gegen alle physische u. moralische Luft von außen, man kann ihn 
nicht ansehen, ohne ihm im Innersten wohl oder weh zu thun, ich 
glaube, daß manche Eigenschaften seiner Bilder sich nur aus die- 
sem krankhaften Gefühlsleben erklären lassen. [. . .] Ich wünsche 
uns sammt u. sonders einmal wieder in einer Atmosphäre von 
Gesundheit zu leben, wir haben doch im letzten halben Jahr gar 
zu viel leiden, u. leiden sehen müssen. [. . .] Wir sind es zufrieden, 
Anfangs Juli in Soden einzutreffen, u. da einige Zeit zu pausiren, 
Hensel kann da seine Brunnenkur abmachen, [. . .] u. da sich aus 
der ganzen Reise für Beckchen das Resultat ergeben hat, daß Berg- 
luft die ihr am meisten zusagende ist, so wird auch für sie Soden 
ein passender Sommeraufenthalt seyn. [. . .] Wie beklage ich Euch 
wegen des furchtbaren Winters, den Ihr erduldet habt, u. vielleicht 
zur Stunde noch erduldet, u. wie schrecklich muß Noth u. Elend 
unter den armen Leuten gewesen seyn, was man davon liest, 
macht Einen wirklich schaudern. Ich bitte Dich, lieber Paul, falls 
noch außerordentliche Collekten zu Holz od. dergl. gemacht wer- 
den, uns mit 10 rh dabei zu betheiligen [. . .] 
In diesen Tagen wird wol die Unruhe in unserm Hause groß seyn, 

387 




Paul Mendelssohn Bartholdy 



ich gestehe, daß ich dem Moment aus dem Wege gehe, wo die 
Wohnung der Eltern an fremde Leute übergeht, ist mir nicht leid, 
solche Abschnitte haben gar zu viel Schmerzliches [. . .] 
Ueber den Jungen werdet Ihr Euch wundern, er wächst zusehends 
in die Länge u. Breite u. so Gott will, bringen wir ihn als einen 
ziemlichen jungen Menschen mit. Er ist recht brav u. fleißig u. 
macht uns viel Freude [. . .] 

fanny an felix' 41 Berlin, 22. Juni 1846 

Mein Ueber Felix, sey einmal recht barmherzig u. hebenswürdig, 
u. nachdem Du Europa u. die angränzenden Länder erfreut 142 , 
erfreue u. erquicke auch einmal wieder die Deinigen. Komm ent- 
weder auf ein Paar Tage incognito her, u. erzähle, erzähle, erzähle 
den ganzen lieben langen Tag, oder wenn das nicht seyn kann, 
schenke uns wenigstens eine Stunde, u. schreibe einen langen, aus- 
führlichen Brief. Ich lasse diesmal all Dein Beschäftigtseyn nicht 
gelten, u. mache auch einmal Anspruch an Deine Zeit, ich denke 
ich thue es nicht zu oft, bilde Dir ein, es säße irgend ein Schiemil 
eine Stunde länger bei Dir, kurz laß uns etwas mitgenießen von 
dem vielen Prächtigen, das Du erlebt hast, in Colin muß es gar zu 
schön gewesen seyn, u. gieb mir einen Begriff, wie 2 000 Männer- 
stimmen klingen, von 10 weiß ich es wohl. [. . .] Und was war denn 
in Lüttich los? Denn daß Du nicht hast dirigieren wollen, weil die 
Musik zu schlecht ging, glaube ich schwerlich, angedenkens der 
Zweybrücker Sängerin, der Du den Taktstock vor die Nase gehal- 
ten, Du hast wol vorher beichten sollen, oder dergl.? Kurz laß 
hören, ich sterbe vor Neugier, vielerlei zu wissen. Das ist nun Alles 
im großen Styl der Existenz, unsere kleine Taschenausgabe lebt 
aber diesen Sommer auch sehr vergnüglich u. angenehm, ich ma- 
che sehr viel Musik u. habe Spaß daran, was wie ich glaubte, für 
dies Leben schon vorbei wäre, u. freue mich überhaupt meines 
Lebens mit rechtem Bewußtseyn. Ich weiß nicht, ob es nach recht 
schwerer, böser Zeit ein verdoppeltes Bedürfnis des Athmens ist, 
aber ich habe seit meiner Jugend den Tag nicht so genossen, wie 
diesen Sommer, wo uns denn überhaupt Gott sey Dank heitre, 
ungestörte Zeit verliehen ist. Ich wollte, ich könnte dasselbe von 
Rebecka sagen, aber ihre trübselige Laune scheint sich leider so 

389 



festgesetzt zu haben, daß ich gar kein Ende davon absehn kann. 
Ich denke manchmal es sey unrecht von mir, mich dagegen gewis- 
sermaßen abgestumpft zu haben, u. mich jetzt meines eigenen 
Glücks zu freuen, wie ich es wahrlich lange nicht gekonnt, aber 
mein Mann hat doch den ersten Anspruch auf mich, u. wenn ich 
dem das Leben verbittre, dadurch daß ich mich um alle Freudig- 
keit bringen lasse, so ist das am Ende doch auch nicht wohlgethan. 
Sie wohnt jetzt mit Mama u. den kleinen Kindern 143 hier bei uns 
oben, wo Ihr zuletzt wart, die Kinder sind so prächtig u. liebens- 
würdig, daß sie wahrlich schon allein hinreichen müßten, sie hei- 
ter, froh u. dankbar zu erhalten. Ich versichere Dich, Heber Felix, 
das so täglich u. stündlich zu sehn, es ist recht böses Leiden, u. ich 
danke Gott doppelt, daß ich im Stande bin, jetzt gegen zu halten, 
u. ein wenig Lust u. Freude im Hause zu verbreiten, im Winter 
vermochte ich es nicht, da ging ich fast zu Grunde in dieser bo- 
denlosen Uebellaunigkeit. - Pauls wohnen im Thiergarten, u. da 
sehn wir uns leider nicht oft, sie sitzen in ihrem Garten, wir in 
unserm, Jeder hat Besuch, nur Sonntags kommen wir in der Regel 
zusammen, die Kinder sind auch dort ganz allerliebst, die kleine 
Nachwelt macht uns gar zu viel Vergnügen [. . .] 



felix an fanny Leipzig, 27. Juni 1846 

[. . .] Wer solchen Beschwörungsmitteln, wie Du sie angewendet 
hast, um mich zu einem langen Brief zu bringen, widerstehen 
kann, der muß der Satan selbst sein oder der Kuckuck. Also wird 
großes Format genommen und geschrieben, obwohl mir eigent- 
lich das Feuer so arg auf den Nägeln brennt, wie noch nie; denn 
ein ungeheuer großes Stück vom Elias ist noch aufzuschreiben 
und in England probieren sie schon am ersten Theil, und erst heut 
früh ist Spohr von hier abgereist, den wir alle Mittag und alle 
Abend beleben mußten [...], dem wir ein Konzert mit seinen 
Kompositionen im Gewandhaus gaben [. . .], der mir immer eine 
Hebe, willkommene und erquickliche Erscheinung ist, der aber 
diesmal noch dazu beitrug, meinen Kopf ganz schwindlich dre- 
hend zu machen [. . .] und nun soll ich noch dazu einen langen 
Brief schreiben [. . .] Die Hauptsache in Aachen bleibt doch, daß 
der Marquis von Sassenay und der Bürgermeister Nellesen alles 



390 



aufgeboten haben, um mir Milchreis kochen zu lassen (weil die 
Lind gesagt hatte, den aß ich gern) [. . .] Die Chöre gingen aber 
wirklich sehr schön, und wenn Paul die Lind im Alexanderfest die 
beiden ersten Arien hätten singen hören, so hätte er wieder ge- 
klatscht, wie damals im Konzert [. . .] Und nach Aachen kam Düs- 
seldorf, da brachten sie mir zwei Ständchen [...] Allerdings 
schmeckten die paar Tage meines Aufenthalts dort etwas bitter 
nach Vergangenheit [. . .] Abends war ich wieder in Köln, andern 
Tags in Lüttich [. . .] Daß ich nicht dirigirte, geht sehr natürlich zu: 
ich kam eine Viertelstunde vor der Generalprobe an und hatte nie 
daran gedacht, dort auch wieder Takt zu schlagen [. . .] Auf der 
Rückreise war Diner in Düren [. . .] Abends war in Köln die erste 
Probe auf dem Gürzenich, wo ich meinen Schillerschen Festge- 
sang zum erstenmal hörte und dirigirte [. . .] Andern Tags kamen 
die Zweitausend an. Wie das klingt? Nicht schärfer stark, als jeder 
andere Chor [. . .] gerade so wie dreißig Geigen nicht gerade stär- 
ker als zehn, aber anders, eindringlicher, massenhafter [. . .] 

fanny an felix 145 Berlin, 9. Juli 1846 

Mein lieber Feiice, habe Dank für Deinen Brief mit den schönsten 
Nachrichten, worunter Du die vom Milchreiß freilich oben ange- 
stellt hast. Ich hätte immer noch mehr Nachrichten vertragen kön- 
nen, denn wenn Du Dir einbildest, Cecile habe viel geschrieben, 
so sitzest Du, wie man hier sagt, auf einem dicken Irrthum. Cecile 
ist zu behäbig, um Details zu schreiben. Doch weiß ich es dankbar 
anzuerkennen, daß ich der Schiemil war, dem Du eine halbe Stun- 
de geschenkt hast. Warum auch nicht? Soll ich mir nicht einbilden, 
Dir eben so viel werth zu seyn, als Spohr? Ein so bescheidener 
Lump werde ich doch nicht seyn. Eigentlich wäre das ein Contract, 
den wir mit einander abschließen könnten, daß Du nach jedem 
Musikfest, jedem großen Ereigniß einen langen Brief schriebest, 
damit man doch auch etwas davon hätte. [. . .] Nun geht wieder ein 
ganzes Oratorium von Dir 146 in die Welt, u. ich kenne keine Note 
davon. Wann wird das mal an uns kommen? Eigentlich sollte ich 
Dir jetzt gar nicht zumuthen, diesen Quark zu lesen, beschäftigt 
wie Du bist, wenn ich Dir nicht hätte schreiben müssen, um Dir 
etwas mitzutheilen. Da ich aber von Anfang an weiß, daß es Dir 



39i 



nicht recht ist, so werde ich mich etwas ungeschickt dazu anstellen, 
denn lache mich aus, oder nicht, ich habe mit 40 Jahren eine Furcht 
vor meinen Brüdern, wie ich sie mit 14 vor meinem Vater gehabt 
habe, oder vielmehr Furcht ist nicht das rechte Wort, sondern der 
Wunsch, Euch a. Allen die ich liebe, es in meinem ganzen Leben 
recht zu machen, u. wenn ich nun vorher weiß, daß es nicht der 
Fall seyn wird, so fühle ich mich rather unbehaglich dabei. Mit 
einem Wort, ich fange an herauszugeben, ich habe Herrn Bocks 
treuer Liebesbewerbung um meine Lieder, u. seinen vortheilhaf- 
ten Bedingungen endlich ein geneigtes Ohr geliehen 147 , u. wenn 
ich mich aus freier Bewegung dazu entschlossen habe, u. Nieman- 
den von den Meinigen verklagen kann, wenn mir Verdruß daraus 
entsteht, (Freunde u. Bekannte haben mir allerdings lange zuge- 
redet) so kann ich mich anderseits mit dem Bewußtseyn trösten, 
die Art von musikal. Ruf, die mir zu solchen Anerbietungen ver- 
holfen haben mag, auf keinerlei Weise gesucht oder herbeigeführt 
zu haben. Schande hoffe ich Euch nicht damit zu machen, da ich 
keine femme libre u. leider gar kein junges Deutschland bin. Ver- 
druß wirst Du hoffentlich auch auf keine Weise dabei haben, da 
ich, um Dir jeden etwa unangenehmen Moment zu ersparen, wie 
Du siehst, durchaus selbständig verfahren bin, u. so hoffe ich, wirst 
Du es mir nicht übel nehmen. Gelingt es, d.h. daß die Sachen 
gefallen, u. ich mehr Anerbietungen bekomme, so weiß ich, daß 
es mir eine große Anregung seyn wird, deren ich immer bedarf, 
um etwas hervorzubringen, im andern Falle, bin ich so weit, wie 
ich immer gewesen bin, werde mich nicht grämen, u. wenn ich 
dann weniger oder nichts mehr arbeite, so ist ja dann auch nichts 
dabei verloren [. . .] 

Noch eins wollte ich Dich bitten, wenn H. v. Keudell 148 , den Du 
ja kennst, sich in den nächsten 14 T. bei Dir meldet, u. Dir vielleicht 
auch etwas in die Queere bei Deiner Arbeit kommt, nimm ihn 
doch freundlich auf, er ist jetzt sehr viel in unserm Hause, u. ein 
guter musikal. Kumpan, mit dem feinsten Gefühl für Musik, und 
einem Gedächtniß, wie ich es außerdem nur bei Dir kenne. [. . .] 



392 



felix an fanny 149 Leipzig, 12. August 1846 

Mein liebster Fenchel, erst heut, kurz vor meiner Abreise, komme 
ich Rabenbruder dazu, Dir für Deinen lieben Brief zu danken und 
Dir meinen Handwerkssegen zu geben für Deinen Entschluß, 
Dich auch unter unsere Zunft zu begeben. Hiermit erteile ich ihn 
Dir, Fenchel, und mögst Du Vergnügen und Freude daran haben, 
daß Du den andern soviel Freude und Genuß bereitest, und mö- 
gest Du nur Autorpläsiers und gar keine Autormisere kennenler- 
nen, und möge das Publikum Dich nur mit Rosen und niemals mit 
Sand bewerfen, und möge die Druckerschwärze Dir niemals 
drückend und schwarz erscheinen - eigentlich glaube ich, an alle- 
dem ist gar kein Zweifel denkbar. Warum wünsche ich Dir's also 
erst? Es ist nur so von Zunft wegen, und damit ich auch meinen 
Segen dazugegeben haben möge, wie hierdurch geschieht. 
Der Tafelschneidergeselle 
Felix Mendelssohn Bartholdy 

fanny an felix 150 Berlin, ohne Datum 

[. . .] Wenn ich auch kein andres Vergnügen von der Herausgabe 
meiner Lieder hätte, als diesen Deinen Brief, so würde es mir 
schon nicht leid thun, denn er ist sehr Hebenswürdig, u. hat mich 
auf drei Tage lustig gemacht, wäre ich es nicht ohnehin. Warum 
ich meine Lieder nicht an Dich adressiert habe? Zum Theil weiß 
ichs, zumTheil nicht, ich wollte Cecile als Vermittlerin in An- 
spruch nehmen, weil ich doch so eine Sorte von bösem Gewissen 
Dir gegenüber hatte, denn allerdings, wenn ich bedenke, daß ich 
vor zehn Jahren fand, es wäre zu spät, und jetzt, es wäre gerade 
die äußerste Zeit, so ist das rather lächerlich, so wie ich mich auch 
lange bei dem Gedanken empört habe, auf meine alten Tage mit 
op. 1 anzufangen. Da Du nun so überaus hebenswürdig dabei 
bist, will ich Dir auch bekennen, wie entsetzlich mausig ich mich 
gemacht habe und daß nächstens sechs 4stimmige Lieder kom- 
men, von denen Du kaum eins kennst. Ich hätte sie Dir gern erst 
mitgetheilt, aber Du kamst doch nicht, und schriftlich geht das 
nicht. Meine Freitagssänger haben sie gern gesungen, und unter- 
stützt von dem guten Rath, der mir hier zu Gebote steht, habe 



393 



ich mir Mühe gegeben, es so gut zu machen, als ich kann. Ich 
werde so frei sein, dem Dr. Mendelssohn ein Exemplar zu schik- 
ken[...] 



felix an fanny Leipzig, 12. Dezember 1846 

Liebe Schwester, 

So eben kehre ich von meiner Reise nach Berlin hieher zurück, 
d.h. ich bin nicht weiter gekommen als Schernitz 152 , da in der 
Gegend von Halle zwei Züge stecken geblieben sind im Schnee, 
u. seit gestern Abend campieren, u. die Communication also 
gesperrt ist. Wir warteten mehrere Stunden in Schernitz, u. end- 
lich sagte mir der Scharrher, daß Berlin heut Abend unmöglich 
mehr zu erreichen sei. Da bin ich hieher umgekehrt, und bedau- 
re nun aber Eure Ungewißheit u. Sorge um den ausbleibenden 
Zug am Allermeisten. Hoffentlich kommt aber die Post, die die- 
se Zeilen bringen soll, durch den Schnee durch u. beruhigt Euch, 
im Falle Ihr Euch ängstigt. Ich warte nun hier ab bis die Bahn 
wieder ganz frei ist, u. hoffe, das wird spätestens übermorgen 
sein. Bestimmt kann ich nun freilich nicht sagen, zu welcher 
Stunde ich kommen will, aber ich falle eben ins Haus, u. wie 
gesagt hoffentlich Sonntag oder Montag spätestens. Auf Wieder- 
sehen! Euer so eben im Schnee stecken gebliebener, aber gar 
nicht frostiger E 



fanny an felix 153 Berlin, 2. Januar 1847 

Ich muß nur einmal mein Tagewerk mit dem grünen Blatt anfan- 
gen, sonst gelingt es mir wieder nicht, Euch zu schreiben, Ihr lie- 
ben Geschwister [. . .] Liebe Cecile, was ich diesmal für Freude an 
Felixens Aufenthalt 154 gehabt habe, das kann ich Dir gar nicht sa- 
gen, es war nicht so unruhig um ihn her, als gewöhnlich, er blieb 
den ganzen Morgen zu Hause, hat mir Elias vorgespielt, u. erzählt, 
es waren prächtige 8 Tage. Er hat zwar sehr bei uns gefroren, aber 
sein gutes Gewissen, daß er mir so große Freude gemacht hat, muß 
ihn noch hinterher warm halten. Der Winter ist bös, u. wir haben 
in unserem dummen Sommergeläßchen 155 viel zu leiden, dafür 
war es auch den größten Theil des Jahres desto schöner. Weih- 



394 



nachtsabend war Alles bei uns, u. wir hatten einen sehr schönen 
Aufbau, der große Orangenbaum war Weihnachtsbaum (diese 
Mittheilung ist eigentlich für Marie) in den Zweigen durch ausge- 
höhlte Citronen erleuchtet, um den Giebel 156 ein Kranz von Lich- 
tern, die Erde mit Moos, u. dieses mit bunten Zuckerplätzchen 
bedeckt, die Thüren mit Taxusbogen bekleidet, u. Alles voll blau- 
en 157 Lichtern, vielen Gipssachen, die wir verschenkt haben, u. die 
sich zum Ausputz sehr hübsch eignen. Nachher spielten wir sämt- 
liche 3 Kindersymphonien, welche im Sylversterabend [...] wie- 
derholt wurden. [. . .] 

Das wäre nun Alles recht gut, wenn nur die Heidelberger Ge- 
schichte erst entschieden wäre, die Hegt uns aber Allen recht in den 
Gliedern 158 . [. . .] Im Grunde wünschen doch Alle, u. er nicht am 
letzten, daß er bleibe. Seine Freunde haben Alle ihre Schuldigkeit 
gethan, dagegen ist nichts zu sagen. Bis auf diese böse Ueberra- 
schung am Schluß war das Jahr im Allgemeinen sehr gut; ich wün- 
sche mir in mancher Beziehung mehr solche. Am Reichsten war 
es freilich für Paul, 2 Kinder 159 in einem Jahr, das will was sagen. 
Albertine ist auch diesmal etwas angegriffen, u. erholt sich langsa- 
mer, doch ist sie wohl. 

Nun lebt wohl, Ihr lieben Leute, habt ein gutes Jahr, mit all Euren 
Kindern, u. mögen wir viel zusammen kommen, das wünsche ich 
mehr, als ich es hoffe [. . .] 



fanny an felix Berlin, 1. Februar 1847 

An dem Tage, an dem alle Völker sich durch Deputationen dem 
Thron Ihr. musikalischen Majestät nahen, wage auch ich, Dir 
schönstens zu gratuliren, Herr Bruder, u. Dir ferner so viel Glück 
zu wünschen als Du, Gott sey Dank! hast u. verdienst u. vertragen 
kannst. Eigentlich müßte man Reihe herum Deiner Frau, u. allen 
Deinen Kindern zu Deinem Geburtstag Glück wünschen, u. dann 
käme es nur alle 7 Jahre an Dich, ich fürchte nur, Felixchen u. 
Lili 161 ist fast eben so wenig mit einem Brief gedient, als Dir, u. zur 
Strafe dafür sollst Du ihn eben lesen, u. Chocolade u. Kuchenkrü- 
mel darauf fallen lassen, u. ihn auf den Tisch werfen, zu allen 
Ständchen u. Blumen u. Damenerbieten, u. dem Gedicht v. Herrn 
v. Webern, u. einem Band sonstiger Gedichte, u. allen Besuchen, 



395 



u. allen Beweisen der Freude, die alle Leute von sich geben, daß 
Du vor so u. so viel 30 Jahren in Hamburg angefangen. Damit ist 
uns freilich allen gedient, u. sehr. 

Ich schicke Dir leider nichts, als meine 4stimmigen Lieder 162 , u. 
bitte Dich, spiele sie der lieben Cecile, die immer ein gütiges Pu- 
blicum für mich ist, vor, ein anderes Exemplar folgt dieser Tage 
durch Eigendorffsche Gelegenheit für Mme. Frege. 
Es hängt sehr angenehme Zeit an diesen Liedern, u. darum sind 
sie mir lieber, als andre meiner Singemusiken. 163 
Dieser Tage habe ich einen Brief v. d. Academie erhalten, der 
wesentlich nichts enthält, als die Anfrage, ob »auf Flügeln des Ge- 
sanges« von mir wäre, u. ich möchte ueberhaupt ein Verzeichniß 
von den Sachen von mir schicken, die verkappt in der Welt um- 
herlaufen, es scheint, sie sind selber nicht pfiffig genug, die Spreu 
von Weizen zu sondern. Daraufhin ich nun meinen ganzen Witz 
zusammennahm, denn blos zu antworten; ach, meine Herren, lei- 
der nein! das fände ich rather platt, u. so dumm war ich auch nicht, 
ihnen meine Paar Sächelchen mit Fingern zu zeigen [. . .] aber un- 
verschämt will ich auch nicht seyn, kurz, ich muß mein Licht bei- 
nah ebenso im Dunkel lassen, als der Magistrat unsre Straßen, seit 
er die Erleuchtung übernommen. 

Am Sonntag taufen wir nun bei Albertine, wenn nur ihr Bruder 
keinen Querstrich macht, der ist leider im letzten Stadium seiner 
Krankheit. Das Kind ist allerliebst [. . .] Ach, wenn ich Eure Kinder 
doch einmal wiedersehen könnte, das ist nun Alles wieder lang in 
die Höhe geschossen. Ich glaube, liebe Cecile, ich war neulich so 
ein undankbarer Lump, daß ich dem lieben Mariechen gar nicht 
für ihre niedliche Arbeit gedankt habe, bitte thue es für mich, u. 
sage ihr, sie hätte mir viel Freude damit gemacht. Und Dir, lieber 
Felix, habe ich auch noch zu danken für Dein Trio 164 u. Dein 
Liederheft 165 , beides schon vielfach gebraucht, u. für die Zeitung 
mit dem Beethovenschen Brief, der sehr interessant ist. Dergl. soll- 
ten Härteis öfter publiciren. 

Der Lind 166 ihre Angelegenheiten in London haben sich häßlich 
verwickelt, es sieht nun bald so aus, als würde sie gar nicht hingehn 
können. Wer wird denn die Partie in der neuen Oper von Dir 
singen, von der die Zeitungen uns erzählen? 167 Wie weit ist der 
Elias? 168 Natürlich bekommen wir ihn diesen Winter hier nicht, 



396 



u. dann wird er im Sommer überall gegeben, u. wir haben wieder 
das nachsehn. Wofür stehn wir denn an der Spitze der Civilisation? 
Mit Dirichlet ist leider noch Alles auf dem alten Fleck. Er hört 
weder von Heidelberg noch von hier etwas, u. fängt an, sehr ver- 
drießlich zu werden. Ich fürchte nur, es ist dem Minister hier ganz 
recht, wenn er geht, denn sonst hätte er, nach den Schritten, die 
die Facultät gethan hat, u. da er den Willen des Königs in demsel- 
ben Sinne weiß, sich längst rühren müssen [. . .] 
Sonst leben wir ganz vergnügt, jeder nach seiner Weise fleißig, u. 
sehen dabei viele Leute. Sebastian, denke Dir, liebe Cecile, ist ein 
vollständiger Jüngling u. beliebter Tänzer, weshalb er natürlich 
nicht das Geringste in seinen Studien versäumen darf, heut ist er 
auf einem Ball bei der alten Mad. Magnus, o Felix, wir werden alt, 
da haben wir auch in früheren Jahrhunderten getanzt. 
Lieb ist es mir, daß er auch nicht eine 169 Spur von Narrheit oder 
Ziererei zeigt, er hat andere Fehler, aber im Ganzen sind wir doch 
recht mit ihm zufrieden. Hensel hat sein großes Bild 170 unter Far- 
be, u. arbeitet an verschiedenen Sachen gleichzeitig [. . .] 
Ich danke Dir auch noch, daß Du vor Weihnacht 8 Tage hier 
gefroren hast, es war sehr hübsch, u. im Grunde friere ich doch 
schon 17 Jahre hier, die Sommermonate ausgenommen, u. befinde 
mich ganz wohl dabei. 
Lebt alle wohl, u. laßt etwas von Euch hören. Eure F. 



397 




> V- 






Fanny Hensel auf dem Totenbett 



NACHWORT 



Der Besuch des zwölfjährigen Felix bei Goethe ist von seinen Bio- 
graphen beschrieben worden wie ein Märchen. Da ist der Wun- 
derknabe, der vom Dichter die Künstlerweihe empfängt, der 
knorrige, alte Kompositionslehrer Zelter, das weitläufige, herr- 
schaftliche Haus am Weimarer Frauenplan, täglich wechselnder 
aristokratischer Besuch, der herbstlich bunte, exotisch bepflanzte 
Garten, Goethes kultivierte, junge Schwiegertochter Ottilie, die 
die Lieder von Fanny, der älteren Schwester von Felix, singt, der 
berühmte Kuß, den Felix morgens von Goethe bekommt und den 
er pflichtschuldigst erwidert. »Jetzt hört alle, alle zu!« schreibt er 
begeistert nach Hause, wo man seine lebendigen Tagebuchbriefe 
begierig erwartet. 

Ein paar Aspekte wirken störend in diesem Märchen. Goethes 
gespanntes Verhältnis zu Felix' Großvater Moses Mendelssohn 
beispielsweise oder die Worte, mit denen Zelter seinen jungen 
Schützling ankündigt: »Er ist zwar kein Jude, aber ein Judensohn 
. . .« Warum weist Goethe den Freund nicht zurecht? Hätten die 
Biographen in der zur gleichen Zeit erschienenen Romanversion 
der »Wanderjahre« nachgeschlagen, würden sie den Satz gefunden 
haben: »In diesem Sinne . . . dulden wir keinen Juden unter uns; 
denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur ver- 
gönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?« 1 
Fanny, gerade sechzehn geworden, sitzt in der elterlichen Woh- 
nung auf der Neuen Promenade in Berlin und wartet. Sie schreibt 
und schreibt ihrem Felix, ihrem »heben Sohn«, aber kein einziger 
von dessen Briefen nach Hause ist an sie adressiert, nur ein einzel- 
ner Satz, eine einzelne Nachricht gilt ihr persönlich, daß Ottilie 
ihr Lied »Erster Verlust« so schön gesungen oder Goethe ihm ei- 
nen Zettel mit einem Gedicht in die Hand gedrückt und dazu 
gesagt hat: »Gib das dem heben Kinde.« 



399 



Dabei ist sie längst kein Kind mehr. Sie hat Lieder auf französische 
und deutsche Texte geschrieben, eine große Klaviersonate in E- 
Dur angefangen, korrespondiert mit ihrer Tante Henriette in Paris 
über die Kunst, das Leben als Komödie zu inszenieren, tröstet ihre 
vierundvierzigj ährige Mutter Lea über den Tod ihres neugebore- 
nen, letzten Kindes und vermittelt so lange zwischen ihrem zum 
Christentum konvertierten Onkel Bartholdy in Rom und dessen 
orthodoxer Mutter, ihrer Großmutter Bella, bis diese ihre alttesta- 
mentarische Verfluchung zurücknimmt. 

»Freilich, meine beste Fanny, hast Du Dir durch Deine geschick- 
ten und glücklichsten Unterhandlungen . . . unsterblichste Verdien- 
te um mich erworben«, bedankt sich Bartholdy, »und ist ein Be- 
weis Deines guten . . . Herzens und Gefühls. Ich habe immer ge- 
glaubt . . ., daß man mit dem Herzen mehr durchsetze als mit dem 
Kopfe, selbst bey solchen Gelegenheiten, wo Du viel vom Genie 
großer Männer wirst reden gehört haben. Hiermit will ich aber 
Deinem Genie nicht zu nahe treten.« 2 Warum ist sie eigentlich 
nicht mitgefahren? Zelter, der gemeinsame Kompositionslehrer, 
schätzt Fannys Begabung als Komponistin und Pianistin minde- 
stens so hoch ein wie die von Felix. 

Da ist einmal das bekannte Diktum ihres Vaters, des Bankiers 
Abraham Mendelssohn, der sie energisch in ihre weiblichen 
Schranken verwiesen hat: »Die Musik wird für ihn vielleicht Be- 
ruf, während sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbass 
Deines Thuns werden kann und soll.« 3 Ein anderer Grund heißt 
Wilhelm Hensel. Er ist siebenundzwanzig Jahre alt, märkischer 
Pfarrerssohn, Teilnehmer der antinapoleonischen Befreiungskrie- 
ge, Amateurdichter, Absolvent der Berliner Kunstakademie und 
ein am preußischen Hof geschützter Historienmaler. Fanny hat 
den elf Jahre älteren im Januar 1821 kennengelernt. Als Mutter 
Lea bemerkt, daß er sich in sie verhebt hat, macht sie eine ihrer 
gefürchteten häuslichen Szenen: Dieser Hensel, der übrigens viel 
zu alt für sie ist, paßt einfach nicht in die Familie. Er ist ein ultra- 
loyaler preußischer Patriot, malt geschmacklich fragwürdige Ko- 
lossal-Motive wie »Spiel des Indianers mit der vierzehnpfündigen 
Kugel, zur rechten sein Sklav' mit dem Glockenspiel, links ein 
zuschauender Turner«, schmiedet gefällige Kalauer von zweifel- 
hafter Komik und sympathisiert, was das Schlimmste ist, mit dem 



400 



Katholizismus. Die Geschwister Fanny, Felix, Rebecka und Paul 
sind 1816 in aller Unauffälligkeit evangelisch getauft worden. Lea 
und Abraham werden diesen Schritt erst 1822 tun. Große Teile der 
Familie sind jüdisch geblieben, Abrahams Bruder Joseph, seine 
Schwester Recha und vor allem Leas Verwandtschaft aus der Linie 
ihres Großvaters Daniel Itzig, preußischer Münzmeister im Sie- 
benjährigen Krieg und persönlicher Bankier Friedrichs des Gro- 
ßen. 

Die Mendelssohns sind ebensowenig überzeugte Protestanten, 
wie sie überzeugte Juden gewesen waren. Aber es schien vernünf- 
tig und richtig, überzutreten. Denn ein Votum des preußischen 
Finanzministeriums von 1816 hat viele der unter Friedrich dem 
Großen erreichten Privilegien wieder zerstört. »Der Übertritt der 
Juden zur christlichen Religion muß erleichtert werden«, heißt es 
wörtlich, »und mit dem sind alle staatsbürgerlichen Rechte ver- 
knüpft. Solange der Jude aber Jude bleibt, kann er keine Stellung 
im Staate einnehmen.« 

Und nun Wilhelm Hensel mit seinem Schwärmen für Rom und 
den Papst, seinem ständigen »Gelobt sei Jesus Christus«, seiner 
nonnenhaft-keuschen Schwester Luise, die religiöse und patrioti- 
sche Lyrik schreibt, seinen freundschaftlichen Beziehungen zur 
»christlich-deutschen Tischgesellschaft«, deren Wortführer Kleist, 
Brentano, Savigny und Fichte sowohl Juden als »diese von den 
ägyptischen Plagen übriggebliebenen Fliegen« 4 als auch Frauen 
aus ihren Reihen ausschließen! Hier wittert Lea mit Recht eine 
Atmosphäre von Intoleranz und Fanatismus, einen schwülen, völ- 
kisch geprägten Nationalgeist, die germanische Antwort auf die 
Politik des verhaßten Napoleon, der die Juden weitgehend eman- 
zipiert hatte. Wilhelm darf Fanny besuchen, aber nur, wenn Lea 
dabei ist. Eine Reise zu Goethe hätte Gelegenheit zu unkontrol- 
lierter Korrespondenz gegeben. Ein Jahr später, als Hensel mit 
einem preußischen Staatsstipendium nach Italien reist, untersagt 
sie ihm jeden direkten Briefwechsel mit Fanny. 
Doberan 1824. Ein kleines, aristokratisches Bad an der mecklen- 
burgischen Ostsee, erst Wallfahrtsort, dann Sommerfrische der 
Schönen und Reichen, ein schattiger Park mitten im Zentrum, 
klassizistische Gebäude in strahlendem Weiß, fragile, chinesische 
Pavillons, ein Kasino, eine Pferderennbahn, ein Theater und über- 



401 



all »jene schönen Wucherinnen, die sich reichlich genug in allen 
Sorten . . . zujeder Tageszeit auf allen Plätzen zeigen und ihre bona 
officia anbieten«. 5 Hier ist der fünfzehnjährige Felix mit seinem 
Vater und seinem Hauslehrer Heyse zu Gast, von hier schreibt er 
zum erstenmal an Fanny direkt, deren Antworten aus dieser Zeit 
leider nicht überliefert sind. Sie hat ihm Vorwürfe gemacht, seine 
Schreibfaulheit getadelt. Aber es ist nichts Bösartiges oder Herab- 
setzendes in seinem Schweigen. Felix hat drei Geschwister, eine 
anspruchsvolle Mutter, zahllose Verwandte in Berlin, Paris und 
Wien, einen Kompositionslehrer, einen Klavierlehrer, einen Zei- 
chenlehrer, und alle lieben ihn und erwarten Briefe von ihm, die 
er, um sich das Leben zu erleichtern, summarisch abfaßt, da er 
weiß, daß sie ohnehin überall herumgereicht werden. Fanny stellt 
Sonderansprüche, denn sie ist seine engste musikalische Vertraute, 
wie ein künstlerischer Zwilling mit ihm aufgewachsen, immer an 
seinen Kompositionsprojekten beteiligt, zur Zeit an seiner Oper 
»Die Hochzeit des Camacho«. Meistens wird sie krank, wenn er 
verreist ist, bekommt Husten, Gesichtsschmerzen, Nasenbluten, 
versucht, sein Gewissen nicht zu belasten, und tut es doch. Was 
hat sie auch vom Leben, wenn Felix nicht da ist? Ein paar Gesell- 
schaften, ein paar »Thee«-Gäste, Streit mit der Mutter, Sehnsucht 
nach Hensel. Man versucht, sie mit aller Gewalt auf den »Beruf 
des Weibes« vorzubereiten und verbietet ihr nun schon im dritten 
Jahr den Kontakt zu dem Mann, der sie Hebt. 
Felix, der leicht erregbar ist, reagiert jähzornig, »schnauzt« oder 
»faucht« sie an. Aber er ist viel zu friedfertig, um dauerhaft böse 
zu sein. »Süßes Kind, ich hebe Dich entsetzlich; aber wenn nur 
besseres Wetter werden wollte.« Das Wort »Liebe« verweist nicht 
automatisch auf Inzest, nicht einmal, wie sein Biograph Werner 
meint, auf »Hysterie«. Die Mendelssohns »Heben« Vater, Mutter, 
Geschwister, das Meer und Johann Sebastian Bach. Erst eine neue- 
re, ängstlichere Sprachregelung reserviert das Wort für den Be- 
reich der Erotik. 

Daß der erwachsene Felix ein guter, ausdauernder Schwimmer 
war, der allerdings 1840 bei Bingen im Rhein beinahe ertrunken 
wäre, da er mitten im Wasser plötzlich bewußtlos wurde, ist be- 
kannt; daß er aber schon als Fünfzehnjähriger weit ins offene Meer 
hinausschwamm und darüber plastische literarische Berichte ver- 



402 



faßte, dürfte seinen Biographen neu sein. "Welcher romantische 
Komponist konnte überhaupt schwimmen? Schumann konnte es 
nicht. Schubert sicher auch nicht. Goethe allerdings hackte das Eis 
auf der lim auf, um selbst im Winter schwimmen zu gehen. Lord 
Byron durchschwamm die Meerenge der Dardanellen. Es war 
modern, ja politisch fortschrittlich, öffentlich zu schwimmen, 
denn fast jede Art von Sport war 1819 durch die sogenannte preußi- 
sche »Turnsperre« polizeilich verboten worden. Die Turner- und 
Burschenschaften wollten die Einheit und Freiheit Deutschlands, 
die Abschaffung der Aristokratie unter den Farben Schwarz, Rot, 
Gold. Jahn, ihr geistiger Führer, wurde wegen »hochverräterischer 
Verbindungen« mehrfach verhaftet. Ein gegen ihn angestrengter 
Prozeß endete zwar 1825 mit Freispruch, doch wurde er für wei- 
tere fünfzehn Jahre unter Polizeiaufsicht gestellt. E .T A. Hoff- 
mann, der dem Prozeß zeitweilig als Richter vorsaß, nannte das 
Turnwesen eine »Pflanzschule wahnsinniger Hoffnungen« und 
befürchtete, daß es »in Knaben den Dünkel erregen könnte, . . . sich 
in keine gewöhnliche Ordnung der Dinge fügen zu wollen.« 6 Die 
Breslauer Gymnasiasten hatten bereits erklärt, künftig lieber das 
Lesen unterlassen zu wollen als das Turnen. Erst 1842, mit dem 
Thronantritt Friedrich Wilhelms IV, wurde die »preußische Turn- 
sperre« wieder aufgehoben, denn unter dem Eindruck einer neu- 
en, vermeintlichen Bedrohung durch den »Erbfeind« Frankreich 
war körperliche Ertüchtigung plötzlich wieder gefragt. 
Doberan ist zwar ein eleganter Badeort, aber die mecklenburgi- 
schen Einheimischen sind bitterarm. Rund um das Seebad gibt es 
keine befestigten Landstraßen, nur Feldwege. Die wenigen, die 
sich den Luxus eines Badeaufenthaltes leisten können, kommen 
mit der eigenen Equipage. So wird Felix als dreifacher Außenseiter 
angesehen: reichjüdisch und ein guter Schwimmer. Einmal, als er 
in Doberan aus dem Wasser steigt, wird er von einheimischen 
Kindern als »Judenjunge« beschimpft. Er versucht, gelassen zu 
bleiben, ist aber, so sein Hauslehrer Heyse, später im Hotel »außer 
stände seine Wuth und Indignation über die Demütigung, die ihm 
widerfahren, zu unterdrücken. Am Abend brach sie in einem 
Sturm von Thränen und wilden Beschuldigungen aller Art aus.« 7 
Kein Wort darüber an Fanny, die er nicht beunruhigen will. Sie 
hat den »Judensturm« von 1819 miterlebt, den Aufmarsch der de- 



403 



mokratischen, »hep, hep, Jud' verreck« grölenden Burschenschaf- 
ten, eingeworfene Fenster, verprügelte ehemalige Glaubensgenos- 
sen, intellektuell verbrämte Parolen zur »Vertreibung der Juden 
mit Dolch und Schwert«. Es ist alles so widersinnig und verwir- 
rend. Daß ausgerechnet die Jungdeutschen und Demokraten die 
Juden vertreiben wollen, darunter einige der bekanntesten zeitge- 
nössischen deutschen Dichter. Jahrelang ist es fast ein Tabu, das 
Wort »Jude« auch nur in den Mund zu nehmen. Im Briefwechsel 
zwischen Fanny und Felix taucht es nur drei- oder viermal auf, 
ohne daß eines der Geschwister von »vernichtendem jüdischen 
Selbsthaß« befallen gewesen wäre, eine weitere Schuldzuweisung 
Werners an Fanny. 

Im März 1825 fährt Abraham mit Felix nach Paris, um ihn bei Luigi 
Cherubini einzuführen, der über seine Künstlerlaufbahn entschei- 
den soll. Abraham ist noch keine fünfzig, hat sich aber seit Jahren 
aus dem Bankgeschäft zurückgezogen und widmet sich nun inten- 
siv der Karriere seines Sohnes. Für die Familie zu Hause in Berlin 
hat er ein weitläufiges Palais an der Leipziger Straße 3 gekauft, mit 
großem, parkähnlichem Garten und einem für Musik- und Thea- 
teraufführungen geeigneten Saal. Felix schreibt in dieser Zeit häu- 
fig an Fanny, sie empfindet seine Briefe als arrogant: kein Wort 
über die Schönheiten und Besonderheiten von Paris, Kritik und 
Tadel am Musikleben in Bausch und Bogen, den Flügeln, den 
Geigern, den Orchestern, der Oper, dem Theater, den Salons, den 
Dilettanten, die nicht einmal Bach kennen, den Frivolitäten in 
einer neuen Oper von Auber. So schrecklich, meint Fanny, kann 
es in Paris gar nicht sein. Geht er denn nie an die Seine, in den 
Jardin du Luxembourg, mischt er sich nie unters Volk, genießt er 
nie das gute Essen, wird er am Ende ein deutscher, verbiesterter 
»Schuhu«? Er benimmt sich ein bißchen flegelhaft, auch ihr gegen- 
über. Sie solle doch, bitteschön, erst einmal Partitur lesen lernen, 
ehe sie sich über Männerangelegenheiten wie die Verbesserung 
der Klarinette den Kopf zerbreche! 

Lea, in diesem Punkt durchaus emanzipiert, weist ihn zurecht. Er 
wisse wohl gar nicht, was Fanny in Berlin alles für ihn tue, Noten 
beschaffen, Stimmen kopieren, mit Verlegern verhandeln, aber 
selbst sie, die sonst uneingeschränkte Autorität, bekommt »ihr 
Fett« ab: »Davon kann ich Dir das Gegentheil nur versichern, be- 



404 



weisen kann ich es nicht. Glaube nur meinen Betheuerungen, 
denn das Lügen habe ich mir in Paris noch nicht angewöhnt!« Hier 
spricht der verwöhnte Junge in der letzten Phase der Pubertät, das 
sich selbst überschätzende Junggenie, vom Vater vergöttert und zu 
immer wieder neuen Leistungen angetrieben, von Cherubini 
durchaus kritisch gesehen: »Der Junge ist begabt; er wird Gutes 
leisten; er leistet schon jetzt Gutes. Aber er verschwendet sein 
Vermögen; er verwendet zuviel Stoff für sein Gewand.« 8 
Schon seit 1822 haben sich die Geschwister mit Bachs »Matthäus- 
passion« auseinandergesetzt, deren Partitur Felix 1823 zu Weih- 
nachten geschenkt bekommt, nicht als gedruckte Ausgabe, denn 
von einer Drucklegung der Werke Johann Sebastian Bachs ist man 
damals noch weit entfernt, sondern in einer Abschrift seines Vio- 
linlehrers Eduard Rietz. Fanny und Felix machen sich gemeinsam 
ans Studium, spielen die Chöre vierhändig, singen mit den Freun- 
den Marx, Droysen und Devrient Teile der Solopartien. Als die 
Privatproben genügend fortgeschritten sind, gehen Felix und 
Devrient, mit »neugekauften gelben Handschuhen«, 9 blauen Rök- 
ken, weißen Westen, schwarzen Halstüchern und schwarzen Pan- 
talons bekleidet, zu den Vorstehern der Berliner Singakademie 
und bieten die Aufführung an. Geld ist wie immer kein Problem. 
Vater Mendelssohn finanziert alles. Auf dem Vorplatz ruft Felix 
übermütig aus: »Zu denken, daß es ein Komödiant und ein Juden- 
junge sein müssen, die den Leuten die größte christliche Musik 
wiederbringen!« 10 

Die ersten beiden Aufführungen am 11. und 21. März 1829 dirigiert 
er selbst. Eduard Devrient singt den Jesus. Die übrigen Partien 
werden hauptsächlich von Mitgliedern des königlichen Opern- 
hauses vorgetragen. Es spielt die von Eduard Rietz gegründete 
»Philharmonische Gesellschaft«, ein aus Laien und Berufsmusi- 
kern bestehendes Orchester. Der Chor - überwiegend Mitglieder 
der Singakademie - umfaßt 185 Personen. Fanny steht bescheiden 
hinten unter den Altistinnen. Schon nach der ersten Ankündigung 
des Konzertes sind alle Karten vergriffen. Ungefähr tausend Men- 
schen müssen vor Beginn der Aufführung wieder gehen. Spontini, 
eifersüchtig geworden, versucht, die geplante Wiederholung zu 
verhindern, aber der Kronprinz persönlich stellt sich hinter Men- 
delssohn und setzt sie erneut aufs Programm. Der Erlös des ersten 



405 



Konzertes geht an den Verein für die Erziehung verwahrloster 
Kinder, der des zweiten an die Berliner Handelsschulen. 
»Was wir uns Alle so im Hintergrunde der Zeiten als Möglichkeit 
geträumt haben, ist jetzt wahr und wirklich, die Passion ist ins 
öffentliche Leben getreten, und Eigenthum der Gemüther gewor- 
den«, schreibt Fanny an den Freund Klingemann. »Der überfüllte 
Saal gab einen Anblick wie eine Kirche, die tiefste Stille, die feier- 
lichste Andacht, herrschte in der Versammlung, man hörte nur 
einzelne unwillkürliche Äußerungen des tief erregten Gefühls . . .« n 
Der zwanzigjährige Felix ist nun mit einem Schlag in ganz 
Deutschland bekannt und fühlt sich mit Recht berufen, einen Teil 
seiner Kräfte auf die Direktion und Organisation von Konzerten 
und die Wiederbelebung alter Musik, besonders Bachs, zu kon- 
zentrieren. Dieses Kapitel ist musikhistorisch minutiös dokumen- 
tiert worden, auch in seiner Bedeutung als Verwirklichung »natio- 
nal-romantischer wie geftihlsreligiöser Ideen« 12 innerhalb der auf 
bürgerlich-demokratischen Fundamenten gewachsenen Institu- 
tion der Berliner Singakademie. Was in allen Darstellungen fehlt, 
ist ein angemessener Hinweis auf den Anteil Fannys, die offenbar 
jede Note des Werkes im Kopf hatte und Felix nach seiner Abreise 
problemlos bei Chor und Orchester vertreten konnte, ohne daß 
der wirkliche Dirigent, Zelter, etwas davon merkte. Hätte man 
nicht lieber ihr den Dirigierstab überlassen sollen als dem hoff- 
nungslos überforderten alten Mann? Francoise Tillard, ihre Bio- 
graphin, wirft diese blasphemische Frage auf. Erst 1846 wird Fanny 
über sich selber sagen: »Ich sage Dir, wenn irgend ein Angestellter 
u. Bezahlter sich so viel Mühe um die Sache gäbe wie ich, es würde 
manches anders herauskommen.« 

1828 ist Hensel aus Italien zurückgekehrt und hält zum zweiten 
Mal um ihre Hand an. Seine Popularität ist inzwischen gestiegen. 
Er hat den Nachlaß des 1825 verstorbenen Jacob Salomon Bart- 
holdy geordnet, die Fresken in dessen Villa wiederhergestellt, Raf- 
faels »Transfiguration« kopiert und ein großes Gemälde, »Christus 
und die Samariterin am Brunnen«, vollendet, über das Friedrich 
Wilhelm III. befriedigt urteilt: »Der Maler hat seine Zeit in Rom 
nicht unnütz verbracht.« Er erwirbt dieses Bild für 600 Friedrich 
d'or, zahlt 2000 Dukaten für die »Transfiguration«, nimmt Hensel 
in die Akademie der Künste auf und ernennt ihn zum Hofmaler. 13 



406 



Trotzdem hat Lea immer noch Bedenken gegen die Ehe und 
macht Fanny »die schrecklichsten Scenen«. Vielleicht geht es ihr 
gar nicht mehr um Hensel persönlich, sondern darum, daß sie ihre 
Kinder nicht loslassen will. 

Mit der typischen Mischung aus Sensibilität und Hartnäckigkeit, 
die sie schon bei der Vermittlung zwischen Onkel und Großmut- 
ter bewiesen hat, setzt Fanny sich schließlich durch. Am 3. Okto- 
ber 1829 findet die Hochzeit statt, eine evangelische Trauung in 
der Parochialkirche. Pfarrer Wilmsen predigt, der Organist Grell 
spielt Fannys Orgelpräludien, das junge Paar bezieht das Garten- 
haus auf der Leipziger Straße 3 und wohnt dort bis zu Fannys Tod. 
Trotz aller negativen Prognosen wird die Ehe sehr glücklich. 
In ihrem Tagebuch schildert Fanny, wie sie »immer nur ein Bett« 
benutzen, Hensel nachts ihren »Kopf in seinem Arm« hält und ihr 
»die Nächte jetzt lieber sind fast als die Tage«. 14 Das einzige, was 
ihr manchmal Grund zur Klage gibt, ist Hensels Neigung zum 
Kränkeln und zur Hypochondrie. Er leidet oft unter Magenbe- 
schwerden, fühlt sich besonders im Winter krank und unzufrieden 
und verbreitet schlechte, deprimierende Stimmung. Trotzdem 
wird er sie um vierzehn Jahre überleben. 

Hensel gibt seine Schwärmerei für den Katholizismus auf und 
erweist sich als ausgesprochen fortschrittlich, indem er Fanny in 
ihrer Laufbahn als Komponistin unterstützt und sie ermutigt, 
»Sonntagsmusiken« zu veranstalten, oft gegen den erbitterten Wi- 
derstand seines Schwagers Felix. Es entstehen einige schöne Ge- 
meinschaftsproduktionen. Hensel schreibt Texte für Fanny und 
verziert ihre Notenhandschriften mit Vignetten. Er ist selbst un- 
musikalisch, aber er erkennt, daß er eine begabte Komponistin zur 
Frau hat. Fannys Verhältnis zu seinem Werk bleibt distanziert. Sie 
schätzt seinen Fleiß, seine Geschicklichkeit, seine Begabung als 
Pädagoge, äußert sich aber nur selten über seine Bilder, zumindest 
nicht Felix gegenüber, der kein Hehl daraus macht, daß er Hensels 
Werke nicht mag, zumal die Bleistiftporträts, denen jeder psycho- 
logische Realismus abgehe. 

Fannys Briefe an Felix aus der Verlobungszeit sind von Eric Wer- 
ner als »geradezu hysterisch« und von »dunkleren, manchmal das 
Abnormale streifenden Trieben« beherrscht 15 getadelt worden. Er 
sieht schwülstige Liebeserklärungen darin, gar Aufforderungen 



407 



zum Inzest. Um dieses für ihn offenbar wichtige Bild zu erhärten, 
ändert er nach Belieben den Originaltext. Ich habe mich an ande- 
rer Stelle ausführlich hierzu geäußert 16 und möchte darum nur 
kurz zusammenfassen, was Werner übersieht oder nicht erwähnt: 
Erstens den starken Geschwisterzusammenhalt jüdischer Fami- 
lien, die innere Abgrenzung gegen die feindliche Außenwelt, das 
Bestreben, die Familie durch »Verwandtenehen« zu erhalten und 
auch nach der Verheiratung möglichst nah beieinander zu sein. 
Zweitens Felix' offenkundige Eifersucht auf Hensel, mit dem er 
sich weigert, ein herzliches Verhältnis einzugehen. Es gibt jeden- 
falls kaum Korrespondenz zwischen den beiden. Felix spricht 
Hensel nie vertraulich mit »Wilhelm« an, sondern benutzt die 
unpersönliche Anrede beim Nachnamen. Bewußt oder unbewußt 
inszeniert er seine Reisen so, daß er weder zu Fannys Hochzeit 
noch zur Taufe ihres Sohnes Sebastian kommen kann. Auf das 
Orgelstück, das er ihr zur Hochzeit versprochen hat, wartet sie 
vergeblich. Er hat sich in London am Knie (!) verletzt, eine Ausre- 
de, die sie noch Jahre später als absurd betrachtet. 
Drittens die klugen und eindringlichen Worte, die Fanny selbst für 
den Konflikt zwischen Bruder- und Gattenliebe findet, indem sie 
an ihre Schwägerin Luise Hensel appelliert: »Ich kann überhaupt 
diese Enge des Herzens nicht begreifen, worin der Bruder oder die 
Freundin dem Gehebten erst Platz machen muß, als wär's eine 
Wohnung mit abgeschlossenen Räumen.« 17 
Am 16. Juni 1830 wird nach komplizierter Schwangerschaft Fannys 
einziger Sohn Sebastian geboren. Trotz strikter Bettruhe wegen 
vorzeitiger Blutungen kommt das Kind etwa zwei Monate zu früh 
zur Welt, so daß sein Überleben angesichts der damaligen medi- 
zinischen Möglichkeiten einem Wunder gleicht. Fannys Schwan- 
gerschaften sind ein trauriges Kapitel. Mindestens zwei Fehlgebur- 
ten verzeichnen die Briefe und Tagebücher, eine 1832, im Jahr der 
Cholera, eine 1837, unmittelbar nach der Hochzeit von Felix. Of- 
fenbar ereigneten sich diese »Unfälle«, wie die Familie sich aus- 
drückte, in einem fortgeschrittenen Stadium der Schwangerschaft, 
da Fanny bereits Reisepläne verworfen und angefangen hatte, 
Wiegenlieder zu schreiben. Den Herbst und Winter 1836 ver- 
bringt sie in völliger häuslicher Isolation. Trotzdem ist die Fehl- 
oder Frühgeburt nicht aufzuhalten. 

408 



Es ist schwer, im nachhinein eine Diagnose zu stellen. Fanny war 
Hypertonikerin, ein Leiden, das in der Familie lag, da immer wie- 
der die gleichen Symptome wie Kopfschmerzen, Nasenbluten 
und Ohrensausen auftauchen. Hypertonikerinnen neigen nach 
heutiger Erkenntnis mehr zu Schwangerschaftsvergiftungen als 
Frauen mit normalem Blutdruck. Es kommt zu Ödemen, Nieren- 
insuffizienz und Krampfanfällen mit hohem Mortalitätsrisiko für 
Mutter und Kind. Fanny hatte unter den damaligen medizinischen 
Bedingungen keine Chance. Möglicherweise mußte sie sich quä- 
lenden Therapien zur Blutdrucksenkung wie Aderlässen oder An- 
setzen von Blutegeln am Unterleib unterziehen. Nach der Geburt, 
egal mit welchem Ausgang, galten für sie dieselben Regeln wie für 
alle Wöchnerinnen: neun Tage lang strenge Bettruhe, davon drei 
Tage lang nichts zu essen und zu trinken außer Wassersuppe und 
etwas Weißbrot, nach drei Wochen allmählicher Übergang zu 
normaler Kost. Dieses offenbar nur in Deutschland verbreitete 
»Hungernlassen« hatte den Sinn, die Verdauung der Wöchnerin 
möglichst nicht anzuregen. 18 Nach den Strapazen der ersten, 
hochdramatischen Schwangerschaft war sie zu geschwächt, um ihr 
Kind zu stillen, und beschaffte sich über ein »Ammencomptoir« 
eine Amme. Zwar war nach dem »Preußischen allgemeinen Land- 
recht« jede Mutter verpflichtet, selber zu stillen, wobei über die 
Länge der Stillzeit der Ehemann bestimmte, aber die wenigsten 
Frauen der Gesellschaft hielten sich an dieses Gesetz. Die Ammen 
gaben ihre eigenen Kinder in Pflegestellen, wo sie meistens star- 
ben. Viele dieser »gefallenen Mädchen« waren mit Syphilis infi- 
ziert und steckten die Brustkinder an. So waren die ersten Lebens- 
monate immer noch eine gefährliche Zeit, in der man damit rech- 
nen mußte, daß die Säuglinge nicht überlebten. 
Vor diesem Hintergrund ist Felix" Irritation darüber zu verstehen, 
daß Fanny kaum ein halbes Jahr nach Sebastians Geburt schon 
wieder komponieren, das heißt »andere Ideen« im Kopf haben 
wollte. Auch nach Fannys Fehlgeburt im Frühjahr 1837 erkundigt 
er sich, ob ihre Gesellschaften und Hauskonzerte sie »nicht zu sehr 
anstrengten« ? Man war damals, wegen der vielen Infektionskrank- 
heiten nicht ganz zu Unrecht, der Meinung, daß Schwangere nicht 
auf Bälle, ins Theater oder Konzert gehen sollten. Felix machte 
sich Sorgen um Fanny, kannte ihren Wunsch nach einem zweiten 



409 



Kind und führte ihre Neigung zu Früh- oder Fehlgeburten auf die 
Strapazen des Dirigierens und Konzertierens zurück. 
Die Düsseldorfer und Leipziger Briefe von Felix' an Fanny zeigen 
deutlich, wie er sich unter dem Druck der öffentlichen Verantwor- 
tung aufreibt. Ein Konzert nach dem anderen, Quartettsoireen, 
Kirchenmusiken, Singverein, zu Anfang der Düsseldorfer Zeit 
auch noch die Oper, rheinische Musikfeste, der Ehrgeiz, Bach in 
der Rheinprovinz bekannt zu machen, Dirigate in England, Ab- 
stecher nach Elberfeld, Auftritte als Konzertpianist, dazwischen 
die Komposition von Liedern, Kammermusik, großen symphoni- 
schen Werken und der ebenso verzweifelte wie vergebliche Ver- 
such, eine dramaturgisch überzeugende Oper zu schreiben. Kein 
Wort über den Rhein, den er so sehr Hebte, über Ausflüge ins 
Bergische Land oder ins nahe Holland. 

Das immense Arbeitsprogramm ist nicht ganz freiwillig gewählt. 
Denn die Familie, vor allem der Vater, wacht wie ein unerbittlicher 
Richter über seine Erfolge. Er besucht ihn in Düsseldorf, überzeugt 
sich von seiner Beliebtheit, kommentiert seine Konzertprogram- 
me und Rezensionen in Briefen, oft mit deutlich moralisierendem 
Unterton, der das Gegenteil seiner guten Absicht bewirkt. Als Felix 
seine Arbeit an der Oper aufgibt und sich Hals über Kopf in die 
Fehde mit Immermann steigert, »vergißt« er, den Vater um Rat zu 
fragen. Schon nach drei Jahren wirft er seine Düsseldorfer Ver- 
pflichtungen hin, obwohl es eine Zeit großer öffentlicher Sympa- 
thie für ihn war, die ihm blendende Kritiken und die Freundschaft 
vieler musikliebender Rheinländer einbrachte, vor allem die des 
Regierungspräsidenten Otto von Woringen und seiner Familie. 
Fanny, die in dieser Zeit intensiv mit ihm korrespondiert und 1835 
und 1836 an den Rhein fährt, um als Choristin bei den Musikfesten 
mitzuwirken, kann den neuen Felix nur schwer akzeptieren. Er ist 
nun eine Person des öffentlichen Musiklebens und hat weniger 
denn je Zeit, ihr zu schreiben oder die lange, beschwerliche Post- 
kutschenreise nach Berlin zu machen. Sie fühlt sich vernachlässigt, 
übergangen, beklagt, daß sie fast keine Vorstellung von seiner Wir- 
kung auf dem Podium hat. Vielleicht ist auch Eifersucht auf Re- 
becka im Spiel. Denn Felix mag so viel zu tun haben, wie er will: 
Für einen Brief an die hübsche Rebecka findet er immer Zeit. Von 
amourösen, aber auch musikalischen Neuigkeiten erfährt jetzt sie 



410 



als erste. Freunde wie Devrient behaupten, daß er in sie »verliebt« 
gewesen sei 19 , nicht in Fanny. Fanny rächt sich, indem sie Rebecka 
als chronisch launenhaft und pessimistisch hinstellt, ob zu Recht 
oder nicht, ist schwer zu sagen. 

Sie hat in diesen Jahren den Eindruck, daß niemand außer Hensel 
sich für ihre Musik interessiert, auch Rebecka nicht, die dauernd 
»in Umständen« ist und keine Zeit mehr hat, ihre Lieder zu sin- 
gen. Die Folge ist eine schwere, lang anhaltende Depression, in der 
sie unfähig ist zu erkennen, daß auch Felix große seelische Proble- 
me hat. Er hat das Gefühl, in Düsseldorf keine wahren Freunde zu 
haben, sucht eine Frau, die seine Einsamkeit kuriert, obwohl seine 
Mutter ihm dringend abrät, sich zu binden, leidet besonders im 
Herbst und vor Weihnachten und flieht in die Arbeit, um nicht 
allein sein zu müssen. In dieser Zeit urteilt er ungerecht über Fan- 
nys Musik. Über die Mary-Alexander-Lieder sagt er schlicht, sie 
gefielen ihm nicht. Dafür nimmt sie seine »Melusine« und einige 
seiner Kirchenmusiken Takt für Takt auseinander, benutzt Voka- 
beln wie »übereinfach« und »kindisch« und wirft die polemische 
Frage auf, ob er am Ende nur komponiere, um »so und so viel Ries 
Papier zu beschreiben«. Solche Analysen wirken wie Gift. Fanny 
schreibt keine Oratorien mehr, seit Felix gesagt hat, daß ihr »Talent 
nicht dazu neige«. Felix unterwirft einen Großteil seines Jugend- 
werks einer selbstquälerischen Revision und schreibt künftig die 
meisten Stücke in mehreren Fassungen. 

Über Cecile, die er 1836 kennenlernt, haben seine Biographen die 
absurdesten Fehlurteile verbreitet. Sie sei schön und kultiviert, 
aber geistlos gewesen, unmusikalisch und unfähig, seine Musik zu 
begreifen, habe ihn in den Traditionalismus gedrängt und sich mit 
Fanny nicht verstanden. 20 Auch für eine angeblich fortschreitende 
Entfremdung zwischen den Geschwistern macht man Cecile ver- 
antwortlich, wobei fast einmütig bedauert wird, daß Felix sie nicht 
verließ, um sich mit der Sängerin Jenny Lind zu liieren. "Was wären 
die beiden für ein kongeniales Paar gewesen! Was für eine Oper 
hätte er für sie schreiben können! 21 Vielleicht hätte diese Bezie- 
hung sogar lebensverlängernd gewirkt? 

Noch bevor Cecile Fanny, Rebecka und Lea persönlich kennen- 
lernte, hatte sie den »lieben Schwestern« und der »Heben Mutter« 
viele Briefe geschrieben, deren energisch fließende Schrift auf eine 



411 



starke Persönlichkeit schließen läßt. Fanny antwortete sofort und 
mit großer Herzlichkeit. Sie freute sich, daß ihr Bruder sich end- 
lich verheiratete, stimmte ein Loblied auf die eheliche Liebe an, 
wünschte ihm Ruhe und Häuslichkeit als Kontrast zu seinem ge- 
hetzten Dirigentenleben und als Heilmittel gegen Selbstzweifel 
und Depression. Es war Felix, der die Begegnung monatelang ver- 
hinderte, wahrscheinlich aus Angst vor seiner Mutter, die mit der 
Partnerwahl ihrer Kinder nie zufrieden war und sie mit Herzat- 
tacken und Weinkrämpfen unter Druck setzte. Fanny wollte Ce- 
cile so gern noch »als Mädchen« sehen. Aber Felix suchte und fand 
immer wieder neue Gründe, sie nicht in Berlin vorzustellen, Kon- 
zerte, Auslandsreisen, Krankheiten seiner Schwiegermutter in spe. 
Es stimmt nicht, daß Fanny sich weigerte, zur Hochzeit zu kom- 
men. Felix hatte ihr nicht einmal eine förmliche Einladung ge- 
schickt. Vielleicht wäre sie trotzdem hingefahren. Aber sie war 
schwanger und durfte nicht reisen. Als sie kurze Zeit später einen 
ihrer »betrüblichen Unfälle« hatte, war sie froh, sich wenigstens 
»keine Vorwürfe« machen zu müssen. 

Cecile erwartete bereits ihr erstes Kind, als sie sich endlich in Leip- 
zig kennenlernten, auf Druck Klingemanns, der die absurde Situa- 
tion zu beenden trachtete. Beide fanden sich sofort sympathisch 
und wurden Freundinnen. »Es haben Dich zwar alle Leute lieb, 
die Dich kennen, aber so lieb wie ich haben Dich doch nicht viele 
Leute«, schrieb Fanny. Noch Jahre später freute sie sich, daß Felix 
in Cecile eine Frau gefunden habe, die ihn »so glücklich« mache 
und »so gut für ihn passe«. Cecile interessierte sich auch für Fannys 
Musik. Daß sie unmusikalisch war, ist ein Märchen. Sie konnte 
sehr gut singen, übernahm schon bald Rebeckas Rolle und wurde 
eine gute Interpretin von Fannys Liedern. Fanny bemühte sie so- 
gar als »Vermittlerin« gegenüber Felix, der seinen Widerstand ge- 
gen ihr Publizieren nicht aufgeben wollte. 

Im Malen und Zeichnen war Cecile Felix weit überlegen. Fanny 
schlug ihr ernsthaft vor, ihre Landschaftsaquarelle doch einmal auf 
einer Ausstellung zu zeigen. In der Ehe gab sie das Malen nicht 
auf, griff sogar, da sie keinen Malstock hatte, hilfsweise zu einem 
Besen. An eine Karriere als professionelle Malerin war bei Felix* 
konservativen Ansichten natürlich nicht zu denken. Für ihn war 
ihre Kunst ein kultivierter Zeitvertreib und ein schönes Hobby. 



412 



Cecile bekam in sieben Jahren fünf Kinder, führte ein großes 
Haus, organisierte die zahlreichen Umzüge, kümmerte sich um 
den chronisch überanstrengten, zu Husten, Kopfweh und Ohren- 
schmerzen neigenden Felix und hielt Briefkontakt zu seiner Fa- 
milie. Ammen, Gouvernanten und Dienstmädchen wurden nur 
engagiert, wenn sie krank war. Wie sie bei diesem Arbeitspro- 
gramm Zeit gefunden haben soll, schädlichen Einfluß auf Felix" 
Musik zu nehmen, bleibt ein Rätsel. 

Nach einer Phase längeren Schweigens in den ersten Ehemonaten 
werden ab Herbst 1837 Fannys Briefe an Felix wieder häufiger. 
Obwohl die Verständigung über Kompositionen schwierig bleibt, 
setzt sie sich unermüdlich für ihn ein, kopiert und beschafft Noten, 
vermittelt ihm Sängerinnen, führt Honorarverhandlungen, über- 
wacht die Berliner Aufführung des »Paulus«, studiert seine Psal- 
men und Oratorien mit den Mitwirkenden ihrer Sonntagsmusi- 
ken und kümmert sich um die Möblierung seiner Wohnung, als 
er 1841 und 1843 vorübergehend nach Berlin zieht. Sein Interesse 
an ihrem Komponieren, das sie in den Jahren nach der großen 
Italienreise von 1839/40 besonders intensiv betreibt, wirkt dabei 
sehr sporadisch. Von ihrem großen Oeuvre aus dieser Zeit, darun- 
ter der wunderschöne, durch Italien inspirierte Charakterstück- 
Zyklus »Das Jahr«, scheint er kaum etwas zur Kenntnis zu neh- 
men, da seine eigenen, wahrlich komplizierten Angelegenheiten 
ihn nicht zur Ruhe kommen lassen: die vielen Kinder, eine im- 
mens unfangreiche Geschäftskorrespondenz, anstrengende Auf- 
tritte in England, vor allem aber seine Zerrissenheit zwischen dem 
Amt des Gewandhausdirektors in Leipzig und dem eines königli- 
chen Kapellmeisters in Berlin. 

Als Lea Mendelssohn 1843 stirbt, rücken sie wieder enger zusam- 
men, schreiben sich öfter, sorgen sich mehr umeinander, lassen 
ihre Briefe immer häufiger mit einem »so Gott will« und Gedan- 
ken an die Endlichkeit des Lebens ausklingen, einem »memento 
mori«, das wie ein Leitmotiv über der Korrespondenz schwebt. 
Felix, seiner Verpflichtungen in Leipzig und Berlin von Herzen 
überdrüssig, hält sich viel in seiner Lieblingsstadt Frankfurt am 
Main auf und berichtet von dort gewissenhaft über das Befinden 
seines jüngsten Sohnes, der an einer schweren Drüsenerkrankung 
leidet. Auch Fanny erweist sich als treue Chronistin, als Rebecka 



413 



1845 in Florenz krank wird und unter dramatischen Umständen 
ihr viertes Kind zur Welt bringt. Doch dieses Wiederaufleben der 
alten, familiären Warmherzigkeit ändert nichts an dem schweren, 
ungelösten Konflikt: seinem hartnäckigen Widerstand gegen die 
Publikation ihrer Werke und ihrem Vorwurf, er sei als Mensch 
und Komponist ein anderer geworden, seitdem sie nicht mehr wie 
früher zusammenlebten. 

1846 wird der Ton noch einmal recht herb. Sie wirft ihm vor, keine 
Note seines neuen Oratoriums »Elias« zu kennen, schweigt ihrer- 
seits über das Klaviertrio in d-Moll, das sie angefangen hat, und 
schockiert ihn mit der Publikation ihm noch unbekannter vier- 
stimmiger Gartenlieder. Er spürt, daß sich etwas ändern muß, reist 
vor Weihnachten für längere Zeit nach Berlin, spielt aus dem »Eli- 
as« vor, sagt alle Termine ab, nur um in Ruhe mit ihr zusam- 
menzusein. Der Grund für sein schlechtes Gewissen heißt Jenny 
Lind, die er im Winter 1845 kennengelernt hat, kurz nach der 
Geburt seines fünften Kindes Lili. Fanny ist solidarisch mit Cecile 
und mißbilligt seinen großen Enthusiasmus für die junge Schwe- 
din, hinter dem die Musikwelt eine Affäre vermutet. 

Nach dieser Begegnung sehen sie sich nicht mehr wieder. Am 14. 
Mai 1847, während einer Probe zu Felix 1 »Walpurgisnacht«, bricht 
Fanny bewußtlos zusammen. Sie hat wieder ihr Nasenbluten ge- 
habt und das schon bekannte Taubheitsgefühl in den Händen. 
Bevor sie ohnmächtig wird, sagt sie noch: »Es ist wohl ein Schlag- 
anfall, wie bei Mutter.« Abends um elf stirbt sie. Felix, der die 
nächsten sechs Monate in Trauer um sie verbringt und mit der 
Publikation ihres op. 8, 9 und 10 bei Breitkopf und Härtel tätige 
Reue leistet, folgt ihr am 4. November. Er ist achtunddreißig Jahre 
alt und erleidet wie sie einen Gehirnschlag. Eine seiner letzten 
Äußerungen soll gewesen sein: »Ich sterbe wie Fanny.« 

CECILE UND FELIX MENDELSSOHN AN REBECKA 

Frankfurt am Main, den 19. Mai 1847 22 

Cecile: 

Meine liebste Rebecca 

Ich weiß nicht, welches ich schreiben soll, und doch muß ich Dir 

schreiben, so bin ich Felix den ganzen Tag gegenüber, möchte ihn 



414 



trösten und kann es doch nicht. Dann reden wir von Fanny, und 
wir weinen zusammen und bitten Gott, er möge uns helfen, ohne 
muntere und freundliche Gedanken, den schweren Schlag zu tra- 
gen, den er über uns verhängt hat; So sind wir seit gestern, wo uns 
die schreckliche Nachricht gebracht wurde, geistig ganz zerschla- 
gen und ohnmächtig. Du, liebe Rebecca, hast, nächst Hensel, am 
meisten verloren. Im täglichen Umgang mit der geliebten Fanny 
hast Du ihre schönen Seiten immer offen vor Dir gehabt, hast sie 
am besten gekannt, und die Beweise ihrer Liebe haben Dich über- 
all begleitet. Zu Dir flogen gleich meine Gedanken, o hätte ich in 
der Zeit bei Dir sein können, mit Dir zu klagen und zu weinen, 
und wären wir nicht jetzt so weit entfernt! - Wie oft seit gestern 
bereue ich, nicht öfter bei Euch in Berlin gewesen zu sein (. . .) 
Bleibe gesund, liebe Rebecca, und gedenke meiner in Liebe. Deine 
Cecile. 

Felix: 

Gott helfe uns allen - weiter weiß ich nichts zu sagen und zu 
denken, seit gestern - Du, meine hebe Schwester. An Paul u. an 
Hensel habe ich geschrieben, aber heut u. gestern u. in vielen, 
vielen Tagen werde ich nicht mehr zu schreiben wissen, als eben 
- Gott helfe uns, Gott helfe uns! Gestern den ganzen Tag war mir 
zu Muth als müßte ich nach Berlin fahren, um Dich zu sehen, 
mein liebstes Beckchen, Dich u. Hensel. Aber es ist wahr, daß ich 
die Stunden der Reise, mit der Gewißheit doch zu spät zu kom- 
men, doch keine Hülfe u. keinen Trost zu bringen, daß ich die 
schwerlich gut vertragen hätte, aufgeregt u. matt wie ich noch von 
den letzten Wochen u. von der Trennung von Frau u. Kindern 
war. Aber nun sind wir wieder von einander getrennt, u. sollten 
zusammen sein. Ach, wären wir nicht getrennt gewesen! So bittere 
Reue empfind' ich darüber. Und das einzige, was ein wenig hilft, 
ist recht sehr zu weinen, wenn man das nur immer könnte. Die 
Kinder kommen zuweilen herein, u. die thun mir auch heut wohl 
mit ihren vergnügten Gesichtern. Gott erhalte die Deinigen wohl, 
u. gebe Dir in ihnen einen Augenblick der Beruhigung. Ach, liebe 
Schwester, ich kann nichts schreiben u. nichts denken als von Fan- 
ny. Es wird nie anders, so lange wir noch auf Erden hier zusammen 
sind. Dein F. 



415 



ANMERKUNGEN 



CIT = Marcia Citron, The Letters of Fanny Hensel 

EB = Elvers, Briefe (siehe Literaturverzeichnis) 

MA = Mendelssohn-Archiv, Berlin 

NFL = New York (Public Library) Family Letters 

OGB = Oxford, Green Books 

PMB = Paul Mendelssohn Bartholdy, Briefe 

SH = Sebastian Hensel, Die Familie Mendelssohn 

SUT = Sutermeister, Briefe einer Reise (siehe Literaturverzeichnis) 

WFM = Weissweiler, Fanny Mendelssohn 

WTT = Weissweiler, Italienisches Tagebuch 

Vorwort 

i Sebastian Hensel: Die Familie Mendelssohn 1729-1847, nach Briefen und 
Tagebüchern. 1. Aufl. Berlin 1879. 

2 Eric Werner: Mendelssohn - Leben und Werk in neuer Sicht. Zürich/Frei- 
burg i. Br. 1980, S. 95 ff.: »Die geschwisterliche Liebe wurde oft durch Fannys 
Eifersüchteleien und ihren ängstlichen Eifer um den Alleinbesitz des Bru- 
ders gestört [. . .] Ihre Sentimentalität war ihm zuwider.« 

3 Walter Dahms:Mendelssohn.Berlini9i9,S.H5: »Unbekümmert streift der 
junge Mendelssohn selbst die Grenzen des Banalen; hat er doch sogar die 
Trivialität begangen, die dilettantischen Versuche seiner Schwester Fanny 
in diese Opusnummern mit aufzunehmen.« 

4 So bei Werner, a.a.O., S.i49f. und Anm. 557. 

5 Diether de la Motte: Liebeserklärung für Fanny, in: Musica 41 (1987), 
S.4off.: »Wer hat schon einmal Mendelssohn-Lieder in einem Liederabend 
gehört? Ichjedenfalls nicht, und ich kann die Sänger verstehen. Da ist alles 
glatt und eingängig an der Oberfläche [. . .] das ist gefällig, aber rührt nicht, 
oder soll man sagen: Erschreckt nicht, während unter den großen Schubert- 
und Schumannliedern ein Erschrecken lauert [. . .] Aber da gibt es in den 
Sammlungen op. 8 und 9 doch einige bewegende Stücke [. . .] Heutige Aus- 
gaben verraten in Klammern (!), daß diese aus dem weltläufigen Tonfall 
herausragenden Lieder komponiert wurden von Fanny Hensel«. 

6 Briefe aus den Jahren 1833 bis 1847, hrsg. von Paul Mendelssohn Bartholdy 
und Carl Mendelssohn Bartholdy. Leipzig 1878. 



416 



7 Rudolf Elvers. 

8 Der Musikabteilung des Westdeutschen Rundfunks wurden für die beab- 
sichtigte Produktion des Klavierzyklus »Das Jahr« Skizzen anstelle von 
Reinschriften zur Verfügung gestellt. 

9 Briefliche Auskunft von Prof. Franz Krautwurst, Verfasser des Artikels 
»Fanny Hensel« in: Die Musik in Geschichte und Gegenwart, Suppl., Sp. 
658-662, Kassel 1974. 

10 Rudolf Elvers: Fanny Cäcilia Hensel. Dokumente ihres Lebens. Berlin (= 
Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz, Ausstellungskatalog Nr. 2) 1972. 

11 Rudolf Elvers: Verzeichnis der Musik- Autographen von Fanny Hensel im 
Mendelssohn-Archiv zu Berlin. In: Mendelssohn-Studien 1, Berlin 1972, 
S.169-174, und ders.: Weitere Quellen zu den Werken von Fanny Hensel. 
In: Mendelssohn-Studien 2, Berlin 1975, S.215-220. Elvers (Verzeichnis) be- 
zeichnet Fannys Klavierquartett As-Dur als »Streichquartett« und gibt für 
das heute berühmte Klaviertrio op. 11 d-Moll die Tonart D-Dur an. Fannys 
Biographin Victoria Sirota bezeichnet diese Verzeichnisse zutreffend als »a 
first attempt«. 

12 Etwa eine Ausgabe der Briefe und Tagebücher Fannys durch Elvers bereits 
für 1982. 

13 Bodleian Library. 

14 »Italienisches Tagebuch«, hrsg. von Eva Weissweiler, Frankfurt/M. 1982, 
und »Fanny Mendelssohn: ein Porträt in Briefen«, Frankfurt/Berlin/Wien 
1985. 

15 Marcia Citron: The Letters of Fanny Hensel to Felix Mendelssohn, New 
York 1987. 

16 New York Public Library (»Family Letters«). 

17 Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz. 

18 Vgl. S. 144. 

19 Vgl. dazu Susanna Großmann-Vendrey: Felix Mendelssohn Bartholdy und 
die Musik der Vergangenheit. Regensburg 1969, S.19. 

20 Victoria Sirota: The Life and Works of Fanny Mendelssohn Hensel, Diss. 
Boston 1981 (maschinenschr.). 

21 Francoise Tillard: Die verkannte Schwester. München 1994. 

Kavaliersreisen (1821 bis 1824) 

1 Angaben nach Wulf Konoid: Felix Mendelssohn Bartholdy und seine Zeit. 
Laaber 1996. 

2 Angaben nach Sirota, a. a. O., und Paul-August Koch: Fanny Mendelssohn- 
Hensel, Kompositionen, Versuch einer Systematik und Discographie ihrer 
Werke (unveröff.). Die Angaben können aufgrund der im Vorwort geschil- 
derten schwierigen Quellenlage keinen Anspruch auf Vollständigkeit erhe- 
ben. So nennt Elvers in seinem »Verzeichnis der Musik-Autographen von 
Fanny Hensel im Mendelssohn-Archiv zu Berlin« (Mendelssohn-Studien 



417 



i, I97 2 . S. 169-174) zwei Sammelbände aus »deutschem Privatbesitz«, die 62 
Lieder, zwei Duette, einen Männerchor mit Klavier und sieben Klavier- 
stücke enthalten sollen. 

3 Erschienen in den Liedern von Felix als op. 9, 12. 

4 Erschienen in den Liedern von Felix als op. 8, 3. 

5 Erschienen in den Liedern von Felix als op. 8, 2. 

6 OGB/WFM/CIT 

7 CIT: Begasse. Karl Begas (1794-1854), in Heinsberg bei Aachen geboren, 
deutscher Maler vermutlich spanischer Herkunft. Urheber eines bekann- 
ten Jugendporträts von Felix Mendelssohn aus dem Jahr 1821. 

8 Chorproben der Berliner Singakademie unter Leitung von Fanny und Zel- 
ter, dem Kompositionslehrer von Felix. 

9 CIT: Spittelfrau. 
10 Gemeint ist Zelter. 

n Ludwig Berger (1777-1839), Komponist und Pianist, Klavierlehrer von Fan- 
ny und Felix. 

12 Karoljözef Lipinski (1790-1861), polnischer Geiger und Komponist. 

13 CIT: Stralower. »Der Stralauer Fischzug«: Volksstück von Julius von Voß 
(1768-1832) mit Musik von Georg Abraham Schneider (1770-1839), Urauf- 
führung am 28. Oktober 1821 im Königlichen Theater in Berlin. 

14 Carl Maria von Webers »Freischütz«, die am 18. Juni 1821 in Berlin urauf- 
geführt wurde. Fanny bezieht sich auf das Erscheinen des Klavierauszuges. 

15 Johann Ludwig Casper (nicht, wie bei CIT, Caspar) (1786-1864), Arzt und 
Schriftsteller, verfaßte unter anderem das Libretto zu dem Singspiel »Die 
Soldatenliebschaft« (1820) von Felix. 

16 Alexandre-Jean Boucher (1778-1861), französischer Violinvirtuose, der sei- 
ne Vita mit phantastischen Details ausschmückte. 

17 Goethe hatte sich zur Ankunft von Felix einen Streicherschen Flügel ange- 
schafft. 

18 Samuel Rösel (1768-1843), Zeichenlehrer von Felix Mendelssohn. 

19 Zitat aus Christian Fürchtegott Gellerts Fabel »Der Tanzbär«: »Und wo ein 
Bär den andern sah, so hieß es: Petz ist wieder da!« 

20 David Ferdinand Koreff (1783-1851), Arzt und Schriftsteller, Professor für 
Psychiatrie und Physiologie an der Berliner Universität. 

21 Eduard Rietz (1802-1832), Jugendfreund und Geigenlehrer Felix Mendels- 
sohns. 

22 Mozarts Jupiter-Symphonie, KV 551, die Felix und Zelter in Leipzig gehört 
hatten. 

23 Wahrscheinlich Fanny Casper, geb. Levin, deren Gedichte Fanny Mendels- 
sohn gelegentlich vertonte. 

24 CIT: Hamletschen. 

25 Roter Hautausschlag, der als typisch für Alkoholiker galt. 

26 Wahrscheinlich Marianne Mendelssohn, geb. Seligmann (1799-1880), 
Nichte von Lea Mendelssohn Bartholdy, seit 1821 Frau des Bankiers Alex- 



418 



ander Mendelssohn, der dem familieneigenen Bankhaus vorstand. Auf- 
grund der Namensgleichheit mit Marianne Saling, der späteren Varnhagen- 
Verlobten, einer mit der Familie ebenfalls eng befreundeten Kusine Leas, 
sind bei bloßer Erwähnung des Vornamens leicht Verwechslungen mög- 
lich. 

27 OGB/WFM/CIT. 

28 Fanny zitiert hier wahrscheinlich unbewußt aus einem Brief, den sie ein 
Jahr zuvor von ihrem Vater erhalten hatte: »Was Du mir über Dein musi- 
kalisches Treiben im Verhältnis zu Felix [. . .] geschrieben, war ebenso wohl 
gedacht als ausgedrückt. Die Musik wird für ihn vielleicht Beruf, während 
sie für Dich stets nur Zierde, niemals Grundbaß Deines Seins und Tuns 
werden kann und soll« (zit. nach SH I, Brief vom 16. Juli 1820). 

29 Zelter und Felix sahen in Wittenberg kurz der Enthüllung des Luther- 
Denkmals zu, um dann ihre Reise fortzusetzen. 

30 Wahrscheinlich das Singspiel »Die beiden Pädagogen«, basierend auf Euge- 
ne Scribes »Les deux precepteurs«. 

31 Johann Nepomuk Hummel (1778-1837), Komponist und Hofkapellmeister 
in Weimar. Hummel hatte die Familie Mendelssohn mehrfach besucht und 
dabei Fannys Klavierspiel gehört. 

32 Zelter. 

33 CIT: herrliche. 

34 Caroline Seidler (geb. um 1790), aus Wien stammende königliche Hof- 
opernsängerin in Berlin, die die »Agathe« im »Freischütz« sang. 

35 Gasparo Spontini (1774-1851), italienischer Opernkomponist, wurde 1819 
von Friedrich Wilhelm III. zum »Ersten Capellmeister und General-Mu- 
sikdirector« Berlins ernannt. 

36 Der spätere Friedrich Wilhelm IV. von Preußen. Es handelte sich jedoch 
nur um ein Gerücht. Spontini blieb bis 1841 im Amt. 

37 In einem unveröffentlichten Familienbrief (OGB, 2. November 1821) 
schreibt Lea an Felix: »Wie sehr sich alles bestrebt, Dir freundlich entgegen 
zu kommen, siehst Du auch daraus, daß Cousine Pereira Dir mit nächster 
Gelegenheit einen Operntext zuschickt. Sie meldet mir, es sei ein Schwei- 
zersujet, naiv-sentimentalen Inhalts.« Henriette von Pereira-Arnstein, eine 
in Wien lebende Kusine Leas, war eine ausgezeichnete Pianistin. 

38 Friederike Robert, geb. Braun (1795-1832), schwäbische Dichterin und 
Amateursängerin, spätere enge Freundin Fannys. Ihr Mann Ludwig, als 
Ludwig Levin geboren, war der Bruder Rahel Varnhagens. 

39 CIT: Nachricht. 

40 CIT: angespannt. 

41 CIT: poetische. 

42 OGB/CIT 

43 Zauberoper von Spontini, deren Berliner Uraufführung allerdings erst 1825 
stattfand. Spontinis Opern, zu denen er viele Vorstudien machte, waren 
schon Jahre vor der eigentlichen Vollendung Pressegespräch. 



419 



44 Wahrscheinlich »11 povere cor«, von deren Vortrag durch die Müller auch 
im Brief vom n. April 1825 die Rede ist. 

45 Vermutlich Adelheid Müller, geb. von Basedow, seit Mai 1821 Ehefrau des 
Dichters Wilhelm Müller (1794-1827), der mit Fannys späterem Ehemann 
Wilhelm Hensel eng befreundet war. 

46 Der damals erst fünfundvierzigjährige Abraham Mendelssohn, der sich 1821 
aus dem Bankgeschäft zurückgezogen hatte, um als ehrenamtlicher Stadtrat 
von Berlin tätig zu sein, hatte ein schweres Augenleiden und war sehr leicht 
erregbar. 

47 Wahrscheinlich Sonatensatz E-Dur, Allegro assai moderato, der auf den 29. 
Januar 1822 datiert ist (MA Berlin). 

48 Vermutlich Casper. 

49 NFL. 

50 In den OGB nicht enthalten. 

51 Kosename für die Schwester Rebecka. 

52 Paul hatte eine Ausbildung zum Kaufmann und Bankier begonnen. 

53 Karl Wilhelm Ludwig Heyse (1797-1855), Philologe, Hauslehrer der Ge- 
schwister Mendelssohn. 

54 In NFL und MA nicht enthalten. 

55 NFL. 

56 Vermutlich Sonata o Capriccio in f-Moll, Autograph vom 5. Februar 1824 
(MA). 

57 Eric Werner (a.a.O., S.95) entstellt diese Passage, für die er als Fundort 
unrichtig die Library of Congress in Washington angibt, indem er das Post- 
script wegläßt. Dadurch wird die Bedeutung ins Gegenteil verkehrt und die 
vermeindiche Abneigung von Felix gegen Fannys »dunklere, manchmal 
das Abnormale streifenden Triebe« unterstrichen. 

58 NFL. 

59 Heinrich Mühlenbruch, Schüler Spohrs, seit 1824 Geiger am Königstädter 
Theater in Berlin. 

60 Die Familie von Prittwitz war ein bekanntes schlesisches Adelsgeschlecht, 
aus dem Ingenieure und Offiziere hervorgingen. 

61 NFL. 

62 In OGB nicht enthalten. 

63 »Die Hochzeit des Camacho«, Text nach Cervantes. 

64 Leopold Lindenau (1806-1859), Violinist, Schüler Spohrs, Jugendfreund von 
Felix. 



Passionen (1825 bis 1829) 

1 Nach Konoid, a. a. O. 

2 NFL. 

3 Wahrscheinlich Variations concertantes für Violoncello und Klavier op. 17. 



420 



4 »Die Hochzeit des Camacho«, die im Herbst 1825 vollendet wird. 

5 Delphine von Schauroth, verheiratete Hill-Handley (1814-1881), deutsche 
Komponistin und Pianistin, der Mendelssohn später sein g-Moll-Klavier- 
konzert widmete. 

6 Pierre Rode (1774-1830), französischer Violinvirtuose. 

7 Charles Philippe Lafont (1781-1839), französischer Violinvirtuose. 

8 op. 92, komponiert 1820. 

9 In den »Concerts spirituels« wurde seit 1725 in der Karwoche geistliche 
Musik aufgeführt, spater fand sie vor allem an opernfreien Tagen statt. 

10 NFL/teilw. SHI. 

11 Louis Girod Baron de Tremont (1779-1852), Pariser Musikmäzen. 

12 Andre George Louis Onslow (1784-1852), französischer Komponist engli- 
scher Herkunft. 

13 Jean Joseph Vidal (geb. um 1789), Geiger, Schüler Rudolph Kreutzers. 

14 Alexandre Pierre Francois Boely (1785-1858), französischer Komponist, Pia- 
nist und Organist. 

15 Francois Prume (1816-1849), aus Belgien stammender Geiger, war schon 
mit sechzehn Professor am Lütticher Konservatorium, machte ausgedehnte 
Tourneen, erblindete vor seinem 30. Lebensjahr. 

16 Joseph Mayseder (1789-1863), österreichischer Geiger und Komponist. 

17 KV 581. 

18 KV 387b, 467 oder 503, die alle in C-Dur stehen. 

19 Camille Pleyel (1788-1855), Komponist und Klavierfabrikant. 

20 Friedrich Kalkbrenner (1785-1849), deutscher Pianist, Komponist und Kla- 
vierpädagoge. 

21 op. 2. 

22 Antonin Reicha (1770-1836), französischer Komponist und Musiktheoreti- 
ker tschechischer Herkunft. 

23 Familientypisches Wort für chronischen Nörgler. 

24 Sebastien Erard (1752-1831), Klavierbauer in Paris. 

25 op. 11. 

26 Wahrscheinlich op. 92. 

27 Ignaz Moscheies (1794-1870), in London lebender deutscher Pianist, Kom- 
ponist und Dirigent, später enger Freund von Felix. Fanny und Felix hatten 
1824 während seines Aufenthaltes in Berlin Unterricht bei ihm genommen. 

28 Johann Peter Pixis (1788-1874), deutscher Pianist und Salonkomponist, in 
Paris lebend. 

29 Abraham Girardet (1764-1823), Mitglied einer schweizerischen Künstlerfa- 
milie, berühmter Kupferstecher nach historischen Vorbildern. 

30 Fereol Bonnemaison (gest. um 1827), französischer Porträtmaler und Litho- 
graph, Besitzer einer bedeutenden Kunstsammlung. 

31 Eines von Cherubinis zahlreichen kleineren geistlichen Werken. 

32 Aus einer seiner Messen. 

33 Wahrscheinlich Heinrich Maria Romberg (1802-1859), Geiger und Dirigent. 



421 



34 Anne Cecile, geb. Tourette. 

35 Jacques Fromental Halevy (1799-1862), französischer Komponist und Mu- 
sikschriftsteller. 

36 Eduard Rietz. 

37 OGB/WFM/CIT 

38 CIT: Reihe. 

39 33 Veränderungen über einen Walzer von A. Diabelli C-Dur, op. 102. 

40 CIT: da. 

41 CIT: grasnen. 

42 Louis Drouet (geb. 1792), aus Holland stammender Flötist, Soloflötist Na- 
poleons I, schrieb über hundertfünfzig Werke für Flöte und erfand neue 
Techniken. 

43 Henriette (»Jette«) Mendelssohn (1775-1831), in Paris als Erzieherin wirken- 
de Schwester Abraham Mendelssohns. 

44 CIT: u. 

45 »Die Spinnerin«, Text: Ludwig Tieck, Autograph vom 23. September 1823 
imMA. 

46 Dr. Hermann Franck (1802-1855), Sohn eines wohlhabenden Bankiers, Pri- 
vatgelehrter, Schriftsteller und Amateurmusiker, Mitarbeiter der »Berliner 
Allgemeinen Musikalischen Zeitung«. 

47 Julius Rietz (1812-1872), Bruder von Eduard Rietz, Violoncellist, Jugend- 
freund Felix Mendelssohns. 

48 Sonate f-Moll für Violine und Klavier. 

49 Rebecka Mendelssohn wurde 14 Jahre alt. 

50 Oskar Ludwig Bernhard Wolff (1799-1851), Improvisator und Schriftsteller, 
unternahm erfolgreiche Vortragsreisen mit poetischen Improvisationen. 

51 Konzert für zwei Klaviere und Orchester As-Dur. 

52 Karl Ernst Baron Bagge (geb. 1791), Amateurkomponist und -geiger, großer 
Kunstmäzen, taucht mit stark größenwahnsinnigen Zügen inE. T. A. Hoff- 
manns »Serapionsbrüdern« auf. 

53 NFL/teilweise bei SH I. Hensel zieht offenbar verschiedene Briefe zusam- 
men, indem er an den Schluß des hier abgedruckten Textes noch eine 
Passage anfügt: »Rode bleibt fest bei seiner Weigerung, eine Geige in die 
Hand zu nehmen [. . .]«. Dieser Passus ist im Autograph nicht enthalten. 

54 Theatre Feydeau in Paris. 

55 Charles-Simon Catel (1773-1830), französischer Komponist. Gemeint ist die 
Oper »Les aubergistes de qualite« von 1812. 

56 Daniel Francois Esprit Auber (1782-1871), Komponist der Oper »Leocadie« 
(Text: Scribe und Melesville, nach Cervantes: La fuerca del sangre, Urauf- 
führung 1824). 

57 Bei dem Cervantes-Text handelt es sich um eine der zwölf »novelas ejem- 
plares«, die 1612 vollendet wurden. Felix irrt in seiner Ansicht, daß es der 
Text einer »rohen« Periode sei. Es ist eine reife Erzählung bewußt morali- 
schen Inhalts. 



422 



58 Wahrscheinlich Präludium und Fuge e-Moll, BWV 548. 

59 Pierre Alexandre Monsigny (1729-1817), französischer Komponist vor allem 
von komischen Opern. 

60 OGB/WFM/CIT. 

61 Oper von Spohr. 

62 Oper von Gluck. 

63 Oratorium von Händel. 

64 Spitzname für Spontini. Am 27. Mai 1825 dirigierte er in den traditionellen 
»Bußtagskonzerten« die Pastorale und »Samson«. 

65 Kalkbrenner. 

66 CIT: Ciaviernagel. 

67 Kalkbrenner hatte mehrmals als Gast an Lea Mendelssohns Sonntagsmusi- 
ken teilgenommen. Fanny schrieb über ihn in ihr Tagebuch: »Er hat viel 
von Felixens Sachen gehört, mit Geschmack gelobt und mit Freimütigkeit 
und Liebenswürdigkeit getadelt. Wir hören ihn oft und suchen von ihm zu 
lernen.« (Zit. nach SHI.) 

68 Im September 1825 bezogen die Mendelssohns das ehemalige Palais von der 
Recke in der Leipziger Str. 3 in Berlin. Es besaß unter anderem einen Thea- 
tersaal und einen parkartigen Garten. 

69 Giacomo Meyerbeer (1791-1864), urspr. Jacob Liebmann Beer, deutscher, 
zeitweilig in Frankreich lebender Komponist. Sein Bruder, der Berliner 
Bankier Heinrich Beer, war mit Betty Meyer, einer Kusine der Geschwister 
Mendelssohn, verheiratet. 

70 Julius Schubring (1806-1889), Theologe aus Dessau, späterer Freund und 
Briefpartner Mendelssohns. 

71 Carl Klingemann (1794-1870), Diplomat, Freund und Briefpartner der Ge- 
schwister. Er war als Mieter in das Haus in der Leipziger Straße eingezogen. 

72 Aegidius Sebastian Klotz (1733-1805). Er hatte seine Werkstatt in Mitten- 
wald und galt als einer der besten Geigenbauer seiner Zeit. 

73 Wahrscheinlich Tochter von Daniel Alexander Benda (1786-1876), Kauf- 
mann und Stadtverordneter in Berlin. 

74 Vermutlich Töchter von Ludwig Gottfried Blanc (1781-1866), Professor der 
romanischen Sprachen und Zweiter Prediger an der Domkirche in Berlin. 

75 Franz Seraphinus Lauska (geb. 1764), aus Brunn stammender Klavierlehrer, 
Komponist und Pianist in Berlin, Mitglied der Singakademie und der Zel- 
terschen Liedertafel. Er starb am 18. April 1825. 

76 Mozart. 

77 »Ein kurzes Requiem« (1823). 

78 Johann Adolf Hasse (1699-1783), Komponist vor allem von Oratorien und 
Opern. Er schrieb drei Requiems. 

79 Carl Gottlieb Reißiger (1796-1859), deutscher Kapellmeister und Kompo- 
nist. 

80 Bezieht sich nach Citren (a.a.O.) auf die Drucklegung von Mendelssohns 
Klavierquartett op. 3. 



423 



81 OGB/WFM/CIT 

82 Carl Moser (1774-1851), Musikdirektor in Berlin, dirigierte die Pastorale 
am 14. April, Spontini am 27. April 1825. 

83 Anna Milder-Hauptmann (1785-1838), Opern- und Oratoriensängerin, 
seit 1815 in Berlin engagiert. 

84 an Klingemann. 

85 CIT:aus. 

86 CIT:art. 

87 Klaviersextett D-Dur, op. 110, 1824 komponiert. 

88 Iwan Müller (1786-1854), russischer Klarinettist. Propagierte in Paris seine 
»Clarinette omnitonique in B«, die durch eine streng nach akustischen 
Grundsätzen durchgeführte Bohrung der Grifflöcher und Vermehrung 
der Klappen von sechs auf dreizehn gekennzeichnet war. Dieses Instru- 
ment bildet die Grundlage für das heute übliche deutsche Klappensystem. 

89 CIT: meist. 

90 CIT: Clarinetten. 

91 CIT: albernen-trillerchen. 

92 Kaffeehaus in Berlin. 

93 Heinrich Dorn (1804-1892), deutscher Dirigent, Musikschriftsteller und 
Komponist, wie Fanny und Felix Schüler von Berger und Zelter. 

94 CIT: greulich. Irreführend, da Karl Wilhelm Greulich (1796-1837), be- 
kannter Klaviervirtuose in Berlin, gemeint ist. 

95 Johann Baptist Cramer (1771-1858), Pianist und Komponist, besonders von 
Etüden. 

96 Zelter. 

97 NFL/SHI. 

98 Degringolade: frz. »Herunterpurzeln«, »Sturz«, »Fall«. 

99 Sigismund Ritter von Neukomm (1778-1858), aus Salzburg stammender 
Organist, Komponist, Klavier- und Gesanglehrer. 

100 Henri Herz (1806-188), österreichisch-französischer Klaviervirtuose und 
Komponist. 

101 Politische Tageszeitung in Paris. 

102 Französischer Titel des »Freischütz«. 

103 Wahrscheinlich Kyrie c-Moll. 

104 Fanny Casper. 

105 Samuel Rösel. 

106 Recha Meyer (1767-1831), mit Mendel Meyer verheiratete Schwester 
Abraham Mendelssohns. 

107 Sara Levy, geb. Itzig (1761-1854), Tante von Lea Mendelssohn, berühmte 
Musiksammlerin und Cembalistin, der der Singakademie wertvolle Au- 
tographen schenkte. 

108 NFL. Nach Doberan an der Ostsee gerichtet. 

109 Es ging um die Uraufführung der Oper »Die Hochzeit des Camacho«, die 
nach vielen Widerständen am 29. April 1827 stattfand. 



424 



iio Sommernachtstraum op. 21. Werner (a.a.O., S.107) zitiert ebenfalls aus 
diesem Brief und überträgt die Stelle: »Dort habe ich die Klavierkonzerte 
[. . .] beendet. Heute oder morgen will ich dort midsummernight's dream 
zu träumen anfangen.« Von »Klavierkonzerten« ist im Original nicht die 
Rede. 

in Adolf Fredrich Lindblad (1804-1878), schwedischer Gesangskomponist, 
lebte mehrere Jahre in Berlin und studierte Komposition bei Zelter. 

112 Cafe und Lesezimmer am Gendarmenmarkt. 

113 NFL. Familienbrief mit großen Anteilen an den Vater. 

114 Siegfried Wilhelm Dehn (1799-1858), Professor und Kustos der musikali- 
schen Abteilung der Königlichen Bibliothek in Berlin. 

115 Wahrscheinlich gemeint: Familie des Bankiers Heinrich (hebr. Henoch) 
Beer. 

116 Joseph Spitzeder (1795-1832), Sänger am Königstädter Theater in Berlin, 
spielte den Emanuel in »Rolands Knappen«. 

117 Ferdinand Stegmayer (1803-1863), aus Wien stammender Pianist, Geiger 
und Komponist, seit 1825 Direktor am Königstädter Theater in Berlin. 

118 Prinz Louis Ferdinand von Preußen (1772-1806), guter Klavierspieler, 
Schüler Dusseks, komponierte für verschiedene kammermusikalische Be- 
setzungen. 

119 Oper von Spontini. 

120 Oper von Spohr. 

121 »Der politische Zinngießer«, beÜebtes Faschingssrück aus dem Dänischen. 

122 Beethovens »Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria«, op. 91. 

123 OGB/CIT 

124 Felix reiste am 10. April 1829 nach England. 

125 »Catholic Emancipation Act« Georgs IV, die der katholischen Mehrheit 
in Irland erstmals Mitarbeit in politischen Gremien ermöglichte. 

126 Siehe dazu Fannys Tagebuch vom 20. April 1829 (MA): »In Frankr. De- 
partemental- u. Communalgesetz zurückgenommen.« Weiter ist die 
Rede von einem Erdbeben in Spanien, »welches zwei Städte mit all ihren 
Einwohnern verschlungen hat«. 

127 Am 11. März 1829 hatte Felix die Matthäus-Passion von J. S. Bach hundert 
Jahre nach der Uraufführung zum ersten Mal wieder dirigiert. Nach einer 
weiteren Aufführung durch ihn am 21. März übernahm Zelter am 17. April 
das Dirigat. 

128 CITder. 

129 Heinrich Scümer (1789-1857), königlicher Hofopernsänger in Berlin, seit 
1804 Mitglied der Singakademie, sang die Rolle des Evangelisten. 

130 CIT: falschene-Accompagnement. 

131 Eduard Devrient (1801-1877), Sänger, Schauspieler und Dramaturg, sang 
die Partie des Christus. 

132 Pauline von Schätzel, verh. Decker (1811-1882), Sängerin an der Königli- 
chen Oper in Berlin. 



425 



133 CIT: der aus golg. Scene Stücke. 

134 CIT: 4 Clarinetten. 

135 CIT: angehört. 

136 CIT: Fermate. 

137 CIT: durch. 

138 Carl Adam Bader, geb. 1789, königlicher Hofopernsänger in Berlin. 

139 OGB/CIT. 

140 Abraham und Rebecka hatten Felix bis Hamburg begleitet. 

141 CIT: warnt. 

142 Adolph Bernhard Marx (1795-1866), Jurist, Musiktheoretiker und Kom- 
ponist, Gründer der »Berliner Allgemeinen Musikalischen Zeitung«. 

143 Ludwig (Louis) Heydemann (1805-1874) und sein Bruder Albert Gustav 
(1808-1877), Freunde Mendelssohns. Albert war Historiker und Pädagoge, 
Ludwig studierte Jura. 

144 Das Bankhaus Mendelssohn war seit 1821 mit dem von Joseph Fränckel 
assoziiert. 

145 Caroline Heine (1811-1888), Freundin der Familie. 

146 Auguste Wilmsen, Tochter des Pfarrers, der Fanny traute. Vgl. Fannys 
Brief vom 1. Juli 1829. 

147 CIT: Onkel. Es dreht sich hier um Fannys späteren Ehemann Wilhelm 
Hensel (1794-1861). 

148 Johann Theodor Mosevius (1788-1858), Schauspieler, Sänger und Musik- 
schriftsteller, großer Bach- Kenner. 

149 Ludwig Landsberg (gest. 1858), Sänger und Geiger am Königstädter Thea- 
ter in Berlin. 

150 Karl Matthias Kudelski (geb. 1805), Geiger und Komponist, Orchestermit- 
glied des Königstädter Theaters in Berlin, studierte unter anderem bei 
Eduard Rietz. 

151 op. 70, 1. 

152 Gemeint ist das Lied »Geständnis« von Felix, op. 9, 2. 

153 Paganinis Premierenkonzert war am 4. März 1829 im Konzertsaal des 
Schauspielhauses. Marx rezensierte ihn in der »Berliner Allgemeinen Mu- 
sikalischen Zeitung« vom 18. April 1829. 

154 Hensel zeichnete die meisten der im Hause Mendelssohn anwesenden 
Gäste, darunter auch Paganini. Die Sammlung dieser »preußischen Bild- 
nisse« findet sich heute in der Nationalgalerie Berlin. 

155 Citron liest: Sigismund Otto von Praun (1811-1830), Geiger. Die von Fanny 
geschilderten »Prätensionen« würden besser auf Prume passen. 

156 Familie von Anton Bendemann, Berliner Bankier, Vater von Eduard Ben- 
demann, eigtl. Bendix (1811-1889), Historien- und Porträtmaler, Freund 
Felix Mendelssohns. 

157 Friedrich Wilhelm Graf von Redern (1802-1883), Generalintendant der 
königlichen Bühnen. 

158 NFL. 



426 



159 für Streichorchester, op. n. 

160 Ouvertüre in C-Dur, op. 101. 

161 In einem Familienbrief vom 12. April 1829 aus Hamburg heißt es lediglich: 
»Heute bekam ich einen Brief von Klingemann [. . .] mit der Einladung, 
die Doppelconcerte und das Oktett in Stimmen mitzubringen. Wenn Va- 
ter zurückkommt, werde ich Dich bitten, liebe Fanny, ihm die Sachen 
zum Einpacken mitzugeben.« 

162 Charlotte Moscheies (geb. 1805), Frau von Ignaz Moscheies in London. 

163 OGB/WFM/CIT. 

164 Das Schiff von Felix war wegen heftiger Stürme verspätet in England 
angekommen. 

165 Friedrich Philipp Wilmsen (1770-1831), protestantischer Pfarrer in Berlin. 

166 CIT: beschwerliche. 

167 Familie des hannoverschen Gesandten Franz Ludwig Wilhelm Freiherr 
von Reden (1754-1831), der bis Mai 1825 in Rom residiert hatte und nun 
zur Miete in der Leipziger Straße wohnte. Felix und Fanny hatten eine 
große Aversion gegen den Adel, den sie »die blaue Grütze« oder die 
»hochgeborenen Wische« nannten. 

168 »Matrimonio segreto« (Die heimliche Ehe) von Cimarosa. 

169 In der »Berliner Allgemeinen Musikalischen Zeitung« vom 18. April 1829. 

170 CIT: God save. 

171 Ludwig Rellstab (1799-1860), Musikreferent der »Vossischen Zeitung« in 
Berlin. 

172 Anfangsworte des Liedes »Die frühen Gräber«, das 1852 in op. 9 (Sechs 
Lieder mit Begleitung des Pianoforte) bei Breitkopf und Härtel in Leipzig 
erschien. Eine auf den 9. Oktober 1828 datierte Kopie der Handschrift 
findet sich im Mendelssohn-Archiv in Berlin. Die im Text erwähnte Fas- 
sung für tiefe Streicher ist nicht nachgewiesen, vermutlich in Privatbesitz. 

173 CIT: eine f Anzusetzen. 

174 Meeresstille und glückliche Fahrt, op. 27. 

175 Hensel hatte Felix 1829 porträtiert und arbeitete nun an der Ausführung. 

176 Friedrich Rosen (1805-1837), Orientalist, Freund Felix Mendelssohns, der 
mit ihm in London zusammentraf. 

177 Bezieht sich auf den Familienbrief von Felix vom 25. April 1829 (SHI): »Sie 
(i. e. Charlotte Moscheies) führte mich gestern in ihrem eleganten Kabrio- 
lett nach Hyde Park, heut will sie mir ebenso Regents Park zeigen; denkt 
Euch mich in einem Kabriolett mit einer Dame . . .«. 

178 CIT: wenig. 

179 OGB/CIT 

180 Gemeint sind die Stimmen zu der Sommernachtstraum-Ouvertüre von 
Felix, die am 24. Juni in einem Konzert der Philharmonie Society erstmals 
in England aufgeführt werden sollte. 

181 CIT: Sorgfalt. 

182 Teilweise bei SHI. 



427 



183 CIT: Stimme. 

184 CIT: ißt. 

185 OGB. Langer Familienbrief. 

186 Henriette Mendelssohn (1776-1864), in der Familie zur Unterscheidung 
von ihrer Schwägerin, der Tochter Moses Mendelssohns, »Hinni« ge- 
nannt, war die Tochter des mecklenburgischen Hofagenten Nathan Mey- 
er und 1793 mit Joseph Mendelssohn, Abrahams ältestem Bruder, verhei- 
ratet worden. 

187 Alexander Mendelssohn (1798-1871), Cousin von Fanny und Felix, verhei- 
ratet mit Marianne Seeligmann. 

188 Familie des Hauslehrers Heyse, neuerdings mit den Mendelssohns ver- 
schwägert: Julie, seit 1827 Frau von Karl Wilhelm Ludwig Heyse, war eine 
geborene Salomon (gen. Saaling), die Schwester von Leas Lieblingscousine 
Marianne. 

189 In diesem Fall ist Abrahams Schwester Henriette gemeint, die seit 1825 
wieder in Berlin lebte, nachdem ihre Stellung als Erzieherin der Pariser 
Generalstochter Fanny Sebastiani wegen deren Heirat beendet war. 

190 Recha Meyer (1767-1831), Schwester Abraham Mendelssohns, war mit 
Mendel Meyer, Sohn von Nathan Meyer, verheiratet worden, ließ sich 
aber scheiden und wurde Direktorin eines Mädchenpensionats in Altona. 
Später lebte sie wieder in Berlin. Fannys »sogar« bezieht sich auf ihren 
labilen Gesundheitszustand, der ihre gesellschaftlichen Kontakte redu- 
zierte. 

191 Es handelte sich wahrscheinlich um ein Selbstporträt in Naturgröße, mit 
dem Hensel bereits 1812 auf der Berliner Akademie-Ausstellung vertreten 
war. 

192 Spitzname für Albert Heydemann. 

193 NFL. Familienbrief mit langem Einleitungsteil an den Vater. 

194 In den OGB nicht zu finden. Fanny hatte sich vermutlich dagegen ge- 
wehrt, daß Felix ihre vermeintliche Unzuverlässigkeit beim Nachschicken 
von Orchesterstimmen auf ihre Verliebtheit in Hensel zurückgeführt hat- 
te. Werner (a.a.O., Fußnote 15 zu S.95) zitiert den Felix-Brief, um mit 
dieser aus dem Kontext genommenen Passage seine Theorie von FehV 
Aversion gegen Fanny zu belegen. 

195 NFL. Familienbrief. 

196 OGB/WFM/CIT 

197 Johann Gustav Droysen (1808-1884), Historiker, Altphilologe und Dich- 
ter; Freund der Geschwister. Liederkreis: Sechs Lieder von Fanny für Fe- 
lix, Texte von J. G. Droysen (Juni 1829), Autograph »An Felix, während 
seiner ersten Abwesenheit in England 1829« in der Bodleian Library, Ox- 
ford, Kopie im MA Berlin. Das Manuskript enthält Illustrationen von 
Wilhelm Hensel (s. Fannys Brief vom 4. Juni 1829). 

198 Reproduktion des Stuhles, auf dem Felix auf Hensels Porträt zu sehen ist. 

199 Lea war immer noch gegen Fannys Heirat mit Hensel, konnte sie aber 

428 



nicht mehr verbieten, da Fanny nun volljährig war. In Fannys Tagebuch 
heißt es am 9. März 1829: »Sonntag nachmittag gab es mit der Mutter 
bezüglich unserer Heirat eine sehr unangenehme Szene, nach der ich Hen- 
sel gar nicht wieder beruhigen konnte.« (Zit. nach Tillard, a.a.O., S.160.) 

200 Bedeutung nicht ganz klar. Titania ist eine Figur aus dem »Sommernachts- 
traum«. 

201 Felix arbeitete in England an seiner Reformations-Symphonie d-Moll op. 
107. 

202 Sonate ecossaise in fis-Moll op. 28. 

203 NFL. Familienbrief. 

204 Veraltet für »Strafe«. 

205 OGB/CIT 

206 Befreundete Familie in England. 

207 Mendelssohns Kantate »Ave maris Stella« für Sopran, Chor und Orchester. 

208 August Wilhelm Bach (1796-1869), Organist der Berliner Marienkirche, 
der ehemalige Orgellehrer von Felix. 

209 Eduard August Grell (1800-1886), Organist und Komponist. 

210 OGB/WFM/CIT 

211 CIT: regnigter kalter. 

212 CIT: Vieles Andere. 

213 Rebecka. 

214 Christian Daniel Rauch (1777-1857), Bildhauer, seit 1811 Mitglied der Kö- 
niglichen Akademie der Künste in Berlin. 

215 Heinrich Heine war bei den Mendelssohns gelegentlich zu Gast. Vgl. dazu 
seinen Brief an Droysen (1829): »[...] der Stadträthin lasse ich mich ehr- 
furchtsvoll empfehlen, mit etwas weniger Ehrfurcht grüße ich Fräulein 
Fannys schöne Augen, die zu den schönsten gehören, die ich jemals gese- 
hen. Die dicke Rebecka, ja, grüßen Sie mir auch diese dicke Person, das 
liebe Kind, so hübsch, so gut, jedes Pfund ein Engel.« (Zit. nach Droysen, 
Briefwechsel I, S. 9.) 

216 Folgt Anteil von Rebecka. 

217 Oktett op. 20, Es-Dur, komponiert 1825 zum 23. Geburtstag seines Freun- 
des Eduard Rietz. Fanny hatte zu diesem Werk eine besonders enge Be- 
ziehung. In ihrem Tagebuch heißt es darzu: »Mir allein sagt er, was ihm 
vorgeschwebt. Das ganze Stück wird in staccato und pianissimo vorgetra- 
gen, die einzelnen Tremolando-Schauer, die leicht aufblitzenden Pralltril- 
ler; alles ist neu, fremd und doch so ansprechend, so befreundet, man fühlt 
sich so nahe der Geisterwelt, so leicht in die Lüfte gehoben, ja man möchte 
selbst einen Besenstiel zur Hand nehmen, der luftigen Schar besser zu 
folgen. Am Schlüsse flattert die erste Geige federleicht auf - und alles ist 
zerstoben.« (Zit. nach SH I.) 

218 Folgt Anteil von Rebecka. Im Anschluß daran erläutert Fanny mit vielen 
familieninternen Anspielungen die von Hensel zu ihren sechs Liedern 
angefertigten Zeichnungen. 



429 



2ip OGB/CIT 

220 CIT:n.Juni. 

221 Hensel. 

222 Lettres de deux amans habitans d'une petite ville au pied des alpes (»La 
Nouvelle Heloise«) von Jean-Jacques Rousseau, 1761. 

223 Folgt Anteil von Rebecka. 

224 Bezieht sich auf den Brief von Felix vom 7. Juni 1829 (zit. nach SH I): »Ich 
war sehr froh am Sonnabend und auf dem Diner, nach dem ich wegging, 
habe ich mich betrunken, aber nur in zwei sehr bedeutende braune Au- 
gen . . .« 

225 op. 73. 

226 CIT: Heynes. Gemeint ist vermutlich Henriette Herz (1764-1847), die in 
ihrer Wohnung in der Spandauer Straße große Gesellschaften gab. 

227 Nanette Schechner-Agner (1806-1860), aus München stammende Opern- 
sängerin, die gelegentlich in Berlin gastierte. 

228 Oper von Spontini. 

229 Scherzhafte Anspielung auf Hensels Manier, Fanny mit Weinreben und 
Blumenkränzen im Haar zu »verschönern«. Felix mochte das Porträt nicht 
und schrieb am 10. September 1829: »Auch Fannys großes Porträt ist schön, 
aber es gefällt mir nicht. Ich sehe, wie herrlich es gezeichnet, wie spre- 
chend ähnlich es ist; aber in der Stellung, Kleidung, im Blick, in der gan- 
zen sybilligen Prophetenhaftigkeit oder schwärmenden Begeisterung ist 
mein Cantor nicht getroffen! Da liegt die Begeisterung nicht so oben auf, 
mehr innen drin, und zeigt sich nicht in gen Himmel sehen, oder im 
Ausstrecken des Arms, oder im wilden Blumenkranz, denn alles das sieht 
einer auf den ersten Blick. Das muß er aber nicht, sondern erst nach und 
nach draus klug werden. Nimm mir das nicht übel, Hofmaler, aber ich 
kenne meine Schwester doch länger als Du, habe sie als Kind auf meinen 
Armen getragen (Übertreibung) [...].« (Zit. nachEB, S.93.) 

230 NFL, teilweise bei SH I. 

231 Charlotte, Tochter Friedrich Wilhelms III., seit 1817 verheiratet mit Zar 
Nikolaus I., die zu Besuch nach Berlin kam. 

232 OGB/WFM. 

233 Folgt Anteil von Rebecka. 

234 NFL / sehr fragmentarisch bei SH I. 

235 Der Brief beginnt mit einer ausfuhrlichen Erörterung der Pläne zur Sil- 
bernen Hochzeit der Eltern, die bei SH I vollständig und korrekt wieder- 
gegeben ist. 

236 Zwei Wörter nicht lesbar. 

237 Die Abschnitte von »Ich werde London nun bald verlassen« bis ein- 
schließlich »Tagebuch für die Geren« fehlen bei SH I. Der hier mit [...] 
markierte Abschnitt enthält bei SH I eine textgenaue der kritischen Schil- 
derung einer Hamlet-Auffuhrung in Covent-Garden von Felix. Die fol- 
genden Passagen fehlen wieder bei SH I. 



430 



238 Sir George Thomas Smart (1776-1867), Sänger, Gesangslehrer, Geiger und 
Dirigent. Seit 1813 Mitglied der Londoner Philharmonie Society, deren 
Dirigent er bis 1825 war. Seit 1822 Organist in St. James. Persönlicher 
Bekannter Beethovens. Führte die Musik Carl Maria von Webers in Eng- 
land ein. Dirigierte 1836 Mendelssohns »Paulus« in Liverpool. 

239 Es-Dur. 

240 Nach William Almach (gest. 1781), Gründer von Londoner Clubs und 
Ballsälen auf der King Street, die 1765 eröffnet wurden. Hier fanden bis 
1840 wöchentliche Subskriptions-Bälle statt. Der Verkauf der Karten lag 
in der Hand eines Damenkomitees. 

241 Thomas Lawrence (1768-1830), berühmter englischer Porträtmaler. Malte 
im Auftrag Georg IV. Metternich, Wellington, Blücher und andere. In 
seiner Tendenz, alle Porträtierten geschmeichelt darzustellen, besteht eine 
Ähnlichkeit zu Hensels Stil. 

242 Sir David Wilkie (1785-1841), schottischer Maler und Radierer heiterer 
Genrebilder. 

243 William Turner (1775-1851), Maler und Radierer. Seine Landschaften ge- 
hören zu den Glanzleistungen europäischer Malerei an der Wende vom 
18. zum 19. Jahrhundert. Gilt heute wegen seiner virtuosen Darstellung 
atmosphärischer Phänomene aus Licht und Farbe als früher Vorläufer des 
Impressionismus. 

244 Doxat und Divett, Geschäftspartner Abraham Mendelssohns in London. 

245 Charles Neate (1784-1877), Pianist und Komponist. Schüler John Fields. 
Seit 1813 Mitglied der Philharmonie Society in London. Während eines 
Wien-Aufenthaltes 1815 Freundschaft mit Beethoven. Studierte Kontra- 
punkt in München. Führte als einer der ersten Klavierkonzerte von We- 
ber, Hummel und Beethoven in England ein. 

246 Gattin des Fürsten Paul Anton Esterhäzy von Galäntha (geb. 1786), öster- 
reichischer Gesandter in London. 

247 Folgt Abschnitt an den Vater. 

248 OGB/WFM/CIT. 

249 Veraltet für »Bittgesuch«. Felix hatte nicht nur Lea, sondern auch seinen 
Vater gebeten, mit der Hochzeit nicht bis zu seiner Rückkehr zu warten, 
damit Hensel nicht »bis dahin vor Ungeduld stirbt« (vgl. EB, S.72). 

250 CIT: Turnplatz. 

251 Von Fanny vertont als »Nachtreigen« für achtstimmigen Chor a cappella. 
Autograph vom 29. Juni 1829 im MA. 

252 Hora est. Antiphona und Responsorium für sechzehnstimmigen Chor a 
cappella. 

253 Künftige Ehewohnung im Gartenhaus Leipziger Straße 3. 

254 Folgt Anteil von Rebecka. 

255 OGB/CIT. 

256 CIT: war. 

257 Enger Freundeskreis der Geschwister Mendelssohn. 



431 



258 Hegel war seit 1829 Direktor der Berliner Universität. 

259 Abgeschickt am 15. August 1829. 

260 Wahrscheinlich Marianne Saaling. 

261 Anspielung auf Hensels Schwierigkeiten, vom Mendelssohnschen Freun- 
des- und Familienkreis akzeptiert zu werden. 

262 Ein Wort nicht lesbar. 

263 Oper von Spontini. Premiere der zweiten Fassung am 12. Juni 1829. 

264 Die Stumme von Portici, Oper von Auber. 

265 OGB. 

266 Betty Meyer, Cousine der Geschwister Mendelssohn, verheiratet mit 
Heinrich Beer. 

267 Johannespassion von Bach. 

268 Benjamin Georg Mendelssohn (1794-1874), Sohn von Abrahams Bruder 
Joseph, und dessen Frau Rosamunde, geb. Richter (1804-1883). 

269 Anspielung auf Leas und Abrahams manchmal schroffes, abweisendes 
Wesen. 

270 Textverlust. 

271 OGB/WFM/CIT. 

272 Anteil von Rebecka, über den Fanny schreibt: »Um Gottes willen, was 
schreibt das Mädchen fiir gottvergeßenes Zeug. Wirklich, wenn sie zu- 
weilen ihren Schnabel laufen lässt, sollte man meinen, man müsse die 
ganze Person an den Fußbock legen [. . .] Wirklich hat noch kein Sterbli- 
cher, außer Shakespeare, solche Possen geahndet.« 

273 der Eltern am 26. Dezember 1829. 

274 Schottische Symphonie, die allerdings noch nicht vollendet war. 

275 Aus Mendelssohns Oktett op. 20. 

276 CIT: etwas. 

277 Iphigenie in Aulis, Oper von Gluck. 

278 OGB/WFM/CIT 

279 CIT: man. 

280 Der Brief des Vaters (8. Juli 1829) folgt in OGB auf den von Fanny und 
Wilhelm. Abraham weist Felix auf seine »unumgängliche Verpflichtung« 
hin, sich so zu nennen wie er, und erläutert nochmals die Namensge- 
schichte seiner Familie, bei seinem Großvater, Mendel Dessau, dem Vater 
Moses Mendelssohns, angefangen. Schon Moses habe seinen eigentlichen 
Namen abgelegt, um sich und seine Mitbrüder aus »tiefer Erniedrigung« 
zu reißen und den Übergang in ein intellektuelles Judentum zu vollzie- 
hen. Während Moses aber immer bewußt jüdisch geblieben sei, halte er, 
Abraham, das Judentum für die »veraltetste, verdorbenste, zweckwidrig- 
ste« aller derzeitigen Religionen. Er erklärt noch einmal, warum er seine 
Kinder zum »civilisirten« Christentum übertreten ließ. Aus »Pietät und 
Klugheitspflicht« habe er den nicht-jüdischen Beinamen »Bartholdy« an- 
nehmen müssen. Er bedauert, den Namen »Mendelssohn« nicht ganz 
abgelegt zu haben. Von Felix verlangt er, sich »Felix Bartholdy« zu nen- 



432 



nen, weil der Name »Mendelssohn« »hinderlich«, »lächerlich« und nicht 
zeitgemäß sei. Der Kernsatz dieses Briefes lautet: »Einen christlichen 
Mendelssohn giebt es eben so wenig als einenjüdischen Confucius. Heißt 
Du Mendelssohn, so bist Du eo ipso ein Jude, und das taugt Dir nichts, 
schon weil es nicht wahr ist.« 

281 Veraltet für »minderjährig«. 

282 CHT: mal. 

283 Citron (a. a. O., S. 68) zitiert einen von mir nicht aufgefundenen Antwort- 
brief von Felix vom n. August 1829 (Dep. des Landes Berlin 3,1 im MA) 
aus Glasgow: »Wie danke ich Euch für den lieben Privatbrief, den Ihr mir 
schreibt, u. fast noch mehr danke ich ihn Euch, da er nicht nöthig war [. . .] 
u. doppelt rührte es mich, wie Ihr so vorsorgend und so ausgleichend 
gesprochen hattet, da es doch der Ausgleichung nicht bedurfte; denn es 
soll mir wahrlich in meinem Leben nicht einfallen, etwas gegen Vaters 
Willen durchsetzen zu wollen, u. nun gar solch eine Kleinigkeit!« Felix 
ging allerdings auf das Ansinnen Abrahams, sich nicht mehr Mendelssohn 
zu nennen, niemals ein. 

284 OGB. 

285 Nach seinen Londoner Konzerten ging Felix mit Klingemann auf Ferien- 
reise ins schottische Hochland. 

286 Ferdinand David (1810-1879), Geiger und Komponist, enger Freund Men- 
delssohns. 

287 Nach drei Jahren des Engagements im Orchester des Königstädter Thea- 
ters in Berlin ging David nach Dorpat als Primarius des Liphardtschen 
Streichquartetts. 

288 Bernhard Romberg (1767-1841), berühmter Cellist. Sein Neffe war Cypri- 
an Friedrich Romberg (1807-1865). 

289 Betty Pistor, geb. 1808, Widmungsträgerin des Quartetts op. 12, Es-Dur, 
von Felix. 

290 Vgl. Lowenthal-Hensel, Preußische Bildnisse, S.86. Die Zeichnung (Blei- 
stift auf Karton) entstand 1829 in Berlin und trägt die Bildunterschrift: »Eh 
bien, cet homme cest moi! H. Heine.« Während Hensel sonst dazu neigte, 
Personen schmeichelhaft darzustellen, fallen hier besonders die verschlos- 
sene Körperhaltung und der leicht arrogante Gesichtsausdruck auf. 

291 Variations concertantes für Klavier und Violoncello op. 17. 

292 Folgt Anteil von Lea. 

293 OGB. 

294 Eduard Gans (1798-1839), Rechtsphilosoph, Historiker und Judaist. 

295 OGB. 

296 Ludwig von Mühlenfels (1793-1861), enger Freund Felix Mendelssohns, 
Jurist, Teilnehmer der antinapoleonischen Befreiungskriege als Lützower 
Jäger. Nach Promotion in Heidelberg Substitut des preußischen General- 
prokurators von Sandt in Köln. Dort unter dem Verdacht demagogischer 
Umtriebe verhaftet und 23 Monate in Isolierhart gehalten. Brach aus dem 



433 



Gefängnis aus und floh über Schweden nach London, wo er deutsche und 
skandinavische Literatur lehrte. Reiste 1829 nach Berlin, um seine Frei- 
sprechung zu erreichen. Das Urteil gegen ihn wurde 1830 aufgehoben, 
und er wurde Landesgerichtsrat in Naumburg. 

297 Heinrich Gustav Magnus (1802-1870), Bruder des Malers Eduard Magnus, 
Physiker und Chemiker, seit 1834 Professor in Berlin. 

298 Streichquintett A-Dur op. 18. 

299 Streichquintett op. 29. 

300 Variations concertantes für Klavier und Violoncello D-Dur op. 17. 

301 Klaviertrio op. 70, 1. 

302 Bankier in London, seit 1831 Arbeitgeber von Paul Mendelssohn Bart- 
holdy. Abraham war an seiner Londoner Bank mit einer bedeutenden 
Einlage beteiligt. 

303 OGB/WFM/CIX 

304 Citron (a.a.O., S.78) zitiert Felix wie folgt: »Fanny schreibt mir viel über 
die Hochzeit, aber nicht, wann sie sein soll; wie kann ich den Choral u. 
Prelud. bestimmen, oder gar componieren, wenn ich die Zeit nicht weiß?« 

305 Gemeint ist der Plan einer gemeinsamen Italienreise. 

306 Klingemann und Felix waren am 7. August 1829 über Staffa zur Fingals- 
höhle gekommen. Felix entwarf dort die ersten Skizzen zur Fingalshöh- 
len-Ouvertüre »Die Hebriden«, op. 26. 

307 Folgt Anteil von Rebecka. 

308 Orgelstück für ihre Trauung. 

309 Bei SH I heißt es in einem auf den 25. August 1829 datierten Brief von Felix 
an den Vater aus Llangollen: »Diese Lieder aber sind schöner, als gesagt 
werden kann. Ich spreche bei Gott als kalter Beobachter und finde sie sehr 
hübsch. Aber es gibt doch wirklich Musik, die ist, als ob die Quintessenz 
aus der Musik genommen wäre, als ob es die Seele von der Musik wäre. 
So die Lieder. O Jesus! Besseres kenne ich nicht.« (Vgl. auchEB, S.91.). 

310 Das Liederspiel, dessen Konzept Fanny hier entwickelt, ist nicht nachge- 
wiesen. Ein die Jahre 1826-32 umfassender Sammelband mit 38 Liedern, 
unter anderem auf Texte von Hensel und Droysen, befindet sich in deut- 
schem Privatbesetz (vgl. Elvers: Weitere Quellen zu den Werken von 
Fanny Hensel. In: Mendelssohn-Studien 2, Berlin 1975, S. 215-220). 

311 Ein Lorelei-Stück von Fanny ist nicht nachgewiesen. Felix schrieb in sei- 
nen letzten Lebensjahren ein Opernfragment »Die Loreley« nach einem 
Text von Geibel. 

312 NFL/SH I, dessen teilweise abweichende Lesarten hier nur in inhaltlich 
gravierenden Fällen vermerkt wurden. 

313 Guy Mannering or The Astrologer, Roman von Walter Scott, erschienen 
1815. 

314 SH I: Kinder. 

315 SH I: verrückte. 

316 Es-Dur op. 12. 



434 



317 Karl R. Ritter (1779-1859), Geograph und Völkerkundler. 

318 OGB. 

319 Anteil von Rcbecka. 

320 Die in diesem Briefwechsel mehrfach erwähnte »Gräfin Arnim, geb. Hei- 
ster«. Es handelte sich um ein großes Auftragsporträt, mit dem Hcnscl 1829 
sehr beschäftigt war. Hcnscl malte insgesamt über 400 Bildnisse. 

321 Potsdamer Tor. 

322 Orgclpräludium F-Dur, vollendet am 28. September 1829. Autograph: Li- 
brary of Congrcss, Washington, Gcrtrudc Clarkc Whitall Collcction. 

323 Moritz Veit (1808-1864), Vcrlagsbuchhändler und Politiker in Berlin, Vor- 
kämpfer der Judcncmanzipation, lernte K. Werder in Hegels Vorlesungen 
kennen und verlegte dessen dramatische Werke. Veit, Werder und Stie- 
glitz gaben den »Berliner Musenalmanach« 1830/31 heraus. Unter den 
Mitarbeitern waren unter anderem Goethe, Achim von Arnim und Cha- 
misso. 

324 OGB/CIT. 

325 CIT: 21. 

326 CIT: 3ten. 

327 CIT: Zerbino. Zcrlina ist der Name der Braut Mascttos in Mozarts »Don 
Juan«. 

328 CIT: erübrigen. 

329 CIT: weißt. 

330 CIT: Anstellung. 

331 Prinz Albrecht von Preußen (1809-1872). 

332 Karl-Friedrich (1783-1853). 

333 CIT: Rescoipt. 

334 CIT: die. 

335 MA/SHI. 

336 Am 17. September 1829 wurde Felix in London aus einem Kabriolett ge- 
schleudert und verletzte sich an der Kniescheibe. Während seiner mehr- 
wöchigen, mit starken Depressionen verbundenen Krankheit wurde er 
von Klingemann gepflegt. 

337 OGB/WFM/CIT 

338 Protestantische Kirche in der Berliner Klosterstraße. 

339 Wilhclmine (Minna) Hcnscl (1802-1893), ein Patenkind der Königin 
Louise von Preußen, zog nach dem Tod ihrer Mutter zu Fanny und lebte 
im Henselschen Haushalt. Wurde 1850 Vorsteherin eines Waisenhauses 
und erwarb sich einen guten Ruf als Pädagogin. 

340 Eine »Pastorella« erschien mit »Liedern für das Pianoforte« op. 2 und op. 
6 im Jahre 1983 bei Bote und Bock. Dieses Stück stammt allerdings von 
1846. 

341 Präludium G-Dur, Autograph in Privatbesitz. 



435 



Hofmalerin Hensel (1829 bis 1832) 

1 OGB. 

2 Wahrscheinlich gemeint:Ludwig von Mühlenfels. 

3 Alexander und Marianne Mendelssohn. 

4 Karl August Varnhagen von Ense (1785-1858), Schriftsteller und Diplomat. 

5 Wahrscheinlich gemeint: Präludium und Fuge Es-Dur B WV 552. Mendels- 
sohn spielte es 1837 auf dem Musikfest in Birmingham und hinterließ damit 
einen »unauslöschlichen Eindruck« (vgl. Großmann-Vendrey, Vergangen- 
heit, S. 185). 

6 OGB/CIT. 

7 Hensels Schwester Wilhelmine. 

8 Nicht nachgewiesen. 

9 OGB/WFM. 

10 NFL. 

11 Mendelssohns Lieblingsgericht war Milchreis. 

12 OGB. 

13 Bezieht sich auf Mendelssohns geistliche Vbkalkomposition »Hora est«. 

14 OGB. 

15 OGB/CIT. 

16 über Dessau und Leipzig nach Weimar. Abraham hatte ihn einige Tage 
lang begleitet. 

17 CIT: dessen. 

18 Friedrich Freiherr de la Motte Fouque (1777-1843), Gutsbesitzer und Ver- 
fasser romantischer Ritterromane. 

19 Naturphilosophisches Märchen von Fouque, von E. T. A. Hoffmann und 
Lortzing als Oper vertont. 

20 Christian Friedrich Johann Girschner (1707-1860), Komponist und Musik- 
theoretiker, Schüler Zelters. 

21 Carl Wilhelm Ferdinand Guhr (1787-1848), Frankfurter Kapellmeister, be- 
deutender Bach-Kenner und Autographensammler. 

22 Reformations-Symphonie op. 107. 

23 Ulrike von Pogwisch (1804-1875), Schwester von Goethes Schwiegertochter 
Ottilie. 

24 Ottilie von Goethe. 

25 OGB/WFM. 

26 Fanny mußte wegen einer drohenden Frühgeburt das Bett hüten. 

27 August Wilhelm von Stosch, Hausarzt der Familien Mendelssohn und 
Hensel. 

28 Anspielung auf Mozarts »Entführung«, Nr. 21: »Wer so viel Huld vergessen 
kann, den seh' man mit Verachtung an.« 

29 OGB/CIT. 

30 Anteile anderer Familienmitglieder. 

31 Bezieht sich auf den Familienbrief von Felix aus Weimar vom 25. Mai 1830: 



436 



»Sammle doch Stimmen über den Titel, den ich wählen soll : Reformations- 
sinfonie, Confessionssinfonie, Sinfonie zu einem Kirchenfest (für den 
Papst), Kindersinfonie, oder wie Du willst; schreib mir darüber, u. statt aller 
dummen Vorschläge einen klugen.« (Zit. nach SUT, S.20.) 

32 Folgt Anteil von Rebecka. 

33 Anteile anderer Familienmitglieder. 

34 NFL. Sehr fragmentarisch und entstellt bei SH I. 

35 SH I: nicht mehr. 

36 SH I: einem netten Stübchen. 

37 Mendelssohn war ihr bereits in Paris begegnet. Er widmete der begabten 
Komponistin und Pianistin sein g-Moll-Konzert. 

38 Wahrscheinlich As-Dur, op. 92. Mendelssohn hatte das Werk bereits in 
Paris mit Hummel selbst gespielt. 

39 Jiddisch: Heiratsvermittler. 

40 SH I: setzte. 

41 Goethe hatte allerdings ein sehr kritisches Verhältnis zu Hensel. Hensel 
versuchte sich 1823 an einem Goethe-Porträt, das völlig mißlang, und, so 
Goethe, »einen ganz anderen Menschen« darstellte, »der wenig Ähnlichkeit 
mit mir hatte« (zit. nach Tillard, a.a.O., S.102). An Zelter schrieb er sogar, 
Hensel stecke »in dem seichten Dilettantismus der Zeit, der in Altertümelei 
und Vaterländelei einen falschen Grund, in Frömmelei ein schwächendes 
Element« suche (zit. nach Tillard, a.a.O., S.103). 

42 SH I: wirklich. 

43 »Italien«, erschienen in den Liedern von Felix als op. 8, 3. 

44 Der hier bei SH I stehende Passus: »Dich als Verfasserin nannte« steht nicht 
im Autograph. Er sollte wahrscheinlich dazu dienen, Felix vom Vorwurf 
des geistigen Diebstahls zu entlasten. 

45 Gemeint ist das Rondo capriccioso E-Dur op. 14. 

46 aus op. 16. 

47 wahrscheinlich ebenfalls aus op. 16. Das zweite der Stücke war durch gelbe 
Trompetenblumen im Haar seiner walisischen Freundin Honoria Taylor 
inspiriert (vgl. Werner, a.a.O., S.184). 

48 Gemeint ist ein Porträt von Rebecka, das Felix bei Hensel bestellt hatte. 
Siehe dazu auch den Brief von Felix vom 26. Juni 1830. 

49 Joseph Anton Stieler, Münchener Maler, wurde vor allem durch sein Por- 
trät Ludwig van Beethovens bekannt. 

50 SUT/PMB. Autograph nicht nachgewiesen. 

51 Bei SUT und PMB Noten eines Klavierliedes »Andante« in A-Dur. 

52 MA/EB. 

53 Fannys Sohn Sebastian war am 16. Juni 1830, zwei Monate zu früh, geboren 
worden. 

54 Paten wurden Zelter und Rauch. 

55 OGB / von Fanny an Rebecka diktiert. 

56 OGB. 



437 



57 OGB. 

58 OGB / teilweise CIT 

59 Das Lied im Brief vom 26. Juni 1830. 

60 OGB/CIT. 

61 CIT:Röstell. 

62 CIT: Stechkissen. 

63 CIT: auch erzählen. 

64 OGB/WFM/CIT. 

65 Marx war mit Felix in München zusammengetroffen und hatte Fanny dar- 
über einen Brief geschrieben (vgl. SH I). 

66 Fanny hatte ihr Kind kurze Zeit gestillt und dann eine Amme engagiert. 

67 Abraham befand sich zu dieser Zeit in Paris und geriet dort mitten in die 
Wirren der Juli-Revolution. 

68 Eroberung Algeriens durch Frankreich. 

69 Die Italienreise wurde erst neun Jahre spater realisiert. S. dazu Fannys Ta- 
gebuch vom 4. März 1831 (MA): »Wir halten indessen noch immer den 
Plan, [. . .] den Winter in Italien zuzubringen, eine Complication von Um- 
ständen, von denen die entsetzliche Abneigung der Eltern nur Einer war, 
nöthigte uns, den Plan aufzugeben.« 

70 OGB. 

71 in der Leipziger Straße 3. 

72 Der Brief bricht hier ab. 

73 SUT/PMB/SH I. Autograph nicht nachgewiesen. 

74 SUT. Autograph nicht nachgewiesen. 

75 MA. 

76 In OGB nicht nachgewiesen. Es ist nicht ganz klar, worauf Felix sich be- 
zieht. Möglicherweise hatte Fanny von neuen Attacken ihrer Mutter gegen 
Rebeckas Heiratspläne berichtet. Der Brief könnte auch in Zusammenhang 
mit der Cholera-Epidemie stehen, die 1831 in Berlin ausbrach. 

77 Adolph Bernhard Marx, der bis 1830 Redakteur der »Berliner Allgemei- 
nen Musikalischen Zeitung« gewesen war, befand sich vermutlich in fi- 
nanziellen Schwierigkeiten. Mendelssohn brachte 1831 erheblichen Ein- 
fluß auf, um ihm eine Musikprofessur an der Berliner Universität zu ver- 
mitteln. 

78 MA/SH I. 

79 Abrahams Schwester Henriette Mendelssohn war am 9. November 1831 an 
Cholera gestorben. 

80 Rebeckas Verlobung mit dem Mathematiker Dirichlet. 

81 Nach längerem Aufenthalt in den Alpen war Felix über München nach 
Frankfurt am Main gefahren, wo er einige Tage im Haus von Johann Ne- 
pomuk Schelble verbrachte, durch den er neue Orgelwerke Bachs kennen- 
lernte. 

82 Johann Nepomuk Schelble (1789-1837), Gründer und Direktor des Frank- 
furter Cäcilienvereins. 



438 



83 Philipp Veit (1793-1877), Maler, Cousin Felix Mendelssohns, Sohn von Do- 
rothea Schlegel und Simon Veit. 

84 PMB. Autograph nicht nachgewiesen. 

Musikdirektor in Düsseldorf (1833 bis 1835) 

1 OGB. 

2 Felix hatte im Oktober sein Amt als Düsseldorfer Musikdirektor angetre- 
ten. Rebecka, inzwischen mit Dirichlet verheiratet, war zu ihm gereist, um 
ihm bei der Einrichtung zu helfen. 

3 Wahrscheinlich gemeint: die Sängerin Pauline Decker. 

4 OGB/CIT. 

5 CIT: 22. Oktober. 

6 CIT: vorwarf. 

7 CIT: Weiz. 

8 Karl Leberecht Immermann (1796-1840), Dichter und Jurist aus preußi- 
scher Beamtenfamilie, seit 1827 Landgerichtsrat in Düsseldorf, wo er 1832 
einen Theaterverein gründete. Die Amtszeit von Felix in Düsseldorf war 
von schweren Konflikten mit Immermann überschattet, die schließlich 
zum Bruch führten. 

9 Oratorium von Händel. 

10 Nach Citron wahrscheinlich Verwandte von Moritz Ebers (1802-1837), 
Bankier und Porzellanfabrikant in Berlin. 

11 Fanny hatte vor, Semele in einer ihrer Sonntagsmusiken aufzuführen. Nach 
Großmann-Vendrey (a.a.O., S.64) soll Felix ihr wegen dramaturgischer 
Schwächen davon abgeraten haben. 

12 J. O. H. Schaum, Herausgeber Händelscher Werke. 

13 Gemeint ist das erste Konzert des Düsseldorfer Musikvereins in der Saison 
'833/34 am 22 ' November 1833 (Cäcilientag). Zur Aufführung waren Glucks 
Ouvertüre zu »Iphigenie«, Beethovens c-Moll-Klavierkonzert und Hän- 
deis »Alexanderfest« vorgesehen. 

14 CIT: reuen. 

15 Johann Karl Ludwig Braun (1771-1835). 

16 OGB/WFM/CIT 

17 Vermutlich gemeint: Brief vom 26. Oktober an Rebecka, in dem er seine 
ersten Wochen als Düsseldorfer Musikdirektor schildert (s. PMB). 

18 Vgl. den Brief von Felix an Rebecka vom 26. Oktober 1833: »Wie übersetzt 
man in demselben Versmaße: so love was crown'd, but music won the 
cause. Ramler sagt mit rechter Uebersetzervornehmheit: Heil Liebe Dir, 
der Tonkunst Ehr und Dank, was durchaus keinen Sinn hat und nichts 
weniger als eine Uebersetzung ist; es soll den ersten Theil der Ode be- 
schließen und macht die ganze Sache confus, denn auf das won kommt's 
gerade an.« - Felix bezieht sich hier auf Händeis »Alexanderfest« nachj. 



439 



Drydens Cäcilienode. Er wollte das Werk am 22. November 1833 in Düs- 
seldorf aufrühren. Die gebräuchliche Übersetzung von Karl Wilhelm Ram- 
ler (1725-1798) war ihm nicht genau genug. 

19 Felix beabsichtigte, Immermanns Version von Shakespeares »Sturm« für 
eine Oper zu verwenden. 

20 CIT: deutsch. 

21 Die Herausgabe wurde 1832 eingestellt. Fanny meint wohl den »Berliner 
Musenalmanach für 1830« (vgl. Düsseldorfer Heine-Ausgabe Bd. II, S. 151 f.). 
Die Beteiligung Immermanns am Gespräch legt nahe, daß das zweite Xe- 
nion aus Heines »Norderney« von Rebecka zitiert und von Fanny nicht 
ganz wörtlich, aber sinngemäß richtig im Brief wiedergegeben wurde. Hei- 
ne verwendet ein Xenion seines »hohen Mitstrebenden« Immermann, in 
dem dieser sich über das Orientalisieren in der deutschen Dichtung lustig 
macht. Zum Schluß heißt es über die Dichter: »Essen sie zu viel, die Armen, 
und vomiren dann Ghaselen« (zit. nach Düsseldorfer Heine-Ausgabe, Bd. 
VI, Reisebilder, II. Teil, S.iösf.). 

22 Luise Hensel (1798-1876), Schwester Wilhelm Hensels, Dichterin religiöser 
undpatriotischer Lyrik. Luise lebte von 1833 bis 1836 bei denHensels inBerlin. 

23 MA. 

24 Konzert-Ouvertüre »Zum Märchen von der schönen Melusine« op. 32. 

25 Gustav Heinrich Waagen (1794-1868), Galeriedirektor in Berlin. 

26 Johann Wilhelm Schirmer (1807-1863), Düsseldorfer Maler. 

27 Walter Lejeune Dirichlet (1833-1887), Rebeckas erster Sohn. 

28 Das ursprünglich geplante Programm wurde geändert. Es erklangen Beet- 
hovens Egmont-Ouvertüre, Handels »Alexanderfest« und Mendelssohns 
Klavierkonzert g-Moll op. 25, in dem er selbst als Solist auftrat. 

29 Hensel arbeitete 1833 an seinem großen Historienbild »Christus vor Pila- 
tus«, das er auf der Akademie-Ausstellung von 1834 zeigte. Bei den Studien 
standen ihm polnische Juden und Mitglieder der Berliner jüdischen Ge- 
meinde Modell. In einer Olstudie ist Fanny zu sehen, die Sebastian fest in 
die Arme drückt. 

30 OGB/WFM/CIT. 

31 Nach Elvers (Weitere Quellen, S. 215 ff.) »Zum Fest der heiligen Cäcila [...] 
für vierstimmigen gemischten Chor und Klavier, deutscher Privatbesitz.« 
Die vorliegende briefliche Beschreibung weist eindeutig auf Soloquartett 
mit Frauenstimmen hin. 

32 Identität nicht ganz klar. Citron gibt eine Rosa Eleonore Behrend Cursch- 
mann (geb. 1805), Berliner Sängerin, verheiratet mit dem Liederkomponi- 
sten Curschmann, an. In diesem Brief ist aber von einem fünfzehnjährigen 
Mädchen die Rede, das 1818 geboren sein muß. 

33 Tochter oder Schwester einer Berliner Sängerin, die 1829 in der Matthäus- 
passion aufgetreten war. 

34 Der Philosoph und Dichter Heinrich Steffens (1773-1845) war mit einer 
Tochter des Komponisten Johann Friedrich Reichardt verheiratet. 



440 



35 OGB/WFM/CIT. 

36 Vom 22. November. 

37 Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter, der 1833/34 in Berlin und "Wei- 
mar von F. W Riemer herausgegeben wurde. 

38 Wegen seiner Augenkrankheit. 

39 Im Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter sind viele taktlose Bemer- 
kungen über die Familie Mendelssohn enthalten. So schreibt Zelter zum 
Beispiel über Abraham: »Er [...] ist mir sehr gewogen und ich habe offene 
Casse bey ihm, denn er ist in Zeiten der allgemeinen Noth ohne Schaden 
an seiner Seele reich geworden.« Über Felix heißt es kurz vor dem gemein- 
samenBesuch bei Goethe (1821): »Er ist zwar ein Judensohn, aber kein Jude, 
der Vater hat mit bedeutender Aufopferung seine Söhne nicht beschneiden 
lassen und erzieht sie, wie sich's gehört; es wäre wirklich einmal eppes 
Rores, wenn aus einem Judensohne ein Künsder würde.« Zelters Urteil 
über Fanny als Komponistin und Pianistin klingt zwar recht wohlwollend, 
aber er bezeichnet sie und ihre weibliche Verwandtschaft als »die jüngsten 
Großmütter des Alten Testamentes«. Der latente Antisemitismus und die 
ordinäre Anspielung auf die Beschneidung verletzte die Mendelssohns tief. 

40 Luise Hensel hatte bis zu ihrer Erkrankung bei der Betreuung Sebastians 
mitgeholfen. Sie beklagte sich sehr über diese Aufgabe und schrieb an ihren 
Vertrauten Clemens von Brentano: »Die kleine Haushaltung meines Bru- 
ders, deren Obliegenheiten mir jetzt fast ganz übergeben sind, und sein 4 
Jahre alter Knabe beschäftigen mich den größten Theil des Tages.« (Zit. 
nach Franz Binder, Luise Hensel, ein Lebensbild nach gedruckten und un- 
gedruckten Quellen. Freiburg i. Br. 1885, S.270.) 

41 Amalie Haehnel (1807-1849), aus Böhmen stammende Sängerin, seit 1831 
am Königstädter Theater in Berlin. 

42 Das unterbrochene Opferfest, Oper von Peter Winter (Wien 1796). 

43 CIT: Renommege. 

44 Niederdeutsch für: schmutzig, schlimm, bedenklich, elend. 

45 OGB/WFM. 

46 Doppelbedeutung: niederdt. für »Scheiße« undjidd. für »Schächtung, Mas- 
saker«. 

47 Ärmel aus Seidenspitze. 

48 Kleider aus Wollgewebe. 

49 Rolf Ludwig Decker (1804-1877), Oberhofbuchdrucker in Berlin, Ehe- 
mann der Sängerin Pauline Decker. 

50 Hensels Schüler. 

51 Julius Moser (1805-1879), Genre- und Porträtmaler, Schüler Hensels. 

52 Carl Wilhelm Pohlke (geb. 1810), Historien-, Genre-, Bildnis- und Land- 
schaftsmaler, Schüler Hensels. 

53 Franz Wagner (geb. 1810), Genre-, Bildnis- und Landschaftsmaler, Schüler 
Hensels. 

54 August Kaselowsky (1810-1891), Schüler Hensels. 



441 



55 Heinrich Löwenstein (1806-1841), Historien- und Genremaler, Schüler 
Hensels. 

56 Karl Burggraf (geb. 1803), Porträt- und Genremaler, Schüler Hensels. 

57 OGB. 

58 Vermutlich Bruder von Hermann Franck. 

59 Schlafraum in altrömischem Haus, Grabkammer, Katakombe. 

60 Adelheid Müller (1800-1883), geb. Basedow, war die Witwe des 1827 ver- 
storbenen Dichters Wilhelm Müller. 

61 »Christus und die Samariterin am Brunnen«, zuerst 1828 in der Akademie- 
Ausstellung gezeigt. 

62 Textverlust. 

63 Mary Alexander (1806-1867), englische Freundin Felix Mendelssohns, in 
seinen Familienbriefen viel beschrieben. 

64 Der Brief bricht hier ab. 

65 OGB/CIT. 

66 Felix berichtete seinem Vater am 11. Dezember 1833 von seinen Don-Juan- 
Proben (NFL). 

67 Felix ließ »Mir ist so wunderbar« aus »Fidelio« in Wuppertal-Barmen als 
Cello-Improvisation aufrühren. 

68 CIT: schallete. 

69 CIT: Wangen. Es handelte sich aber um die Frau des Galeriedirektors 
Waagen. 

70 CIT: seyn. 

71 Es wurden aufgeführt: Duett aus »Titus«, C-Dur-Symphonie, Trio aus 
»Idomeneo«, Quintett g-Moll, Arie aus »Idomeneo«, ein Klavierkonzert 
(Solist: Taubert), Arie und Finale aus »Cosi fan tutte« (»Allgemeine musi- 
kalische Zeitung« 5, März 1834, S.157). 

72 CIT: Caprifolien. 

73 Folgt Anteil von Rebecka. 

74 OGB/CIT 

75 CIT: 18. 

76 Felix hatte ihr die Partitur am 1. Februar 1834 geschickt. 

77 CIT: Andere. 

78 Due concertant en Variations brillantes sur la Marche Bohemienne tiree du 
Melodrame »Preciosa« de C. M. de Weber pour deux pianos et orchestre 
par Mendelssohn et Moscheies (1833). 

79 Fanny bezieht sich wahrscheinlich auf die Lieder b-Moll (30. Januar 1834) 
und D-Dur (12. Dezember 1833) = op. 30, Br. 4 und 5. In dem D-Dur-Stück 
(Andante grazioso) hat die linke Hand eine sehr schnelle 32tel-Begleitung 
zu spielen. 

80 Am 18. Januar 1834 dirigierte Mendelssohn in Düsseldorf eine Egmont-Auf- 
führung mit Beethovens Musik. 

81 Johann Wilhelm Kortum (1787-1859), Beamter im preußischen Kultusmi- 
nisterium. 



442 



82 Die c-Moll-Symphonie (1824). Fanny erledigte im Auftrag von Felix Kor- 
rekturarbeiten für den Verleger Schlesinger (s. Elvers: Felix Mendelssohn 
Bartholdy. Briefe an deutsche Verleger. Berlin 1968, S.28if.). 

83 Friedrich Schleiermacher war am 12. Februar 1834 in Berlin gestorben. 

84 1834 wurde auf der Akademie-Ausstellung Hensels Ölbild »Christus vor 
Pilatus« gezeigt, das 1835 von König Friedrich Wilhelm III. gekauft wurde. 

85 OGB/CIT. 

86 CIT: ohne Datum. 

87 Die romantische Oper »Melusine« von Conradin Kreutzer war 1833 in 
Berlin uraufgeführt worden. Mendelssohn war fasziniert von dem mär- 
chenhaften Stoff, der Unmöglichkeit der Liebe zwischen der Meerjung- 
frau Melusine und dem Grafen Lusignan und der Unvereinbarkeit von 
Naturwesen und Mensch. 

88 Im April 1834 würde Moscheies die Uraufführung der »Melusine« in Lon- 
don dirigieren. 

89 Carl Loewe (1796-1869), Komponist und Kantor. 

90 »Die drei Wünsche«. Premiere am königlichen Theater, 2. Februar 1834. 

91 Die Aversion rührte wohl daher, daß Loewe sich gemeinsam mit Felix um 
die Leitung der Berliner Singakademie beworben hatte. 

92 Zwei Motetten für sechsstimmigen Männerchor, op. 4. 

93 Sechs Lieder für Sopran, Alt, Tenor und Baß, im Freien zu singen, op. 41. 

94 CIT: Noch. 

95 Johann Philipp Samuel Schmidt (1779-1853), Musikkritiker der Spener- 
schen Zeitung in Berlin. 

96 Wahrscheinlich »Infelice«, Konzertarie für Sopran mit Orchester, op. 94. 

97 Charles-Auguste de Beriot (1802-1870), belgischer Violinvirtuose und 
Komponist. 

98 Maria Felicitä Malibran, geb. Garcia (1808-1836), spanische Altistin, seit 
März 1836 mit Beriot verheiratet. 

99 Leopold (1810-1869) und Moritz (1806-1868) Ganz, Brüder, beide preußi- 
sche Hofkonzertmeister in Berlin. Leopold war Geiger, Moritz Cellist. 

100 Carl Arnold (geb. 1794), Pianist und Komponist 

101 Tauberts Oper »Der Zigeuner« wurde am 19. September 1834 in Berlin 
uraufgeführt. 

102 Bettina von Arnims »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« erschien 

1835. 

103 CIT: Hegels. 

104 MA / teilweise bei PMB. 

105 PMB: bedenke. 

106 PMB: nach. 

107 PMB: lagen. 

108 PMB: Brief. 

109 PMB: beantworte. 

110 PMB: Name ausgelassen. 



443 



in PMB: Titel. 

112 PMB: anbrummen. 

113 Ehefrau von Wilhelm von Schadow (1788-1862), Maler und Akademiedi- 
rektor in Düsseldorf. 

114 Karl Friedrich Rungenhagen (1778-1851), Nachfolger Zelters in der Lei- 
tung der Berliner Singakademie. 

115 Wahrscheinlich gemeint: op. 35. 

116 Wahrscheinlich Klaviertrio op. 49 d-Moll, das allerdings erst 1839 erschien. 

117 Oratorium nach Worten der heiligen Schrift op. 36. 

118 OGB/CIT. 

119 CIT: würden. 

120 Fortepiano. 

121 Nach Tillard (a.a.O., S.219) in der fünften Sonntagsmusik von 1833 ge- 
spielt. 

122 Luise Dulcken, geb. David (1811-1850), Pianistin, mit der Mendelssohn 
gelegentlich konzertierte. Sie war eine Schwester von Mendelssohns 
Freund Ferdinand David. 

123 Rondo brillant für Klavier und Orchester Es-Dur op. 29. 

124 g-Moll op. 25. 

125 CIT: wertern. 

126 CIT: das. 

127 Vgl. Alexander Boyd: Some unpubÜshed Letters of Abraham Mendels- 
sohn and Fanny Hensel. In: Mendelssohn-Studien 3 (1979), S.9-50. Fanny 
und Mary korrespondierten seit 1833. 

128 Fanny komponierte im März 1834 drei Lieder für Mary Alexander auf eine 
englische Übersetzung von Heines »Heimkehr« und schickte die Noten 
am 7. April 1834 nach England. 

129 Autograph im MA. 

130 OGB/CIT 

131 Lea Mendelssohn bekam im April 1834 heftiges Nasenbluten und Tachy- 
kardien. Als psychosomatische Ursache wurde ihre übertriebene Aufre- 
gung über Varnhagens beabsichtigte Heirat mit ihrer Cousine Marianne 
Saaling angesehen. Varnhagen war gerade erst Witwer geworden, Mari- 
anne erschien ihr für eine Ehe schon zu alt. Varnhagen schildert in seinen 
autobiographischen Schriften ausführlich, daß »die Damen Mendels- 
sohn« diese Beziehung mit Intrigen und Klatschereien geradezu hinter- 
trieben hätten. Für weitere Unruhe sorgte Pauls Verlobung mit Albertine 
Heine, die zwar schon seit 1828 zum engeren Freundeskreis der Familie 
gehörte, mit deren Vater, dem Berliner Bankier Carl Heinrich Heine, 
Abraham aber zerstritten war. Werner (a. a. O.) gibt in seinem Familien- 
stammbaum eine ganz andere Genealogie an: Ihm zufolge war sie als 
Enkelin Fanny Arnsteins und Tochter von Salomon Heine mit Leas Linie 
verwandt. 

132 Citron (a. a. O., S. 139) schreibt: »The identity of the bride is uncertain.« Es 



444 



handelt sich zweifellos um die 1786 geborene, also neunundvierzigjährige 
Marianne Saaling. 

133 OGB/CIT. 

134 CIT: druckender. 

135 CIT: leidend. 

136 Konzert des Musikvereins am 3. Mai 1834 mit Mozarts »Zauberflöten«- 
Ouvertüre, fis- Moll-Klavierkonzert von Norbert Burgmüller, Chören aus 
Spohrs »Jessonda«, Beethovens Festouvertüre op. 124 und Chören und Soli 
aus Handels »Israel in Ägypten«. 

137 Phantasie (Sonate ecossaise) op. 28. 

138 CIT: Exisrirendes. 

139 Franz von Eisholz (1791-1872), Theaterschriftsteller. 

140 CIT: uns gelacht. 

141 Folgt Anteil von Rebecka. 

142 OGB/CIT. 

143 OGB/CIT. 

144 CIT: 4. Juni. 

145 Es folgen ausführliche Erörterungen über den Kauf und Versand einer 
Stimmgabel. Felix hatte am 28. Mai 1834 in einem Brief an die »lieben 
Geren« (NFL) geschrieben: »A propos, Fanny, sei ein Mann, u. zwar ein 
Geschäftsmann, und höre mir zu. Über die wahre, echte Stimmung, (den 
Kammerton) ist hier alles uneinig, woher es kommt, daß die Blaseinstru- 
mente immer greulich stimmen; und bitte ich Dich also, schreibe an Hen- 
ning ein Paar Zeilen, und bitte ihn in meinem Namen um eine Stimmga- 
bel, die die Berliner Orchesterstimmung angiebt, u. deren Richtigkeit (in 
dieser Beziehung) von ihm attestirt sei [. . .] und schicke sie mir stante pede 
nach Düsseldorf. Willst Du das thun?« Fanny: »Ja.« 

146 c-Moll op. 11. 

147 Felix hatte im Brief vom 28. Mai 1834 geschrieben: »Einen bösen Punct 
habe ich musikalisch zu berühren, das sind Man^s eben herausgegebene 
Männerstimmensachen. Du schriebst mir einmal es seien schöne Sachen 
darin, und ich habe zu meinem Leidwesen nichts gefunden, was mir ge- 
fallen, u. sehr vieles, was mir entsetzlich mißfallen hat. Wenn ich eine 
Stelle nur fände, die mir recht wäre, würde ich ihm drüber schreiben, aber 
so weiß ich nichts zu sagen, u. erwarte nur das Nächste von ihm, das 
hoffentlich anders sein wird. Es scheint mir so sehr gesucht u. trocken, u. 
doch ohne alle Neuheit oder Eindruck. Dies ist aber ein fataler Ton, u. so 
hätte ich es lieber gar nicht schreiben sollen; es bleibt natürlich unter uns.« 

148 CIT: ewiges Gewürge u. Geschnarre. 

149 Rückschritt. 

150 OGB/CIT 

151 CIT: ohne Datum. 

152 Wahrscheinlich gemeint: 4. Geburtstag von Sebastian am 16. Juni. 
T 53 Julius Amadeus Lecerf (1789-1869), Komponist und Musiklehrer. 



445 



154 CIT: Scholoren. 

155 Ouvertüre für Orchester in C-Dur (MA). 

156 CIT: Ausstellungen. 

157 Mendelssohn studierte mit dem Düsseldorfer Singverein die Kantaten (!) 
»Du Hirte Israel« (BWV 104) und »Actus tragicus« (BWV 106) ein, die am 
29. Juni 1834 aufgeführt wurden. 

158 Mürrisch, verdrossen. 

159 Gemeint ist das op. 23 von Felix. 

160 Friedrich Wilhelm Leopold von Bärensprung (1779-1841). 

161 CIT:Ölrichs. 

162 CIT:Blano. 

163 CIT: dazwischen. 

164 OGB/CIT. 

165 CIT: Felixärmchen, übersetzt als »My dear, poor, little Felix«. 

166 Felix antwortete in einem Familienbrief (NFL) vom 5. Juli 1834 barsch und 
ohne jede Präzisierung: »Mein Urtheil ist aber gerade umgekehrt, wie Dei- 
nes, liebe Fanny, u. mit dem Marxischen gar nicht zusammenzubringen, das 
erste Lied gefällt mir am besten, namentlich der Anfang, wo mir der Ton 
sehr schön getroffen scheint, und das zweite will mir durchaus nicht gefal- 
len, und ist vielleicht das einzige Deiner Lieder von dem ich das geradezu 
sagen kann. Zwischen Musikern u. Collegen geht so was wohl hin, u. Du 
nimmst mir also gewiß meine Geradezuheit nicht übel; ich bin eigendich 
nur deshalb so grob, weil Du mir schreibst, Marx erkläre es für eins Deiner 
besten Lieder. Er istja nun gar verlobt, hat eine Braut [...].« 

167 CIT: alle. 

168 Christus vor Pilatus. 

169 OGB/WFM/CIT 

170 Mendelssohn hatte am 5. Juli 1834 an die Familie geschrieben (NFL), er 
habe vor, Glucks »Armida« und »Iphigenie« im Düsseldorfer Theater auf- 
führen zu lassen. Wegen seines Rücktritts von den Theatergeschäften 
wurde dieser Plan nicht realisiert. 

171 Karl Friedrich Lessing (1808-1880), Landschafts- und Porträtmaler, seit 
1826 in Düsseldorf, zuerst berühmt geworden durch sein Gemälde »Trau- 
erndes Königspaar«, das auf einem Gedicht von Unland basiert. 

172 Julius Hübner (1806-1882), seit 1826 mit Unterbrechungen in Düsseldorf, 
später Professor an der Dresdner Akademie. Das religiöse Gemälde »Sim- 
son« entstand 1832 in Berlin. 

173 Am 15. Juli 1834 berichtet Felix über die Entlobung von Marx (EB). 

174 OGB. 

175 Zum Umarbeitungsprozeß an der »Italienischen Symphonie« vgl. Wer- 
ner, a.a.O., S. 288 f. 

176 MA / teilweise PMB. 

177 Ferdinand Theodor Hildebrandt (1804-1874), Historien-, Porträt- und 
Genremaler, seit 1836 Professor an der Düsseldorder Akademie. 



446 



178 PMB: »das von S.«: Hermann Stilke (1803-18Ö0), Düsseldorfer Maler. 

179 PMB: daran. 

180 Fanny hatte in einem nur fragmentarisch erhaltenen Brief vom 4. Novem- 
ber 1834 (OGB) das Thema »Umschwung im Geigenspiel« am Beispiel 
von Paganini und Charles Philippe Lafont (1781-1839) angesprochen. Zum 
Inhalt dieser Streit- Korrespondenz vgl. auch EB, S. 174. 

181 PMB: »Man hat mir soeben ein paar neue französische musikalische Zei- 
tungen gezeigt«. 

182 PMB: componieren. 

183 August Joseph Burgmüller (1810-1836), aus Düsseldorf stammender Kom- 
ponist, Schüler Spohrs. 

184 Ferdinand Woringen. 

185 Carl Friedrich Curschmann (1805-1841), Sänger, Liederkomponist, Schü- 
ler von Spohr. 

186 Giuseppe Saverio Raffaele Mercadante. 

187 OGB/WFM/CIT. 

188 CIT: Beladende. 

189 Gemalt als Rundgemälde »Mirjam eröffnet den Reigen der Jungfrauen 
nach dem Durchzug durch das Rote Meer«. Auf diesem Bild ist Fanny als 
Miriam dargestellt 

190 Briefwechsel zwischen Goethe und Zelter (ed. Riemer), Bd. VI, S.144. 

191 Zelter hatte die Italienreise seines Schützlings begrüßt, da er ihn »in dem 
verderblichen Familiengeträtsch wie einen Gallert zusammenrinnen« sah. 

192 CIT: schnaubst. 

193 Auguste Stich-Crelinger (1795-1865), als Mitglied des Berliner königlichen 
Schauspiels eine der großen zeitgenössischen Tragödinnen, protegierte 
ihre Töchter Bertha und Clara Stich. 

194 Zar Nikolaus I. (1796-1855), der mit Prinzessin Charlotte von Preußen 
verheiratet war. Er reiste 1834 mit ihr nach Berlin und besuchte die Aka- 
demie-Ausstellung. Von Hensel wurde das Ölbild »Christus vor Pilatus« 
gezeigt. Fanny hatte offenbar fest mit einem Ankauf gerechnet. Das Bild 
wurde 1835 vom preußischen Königshaus erworben. 

195 Graf Anatole Demidoff (geb. 1812), russischer Gelehrter und Forschungs- 
reisender. 

196 Louis Amy Blanc (1810-1885), Maler, Vertreter der Düsseldorfer Romantik. 

197 Im Brief anRebecka vom 23. November 1834 (NFL). Bezieht sich auf das 
schlechte Verhältnis von Felix zu Immermann. 

198 Leopold von Ranke (1795-1886), Theologe und Historiker, Professor an 
der Berliner Universität. Fanny las aus seinem Werk »Die römischen Päp- 
ste, ihre Kirche und ihr Staat im 16. und 17. Jahrhundert«, dessen erster 
Band 1834 erschienen war. 

199 OGB/WFM/CIT 

200 Bezieht sich auf Mendelssohns »Zwei Romanzen nach Byron« (1833), Nr. 
2: Sun of the Sleepless. 



447 



201 Franz Theremin (1780-1846), protestantischer Prediger, Rhetoriker und 
Übersetzer. 

202 Loewes Lied »Die Sonne der Schlaflosen« op. 13, 6. 

203 Carl Gottlieb Reißiger (1798-1859), Kapellmeister und Komponist. 

204 Actus tragicus, BWV 106. Fanny führte das Werk am 3. März 1835 während 
einer Sonntagsmusik auf. 

205 OGB/WFM/CIT. 

206 Fanny hatte öfter nach Diktat des an einem Augenleiden erkrankten 
Abraham geschrieben. 

207 CIT: halbstündige. 

208 CIT: Matthew. 

209 CIT: wie. 

210 CIT: fleißende. 

211 op. 38. 

212 Karl Egon Ebert (1801-1882), böhmischer Dichter. 

213 Johann Heinrich Voß (1751-1826), Dichter und Übersetzer. 

214 CIT: Wetter. 

215 OGB/CIT 

216 Nicht nachgewiesen. 

217 Heinrich von Sybel (1817-1895), Historiker und Politiker, Mitglied des 
Komitees der Niederrheinischen Musikfeste. 

218 Auf dem Weg nach Frankreich wollten die Hensels in Köln und Düssel- 
dorf Station machen, um das Niederrheinische Musikfest mitzuerleben. 

219 Citron (a.a.O., S.486f.), die mit den Autographen arbeiten durfte (mir 
standen für diese Arbeit nur deren Mikroverfilmungen zur Verfugung), 
bringt noch weitgehende Anderungsvorschläge zu op. 38 mit Noten. 

220 OGB/CIT 

221 CIT: ohne Datum. 

222 MA. 

223 Fanny schreibt dazu in einem undatierten, fragmentarisch erhaltenen 
Brief (OGB): »Für diesmal bekommst Du v. Rebecka u. mir ein englisches 
Stahlstichwerk, Ansichten v. Granada. Diese Stahlstiche, Drucke u. Bände 
der Engländer sind eine kindische Liebhaberei von mir, obwohl sie mir 
Hensel beständig als Virtuosenwerk vorwirft, er hat doch selbst auch Freu- 
de daran.« 

224 Verschiedene Nachrichten an Lea und Paul. 

225 OGB/WFM/CIT. 

226 Erste der fünf Kantaten ohne Opuszahl. 

227 »Ach Gott, vom Himmel sieh darein« - fünfte der fünf Kantaten ohne 
Opuszahl. 

228 »Vom Himmel hoch« - dritte der fünf Kantaten. 

229 Fannys Streichquartett in Es-Dur (26. August - 23. Oktober 1834). Auto- 
graph: MA. Brief mit der Kritik von Felix nicht nachgewiesen. 

230 Für Klavier und Orchester Es-Dur op. 29. 

448 



231 Nicht nachgewiesen. Ein großer Teil der um 1834 entstandenen Werke 
soll sich in Familienbesitz befinden. 

232 CIT: wir. 

233 OGB/CIT. 

234 Spenersche. 

235 Uraufführung: Paris, 23. Februar 1835. 

236 Oper von Cherubini. Berliner Erstaufführung am 27. Februar 1835. 

237 OGB/CIT. 

238 CIT: oheimische. 

239 MA. 

240 Otto von Worringen (1760-1838), Düsseldorfer Regierungspräsident. 

241 Paulus. 

242 von Handel. 

243 MA. 

244 Lea hatte nach dem Musikfest wieder einen Anfall ihrer Tachykardien 
gehabt und blieb in Düsseldorf, um sich auszukurieren. 

245 OGB/WFM. 

246 Bei Abraham war inzwischen Star diagnostiziert worden. Er unterzog sich 
in diesem Jahr verschiedenen Behandlungen und einer Operation. 

247 Die Auswirkungen der französischen Juli- Revolution hatten in Deutsch- 
land zu einem Höhepunkt der Restaurationspolitik und Unruhen in allen 
Teilen des Landes geführt. Lea berichtet darüber an ihre Tochter Rebecka 
(SH I): »Ich hoffe, unsre abgeschmackte Rebellion vom 3. August und 
folgenden Tage soll Dich [...] nicht mehr affiziert haben als uns. Das 
schönste Resultat ist folgende Poesie der Straßenjungen: 

Heil Dir im Siegerkranz, 
Heut' bleibt keene Scheibe janz. 

Es ist leider viel unschuldig Blut geflossen, denn obschon die Staatszei- 
rungsdarstellung wahr gewesen, daß die mit Steinen geworfenen Soldaten 
nicht geschossen, so haben sie, was mit Stillschweigen übergangen, gehau- 
en [. . .] Wie viel es im ganzen waren und ob's auch Tote gegeben, weiß 
man durchaus nicht offiziell, nach unserem schönen Prinzip, nichts der 
Art zu veröffendichen, und so hat Fama gut Spiel und nimmt ihr loses 
Maul desto voller. Es soll jemand dem Könige das Pariser Mittel, Aufläufe 
durch Spritzen zu zerstreuen, vorgeschlagen und er gesagt haben: werden 
gewiß nicht in gutem Zustande sein.< Ich finde das sehr komisch.« 

248 Am 28. Juli 1835 war Marschall Edouard Mortier, Herzog von Treviso (geb. 
1768) einem Attentat aus Anlaß einer Feier für die Juli-Gefallenen zum 
Opfer gefallen. Mortier war Kriegsminister und Ministerpräsident. Der 
Anschlag galt eigentlich König Louis Philippe und wurde von einem Kor- 
sen namens Fieschis ausgeführt. 

249 Zu den restaurativen Maßnahmen in Preußen gehörten schärfste Zensur- 
besrimmungen. 

250 Broglie, eigentlich Broglio oder Broglia, alte piemontesische Familie, seit 



449 



dem 17. Jahrhundert in Frankreich. Hensels waren wohl Gäste von Achille 
Charles Leonce Victor Herzog von Broglie (1785-1870), dem damaligen 
Minister des Auswärtigen, der mit der Schriftstellerin Albertine de Bro- 
glie, einer Tochter von Madame de Stael, verheiratet war. 

251 Sarah Austin (1793-1867), englische Schriftstellerin und Übersetzerin. Sie 
war mehrfach zu Gast in Berlin und von Hensel porträtiert worden. 

252 Amalie Beer, geb. Lippmann (1772-1854), Mutter Meyerbeers. 

253 Heinrich Heine hatte dieses Lesezimmer ebenfalls aufgesucht und ver- 
scheuchte einige Engländerinnen, die sich dort laut unterhielten, mit der 
Bemerkung: »Meine Damen, wenn Sie mein Lesen im Sprechen stört, 
kann ichja auch woanders hingehen.« 

254 Louise Johanne Hensel, geb. Trost (1764-1835), Mutter der Geschwister 
Hensel. 



Gewandhauskapellmeister in Leipzig (1835 bis 1839) 

1 OGB/CIT 

2 Im Oktober war Felix mit Moscheies für kurze Zeit nach Berlin gefahren, 
wo er seinen Vater zum letzten Mal lebend sah. Am Tag, an dem Fanny 
diesen Brief schrieb, spielte er abends sein Klavierkonzert op. 25 im Leip- 
ziger Gewandhaus. 

3 Franz Hauser (1794-1870), aus der Nähe von Prag stammender Sänger, 
Gesanglehrer und Musikschriftsteller, der zunächst Jura und Medizin stu- 
diert hatte. War von 1832-1835 Baritonist und Regisseur am Leipziger 
Stadttheater. Hauser gastierte 1835 für eine Saison in Berlin. Seine leiden- 
schaftliche Vorliebe für Bach führte ihn in Kontakt zu Fanny. 

4 Robert le Diable, erste Pariser Oper (1831) von Meyerbeer mit vielen 
Bühneneffekten und Massenszenen. 

5 Von »Mora« (hebr.): Furcht. 

6 Joseph Eichberger, Tenor am königlichen Opernhaus. 

7 Fanny (1810-1884) un d Therese (1808-1878) Elßler, berühmte Tänzerin- 
nen. Therese Elßler wurde 1850 »morganatische« Gattin des Prinzen Adal- 
bert von Preußen (1811-1873), dem sie 1841 einen Sohn geboren hatte. Die 
Elßlers wurden vermutlich in der Szene »Auferstehung der Nonnen« ein- 
gesetzt, in dem die Geister der in »sündiger Lust« verstorbenen Nonnen 
beschworen werden, um sich als verführerische Frauen zu einem bacchan- 
tischen Ballett zu vereinen. 

8 Moritz Hauptmann (1792-1868), Geiger, Komponist und Musiktheoreti- 
ker, Schüler von Spohr, 1822-42 Mitglied der Kasseler Hofkapelle, 1842 
Thomaskantor in Leipzig. 

9 OGB. 

10 von jidd. »schobn«: schaben - Papierschnitzel 

11 OGB/CIT 



450 



12 Oper von Cherubini (1797), stark an Gluck orientiert. Auch Richard Wag- 
ner war von dem Werk sehr beeindruckt. 

13 Vielleicht As-Dur-Sonate op. 26 von Beethoven. 

14 KV 5x3. 

15 Oper von Cherubini. 

16 Das Gerücht wurde nicht wahr. Immermann war von 1835-1837 Düsseldor- 
fer Theaterleiter. 

17 MA / teilweise SH I. 

18 Von Fanny aufgestellte Liste seiner Bücher, Noten und Utensilien. 

19 Abraham Mendelssohn war in den letzten Tagen vor seinem Tod sehr 
fröhlich und gesprächig, wozu auch die Anwesenheit des von ihm hochge- 
schätzten Sängers Hauser beitrug. Fanny überliefert (SH I) einen auf sei- 
nem Schreibpult aufgefundenen Brief von ihm, in dem er sich mit Varnha- 
gen auf eine brillante Kontroverse über Lessing einläßt und dabei Lessing 
als »vertrautesten Freund« seines Vaters vehement verteidigt. Nach der tie- 
fen Enttäuschung über Goethes fragwürdige Rolle als Briefpartner Zelters 
rückte Lessing in der Familienachtung deutlich auf. 

20 Bei SH I: Herr L. S., dazu einen unveröffentlichten Brief von Felix Men- 
delssohn an seinen Vater (1. November 1835, NFL) : »Lieber Vater, ich wün- 
sche Dir durch diese Zeilen die Bekanntschaft des Herrn Baumeister Lim- 
burger zu verschaffen, der auf einige Tage nach Berlin reist, und mir ver- 
sprochen hat Euch aufzusuchen und Euch persönlich meine Grüße zu 
überbringen. Wenn ich Dir sage, daß er einer der thätigsten Beförderer des 
hiesigen Musikwesens, u. namentlich des Concertes ist, bei dem ich hier 
angestellt bin, und daß er sich seit meiner Ankunft mit der größten Freund- 
lichkeit meiner u. meines Wohlergehens angenommen hat, daß er selbst 
ein ausgezeichneter Musikkenner u. -freund ist, so wirst Du Dir denken, 
wie lieb es mir ist, daß sich Gelegenheit findet, daß er mit Euch bekannt 
werde. Ich hoffe Fanny wird ihm vorspielen, u. er ihr dann vorsingen; dann 
ist die musikalische Bekanntschaft auch schnell gemacht [...].« 

21 Rebeckas Sohn. 

22 Sebastian Hensel liefert an dieser Stelle ein Paradebeispiel für sein durch 
Rücksicht auf Lebende gekennzeichnetes editorisches Vorgehen: Statt »Pi- 
xis ist jetzt hier mit Francilla« heißt es: »A. ist jetzt hier mit M.«. -Johann 
Peter Pixis (1788-1874), aus Mannheim stammender Pianist und Komponist, 
reiste mit seiner Adoptivtochter, der Sängerin Francilla Pixis (eigentlich 
Göhringer) durch Europa. 

23 SH I: mit der M. 

24 »Extrakonzert« von Clara Wieck am 9. November 1835 im Leipziger Ge- 
wandhaus. 

25 Capriccio brillant für Klavier und Orchester h-Moll, op. 22 (1832). 

26 OGB/CIT 

27 CITfür. 

28 CIT:Eihaube. 



451 



29 Kantaten »Liebster Gott, wann werd' ich sterben« (BWV 8) und »Herr, 
gehe nicht ins Gericht« (BWV 105). 

30 CIT:la. 

31 CIT: Alteration. 

32 Johann Baptist Cramer (1771-1858), Pianist und Komponist. Clementi- und 
Cramer-Etüden gehörten zum Übungsrepertoire der Mendelssohn-Kin- 
der. Ihr Klavierlehrer, Ludwig Berger, war ein Schüler der beiden »Etüden- 
meister«. 

33 Camilla (eigtl. Marie Felicite Denise) Pleyel, geb. Mooke (1811-1875), be- 
rühmte belgische Pianistin, Schülerin von Moscheies und Kalkbrenner, seit 
1848 Professorin am Brüsseler Konservatorium. 

34 Als junges Mädchen war Camilla Pleyel von Ferdinand Hiller und Hector 
Berlioz unterrichtet worden. Beide waren in ihre Schülerin verliebt. Hiller 
zieht sich zurück, Berlioz verlobt sich mit der Pleyel. Während Berlioz' 
Stipendienaufenthalt in Rom löst Camilla das Verlöbnis, um den Klavier- 
fabrikanten und Pianisten Camille Pleyel zu heiraten. Als Frau verkleidet 
und mit Doppelpistolen, Laudanum und Strychnin im Gepäck will Berlioz 
zurückreisen und Mutter und Tochter umbringen. Unterwegs kommt er 
zur Besinnung und kehrt um. Die Pleyel trennt sich auch von ihrem Kla- 
vierfabrikanten und konzertiert in ganz Europa. Bei verschiedenen Aufent- 
halten in Leipzig übt sie große Wirkung auf Robert Schumann aus und 
empfängt ihn in ihrem Schlafzimmer. Sie war eine der größten Konkurren- 
tinnen von Clara Wieck. 

35 »Mirjam eröffnet den Reigen der Jungfrauen nach dem Durchgang durch 
das rote Meer«, 1836 als Rundgemälde auf der Akademie-Ausstellung aus- 
gestellt. 

36 Vielleicht Andante F-Dur, Wien 1805. 

37 OGB. 

38 Am Morgen des 19. November 1835 war Abraham Mendelssohn mit erst 59 
Jahren gestorben. Wilhelm Hensel fuhr sofort zu Felix nach Leipzig, um 
ihn nach Berlin zu holen. Felix hatte am meisten von den vier Mendels- 
sohn-Kindern an Abraham gehangen. 

39 OGB. 

40 Abraham Mendelssohn hatte am 10. Dezember Geburtstag. 

41 David war von seiner Stellung in Dorpat zurückgekehrt und seit 1835 Kon- 
zertmeister des Leipziger Gewandhauses. 

42 OGB/WFM. 

43 OGB/CIT. 

44 CIT: dem. 

45 CIT: Schmutz. 

46 Der von Tillard (a.a.O., S.242) unter Berufung auf Citron erwähnte Brief 
von Felix an Fanny vom 1. Januar 1836, in dem er sie bittet, den Klavieraus- 
zug des »Paulus« abschreiben zu lassen und ihm zu schicken, ist in MA und 
NFL nicht nachgewiesen, wenn Fanny sich hier auch darauf bezieht. 



452 



47 NFL. Teilweise bei PMB, der Passagen wegläßt, aber andere, im Autograph 
nicht aufzufindende hinzufügt. 

48 Felix hatte allerdings am 1. Juni 1835 an Madame Kiene in Paris einen Brief 
(Washington, Library of Congress, hier zit. nach Tillard, a.a.O., S.23öf.) 
geschrieben, der Fannys Eindruck genau bestätigt: »Mir thut es leid, dass sie 
seit ihrer Verheirathung die Composition nicht mehr so fleissig treiben 
kann, wie früher, denn sie hat mehrere Sachen, namentlich deutsche Lieder 
componiert, die zum allerbesten gehören, was wir von Liedern besitzen; 
doch ist es wieder auf der andern Seite gut, dass sie an ihrem Hauswesen 
viel Freude findet, denn eine Frau, die es vernachlässigt, sei es nun für 
Oelfarben, oder für Reime oder für doppelten Contrapunct erinnert mich 
immer unwillkürlich, an das Grec aus den femmes savantes, und ich habe 
Furcht davor. Das ist nun also Gottlob nicht der Fall bei meiner Schwester, 
und doch hat sie, wie gesagt, ihr Clavierspiel noch mit vieler Liebe fortge- 
setzt und in der letzten Zeit noch viele Fortschritte darin gemacht.« 

49 PMB: des. 

50 Zwei Worte unleserlich. 

51 OGB/CIT. 

52 Fanny hofft, daß Felix sich bald verheiratet. Er ist der einzige Unverheira- 
tete unter den Mendelssohn-Geschwistern. 

53 Bezieht sich auf die »Erste Walpurgisnacht« von Goethe. 

54 BWV139. 

55 Madame Kiene war die Mutter der Pianistin Marie Bigot, bei der Fanny 
während eines Paris-Aufenthaltes im Jahre 1816 Klavierunterricht gehabt 
hatte. Die Hensels hatten Madame Kiene auf ihrer Frankreichreise 1835 
wiedergesehen. 

56 QGB/CIT 

57 CIT: rechten Kantorbrief. 

58 CITAllo. 

59 CIT: Ueberdieß. 

60 CIT: die. 

61 Bertha Lenz, Sopranistin an der Berliner Königlichen Oper von 1832-1838. 

62 Fanny hatte Felix im Januar 1835 kurzentschlossen in Leipzig besucht. 

63 Vgl. Fannys Tagebuch vom 1. Januar 1832: »Von Vaters Geburtstag habe ich 
noch gar nicht gesprochen, der bei uns durch meine Cholera Musik gefeiert 
wurde. Es fiel sehr gut aus, die Schätzel sang wunderhübsch, u. das erfreu- 
lichste Resultat war, daß Vater sich mit Marx versöhnte.« Teile der Kantate 
nach Citron (a.a.O., S.203) in MS MDM c. 58 (MA Berlin). 

64 CIT: »Briefstelle nicht lesbar«. 

65 CIT: ein. 

66 OGB. 

67 Rondo capriccioso op. 14. 

68 Zum Musikfest. 

69 Fanny spricht von den Auftritten des ostjüdischen Musikers Mihail Gusi- 



453 



kow, eines orthodoxen, polnischen Juden und spätem Repräsentanten der 
Klezmer-Musiker. Felix war begeistert von ihm, empfahl ihn an Moscheies 
und Hiller und nannte ihn einen »Mordskerl« und einen »Genius« (vgl. 
Werner, a.a.O., S.312). Fanny schreibt darüber in einem langen Brief an 
Klingemann (SH II): »Hier macht jetzt ein polnischer Jude Aufsehen, der 
auf einem Instrument, das aus einigen Strohbündeln und Holzstäben be- 
steht, eine fabelhafte Virtuosität besitzen soll. Ich würde es nicht glauben, 
hätte es nicht Felix geschrieben. Gesehen habe ich ihn und kann versichern, 
daß er ein ungemein schöner Mensch ist. Er kokettiert mit strengem Juden- 
tum in Kleidung und Lebensart und macht Glück bei Hof damit. Ich könn- 
te Ihnen darüber eine sehr passende jüdische Redensart schreiben, wenn 
Sie sie nur verständen. [...] Ich habe das Phänomen gehört und versichere 
Sie, ohne so entzückt davon zu sein, wie manche, daß er alle Virtuosität auf 
den Kopf stellt, denn er macht auf seinen Holzstäben, welche mit Holzstä- 
ben geschlagen werden und auf einem Strohlager liegen, was nur auf dem 
vollendetsten Instrument möglich ist. Wie mit solchem Material der gerin- 
ge Ton, den das Ding von sich gibt, und der dem der Papagenoflöte am 
nächsten kommt, erzeugt werden kann, ist mir ein Rätsel. Sehr politisch 
läßt er es vor den Augen des Publikums zurechtlegen, scheint überhaupt 
ein Fuchs erster Klasse zu sein. Ich mache Sie auf besagten Gusikow auf- 
merksam, wenn er nach London kommt.« Werner (a.a.O., S.313) datiert 
den hier abgedruckten Brief von Fanny an Felix, aus dem er lediglich einen 
Satz zitiert, unbegreiflicherweise auf den 26. April 1846 und erfindet folgen- 
den neuen Wortlaut: »Die polnische Judengeschichte ist sehr gut [. . .] der 
Kerl macht hier furore - aber das Getue geht mir nun doch über die Ge- 
duld.« (Auslassungszeichen von Werner.) An diese Textverfälschung 
knüpft er die Betrachtung an, daß Fanny (im Gegensatz zu Felix) begonnen 
hatte, »sich ihres Judentums zu schämen, und mehr als das: ihre Scham war 
in jenen vernichtenden Selbsthaß ausgeartet, der leider ein Charakteristi- 
kum vieler deutscher Juden geworden ist. Was bei Felix, der die Freunde 
Gusikows, lauter orthodoxe, polnische Juden, zu sich einlädt, eine natürli- 
che, freundliche Reaktion ist, wird bei ihr Ironie und - bei aller Bewunde- 
rung - verachtungsvoller Haß.« 

70 MA/EB. 

71 Heinrich Conrad Schleinitz (1802-1881), Advokat und Notar in Leipzig, 
Freund Mendelssohns, seit 1834 Mitglied der Direktion der Gewandhaus- 
konzerte. 

72 Die Familie Schunck in Leipzig war mit Cecile Jeanrenaud, der späteren 
Frau von Felix, verwandt. Philipp Daniel Schunck war ihr Onkel. 

73 Vermutlich Tochter des Leipziger Arztes Johann Christian August Clarus 
(1774-1854). 

74 Fanny komponierte 1836 wieder sehr viele Lieder, (s. Werkverzeichnis) 

75 Gemeint ist seine Bemerkung, Fanny solle lieber keine geisdichen Werke 
mehr komponieren, weil ihr Talent dazu nicht neige. 



454 



76 OGB. 

77 Fanny hatte sich entschlossen, mit ihrem Bruder Paul und dessen Frau 
Albertine zum Niederrheinischen Musikfest zu fahren, um Mendelssohn 
seinen »Paulus« dirigieren zu hören. Unterwegs würde sie in Frankfurt am 
Main Station machen und ihre Tante Dorothea Schlegel besuchen. Lea 
wollte ursprünglich mitfahren, ließ aber dann auf Zureden von Felix von 
diesem Plan ab. 

78 Verballhornung von engl, »peevish«: mürrisch, gereizt. Rebecka konnte 
wegen ihrer Schwangerschaft nicht mitfahren. 

79 Rebecka war schwanger, erlitt aber offensichtlich eine Fehlgeburt, da von 
der Geburt dieses zweiten Kindes nirgendwo die Rede ist und sie um die 
Mitte des Jahres nach Franzensbad zur Kur mußte. 

80 Nicht lesbarer Passus. 

81 MA. 

82 Hotel Breidenbacher Hof in Düsseldorf. 

83 Ausführlich zur Vorgeschichte dieses Musikfestes mit vielen unveröffent- 
lichten Briefstellen s. Großmann-Vendrey, a.a.O., S.8off. 

84 OGB. 

85 Rebecka wurde zur Kur nach Franzensbad geschickt. 

86 Gemeint ist der bei PMB demnach falsch auf den 14. Juli 1836 datierte Brief 
an Lea und Rebecka. 

87 PMB: »Gestern früh kam ich zu ihm. Wer sitzt da? Rossini, groß und breit, 
in liebenswürdigster Sonntagslaune. Ich kenne wahrlich wenig Menschen, 
die so amüsant und geistreich sein können [. . .] Ich habe ihm versprochen, 
ihm im Cäcilienverein die H Moll Messe und einige andere Sachen von 
Sebastian Bach vorsingen zu lassen; das wird gar zu schön sein, wenn der 
Rossini den Sebastian Bach bewundern muß.« 

88 Vgl. SH II, Brief vom 7. Juni 1836: »Es scheint mir von allen Goetheschen 
Nachlesen weitaus die bedeutendste, und zwar deshalb, weil der sie Bie- 
tende ein Mensch von rührend gewissenhafter Treue und einer seltenen 
literarischen Anspruchslosikgkeit ist [. . .] Was mich sehr frappiert, ist das 
Zusammentreffen mit mancher Meinung, die Vater zu äußern pflegte [. . .] 
Auch daß es im entferntesten kein Klatschbuch ist, gefällt mir sehr, es 
spricht ftir Eckermanns Charakter, wie leicht hätte er sein Buch pikant 
machen können.« Fanny war wohl von dem Kontrast zum teils häßlichen 
Klatschton des Briefwechsels von Goethe und Zelter angenehm über- 
rascht. Sie nahm (mit Recht) an, daß auch Varnhagen in der kurz bevor- 
stehenden Publikation seiner »Denkwürdigkeiten« nicht vor Indiskretio- 
nen über die Familie Mendelssohn zurückschrecken würde. Felix im auf 
den 14. Juli 1836 datierten Brief bei PMB: »An dem Eckermann habe ich 
auch solche Freude wie Ihr, Ihr Lieben! [. . .] man muß ihm für die treuen 
Notizen danken, - auch für die Delicatesse, im Gegensatz zu Riemer.« 
Riemer war der erste Herausgeber des Briefwechsels zwischen Goethe 
und Zelter. 



455 



89 Für Fanny eine wichtige Feststellung, da sie selbst zur »Behäbigkeit« (Fe- 
lix) neigte. 

90 Sebastian wurde später Landwirt. 

91 Rebeckas Sohn Walter. 

92 Fanny bezieht sich auf ihren langen, am n. Juni 1836 begonnenen Brief an 
Klingemann (SH III), der noch nicht beantwortet ist. 

93 Dorothea Schlegel. 

94 Ihre Söhne Johannes und Philipp Veit. 

95 »Gestern Nachmittag besuchte ich Andre in Offenbach, er läßt Euch Alle 
vielmal grüßen, und ist immer noch derselbe Feurige, Lebhafte.« -Johann 
Andre, Gründer des gleichnamigen Musikverlages in Offenbach. 

96 Ein Verwandtschaftsgrad zur Familie Mendelssohn war nicht zu ermit- 
teln. Felix schreibt: »Er sieht wirklich Vater etwas ähnlich. Ist es nicht 
sonderbar, daß mir hier mehrere Leute gesagt haben, ich gliche dem An- 
dre, wie er in jüngeren Jahren ausgesehen habe, und daß er früher mehre 
Male mit dem Vater verwechselt worden [. . .].« Felix verkehrte in Frank- 
furt am Main viel in wohlhabenden jüdischen Kreisen und schreibt dazu 
die aufschlußreiche Bemerkung: »Das Sonderbare ist, daß mir die Leute 
wirklich plaisirs machen, und daß mir ihr Glanz und Wohlleben und die 
allgemeine Ehrfurcht, die sie allen den Philistern abzwingen (denn gern 
möchten diese sie prügeln, wenn sie dürften), eine wahre Freude ist, weil 
sie das Alles doch ganz allein ihrem Fleiße, Glücke und ihrer Geschick- 
lichkeit verdanken.« 

97 OGB. 

98 OGB/CIT 

99 Felix hatte mehrfach an Rebecka und Lea geschrieben, anstatt an sie, 
zuletzt am 24. Juli 1836 an Rebecka (SH II). In diesem Brief hatte Felix 
Rebecka als Erster aus der Familie seine Verliebtheit in seine künftige 
Frau Cecile Jeanrenaud gestanden: »Ich bin so entsetzlich verliebt, wie 
noch niemals in meinem Leben und ich weiß nicht, was ich anfangen 
soll.« 

100 Dichtung und Wahrheit. Der Brief, auf den Fanny sich bezieht, ist nicht 
nachgewiesen. 

101 Cecile Jeanrenaud (1817-1853), Tochter eines früh verstorbenen calvinisti- 
schen Pfarrers französischer Herkunft. Ihr Geburtsort war Lyon. Felix 
hatte sie im Frankfurter Cäcilienverein kennengelernt, den er in Vertre- 
tung seines erkrankten Freundes Schelble leitete. Cecile war eine begabte 
Malerin und von besonderer Schönheit. 

102 CIT: laut. 

103 CIT: im Haag. 

104 CIT: stiebt. 

105 Vgl. Brief an Rebecka, 24. Juli 1836 (SH II): »Die ganze Zeit, daß ich hier 
bin, habe ich noch an dem Paulus gearbeitet, weil ich ihn nun einmal so 
vollkommen wie möglich herausgeben will [...].« Der Klavierauszug war 

456 



1836 bei Simrock und Novello erschienen (vgl. Elvers, Briefe an deutsche 
Verleger, S. 199 ff.). 

106 Felix nahm im Juni/Juli 1836 viele Änderungen vor (vgl. Elvers, Briefe an 
deutsche Verleger, S.203-206). 

107 CIT:Alevin. 

108 Vgl. Goethe am 11. März 1828 in: Eckermann, Gespräche. 

109 CIT: im Ernst. 

110 CIT: Eiger. 

in Felix reiste von Frankfurt am Main nach Holland ins Seebad. 

112 OGB. 

113 Felix hatte am 9. August 1836 aus Den Haag an seine Mutter geschrieben 
(SH II) und sie um Erlaubnis zu seiner Verlobung gebeten. Er fürchtete, 
sie könne sich wieder »ängstigen« und »agitieren« wie bei den Verlobun- 
gen ihrer anderen Kinder. 

114 Bei den Mendelssohns war es eine stehende Redewendung, daß das Pu- 
blikum einen Komponisten nur mit Rosen, nicht mit Sand bewerfen 
möge. 

115 August Kaselowsky (1810-1891), Hensels Schüler, hatte 1832 zum ersten 
Mal in Berlin ausgestellt. Für sein Bild »Wertkampf zweier Hirten auf der 
Syrinx« bekam er 1836 den Preis für Historienmaler, der mit einem drei- 
jährigen Reisestipendium verbunden war. Kaselowsky ging zuerst nach 
Paris und von dort nach Italien. 

116 Amantine-Aurore-Lucile Dupin (1804-1876) - »George Sand« - schrieb 
1831 zusammen mit ihrem Liebhaber Georges Sandeau den Roman »Rose 
et Blanche«, der unter dem Pseudonym J. Sand erschien. 

117 OGB/CIT 

118 Duett ohne Worte op. 38, 6 in As-Dur. 

119 Am 3. Oktober 1836 hatte die englische Erstaufführung des »Paulus« in 
Liverpool in der Übersetzung Klingemanns stattgefunden, unter dem Di- 
rigat von Sir George Smart. 

120 Cecile korrespondierte eifrig mit Lea, Rebecka und Fanny, ohne sie per- 
sönlich kennengelernt zu haben. Felix schob eine Begegnung so lange wie 
möglich hinaus. Fanny und Cecile duzten sich schon bald in ihren Briefen 
und nannten sich gegenseitig »Schwester«. 

121 Akademie-Ausstellung von 1836. 

122 Rundgemälde »Mirjam«. 

123 Von dem Bankier Heinrich Beer gestiftet. 

124 Elisabeth Jeanrenaud, geb. Souchay (1796-1871). 

125 MA. 

126 Rebecka hatte Felix in Leipzig besucht und ihn bei der Arbeit als Gewand- 
hauskapellmeister beobachtet 

127 Franz Lachner (1803-1890), Organist, Dirigent und Komponist, seit 1836 
Hofkapellmeister in Mannheim. 

128 OGB/CIT 



457 



129 Für den 7. November 1836 war in der Leipziger Paulinerkirche Händeis 
»Israel in Ägypten« angesetzt. Fanny kündigt ihren Besuch nicht an, weil 
sie schwanger ist und eine erneute Fehlgeburt befürchtet. 

130 Der bei CIT zu findende Zusatz »und ich antworte, Deiner Aufgabe 
gemäß« steht nicht im Autograph. 

131 CIT: halbes. 

132 1836 entstanden unter anderem Prestissimo in C-Dur, Allegro agitato g- 
Moll, Andante G-Dur, Allegro agitato f-Moll, Allegro con spirito, Allegro 
con brio f-Moll, Allegretto grazioso B-Dur. 

133 den Komponisten und Sänger Carl Friedrich Curschmann, der seit 1828 
in Berlin lebte. 

134 Rosa Behrendt. 

135 33 Veränderungen über einen Walzer. 

136 MA. 

137 von »Israel in Ägypten«. 

138 OGB/CIT. 

139 CIT: zwischen 16 u. 61. 

140 CIT: Die. 

141 CIT: tüchtigeren. 

142 CIT: u. gar. 

143 CIT: aus. 

144 CIT: Joseph in Egypten. 

145 Wahrscheinlich »Non nobis domine« op. 31. 

146 op.39. 

147 Oper »Der Templer und die Jüdin«. 

148 - ihre Schwangerschaft. 

149 CIT: im ganzen Staat. 

150 CIT: Hinterhaupt. 

151 Marianne Mendelssohn, geb. Seligmann, mit Marie (geb. 1822) und Franz 
(geb. 1829). 

152 CIT: die Runden gemacht. 

153 Ein Wort nicht lesbar. CIT liest: Kapselgallen. 

154 Rest stark verblaßt. 

155 OGB/CIT. 

156 Erhalten als Cecile Mendelssohns Autographen-Album in der Bodleian 
Library Oxford, MDM c. 21. 

157 MA. 

158 SH II. Autograph nicht nachgewiesen. 

159 OGB/CIT. 

160 CIT: so ergehn. 

161 Wilhelms Schwester Luise Hensel wollte ursprünglich Malerin werden. 
Sie zeichnete die Silhouette für das dritte Lied »Die Schiffende.« 

162 »Suleika« (aus Goethes »West-östlichem Diwan«: »Ach, um deine feuch- 
ten Schwingen, West, wie sehr ich dich beneide [. ..]«), MA Ms. 35, S. 14-19, 

458 



komponiert am 4. Dezember 1836. Felix hatte auch ein »Suleika«-Lied 
komponiert: op. 34, 4. 

163 Louis Bötticher (1813-1867), Bassist, Opern- und Oratoriensänger. 

164 Ludwig Berger (1777-1839), Pianist und Komponist, Klavierlehrer von Fe- 
lix und Fanny. 

165 CIT: still. 

166 MA, teilweise SH II. 

167 Ein Wort nicht lesbar. 

168 Felix hatte das Weihnachtsfest bei Familie Jeanrenaud in Frankfurt am 
Main verbracht. 

169 SH II: und weil die Cecile so oft gesessen hatte. 

170 SH II: schändlich. 

171 SH II: zarten. 

172 Dorothea Schlegel. 

173 SH II: 4. Januar. 

174 OGB. 

175 Textverlust von mindestens einer Seite. 

176 MA, teilweise SH II. 

177 des »Paulus« in Leipzig. Die Aufführung fand jedoch am 16. März 1837 
statt. 

178 SH II: Ich fluche auf die . . . 

179 William Sterndale Bennett (1816-1875), englischer Pianist, Dirigent und 
Komponist. War seit 1836 mehrfach in Leipzig. Schüler Mendelssohns, 
enger Freund Robert Schumanns. Im 13. Abonnementskonzert im Ge- 
wandhaus am 19. Januar 1837 spielte er den Solopart seines Klavierkonzer- 
tes c-Moll op. 9. 

180 Bernhard Wilhelm Molique (1802-1869), Geiger und Komponist, Schüler 
Spohrs, von 1826-1849 Konzertmeister und Musikdirektor in Stuttgart. 

181 Anton Heinrich von R